Part 14
»Schau, schau,« antwortete ihr der Stadinger. »Wie gut ist's, daß ich dieses Kalb am Strickel hab'. Davonlaufen! Nein, mein liebes Sofferl, darauf mache dir keine Hoffnung. Du gehörst mein, bis ich dich freiwillig fortlaß. Und das wird nicht sein, ich habe die jungen starken Leute zu gern in der Wirtschaft. Wegen Essen und Gewand hast wohl keine Klag'?«
»Das nicht, Herr Vater. Freiwillig bliebe ich vielleicht, aber das Müssen ist so viel sauer.«
»Lapperl!« sagte er und versetzte ihr ein artiges Klapschen an die runde Wange, »so bleib halt freiwillig. Und tust es freiwillig nicht, so ~mußt~. Ein bissel Recht habe ich schon auch als Gerhab mit dir. Für alle Fälle ist ein Briefel da. Ja, Dirndl, da hilft dir nichts, je mehr du hinwegzerrst, je schärfer schneidet dir das Strickel in den Hals. Sei nur g'scheit, vielleicht bringst es noch zur Kellnerin, wenn du klug bist, vielleicht. Nur schön folgen dem Karl, wenn er dir was schafft! Und jetzt geh' zu deiner Arbeit.«
Wenige Wochen nach dieser Unterredung standen der Stadinger und sein Sohn in einer Abenddämmerung unter dem Weichselbaum, und der Vater sagte mit halblaut flüsternder Stimme und heftiger Gebärde zum Burschen: »Karl, ich sag' dir's, du wirst dich verbrennen! Hab's wieder wahrgenommen gestern auf dem Abend. Bist ein verfluchter Kerl und wirst noch alles verderben! Soll's mit der Sensenhammerischen Ernst werden, so laß die Krämerische sein. Die legt dir Fallen! Wirst dir doch anderswie zu helfen wissen die paar Monat. -- Eine Knechtin. Schick sie in den Wald hinaus, die Sofferl -- fürs Vieh streurechen. Nachschauen mußt gehen bei der Arbeit. Ach, geht mir weg, ihr jungen Leut' könnt euch nichts anschicken.«
Karl stand stramm da, ließ seine Hände in den Hosentaschen stecken und antwortete jetzt leichthin: »Für so ein Streurechen, wie der Vater meint, ist mir die Sofferl doch zu gut.«
»Wie du glaubst,« sagte der Stadinger, »für wen sparst sie denn auf? Ein dummer Halter oder Holzknecht oder so einer wird nicht lange fragen, oder schon kurz gefragt haben. Und bissel ein Recht werden wir doch noch haben übers Dirndl, das ich von der Straßen hab' aufgehoben ... Nun, wie du glaubst. Aber verpatsch dich nicht. Der Köder von der Krämerischen! Ist eine Angel dran, ich sag' dir's! Wenn du mir die Sensenhammerische verspielst, ich -- ich weiß nicht was ich tät!«
Mit diesen Worten wendete sich der Stadinger und ging in den Hof. Der Karl pfiff ein lustiges Liedl und schlenderte über das Feld hin.
