Part 1
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Anmerkungen zur Transkription.
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.
Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang des Textes verlegt.
Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+, gesperrte so ~gesperrt~.
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Geschichten aus Steiermark
Von
Peter Rosegger
Elftes bis fünfzehntes Tausend
[Illustration]
1923 L. Staackmann Verlag Leipzig
Alle Rechte vorbehalten
Druck von C. Grumbach in Leipzig.
Inhalt.
Seite
Das Felsenbildnis 5
Föhn 26
Franzosenrummel 38
Sechsunddreißig junge Nonnen 74
Als Hans der Grete schrieb 85
Sie konnten zusammen nicht kommen 97
Nussenspielen 108
Susanna, nit wana! 119
Das geheimnisvolle Bildnis 135
Sein Geld will er haben 144
Die guldene Grete 162
Die Brücke 184
Die höllische Lieb' natürlich! 193
Die Rache der Knechtin 206
Das Christkind von Scharau 239
Die Brüder Stadlhofer 250
Der Bahnwächter 265
Die schlaue Almerin 273
Die heilige Katharina 280
Die grüne Rose 290
Die Blumenmutter 298
Laurentl, der um Rat fragt 326
Ein Kind Gottes 345
Dorfbilder:
Almleute 359
Der Sonntagsbauer 364
Der Sim-Sampel 371
Schalkhafte Bettelleute 374
Das Felsenbildnis.
1872.
In einem kleinen Tale der verlorenen Alpenwildnis stand eine einzige Hütte. Die Hochwaldbäume, aus denen die Hütte gezimmert war, trugen zum Teil noch ihre Rinden, unter denen behende Käfer und nagende Würmchen hausten. Aber das Holz war hart geworden; länger als vierhundert Jahre war es her, daß dieser Hütte Gezimmer emporgesprossen als junger, grünender, säuselnder, wohldufthauchender Wald. Das flache, steinbeschwerte Dach war vermoost, es wuchs ein hellgrüner Filz darüber, es wuchs Wildfarn darauf und dort und da guckte ein Tannenwipfelchen hervor, das als beflügelt Samenkörnchen auf das Dach gehüpft war. Das wollte hier auf dem Dache verbleiben und gegen Himmel wachsen zu einem großen Baum.
Das Wild- und Waldleben hatte wieder Besitz genommen von dem Menschenbaue und flocht und wob ihn ein und zog ihn wieder sanft zurück in den Schoß der Natur.
Das Kostbarste an der Hütte waren die Glasscheiben an den kleinen Fenstern. Aber diese Scheiben waren altersgrau und schon erblindet; und längst vergangene Bewohner des Häuschens hatten etwa mit einem scharfen Nagel Kreuze oder Herzen in die Scheiben eingegraben, auf daß sie auch ein Denkmal hinterließen an dieser Stätte, die sie lebelang ihr Daheim genannt.
Über der sehr niedrigen Tür an der Wand war mit einer Kohle in einem dreieckigen Umriß das Auge Gottes gezeichnet. Dem lieben Herrgott war die ganze Sach' anheimgestellt.
Felsmassen schlossen die Hütte ein. Seit die Welt steht, war kein Sonnenblick gefallen in dieses Tal, und wie der Morgen und der Abend auch glühen mochten oben an den Zinnen und Alpenhörnern, die Sonne selbst war in dieser Tiefe nicht zu sehen.
Hier lebten und starben Leute, die außer dem Lichte an den Felstafeln all ihrer Tage keinen Sonnenstrahl gesehen hatten.
Einst standen sechs Hütten in der Talschlucht. Sie waren da seit undenklichen Tagen, die Menschen wußten ihr Beginnen nicht. Die Bewohner dieser Hütten nährten sich durch einige Äckerlein, die von den Vorfahren oben zwischen den Felsblöcken und Schuttriesen waren ausgereutet worden, und sie nährten sich von den Ziegen, die auf den Matten des kleinen Tales Futter fanden.
Ihrer Tage mochten unzählige gewesen sein, aber sie vergingen und es kamen andere.
