Part 22
Am fünften Tag hatte der Knabe unter Geschrei und Gelächter das lose Reh erwischt, mit beiden Armen hielt er das Kopfkissen fest und verlangte von der Mutter, daß sie dem ungebärdigen Tiere die Füße binde. Bald darauf fiel er dahin. Im Halbschlummer lag er ruhig da, manchmal im Gesicht totenblaß, dann wieder brennend rot. Einmal schlug er die Augen auf, hob das hagere Händchen ein wenig gegen seine Mutter, die unausgesetzt in heißer Angst, aber klaglos, an seinem Lager war. Er lächelte auf sie hin und hauchte: »Mutter!«
Dann schlummerte er ein -- und ist nicht mehr erwacht.
Zwei Tage später, als sie das Särglein hinabtrugen nach Hollersbach, stand am Kirchtor der Pfarrer und deutete mit dem Arm, sie sollten es in die Kirche tragen. Und als der kleine Sarg drinnen stand vor den Stufen des Altars, an denen der Franzl im kindlichen Dienste des Herrn auf- und niedergestiegen war, las der Pfarrer die Messe. Bei dem Offertorium, als er sich gegen das Volk wandte mit dem Spruch: »+Dominus vobiscum+« und das helle Stimmlein nicht mehr beisetzte: »+Et cum spiritu tuo!+« sah man, wie dem alten Mann eine Träne über die Wange lief.
Als sie nach dem Gottesdienst den Sarg aus der Kirche gegen den Friedhof trugen, war das Tor dicht besetzt von armen Leuten, die sich jetzt dem Zuge anschlossen und beteten.
Frau Rathel blickte hinab ins tiefe Gräblein, an dessen einer Wand das Brett von der Truhe ihres Mannes zu sehen war; so nahe wurde nun der Franzl zu seinem Vater gelegt. Die Frau starrte stumm, klaglos, gebetlos, trockenen Auges hinab. Erst dann löste sich ihr Weh in Tränen, als der Pfarrer nach der Einsegnung sie an der Hand nahm, einige Schritte hinwegführte und die Worte sprach: »Sein kurzes Leben war ein einziger großer Opfertag. Was er hier schon war, das ist er nun dort -- ein Kind Gottes.«
Dorfbilder
Almleute und wie sie sich miteinander unterhalten.
Was werden sie denn auch schwatzen, die Manns- und die Weibsleute, wenn sie einmal zusammenkommen in der Bauernstube oder oben in der Almhütte?
Im Schwatzen sind die Alten am schlimmsten, das weiß man.
»Gehst mit?« frägt der Stiesel-Joachim seinen Kameraden.
»Wohin?«
»Auf die Donnersbach-Alm.«
»Was tun?«
»Weiberleut' hänseln.«
»Ist mir nix um (bin dabei)!« sagt der Kamerad.
Sonntagsnachmittag. Da sitzen die Sennerinnen von den zwei Hütten beisammen in der einen und bessern ihr Gewand aus, das die Woche über in scharfer Arbeit Schaden genommen.
Die Männer treten zur Tür ein, die ist nur für Weibsbilder hoch genug und die Männer müssen sich tief demütigen, wenn sie hereinwollen.
»Da sitzen auch zwei Nichtsnutzige beisamm'!« mit diesen Worten begrüßt der Stiesel-Joachim die beiden Senninnen.
»Gleich und gleich gesellt sich gern,« sagen die Dirndln, »geht's nur her zu uns.«
»Ist ein Lapp, der Schulmeister von Christofen,« springt jetzt der Joachim über, nachdem er sich an den Tisch gesetzt und seine Pfeife angebrannt hat.
»Wesweg?« frägt sein Kamerad.
»Weil er eine neue Wissenschaftlichkeit erfunden hat. Zu meiner Zeit haben wir drei Naturreiche gehabt in der Schul', jetzt hat er fünf.«
»Und das wären?«
»Die Mineralien, die Pflanzen, die Tiere, die Weiber und die Menschen.«
»Du Narr!« lacht die Marei, »da hat er noch eins ausgelassen: die Männer. Die kommen noch vor den Tieren!«
»Die kennt sich aus!« schmunzelt der Kamerad.
Der Joachim wendet sich zu diesem und in aller Ernsthaftigkeit tut er die Frage: »Hat er nicht gesagt, der Herr Pfarrer bei der Predigt, daß kein Weibsbild in die Höll' kommt?«
»Weil kein's mehr Platz hat unten,« meint der Kamerad.
