XII.
Aber noch war der Tatendurst des Vierkleeblatts nicht gestillt. Die Vollmondnacht lockte so lau, die Geister waren erregt vom Laufen und Lachen, es mußte noch etwas geschehen.
»Herrschaft'n,« schlug Dammer vor, »ich weeß was! Mir gehn vor die Vogtei und bring'n meinem sießen Mädichen ä Ständchen!«
Das war ein Gedanke. Es gab zwar aus Rücksicht auf die »Alte Dame« bei den Cimbern ein altes Verbot, die Vogtei nächtlich anzuserenaden, aber es brauchte ja nicht herauszukommen, daß die vier Attentäter auf die Ruhe der Pensionsmädel Cimbern seien. Man würde die Mützen unter die Westen stecken und die Röcke zuknöpfen.
Gedämpften Schrittes schlichen die Viere die Barfüßergasse entlang. Da lag die Vogtei, mondüberflossen; im Obergeschoß standen alle Fenster offen; die weißen Vorhänge leuchteten im grellen Licht und wehten leise hin und her, wie vom Atem der schlummernden Bewohnerinnen angehaucht. Es war so still. Die Büsche und Bäume des Gartens bebten dann und wann im Nachthauch. Fern raunte die Lahn.
Herzklopfend standen die vier jungen Gesellen am Gartenzaun, im tiefen Schatten einer Blutbuche geborgen. Und da war keiner unter ihnen, dessen Phantasie nicht auf den Pfaden der Sehnsucht gewandelt wäre. Jugend droben, Jugend drunten ... heißes Blut und heißes Blut, dazwischen kalte, starre Mauern, starre, kalte Satzungen, überflattert nur vom unruhvollen Flügelschlag des hoffnungslosen Begehrens.
Und wehmütig werbend klang's zweistimmig in die Nacht:
»Der Sang ist verschollen, der Wein ist verraucht, Stumm irr ich und träumend umher, Es taumeln die Wälder, vom Sturmwind umhaucht, Es taumeln die Wellen ins Meer. Und ein Mägdlein winkt mir vom hohen Altan, Hell flattert im Winde ihr Haar, Und ich schlag in die Saiten und schwing mich hinan, Wie hell glänzt ihr Aug und wie klar! Und sie küßt mich und drückt mich und lacht so hell, Nie hab ich die Dirne geschaut -- -- Bin ein fahrender Schüler, ein wüster Gesell -- Was lacht sie und küßt mich so traut?!«
Werner und Dettmer, die beide musikalisch waren, hatten die zweite Stimme gesungen; es hatte ganz feierlich und anmutvoll in die Nachtstille hineingetönt. Und hinter den Vorhängen regte sich's; hier und dort öffnete sich ein schmales Ritzchen, breit genug, um hinauszuspähen, aber zu geizig, um auch nur ein neckisches Stumpfnäschen aufblitzen zu lassen im Mondenschein. Aber ein leises Kichern klang doch ab und zu, nun der Sang wirklich verschollen war, zu den Lauschenden hinunter und trieb ihnen das Blut schneller durch die Adern.
Und die Burschen stimmten in ihrem Buchenschatten ein zweites Lied an; es schloß:
»Seh ich ein Haus von weitem, Wo ein lieb Mädel träumt, Sing ich zu allen Zeiten Ein Lied ihr ungesäumt. Und wird's im Fenster helle, Wär es auch noch so spat, So weiß ich auf der Stelle, Wie viel's geschlagen hat.«
Und wirklich ward's im Fenster helle. Ein flackerndes, scheues Lichtlein huschte von Kammer zu Kammer, von Fenstervorhang zu Fenstervorhang, und droben verstummte das Kichern ...
