Chapter 4 of 23 · 3999 words · ~20 min read

Part 4

Der Berichterstatter beklagt es, daß die beiden Mägdlein das weitere nur geflüstert haben. Von einem spitzen Schnurrbart war die Rede, von einer roten Pumphose, von einem »tscheppernden« Säbel. So herzig plaudern, so amüsant kosen könne er! Aber schlimm! Entzückend schlimm! -- Dann wurde das Flüstern leiser. Auf einmal schrie das Bauerndirndel hell in die Luft: »Geh', hör' mir auf! Sich nit derwehren können, das möcht' ich schon sehen! Jede kann sich derwehren, wenn sie will.«

»Sagt doch,« stotterte hierauf die Komtesse, »der Beichtvater selber, daß der Mensch so schwach sei!«

»Eben deswegen derwehrst dich leicht vor ihm.«

»Gott nein, Hilda, du verstehst mich nicht. Der Mensch -- das ist ja unsereins selber.«

Die Hilda legte auf ihrem Schoß die Arbeit zurecht und sagte dann gar ernsthaft: »Bei mir ist es halt so: Ich will den Nickel nit allein zum Schatz haben, ich will ihn auch zum Mann haben. Zum Mann für mein Lebtag. Derwehrst dich, so hast ihn. Derwehrst dich nit, so geht er nachher leicht um ein Häusel weiter, pfeift sein Liedel und denkt: So, jetzt probier' ich's mit einer anderen.«

»Aber nein doch!« stöhnte die Komtesse auf.

»Ich bitt' dich, lern' du mir die Mannerleut' kennen! Die sind dir so schlecht, so hundsluderschlecht, daß ...« mit geballten Fäusten bebte sie ... »Derdrucken möcht' man sie vor Gernhaben!«

»Und meinst du wirklich, daß sie nachher davonlaufen?«

»Meine Mutter sagt immer, sie täten es alle so machen und man sollt sich hüten!« berichtete das Dirndel.

Hierauf sagte die Komtesse vertraulich: »Ich habe einmal ein sehr interessantes Buch gelesen. Heimlich. Gott, wenn die Franzosen dieses Buch unter meinen Kissen fänden!«

»Was steht denn drinnen?« fragte die Hilda.

»Daß in der französischen Schweiz noch ein alter Brauch wäre. Ein ganz merkwürdiger Brauch. Es soll richtig sein. Heinrich sagt's auch.«

»Na, druck halt los.«

»Ja, er erzählt, daß -- nein, so etwas kann man doch nicht erzählen. Es ist --. Worauf du früher angespielt hast -- weißt du? Jeder Bräutigam habe nämlich das Recht, zu -- zu seiner Braut zu kommen -- schon -- -- schon vor der Hochzeit.«

»Nein du, was ~du~ für Sachen weißt!« sagte das Bauerndirndel und faltete die Hände, zwischen welchen der Katzenbeutel eingeklemmt war.

»Gnaden Komtesse!« zeterte es vom Schachen her. Die Stanzi kam gewatschelt: »Komtesse, der Tanz hebt an! Sie kommen! Sie sind schon in Almstein, sagt der Zenz!«

Die beiden Mädchen eilten dem Hofe zu. Hinter dem Stadel war ein großer Teich, der weiter unten eine Mühle trieb. Als sie an demselben vorüberkamen, schalkte die Hilda: »Da guck einmal! das ist er, mein großer Spiegel! Gelt?«

* * * * *

So laut und lebendig es tagsüber zuging auf dem Kürnhof, so still und feierlich lag er da in der Nacht. Das immerwährende Rauschen des Brunnens, das Zirpen der Grillen -- sonst nichts. Im hohen weiten Himmel das schweigende Sternenmeer. Im Tale einige Lichter, kleine und auch größere. Lagerfeuer? -- Am Hinterteile des Wohnhauses vor einem offenen Fensterchen kniete der Knecht Lenz. Er rieb seinen Bart am Fensterbrett und flüsterte den Gasselspruch:

»Tixbuschen, Taxbuschen, Hast mich g'hört daherduschen, Mit mein' saggrischen Federbuschen? Ich geh daher, ich knia daher,

Ich treib' ein fest's Paar Stier daher, Ein' jungen und ein' alten, Geh Dirndl, magst mich über Nacht g'halten?«

»Nix da!« sagte drinnen jemand. »Weißt eh, ich bleib' bei meinem Scherschang, der ist grad gewachsen, der ist mir lieber.«

»Ist er dir nit zu weit weg, dein Franzos?« darauf der Knecht und machte einen langen Hals zum Fenster hinein.