»Wird halt von den Männern schon voll sein,« sagt die Thresel.
»Ein anderer Grund,« versetzt der Joachim ruhig und bläst ein Bündel Rauch aus. »Die Weibsbilder sind nämlich dem Teufel zu schlecht.«
»Bedanken uns schön,« sagt die Marei.
»Nichts zu danken. Ist gern geschehen.«
»Nachher kann man sich's freilich denken,« sagt die Thresel, »daß den Mannern in der Höll' höllisch langweilig wird. Ohne Weibsbild halt's ja keiner aus.«
»Ist auch so,« spricht der Joachim. »Ohne Weibsbild weiß es keiner, wie gut es ihm geht.«
Das alles und anderes wird mit größter Ruhe und Ernsthaftigkeit vorgebracht, bis die Marei frägt, ob sie die gottlosen Mäuler nicht mit Milch und Käse zustopfen sollte?
Wäre ein gutes Mittel, meint der Kamerad.
Die Jüngeren haben sich bislang im Hintergrund gehalten. Um sie hervorzukriegen, sagt die Marei: »Was müssen denn dieselbigen dort angestellt haben, weil sie sich nicht herfür getrauen aus dem Winkel?«
Der Forstjunge Heinrich sitzt dort, der sagt nicht viel, schmunzelt ein wenig und schmaucht sein Pfeifel. Wer ihn recht besieht -- und die Marei besieht ihn recht -- das ist ein Kerl, den sich der Herrgott selber zum Muster nehmen kann, wenn er irgendwo auf der Welt schöne Leute erschaffen will. Daß er etwas schweigsam ist, das macht nichts, es plaudert schon sein feuriges Auge und solche Weltsprache ist den Weibern auch die verständlichste.
»Gewissen erforschen wird er, der Heinrich,« meint der Joachim, »er will ja jetzt die Jägerei lernen.«
»Uh, bei diesem Freudenfest möcht' ich dabei sein!« ruft die Marei aus.
»Bei welchem Freudenfest?« frägt nun der Heinrich.
»Das die Hasen und Hirschen halten werden, wenn du Jäger wirst!«
»Der Heinrich mag niemanden umbringen,« sagt der Kamerad.
»Im Gegenteil,« setzt der Joachim dazu.
Der Heinrich nimmt seine Pfeife aus dem Mund, pflanzt mit der Spitze derselben noch das Schnurrbärtel auf nach rechts und nach links, dann läßt er das Liedel los:
»Bin a Jager, a frischer, Ih woaß nur zwen Ständ': Van Dirndl ihrm Fenster Und ban Gamsl im G'wänd'.«
»Singen kann ich auch,« sagt die Marei und hebt an:
»Oft a Jager, a frischer, Gor keck is sei Bluat, Hot Kuraschi für vieri, Wan eahm neamand nix tut.«
Nun packt der alte Joachim aus:
»Wan ih auf Kumerbergkirchn geh, Leg' ih mein bestn Rock on, Wan ih däs Dirndl in da Kirchn seh', Schau ih koan Heilign nit on.«
Dem entgegnet die Thresel:
»Hau, Bua, du liabst mih, Wanst mih liabst, kriagst mih, Wanst mih treu liabst Konst mih hobn -- wanst mih kriagst.«
Rückt sich jetzt der Kamerad des Joachim gegen die Thresel und versucht es ernsthaft:
»An deiner Rechtn laß mih sitzn, An deiner Rechtn sitz ih gern, Wan mir still banonda sitzn Konst mei Herzel klopfn hörn.«
Drauf sie:
»Du bist holt a so a Büabel, Bist a so und bist a so, Du bleibst nit bei oan Dirndl, Host ollaweil deini zwo.«
»Da weiß ich noch ein Schöneres für den!« sagt die Marei und singt:
»Dir is ka ~Liabi~ nit recht, Dir will ka ~Bravi~ nit g'folln -- Wanst a ~Schöni~ willst hobn, So loß dir oani moln.«
Ähnlich geht's fort. Wie aber alles ein Ende hat, so auch der Sonntagnachmittag auf der Alm. Der alte Joachim ist so lange gesessen auf der Bank, daß ihm die Beine starr sind, wie er nun aufsteht.
