Chapter 14 of 24 · 3100 words · ~16 min read

II.

Rosalie war fort. Und wieder einmal hatte Werners Sehnsucht dicht vorm Tor der Erfüllung gestanden. Und das Tor war wieder einmal verschlossen geblieben.

Und wieder empfand er das seltsame Doppelspiel der Gefühle: die folternde Enttäuschung der Sinne und das befreite Aufatmen der Seele, wie nach Errettung aus wild anbrandender Gefahr ...

Und wie er dann am Tage seines neunzehnten Geburtstages aus einem Schwall von kleinen Gabenpaketen neue Kabinettaufnahmen der geliebten Eltern herauswickelte, und das Doppelpaar der treusorgendsten Augen ihn anblickte so voll gläubiger Liebesruh, und wie aus den Glückwunschbriefen der Teuren der ganze Zauber seiner umfriedeten, lautern Heimat ihm entgegenhauchte, da war es ihm wieder einmal kinderstill zu Sinn, da segnete er sich wieder einmal, daß nicht eigenes Verdienst, sondern etwas wie eine sonderbarlich leitende Führerhand ihm bis zur Stunde die Unberührtheit des Leibes erhalten hatte über alle Stürme der Sinne, über alle Fährlichkeiten der Versuchung hinweg ...

Aber andere Stunden kamen wieder, die Beängstigungen der Nächte stellten sich ein, die immer wieder nach Sättigung schrien ... und manchesmal noch schlich er von der Kneipe nach Hause, vertauschte die Couleur mit einem Strohhut und strich ein paar Stunden lang in den nächtigen Straßen des schweigenden Städtchens umher, als müsse ihm der Zufall irgendein Weibliches in den Weg treiben ... wirklich sprach ihn einmal ein Frauenzimmer an, aber wie er ihr in das zerstörte Lasterantlitz geschaut, entwich er schaudernd.

Und wenn dann die hellen Sommermorgen kamen, die wolkenlosen Sonnenaufgänge einer wahrhaft gnadenreichen, dauerhaften Gebelaune der Natur, dann war wieder alles verflogen, und Werners Seele jauchzte dem Tag, der Jugend entgegen, stürzte sich in den Strom harmloser, kritikloser Lust ... Er war jetzt ganz der korpsstudentischen Formen Herr geworden, und mit der Sicherheit mehrte sich die Freude an dem ganzen geregelten, streng abgezirkelten, doch innerhalb dieser engen Schranken so tollen und rauhfröhlichen Korpsbetrieb.

Namentlich die Museumsreunions, die alle vierzehn Tage stattfanden, machten ihm nun ein unbändiges Vergnügen. Er wurde ein beliebter Tänzer, galt als amüsanter Gesellschafter unter den jungen Mädels, bei den Müttern als ein Muster tadellosen und vertrauenswürdigen Benehmens. Nur vor einer hütete er sich: mit der kleinen Siegerländerin tanzte er wohl einmal, aber wenn die Runden herum waren, führte er sie stets schnell zum Tisch des Vogtschen Pensionats ... er wußte, dort beobachtete man ihn ganz besonders, wenn er mit der kleinen Ernestine tanzte, und fürchtete die Spionenaugen der Mademoiselle. Er mochte nicht mit diesem Mädchen zusammen genannt werden, er schämte sich jener raschen Aufwallung, die ihn mit ihr zusammengebracht, er floh vor dem Sturm der Sinne, den ihm jene geweckt, die ihn doch niemals befriedigen würde ... er sehnte sich jetzt nach Ganzheit ... wenn er einmal wieder glühte, dann wollte er auch hoffen dürfen, zu besitzen ... ihm graute bei der Erinnerung an die Stimmung jener Ständchennacht, die vom Vorhof des Paradieses bis zum Vorhof des Höllenpfuhls geführt hatte.