»Er wird schon nahender kommen, laß nur Zeit. Nachher heiraten wir.«

»Gut ist's, Stanzerl, dich mag ich.«

»Ich und du, glaubst? Ja, Schnecken! Ich und der Scherschang! Haben's schon ausgemacht miteinander.«

»Hat er dir leicht geschrieben?«

»Er kann ja nit deutsch.«

»Wie könnt's es nachher miteinander ausgemacht haben, möcht ich wissen?«

»Mündlich haben wir's ausgemacht.«

»Wenn er nit deutsch kann!«

»'s Busserlgeben wird eins doch verstehen!«

»Ah, so meinst! Du Dirndl, paß auf, das kann ich viel besser wie der Franzos.«

»Ja, da müßtest erst dein' Schnautzer wegschneiden, sonst kann man nit zuwi.«

Am nächsten Tag lachte alles auf, der den Knecht Lenzel sah. Er hatte sich den Schnauzbart weggeschnitten. »Jess', die Zahnlucken, die der hat!« Und der Scherschang, so fern er sein mochte, hatte jetzt noch leichteres Spiel. Selbst der Zenz mit der Hasenscharte stieg an Wert.

Regenzeit war gekommen. Der Kürnhof stand tagelang mitten in den Wolken und die Dachtraufen fielen nie senkrecht zur Erde, immer von kaltem Wind quer hingeschleudert an die Wand. Hildas großer Spiegel war trüb, in den Teich rieselte lehmige Gieß. Die Stuben waren geheizt, die Gräfin Kronburg beschäftigte sich mit einer Handarbeit oder mit Lesen. Und wie einsam, wie traurig! Nach dem Abbé sehnte sie sich, ihrem Beichtvater, einem Mann im feinen Geist aus der Zeit Ludwigs des Vierzehnten. Und Augustina! Wo nur die Komtesse immer bleibt? +Ah, quelle misère!+

Die Komtesse saß lieber in der Stallkammer bei der allzeit munteren Hilda als bei der ernsten Mama. Die Stallkammer war wohl verwahrt. Die Hilda fing aus dem Schafstalle ein Lämmlein ums andere hervor, führte es in die Kammer, nahm es zwischen die Knie und schnitt ihm mit einer großen Schere die Wolle vom Leibe. Die Komtesse hatte anfangs mit Entsetzen auf diese Tat gestarrt. »Lapperl!« hatte Hilda gesagt, »das tut lang nit so weh, als wenn dein Gnaden Herr Vater im Wald ein Reh schlecht trifft und es bleibt lebendig liegen. Schau, dem Lamperl taugt's, das lauft gar nit davon, wenn ich's auslasse.« Anders war's, als es auch die Komtesse versuchte, dem Tiere eine Flocke Wolle wegzuschneiden, da zuckte das Schaf und meckerte. Es war in die Haut gestochen worden. Wohl trachtete das Fräulein, durch Liebkosungen das Tier zu versöhnen, dieses aber lief vor ihm heftig trappelnd bis in den hintersten Stubenwinkel.

»So komm doch, Herzchen!« schmeichelte sie und hielt ihm ein Stück Kuchen hin, »verzeihe mir nur, ich bin zwar ungeschickt, aber doch deine gute Freundin --«

»Ja, die dich am nächsten Sonntag verspeisen wird!« lachte die Hilda.

Die Komtesse sah nicht gut aus. Sie war blässer, als sonst der frische Bergwind zuzulassen pflegt. Nun vertraute sie einmal der Freundin, daß sie in den Nächten schlecht schlafe. Dem Schnarchen der Mama habe sie sich zwar entzogen, seit ihr die zweite Schlafkammer eingeräumt worden, aber der Kettenhund! +Cet animal ne nous laisse pas en paix.+ Einmal habe sie geglaubt, die Franzosen seien schon am Hofe, so heftig bellte der Hund. Um sich die Zeit zu vertreiben, lese sie im Bette aus französischen Büchern, die sie von ihrem Freund habe. Mama dürfe nichts davon wissen.

»Warum denn nicht? Sind schlechte Sachen drin?« fragte das Dirndel.