Auf dem Weichselbaum, unter welchem sie gestanden, saß eine, der raste jetzt das Herz und das Blut. Das waren saure Weichseln, die auf diesem Baume wuchsen! Die Sofferl hatte alles gehört. Und jetzt überdachte sie es. Manches fiel ihr ein, wurde ihr jetzt klar. Es fehlte dem Dirndl ja nichts auf dem Stadingerhofe, sie wurde gehalten wie jede andere Magd und arbeitete auch so. Nur daß sie nicht fragen durfte: wofür arbeite ich? Wo ist mein Jahrlohn? In der Schule hatte sie gehört, daß es Leibeigene gegeben, welche ganz dem Willen ihres Herrn unterworfen gewesen wären, daß Länder sind, wo es noch heute Leibeigene gibt. Und der Stadinger hatte den Kaufbrief. Sie hat fleißig gearbeitet, war treu und gewissenhaft gewesen in allem. Nun zur Feierabendzeit auf dem Weichselbaume sitzend, hatte sie gehört, daß solches nicht ihre ganze Aufgabe war in diesem Hause. Ein heißer Aufschrei war zurückzudrängen in ihre Brust. Sie mußte jetzt schweigen, durfte nichts gehört haben. Sie mußte arglos bleiben. Das stand klar in ihr, sie wollte sich rächen. Rächen an dem Alten, dem gewissenlosen Vater und Gerhab. Der Junge? Leise begann ihr das Herz zu zittern. -- »Dafür ist sie mir doch zu gut,« hatte er gesagt. -- Seit langem hatte sie eine stille Neigung zu Karl, dem Haussohn, in sich zu bekämpfen, und war es ihr auch gelungen, die Liebe mit Trotz zu maskieren. War sie doch die Knechtin, die zur Liebe kein Recht hat, die nur Gleichgültigkeit oder gar Verachtung erfährt von Mitgenossen und Herrschaft. Wie aber soll es ~jetzt~ werden? Er hat ein Wort gesagt, in welchem Achtung für sie lag, vielleicht mehr noch ... Soll sie jetzt ihre Karte ausspielen? Soll sie's versuchen? Es war ja nichts für sie zu verlieren. Und gelänge es? Glück und Rache. --
Kurze Zeit darauf war der Karl wieder einmal am Zaun gestanden und hatte Scherzworte hinübergerufen in den Garten, wo die Krämerstochter Blumen jätete. Das Mädchen tat recht anzüglich und meinte, wenn er ein Sträußlein von ihr wolle, so möge er sich einen Sprung über den Zaun nicht verdrießen lassen, nachtrage sie ihm nichts. -- Wenn er mit der zu weit kommt, so ist's mit der Sensenhammerschen vorbei. Man muß ihm aus dem Traume helfen. -- Das war wieder des alten Stadingers Gedanke, als er jetzt vom Fenster heraus rief: »Karl, just denk' ich dran, du wirst müssen nachsehen, ob in der Kornscheune das Dach nicht schadhaft ist für den Winter. Geh' gleich, sonst vergißt's.«
Der Bursche ging in die Kornscheune. Das Dach war ganz gut, und unter dem Dache kroch die Sofferl umher und legte die Garben glatt, die einen Tag früher eingeführt worden waren. Beide erschraken voreinander, als sie sich sahen. Im Augenblick aber fiel es dem Burschen ein, ob er es nicht untersuchen solle, um wieviel das Dirndl besser oder schlechter sei, als die Meinung war.
»Sofferl,« redete er sie ruhig an, »hast nicht Langeweile, allein beim Korngarbenlegen?«
»Bin ja nicht allein!« rief sie, »sind ja die Korngarben da.«
»Zu zweien wäre es vielleicht kurzweiliger,« sagte er.
»Das weiß ich nicht. Unsereins denkt nicht an die Langeweile, denkt an die Arbeit.«
Weil der Raum unter dem Dache zu niedrig war, um aufrecht zu stehen, so mußte er kniend zu ihr hinankriechen.
»Das Nest ist gar nicht schlecht, daheroben,« flüsterte er und legte seine Hand an ihren Arm. Sie schob ihn rasch von sich und sagte: »Karl, du irrst dich!«
Jetzt wußte er einen Augenblick nicht, was er machen sollte.
»Daß du mich aber doch sogleich verstanden hast, Sofferl,« sagte er.
»Es ist keine Kunst, das zu verstehen,« gab sie zurück und legte ununterbrochen die wirr übereinander geworfenen Garben glatt und ordentlich aneinander. »Aber ich will's nicht verstehen. Du bist mir zu gut dafür, Karl.«
Er stutzte. Es fiel ihm auf, was da gesagt wurde, aber auch, wie es gesagt wurde. Schier traurig und innig. Und wie er ihr jetzt ins Auge blicken wollte, wendete sie sich hinweg, trotzdem sah er noch auf ihren Wimpern ein Tröpflein. -- Ohne noch ein Wort zu sagen, stieg er nieder in die Tenne und ging hinaus. Wieder am Gartenzaun kam er vorbei, aber er rief nicht mehr hinüber zur Krämerischen, er ging still vorüber.
Wenige Tage später trafen sie sich im Walde beim Streurechen. Die Sofferl sah ihn schon von weitem kommen und ging ihm entgegen.
