Part 17
Draußen stand ein alter, gebückter Mann, dem das weiße Haar auf die Schulter niederhing. »Ist er das?« fragte dieser einen Beamten und zeigte mit dem Finger auf Heimgartner. »Ihr seid es? Aber seid Ihr's denn richtig, Mensch? Seid Ihr denn nicht noch naß? Ach, freilich seid Ihr's!« so rief der alte Mann leidenschaftlich dem Bahnwächter zu und torkelte auf ihn hin, erhaschte seine Hand und drückte seinen Mund darauf und seine Wange. »O du Hand, du! O du liebe, brave Hand, du! Mein Buberl hast mir aus dem Wasser gezogen. Mein einzig's Herzensbuberl. Weg wär's! In den Fischerlhimmel wär' es gefahren! Nasen und Mund voller Schlamm, so hätten sie's herausgezogen morgen oder übermorgen. Hi, hi, hi, so lass' mir's doch, Bahnwächter, diese brave Hand, du, du!« -- Und er hörte nicht auf, sie zu herzen und zu küssen, und dabei lachte er grell.
»Aber Großvater!« rief hinter ihm ein jüngerer Mann, »seid nicht kindisch! -- Ihr müßt ihm schon verzeihen, Bahnwächter. Er ist halt ganz aus dem Häusel. Geht mir selber nicht viel besser. Verscheidenläuten täten sie jetzt auf dem Kirchturm, wenn ihr nicht wäret gewesen. Wie dem Nachbarsdirndl wär's ihm ergangen, unserem Friedl. Das Mädel ist auch so ertrunken vor zwei Jahren. Mein Gott, jetzt bin ich hergekommen und weiß nicht, was ich soll sagen. Mein bestes Paar Ochsen -- gern, gern. Für so was kann man nicht danken genug! Und die Milch sollt Ihr haben, so lang' Ihr sein werdet auf dem Wächterhaus.«
»Ich werd' nicht mehr lange drauf sein,« sprach der Bahnwächter und lachte bitter.
»Gelt nein! Gelt nein!« rief der junge Bauer. »Ihr tut jetzt avancieren und das g'hört sich auch. Nur sagen tut es, was wir Euch geben dürfen. 's ist unser erstes Kind -- und leicht auch unser letztes. Der Donner noch einmal! Daß der Fratz immer so herum zu kranzen hat beim Wasser! Ist er nur erst ganz trocken, der kriegt's! Der kriegt's von mir!« -- In Zorn hatte er sich geredet und mit dem Arm machte er die Bewegung des Züchtigens.
In demselben Augenblick kam die Mutter mit dem Knaben herbei. Der war schon trocken und hatte sein Sonntagsgewand an. Und hatte noch einen roten Hals, weil er daran gerieben worden war. Als der Bauer sein Söhnlein sah, sprang er drauf hin, riß es vom Boden empor an seine Brust mit Leidenschaft. Das war wohl die ganze Züchtigung dafür, daß der Junge auf den Weidenbüschen immer so »herumkranzte« und ins Wasser fiel. -- Die Bauersfrau war gekommen, um in bewegenden Worten ihr dankbares Herz auszuschütten vor dem Lebensretter. Nun stand sie vor ihm und schluchzte in die Schürze und konnte kein Wort hervorbringen, und schämte sich, daß sie gekommen war, um ihm vorzuweinen. Plötzlich fuhr sie auf und schrie zornig dem Knaben zu: »Nau, wirst gehen!? Bedank' dich bei ihm, daß d' lebst!«
Der Bahnwächter stand betroffen da und wußte nichts zu sagen. Da legte der Oberinspektor ihm die Hand auf die Achsel und schnarrte barsch: »Das muß Sie ja freuen, Heimgartner! -- Sagen Sie einmal, wollen Sie nicht nach Wien? Ein Mann mit der Rettungsmedaille findet leicht eine Stelle. Bei der Sicherheitswache, oder als Flußaufseher, oder in einem Bureau. Besser wie auf der Strecke geht's Ihnen überall, und was in meinen Kräften steht -- --«
Der Heimgartner besann sich. Dann sagte er: »Schön' Dank, Herr Oberinspektor. Ist gut gemeint. Aber weil ich schon einmal zufällig frei geworden bin, so will ich ein bissel frei bleiben. Vielleicht läßt sich auch außer Dienst was schaffen!«
Der Oberinspektor hatte wieder begonnen auf dem Platz lebhaft hin und her zu gehen. Dabei knurrte er: »Außer Dienst, natürlich! Außer Dienst!« Plötzlich blieb er stehen vor dem entlassenen Bahnwächter: »Sie haben recht. Die besten Dinge geschehen außer Dienst!«
Die schlaue Almerin.