»Ach, es sind so interessante Bücher. Zum Beispiele vom Schäfer, der eine schöne Königin entführt und ihr aus Schafwolle ein niedliches Bettchen macht. Und dann sind sie so glücklich, ach, so glücklich!«

»Geh, hör mir auf! Wenn du immer solche Sachen denkst, da wirst du freilich hart warten.«

»+Oh chère dame compagnarde!+«

»Geh, red nit immer böhmisch. Für mich ist deutsch auch gut.«

Nun zog die Komtesse eine Weile herum, zupfte an einer Wollflocke, warf sie in die Luft, fing sie wieder auf und plötzlich sagte sie: »Dein Bruder, der ist lieb!«

»Der Robert! Wieso kommst du jetzt auf meinen Bruder?«

Da erzählte die Komtesse: »In der Nacht auf den Sonntag war's, oder in der vom Freitag? Nein, doch in der auf den Sonntag. Ich schlafe wieder nicht, habe aber kein Licht mehr. Sehe ich dir vor dem Fenster draußen einen Mann stehen. Anfangs bin ich erschrocken, wie ich aber die schlanke Gestalt deines Bruders erkenne, öffne ich schnell das Fenster und frage, was er denn mache da draußen? Und denke dir diese Antwort! Wacht stehen, daß der lieben gnädigen Komtesse nichts geschieht. -- Ich habe lange nachher gezittert. So ein Wort! Man sage noch einmal, daß es im Volke keine Ritterlichkeit gäbe. Der Robert gefiel mir gleich anfangs so gut. Er schaut einen so an, so gewiß -- ich weiß nicht wie ich sagen soll. Hernach in der darauffolgenden Nacht hat's geblitzt und gedonnert und geregnet, und jetzt stelle dir vor -- steht er wieder draußen. Wenn er unter Dach gehen hätte wollen -- die Tür war nicht verschlossen.«

»War sie nicht verschlossen?« sagte die Hilda nach und ging ihre Kammertür zuzumachen, daß die wollewaschenden Mägde im Vorraum nicht sollten hören können. Dann stellte sie sich vor das Fräulein hin und wiederholte leichthin: »War sie nicht verschlossen?«

»Ich mußte am Abend zuvor vergessen haben.«

»Weißt, Fräulein,« entgegnete nun das Dirndel, »ich bin auch keine Klösterin, aber dich versteh ich nit. Schämt sich, wenn eine Kuh gemolken wird -- und daneben solche Sachen! Erinnerst du dich noch, was ich dir draußen beim Heuen gesagt hab'?«

»Ist nicht anwendbar!« antwortete die Komtesse, die Finger der gehobenen Hand schlenkernd. »Heiraten natürlich nicht!« lachte sie, »nur ein bißchen liebhaben.«

Das Bauerndirndel wurde ganz dunkel im Gesicht. Nach einer Weile sagte es scheinbar gleichmütig, aber mit einer seltsam gedämpften Stimme, das folgende: »Umfallen hätt ich jetzt mögen. Und weiß nit, bin ich dumm oder ist wer anderer schlecht. Nein, schlecht, das will ich nit sagen. Zuerst geht sie her und liest allerhand Heimlichkeiten. Derweil ihr Vater sein Leben vor die Franzosenkugeln muß tragen, liest sie französische Bücheln! Und wird eine so leichtsinnige Person, daß -- daß -- ich weiß gar nit! Na, sei nur still und red nit, du magst es auslegen wie du willst, ich hab mir jetzt gehört genug und so denkt und tut ein braves Mädel nit.«

»Aber mein Gott, was habe ich denn Schlimmes gesagt?«

»Still sei!« rief das Dirndel.

Jetzt begann in den Adern der Komtesse das Blut zu wallen, aber nicht das rote, das heiße, brausende, sondern das blaue. Was nimmt sich diese Person heraus! Lehensleute! Das kommt davon! Das ist die Folge allzu freundlicher Herablassung. Mama hat recht. Man wird solchen Leuten den Unterschied zeigen. Von jetzt an soll sie mir Luft sein ... Solche Gedanken schossen durch ihr Haupt, aber indem sie sich stolz aufrichten und mit einem das Dirndel niederschmetternden Blick zur Tür hinausschreiten wollte, sank sie an der Ofenbank zusammen und begann heftig zu weinen.