»Mir ist's recht, daß du da bist, Karl, oder wie ich sagen soll,« sprach sie ihn an. »Das Dusagen wird sich bald nicht mehr schicken bei uns.«
»Wenn du eine bessere Anred' weißt, so ist es mir auch recht,« sagte der Bursche. »Die liebste Ansprach' zwischen uns wär' mir ~das~!« Einen Kuß wollte er ihr geben.
»Da weiß ich eine andere,« sagte sie entschieden ablehnend. »Wie es sich heute schon das zweitemal zeigt, tut's nicht gut, daß wir zwei nebeneinander in diesem Haus sind. Du der Herr, ich die Knechtin. Sind schon viel zu geschwisterlich worden miteinand. Du wirst es einsehen, und deswegen bitt' ich dich gar schön, laß mich fort.«
»Fort, Sofferl! Ja, wohin willst du denn?«
»Das ist ganz gleich für dich und für mich. Aber um tausend Gottes willen, zwingt mich nicht, daß ich in diesem Hause bleibe«
»Vom Zwingen ist keine Rede.«
»Dein Vater hat mich gekauft!«
»Vom Zwingen ist keine Rede,« wiederholte der Bursche. »Du bleibst freiwillig.«
»Dein Vater laßt mich nicht, er hat mich gekauft!« rief das Dirndl. »Sagt nur, was ich wert bin, ich will mich loskaufen!«
Darauf der Bursche: »Mein Vater hat dich erzogen und soviel ich weiß, deine Mutter ein wenig unterstützt bei ihren Lebzeiten. Er wird's gern sehen, wenn du dankbar dafür bist und noch ein paar Jahre auf dem Hof bleibst, jetzt weil du brav arbeitest. Von mir aus bist gar nichts schuldig, ich zwinge dich nicht zu bleiben, aber du bleibst freiwillig.«
»Es wäre unser Verderben, Karl!« rief das Dirndl scharf. »O, nein. Ich bin nur eine niedrige Knechtin, aber meine Ehr', die hab' ich, und sonst nichts, als wie die, und die will ich mir behalten. Geh' weg von mir!« Sie hob ihren Eisenrechen drohend gegen ihn.
»Du bist ein Kind!« sagte er und ging seines Weges.
An die Sensenhammerische hatte der junge Stadinger zu dieser Zeit seltener gedacht von Tag zu Tag. Als sie in das Institut abgereist war, hatte sie ihm ein Abschiedsbrieflein geschrieben. Karl säumte mit der Antwort so lange, bis er sie als zu spät hielt, dann gab er sie gar nicht. In der Nacht nach dieser Begegnung im Walde nun lag der Bursche schlaflos auf seinem Bette. Sie stand wie ein Lichtbild. Dieses runde, weiße Gesicht mit dem roten Mund! Dieses schwarze, üppige Haar! Diese heißen Augen, die auch so sanft und betrübt sein konnten! Diese ganz ebenmäßig gerundete Gestalt! Ein schönes Weib! Und ein braves!
So lange lag er schlaflos, bis er aufstand und hinausging in die kühle Sternennacht. Da kam er gerade recht, wie jemand mit einem Bündel über den Anger huschte und gegen den Wald hin. Der Bursche eilte dem Diebe nach, es war aber keiner, es war ein Weibsbild, ein junges und hieß Sofferl. Sie versetzte dem Angreifer einen Schlag auf die Hand, doch er hielt sie fest, trotz ihres verzweifelten Losringens. Und er sagte ernsthaft: »Nein, Sofferl, so geht man nicht fort vom Stadingerhof.«
Sie schaute ihm schweigend und zornig ins Gesicht. Endlich hauchte sie schweren Atems: »Also du willst mich nicht lassen?«
»Nein, Sofferl, ~so~ gehst du nicht fort.«
»Gut,« sagte sie schrill und tonlos. »Du hast es zu verantworten. -- Karl! -- Karl!« In rasender Erregung warf sie ihre Arme um seinen Nacken, preßte sein Haupt an das ihre, seinen Mund an den ihren, und gewaltsam, wütend vor Leidenschaft, küßte sie ihn, daß beiden der Atem vergehen wollte ....
Nach dem Sturme stand der Bursche ganz verblüfft da. Aber seine Finger hielten ihren Arm umklammert. Er schämte sich, geküßt worden zu sein und schickte sich nun an, es wett zu machen; daß seine Leidenschaft der ihren mindestens gleichkam, das sollte sie erfahren -- heute noch.