»Jetzt möcht' ich schon wissen, ob dieser Jager denn nit zum derwischen ist!« sagte die schöne Heidel zu sich. Sie redete nämlich immer laut mit sich selber, wenn sie allein war; sonst wird es schon immer einmal zu langweilig, wenn der Mensch nicht sein Diskursel führen kann so unterwegs auf die Alm. Die Heidel hatte aufgepackt, sie war um und um voll Milchreinen, die an den Henkeln zusammengebunden über ihren Achseln hingen, so daß man sie wundershalber mit einem Tonplutzer vergleichen konnte, der einen hohlklingenden Ton gibt, wenn man mit dem eingebogenen Finger an ihm klöpfelt. Oder sie hätte zur Not auch eine aufrechtstehende Schildkröte -- eine sehr große -- vorstellen können, bei welcher aber das Köpflein aus den Schalen frei hervorstand, was ein großes Glück war. Gelb und rot steht ums Himmelswillen ja nicht zusammen! Na, das wollen wir erst einmal sehen, ob dieses Haar, das so gelb ist, wie die reife Weizenähre im Schnitt, und dieses Rundgesicht, das so rot ist, wie eine Mohnblume im Korn, nicht zusammenstimmt! Ganz kurios! Und wenn man noch die Kornblumen ihrer Augen dazutut, so hat man das ganze Kornfeld beisammen und es fehlt nur der Schnitter.
»Das muß doch derlogen sein, daß dieser Jager nit zum derwischen ist!« sagte die Heidel zu sich, und der Schreiber muß schon närrisch in das Ding verliebt sein, weil die Beschreibung so gespreizt und konfus ausfällt. Ein frisches Dirndl, das mit Milchreinen beladen auf die Alm geht -- punktum, das ist deutlich genug.
Der Jäger vorne, der zwischen jungen Kiefern und Lärchen mit seinen nackten Knien so gelenkig ansteigt, scheint wirklich nicht die Absicht zu haben, von einer jungen Almerin sich derwischen zu lassen, auch wenn sie mit den Tonschüsseln klappert. So wie sie Geselligkeit suchte, schien es ihm gerade einmal um Einsamkeit zu tun zu sein im grünen Wald. Endlich hatte sie ihn aber doch, und als er auf ihren Anruf: »Stad, Jager, stad, daß dich der Wind nit draht!« stehen blieb und zurückschaute, rief sie wie jauchzend aus: »Uh Jesseles! Na, das hat sich jetzt einmal ausgezahlt, daß ich mir schier die Lungel abgelaufen bin!« Denn der Jäger war durchaus nicht so jung, als es nach seinem frischen, geschmeidigen Ansteigen zu vermuten gewesen wäre, er hatte einen grauen Schnurrbart und das verwitterte Gesicht konnte durch die Schatten des breitkrämpigen Älplerhutes nicht mehr mit Belang verdeckt werden.
Der Jäger blickte dieser angehenden Weggenossin lächelnd zu und fragte: »Nun sage doch einmal, was hat sich denn ausgezahlt?«
»Weil ich glaubt hab', es wär' ein Jüngerer!« rief sie hell aus, und setzte lachend, daß es nicht so schlimm gemeint sei, dazu: »Ich bin die jungen Jager halt gewohnt.«
»So! Ich glaube dir's gern.«
»Wenn das Hirschel schon derschossen sein muß, so steht's alleweil nur den Jungen an. Die Alten sollen froh sein, daß sie selber leben.«
»Sind nicht auch die Jungen froh, daß sie leben?«
»Na, ich denk' wohl, daß sie froh sind,« sagte das Dirndl. »Daß sie halt mit dem eigenen Leben frei nit zufrieden sein mögen.«
»Aha, ich verstehe dich schon,« sagte der Jäger. »Sie wollen nebenbei auch noch Hirscheln erschießen und saubere Mädeln lieben.«
»Derraten hat Er's!«
»Du scheinst es aus Erfahrung zu wissen,« sagte er und klopfte mit dem eingebogenen Finger an eine der Milchreinen.