Die Hilda stürzte herbei: »Jesus Maria, aber Augustina! Hab ich dir -- hab ich Ihnen weh getan, gnädige Komtesse! Ich bitt um Verzeihung. Es ist ja nit bös gemeint gewesen. Meiner eigenen Schwester hätt ich's so gesagt. Bei dem gnädigen Fräulein hab ich kein Recht, was geht's mich auch an. Nur weil ich dich gern hab, ich bitt dich, verzeih mir!«

Fast kniete sie nieder vor der Schluchzenden. Diese schob sie mit dem Arm beiseite. Dann fuhr sie sich mit dem weißen Tüchlein über das Gesicht, atmete auf und sagte: »Ich habe dir nichts zu verzeihen. Danken muß ich dir. Du hast recht, Hildegard. Ich sage es offen, was daran so weh tut. Schämen! Wenn die Gräfin vor der Bäuerin sich schämen muß! -- Du wirst es nicht wieder erleben.« Sie stand auf, schlank, würdevoll wie eine Königin, die Hand legte sie an die Brust und sprach: »Bei dem Leben meines Vaters, der vor dem Feinde steht, kein leichtsinniger Gedanke mehr in dieser Brust! -- Ich danke dir, Hilda, daß du mich aufgeweckt hast.«

Das Dirndel wehrte mit beiden Händen ab: »Als ob ich selber so viel besser wär! Für sündige Gedanken kann ja kein Mensch!«

»Ich will sein wie du, nicht prüde, aber stark.« So die Komtesse. Dann war ihr zu Mut, als müsse sie die Hilda jetzt auf die Stirn küssen wie eine Schwester. Getan hat sie's nicht.

* * * * *

Von diesem Tage an hat das gnädige Fräulein über allerhand gesprochen mit ihrer Freundin, aber nie mehr von Liebe. Der Robert ist auch nicht mehr auf der Wacht gestanden vor ihrem Fenster in der Samstagsnacht und die Tür wird stets sorgfältig verschlossen gewesen sein.

Die Männer des Hofes waren übrigens fortgezogen, nur die beiden Diener der Herrschaft und der alte Bauer waren im Hofe geblieben, um Anstalten und Vorbereitungen zu treffen zur Vergrabung der Wertsachen, zur Flucht der Herrschaft, wenn der Feind sich wirklich auch auf dem Berge zeigen sollte. Wenn das, dann noch höher hinauf ins Gebirge, wo versteckt in einem grünen Felsenkar eine Sennhütte stand.

In der Gegend waren nämlich schon Franzosen gesehen worden, zuerst in Rotten, bald in größeren Haufen, auch Reiterei und Wagenwerk. Auf der großen Wiese vor dem Jagdschloß zu Almstein hatten sie Lager aufgeschlagen, es hieß, der Bonaparte sei dort und er wolle sich im Falle einer verlorenen Schlacht das feste Waldschloß zur Zuflucht herrichten. So unglaublich diese Nachricht klang, so brachten Leute doch bald Botschaften, die verläßlicher schienen. Der Bonaparte sei wirklich in Almstein, er verkleide sich mit Vorliebe mit einem alten Mantel und reite auf kleinem, unscheinbarem Rosse, aber er sei leicht zu erkennen an seinem bartlosen Gesicht mit den schwarzen Haarfetzen über der Stirn. Der Bonaparte! Kundschaften tut er wieder!

Das war allen Männern und Knaben, ja sogar den Greisen der Gegend in die Nerven gefahren und sie zogen aus mit Flinten, Sensen und Hacken, um den Bonaparte zu fangen. Wenn die Bauern seiner Herr würden, nachdem die Könige der Erde machtlos vor ihm zitterten -- ~das~ wäre so was für die Zeitung! Na, vielleicht! Man kann's nicht wissen, welche Werkzeuge sich Gott auserlesen, um den Weltbösewicht zu vernichten.

In freudigster Erregung war die Herrschaftsköchin Stanzi. Die Franzosen in der Nähe! Vielleicht auch der Scherschang! Angedeutet hat er ihr so etwas, als ob er nachkommen wolle auf den Berg. Den Bonaparte wollen sie fangen, die paar Bauernkrüppel! Es ist zum Lachen! Ewig schade, wenn die Franzosen den kürzeren ziehen und wieder davonmarschieren müßten. Diese schönen feinen Herren! Und das ist auch richtig, der Franzose als Feind ist artiger, wie der Deutsche als Freund. Ist's nit wahr? -- Sein sollt's nit heutzutag, daß man einen Franzosen gern hat? Na, das möcht ich schon wissen, wer mir dieses elfte Gebot wollt aufbringen. Der deutschen Herrschaft schmeckt die französische Küche recht gut, und unsereiner wollen sie den Scherschang nit vergunnen. Na, wartet nur, bis sie erst Herren sind im Land! Der Bonaparte hält es mit den gemeinen Leuten, die hohen Herrschaften mag er nit. Die Grafen und Barone können nachher krautschneiden und mein Scherschang wird General ....

