Part 13
Ich trug ihm hierauf unser Leid vor, erzählte die traurige Geschichte von der Katharina Radstuberin, wie der Herr Pfarrer von Wenkelbach uns die kirchliche Einsegnung verweigert habe und wir nun auf das inständigste bäten, der hochwürdige Herr wolle an ihrem Grab ein kurzes Gebet sprechen, bevor die Grube zugescharrt würde.
»Pscht!« machte der alte Herr und schlug mit der flachen Hand auf die Kutte, da war der Vogel im Käfig still, und er konnte sprechen.
»Der Herr Pfarrer will sie also nicht einsegnen,« sagte er in sehr mildem Tone. »Es wird ihm gewiß recht schwer ums Herz sein, daß er es nicht tun kann, aber er hält sich halt strenge an die Vorschriften.«
»Mein Gott!« rief der Sandinger, »so soll das unglückliche Wesen wirklich wie ein Hund verscharrt werden!«
»O Narrle, wer sagt denn das?« sprach der alte Herr gegen die Wand hin, ohne sein Haupt auch nur einmal nach uns zu wenden. »Ich tue es ja recht gern. Die Traurigen muß man wohl trösten. Die Welt ist so voller Leid und Schuld, ich weiß es. Nicht noch tiefer in das Elend drücken, neu aufrichten muß uns der heilige Glaube. Ich will schon hinabgehen. Nur daß meine Regerl jetzt nicht da ist, so daß ich euch bitten muß, ihr möchtet mir ein wenig die Hand reichen. Der liebe Gott hat mich recht mit Alter und Mühsal gesegnet.«
Da merkten wir's, er war fast lahm und blind. Der Sandinger zu seiner Rechten, ich zu seiner Linken, so führten oder trugen wir ihn vielmehr die Treppe, den Hügel hinab gegen den Kirchhof. Als die am Grabe uns so kommen sahen, erhob sich unter ihnen eine Bewegung, sie eilten dem alten Herrn entgegen, um ihm ehrerbietig und dankbar die Hände zu küssen. Er ließ es ruhig geschehen. Mittlerweile war auch der Meßner mit Chorhemd, Stola und Weihwassersprengel gekommen. Gestützt auf meinen Arm, hat der ehrwürdige Greis das Grab gesegnet, den Sarg, als er in der Tiefe stand, mit geweihtem Wasser besprengt und für die Seele der Abgeschiedenen ein Gebet verrichtet. Dasselbe schloß mit den Worten, die unser Herr am Kreuze zum bußfertigen Missetäter gesprochen: »Heute noch wirst du bei mir im Paradiese sein, Amen.«
Wir alle waren bewegt. Und zum Priestergreise, der aus dem unerschöpflichen Borne des Christentums so reichen Trost den Trauernden spendete, blickten wir auf wie zu einem Heiligen.
In demselben Augenblicke, als der Totengräber unter raschen Spatenstößen das Grab mit Erde füllte, dröhnten vom Dorfe her rasch hintereinander drei Pöllerschüsse. Das Zeichen der vollzogenen Trauung.
Die Rache der Knechtin.
Die Hubsteinerin saß in ihrer frostigen Kammer auf dem Schemel und wiegte an der Brust ein kleines Kind.
»O Närrlein!« sagte sie zum vergeblich sich mühenden Säugling, »es ist halt noch nichts drinnen. Bei uns geht's zu, wie bei den hohen Herrschaften: um vier Uhr erst Mittag essen. Bis nur die Sofferl heimkommt, die wird schon wieder was bringen. Hab' nur ich erst meine gute Suppe, dann wird's auch dir nicht fehlen. Eio, popeio!«
Der kleine Wurm schien sich denn auch zufrieden zu geben; er war dergleichen Verspätungen schon gewohnt und mochte sich als gescheites Wickelkind denken: Ich hab' auf den Hunger gewartet, ich will auch auf das Essen warten. Warten, das ist ja die Arbeit der kleinen Kinder.
Jetzt kam die Sofferl heim, das rundwangige muntere Schuldirndl. Vom Pfarr- und Schuldorfe Pichlern kam sie. Das Dirndl hatte ein blaues Handbündl, das sich kalt und schwer und schwammig anfühlte. Ein Stück frischen Fleisches war drin.
»Auch einen Brief habe ich mit!« rief das vom Laufen noch frisch gerötete Mädchen fröhlich.