»Gelt, einen hellen Klang hat sie?« sprach das Dirndl. »Hat auch einen Zwanziger gekostet, und wenn Er einmal in meine Hütten kommt, kann Er Milch daraus löffeln. Die Jager tun's eh gern.«
»Und bist wohl selbst im Besitz eines jungen Jägers?«
»Wer kunnt mir's verdenken!«
»Ich gewiß nicht.«
»Wenn sie mir ihn nit weggenommen hätten!«
»Weggenommen? Dir deinen Jäger? Die Weibsleute etwa?«
»Geh, die Weibsleut'! Vor denen möcht' ich mich wohl derwehrt haben, denk' ich! Von den Weibsleuten laß ich mir keinen Jager wegnehmen!«
»Von wem denn sonst?«
»Von einem, der ein bissel stärker ist als unsereins!«
»Na, da wäre ich schon begierig, wer das einem so feinen Mädel zuleid' tun könnte!«
»Das kann Er sich denken! Wer wird's denn sein, der allen armen Dirndln ihre schönen kernfrischen Burschen wegnimmt! Der Kaiser halt!«
»Ach ja so. Beim Militär ist dein Liebster! Na, ich gratuliere dir!«
»Ja, und ich bedank' mich schön!«
»Soldat sein für Kaiser und Vaterland ist jedem eine Ehre!«
»Ja, und 's Derschossenwerden? He? Wenn ich einen Schatz hab', so will ich ihn heiraten, und nit, daß ihn die Russen derschießen!«
»Pah, jeder Soldat wird nicht erschossen. Und schon gar mitten in der Friedenszeit!«
»So möcht' ich doch wissen, zu was der Kaiser mitten in der Friedenszeit Soldaten braucht!«
»Das ist einmal so eingerichtet, liebes Kind. Leider niemand kann's ändern. Ich bin auch Soldat.«
»Na, gute Nacht!« rief das Dirndl lachend aus. »Da muß Er schon schön lang' dienen!«
»Länger jedenfalls, als dein dreijähriger.«
»Was hat Er denn lauter angestellt, daß sie Ihm den Abschied nit wollen geben!«
»Es scheint, sie brauchen ihn immer noch,« sagte der Jäger, der sich auf einen Baumstock niedergesetzt hatte und an den Antworten der Almerin sein Wohlgefallen fand.
»Nachher wird Er halt so ein Öberster sein,« meinte sie, »so ein Ofizierer, oder wie sie heißen, gelt?«
»Es mag schon sein, mein Kind.«
»Und geht so im Jagern um?«
»Bisweilen.«
»Gelt, geschossen muß sein. Weil just kein Feind ist, geht's aufs Wildbret.«
»Nicht jeder Jäger geht des Schießens wegen umher. Es gibt auch andere Annehmlichkeiten dabei.«
»Mein Jager sagt's auch. Alßer lebendiger, sagt er, schaut man die Hirschlein und Rehlein lieber an, als daß man sie gleich allemal niederpufft. Tät auch nit dürfen, ist nit dazu da, daß er schießt, es müßt' ihm nur ein Wildschütz zu nah kommen. Ist angestellt, daß er das Wild tut hegen und halten, bis die großen Jachten sind und der Kaiser selber kommt. Der Kaiser tut so viel gern jagen.«
»Kommt der Kaiser also mitunter selbst in diese Gegend?« fragte der fremde Jäger.