Rosalie würde wiederkommen, und dann würde ihm werden, was er brauchte ... sie würde ihn glühen machen und auch seine Glut kühlen ... die Sehnsucht aber, die jene unbewußten und unberührten Kinder weckten, die, das wußte er jetzt aus Erfahrung, die endete bei Lina ... wenn man nicht eine Natur wie Klauser war, eine anima candida, eine lautere Seele, die in einen Körper von so herrlicher Gesundheit gebannt war, an dem das Fieber der Sinne nicht mehr zu zehren schien, denn die Flammen am Golde.

Ja, wenn Werner einen Menschen beneidete, dann war's Klauser. Den trug seine Liebe, seine junge, heilige Liebe über den Schlamm der Sinnendränge, der durfte sich von den Lippen der Geliebten den Mut und die Kraft zur Reinheit und Entsagung küssen ... ja, wenn Werner ein einziges Mal von Elfrieden gehört hätte:

Mein Süßer! Mein Geliebter! --

O, dann wäre er gewiß nicht nachts wie ein losgelassener Hund durch die Straßen von Marburg gerannt ...

Und in die prangenden Hochsommertage des Juli fiel ein heiteres, ein stolzes Fest. Die Alma mater Philippina zählte zum ersten Male, seit Landgraf Philipp sie im Jahre des Heils 1527 als Hochburg des jungen Evangeliums gegründet, die Zahl von tausend Studenten. Senat und Stadt rüsteten eine festliche Heerschau über ihre geliebte Studentenschaft, und auf dem Dammelsberg, dessen grüne Kuppe das natürliche Zelt über einen der schönsten Festplätze Deutschlands wölbte, war alles zur Feier bereitet. Der Himmel selbst feierte mit, spannte über dem jubilierenden Städtchen, über den schon angedunkelten Bogen des Dammelsbergzeltes ein zweites, lichteres Gezelt in tiefem Blau, und die Sonne übernahm die Beleuchtung bis zum Abend, wo programmäßig Tausende von Lampions sie ablösen würden.

Im Garten des Korpshauses sammelte sich Cimbria zum Festzuge. Schon standen die drei Herren Chargierten im vollen Wichs bereit.

»Donnerwetter, Leibbursch, du siehst ja prachtvoll aus!«

Werner hatte es ehrlich herausgesagt. Obwohl ein zutraulicheres Verhältnis sich auch zu seinem neuen Couleurvater nicht herausgebildet hatte, standen doch beide trefflich zusammen. Und er war auch wirklich ein schmucker Bursche, dieser blonde, glatte, korrekte Gesell, dem alles stand, was er trug und tat, der in Milch und Blut des Gesichtes, in Blond und Blau von Haar und Auge so recht das Musterbild eines deutschen Durchschnittsjünglings war, und dessen Temperament und Geist, dessen Manieren und Ansichten sich ebenso sicher auf der mittleren Linie des Wohlgefällig-Trivialen bewegten. Heut sah er wirklich aus wie ein Bild: das Blau der Pekesche und des Cerevises wetteiferte mit dem Blau der Augen, die weiß und goldene Verschnürung blitzte, knapp umschlossen die weißen Lederhosen, die langen Lackschäfte das wohlgeformte Bein, strahlend umzog das Korpsband und darüber die blau-rot-weiße Atlasschärpe die hochgewölbte Brust, und in wildledernen Fausthandschuhen mit mächtigen Stulpen steckte die schwertgeübte Hand des Fechtchargierten, an dessen Seite der Paradeschläger in blinkender Stahlscheide stolz schleppend über den Gartenkies hüpfte.

Neben dem Subsenior machte Dettmer, der Dritte, sonst auch ein hübscher, doch zu schmächtiger Bursche, eine unbedeutende, der baumlange dürre Papendieck eine fast komische Figur.

Und in den Laubgängen des Kneipgartens ordnete sich der Zug. Zu zweien Arm in Arm, so rangierten sich Cimbrias Söhne, heute verstärkt durch die Inaktiven und die in Marburg studierenden Vertreter der Kartell- und befreundeten Korps, die heut alle in ihren Farben erschienen waren, um das Fest der Philippina mitzufeiern und Cimbrias Auftreten beim Feste imposanter zu gestalten.