»Jetzt wünsch' ich euch eine gute Nacht, Weibsleut',« sagt er, »ich denk', die wird euch recht sein.« Damit trottet er mit anderen davon. Ob alle schon gehen? Verbürgen kann ich's nicht. Heinrich, der Schalk, muß die Marei sicherlich noch ein wenig necken. Ein Blumensträußel steckt er ihr an den Hals -- ist aber eine junge Brennessel dabei. Sie kommt ihm über die Pfeife und tut heimlich gebeizte Harzkörner hinein, so daß er auf einmal eitel Weihrauch schmaucht. Dann stiehlt sie ihm die abgemauserte Feder vom Hut und steckt eine frische drauf -- und schließlich -- ach Gott, ich verplaudere die Zeit.
Übers Jahr, wenn Ihr anfragen wollet -- sie dürften ein Paar sein, und hoffentlich necken sie sich dann auch noch. Aber, so Gott will, nicht zu scharf.
Der Sonntagsbauer.
Die Woche über sind wir etwas Besonderes. Sei es nun, daß schöne Frauen zu uns kommen und sich von uns schmücken lassen mit Seiden, Ketten, Ringen und edlen Steinen, oder sich gar andere Süßigkeiten des Lebens von uns reichen lassen, als etwa Zucker, Korinthen oder feines Gewürze; sei es, daß uns hungrige Hofräte aufsuchen oder durstige Generäle, die wir atzen mit Speise und Trank; sei es, daß wir gar eine Stelle einnehmen, vermöge welcher wir Barone und Grafen bei der Nasenspitze anfassen dürfen -- kurz, die Woche über sind wir etwas Besonderes.
Der Salon ist unser Bereich, auf glattem Parkett gleiten unsere glänzenden Stiefeletten, und Gelocke wie etwaiger Bart sind stets in so musterhafter Ordnung, daß wir jeden Augenblick in den Auslagekasten des Friseurs gestellt werden könnten. Unsere Bewegungen sind durchaus nobel, unsere Ausdrucksweise ist fein gebildet, unsere ganze Erscheinung hochelegant. Alles Unfeine, Plumpe und Tölpelhafte belächeln wir mit Recht, und am wenigsten wollen wir zu tun haben mit »dummen Bauern«. Kommt aber der Sonntag, so werden wir selber -- ein Bauer.
Denn das ist Mode. Ein Werktagsherr -- ein Sonntagsbauer. Am Werktag geht der Bauer hinter dem Pflug oder handet mit der Mistgabel -- das ist nichts für uns; aber am Sonntag hat der Bauer sein schönes Gewand an, sitzt im Wirtshaus oder wandelt scherzend über Wiesen und Matten, und für den Sonntag läßt er Gott sorgen.
Da mögen wir es schon mit ihm halten. Das Gewand will zwar nicht immer passen, aber zum Glück gibt es Bauernanzüge für Stadtherren, wattierte Kniehosen, Strümpfe, in denen die Waden schon drinstecken, was sehr bequem ist. Der steife Lodenrock mit den Hirschhornknöpfen hat seine Füllungen derart, daß das städtische Gerüstlein, welches etwa hineinkommt, ganz respektabel gestellt ist. Noch läßt sich der Sonntagsbauer die Sonne recht fest ins Gesicht scheinen, weil sie die Stadtfarbe auszieht. Beim Gehen macht er verdammt große Schritte, hält die Knie gebogen, setzt seinen Bergstock wütig auf den Boden, nebelt aus einem Tabakspfeifentiegel, den er mit Schwamm und Stein in Brand steckt, und ruft von Zeit zu Zeit: »A belei!« oder »Soackera!« und ist nun überzeugt, daß ihn kein Mensch von einem wirklichen Bauern unterscheiden kann. Nur der brettfeste Stehkragen und Manschetten mit den Goldknöpfen retten ihn noch für die gebildete Welt.
Wo er auf dem Wege einem wirklichen Bauern begegnet, hebt er einen Diskurs an über die Landwirtschaft. Da zeigt sich nun die Überlegenheit des Sonntagsbauers gegen den Werktagsbauer. Diesem stehen die Haare zu Berg, so viel und so gescheit spricht jener vom Feldbau, von Waldwirtschaft und Viehzucht.
