Chapter 24 of 24 · 2158 words · ~11 min read

XII.

Und Willy Klauser und Werner Achenbach standen am Bahnhof. Sie hatten sich aus der Schar der Korpsbrüder abgesondert, um die letzten Minuten allein zu verplaudern. Bald würden von Süden und Norden die Züge kommen, um Klauser ins heimische Magdeburg, Achenbach über Gießen ins Wuppertal zu entführen. Das nächste Semester würde sie nicht wieder zusammenbringen. Klauser würde in Berlin das vernachlässigte Physikum bauen, Werner in Marburg weiter mit Blut und Eisen Cimbrias Band umwerben ... und bei Professor Dornblüth eifrig Pandekten hören. Denn der Alte Herr hatte schon in den letzten drei Wochen Zug in das Rechtsstudium seiner jungen Korpsbrüder gebracht ... das war hochnötig gewesen.

Die Erinnerung an den Abschiedskommers, an die letzte Wanderung des Korps nach Wehrda, den Beschluß eines wohllöblichen C. C. der Cimbria, seinen C. B. Klauser mit Farben zu inaktivieren, stimmte die Herzen der Freunde heiterer, als sie selbst erwartet hätten.

»Und weißt du, Willy, das andere ... da wirst du auch noch mal drüber kommen,« wagte Werner endlich zu sagen. Es mußte auch dies letzte Wort noch gesprochen werden.

Eben noch hatte Klauser unter seinen Kompressen, seinen Wattebäuschen heiter gelächelt. Jetzt verlor sein Auge den Glanz, nervös bebten seine Lippen.

»Dafür werden hoffentlich die kleinen Mädchen in Berlin sorgen.«

»Ach nee, Willy, nicht so, nicht so! Laß dich doch nicht so unterkriegen! Du wirst schon noch was Besseres finden, um ... das andere zu vergessen.«

»Was Besseres? Hahaha! Es gibt nichts Besseres für dumme, grüne Jungen, wie wir zwei. Das geht nicht ans Herz und nicht ans Blut, das geht nur ... ans Portemonnaie.«

»Willy -- bist du noch mal ... da oben gewesen?!«

»Da oben?! Bei dem Vieh?!« Voll Ekel und Abscheu wandte sich Klauser ab.

»Glaubst du, daß sie in Berlin anders sind?!«

»Nee -- das glaub ich freilich nicht -- --«

»Also ... du ... für das Pack ... sind wir doch wohl zu schade ... äh komm ... laß uns jetzt von was anderem sprechen ... du -- schön war's doch ... dieser Sommer ... und ... du und ich ... nicht wahr?!«

»Ja, ~das~ war schön, Werner ... und soll auch schön bleiben.«

Die Freunde sahen sich in die Augen.

»Ich wünsch dir alles Schönste,« sagte Klauser. »Und -- nimm dir ein Beispiel an mir. Du hast mir mal was von einer -- Elfriede erzählt ... laß sie laufen ... vergiß sie ... sonst geht's dir noch mal wie mir.«

Elfriede! -- War's nicht Werners seligster Gedanke gewesen in diesen letzten Tagen, daß er sie nun wiedersehen würde --?! Trotz allem -- trotz allem?!

»An was soll man sich denn schließlich halten in der Welt?«

»Halt dich an das da,« sagte Klauser und zeigte auf Werners Band. »Vorläufig gibt's keinen besseren Halt für unsereinen. Wenn das nicht gewesen wäre ... dann wär' ich verkommen in diesen Tagen. Später einmal, wenn die Universitätsjahre hinter uns liegen ... dann gibt's andere Ideale, hoff ich ... Beruf ... und Vaterland ... und so was ... vielleicht auch ... Weib und Kind -- für mich wohl kaum -- aber hoffentlich für dich, wenn du klug bist -- und dich vor Enttäuschungen hütest, über die man nicht hinwegkommt --«