Da war -- so haben die ältesten Leute des Alpentales erzählt -- ein weißlockiger Kräuterer niedergestiegen von Gestein zu Gestein bis in das schattige Tal. Die weißen Haare dieses Mannes waren so lang gewesen, daß sie weit hinter ihm nachgewallt über Wände und Riffe. Unten bei den Hütten hatte der Greis um Nachtherberge gebeten, aber die Leute hatten ihn ausgelacht und gespottet: »Geh, du alter Eisbär, wickle dich in deine Haare ein, so hast du Dach und Fach genug!« -- Darauf hatte der Kräuterer nichts entgegnet, war wieder aufwärts gestiegen von Gestein zu Gestein. Aber er war kein Kräuterer, er war ein Berggeist gewesen, der die Menschen hatte prüfen wollen, und als darauf die Nacht gekommen war, da ist er wieder herabgefahren gegen das Tal und seine langen Haare haben Felsen gesprengt, haben Schründe gerissen im Gebirg -- und Eis- und Schneelawinen sind niedergebrandet, und alle Wände ringsum haben gellend laut gelacht, und der größte Teil ist verschüttet worden mitsamt Hütten und Bewohnern. -- Und wie die übermütigen Leute zuerst den Berggeist lachend verhöhnt haben, so hat der Berggeist zuletzt sie allesamt ausgelacht. -- So die Sage.
Eine wilde Naturrevolution muß wohl gewesen sein; ein graues Sandmeer lag nun im Tale, durch das hin wälzte sich der Gletscherbach, breit und zerrissen, und schwemmte nach allen Seiten hinaus. Heute ging da sein Bett, morgen dort, das ganze früher grünende Tal gehörte dem Wildbach. Auf den Vorhügeln, wohl auch einst aus Schutt aufgebaut, blühten freilich noch die Eriken und wucherte das Gesträuch des Wacholders und der Alpenkiefer, aber mitten hinein hatte der Berggeist Felsstücke geschleudert, über die nun die Flechten woben und Eidechsen glitten. Von den schwindelnden Wänden nieder gingen weiße Sandströme und graue Schutthalden, in denen es allfort leise rieselte und rieselte. Wie viele tausend Jahre, bis das ganze, gewaltige Hochgefelse niedergerieselt sein wird in die Tiefen! Allein, wer rechnet hier mit Jahrtausenden, wenn sich die ungeheure Burg der Alpen nachbaut herauf aus dem Urgrunde der Erde!
Zwischen den Schutthalden zog sich wohl hie und da ein Streifen Erdgelände hinan, auf dem Sträucher und verknorrte Fichten und Lärchen mühsam fußten. Und am unteren Ende einer solchen Wildwachszunge, die einige kleine Wiesenhänge wahrte, nicht weit von dem Talsande des Wildbaches, duckte sich das alte, moosbewachsene Häuschen. Das allein war übriggeblieben von der Hüttengemeinde im Felsentale, und das war die einzige und letzte Menschenwohnung weit und breit. Vom Gewände herab lag und sickerte einer der breiten, schweren Schuttströme; er würde längst niedergetost sein auf das arme Häuschen, wenn er nicht ziemlich hoch über demselben von einem Felshorn aufgehalten und nach links und rechts seitwärts geleitet worden wäre, so daß auf dem Hange unter dem Felshorn das Wildgesträuche wuchern und die Hütte stehen konnte. Diese Lehne war wie eine grüne Insel mitten in dem Steinstrome des Gerölles, und das Felshorn darüber war der Hort.
In der Hütte wohnten vier Menschen, das waren der Schründenhans, dem die Hütte gehörte, sein Weib, sein Kind und sein Bruder.