»Ja, ja, mein lieber Bauer,« sagt der Sonntagsbummler und klopft jenem auf die Achsel, »das macht das Studium. Einer von uns muß doch mehr verstehen als der andere. Wie heißet Ihr denn?«
»Jawohl,« antwortet der Bauer, »und einer von uns zweien ist ein Esel. Ich bin der Höfelberger.«
Wo der Sonntagsbauer auf dem Wege einem Weibsbild begegnet, da hebt er mit ihm ein Getue an, genau wie es in den Dorfgeschichten zu lesen steht. Die Dorfgeschichtenschreiber jedoch sind Schäker und lassen gern aufsitzen. Der Stadtherr wird gefoppt.
An seinem Lodenrock steifen sich nachgerade die Haare auf vor Ärger, wie er gefoppt wird, aber der drinnen steckt, merkt es gar nicht.
Sitzt ein junger, im ganzen fürs Auge gar nicht übler Stadtherr in der Sennhütte. Schon im vorhinein denken die Almer, als sie sein rotes Buch, seinen Operngucker, seinen Kompaß und dergleichen sehen: Armer Teufel, der schleppt seine ganze Gescheitheit, die unsereiner im Kopf muß haben, in der Taschen mit sich. -- Der Herr hat zwar Bauerngewand an, gibt sich aber so, daß die Almleute meinen sollten: Wer weiß, was das für ein Herr ist! Auch Grafen und Fürsten steigen im Lodenrock um, heutzutag. Alleweil wendet er sich so, daß seine goldene Uhrkette, seine Brillantringe den Leuten in die Augen springen. Mit feiner Manier hält er die Meerschaumspitze, in welcher eine duftende Zigarette steckt, zwischen den Fingern, mit zarter Grazie ißt er etwelches von Brot und Käse, so er sich vorsetzen ließ, spricht nicht viel, aber mit würdevollem Nachdruck, läßt durchblicken von Pferden und Lakaien und beginnt -- selbstverständlich in höchst nobler Weise -- mit den Sennerinnen galant zu werden. Aber bei der vornehmen Darlegung seiner Weltweisheit passiert ihm das Malheur, daß er Unsinn schwatzt, und bei der Liebeswerbung, daß er anfangs fein gefrotzelt und hernach ausgelacht wird.
Darüber ist unser Stadtherr nun etwas konsterniert.
Eine der Sennerinnen will ohnehin höflich sein und hält ihre Hand vor das Gesicht, aber endlich ist der Lachdrang mächtiger als das Anstandsgefühl, und sie platzt heraus und gibt der Katz' die Schuld, die soviel ein spaßiges Vieh sei.
Die Katz' ist gar nicht da und muß eilends etwas Possierliches von ihr zusammengelogen werden. Dem Salonbauer wird unheimlich. In ernsthaft freundlicher Art benehmen sich die Almleute gegen ihn, weil er aber nun doch ein gar zu verdutztes Gesicht macht, so ergötzen sie sich immer mehr.
Ein alter Hirt ist dabei, der legt seinen Kopf so über die Achsel eines anderen und sagt nicht ein Wort, aber man merkt's, er ist noch der Boshafteste unter allen. Zum Glück für ihn kann unser Städter nicht Gedanken und Mienen lesen.
Du, mein Leser, bist besser dran, schau' einmal auf das Bild »Der Salontiroler«, und du weißt alles. Nicht ein einziges Wort brauche ich dir mehr zu sagen.
Daß der feine Stadtherr allmählich aufsteht und kleinlaut davongeht, kannst du dir denken. In seinen städtischen Kreis zurückgekehrt, weiß er von pikanten Liebesabenteuern zu erzählen, wie das »göttlich« gewesen sei in der Sennhütte, wie er dort eine ganze Bauerngesellschaft, die sich um ihn versammelt, auf das Köstlichste unterhalten habe. Gelacht sei worden, gelacht ....! Schon »gekugelt« hätten sich die guten Leute vor Lachen!
~Warum~ so sehr gelacht worden ist, das sagt unser Sonntagsbauer aber nicht. Weiß es vielleicht kaum -- ahnen mag er's wohl.
Da hat der Florian wieder einmal einen heraufgebracht zur Almhütte der Gunde. Einen gar gelehrten Herrn, der gewißlich auf eigene Faust in der Mineralogie und Botanik umgeht und nebenbei -- wie er sagt -- ein bißchen »Ethnographie« treibt. In das letztere Fach gehört es auch, wenn sich der Herr Professor jetzt an die Gunde wendet und seine Freude ausdrückt über ihr prächtiges Aussehen. »Bedank' mich,« sagt sie und denkt: es tät' sich schicken, daß ich ihm jetzt dasselbe sagen sollt', dem zaundürren Schippel. Lassen wir's aber gut sein.