»Aber Willy!«

»Wir ... wir sind dumme Jungen ... Schüler ... Lehrlinge ... wir müssen uns vorläufig mit einem Symbol der großen Lebensideale begnügen ... und dies Symbol heißt uns ... Cimbria ... das blau-rot-weiße Band ... das ist, scheint's mir, der tiefere Sinn von dem allen, was ich hier zwei Jahre lang getrieben habe ... zwei Jahre lang, die ich nicht missen möchte ... wenn auch vielleicht mancher denken mag, sie seien verplempert und vergeudet ... aber, was soll das Klugreden ... da hinten kommt mein Zug ... leb wohl, Werner ... bleib mir gut ...«

Und die Freunde küßten sich ... ein einziges Mal in ihrem Leben. Sie waren deutsche Jünglinge der neuen Zeit ... der Zeit von Blut und Eisen ... die Dichter der Empfindsamkeit hatten ihre Kindheit begleitet ... die Lehrer ihrer Jünglingsjahre hießen Korpsband und Rappier.

Und nun gesellten sie sich wieder zu den Korpsbrüdern. Alle Norddeutschen führte der Zug hinweg. Papendieck, Dettmer, Böhnke, Klauser würden nicht mehr wiederkehren. Ihnen galt's das Scheidelied zu singen.

Und wie vor wenig Tagen der Zug einen Toten aus der Mitte der Cimbria hinweggeführt hatte, so trug er jetzt eine Schar lebender Scheidender der Heimat zu. Ein Abschied auch diesmal.

Aber Rührungstränen und sentimentale Wehmut waren dieser Jugend ausgetrieben worden in der eisernen Zucht des Korps. Unter Witzen und Gelächter barg sich, was die jungen Herzen tief bewegte ... der Abschied von den Freunden, vom Korps, von der geliebten, wundervollen Hessenstadt ... von der Aktivität ... von einem ersten, herrlichen Abschnitt der Jugendzeit ...

»Fertig!« -- »Fertig!« -- »Fertig!«

Abfahren!«

Ein letztes Händedrücken ... bellend sprangen die Korpshunde noch ein Stück dem Zuge nach ... blaue Mützen wehten und weiße Tücher ...

Und im letzten Augenblick trat da ein Paar aus dem Wartesaal, wo es verborgen des Augenblicks der Abfahrt gewartet hatte, auf den Bahnsteig ... der Mann hochgewachsen, gütigen, strahlenden Auges ... das Mädchen in hellem Gewand, den Blick von unaufhaltsam strömenden Tränen verschleiert ... sie winkte mit weißem Tuch, ihr Auge suchte einen, einen, an dessen Lippen sie vor wenig Wochen gehangen in erster, keuscher Seligkeit ...

Und hatte ihn doch verlassen ...

Da hatte auch er sie erkannt ... starrer Trotz schoß in seine Züge, und rasch trat er vom Fenster zurück.

Da lehnte sie ihr blondes Haupt an die breite Brust des erwählten, des glücklichen Mannes und weinte um den verlorenen Traum ihrer Jugend.

»Bemooster Bursche zieh ich aus, Ade! Behüt dich Gott Philisterhaus! Ade! Zur alten Heimat zieh' ich ein, Muß selber nun Philister sein, Ade, ade, ade. Ja, Scheiden und Meiden tut weh!«

so sangen, die da schieden und die da blieben.

* * * * *

Ja, Scheiden und Meiden tut weh ...

Und Marie Hollerbaum erkannte erst in diesem Augenblick, was sie dahingegeben habe für immer ... für alle Zeit ...

* * * * *

Und nun saß auch Werner im Coupé. Er fuhr allein und dankte das dem Geschick. Zu viel stürmte durch sein Herz ... es wäre ihm schmerzlich gewesen, diese Scheidestunde mit einem andern teilen zu müssen, sie zu entweihen durch gutgemeintes, doch alltägliches Geschwätz.