Sein Weib hatte sich der Schründenhans vor wenigen Jahren erst vom Waldgelände hereingeholt. Dort war es eine Holzbrennersdirn gewesen, deren Mutter eines Tages in die Gluten des Meilers gebrochen und zugrunde gegangen war. Ihr Vater war ein Wilderer gewesen, aber alljährlich kaum mehr als ein einziges Reh hatte er sich angeeignet von den Hunderten, die im Walde mit ihm lebten, auf daß er und sein Weib und sein Kind das gut' Stücklein Fleisch nicht ganz entbehren mußten. Aber ein Wilderer war er dennoch, und einmal in der Mondnacht geriet er mit den Jägern zusammen. Sie fielen über den Holzbrenner her, es entbrannte ein wildes Ringen, und zuletzt warfen sie ihn die Felswand hinab, daß der Stürzende den Wipfel eines Baumes knickte, der unten in der Tiefe stand. Keinen Atemzug hat der Holzbrenner mehr getan. Der Mond ging nieder und die Sonne ging auf, und das Mädchen daheim sah allfort zum Fenster hinaus und wartete auf den Vater.
Da ging langsamen Schrittes der Schründenhans vorbei, der wußte von dem Ereignis und sollte der Waise die Nachricht überbringen.
Aus dem Meiler zuckte ein blaues Flämmchen heraus. »Verlisch es nicht, Hilda,« sagte der Hans, »es brennt auf der Welt sonst kein Licht für ihn.«
Hilda hat das Wort verstanden, hat nicht mehr nach dem Vater ausgesehen, hat sich verschlossen im Holzbrennerhause.
Nach Tagen kam der Hans wieder und sagte: »Hilda, ich habe mir gedacht, da du jetzo keinen Vater mehr hast, so sollst du einen Mann haben.«
Und nicht lange hernach zog Hilda mit Hans in sein Haus unter den Wänden. Ein Jahr hierauf hatte Hilda ihrem Manne einen Knaben geboren, der zur Zeit dieser Geschichte seine Nahrung noch an der Mutterbrust genoß.
Der vierte Hüttenbewohner nun war Hansens Bruder, der Jok. Der Jok war ein armer Mensch. Er wußte es aber nicht, wie sehr arm er war, er war blödsinnig. Er war ein Krüppel mit kurzem Halse und sehr langen Händen. Er war schon über die zwanzig Jahre alt und konnte noch nicht reden. Seine Stimme war wie ein Stöhnen und Röcheln. Das einzige Wort »Hans« konnte er halbverständlich sagen. Mit seinem Bruder war er seit seinem ersten Lebenstage beisammen gewesen in der Hütte ihres Vaters. Mit seinem Bruder hatte er die ersten Forellen aus dem Wildbache gefischt; mit seinem Bruder hatte er die letzte Träne der in Armut und Kümmernis sterbenden Mutter gesehen und die Segensworte des verscheidenden Vaters gehört. Diesen Bruder, der nun sein Alles und Einziges war, mußte der Jok unsagbar liebhaben, ihm nahm er im Tagwerke die schwersten Arbeiten unter der Hand weg; ihm schob er beim kaum erklecklichen Mahle, das sie gleich auf dem Lehmgrunde des Herdes zu sich nahmen, die besten Bissen zu. Und als der Hans das Weibchen ins Haus brachte, lächelte der Jok glückselig, und als der Jok das neugeborne Knäblein sah, da stöhnte er vor Freude und haschte gleich mit beiden Händen nach dem kleinwinzigen Wesen.
Das Aufrechtgehen auf zwei Füßen hatte der Jok auch nicht gelernt, aber gern und behendig kletterte er mit allen vieren wie die Ziegen und Gemsen. Ein Jägersmann verglich ihn einmal scherzhaft mit einem Ziegenbock. Darüber grinste der Jok freundlich; er hielt den Spott für eine Schmeichelei, denn mit den Tieren hielt er's immer gern. Aber dem Schründenhans tat der Schimpf weh, dem zuckte sein Herz und sein Auge und seine Faust: »Du Jäger, wen geht das Elend meines Bruders was an?«
Der Jägersmann schlich von dannen und brummte: »So Leut' verstehen keinen Spaß.«
Wenn Gottes Sonntag war und die Beile der Holzhauer ruhten, ging der Schründenhans mit seinem Weibe hinaus gegen das ferne Walddorf, wo die Kirche stand. Zuweilen redeten sie gern ein wenig mit dem lieben Herrgott. »Vater unser,« sagte der Hans, und legte seine rauhen, waldharzigen Hände innig zusammen, »nicht meinetwegen red' ich, aber unser Bübel laß aufwachsen frisch und gesund.«
Aber die Hilda wendete sich zum Frauenaltar: »Gegrüßt seist du, Maria, und ein warm Pelzl für den heurigen Winter tät mein Bübel wohl brauchen!«
Der Jok aber ging nie hinaus in das Walddorf; er hütete daheim stets das Haus und die Ziegen und kletterte an den Hängen hin auf allen vieren und pfiff wie die Gemse und bellte wie das Reh.