Ob sie wohl wisse, frägt er sie dann, daß auf ihrer Alm so prächtige Exemplare des +Sempervivum Wulfenii+ vorkämen! Und zeigt ihr ein Exemplar davon.
»Was will denn der Herr mit der Hauswurz?« frägt sie entgegen. »Fürs Ohrenreißen ist sie gut, wenn Er's einmal hat. Die dicken Blätter zerdrucken, den Saft einträufeln.«
»I wahrlich!« ruft er und lugt sie an, »leider habe ich seit der Volksschule nicht mehr Ohrenreißen gehabt.« Er kann witzig sein. Hierauf weist er ihr die buxbaumblätterige Kreuzblume, die er auch gefunden hat. Er gedenkt sich durch die Blume allmählich in ihr Herz zu schleichen. Vor der Wissenschaft wird sie doch Respekt haben. »Man nennt diese Pflanze,« sagt er, »+Polygala Chamaebuxus+.«
»Kamel Buxus!« sagt sie, »das ist ja das Lappenkraut. Da wäre mir das Blümel Herzlieb schon lieber.« Und lugt, wie sie da spricht, schalkhaft auf den Florian hin.
»Und ein Tausendguldenkräutel dabei,« antwortet der Bursche. »Kein übles Sträußel.«
Der Gelehrte kommt hierauf mit einer +Campanula+.
»Das ist die Zwiderwurzen!« lacht die Gunde auf.
»Nein, mein liebes Kind,« antwortet der poetisch werdende Stadtherr, »das ist die Glockenblume, die läutet den Frühling ein.«
»Schön von ihr,« sagt die Sennerin und schmunzelt gegen den Florian hin, der sich auf die Wandbank gesetzt und seine Pfeife angeraucht hat, als ob sie ihn mit den Augen fragen wollte: Was hast mir denn heut' wieder heraufgebracht?
»Das Schönste aber habe ich da drinnen,« flüstert der Gelehrte und tut ein Büchschen hervor, »das will ich -- wie heißt du doch, mein Kind?«
Sie trällert:
»Marei und Kathrin, Und der Zinner macht Zinn, Und der Schuster macht Schuh' Wann's dich g'freut, so frag' zu!«
Er droht ihr schäkernd mit dem Finger. Daß sie ihn neckt, er hält es für ein gutes Zeichen.
»Also Marei und Kathrin,« sagt er, »was ich da drinnen hab', das will ich dir schenken. Zum Angedenken. Es ist das hier seltene +Cerastium uniflorum+.«
»Ih mag dih nit!« ruft sie aus.
»Wie meinst du?« frägt er.
»Ih -- mag -- dih -- nit -- Kräutel heißt's bei uns,« ist ihre Antwort.
Jetzt schwant ihm beiläufig, er dürfte hier überflüssig sein. Wohl erbittet er sich Milch und Käse, was ihm auch nicht versagt wird -- denn schließlich ist er doch als ein armer Reisender anzusehen. Er zieht es vor, den Imbiß draußen im Freien einzunehmen, und als er damit fertig ist, schreibt er in sein Notizbuch folgende Zeilen:
»Die Flora ist in diesem Gebirge höchst mannigfaltig, nur zu beklagen der Indifferentismus der Bevölkerung, welche noch tief in der Nacht des Aberglaubens steckt. Mir ist eine Person vorgekommen, welche die Namen einzelner Pflanzen kurzweg fälschte und die lieblichen Kinder Floras mit geradezu barbarischen Ausdrücken belegte. Wie arg durch Duldung solcher Zustände der Verdummung des Volkes Vorschub geleistet wird, brauche ich wohl nicht zu erwähnen. Es wäre Sache der Volksbildner sowohl wie der löblichen Alpenvereine, in den Bauernhäusern und Alpenhütten Tafeln mit den Abbildungen der in der Gegend vorkommenden Gestein- und Pflanzenarten und deren wissenschaftlichen Namen aufhängen zu lassen.«
»Ja, ja, wenn erst die Kühe lateinisch können!« lacht hinter ihm plötzlich die ungezogene Sennerin auf. Da frägt der Herr, was der Imbiß koste, tut sein Kupfernes auf das Tischbrett und geht kopfschüttelnd seinen Weg.
Der Sim-Sampel.