Solche Betrachtungen hegte die Stanzi, während sie auf dem Brett einen Krautkopf klein schnitt für einen Salat zum Lämmernen.

Aber noch bevor Salat und Lämmernes auf den Tisch kam, trug sich das Weltereignis zu. Ein barfüßiger Hirtenjunge kam gelaufen: »Den Bonaparte! -- den Bonaparte hätten sie! Mit Haut und Haar. Sie hätten ihn gleich an den Holzbirnbaum hängen wollen, aber der Jäger Balduin habe gesagt: Nicht umbringen! der gnädigen Gräfin bringen auf den Kürnhof zum Präsentel. Solch ein Wundertier habe die Gnädige ihr Lebtag nicht gesehen. Die gibt ein gutes Trinkgeld. Sie werden bald da sein mit ihm.«

Und nicht lang, so lärmte die Rotte über den Almboden heran, in ihrer Mitte mit Stricken und Ketten und Riemen gefesselt den Kaiser der Franzosen. Er hatte sich eng in seinen bekannten Mantel geschlagen und die Mütze tief in die Stirne gedrückt. »Erzräuber! Welscher Geier! Kanaille! Galgenstrick!« Das waren die Ausdrücke der Reverenz, die man dem Welteroberer darbrachte. Der Jäger lief voraus, stürmte ohne anzuklopfen in die Wohnung der Gräfin: »Gnaden Frau! Ich bitt' hinausgehen! Ich bitt' untertänigst! Eine Überraschung! Eine große Überraschung!«

»Was habt ihr denn, Leute?«

»Den Kerl haben wir! In Almstein auf der kleinen Wiese abgefangen. Den Bo -- Bo -- Bonaparte!«

»Wen, den Napoleon?«

»Nur sich selber überzeugen, Gnaden Frau Gräfin. Komtesserl auch mitkommen!«

Die Frauen wurden förmlich ins Freie geschleppt. Im Hofe ein schreiender, drohender, springender Menschenhaufen. Der Gefangene zwischen sechs Männern, der Lenz und der Zenz darunter, die ihn nach allen Seiten hin mit Stricken und Riemen festhielten, gleichsam als wollten sie ihn auseinanderreißen. So kauerte er, halb kniend, auf Stalldung. Der Zenz schlug ihm die Mütze vom Kopf, der Lenz zerrte brüllend des Gefangenen Mantel auseinander.

»Der Scherschang!« kreischte die Herrschaftsköchin Stanzi und sprang mit offenen Armen auf den Gefangenen los. Der Haussohn Robert kam herbei: »Was macht ihr denn da? Der Bonaparte? Wo? Wer? Der da? Ha, ha, ha. Das ist ein französischer Feldwebel, soviel ich mich auskenne. Lockert dem armen Teufel doch den Halsstrick, seht ihr denn nicht, daß er schon die himmlische Farbe kriegt?«

»-- -- Das ist doch schon des Teufels!« knurrte der Knecht Lenz, »jetzt haben wir heilig gemeint, wir hätten den Bonaparte. Was lügt er uns denn aber an, der Hund?«

Wer hatte gelogen? Sie wußten es nicht, er war nicht mehr vorhanden, der Herr, der in Almstein auf der Wiese geschrien: »Seht jener dort, der just ins Gebüsch steigt, der ist es! Der ist es!«

Sein tat er es allerdings, aber nicht der Cäsar war's. Der Stanzi ihrer war's!

Die Gräfin befahl mißmutig, man solle den Mann freilassen. Die Bande nahmen sie ihm ab, aber frei ward er nicht, denn fest hielt ihn die Magd umschlungen mit schweren, unlöslichen Armen.

Der Scherschang bekam etwas zu essen, ja man will wissen, etwas sehr Gutes. Jedenfalls vom Lämmernen nicht das verächtlichste Teil. Er blieb im Hause und half das Spätheu einbringen. Er benahm sich gutmütig, sprach einige Worte deutsch, im weiteren verkehrte er mündlich nur mit der Freundin.