»Einen Brief?« fragte die Mutter, »wer soll denn mir schreiben?« Sie hatte in der weiten Welt keine Bekannten und keine Verwandten. »Hast ihn von der Schul'?«
»Der Herr Stadinger hat mir ihn mitgegeben, und er laßt dich grüßen, und du sollst ihn nur lesen.« So das Dirndel.
Wichtiger als das Briefchen war aber jetzt das Zubereiten des Stückchens Rindfleisch, welches der Arzt dem kränklichen Weibe verordnet hatte, das vor sechs Monaten Witwe und vor drei Monaten zum dritten Male Mutter geworden war. Das Weib eines Wegmachers; den Mann hatte man eines Tages tot am Steinbruche gefunden. Ein herabstürzender Felsblock hatte nicht erst gewartet, bis der Mensch ihn zu Schotter geschlagen, da wollte er lieber einmal der angreifende Teil sein. Als wenige Monate später das Knäblein erschien, kam auch die erste Rate der Jahrespension, die im ganzen hundertvier Gulden betrug nach Abzug der Steuer. Reicht das jährlich für ein krankes Weib und drei Kinder? Der zweijährige Junge gab für seine Person darauf Antwort, er erkrankte an Auszehrung und starb. Für die übrigen wird's doch langen? Ja, meine liebe Hubsteinerin, man erlebt viel in kurzer Zeit, und wir sind noch nicht fertig.
Während die Fleischbrühe kochte, las das Weib den Brief. Der Wirt und Fleischhauer Stadinger schrieb mit eigener und fester Hand folgendes:
»Liebe Hubsteinerin!
Bitt schön um Entschuldigung, dasmal wird's wohl das letzte Mal sein mit dem Fleisch ohne Geld. Jetzt macht's glatt sechzig Gulden, auch das Brot und alles zusammen. Habe lang genug gewartet und muß Dich jetzt wohl bitten um Zahlung, indem ich es sonst dem Notar übergebe. Ich nimm auch die Kuh, wann's Dir lieber ist und das Geld nit hast.
Pichlern, 13. Juni 1876.
Mit Achtung ~Johann Stadinger~, Fleischhackermeister und Grundbesitzer.«
Der Brief war gelesen, das Fleisch im Topfe hub an zu brodeln. Das Weib seufzte nur, sagte aber nichts.
Bald darauf bekam das Schuldirndl, die Sofferl, ihr Mittagsmahl. Suppe und Brotschnitten; auch vom Fleisch durfte sie heute essen, der Mutter war der Hunger vergangen. Wenn's so stand, wollte es aber auch dem Dirndl nicht recht schmecken. Einstweilen schaukelte es die Wiege mit dem Brüderlein.
Da war jemand draußen. Im Vorgelaß des Häuschens schwerfällige Schritte und im Dunkeln ein Tasten nach der Türklinke. Die Hubsteinerin öffnete von innen, da stand der Herr Stadinger vor ihr. Ein großer breitschulteriger Mann mit rotem Gesicht, kleiner Stumpfnase, Doppelkinn und grauem, kurzgeschnittenem Haar. Der schmalkrempige Hut saß im Nacken. Um den Leib eine weiße Schürze geschlungen, in der fleischigen Hand einen Knorpelstock, hinter sich einen großen zottigen Hund. Mit den klugen Äuglein zwinkerte er, sein Gesicht ging gutmütig in die Breite, der Mann sah ja gar nicht so schlimm aus, als er sich in seinem Briefe gestellt hatte. Er reichte dem Weibe auch gleich die Hand und sagte:
»Schaust noch nicht gut aus, Wegmacherin! Mußt dir besser zuklauben.«
Sie antwortete nicht. Er tat, als wäre er ganz zufällig da, und weil er gerade im Vorübergehen sei, so wolle er ein wenig rasten und sich vom Herde Tabakfeuer nehmen.
Allsogleich nahm die Sofferl mit der Feuerzange eine glühende Kohle, und der Herr Stadinger, welcher schon auf einem umgestülpten Bottich saß, mußte sich beeilen, daß er mit dem Rauchzeug zurecht kam, bevor die Kohle verglost war.
»Ein kreuzbraves Dirndl bist,« lobte er das Schulmädchen.