Der Sim-Sampel! Er besaß einen großen Bauernhof und alles was dazugehört und sonst noch mancherlei Haupt- und Nebensächliches. Unter letzterem war auch sein Weib, eine kleine, dicke Person, die außer ihrer Hühnerzucht sich um weiteres nicht kümmerte. Sie mästete, fütterte und pappelte alle Tierlein selber und hatte es sogar mit einer Brutmaschine probiert. Diese warf sie wieder weg, Hahn und Henne, meinte sie, machen es in herkömmlicher Weise besser. An fünfhundert »Henndln« verkaufte sie manches Jahr und zehnmal so viel Eier. Besonders im Monat März ging ihre Körbelträgerin ununterbrochen zwischen dem Sim-Sampelhof und dem Mürztale hin und her. Was die Mürztaler für Eiermarder sind -- man glaubt's nicht. Der Sim-Sampel selber war aber auch einer. Zum Frühkaffee und »Schunken« zwei lehngekochte Eier, vormittags zum Milchbrot zwei Eier, nachmittags drei Eier in Schmalz, abends nach dem Nachtmahl auch noch ein paar. Eier kann der Mensch nie genug essen, war seine Meinung, Eier hat die Kirche sogar an den Fasttagen erlaubt, daraus die Unentbehrlichkeit dieser Nahrung genugsam erhellt.
Nachdem der Sim-Sampel etwa so an seine hunderttausend Eier verzehrt hatte, wurde er krank. Zuerst der nächstbeste Arzt, aber der machte es mit seinem Pulver nur noch schlechter. Eilends der Wagen um den Doktor nach Bruck; der erschien nur, so ward es schon besser, denn er kam gerade zu rechter Zeit. Dann aber blieb es wochen- und monatelang übel, der Sim war nicht krank und nicht gesund. In seinen Körper kam so eine gewisse Schwammigkeit und der Arzt fürchtete eine Herzverfettung. Doch tat dieser Brucker Doktor alleweil nichts, als Lebensweise verordnen, bis der erboste Bauer endlich die flache Hand auf den Tisch schlug und sagte: »Ja, mein lieber Herr, was ist's denn mit uns zweien? Zum guten Rat geben kann ich alte Weiber haben, so viel als der Will. Ein Doktor, der keine Medizin hat, ist bei mir kein Doktor! Jetzt serb' (kränkle) ich schon seit Michaeli, wir haben Weihnachten und ich hab' noch keine ordentliche Medizinflaschen gesehen. Für was verdoktert einer denn sein gutes Geld, wenn er nichts zum Einnehmen kriegt?« -- Weiter sprechen wollte er, war aber schon heiser. Der Doktor war noch ein junger, unerfahrener Mann, er sagte also: »Einnehmen wollen Sie? Aber Sie nehmen ohnehin zu viel ein, lieber Sim-Sampel! Nicht so viel Schmalzkoch und Eierschmarrn essen und nicht so viel pipperln! Des Abends früh schlafen gehen, des Morgens früh aufstehen. Fleißig Zimmer lüften. Den Körper hübsch reinlich halten, mit kaltem Wasser waschen, Bewegung machen --«
»Jesses Maron!« unterbrach ihn der Bauer, »wenn ich das alles tun will, nachher brauch' keinen Doktor!«
»Brauchen auch keinen«, sagte der Arzt ruhig.
»Aber Mensch, ich will eine Medizin haben, die mich gesund macht. Das ist der Medizin ihre Schuldigkeit, und da wird man doch nicht erst neue Bräuch' einführen müssen. Und der Herr Doktor tut mir einen Gefallen, wenn er gleich sagt, was ich schuldig bin für sein Hergehen, was freilich für die Katz ist gewesen.« Weil es ihm den Atem verschlug, so gurgelte er nur noch für sich hin: »Ist mir auch noch mein Lebtag nit vorgekommen, drei Monat krank sein, einen Doktor haben und keine Medizin kriegen. Nit einen Fingerhut voll Medizin. Wie soll der Mensch da gesund werden!«
Am nächsten Tage stand der Tisch neben seinem Bette voller Flaschen. Große Flaschen mit bräunlichem Inhalt zum Einnehmen, alle Stund' einen Eßlöffel voll; in kleinen Fläschchen Tropfen auf Zucker zu nehmen; in anderen Fläschlein Tropfen zum Einreiben; in Tiegeln Salben zum Schmieren; in Rollen Plaster zum Auflegen. Auch ein Topf mit Igeln war da, diese Tiere sollten die Krankheit herauszuzeln. -- Das war aber nicht vom Brucker Doktor, das war von der Krautgruben-Liesel in Allischbach. Und das war was anderes! Schon am ersten Tage lebte der Sim auf. Später kamen freilich wieder die alten Übel und manchmal schlimmer als vorher, aber das war die schlechte Jahreszeit. Er aß nun nicht mehr so viel Schmalznudeln und Schweinfleisch, denn die Medizinen hatten seinen Magen so gründlich kuriert, daß er gar keine Eßlust mehr verspürte.