Papendieck ordnete die Korpsburschen, Dammer die Füchse. Als endlich alles paarweise geordnet war, bemerkte Papendieck, daß Klauser seinen Arm in den der Renonce Achenbach geschoben hatte.

»Nanu?! ein Korpsbursch unter den Füchsen?!«

»Wenn's mir doch Vergnügen macht! Ich möchte nun mal gerne mit Achenbach gehen.«

Ein schiefer Blick des Ersten traf Klauser.

Aber er sagte nichts weiter, denn eben trug der Korpsdiener aus dem dunklen Eingange der Kneipe das Cimbernpanier hervor, entrollte es unter der Linde und übergab es dem strammen Böhnke, der, gleichfalls im Wichs der Chargierten, nur über der Schärpe noch ein schwarzes Lackbandelier tragend, die Fahne in Empfang nahm, sie im Bandelier befestigte und nun an der langen Reihe der Korpsbrüder entlang zur Spitze des Zuges schritt. Mächtig rauschend bauschte sich das seidene Banner im Winde, und mit lautem Zuruf und Mützenschwenken begrüßte das Korps das Symbol seines Bundes.

Und nun zog das Korps auf dem nächsten Wege zur Ketzerbach hinab, wo der Festzug der Studentenschaft sich versammelte. Unten standen schon fast alle Korporationen aufgereiht: nach langen Verhandlungen hatte man sich geeinigt, daß die beiden ältesten Verbände, der Seniorenkonvent der Korps und der Delegiertenkonvent der Burschenschaften, um Spitze und Schluß des Zuges losen sollten, und dem S. C. war die Spitze zugefallen. So eröffnete Cimbria diesmal als zurzeit im S. C. präsidierendes Korps den ganzen Zug. Die Cimbern marschierten an den schier endlosen Linien der aufmarschierten Studentenschaft vorbei; selbstverständlich ohne die geringste Begrüßung hinüber und herüber: auch heute fiel die Schranke nicht, welche die Farben zwischen den Kommilitonen, den Söhnen eines Volkes, eines Reichs, einer Hochschule gezogen hatten. Nur als man vorne an der Spitze angelangt war und an den Reihen der bereits aufgezogenen beiden andern Korps vorbeizog, flogen die blauen Deckel hüben, die hellgrünen und weißen drüben von den Köpfen.

Musik erklang:

»Stoßt an, Marburg soll leben! Hurra hoch! Die Philister sind uns gewogen meist, Sie ahnen im Burschen, was Freiheit heißt Frei ist der Bursch, frei ist der Bursch! Frei, frei, frei ist der Bursch!«

Feierlich tönte der in Marburg übliche verlängerte Schluß der alten Jubelweise über die breite Allee, die niederen Häuschen, weckte stolzes Echo an Sankt Elisabeths braunem Doppelgetürm und wogte weit hinaus, zu den grünen Lahnbergen hinüber.

Und der Zug trat an und schob sich langsam den ansteigenden Steinweg hinauf. Alle Fenster der mit Fahnen und Girlanden buntgeschmückten Häuser waren besetzt, der Geringste in Marburg nahm teil an dem Jubelfest der Hochschule, aus den Dachluken selbst lugten hellgewandete Mädchengestalten, wehten winkende Tücher. Und von Fensterbrüstungen und Balkons flogen Blumensträußchen ohne Zahl auf die Studenten, die Helden des Tages, hernieder. Die griffen eifrig in die Luft, hielten die Mützen hin, schmückten jedes Knopfloch, jedes Täschchen, den Rand der Mützen, ja selbst die Ränder des Rockkragens mit den lieblichen Spenden. Und als es gar keinen Platz mehr gab, da ließ man die lustigen Wurfgeschosse dahin zurückfliegen, von wannen sie gekommen waren -- hinauf, hinunter flogs, mit Jauchzen, Gelächter, sinnigem oder täppischem Scherz.

»Paßt auf, Kinder, das da ist für die Schönste von euch!«

Und zwischen drei blühenden Töchtern tauchte der lachende Graukopf der Mutter auf, und ihr flog das Sträußchen mitten ins Gesicht.