»Die Mademoiselle! die revidiert!«
Schließlich erschien an einem der Vorderfenster zwischen den Vorhängen, in ein Kopftuch gehüllt, ein hageres Gesicht, eine vor Erregung überschnappende Stimme kreischte in die Nacht hinaus:
»Nachtwächter --! Nachtwächter!!«
Die vier unter der Buche am Zaun platzten heftig aus -- hielten's dann aber doch für geraten, mit hochgeschlagenem Rockkragen und barhaupt, dicht am Zaungebüsch entlang schleichend, das Feld zu räumen.
Alle vier waren sie still geworden. Jeder schlich in dumpfem Sinnen seinen Pfad.
»Was lacht sie und küßt mich so traut?« »Und wird's im Fenster helle -- -- So weiß ich auf der Stelle, Wie viel's geschlagen hat ...«
Ach, das war nur im Liede so. In Wirklichkeit mußten sie nun jeder hinein in ein einsames Knabenstübchen.
Werner dachte an jenen kurzen Augenblick im Jasminboskett des Museumsgartens. Die ihm damals weich und lockend sich entgegengeschmiegt, die war auch da droben hinter den weißen Vorhängen gewesen ...
Ach, ein armer Fabrikarbeiter sein und mit einem Mädel gleichen Standes und gleicher Art, in Ehren und Rechten, die Sehnsucht des Blutes stillen, die Wonne der Jugend auskosten ...
Und alle, alle sannen sie so, jeder in seiner Tonart, im Takte seines Herzens ...
Und endlich fand der gerissene Dettmer das Wort, das über die Stimmung des Augenblicks dräuend geschwebt hatte:
»Kinder -- wir gehn zur Lina!!«
Einen Augenblick schwiegen die drei andern. Böhnke mahnte:
»Wir sind doch in Couleur!«
»Das hat nichts zu sagen,« beschwichtigte Dettmer. »Die Lina wohnt draußen im Marbacher Tal, das Haus steht abseits vom Weg in einem Garten, da legen wir Mützen und Band und Bierzipfel, und was einer sonst an Abzeichen an sich trägt, unter einen Busch, und los! Das hab' ich schon öfter so gemacht!«
»Na, denn in Deibels Namen!«
Es war ein ziemlicher Weg, den Dettmer führte. Um abzukürzen, stieg man den Berg hinan, und westlich vom Schloß über die Höhe hinunter ins Marbacher Tal. Enge Berggäßchen, schmale Heckenpfade, jetzt in schwarzer Finsternis tastend, jetzt in die grellste Helle tauchend. Einer hinter dem andern, alle schweigend, nur selten wechselte man ein Wort wegen des einzuschlagenden Weges. Und eine Hast war in ihrem Marsch, ein Drängen nach vorwärts, als klatschte eine Geißel über den Nacken der Schreitenden.
Zeit genug, nachzudenken ...
Aber der Alkohol, die buhlerische Schwüle der Nacht lähmten das Hirn -- und im Nacken klatschte die Geißel.
Wie im Traum zogen die zauberhaften Bilder des vollmondnächtlichen Marsches an Werners Blicken vorüber. Nun also würde sich's plötzlich erfüllen, nun würde er wissend werden ...
Da schwebten sie alle noch einmal vorbei an seinem Geiste ... die Frauen, um die er sich gebangt: die blonde Babett, die seine ersten wirren Küsse empfangen ... Ernestinens Mäulchen, das sich ihm entgegenhob im grünen Jasmingebüsch, in dem ihre schwellende Jugend sich an ihn schmiegte -- Rosaliens glühende Brüste, die sich aus blühenden Spitzen seinen Lippen entgegendrängten --
Und fern, fern verschwebten zwei andere Schatten -- ein grünlich schimmerndes Totenantlitz und eine ganz, ganz verschwimmende, angstvoll winkende Gottheit ... Elfriede ...
Das alles hatte sein junges Leben gekannt, das alles hatte durch die Sehnsucht seiner achtzehn Jahre gewirrt ...
Und das würde nun das Ende sein -- Lina ... irgendeine Lina.