Weiter sage ich nichts von ihm. Leben wird er kaum mehr.
Schalkhafte Bettelleute.
»Junger Bauer, alter Bettler« rief jener Knecht auf dem Wege nach der Fabrik in den Hof zurück.
»Hol' dich der ...!« schrie der Bauer und warf ihm den Dreschflegel nach, aber so, daß er nicht traf. Der Knecht hat eigentlich recht, dachte der Bauer, ich wollt' auch davonlaufen, wenn's sein kunnt.
Wird es schon bei den Hausbesitzern oft wahr: Junger Bauer, alter Bettler! bei den Dienstboten stimmt es fast immer. Werden sie alt oder sonst arbeitsunfähig, so kommen sie in die Einlege, das heißt, sie werden behördlich der Gemeinde »eingelegt« und von dieser in den Gehöften abwechslungsweise verpflegt. Das ist aber eine gebundene Marschroute und platzweise ein erzwungener Aufenthalt, der manchem Armen nicht behagen will. Dann tut er etwas, das wir eine Urlaubsreise oder eine Ferienwanderung nennen könnten -- er nimmt seinen Buckelkorb und seinen Stecken und geht einmal ein wenig in die Fremde. Dort hat er »bissel was zu tun«. Er tut's auf eigene Faust, nach eigener Wahl der Gegend und der Häuser, bei denen er zuspricht. Das ist unterhaltlicher, man lernt dabei Land und Leute kennen, hat Abwechslung im Essen, an Herberge und sammelt sich einen kleinen Vorrat an Fleisch, Speck, Mehl, Schmalz, von jedem etwas, um daran -- in die Einlege zurückgekehrt -- sich heimlicherweise einen Leckerbissen zu gönnen. Es ist schon geschehen, daß so ein armer Einleger seinen Hausbesitzer eingeladen hat, mitzuhalten, gemeinsam solche gesammelte Kostbarkeiten zu verzehren, und daß der Besitzer als Gast des Bettlers ein besseres Mahl genoß, denn der Bettler als Gast des Bauers. Das Störende bei solchen »Ferienwanderungen« sind die Gendarmen. Weil der Staat die Armen nicht abbringen kann, will er die Bettler abbringen. Aber der Gendarm, der so einen Vagabunden anhält, wird nicht immer sehr ernst genommen, so martialisch derb er auch nach dem Wanderbuche fragt.
»'s Wanderbuch? Was für ein Wanderbuch?« tut der Bettler mit einfältiger Miene zurück. »Ah, ja so, 's Büchel wöll'n S' haben. Ich bitt', gleich, gleich. Da ist's ja schon. Oha, das ist ein Stück Brot. Hat mir die Grübelschusterin geschenkt. Ein braves Leutel, die Grübelschusterin.«
»Das Wanderbuch will ich sehen!«
»Aber ja, Herr Justizrat!« Er sucht in seinem zerfahrenen Rocke, in allen Säcken umher. »Werden's ja gleich haben. Wenn der Mensch so viel Säckel hat! Da ist's ja. Noch nit? Der Teuxel, jetzt hab' ich wieder 's Betbüchel derwischt.«
»Betbüchel? Zeigen Sie her! Das sind ja Spielkarten!«
»Richtig, Herr Standar, das sind Spielkarten. Geh'n S', sein S' gut. Setzen wir uns zusamm' da im Schatten, machen wir ein Bot (Spiel) miteinand'.«
»Ich will das Wanderbuch sehen!«
»So muß es im Leibelsack sein, das narrische Büchel!« Der Bettler greift in die innere Westentasche, und zwar so tief, daß unten die Finger hervorgucken, macht ein verdutztes Gesicht, tut einen Pfiff und sagt langsam: »Ah, das ist jetzt gut. Der Leibelsack hat ein Loch.«