Von all den Bewohnern der wilden Öde war es seit jeher keinem bewußt geworden, daß sie lebten mitten in der Größe und Herrlichkeit der Natur und daß um sie eine Gottheit in der Schöpfungswerkstatt ewig meißelte. Sie hatten kein Auge für die Erhabenheit ringsum. Nur zu dem Felshorn, das dem Schuttstrom wehrte, blickten die armen Leute zuweilen auf, aber auch nicht, weil dieser Turm als Wall ihr Beschützer war, sondern einer anderen Ursache wegen. Das Felshorn stellte nämlich in seiner Auszackung und Durchfurchung ein riesiges Bildnis vor, eine sitzende Frauengestalt mit einem Kinde auf dem Schoße.
»Da ist unsere liebe Frau mit dem Christkinde herausgewachsen aus der Erden,« so lautete der alte Glauben der Bewohner des Felstales, den auch der Schründenhans in seinem Herzen pflegte.
Und wahrlich, allzu große Einbildungskraft gehörte nicht dazu, der Felsturm war die Himmelskönigin mit dem Zepter und der zackigen Krone; von der Tiefe aus gesehen, saß sie auf dem Throne und hielt das Kind.
Das Bild war etwas vorgebeugt und blickte gerade hinab in die Talschlucht. Das Bild war den Bewohnern der Hütte der Hausaltar, zu dem sie gerne beteten. Die Leutchen konnten nicht daran denken, daß die sonderbare Felsstatue vielleicht Jahrtausende vor der Erwartung des Erlösers und der Geburt Mariens hier oben in den Stürmen der Urzeit gestanden haben mochte.
Nun aber war an dem Felsenbilde noch eine andere Merkwürdigkeit. Zur frühen Morgenstunde, wenn es oben in den hohen Wänden graute und sich die Tafeln sanft zu röten begannen, klang von dem Marienbilde ein Ton herab, wie das ferne Läuten einer Glocke. »Die Himmelschöre singen unserer lieben Frau den englischen Gruß,« sagten da die Hüttenbewohner und erhoben sich von ihrem Lager und beteten.
Der Ton kam von einer Spalte, die zwischen dem Throne und dem Marienbilde klaffte und durch die der Morgenwind blies. Das war nicht seit ewigen Zeiten so, erst seitdem die Hütten waren zugrunde gegangen im Felsentale, sangen die Chöre.
Da kam nun ein Sommer und ein Herbst, in welchem das liebliche Klingen dieser Aveglocke in ein tiefes Dröhnen und in ein klägliches Stöhnen übergegangen war.
»Hans,« sagte da die Hilda einmal, »die Engel läuten nimmer. Was ist unserer lieben Frau angetan, daß sie so bitterlich tut weinen?«
»Wohl, das hab' ich auch schon bedacht,« antwortete der Hans, »ich hab' herumgesucht in meinem Gewissen, bin wohl sündig, aber dasselb' deucht mich doch, schlechter bin ich nicht, wie eh' vor Zeit. Leicht hab' ich mein Bübel zu gern und tu' es in allzu großer Lieb' verderben.«
»Etwa ist es meines Vaters arme Seelen, die so tut weinen,« meinte das Weib, »ich will neun Tag' fasten und das Essen der blinden Bachwabi hinausschicken in das Waldland.«
Sie tat das Buß- und Liebeswerk, auf daß ihr ermordeter Vater erlöst sein sollte, aber das Marienbild oben weinte und weinte.