»Wenn sie nur nicht so arge Briefe heimbringen tät!« meinte die Hubsteinerin einlenkend. »Um Gottes willen, Fleischhacker, du willst dein Geld. Glaub' dir's ja gern, aber wo soll ich jetzt so viel Geld hernehmen? Ich sitz' mitten im Nichtshaben.«
Sehr gutmütig antwortete der Stadinger: »Ich sehe es wohl ein, daß es hart ist für dich. Aber schau, wenn du heute nicht zahlen kannst, wo das Elend erst anhebt, später, wenn es größer ist, wirst noch weniger können.«
»Das ist ein schöner Trost,« sagte sie. »Da wäre es freilich besser, heute verhungern, statt morgen, wenn es doch schon einmal verhungert sein muß.«
»Ich will dich nicht drücken,« sagte der Stadinger. »Es muß nicht Bargeld sein; wie ich dir geschrieben habe, ich nehm' auch die Kuh.«
»Unser Herrgott den Mann und der Fleischhacker die Kuh! Kinder, alsdann sind wir fertig.« Diese Worte richtete das Weib gegen die Wiege hin, dann fuhr sie sich mit dem Schürzenzipf rasch über das Gesicht.
Der Stadinger schwieg. Am Ende war er gerührt! Ein Jammer war es mit diesen Leuten, das sah er freilich. Das kranke Weib und die Kinder, die nichts verdienen können und doch essen möchten!
»Sofferl heißt sie, gelt?« fragte er die Witwe, auf das Dirndl weisend.
»Mein Gott, nur ein paar Jahr noch, und ich hätte an ihr eine Stütze,« sagte das Weib.
»Willst sie bei dir behalten? Hubsteinerin, das täte ich nicht. Daheim bei dir lernt sie nichts, als Notleiden und Kinderlocken. Wäre schad' ums Dirndl. Mußt ihr's besser meinen. Geht's schon dir selber schlecht, so mach's wenigstens deinen Kindern besser. Wie alt ist sie denn?«
»Die Sofferl?« fragte das Weib entgegen, dachte eine Weile nach und sagte dann: »Im zehnten wird sie sein.«
»Ist Zeit, daß sie in ein Haus kommt. Hubsteinerin! Ich rat' dir gut, mir derbarmt das Schluckerl. Mach's deinen Kindern besser, als du's selber hast!«
»Lieber Gott im Himmel!« seufzte das Weib und faltete die Hände über ihre Brust. »Es den Kindern besser machen! Welche Mutter möchte das nicht!«
»Weißt du was, Hubsteinerin,« sagte er und spielte mit dem Knotenstock, als wollte er damit auf dem Fletz etwas hinzeichnen. »Gib mir das Dirndl.«
Sie machte sich abgewandt am Herde zu schaffen.
»Gib mir's!« wiederholte der Fleischhacker. »Bei mir hat sie's gut, ißt sich satt und lernt einen Verdienst. Mir fehlt eh so ein Dirndl. Man braucht's. Kann einmal Kellnerin werden, wenn sie brav ist. Ich nehm's. Gib sie mir!«
»Wäre gut gemeint,« entgegnete das Weib. »Aber was fang' ich an, wenn ich das Dirndl nicht hab'. Ich brauch's ja schon auch fürs Kleine.«
»Das Kleine ist bei dir selber am besten aufgehoben,« wendete er ein. »So lang bis du wieder gesund bist und dir wieder erwerben kannst, sollst von mir das Fleisch haben und die Schuld ist gestrichen von dem Tag an, wo du mir das Dirndl gibst.«
Die Sofferl horchte jetzt ein wenig auf. Die Mutter wendete sich um und sagte: »Du wärest erst gut, Fleischhacker, das kunnt dem armen Wesen ja zum Glück sein.«
»Wenn sie anstellig ist, so weiß man nicht, zu was sie es noch bringen kann. Eine Kellnerin, sagt man, hat allerhand Schlüssel an der Schürze.«
»Du machst mir grad das Herz leicht!« rief das Weib.