»Wie galant!« rief die und nestelte das Sträußchen ans dunkelseidene Festgewand.

»Sie waren, auf Ehre, nicht gemeint, gnädige Frau!«

»So? Na, da haben Sie's wieder!«

»So! Nun paßt aber auf, ihr drei! Wer's schnappt, ist die Schönste!«

Und diesmal blieb's in den zierlichen Fäusten eines braunzöpfigen Backfischchens.

»Is so recht?«

»Allemal!«

Und wenn's nun gar bei Bekannten vorbeiging!

»Herr Papendieck, passen Sie auf, die weiße Rose sollen Sie haben!«

Schwapp! mitten auf des Cimbernseniors stattlichem Gesichtshaken.

»Daß du die Nase ins Gesicht behältst!« zitierte der Mecklenburger seinen berühmten Landsmann.

Eine keckere Mädchenstimme schrie:

»Schöner Krusius, das hier ist für dich!«

»Ich fühle mich getroffen,« rief Krusius, denn das Sträußchen hatte ihm unsanft die linke Backe mit dem kaum verheilten Durchzieher von der letzten Mensur gestreift. Er führte es an die Lippen und schwenkte es dann grüßend nach oben.

»-- Das da ist für die, die mich liebt!«

Jungbursch Ehlert ließ drei, vier rasch zusammengebundene Sträußchen mitten in einen Balkon voll schmucker Weibchen hineinsausen.

Und: »Ich! ich! ich!« schrien sie alle, alle und streckten die Hände. Im Nu war das Sträußchen in tausend Fetzen zerrissen.

Und die Musik spielte:

»Wenn wir durch die Straßen ziehen!«

Da fielen sie alle, alle ein, die Studenten, die jungen Damen, die Väter, die Mütter, der Friseur und seine Gehilfen vor der Ladentür, die sich eifrig verbeugten, wenn ihre Kundschaft im strahlenden Schmuck der frisch durchgezogenen Scheitel vorüberkam, die Ladenfräuleins im Erdgeschoß und die rotbemützten Dienstmädchen oben unterm Dach, die Gymnasiasten und die Spielkinder, alle, alle sangen sie mit:

»Wenn wir durch die Straßen ziehen, Recht wie Bursch in Saus und Braus, Schauen Mädchen, schwarz und braune, Rot und blond aus manchem Haus, Und ich laß die Blicke schweifen An den Fenstern hin und her, Fast als wollt ich eine suchen, Die mir die allerliebste wär.«

Und als gält es nur für ihn allein, so inbrünstig sang Werner Achenbach heraus:

»Und doch weiß ich, daß die Eine Wohnt viel Meilen weit von mir, Und doch kann ich's Schau'n nicht lassen Nach den schmucken Mädchen hier. Liebchen, laß dich's nicht betrüben, Wenn dir eins die Kunde bringt, Und daß dich's nicht überrasche, Dieses Lied ein Wandrer singt.«

Ja -- an wen dachte er dabei! An Elfriede -- oder an Rosalie? Vielleicht an beide ... und an keine so recht ... es war so ein wildes, formloses, gegenstandsloses Sehnsuchtsgefühl, dem dies Lied Worte, Klänge lieh ...

Eben kam der Zug an Werners Bude vorbei: aus dem Fenster seines Wohnzimmers hätte Rosalie schauen müssen, aber sie war fern: die blonde Babett guckte heraus, mit ein paar Freundinnen aus ihrem Heimatdorf, sie errötete selig, als Werner ihr zunickte -- im Erdgeschoß stand Mama Markus welken, gütig lächelnden Angesichts in der Ladentür, und hinter den Flaschen und Büchsen im Schaufenster gewahrte Werner einen Augenblick die verzerrte, qualzerrissene Grimasse Simons ... nanu -- warum hockte denn der zu Haus? War denn der nicht auch Student?! -- gehörte denn der nicht mit dazu, wenn Alma Philippina feierte?! -- ach so ...