Und das war der Napoleonfang gewesen unten zu Almstein auf der Wiese.

* * * * *

Daß der wahrhaftige Bonaparte noch frei waltete, das hat sich leider schon in den nächsten Tagen gezeigt. In den Hof kam die Nachricht, von der Almsteiner Gegend hätten die französischen Streifungen sich wieder verzogen, hingegen müsse im unteren Tale, in der Umgebung des Schlosses Kronburg, eine Schlacht entbrennen. Eine große Schlacht, über den Vorbergen sehe man blauen Rauch aufsteigen und in den Rinwäldern widerhalle es wie von Kanonenschlägen.

Die Gräfin und die Komtesse, geführt vom Haussohne Robert und gefolgt von einem Diener, gingen über die Hochmatten hin. Es war ein klarer, kühler Frühherbsttag. Auf den Almen weideten Herden von scheckigen Kühen, deren Glockengeläute manchmal wie das Summen einer Hummel ans Ohr drang. Aus Schluchten schimmerten die weißen Bänder der Sturzbäche. Die fernsten Berge standen klar und scharf auf in die lichte Himmelsrunde. Auf einzelnen lag Schnee. Zu den Füßen der Wanderer standen Kleeblumen und Steinnelken. So gingen sie über die Höhen im Frieden der Natur, um von Ferne ein Menschenschlachten zu sehen.

»Es ist ganz dumm!« sagte der Bursche Robert im Gespräche mit der Gräfin. »Wenn man's bedenkt, der Scherschang ist ja auch ein Mensch wie unsereiner; ich habe ihn gestern in die Wade gezwickt, er schreit genau so auf wie der Zenz oder ein anderer. Und arbeiten und essen und beten und lachten tut er auch so. Und so Leute sollen einander wegen was weiß ich niederbrennen wie Rauberskerle? Es ist eigentlich zu dumm!«

»Das versteht Er nicht,« antwortete die Gräfin. Die Komtesse pflegte stets, wenn der Robert sprach, die kleinen Ohren zu spitzen, sie fand es ganz merkwürdig, was der Bursche jetzt gesagt hatte. So etwas war ihr selber nie eingefallen, hatte es auch nie gelesen oder gehört, nicht einmal von der Kanzel, daß Leute, die einer sind wie der andere, einander nicht sollten niederbrennen! Es ist eigentlich doch merkwürdig.

Nach einer Stunde kamen sie zur Stelle, wo die Almmatte plötzlich aufhört und der senkrechte Abgrund ist. Von unten geschaut, eine wüste Felswand, der man ihre freundlichen Grasflächen auf dem Scheitel nicht ansieht. Von dieser Höhe aus ist das ganze Tal zu überblicken. In demselben lag ein dünner blauer Dunst, aus welchem stellenweise Rauchballen aufstiegen. Fortwährendes dumpfes Donnern, das aus fernen Tiefen heraufkam, ließ bald erkennen, was es gab. Auch trug die Luft manchmal ein feines Knattern daher, als brassle irgendwo ein großes Feuer. Der Diener sagte: »Euer Gnaden, das ist Gewehrfeuer. Endlich! Endlich!«

Die Leute auf dem Berg schauten durch das Fernrohr, sahen im Dunste breite dunkle Massen, die sich sachte verschoben, sahen manches Blinken und Glitzern, hie und da ein Aufblitzen, weiter war nichts Rechtes zu erkennen. Der Diener hatte schon einen grauen Bart, aber er wurde jetzt seltsam unruhig, stampfte mit dem Bein, zuckte mit den Armen, plötzlich trat er nahe zur Gräfin heran und sprach: »Ich diene der gnädigen Herrschaft seit fünfundzwanzig Jahren. Aber wenn ich jetzt um einen Tag Urlaub bitten dürfte!«

»Urlaub? Er uns jetzt verlassen? Was Ihm einfällt!«

Der Diener schnob und trat in den Hintergrund.