»Daß du weißt, ich bin kein Stein. Und bist dem Fortkommen deines Kindes nicht im Weg, so machen wir's richtig. Das Dirndl laß ich holen, und du hast um eine Sorg' weniger. Ich nehm's ganz, brauchst dich gar nicht mehr drum zu bekümmern. Ganz nehm' ich's.«
Jetzt kam das Weib an ihn heran, tastete unsicher nach seiner Hand und sagte mit zitternder Stimme nichts als: »Vergelt dir's Gott, Fleischhacker!«
»Hast Feder und Papier?« fragte er. »Ich verpflichte mich schriftlich.«
»Das hat's nicht not, um Gottes willen!« rief sie. »Daß du's ehrlich meinst, weiß ich wohl eh.«
»Ich verpflichte mich schriftlich,« wiederholte er. »Im Guten wie im Schlimmen, eine Schrift ist allemal gut. Ich kunnt' heut' oder morgen sterben, daß es meine Nachfolger wissen, was ihre Pflicht und Schuldigkeit ist. Richtig ist richtig.«
Nun war in dem armen Häuschen Schreibzeug aber schwer aufzutreiben. Die Hubsteinerin brachte ihren Ehevertrag herbei, der hatte ein leeres Blatt. Wenn der Mann tot ist, hat auch der Vertrag keine Wichtigkeit mehr; dieser hatte eigentlich nie eine gehabt; auf »randlose Gütergemeinschaft« lautete er, hatte der Mann nichts besessen und das Weib nichts. Auf jeden Fall ist das leere Blatt daran überflüssig; der Stadinger riß es herab. Der Tintentiegel wurde auch aufgefunden, in demselben war nichts, als eine schwarze Kruste, der Stadinger goß einige Tropfen Wasser drauf. Eine Feder brachte das Dirndl vom Freien herein. Es war eine Rabenfeder; »aber sie tut's schon,« sagte der Fleischhacker, »zur Not tut sie's schon.« Er schnitt sie, spaltete sie geschickter, als solches seiner plumpen Hand zuzutrauen war, setzte sich an den Schubladkasten, ein Tisch war nicht vorhanden, und begann zu schreiben.
Das Weib säugte ihr Kind; die Sofferl schaute dem Schreiber zu und stellte insgeheim Vergleiche an zwischen diesem und ihrem Schulmeister.
Nach einer Weile war's fertig:
»~Kontrakt!~
Die Maria Hubsteinerin gibt dem Anton Stadinger, Fleischhackermeister und Grundbesitzer zu Pichlern, ihre Tochter Sophie, und Anton Stadinger nimmt zeitlebens alle Pflichten und Rechte auf sich, indem er auch der Hubsteinerin die Schuld von sechzig Gulden nachläßt und sie weiter noch unterstützen wird. Mit freiem Willen unterschrieben von
~Anton Stadinger.~ Fleischhackermeister und Grundbesitzer.«
»Und dahier,« sagte der Stadinger, nachdem er die Zeilen gelesen, »dahier schreibst du auch deinen Namen: Maria Hubsteinerin.«
Ohne ein Wort zu sagen, ergriff das Weib mit leise zitternder Hand die Feder -- ach, wie sie spröde war! -- und schrieb mit deutlichen Buchstaben langsam ihren Namen hin.
»Alsdann wär's fertig,« sagte der Fleischhacker, legte das Papier in seine bauchige Brieftasche und schob diese in den Sack. »Morgen oder übermorgen kannst sie bereit halten. Das Fleisch laß ich dir später durch einen Kohlenfuhrmann schicken, der ohnehin vorbeifährt. Und jetzt, behüt' Gott! Halt' dich gut, Sofferl, derweil!« Dann pfiff er seinem Hund und ging schwerfällig davon.
Als sie wieder allein waren, versuchte es das Weib mit dem Essen. Das ging aber noch immer nicht. --
Nun strichen mehrere Tage dahin wie gewöhnlich. Es war keine Rede von der Übersiedlung des Dirndls, es kam das halbe Kilo Fleisch wie gewöhnlich, und die Hubsteinerin glaubte schon; es sei alles wieder in Vergessenheit geraten und beim Alten geblieben. Da sprach eines Nachmittags der Kohlenführer zu, der Herr Stadinger zu Pichlern hätte gesagt, er solle das Wegmacher-Dirndl mitbringen.
»Heute ist die Wäsche nicht fertig, es soll morgen oder wann wer anfragen.« So beschied das Weib.
Zwei Tage darauf stand draußen auf der Straße der zottige Hund, bald hernach kehrte der Fleischerknecht des Herrn Stadinger im Häusel ein. Der sei, wie er berichtete, nach Unterdorf um ein Kalb geschickt worden und habe den Auftrag, falls er das Kalb nicht erstünde, die Wegmacher-Sofferl mit nach Pichlern zu bringen.
Als ob der Fleischerknecht ihr das Messer ins Herz gestoßen hätte, so war jetzt dem armen Weibe. Hören und Sehen verging ihr.