Da sagte die Hilda einmal, am Ende sei gar die Zeit nahe, in welcher nach Prophezeiung der Vorfahren der Drache wieder hervorbreche, der in irgendeiner Höhle der Felsen lauere.
An das dachte der Hans nicht, obwohl der klägliche Ton von dem Bilde, der zur Morgenfrühe und gar zuweilen auch mitten in der Nacht zu hören war, ihm Besorgnis verursachte. Oft, wenn er nach der Tageslast im Schlummer ruhte oder ein Bild aus Kindeszeiten träumte, erwachte er plötzlich und hörte das schauerliche Weinen.
Und eines Tages, da stieg der Hans die Halde entlang und kletterte hinan bis zu dem Felshorn und an ihm empor, so weit es ging, und prüfte das Gestein. Die Hilda stand vor der Hütte, hielt die flache Hand über die Augen und blickte hinauf. Wie wenn über den Arm der Mutter Gottes und auf dem Haupte des Jesukindes eine Fliege hinkrabbelte, so war von dieser Ferne ihr Mann zu sehen.
Als der Hans dann wieder herabkam zur Hütte, war er sehr schweigsam. Er setzte sich zur Wiege seines Kindes und wiegte. Er sagte dabei kein liebkosend Wort wie sonst; er sang kein Liedl. Still und wehmütig blickte er den lächelnden Kleinen an. Der Jok grinste zum Fenster herein und kicherte und tat unverständliche Laute. Der Hans glaubte, ihn zu verstehen und reichte ihm ein Stück Brot durch das Fenster.
Aber nicht Brot wollte der Jok, viel lieber an der Wiege wollte er sein; allweg wollte er das Büblein tragen und herzen.
Das Weib saß am Herdwinkel und sonderte in Körben die gesammelten Pilze und Kräuter, die für den Winter bereitet waren.
Als sie lange so still gesessen waren, sagte der Hans halblaut: »Da oben schaut's nicht gut aus. Mein Großvater hat oft erzählt, er hätte nicht einmal seine flache Hand in die Felsspalte legen können. Mein Vater hat schon leicht die Faust hindurchgebracht, und jetzt --« der Mann brach ab, das Weib ließ die Hände in den Schoß sinken und blickte ihn fragend an.
»Jetzt,« fuhr er endlich fort, »das muß schon ein flinkes Gemsl sein, will es die Spalte übersetzen.«
Die Hilda war bei diesen Worten rasch aufgestanden und zur Türe hinausgegangen. Bald kam sie zurück und setzte sich schweigend an die Arbeit.
Es kam der Herbst. Stetig rieselte der Bach hin über die Sandfläche; er hatte hier stellenweise Schluchten gerissen, Felsblöcke angeschwemmt, als wollte er ein neues Gebirge gründen im Tale. Im Sande funkelten hier und da winzige Sternchen, als hätten treue Körner die Sonnenstrahlen von den lichten Höhen mit herniedergebracht in die ewigen Schatten. Ein Wassersturz rauschte in einer der hinteren Schluchten. Der Jok stand zuweilen am Bache und sah hinein und wunderte sich vielleicht, daß ewig das alte Wasser und doch ewig ein neues ist -- und wo es denn herkommt und wo es denn hingeht? Er lachte die Wellen aus. Dann legte er sich auf den Sand und starrte schnurgerade in den blauen Himmel hinein, so viel er davon zwischen den Bergwänden sehen konnte. Dann lachte er wieder. Sagte die Hilda einmal: »Der Narr lacht und weiß es nicht, warum.«
»Wenn er nur lacht,« antwortete der Hans, »der gescheiteste Mensch auf der Welt kann nichts Besseres tun, als lachen.«
Freilich, der Hans selber lachte jetzt selten.