»O, oft!« rief das Dirndl aus. »Schier alle Jahr' einmal, sagen die Leut'.«
»So hast du ihn wohl auch schon einmal gesehen?«
»Ich? Den Kaiser? Da müßt' ich lügen, wenn ich sagen wollt', wie der ausschaut. Bin erst im vorigen Jahr vom Boigtal herüber. Dort kommt er nit. Mein Franzl sagt, ein recht kommodter Herr. Und schießen! Wie der gut schießen kann!«
»So! Wirklich?«
»Freilich ist's keine Kunst, im Tag a Stuck a dreißig Hochwild strecken, wenn von der ganzen Gegend die Leut' da sind, die ihm's in den Schuß treiben.«
»Würde es der Kaiser nicht manchmal vorziehen, für sich zu pürschen, anstatt daß ein ganzes Heer von Jägern und Treibern aufgeboten wird?«
»Das wird er sich eh einrichten, wie er will. Und soll ihn der Herr Jager nur selber fragen, wenn er kommt zu den Jachten. Jesses, die heben ja schon in dieser Wochen an. Im vorigen Jahr ist der Franzl noch dabei gewesen, da hat's allemal ein gutes Trinkgeld gesetzt. Heut' steht der arme Kerl beim Regiment und hat er geschrieben, nix tät ihm so leid, als daß er bei den kaiserlichen Jachten nit kann dabei sein. -- Wenn ich nur wen tät' wissen, der sich für ihn möcht' verwenden.«
»Wie heißt denn dein Jäger?«
»Ich bitt', Franz Kaltenbacher. Beim siebenundzwanzigsten Infanterieregiment. Wird sich's der Herr merken?«
»Hoffentlich.«
»Tät's nit doch sicherer sein, wenn es der Herr wollt' aufschreiben? Hat Er nix kein Papierl bei sich?«
Der Jäger zog ein Notizbuch hervor und schrieb Namen und Regiment hinein. Das Dirndl klatschte in die Hände. »Jetzt krieg' ich meinen Jager wieder!« jauchzte sie.
»Versprechen kann ich nichts, mein Kind!«
»Ich weiß schon, Herr Jager. Er ist gewiß selber ein Ofizierer und leicht mit dem Kaiser auch noch bekannt, leicht gehört Er gar zur Jacht. Es braucht nur ein Wörtl.«
»Versprechen kann ich trotzdem nichts.«
»Aufs Versprechen steh ich auch nit an, wenn Er's nur tut halten, daß der Franzl heimkommt. Vergelt's Gott. Und nix für übel, daß ich so keck hab' dahergeredt, wir grobe Bauersleut' verstehn's halt nit besser. Und jetzt wünsch' ich guten Anblick und daß dem Herrn Jager kein altes Weib begegnet!«
»Es ist schon gut! Es ist schon gut!« Mit diesen Worten winkte der fremde Jäger ab und schlug seinen Weg seitlings ein durch die Lärchen.
Das Dirndl kam mit den klappernden Reinen ganz glühend auf die Alm und vertraute es den Genossinnen, was sie für eine Begegnung gehabt hätte. Mit einem Jager von den kaiserlichen Jachten sei sie zusammengekommen, der aber ganz wer anderer ist, als ein Jager, ganz wer anderer! Mehr will sie nicht sagen! Sie hat ihn wohl erkannt, wer wird ihn nicht kennen, wo ihn jedes im Geldtaschel hat! Aber sie hat sich recht einfältig gestellt und so getan, als täte sie ihn nicht kennen, gerade wie es in den Kalendergeschichten vom Kaiser Josef zu lesen steht. Und sie hat ihm gleich vom Franzl derzählt und daß sie ihn gern daheim hätt', tausend Gottsfreuden gern daheim! Und er hat ihn in sein Büchel geschrieben. Glück muß man haben und schlau muß man sein! --
Wie es mit dem Glücke und der Schlauheit ausgesehen hat? -- Sie erwartete den Franzl schon in der ersten Woche mit Sicherheit. Es wird ja gleich der Befehl ergangen sein: den Franz Kaltenbacher heimgehen lassen, der Kaiser braucht ihn zum Jagern und sein Dirndl zum Gernhaben! -- Aber der Franzl kam in der zweiten Woche noch nicht, und er kam in der dritten nicht. Und er ist gar nicht gekommen vor Ende der Dienstzeit. Schlau war das Dirndl freilich, aber der fremde Jäger war auch kein heuriger Has.
Die heilige Katharina.
Als der achtzehnjährige Bursche, die Hände in den Hosentaschen, durch das Städtchen schlenderte, guckten ihm die Mädchen und Weiber nach.
»Das ist er!« flüsterten sie.