Nach einer Weile mußte ihr der Mann den Auftrag nochmals ausrichten. Der Stegbauer zu Unterdorf sei ein Narr, sein Kalb wiege nicht vierzig Kilo, und der Mann wolle zweiundzwanzig Gulden dafür haben. Da soll er sich's selber braten, habe er, der Fleischerknecht, gesagt, der Herr Stadinger wisse billigere und bessere Ware.
So erzählte der geschwätzige Knecht. Die Hubsteinerin blieb jetzt aufrecht und sagte: »Geht Eures Weges, mein Kind ist nicht feil.«
Da kann sie schon recht haben, dachte der Fleischerknecht. »Pst! Sultan, komm!« Und ging seiner Straße.
Aber als die Sofferl am nächsten Tage wieder zur Schule gegangen war, kam sie nicht mehr nach Hause. Ein Bote brachte das Fleisch und wollte etwaige Sachen fürs Dirndl mitnehmen. Es sei schon daheim geblieben.
Daheim geblieben!
Die Hubsteinerin wickelte ihr kleines Kind dicht in Lappen, denn in den Bäumen rauschte der Wind, nahm es an sich, verließ das Häuslein und ging den zwei Stunden langen Weg nach Pichlern. Es dunkelte schon, als sie vor dem großen Hause des Fleischhauers stand, in den Wolken zuckten Blitze. Im Gemüsegarten waren zwei Mägde tätig, junge Pflanzen durch Überdachen mit Stroh vor etwaigem Hagel zu schützen, und die Sofferl war ihnen dabei behilflich. Als das Dirndl der Mutter ansichtig geworden war, lief es ihr entgegen, klatschte in die Hände und rief: »Das ist gescheit, Mutter, daß du auch da bist! Da ist's lustig. Das ist meine Freundin, die Zilli, und das ist die Theresel. Du, die sind brav!« Und sie lief wieder in den Garten.
Die Hubsteinerin begehrte zum Stadinger. Er kam ihr in Hemdärmeln und mit dem Samtkäppchen auf dem Graukopf entgegen und begrüßte sie freundlich. Ohne seine dargebotene Hand zu fassen, sagte sie, das leise wimmernde Kind immer an der Brust haltend: »Fleischhacker, so ist's nicht gemeint, mit unserem Handel, daß du mir mein Dirndl wie ein Kalb aus dem Haus treiben lassen sollst!«
»Aber Hubsteinerin!« rief er überlaut, »was fällt dir denn ein? Wie ein Kalb! Was das für eine Red' ist! -- Ei, setz' dich doch hier auf die Bank. Der weite Weg. Willst denn du heute noch heim?«
»Mein Kind will ich wieder haben,« sagte sie völlig tonlos. »Mein Kind laß mir, dann wirst mich nicht lang sehen vor deinem Haus.«
Der Stadinger schüttelte den Kopf, dann ließ er aus dem Keller ein halbes Glas Wein bringen.
»Trink, Hubsteinerin! Du bist so viel aufgeregt.«
»Soll das der Kauftrunk sein?« fragte sie ihn. »Du tust nicht allein Vieh einkaufen, auch Leut. Erst nachher ist's mir zu Sinn kommen: verkauft hätt' ich mein Dirndl! Verkauft!«
»Was du aber einfältig bist!« sagte der Fleischhauer. »Wer spricht denn vom Verkaufen! Und ~wenn~ es wär'! Andere arme Leute verschenken ihre Kinder und sind froh, wenn sie wer geschenkt nimmt. Ich hab' die Schuld nachgelassen und versprochen, daß ich mich ganz annehmen will ums Dirndl. Wüßt' nicht, wie der Mensch ein besseres Christenwerk machen kunnt, wüßt' nicht! -- Wenn du mir keinen andern Dank hast, so sollst lieber daheim bleiben. Schau, sie geht dir eh nimmer zu, die Sofferl. Recht gut gefällt's ihr bei uns und wird ihr noch besser gefallen, wenn sie gescheit ist.«
»Du magst sagen, was du willst, Fleischhacker, es ist was Unrechtes geschehen. Gib mir die Schrift.«
»Recht gern, Hubsteinerin. Eine Abschrift sollst haben. Deine Unterschrift geb' ich nicht aus der Hand. Ich weiß schon, was du im Sinn hast. Du wolltest mir das Dirndl jetzt lassen, daß ich's zücht' und anleit'; nachher, wenn sie zu brauchen ist zur Arbeit, möchtest sie mir wegnehmen, und ich wär' der Gefoppte. So macht ihr's gern, ihr Bettelleut'! Da hab' ich mich rechtzeitig sichergestellt mit der Schrift und da hilft dir nichts mehr, Wegmacherin. Kannst fragen, wen du willst. -- Trink jetzt, nachher kriegst eine warme Suppe und ein Bett und morgen schau, daß du weiterkommst.«
Die Einfalt, auf welche gerechnet worden, war wirklich vorhanden. -- »Kannst fragen, wen du willst« -- Ja, das hatte sie freilich immer gehört: was man einmal unterschrieben, daran wäre nichts mehr zu ändern. Verschrieben, verspielt! -- Weh war dem armen Weibe.
