Part 3
»Still sei!« sagte er und schaute gespannt auf einen Baumstamm, der quer über dem Bach lehnte und mit dem Wipfel hier an einer Tanne hängen geblieben war. »Dort oben ist was,« sagte er und zog die Bäuerin an der Hand der Stelle näher. »Ich hab' das Ding schon eine Weil' betrachtet, es kommt mir nicht recht für. Als ob was Lebendiges im Astwerk wär', gar ein Mensch. Aber es rührt sich nichts. Da hat gewiß einer herüberkrauchen wollen und ist hängen geblieben.«
»Jeß Maria! Nachher ist's mein Lenzerl!« schrie die Bäuerin hellauf.
»Schrei nit so, Weibmensch! Daß er jäh erschrickt und ins Wasser patschen kunnt!«
Aber das Rauschen des Wildbaches sorgte dafür, daß keine menschliche Stimme hinaufdrang. Der Holzknecht war auf die Tanne geklettert, spähte nach dem Wesen im hängenden Stamm und bedeutete der Bäuerin herab, sie solle ruhig sein, er sehe schon, was es sei, er wolle den Vogel bald haben. -- Es währte nicht länger als drei Minuten, aber sie waren die qualvollste Zeit, die das Weib je erlebt hatte. Sie sah ihr Kind hundertmal ins Wasser stürzen und davonrinnen und ertrinken. -- Ein Holzknecht weiß sich zu helfen bei den Bäumen. Seine Joppe hatte er herabgeworfen, dann stieg er, immer vom Sturme umbraust, von Ast zu Ast die Tanne höher hinan, schwang sich oben auf den herübergefallenen Baum, kletterte an dem schwankenden Stamme hinaus, erfaßte mit fester Hand den Knaben am Arm. Der erwachte und schrie. Seine ins Astwerk verklemmten Glieder loszulösen war nicht leicht -- doch es gelang, der Holzknecht brachte den Lenzerl herab und stellte ihn neben seiner Mutter fest auf den Erdboden.
Dieweilen war auch der Bergbauer gekommen, seinem Weibe nach, und war der Franz gekommen, seinem Bruder nach, zu helfen, wenn wo zu helfen wäre. Wo die Brücke abgebrochen war, kamen sie alle zusammen. Und haben unter Dankgebeten den Knaben heimgetragen.
Dann sind sie sehr glücklich beisammen gesessen im Bergbauernhause.
»O mein Kind!« sagte die Mutter, »wenn du nicht den Herrn Jesus von der heiligen Kommunion bei dir gehabt hättest, da wär's wohl nicht so gut ausgegangen. Er hat dich heimgeführt. -- Und jetzt, Lenzerl, denke ich, du gehst in Gottesnamen schlafen.«
Ehe der Kleine das tat, kniete er in den Wandwinkel hin, faltete die Hände, schloß die Augen und sah vor sich stehen den lieben Herrn Jesus, der in der Kommunion zu ihm gekommen war.
Bald hernach war es im einschichtigen Bauernhause dunkel geworden. Über das Dach dahin brauste der wilde Föhn, der Urwaldstämme bricht und Berge stürzt, aber an dem frommgläubigen Kindesherzen vergeblich rüttelt.
Franzosenrummel.
Das war ein hartes Wandern! Weitaus das härteste, das sie je erfahren hatten. Gewohnt, aufs Volk ~hinab~zuschauen. Und jetzt mußten sie so steil zum Volke ~hinauf~.
Zwei bärtige Männer kletterten unter großen Bündeln eingeknickt hinan den steinigen Waldweg. Zwei andere Männer, die an ihren blauen Fräcken glänzende Knöpfe hatten, führten jeder eine Frau am Arm. Der eine die weißhaarige Matrone, die sich seufzend und schwer an seinen Arm stützte; der andere ein schlankes junges Fräulein, das am liebsten ohne Führung und Stütze auf allen vieren gelaufen wäre. Der Hohlweg war danach. Wasser sickerte zwischen den Steinen, Erlsträucher und Kiefernstrupp wucherten bösartig nieder und kratzten, wenn es leicht sein konnte, das feine, blasse Mägdlein an den Wangen.