Mit bangendem Herzen hatte die Gräfin schon vorher ausgeblickt nach dem Schlosse. Dort im unteren Tal mußte es doch stehen. Sie sah es nicht. Erst nach langem Schauen trat aus dem dichten Dunste das winzige Mauerviereck hervor, aber in seiner nächsten Nähe wogten frische Rauchballen auf und verdeckten wieder das Schloß. Die Matrone legte ihre Hände aneinander wie zum Beten. »Mein Gott im Himmel,« murmelte sie, »unsere alte Stammburg, das liebe Haus! Mit seinen Schätzen! daß es ~so~ sollte zugrunde gehen müssen. Durch diese schrecklichen Fremdlinge!«

Über die Matten her kamen mit großen klobigen Schritten zwei Männer geeilt. Robert erkannte den alten buckligen Holzer Friedl und den hinkenden Halter Zaggel. Sie trugen über der Achsel Haken und Krampen, auf dem Rücken Bündel. Der Schweiß rann ihnen von den verwitterten Gesichtern.

»Wohin so eilig?« fragte der Robert.

»Das kannst dir wohl denken,« antwortete der Halter unwirsch.

Dann sprangen sie den Felsensteig hinab gegen das Tal.

Zwei Augenblicke stand der Bursch unbeweglich still, seine Stirn rötete sich, seine Augenwimpern zuckten auf und nieder. »Leut'! Ich geh' auch mit!« schrie er den Männern nach und lief über Schutt und Stein hinab.

Die Frauen schauten ihm sprachlos nach. Die schönen Augen der Komtesse huben an zu glühen. Das ist derselbe, der vorhin das merkwürdige Wort gesagt hatte. Und doch geht er jetzt in die Schlacht! In ihrem jungen Herzen war eine heiße Freude.

Das Donnern in dem Tal währte den ganzen Tag, und als es zu dunkeln begann, sah man die Blitze und Lagerfeuer, deren unzählige in der weiten Niederung leuchteten. Endlich war das Krachen der Geschütze verstummt, aber unsere Frauen standen noch immer am Berghange und beobachteten die Vorgänge im Tal. Durch das Fernrohr bemerkte die Gräfin, daß im Schlosse Kronburg alle Fenster beleuchtet waren. Die fremden Sieger in der alten deutschen Burg! Vielleicht hatte der Bonaparte selbst sein Quartier aufgeschlagen im Schlosse und macht den Speisesaal zu einem Pferdestall und feiert ein bacchanalisches Fest. Betrunkene Offiziere halten Orgien im altehrwürdigen Ahnensaal, rohe Soldaten strecken sich mit kotigen Stiefeln auf die Sammetsofas im Boudoir .... Die Gräfin stöhnte auf. -- Mittlerweile begann sich über dem beleuchteten Schlosse ein roter Qualm zu erheben.

»Besser, es brennt nieder, als es wird entehrt!« rief die Komtesse hell. »Aber, Mama! Das ist ja unser Schloß nicht. Das Schloß steht weiter hinten. Das sind eher die Murhöfe bei St. Johann!«

Mit diesem Troste gingen sie in eitler Nacht dem Kürnhof zu. Am nächsten Morgen zur frühen Stunde standen sie freilich wieder draußen an der Wand und schauten hinab. Im Tale war's heute so klar, daß man den Fluß und die weißen Fäden der Straßen deutlich sah. Nur stellenweise stieg ein blaues Rauchfähnchen auf. Alles lag so freundlich wie in tiefster Friedenszeit. Und das Schloß Kronburg -- dort auf dem Hügel stand es und --

»+O Madonna!+« kreischte die Gräfin auf und das Rohr sank aus ihrer Hand zur Erde.

Das Schloß hatte kein Dach, und seine Fensterhöhlen starrten hohl.

Das Fräulein blieb ruhig und führte die Gräfin über die sonnigen Matten zurück in den Bauernhof.

* * * * *

Am nächsten Tage kam ein Talbote in den Kürnhof und brachte der Gräfin den Brief.

»Mein teueres Weib!

Wenn du diese Zeilen in Deiner Hand hältst, wird der letzte Welschmann aus unserem Tale verschwunden sein. Eine vierzehnstündige Schlacht. Wir haben gegen zweitausend Tote zu begraben, die Mehrzahl Franzosen. Leider muß ich dir auch schreiben, daß unser liebes Haus niedergebrannt worden ist. Nach allem Anschein durch Verrat. Oberleutnant Strulle, der junge Fant, dem wir so arglos unser Haus offen hielten. Er wurde mehrmals in Gesellschaft französischer Offiziere gesehen und soll auch dabei gewesen sein, als sie das Schloß plünderten und in Brand steckten. Seither ist er nicht mehr zu sehen, mit dem Feinde davon. Eine bittere Erfahrung.