»Jetzt, Karl, gehen wir miteinand'!« sagte sie, hing sich rasch in seinen Arm, und sie schritten aus dem Walde über den Anger dem Gehöfte zu. -- Je näher sie zur Tür kamen, je fester und enger hielt er das Dirndl im Arm. Plötzlich sagte sie: »Nur bis da her, Büberl! Wie es steht, das weißt jetzt. Am Sonntag nachmittag fangen wir an. Jetzt geh' und schlaf' dich aus!« Ein Ruck, und der Bursche stand allein vor der zugeschlagenen Tür.
-- Und das ist die Knechtin! dachte er, das ist das demütige, willige Dirndl, das sich ohne Widerred' alles gefallen läßt, immer geduldig und immer lammfromm! Herrgott, wie die sich jetzt auseinander tut. Das ist keine Knechtin! Die weiß ganz genau, wo ihr Recht und Eigentum anhebt. Das ist eine Kernige! Eine Feurige! Bei der ist einer versorgt! Auf die ist ein Verlaß! Für einen Batschen hab' ich sie nie gehalten, die Sofferl, aber so hab' ich sie nicht gekannt!
Um diese Zeit machte der alte Stadinger seinem Sohn den Vorschlag, wieder einmal nach Solgenstein zu fahren und die Sensenschmiedischen zu besuchen. Da der Karl dafür keine Neigung zeigte, so sagte der Vater: »Du glaubst, weil jetzt das Fräulein nicht daheim ist, so hast nichts zu tun dort. Mußt aber auch auf den Schick nicht vergessen, gegen die Vatersleut'.«
»Sollen herüberkommen, wenn sie mich sehen wollen,« gab der Bursche kurz zurück. Da guckte ihn der Vater so von der Seite an und dachte: Sauber ist er, aber manchmal dumm wie ein Kalb! Na, der Dumme hat's Glück, das tröstet mich wieder. Gefreut mich nur, daß er bei der Krämerischen endlich ausgelassen hat.
Und nun vom Sonntag nachmittag, an dem die Sofferl anfangen wollte. Das Wirtshaus war voller Leut', aber das Dirndl, welches sonst nun schon manchmal Aushilfe in der Kellnerei leistete, war heute nicht zu finden. Der Karl auch nicht. Es hatte auch niemand Zeit, sie zu suchen; die Kammer war verschlossen.
»Mit allem bin ich einverstanden,« flüsterte die Sofferl dem trauten Gaste zu, »nur ein kleines Gebitt hab' ich, und das mußt du mir vorher erfüllen.«
»Könntest schon bitten, was du wolltest!« sagte der Bursche. »Für dich bin ich zu allem aufgelegt!« Sein Antlitz glühte und um seine Mundwinkel zuckte die Freude, bei ihr zu sein.
»Schererei macht's dir keine,« sagte sie. »Schau, da habe ich eine Tinte, und da hab' ich eine Feder, und geschrieben ist's auch schon. Nur deinen Namen drunter.« Sie zog aus dem Busenlatz ein Papier.
»Was hast du denn da?« fragte er.
»'s ist nur brauchshalber,« sagte das Dirndl. »Gegen gute Bekannte muß man artig sein. Ein kleines Briefel an die Sensenhammerischen zu Solgenstein.«
»An die Sensenhammerischen? Laß das jetzt, Sofferl, ~die~ Leut' sind mir zuwider.«
»Kannst sie lesen, meine Schrift?«
Er konnte sie lesen. Auf dem Papier standen etliche ganz zierlich hingemalte Zeilen folgenden Inhaltes:
»An das ehrenwerte Haus Kloppenberger, Hammergewerke zu Solgenstein.
Unterschriebener erlaubt sich die freundliche Mitteilung zu machen, daß er sich am Sonntag den 11. Oktober 1885 mit der Magd Sophie Hubsteinerin auf Ehr' und Treu' verlobet hat.«
»Jetzt da drunter, mein Bübel, schreibst deinen Namen!« bat das Dirndl zärtlich.