Musik, jauchzender Gesang, flatternde Fahnen und Blumen, Blumen überall, Blumen fliegend aus jedem Fenster, Blumen an jeder Brust, Blumen den Boden bedeckend wie den Einzug ruhmreicher Sieger, und doch nur eine Huldigung der Jugend an die Jugend, ein Gruß des Lebens ans Leben ... lächelnd, lachend, jubelnd jeder Mund, leuchtend jede Wange ...

Doch nein -- eine nicht --

»Klauser, was ist dir?«

»Nichts ... was soll mir denn sein?«

»So freu dich doch! Bist du nicht vergnügt? Fehlt dir was?«

»Nicht das geringste!«

»Vorhin ist's mir schon aufgefallen -- du bist nicht wie sonst -- ist dir was passiert?!«

»Was sollte mir passiert sein? Nicht das mindeste ... ich bin bloß nicht in Stimmung. Ich bin kein Freund von so viel Rummel.«

»Nanu? Das ist doch das erstemal, daß ich das an dir merke?! Dann rapple dich aber jetzt gefälligst ein bißchen auf -- gleich sind wir am Barfüßertor ... weißt du, wer da wohnt? Haha! Da mußt du aber ein andres Gesicht machen!«

»Ach -- lieber Kerl -- ich ... mir ist hundemäßig zumute ...«

»Ja, was ist denn?!«

»Nichts -- laß mich -- da sieh, wie schön der Markt!«

Und wahrlich, hier entrollte sich das Bild des feiernden Städtchens in seiner ganzen ehrwürdig-lieblichen Pracht. Der enge Platz war ganz von Zuschauern freigehalten, und in langem Bogen umzog nun der Festzug den Markt, dicht unter den Fenstern der niederen, altersdunklen Häuserfronten, des schlichten, strengen Rathauses entlang. Hier hatten alle Häuser noch ein übriges an Festschmuck aufgeboten. Girlanden von Tannen- und Eichengrün, lange Reihen kleiner Fähnchen überspannten den ganzen Platz der Länge und Quere nach ... und wieder war bis obenhin ein jedes Fenster mit geputzten, jubelnden, blumenstreuenden Menschen besetzt ... und durch die flatternden Tücher der Fahnen, die wehenden, winkenden Hände, die harzig duftenden Girlanden zog es wie ein Sturm, wie ein Rausch der Jugend, der Kraft, des Glückes ... als seien alle diese Jünglinge hier nur zusammengeströmt, um in einem Fest ohne Ende sich ihrer blühenden Jahre zu freuen, als hieße Student sein nichts anderes als Olympier sein, als heiter, wunschlos, herrscherhaft wandeln auf blumenbestreuten Pfaden, von Rosen umduftet, von Schönheit und Liebe gefeiert und begnadet, selig, selig, selig ...

Aber ein anderes sprach sich auf dem Gesichte des Freundes aus, dessen Arm schwer in dem Werners lag, der nur lässig ein Blumensträußchen an die Brust gesteckt, dessen Herz sich ausschloß vom Jubel der Stunde, dessen Auge düster hineinstarrte in ein unfaßbares, ungreifbares Verhängnis, das seine leuchtende Jugend zu überschatten schien mit der Ahnung unabwendbarer Seelenstürme, unversiegbarer Tränenschauer ...

»Klauser -- du sollst mir sagen, was du hast! Ich finde das einfach unfreundschaftlich von dir, mir hier die Stimmung zu verderben, wenn du keinen Grund hast ...«

»Keinen Grund?! Ich hoffe, ich habe keinen Grund.«

»Klauser? Gott, sei doch nicht so albern. Ich bin doch dein Freund. Rede jetzt, sonst laß ich dich stehen und geh mit einem andern.« Das war scherzhaft gesprochen, doch Werners Stimme bebte dabei leise, und Klauser verstand die Meinung des Freundes.