Vor einem anrückenden Trupp Franzosen geflohen, hatten sie ihrer Väter stattliches Schloß verlassen, um zu einem Lehenhofe hinaufzusteigen, der hoch im Gebiete der Almmatten liegt. Sie kamen an einen lichten Platz unter Lärchen, wo der Blick frei ward ins Tal, das schon blauend fern in der Tiefe lag, und wo in der andern Richtung ein silberweißes Steingebirge stand, wie es die Frauen bisher nie gesehen, nur manchmal nennen gehört hatten von den Gemsjägern. Die Matrone suchte mit ihren Augen das Schloß und fand es nicht. Der Begleiter erst mußte es weisen: Jenes graue Würflein mit den schwarzen Punkten. Und das winzige Ding soll die alte große Kronburg sein? Ein Würfel! Mit dem der Himmel jetzt lost um Menschenglück!
»Ich glaube gar, auf dem Turm steht die Trikolore schon!« sagte der Führer und guckte durch das Rohr seiner hohlen Faust hinab.
»+Mon Dieu+, ich ertrage es nicht!« sagte die Matrone mit leiser Stimme. »Wir hätten doch den Willen des Grafen tun sollen.«
»Nein, Mama!« rief jetzt das Fräulein, »niederbrennen nicht, das liebe Haus!«
»Lieber in Asche, als daß dieser schreckliche Feind drinnen haust! Kannst du je eine heimliche Stunde haben in den Mauern, die durch diesen korsischen Bluthund entweiht worden sind?«
»Nein, Mama, der Bonaparte wird nicht kommen.«
»Er wird schon im Schlosse sein!« eiferte die Matrone.
Darauf sagte einer der Männer: »Schade, daß einem so was nicht früher einfällt. Wir haben die Pulverfässer in der Muhrhöhle versteckt. Die wären im Schloßkeller viel besser aufgehoben gewesen. Mit offenem Deckel. Und ein Kerzenlicht drauf hingestellt!«
»Bum!« machte der andere. »Gegen Himmel sprengen, den Lumpen! Zur Höll' fahren wird er nachher schon selber.«
»Lasset das, Leute,« verwies die Frau, »es wird einer kommen, der stärker ist als er. Trachtet nur, im Kürnhof ein leidliches Asyl zu schaffen. Für ein paar Wochen. Lange kann's ja nicht dauern.«
Als sie noch so sprachen, kam den Berg herab eine stattliche Weibsperson, diese eilte sofort der Matrone zu: »Eure Gnaden, da oben ist's nix. Wir müssen wieder 'nunter!«
»Kein Platz?«
»Drei Stuben. Der Kürnhofer hat sich mit Weib und Kind schon in den Heustadel gezogen. Aber nichts zu essen, Gnaden, Frau Gräfin! -- Wohl, wohl, Milch, Mehl, Butter genug, aber diese Küche! Gott, da schaut's aus! Die Küche ist Holzasen, Schlafkammer und Hühnerstall zugleich, meiner Tag hab' ich's nicht gesehen. Und dieser Rauch! Und dieser Ruß! Und dieses Geschirr! Drei Hafen, drei Schüsseln, eine alte Pfanne, eine Feuerzange, ein Reibeisen, ein Kochlöffel, ein Schabmesser -- jetzt sind wir fertig mit dem Zeug, damit soll der Mensch kochen! Nein, Gnaden, da tu ich nit mit! Da gehe ich lieber zurück, zu den Franzosen hinab, wo man alles herzunehmen hat!«
»Sei nicht dumm, Stanzi!« verwies die Gräfin. Dann sind sie weiter angestiegen.
Der Kürnhof lag auf flacher Almhöhe. Nach zwei Seiten sah man hinab in die bergige Welt; hinter dem Hause stand ein Schachen mit alten finsteren Wettertannen. Vor dem Hause ein gurgelnder Brunnen, ein verwildertes Gärtlein mit Nelken, Königskerzen und kümmerlichem Salat. Auf dem Anger Schweine mit Ferkeln, in der umzäunten Halde Schafe mit Lämmern, auf der Weide Kühe mit Kalben, auf der Planke Hühner mit Küchlein, an der Haustüre ein gutmütig knurrender Kettenhund, auf dem Firste eine scheckige Katze, um den Giebel kreisende Schwalben. Im Innenhofe war eine Magd, die hackte grüne Fichtenzweige zu Streu. In der Holzhütte war ein Knecht, der schnitt einen Block entzwei. Weiterhin waren Mähder und Heuer und mit der Peitsche knallende Hirten. Das Haus war alt, hatte ein bemoostes Bretterdach, braune Holzwände mit kleinen Fenstern und einen Söller, an welchem bunte Zeuge hingen, so daß das Fräulein im ersten Augenblick meinte, der Kürnbauer hätte zu Ehren der Ankömmlinge beflaggt. Es war aber nur Wäsche zum Trocknen.