Der Zug umkreiste in weitem Bogen die Stadt da drüben am Berge. Vor wenig Monden hatte Werne, von Verehrungsschauern seligbang umwittert, dies wundersame Bild zum ersten Male erschaut. Vor wenig Monaten ... war's möglich?

Damals war's ein wundersames, doch fremdes Bild gewesen ... nun war jedes Fleckchen beseelt von Erinnerungen an ungeheure, grundstürzende Erlebnisse seiner Seele ...

In ernster, gleichgültiger Erhabenheit thronte droben das Schloß; Jahrhunderte waren an ihm vorübergezogen ... Völkergeschicke, Weltgeschicke ... und Millionen, Millionen von Einzelschicksalen ... Millionen von Herzensgeschicken ... es stand und stand in seiner braunen Unnahbarkeit ...

Und länger noch standen und grünten die Berge, die Werners Jugendträume umschlossen hatten, wie die der andern tausend, die gekommen waren in diesem Sommer und nun auseinanderflogen in ihre Heimat ...

Und da unten blühte Sankt Elisabeth, die unverwelkliche Wunderknospe ...

Und um den Berg herum, ins Tal hüben und drüben hinein und hinunter, alle die alten, alten Häuser, die spitzen Giebel, die winzigen Fenster ...

Da oben flatterte Cimbrias Panier, für das er nun auch zum ersten Male sein Herzblut vergossen ...

Dort unter dem steilen Dache des Anatomiegebäudes hatte das tote Lenchen gelegen ... und dann ein paar Wochen später ihr toter Liebster ... der Vater ihres Kindes ...

Seine drei lebendigen »Bälger« aber ... wo mochten die herumkrabbeln?!

Auch dort hinten irgendwo ...

Und dort ... in einem der kleinen Häuschen ... da weinte die schöne Rosalie ... da harrte der arme Simon Markus des Richterspruchs ...

Erinnerungen -- Erinnerungen überall ...

Nun wandte sich der Zug, und die Südstadt tauchte auf. Der Dammelsberg ... Fanfahrengedröhn und Geigengequiek, ein scharfer, doppelter Pistolenknall ... dies alles wurde wach ... das alles war aufgezeichnet in Werners Hirn, unauslöschlich ... unvergeßlich ...

Und unter jenen Bäumen im Tale lag Ockershausen ...

»Fertig!«

»Los!«

Krach -- krach -- krach --

»Halt!«

»Halt!«

Vorbei -- vorbei ...

Und rasch entfloh der Zug ... rasch verschwamm das Bild ... so war es vor wenig Monden zum ersten Male vor des Knaben Augen aufgetaucht ... so schwand es nun ... geheimnisvoll ... deutungstief ...

Das Schicksal, das Erleben eines einzigen, kurzen Sommers ...

Und in Werners Seele quoll ein warmes, tiefes, heiliges Empfinden empor ... ein glockenfeierliches Dankgefühl ...

Das war das Leben ... nun war er eingetreten in seine Tempelhallen ...

Becherklang und Pistolenknall, brünstige Küsse und wilde Verzweiflungstränen, wüste Zechgelage und friedliche Waldeseinsamkeiten, ekle Buhlschaft und erhabenes Liebesentsagen ... Jauchzen und Totensang ... Lust und Weh ...

Das war eingeschlossen in diesen kurzen Monden ... das alles hatte er erlitten und erfahren, fühlend geschaut und fühlend durchlebt ...

Oh, Leben, Leben -- heiliges, herrliches, grausiges, mächtiges ... heiliges, dreimal heiliges Leben --!!

Und doch ... war denn dies alles schon das Leben selbst gewesen?!

Das wirkliche, wahre, eigene Leben?!