Da schaute er einmal drein. Schaute drein und sagte nichts. Endlich schnalzte er mit der Zunge, tauchte die Feder tief in das Tintenglas, und mit fester Hand schrieb er unter die Zeilen seinen Namen.
»Gut ist's!« hauchte sie, sich ihm an die Brust legend, »Karl, jetzt hast mich!«
»Eine verdammt Feine bist!« sagte er. »Aber mir ist's schon recht. Eine gescheite Frau zu haben, ist kein Schaden. Das Briefel will ich besorgen.«
»Das tu' ich selber,« sagte das Dirndl. »Es kommt an den rechten Ort, brauchst dich nicht drum zu bekümmern.«
Jetzt war ihm gut, jetzt war ihm leicht. Ach, das war für den jungen Stadinger ein glückseliger Nachmittag. Der alte Fleischhauer fluchte über die Abwesenheit des Jungen. »Gewiß!« so rief er dann angeheitert den Gästen zu, »gewiß steckt er drüben in Solgenstein bei den Sensenhammerischen. Ist ja in die ganze Familie vernarrt. Und ich mach' gleich meine Einladung zur Hochzeit. Ja, ja, wenn wir das Stadingergut und die Hammerherrschaft zusammentun, das gibt einen Eselsfleck auf der Weltkugel. Ein Narrenglück hat er, mein Karl!«
Am Abende sah der Stadinger die Sofferl über den Hof eilen. Na, die bekam es! Heute war er giftig. Wo sie gesteckt habe den langen geschlagenen Nachmittag? Ein Tunichtgut und ein Taugenichts und ein Faultier, und allerlei Donnerwetter und Kreuzsapperments darunter! So stark ging's los, daß das Dirndl sagte:
»Herr Vater! Eine solche Litanei lasse ich mir nicht vorbeten. Wir müssen uns jetzt einmal ein gemütlicheres Reden angewöhnen zueinander.«
»Was sagst? Knechtin, was nimmst dir heraus? Soll ich dir deinen Standpunkt wieder einmal klar machen? Ich habe einen schönen Brief über dich, wenn du ihn sehen willst!«
»Ich habe auch einen schönen Brief!« sagte das Dirndl, das Schreiben in der Luft schwingend. Dann lief sie mit demselben dem Posthause zu. --
Am nächsten Tage ließ der alte Stadinger seinen Sohn in die Stube rufen.
»Gestern hast mich wieder einmal sauber allein gelassen bei den Gästen,« redete er ihn an, »na, sei nur still, ich weiß, wo du gewesen bist. Macht auch nichts. Was anderes wollt' ich sagen. Mit dieser Bettlerdirn! Zum Totärgern ist's, was die mir gestern für Gegenred' gehabt hat. Ich glaub', die wird spießig, ich glaub', die muß man walgen. Schick sie diese Wochen in den Holzschlag hinaus, die hart' Arbeit wird sie schon wieder weicher machen.«
»Wen?«
»Die Sofferl mein' ich!« brummte der Alte.
»Ist mir recht, daß wir von ihr reden,« sagte der Bursche. »Kommt mir aber nicht leicht an, Vater, was ich zu sagen habe. Dem Menschen ist's halt angeboren, man kann nichts dagegen machen, und die Sach' läßt sich nicht zwingen und nicht wehren.«
»Was ist denn das für eine Umrederei?« fragte der Alte scharf.
»Ich denk', wir reden ein andermal davon,« sagte der Bursche. »Auf einmal geht's nicht, und jetzt muß ich auf's Rübenfeld. Das gute Wetter hält nicht an, es sinkt der Barometer.«
Viel mehr wurde nicht gesprochen an diesem Montagmorgen. Als jedoch am Dienstag der Alte schärfer drauf drang, das Dirndl zur Züchtigung in den Holzschlag zu schicken, konnte Karl das, was einzugestehen war, nicht mehr länger verschieben. Auch konnte mit jeder Stunde aus Solgenstein die Rückwirkung der Verlobungsanzeige eintreffen.