»Er muß entsprungen sein,« sagte eine, »es ist nicht denkbar, daß sie einen Mörder nach vierzehn Tagen wieder auslassen. Die Standarn werden ihn gleich haben!«
»Wenn ihn der Schutzengel nur in mein Haus wollt' führen. Bei mir findet ihn keiner.«
»Ich habe gehört, er soll gehenkt werden.«
»Um den wär's schad'!«
Der Bursche kümmerte sich um solches Schwatzen der städtischen Weibsleute nicht. Er trachtete, daß er aus dem »Stadtl« kam und schritt dann über die winterlichen Felder dahin. Die Welt war voller Nebel und der Bursche voller Freuden. »Hübsch ausgerastet sind wir, und morgen ist der Faschingstanz daheim beim Scheibenwirt in der Baldau. Der Arrestdiener hat uns gesagt, jetzt, weil wir den Raufhandel haben gehabt und gesessen sind, jetzt werden wir uns vor den Dirndln nicht erwehren mögen. Wollen halt einmal sehen, was an der Sache ist.«
Ein hübscher Junge war's. Feine Stiefeln trug er, vorne gespitzt und Wichsleder! eine schwarze Tuchhose, ein grauer Lodenrock, aus dessen Brustschlitz eine »juchtene« Zigarrentasche lugte, ein Hütchen aus Hasenhaaren, etwas schief auf dem lichtblonden Köpfel; eine rotseidene Halsbinde flatterte am weißen Hemdkragen, im frischen Gesicht ein junges Schnurrbärtchen, die braunen Augen munter in den Nebel blickend! Entsprungene Sträflinge sehen nie so aus, entlassene selten!
Plötzlich hörte er hinter sich eine Stimme: »Muß doch sehen, wegen was der Herr Arrestant gar a so laufen tut.«
Das war schon eine. Die feine Chorsängerin von der Baldau war's, des Stegrochel Anna Maria. Sie sah aus wie das junge Leben; dem Winter sagt man nach, daß er nur Eisblumen wachsen lasse. Verleumdung. Auf die Wangen der herzigen Dirnlein malt er Rosen, wie sie der Frühsommer nicht schöner hat. Trotzdem sie unter dem Arm einen in blaues Tuch gewickelten Gegenstand trug, der nicht gar leicht zu sein schien, schwebte sie zierlich auf dem Schneeweg heran, bis sie vor dem Burschen stille stand und sich ausschnaufte.
»Jetzt hab' ich dich,« sagte sie.
»Und ich dich auch,« sagte er.
»Tust eh auch in die Baldau hinüber,« sagte sie, »nachher gehen wir miteinander.«
»Und macht's dir nichts, daß du mit einem Verbrecher gehst?« fragte er munter.
»Hast recht,« antwortete sie, »mit dir soll eins jetzt gar nimmer umgehen. Der Thoma tut zwar schon wieder Holz schneiden. Die Schramm' am Kopf wär' schon lang' heil, wenn er der Zwickelschusterin ihr Pflaster nicht drauf hätt'. Kunnt'st ihm aber auch den Schädel eingeschlagen haben, du Wildling, du! Wegen was ist's denn eigentlich hergangen?«
»Kannst dir's wohl denken, der Weiberleut' wegen. Er hat mir vor allen Leuten zugeschrien, ich wär' noch ein junger Rotzlecker und tät' keine kriegen. Aber du kriegst eine! hab' ich gesagt, da hat er auch schon eine gehabt.
»Vetter,« sagte das Mädchen, als sie nun auf dem enggeleisigen Schlittweg nebeneinander hingingen, wobei einmal er an sie, einmal sie an ihn anstrich, »daß ich dir's nur sage, mir ist's nicht alles eins gewest, wie sie dich haben fortgeführt. Gelt, Lenz, von jetzt an bist wieder brav und daß du nimmer eingesperrt wirst.«
»Wenn mich wieder einer schimpft, so schlag' ich wieder zu!« sprach er schneidig.
»Ist denn das ein Schimpf, wenn einer sagt, du kriegst keine?«
»Das ist einer.«
»Und weißt es denn, daß du eine kriegst?«
»Bis jetzt hab' ich keine mögen.«
»Da hast du ganz recht gehabt, Vetter, das ist ganz gescheit von dir.«
»Was heißest denn du mich alleweil Vetter?« war seine Frage.
»So, das weißt nicht? Wie wir zwei miteinander verwandt sind, weißt nicht? Von deiner Mutter die Schwester ist meine Godl (Patin).«
»Du, Annamirl,« sagte der Bursche, »da weiß ich eine viel nähere Verwandtschaft miteinand. Dein Vater und mein Vater sind zwei Brüder g'west.«
»Jesses Maria.«
»Das ist gewiß. Der meine dem Stockbauern sein Bruder, und der deine der Scheibenwirtin ihrer.«
Kriegte er einen Klaps auf den Mund.