»Ach ... ich bin verrückt, wirst du sagen. Es ... ist eigentlich nichts ... Marie hat seit acht Tagen nicht zu mir wie sonst ... sie hat mich zweimal beim Rendezvous warten lassen ... das drittemal ist sie gekommen, aber ... ganz verändert ... ganz ... ich weiß nicht ... äh ... ich werd's mir wohl nur eingebildet haben.«

»Ja ... so sprich doch ... was ... sagte sie denn ... was machte sie denn ..«

»Ja, Himmel, sie war eben ... anders ... zurückhaltend, befangen, sonderbar ... eben anders ... und dann auf einmal zum Abschied küßte sie mich so wild und so wehmütig ... als ob ... ich sage dir, Achenbach ... es war --«

»Himmel, du bist ja ein Tor -- vielleicht hat's zu Hause Kummer oder Verdruß gegeben --«

»Dann hätte sie mir erzählen sollen --«

»Oder was sonst gewesen ist ... du ... du wirst doch nicht gar -- an Marien ... ich meine, du bildest dir doch nicht gar ein, sie könnte am Ende --«

»Ich bilde mir gar nichts ein ... nur daß mir elend seitdem ist ... einfach schauderhaft ist mir --«

»Nimm dich zusammen! Da ist das Haus!«

Zur Rechten des zum Schloß hinanführenden Weges lag inmitten eines altprächtigen Gartens über hoher Böschungsmauer das behaglich-altfränkische Schweizerhaus des Geheimrats Professor Doktor Hollerbaum. Der alte Herr stand oben, auf dem weißen Scheitel die verschossene hellgrüne Mütze der Hessen-Nassauer, das falb gewordene Band umzog seine Brust unter dem Überrock, auf dessen Klappe ein langes Ordenskettchen klingelte. Er grüßte höflich die Farben der Cimbria, gegen die er vor Jahrzehnten so manches Mal auf Mensur gestanden; alle Cimbernmützen flogen herunter; und neben des Professors Silberkopf neigte sich ein anderes, noch jugendlicheres Haupt ... Mariens Mutter ... aber wo war ~sie~?

Halb verborgen hinter den Eltern hatte sie gestanden. In weißem Kleide, nicht im gewohnten Hellgrün -- nun neigte sie sich über die Mauer, nickte den grüßenden Cimbern zu, suchte mit den Augen, fand Werner und Klauser und goß plötzlich aus einem Körbchen, das auf der Mauer stand, einen Schwall weißer Rosen über Willys Haupt, das sich eben grüßend entblößt hatte.

Einen Schwall weißer Rosen.

Und neben ihr tauchte da eine blaue Cimbernmütze auf. Darunter ein lächelndes, leuchtendes Angesicht -- das Gesicht eines Mannes ...

Professor Dornblüth.

Er winkte den bergansteigenden Korpsbrüdern mit der Hand lächelnd zu -- rief:

»Auf Wiedersehen auf dem Dammelsberg!«

Werner suchte Klausers abgewandtes Gesicht. Es war fahl geworden ... fahl ... es mahnte Werner an jenes Mädchenantlitz, das auf dem Tisch der Prosektorstube dem Messer des Anatomiedieners entgegengeharrt hatte. Eine Rose hielt Klauser in der Hand ... eine einzige, weiße Rose ... an der hingen seine starren Augen.

Gott ... wäre das möglich?!

Werner hatte Mariens Blick gesehen, als sie die Rosen über Klauser ausgoß. Ein Unsägliches hatte darin gelegen, das Werner vergebens zu enträtseln suchte: Weh ... und Scham ... und Dank ... und Liebe ... ja, auch Liebe ... aber eine Liebe, sterbend, verwelkend wie jene weiße Rose in Klausers Hand ... und Dank ... ach, ein Dank, der den Empfänger quält wie ein Schimpf ... und über alles ... Abschied ... Abschied ... Abschied ...

Und Werner fragte nicht. Er zog den Arm des Freundes fest an sich heran ... und stumm stiegen die Jünglinge bergan, inmitten der lachenden, schwatzenden Korpsbrüder, durch die flimmernde Herrlichkeit des glühenden Julinachmittags, dem Dammelsberg entgegen, dem Fest der Jugend entgegen.