»Ich glaube, Vater,« begann er, »Ihr kennt die Sofferl noch nicht gut genug. Ihr behandelt sie immer nur als Knechtin, und das ist ganz natürlich. Aber so einfältig ist sie nicht mehr, daß sie an den dummen Schein noch glaubte. Ist auch Zeit, daß dieser Spaß aufhört. Sie bleibt freiwillig, ich stehe dafür. Die muß man kennen! Daß sie frisch, fleißig, sparsam, treu und gescheit ist, das wisset auch Ihr, ist keine letze Person. Ich kenne sie noch von einer anderen Seite ...«
Der Alte trat einen Schritt zurück, er stolperte dabei über einen Schemel, so daß der Sohn ihn stützen mußte.
»O, ich dank' dir, ich steh' schon, ich fall' nicht!« stieß er heraus. »Also die Sofferl gefällt dir so gut!«
»Ihr habt mir ja selber dazu geraten.«
»Und das --« Der Alte unterbrach sich. »Ja, du hast recht,« sagte er, »ein braver Bursch', der seiner Zuhälterin das Wort redet. Sie soll nicht in den Holzschlag, kann auf dem Rübenfeld bleiben.«
»Das was Ihr genannt habt, ist sie mir nicht, war sie mir nie,« sagte der Bursche.
Der Alte entgegnete mit leiser Stimme: »Brauchst es ja nicht zu leugnen. Ist ja eine natürliche Sach'.«
»Vater,« sagte jetzt Karl mit ruhigem Ernste, »über die Sofferl werden wir jetzt schon in einem anderen Ton reden müssen.«
Nach einem Weilchen, als der alte Stadinger ein paarmal die Stube auf und ab geschritten war, sprach er: »Du tust ja gerade, als ob -- als ob -- Solltest zu weit sein gekommen mit ihr?«
»So weit als man kann,« antwortete der Sohn. »Sie ist meine Braut.«
Hierauf schwieg er und erwartete den Sturm.
Der Sturm kam nicht. Der Alte schritt wieder auf und ab. Einmal war's, als wollte er sprechen und es fehlte dazu der Atem. Endlich nahm er das Sacktuch und trocknete sich die Stirn. Dann begann er zu lachen. »Wenn einer,« stieß er inzwischen hervor, »wenn einer, den man mit Sorgfalt führt zu seinem Wohlergehen, jäh ausreißt und dumm weiter tappt und ins Unglück springt, so ist das zum Lachen! Zum Lachen ist's, ha, ha! Das Weinen wär' er nicht wert. Du bist das Lachen und das Weinen und deinen Vater nicht wert. Wenn ich dich enterben könnte ...«
Der Sohn suchte ihn sanft und kindlich zu beruhigen. Er wies darauf hin, daß der Stadingerhof für sich groß und reich genug wäre, daß man kein fremdes Stück dazu mehr brauche, daß er ordentliche und fleißige Leute reichlich ernähre und in Ansehen erhalte, und daß die Hauptsache in der Ehe die Liebe und das Sichverstehen sei. Er sagte alles, was man in solchem Falle eben zu sagen pflegt, und als er nichts mehr wußte, schwieg er.
Der alte Stadinger schüttelte den Kopf und immer wieder den Kopf. Er war völlig fahl geworden in seinem runden Gesichte. Endlich zuckte er die Achseln und sagte aus gehobener Brust: »Verhext hat sie ihn! -- Aber --« Er stellte sich mit gefalteten Händen hin vor den Sohn, »daß du gerade die beste hättest haben können, und daß du gerade die schlechteste nehmen willst! -- Ah nein, du bist Schelm genug und hast mich brav gefoppt. Hauptspaßvogel du! Die Betteldirn! Die Knechtin! Hi hi!« Er versetzte dem Burschen einen Puff an die Seite, der schalkhaft hätte sein sollen.
Karl hielt es für das klügste, für heute abzubrechen. Die Portion war groß genug gewesen.
Wieder einen Tag später ließ der alte Stadinger das Dirndl zu sich rufen, trug ihr einen Sitz an, den sie nicht nahm, und fragte sie fast demütig, wieviel sie verlange, daß sie den Zauberbann löse, mit dem sein Sohn umgarnt worden sei.
»Um Haus und Hof geht's dir!« rief der Stadinger.