Der Weg stieg bergan, sie hatten den Kilmstock zu übersteigen und zu trachten, daß sie noch vor dem Einbrechen der Nacht in die Baldau kämen.
»Geh, Annamirl,« sagte der Bursche nun, »wirst deinen Striezel selber schleppen, gib ihn her.«
»Das ist ja kein Striezel nicht,« sagte das Dirndl lachend, »und ich will meine Sach' schon selber tragen.«
»Was ist es denn?«
»Kannst raten? Aber nicht greifen.«
»Das Ding,« meinte der Lenz, mit dem Blicke prüfend, »schaut sich gerade an wie ein Stiefelknecht.«
»Wenn du so tief unten anhebst, kannst hundert Jahr' raten,« lachte sie.
»Ist's am End' das Wetterfahndl zu eurem neuen Hausdach?«
»Noch zu tief.«
»Wenn das auch noch zu tief ist, nachher laß ich's sein.«
»Magst nicht so gut sein und ein Stückel in den Himmel hinauf raten?«
»Von wo hast es denn her?«
»Aus dem Stadtl, vom Anstreicher.«
»Himmel? -- Anstreicher?« überlegte der Bursche. »Nachher hast gar ein blaues Firmament bei dir.«
Das Mädchen schlug an ihrem Bündel ein wenig das blaue Tuch auseinander. Ein hellglänzendes Kindergesicht mit einem messingnen Heiligenschein ward sichtbar.
»Kennst sie? Kennst sie nicht? Die heilige Katharina! Haben sie zur Schutzpatronin für unsere Hauskapelle! In der Fastenzeit wollen wir wieder beten dabei. Ist schon arg verschossen gewest. Hat sie der Vater anstreichen lassen und bin ich sie heute holen gewest.«
»Deck' sie nur wieder zu,« sagte der Lenz, »sonst darf man unterwegs nicht einmal fürwitzig sein.«
»Daß dir der Fürwitz nicht vergangen ist im Arrest!« entgegnete sie und verhüllte das Bild.
»Du, da ist er mir erst gekommen. Den ganzen Tag liegen auf der Bank, bei der Nacht auch. Gesunde Kost und gute Behandlung. Ein bissel Karten gespielt haben wir, ich und der Herr Kerkermeister. Wer einmal ein paar Wochen lang Feiertag haben will, etwan im Sommer, wenn die heiße Mahdzeit ist -- kunnt ihm nichts Besseres raten, als einen prügeln.«
Unter solchem Gespräche waren sie hinan und immer weiter hinangestiegen. Da kamen sie in den Sonnenschein; tief unter ihnen in den Tälern, wie ein graues Meer, lag der Nebel, und die hohen Berge standen in der Ferne wie leuchtende Inseln empor, deren höchste Spitzen aber kreisende Wolkenhauben hatten. Die Bäume und Sträucher, an denen unser wanderndes Paar vorüberkam, waren über und über vom Stamme bis zum feinsten Zweige mit silbern schimmernden Eisnadeln bewachsen. Im Schnee zogen die Spuren von Rehen und Hirschen und von allerhand Gevögel.
Der Lenz blieb stehen, schaute eine Weile hinaus und sagte dann: »Eigentlich, wenn man's nimmt, schöner ist's doch auf dem Berge als wie im Arrest.«
Da die Anna Maria auf dem Schneewege ein paarmal ausgerutscht war, so führte er sie Arm in Arm, und je müder sie wurde, je enger zog er sie an sich.
Als sie um den Nockstein gebogen hatten und durch das von Felswänden eingeschlossene Kar hinanstiegen den holperigen Schneepfad, verdüsterte sich allmählich der Himmel und es begann ein sachtes Schneien und Schneetreiben.
Auf dem Sattel des Gebirges, wo der Weg sich abzweigt in den weiten Talkessel der Baldau, steht das Alpenhaus. Es ist vom Österreichischen Touristenklub erbaut worden, steht aber in der Winterszeit, wenn nicht etwa zu Weihnachten Städter kommen, leer und verschlossen.
Weil die Annamirl den Berg heran schon müde geworden war und weil ein eiskalter Wind strich, der ganze Wolken von Schnee herantrieb, so versuchte der Bursche an der Türe des Alpenhauses, ob sie aufgehe. Beim ersten Druck ging sie nicht auf. Tat er einen erklecklich stärkeren, sie ging noch nicht auf. Stemmte er sich mit aller Gewalt an, da brach sie ein.