Es kam der Winter. Oben in den Felskanten und durch die Schluchten her brausten die Stürme. Es toste und wogte und stöberte in den Lüften, und die grauen Felswände ragten in den Nebel hinein. Es sauste der Wind um die Ecken der Hütte und er winselte an den Fenstern; aber die Töne des Marienbildes waren verstummt. Alle Spalten und Schründe waren gefüllt mit Schnee. Kalte, trockene Luft rieselte nieder von den Mulden der Wände und mit ihr manches Steinchen, das nicht just festgefroren war. An den steilsten Sandriesen hielt sich kein Schnee.
In der Hütte war Dämmerung und die längste Zeit Nacht. Das Herdfeuer knisterte, die Spanlunte im Eisenhaken flackerte und wollte nimmer ruhig brennen. Warm und trotz aller Einsamkeit traulich war es in dem Stübchen. Die Hilda pflegte ihr Kind; sie sagte ihm Worte von dem Vater, der für sie im Waldlande arbeite und allfort sein Kindlein liebe. Sie sagte dem Kleinen Worte von Gott Vater, der im Himmel lebe und seine Englein sende, daß sie den Vater auf Erden beschützten.
Da lächelte das Kind zu den Worten, und schloß es die Augen, so sah es selbst den Himmel und Gott Vater darin, und die Englein flogen an den lichten Felswänden hin und her.
Der Mannbruder pflegte stets die Ziegen und erzählte ihnen in seiner Weise seine Freude und sein Leid, wie er's empfinden konnte. Die Ziegen nahmen teil an allem und gaukelten ihm mit ihren Hörnern vor und beleckten seinen Hals. Das tat dem Burschen wohl.
Der Hans war im Tagelohn und half Holz schlagen draußen in den Herrschaftswäldern. Er wollte am liebsten Tag und Nacht arbeiten und immer ein doppeltes Tagewerk machen; er wollte sich ein Häuschen erwirtschaften im Walddorfe, wo kein grauenhaftes Felsgebilde drohend schwebe über dem Scheitel seiner Familie.
Wie karg ist der Tagelohn im Walde, und jede Woche nur einen einzigen Stein, nur einen einzigen Baum zum neuen Heim konnte sich der Hans erwerben. Am Sonnabend, wenn er sich durch die Eisschluchten und Schneewechten seinem Felsentale zukämpfte, tat er immer einen scheuen Blick hinauf zum Frauenbilde am Hang über seinem Hause. Freilich war es da häufig schon dunkle Nacht und er konnte es da nicht sehen, wie sich »Unsere liebe Frauen« immer mehr und mehr von ihrem Throne nach vorn neigte.
»Es ist zum Erbarmen, Hilda, wie du die ganze Woche in der Einschicht bist,« sagte der Hans einmal.
»In der Einschicht bin ich nicht,« sprach das Weib, »ich hab' das Kind und der Jok tut uns hüten. Gib du nur acht im Walde, daß dich kein Baum mag letzen, und die Stege sind auch vermorscht, gehst du aus und ein in den Schluchten.«
»Warte nur, Hilda, zur Auswärtszeit (im Frühling) übers Jahr heb' ich an mit dem Hausbau; hernach leben wir draußen im Dorf bei den Leuten.«
Als ob er's verstanden hätte, so jauchzte jetzt der Kleine und zappelte mit den Füßchen. Gar dem Weibe selbst zitterte das Herz; so klagend, sehnend, so eigen waren die Worte gesprochen -- -- -- und leben bei den Leuten!
Es kam der Frühling. Wochenlang blies der Föhn und von den Bergschluchten hervor kam der »Maibrunn«, wie die Schneewässer des Frühjahres geheißen werden. Eine Schneelawine um die andere fuhr nieder von den Karmulden der Berge und begrub die größten Bäume unter ihrem Schutt.