»Um Haus und Hof?« entgegnete sie verblüfft. »Kriegt der Karl Haus und Hof? Ich habe ja gemeint, er wird enterbt, wenn er die Knechtin nimmt. Haus und Hof das behaltet selber, Herr Vater.« Dann richtete sie sich auf: »Ich weiß von Reichtum nichts und von Armut nichts, ~ihn~ will ich haben, sonst will ich nichts, ist mir alles zu schlecht.«
Dem Alten wurde heiß und kalt, als er diese Leidenschaft sah. Nach so einer hatte er auch geplangt in seiner Jugend, aber keine gefunden. War auch ein Glück, der Mann muß seinen Kopf aufrecht halten für die Wirtschaft. Und die Weiber? Liebhaben kann man die armen, heiraten tut man die reichen.
Diesmal war weiter nichts zu machen. Abwarten, bis er ausgebrannt hat, der dumme Junge. Nachher wird er von selber klug. -- Wenn man sich nur darauf verlassen könnte! O verzweifelt, verzweifelt!
Es gibt Versicherungsgesellschaften gegen Feuer, gegen Wasser, gegen Hagel, gegen Seuchen, gegen Diebe, gegen alles Mögliche, dachte der Stadinger, nur gegen das größte Elementarunglück, gegen die Dummheit, gibt es keine. Diese verdammte Liebe, diese vermaledeite! Aber wer gescheit ist, dem macht sie nichts. Nur den Toren! -- Verlobt haben sie sich. Meinetwegen, wenn sie nur nicht heiraten. -- Auf jeden Fall müssen die Sensenhammerischen warm gehalten werden.
Er fuhr auf seinem Wäglein nach Solgenstein, aber die Sensenhammerischen waren schon kalt. Als er sich anmeldete, ließen sie sich verleugnen, es wäre niemand zu Hause. Der Stadinger kehrte beim Hirschenwirt ein, und aus Ärger kam er zu tief ins Glas. Auf der Heimfahrt nächtigte es, das Rössel wurde ungebärdig und warf Wagen und Fuhrmann in den Straßengraben. Wohl packte der Mann mit Mühe und Not sich wieder zusammen, aber als er nach Hause kam, wimmerte er vor Schmerzen. Das rechte Bein war ausgerenkt. Der Kurschmied wurde gerufen, aber darauf wurde es noch schlimmer. Die ganze Nacht lang ächzte und schrie der freilich durch beständiges Wohlergehen wehleidig gewordene Mann; alle Hausleute liefen zusammen, selbst die Gäste aus der Schankstube, jedes wußte einen Rat, aber keiner war etwas nutz. Auch die sieche Frau Stadingerin kam aus ihrem Zimmer, aber nur um ihm heftige Vorwürfe zu machen, daß er umgeschmissen habe; dann siffelte sie wieder in ihr Nest, welches sie fast nie mehr verließ. Sie kümmerte sich um nichts, nur wenn sie Grund zum Keifen witterte, kroch sie hervor. Endlich blieb die Frau ganz liegen, vergraben in ihrer Gicht und Giftigkeit. Als die Sofferl sah, der Stadinger hätte keine Hilfe und keine Labe, streifte sie ihre blauen Ärmlinge auf: Das wolle sie doch sehen, ob dieser ungute Fuß denn nicht ordentlich zu verbinden sein sollte! -- Sie richtete Späne und Binden zusammen, ging frisch an die Arbeit.
Als das Bein gleichgerichtet und gefatscht war, hörte das Wimmern des Kranken auf, und er fragte im Halbtaumel: »Ist es der Doktor?«
Die Sofferl wäre es.
»Vertrakte Dirn! Kann die auch Beine einrichten? Jetzt soll sie aber schauen, daß sie weiterkommt!«
Am nächsten Tage tat's ihm wohl, aber als er aufstehen wollte und einen Fehltritt tat, war der Teufel wieder los. Es kam eine elende Nacht, man löste das kranke Bein und verband es wieder, die Schmerzen steigerten sich so sehr, daß er gegen Morgen nach der Sofferl verlangte. Das Dirndl legte neuerdings den Verband an, da seufzte der Stadinger auf: »Ach, das tut gut!« Jetzt durfte sie nicht mehr von seinem Lager, sie pflegte und begutete ihn Tage und Nächte lang. War er ruhig, so war sie heiter und plauderte über angenehme Dinge; war er mürrisch, so schwieg sie und war geduldig.
»Ich hätt's nicht geglaubt,« sagte er, »ich hätt's nicht geglaubt.«