»Kaufst nicht auch Wickelkinder?« fragte sie bitter und hob ihr Kleines gegen ihn auf. »Nimmst nicht auch den Buben?«
»Die Buben sind nicht viel wert,« entgegnete er halb scherzend. »Hab' selber einen. Sind sie groß, nimmt sie der Kaiser ohne Vergütung. Ein fleißig Dirndl dient's zehnmal ab, was es kostet. -- Aber trink' doch; ein kräftig Tröpfel sollst nicht verschmähen, das tut dir gut.«
Ähnlich redete er ihr zu, riet ihr Frohsinn an und klopfte ihr leutselig auf die Achsel.
Also geschah es, daß die Hubsteinerin, statt ihr Dirndl von diesem Hause abzuholen, heute selbst in demselben blieb. Beim Nachdenken in der schlaflosen Nacht kam ihr die Sache doch wieder nicht so schlimm vor, und sie hielt sich selber für töricht. Am nächsten Morgen, als sie fortging mit ihrem Säugling, wollte sie noch die Sofferl sehen. Ein hübscher, schlanker Junge war im Hofe just dran, auf ein braunes Pferd zu springen, den rief die Wegmacherin an, ob er nicht wisse, wo die Sofferl wäre?
»Die ist schon fort,« antwortete der Knabe, leicht seine Kappe lüftend. »Sie sind früh aufs Feld. Ich reite auch nach.« Damit war er auf dem Rößl und trabte davon.
»In Gottesnamen!« seufzte das Weib bei sich und ging mit dem einen Kinde, das noch ihr Eigentum war, wegshin der Gegend zu, wo ihre Hütte stand.
* * * * *
Der Jahre sieben oder acht sind vergangen seit jenem Christenwerke, das der Großhofbesitzer, Wirt und Fleischermeister Stadinger an der armen Witwe und ihrem Kinde geübt hatte. Seither hat sich allerlei verändert in der Welt. Die arme Hubsteinerin ist gestorben, ihr Knäbel hatte ein Waldbauer zu einem Hirtenknaben aufgenommen aus Barmherzigkeit und nichts dafür gegeben. Die Sofferl ist im Stadingerhofe groß und hübsch geworden, und sie hat sich nicht zu beklagen. Beklagt sich auch nicht. Aber daß sie eine Stalldirne abgeben muß, das ist ihr für die Länge nicht recht. Sie möchte lieber Leute tränken, als Vieh -- Kellnerin möchte sie sein. Der schlanke Knabe, den wir damals auf dem Pferde aus dem Hofe reiten gesehen, ist ein stattlicher junger Mann geworden, der auch heute noch auf dem Pferde umherreitet, weil er die große Wirtschaft zu leiten und die Arbeiten des Gesindes zu überwachen hat. Die Fleischhauerei überläßt er seinem Vater, ihn freut das rüde Geschäft nicht, er sagt, er tue lieber pflanzen, säen und züchten, als schlagen und totstechen. Und der junge, aufrechte Mann mit den freundlichen Zügen und dem offenen Blick sieht auf seinem Rößlein eher einem Landgrafen ähnlich als einem Fleischhauerssohne. Er hatte ein paar Jahre Landwirtschaft studiert und sich in den Kopf gesetzt, das ausgedehnte Gut seines Vaters zu einer Musterwirtschaft emporzubringen. Es ging auch vorwärts.