Und die Liebe, die ihn und jene andern, seine Freunde, seine Brüder, gefoltert und entzückt, durch eine Welt von Brünsten und Ängsten, Küssen und Tränen, Seligkeiten und Todesschauer gejagt ... war das schon die wirkliche Liebe gewesen?!

Ein Knabe, des Lebens unkund, war er gekommen ... ein Wissender kehrte er zur Heimat, sollte er heut abend vor das forschende Vaterauge treten, ausruhen in gläubigen Mutterarmen ...

Ein Wissender -- aber nicht doch ein Knabe noch?!

War nicht am Ende dies alles, Leben, Liebe, Leid ...

-- War das alles nicht am Ende doch nur ein Vorspiel gewesen?!

Eine furchtbar ernste Vorbereitung, aber doch eben nur eine Vorbereitung?

Ein mächtig ergreifendes Vorspiel, ein Vorspiel, das Ungeheures, Hochherrliches ankündigte ... aber eben doch nur ein Vorspiel?!

Fern, fern ahnte Werner ein anderes, ein volleres, ein erschütternderes Erleben ... das wahre Leben ... die wahre Liebe ... das wahre Leid.

Das alles würde kommen, wenn er ein Mann geworden sein würde ...

Ja, ein Mann! Das wollte er werden ... das gelobte er seinem Bande da um seiner Brust, seiner jungen Burschenwunde, allen gewaltigen und heiligen Erinnerungen dieser vergangenen Monde ...

Dem teuren Bilde der geliebten Eltern daheim --

Elfrieden, dem Idol seiner Knabenjahre ...

Und sich selbst, seiner bebenden, weinenden, erstarkenden, werdenden, jauchzenden Seele ...

Ja, ein Mann werden! --

Das Vorspiel war zu Ende ...

Und über das Erinnern dieses übergewaltigen Vorklanges hinweg grüßte der Knabe Werner die Zukunft seiner Seele ...

Grüßte das kommende Glück, das kommende Leid ...

Grüßte die wahre Liebe ... das wahre Leben.

[Illustration]

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(Der Paragraphenlehrling)

Roman

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Preis broschiert M. 4.--, gebunden M. 5.--

Ein gesunder Idealismus spricht aus dem Werk, das nicht nur dem Juristen willkommen sein kann, sondern auch von dem beachtet werden wird, dem die Gesundung unserer Rechtsverhältnisse am Herzen liegt. Die in dem Roman gezeichneten Zustände bilden gewissermaßen ein Pendant zu der Kritik, die Beyerlein in seinem »Jena oder Sedan« vor einigen Jahren an unseren militärischen Verhältnissen übte.

~Hamburger Wochenblatt~

Lebensprudelnd ist vor allem die Schilderung der bergischen Eisenindustrie mit den kernigen, bodenständigen Gestalten der Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die beide gleichermaßen die gemütlichen Laute des Wuppertaler Niederdeutsch erklingen lassen.

~Berliner Tageblatt~

Bei der Liebesgeschichte erfreut wiederum die Lebenswärme, mit der die besondere, etwas spießbürgerliche und patriarchalische, aber auch wieder behagliche, anziehende Art des bergischen Bürgertums in der Familie und in der Geselligkeit zur Geltung gebracht wird. Auch die industriellen Arbeiterverhältnisse beherrscht Bloem, und er zeichnet sie mit großer Anschaulichkeit und lebhafter Bewegung; so wirkt namentlich die Schilderung der technischen Versuche mit einem neuen Stahlverfahren nichts weniger als trocken, sondern dramatisch lebendig. Wir haben ein ausgezeichnetes Buch vor uns, das voll aus dem Leben geschöpft ist und Zeugnis einer echten Gestaltungskraft gibt. Der »Paragraphenlehrling« darf sich neben das bekannte Buch Rudolf Herzogs, des engeren Landsmannes Bloems, »Die Wiskottens«, ebenbürtig stellen.

~Kölnische Zeitung~

W. Moeser Buchdruckerei, Berlin S. 34.