Der Hausvater kam zur Tür heraus und trat den Gästen entgegen. Ein alter, hagerer Mann, an dem alles krumm war: die Beine, die Arme, die Finger, die Nase, und alles eckig: die Backen, die Stirn, die Achseln, die Ellbogen, die Knie. Die letzteren hielt er weit auseinander, als hätte er ein Pferd zwischen den Beinen. Die Schenkel dünn und mit falber Lederhose eng umspannt. Die Lodenjacke so kurz, daß man zwischen ihr und der Hose am Rücken das lehmfarbige Rupfenhemd sah. Der Hals lang und voller Runzeln, die Wangen rot wie ein Hahnenkamm und sorgfältig rasiert. Der Mund ging so breit auseinander und die grünlichen Äuglein zuckten so munter aus der halb gesenkten Hülle hervor, daß es schien, der Mann lache immer. Mit weiten schnellen Schritten ritt er heran, seinen breitkrempigen Filzhut tat er herab, so daß das schüttere graue Haar im Winde flog. So schritt er mit hastigen Schritten heran und rief mit dünner Stimme: »Hopassa, da seins! -- Der Herr Gnaden Graf nit da? der tut leicht Franzosen derschlagen? Brav. Die Frau Gräfin tu ich eh schon kennen, ei ja, das wohl. Ist das die Tochter? Saggra, das ist eine bildsaubere Gredl!«
Wie drollig wäre es gewesen, dem plaudersamen Bergmenschen nur so unterwegs zu begegnen! Aber den als Gesellschafter, wer weiß, wie viele Wochen lang!
»Ja, ist schon recht, Kürnhofer,« antwortete ihm einer der tragenden Männer, »weiset uns nur die bereitete Wohnung an, daß die hohen Herrschaften sich ausruhen können.«
An der Tür stand die Hausmutter, ein kleines dickes Weib, dessen blaue Schürze an beiden Seiten bis hinten reichte. Das Hemd weit über die vollen Arme zurückgestreift, dann ein Kopf und ein Kropf. Der Kropf hatte zur rechten Seite einen kleinen Knollen und zur linken einen großen. Der Kopf war mit turbanartigem Tuch umbunden, das Gesicht rund und frisch hatte für einen mit guten Augen tausend feine Runzeln, für einen mit schlechten -- gar keine. Das Näschen saß bescheidentlich zwischen den vollen Backen, der kleine Mund war fast viereckig, so daß sie kein Verstecken spielen konnte mit der einen Zahnlücke zwischen dem kräftigen Gebiß. An ihrer Schürze hingen ein paar Kinder, vielleicht auch drei, oder noch mehr, es war gerade nur so regsam lebendig um das Weib herum.
Gegen ihren Mann einen heftigen Deuter machte sie: »Schwatzen sollst nit so viel!« Dann trat sie vor und wollte den Frauen bescheidentlich die Hand küssen.
»Lasset das gut sein, Kürnhofbäuerin,« sagte die Gräfin ernsthaft. »Jetzt sind wir ärmer als ihr da auf dem hohen Berge. Gott prüft uns hart. Es wird wohl bald wieder in die Wege kommen und dann soll es unvergessen sein, daß ihr uns Unterstand und Schutz gegeben habt in Zeiten der Not.«
»Mein Gott, Euer Gnaden! Aber so was!« entgegnete die Bäuerin, da kugelten ihr auch schon ein paar Tropfen über die Wangen. »Wir sind ja der gnädigen Herrschaft Dienersleut'! Zu tausendmal gern, was wir tun können. Aber geduldig sein heißt's wohl bei uns! Bitt gar schön, uns es doch nit übel aufmessen, wenn ich was Ungeschicktes mach, oder wer sonst und wenn wir's halt nit so bieten können, wie's die gnädige Herrschaft gewohnt ist. Alles ist halt bei uns so viel dreckig.«
Kaum gesagt, war's ihr selber zu Mut: Um ein Wort zu viel geredt hast! Derweil du dich ~seiner~ schämst, machst du es selber noch dümmer! Und es ist auch gar nicht wahr. Hast nicht seit einer halben Woche gefegt und gescheuert, daß dir heut noch der Buckel krumm ist? Zu was denn sich selber heruntersetzen, wenn's nit wahr ist!