Der alte Stadinger ist ein klein wenig gebückt geworden, hat aber sonst noch sein rotes, rundes Gesicht, seine klugen Äuglein und seine verschmitzte Freundlichkeit wie vor und ehe. Zu Fuß ging er nicht mehr viel um in der Gegend, im Steirerwäglein fuhr er, leitete selbst das Pferd und wurde überall mit Achtung gegrüßt, wo er sich zeigte. Sehr gerne fuhr der Stadinger in den Markt Solgenstein hinüber und kehrte dort beim Hammerherrn Kloggenberger ein. Mit dem war er seit einiger Zeit in freundlicher Bekanntschaft, die gelegentlich eines Viehhandels gemacht worden. Der Hammerherr besaß ein großes Sensenwerk, einen Hochofen, mehrere Bauernhuben, ausgedehnte Waldungen und eine erwachsene Tochter. Aber keinen Sohn.
Eines Tages nahm der Stadinger auch seinen Burschen, es war sein einziger, mit nach Solgenstein. Der junge Mann wollte auf dem Bocke sitzen und kutschieren, wenn er schon nicht reiten konnte; der Alte bedeutete, daß im Wagen Platz für beide sei, daß man da bequemer sitze, und daß es mancherlei zu plaudern gebe. Daher setzte der Junge sich zum Alten in den Wagen.
»Wir werden beim Sensenhammer zukehren,« sagte der Vater.
»Nicht nötig. Hab' ihrer erst ein Dutzend aus Sagbach bestellt,« antwortete der Sohn.
»Was hast bestellt?«
»Sensen.«
»Du nimmst die Sensen in Sagbach?«
»Wir haben sie immer von dorther bezogen.«
Der Vater zog den Leitriemen an. »Karl,« sagte er nachher, »von jetzt an nehmen wir Solgensteiner Ware. Ich habe einen Gedanken. Kennst du die Hammerleute dort?«
»Recht gut.«
»Hast du keinen Gedanken, Karl?«
»O, allerhand!« lachte der Bursche auf.
»Nachher mag auch der rechte dabei sein,« sagte der alte Stadinger. »Hast sie dir schon einmal angeschaut?«
»Wen?«
»Sie ist sauber -- und reich. Das wird ein Kapitalshaufen, wenn ihr zwei eure Sachen zusammentut. Mußt ja doch auch ans Heiraten einmal denken. Mein Weib wird mühselig und so viel wunderlich. An ihr hab' ich keine Stütze mehr. Mich verdrießt's auch manchmal und will nach und nach ausspannen. Da brauchst du eine. Spiel' einmal ein wenig an, bei der Sensenhammerischen. Wenn's zustand' käm', 's wär' mir eine rechte Freud'. Ein Rittergut, wenn die zwei großen Wirtschaften zusammenstehen. Das wär' mir schon ein Trumpf!«
»Mir wär's auch nicht zuwider,« meinte Karl.
Also das Gespräch unterwegs zwischen Vater und Sohn.
Beim Hammerherrn wurden sie sehr artig aufgenommen und zum Nachmittagsbrot eingeladen. Fräulein Agnes bediente die Gäste, ein feines zierliches Wesen, das den jungen Grundbesitzer aus Pichlern mit gar schelmischen Augen anguckte. Allerlei wurde gesprochen, und als unsere beiden wieder auf ihrem Wagen heimwärts fuhren, sagte der Alte: »Ich habe gar keine Sorge. Es geht. Ein Jahr mußt halt Geduld haben, weil sie ja, wie du gehört haben wirst, über den nächsten Winter noch einmal ins Institut geht. Du bekommst eine Gebildete. Herrgott, Bub, du hast mehr Glück wie Heu!«
Karl spitzte mit den Finger sein blondes Schnurrbärtchen und schmunzelte vor sich hin.
»Nur eins! Hi, Brauner! -- Nur eins muß ich dir sagen, Karl,« fuhr der Stadinger fort. »Mit der Krämerischen tust nicht mehr weiter. Die dankst gleich ab. Die könnt einen Balawatsch in die Geschichte bringen. Die Mädels wollen alle gleich geheiratet sein. Gib Achtung! -- Kannst's nicht graten, so gibt's andere. -- Bist mit der Sofferl immer noch über quer? Geh, dumm!« --
Diesmal brach er ab. Einige Zeit drauf war's, daß die Sofferl dem Stadinger anzeigte, sie wolle sich um einen anderen Dienstort umsehen. Sie möchte nicht immer beim Vieh bleiben, sondern auch etwas lernen. Daß sie in diesem Hause etwa in die Küche oder in die Gaststube käme, dafür sähe sie keine Wahrscheinlichkeit, also möchte sie fort.