Zur selben Zeit verfolgte der blöde Bursche eine Gemse. Sie war niedergestiegen bis unter das Muttergottesbild und nagte dort an einigen Fichtenreisern. Dann erhob sie ihren Kopf, daß die krummen, scharfen Hörnchen gar nach rückwärts standen und lugte herab auf das Hüttendach, unter welchem sie die Ziegen meckern hörte. Es wollte ihr schier einsam werden zwischen den Schneelehnen und Felsen, sie wollte niedersteigen zu Genossen. Das sah denn der Jok, und rechtschaffen flink, wie wenn er selbst eine Gemse wäre, kletterte er hinan, um das Tier heimzuholen. Es war nicht das erste, das er auf diese Weise lebendig heimgeholt hatte, und die Tiere mochten sich denken, der Jok da, der ist gut, der gehört mehr zu uns als zu den mörderischen Geschöpfen, die auf zwei Füßen gehen; der Jok, der tut uns nichts.
Und der Jägersmann hinwiederum durfte dem Jok nichts tun, holte sich dieser auch manches Stück Wild; denn was man mit den Händen fängt in der Wildnis, das vermeint Gott dem Erwerber zu eigen.
Heute aber machte das Gemslein, als es den Burschen gewahrte, lange Füße die Lehne hinan; das Tier gestand es ja zu: der Jok mag ein ehrlicher Kerl sein, aber es traute jetzt nicht. Spärlich Nahrung haben sie da unten. Wollte man das Gemsel wirklich für den Ziegenstall oder vielleicht zu etwas anderem? Wer konnte es wissen!
Das Tier war fort und der Jok stand oben beim Felshorn und starrte verdrießlich drein. Zuletzt kletterte er auf den Felsen, wie er es von seinem Bruder einmal gesehen hatte und guckte durch die klaffende Spalte, in der Schnee und Eis und niedergebrochene Steine lagen. Er guckte eine lange Weile und legte dabei den Kopf auf die rechte Achsel und auf die linke und röchelte und ballte die Fäuste zuletzt und war glührot im Gesicht.
Als er hierauf zurückkam ins Tal, wich er der Schwägerin aus; sie sollte es nicht merken können in seinen Augen, was er oben gesehen. Wozu der Schreck und die Angst, wenn die Sache verhütet wird? Er schlich in den kleinen Bretterschuppen, nahm Scheiter und Balken und eine schwere Axt, trug sie hinan auf den Hang und schlug die Blöcke durch Schnee und Gestrüppe in die Erde.
Was mag dem Jok wieder eingefallen sein? dachte das Weib bei sich, aber sie ließ den Burschen gehen und schaffen. Es wurde Abend, die Ziegen meckerten im Stalle: wo denn heut' der Jok sei? Gar das Bübl in der Wiege ließ klug seine Äuglein lugen, wo denn der Jok ist, der sonst gern daneben sitzt und mit den kurzen dicken Fingern Schattenspiele und sonst allerhand Schwänke macht, daß es zu lachen ist. Der Jok war oben am Hang; die Hilda sah ihn nicht in der Dunkelheit, aber sie hörte die Schläge auf die in den Boden zu treibenden Blöcke. Die Schläge hallten in den Felsen, und als Hilda rief: »Jok!« so hallte es wieder nur in den Felsen und das Pochen da oben währte die ganze Nacht.
* * * * *
Wanderer, die in das Walddorf kamen, erzählten, daß draußen in den weiten Tälern das Getreide schon hoch in Ähren schieße und die Apfelbäume blühten. Im Hochgebirge aber brausten die fahlgrauen, reißenden Fluten des Wassers und sie wälzten Eisstücke und Bäume und Steinblöcke aus den Schluchten. In den Schutthalden war es lebendiger als je; in die Mulden sickerten immer mehr die Schneefelder der Kare und Schründe zusammen und Wässer rieselten von allen Hängen in zitternden Schleierfällen, bis die ungeheuren Schneelasten in den Mulden ins Schieben und Rutschen kamen und mit einem gewaltigen Donnern, alles vor sich niederwerfend und mitwälzend, in die Tiefen fuhren.
Da hielten die Holzschläger draußen im Waldland ein bei ihrer Arbeit und horchten dem dumpfen Gedonner, das hier und dort durch die Felsschluchten rollte und an den hohen Wänden widerhallte.