»So, da wären wir,« sagte der Lenz und zog das Mädchen mit in das Haus. Da drinnen war's aber schreckbar finster und frostig; der Bursche riß einen Fensterbalken auf und nach wenigen Minuten brannte auf dem Herd ein prasselndes Feuer.
»Aber Lenz,« murrte die Annamirl, »was treiben wir denn da?«
»Jausen wollen wir,« entgegnete er, begann in den Schränken herumzusuchen und fand Schnaps, Kaffee, Zucker und Zigarren.
»Also, Hausfrau, pack' an!« rief der Bursche.
»Nicht einen Finger rühr' ich,« sagte sie, »ich will meines Weges!«
»Schau hinaus,« entgegnete der Lenz.
Draußen tobte ein solches Schneegestöber, daß sie nicht zwei Klafter weit in die Luft hineinsahen. Die Schneemassen schienen aus dem Boden zu wachsen, und die Fenster, an denen der Bursche eben die Läden aufgemacht hatte, schien der Schnee wieder vermauern zu wollen.
»Mach' dir nichts draus, Annamirl,« sagte der schalkhafte Lenz, »zu Ostern oder Pfingsten wird's schon wieder aper sein, und jetzt wollen wir Kaffee trinken.«
Der heiße Trank machte das allverzagte Dirndl ein wenig munterer. Das Stübchen war mittlerweile auch warm geworden, wenn zwar ein bißchen räucherig, weil der Sturm den Rauch nicht durch den Schornstein ließ.
»In Gottesnamen,« sagte der Bursche, eine Zigarre anbrennend, »so wär' ich halt wieder im Arrest; aber besser,« er schlang seinen Arm um den Nacken der Annamirl, »besser gefällt mir doch dieser auf dem Berg, als wie jener unten in der Stadt. Jetzt wollen wir halt einmal in einem Herrenhaus unseren Fasching halten, wir zwei.«
Die heilige Katharina wurde von der feucht gewordenen Umhüllung befreit und auf den Tisch gestellt. Die Annamirl kniete davor nieder und betete zu der heiligen Märtyrin und Jungfrau um Hilfe und Erlösung aus dem drohenden Schneegrab. Plötzlich sprang sie auf, gegen den Strohbund hin und schlug mit dem feuchten Tuche hastig drauflos. Was das bedeutet? fragte der Lenz. Ja, ob er's denn nicht gesehen hatte, wie vom Herdfeuer ein Funke in das Stroh gespritzt sei? Da könne das »schönste Malheur« geschehen! Der Lenz lobte die vorsichtige Hausgenossin.
Sie konnte ihm nun aber nicht ins Gesicht blicken. Es kochte in ihr etwas wie Zorn gegen ihn, und doch war ihr klar, daß sie heute, bei dem Einfalle dieses Schneegestöbers, verloren gewesen, wenn nicht er mit ihr des Weges gegangen wäre. Das einzig Angenehme war ihr, daß sie kein böses Gewissen zu haben brauchte. So mit ihm allein zu sein -- es geht ja gar nicht anders. Und er ist im Grunde doch ein guter Bursch!
»Ich weiß nicht, warum ich alleweil den nassen Rock auf dem Leibe herumschleppen soll!« sagte der Lenz, zog die Jacke aus und hing sie über den Herd. Es waren aber auch die übrigen Kleider naß.
»Das ist nicht gesund,« sagte die Annamirl, und legte auch ihre Joppe ab.
»Wir müssen auch inwendig einheizen,« meinte der Lenz und reichte ihr den Schnapsplutzer.
»Mir ist gerade warm genug,« war ihre Antwort.
»Die Nacht ist lang,« sagte er und nahm selbst einen guten Schluck zu sich, »wenn wir auch das Herdfeuer nicht ausgehen lassen! Wir werden zu tun haben, daß wir uns warm halten!«
Darauf sagte die Annamirl nichts mehr, sondern strich an den Tisch hin und hüllte die heilige Katharina mit der Schürze zu.
Draußen toste der Sturmwind und pfiff schrill zu den Fensterfugen herein. Es war finster geworden, die Fensterscheiben waren weiß belegt mit Schnee. Bisweilen ächzten die Wände.