Gut ... gut ... mochte es so kommen ... das war das Schicksal. Das war die Weltordnung. Dahin hatte ja doch alles gezielt, alles, was er erlebt hatte. Es lag eine grauenhafte Logik in dem allen.
Und nun standen die vier Jünglinge vor einem dicken Gebüsch in einem verstohlenen Berggarten, zogen die Bänder und sonstigen Couleurschmuck ab, legten alles in die Mützen und bargen es im taufeuchten Grün. Schlichen dann barhaupt Dettmern nach und standen bald vor einem einstöckigen Häuschen mit dicht verschlossenen braunen Holzladen.
Dettmer klopfte.
Nichts rührte sich.
Alle vier lauschten mit angehaltenem Atem. Werners Knie bebten heftig. Er hätte sterben mögen.
Abermals klopfte Dettmer. Und wieder blieb's still. --
Nun ward Dettmer ungeduldig. Er legte seinen Mund an eine Fensterspalte und rief halblaut:
»Lina!«
Nun schlürften innen Schritte, und die Läden wurden von innen vorsichtig geöffnet.
»Wer is es denn?«
»Ich bin's -- der Theodor!«
»Bist denn allein?«
»Nein -- ich hab' noch ein paar Freunde mitgebracht! Brauchst keine Angst zu haben, wir sind alle ganz nüchtern!«
»Oh, ne -- wann du nit allein bist ... ich bin müd -- was kommt ihr auch so spät in der Nacht -- geh nach Haus!«
»Du bist verrückt, Lina -- schnell mach auf -- sonst komm ich nicht so bald wieder!«
»Na, meinetwege! Aber anziehe tu ich mich nit lang -- ich bleib in meiner Kammer; du kannst im Wohnzimmer Licht mache, Bescheid weißt du ja.«
»Is jut, riegle man auf.«
Nach ein paar Sekunden knarrte ein Schlüssel in der Tür. Dettmer klinkte rasch auf und trat in die Dunkelheit. Ein Kreischen wurde laut. Eine Tür knallte.
Da zündete Dettmer innen ein Streichholz an und trat näher. Ihm folgten die beiden andern Korpsburschen.
Als sie sich's aber in dem niederen Wohnzimmerchen der Dirne bequem machen wollten, sahen sie sich nur zu dreien.
Renonce Achenbach war verschwunden.
* * * * *
Von Ekel geschüttelt floh Werner zu Tal. Nein -- das durfte nicht das Ende sein!! Das nicht!!
Und wenn er sie denn nicht bändigen konnte, die zehrende, brüllende Sehnsucht da drinnen ...
Er würde sie nicht bändigen können ... sie war wacher denn je, sie brüllte wilder denn je ...
Aber so nicht -- so nicht!
Nicht in den Kot sollte sie fallen, die Erstlingsblüte seines Sinnenfrühlings, nicht in den Kot! --
Da unten lag die Stadt ... da unten schlief ein Mädchen, so schön und so begehrenswert ...
Einmal hatte er schon vor ihrer Zimmerschwelle gestanden ... das würde er nicht wieder tun ... das freilich nicht ... aber ...
Einmal hatte sie in seinen Armen gelegen, da war jener Scholz gekommen ...
Der war ferne ... der konnte ihm das Glück nicht wieder entreißen im Augenblick, da sein vollster Becher ihm entgegenduftete --
Und bald sollte es sein -- vielleicht schon morgen -- übermorgen ...
Mochte daraus werden, was wollte ...
Ihm saß die Geißel im Nacken ... er mußte -- er mußte!!
Aber nicht bei der da oben -- nein, da nicht, nicht im Kot, nicht im Pfuhl! ...
Rosalie! -- Rosalie! -- --
Hell schien am Himmel noch der Vollmond.
Aber über Spiegelslust lagen schon rötlichleuchtende Wolkenstreifen.
Und Werner schritt zu Tal.
Rosalie -- -- Rosalie -- -- --
Zweites Buch