Die Stuben, in welche die Frau Gräfin nun geführt wurde, waren ja überaus proper. Kein Spinnwebfaden in den Winkeln, kein Fliegenpünktlein an den Fenstergläsern, und auf den Fußdielen hätte man Nudelteig walzen können, so blank waren sie gescheuert. In der Schlafstube stand ein großer Kachelofen, ein Tisch mit Wandbänken und zwei Stühlen, dann waren zwei Kästen da und zwei hoch aufgedonnerte Betten mit schneeweißer Wäsche und blauen Steppdecken. Es war eine hellblickende und frisch tickende Schwarzwälderin da, am Wandröllchen ein mit roten Streifen gesticktes Abwischtuch, und es waren ein paar böhmische Glasbilder an der Wand, den heiligen Florian vorstellend und den heiligen Josef mit dem Kinde. Und am Türpfosten hing ein grünglasiertes Weihbrunngefäß.
»Euer Gnaden müssen halt schon zufrieden sein mit der Einrichtung,« sagte die Hausmutter und bei sich dachte sie: Da können sie freilich leicht zufrieden sein, wenn man ihnen alles Gute und Schöne zusammenschleppt vom ganzen Haus. Feiner mag sie's wohl haben in ihrem Gschloß, aber besser nit, selb glaub ich nit.
Als die Gräfin in der Stube allein war, schlug sie die Hände zusammen und starrte verzweifelt umher. -- »Und da sollen wir wohnen, ich und mein armes Kind! Wenn alles fehlt, aber gar ~alles~! Der Waschtisch, die Vorhänge, die Spiegel, die Armleuchter. Und dieser Geruch! wie morsches Holz! +Oh! ces maudits Français!+«
Dem Riechen nach morschem Holz sollte abgeholfen werden. Der Kürnhofbauer trat in die Stube, setzte sich an das Fußende des Bettes, fragte nach diesem und jenem, was es Neues gebe und ob der Franzos auch Weibsbilder fresse? Dabei begann er sich mit Stahl und Stein Feuer zu schlagen für eine Pfeife Tabak. Die Dame antwortete rasch, die österreichische Armee sei im Anmarsch und sie würde doch mit Gottes Hilfe den Feind bald überwältigen, und sie -- die Gräfin -- wolle jetzt hinaus in die reine Luft und ein bißchen die Gegend betrachten.
»Ist eh recht!« sagte der Alte, blieb sitzen und rauchte die Stube so dick mit stinkendem Tabakqualm an, daß die blauen Wolkenstreifen wie schlangenhafte Ungeheuer langsam umherschwammen im dämmerigen Raum. Die Hausmutter kam, jagte den Rauch zu den Fenstern hinaus und den Alten zur Tür.
Die Köchin Stanzi war im Hofe auf Entdeckungsreisen begriffen, sie mußte die Quellen der Milch, der Eier, der Schinken erforschen. Zwei Knechte arbeiteten im Wagenschuppen, der Lenz und der Zenz. Der Lenz hatte ein rauhes braunes Gesicht und einen gelben buschigen Schnurrbart drin, der wie ein zerfetztes Strohdach den Mund verdeckte. Der Zenz hatte gar keinen Bart, aber eine aufgestülpte Nase und an der Oberlippe eine Hasenscharte. Die beiden sahen schmunzelnd dem rundlichen Weibsbild zu, das planlos umherstrich. Am Hoftor stellte der Zenz sich eng in den Weg, faßte sie ruhig an der Achsel und sagte lachend: »Gut ist's. Die ist schön herzunehmen.«
»Weg die Bratzen!« gab sie zur Antwort, erinnerte sich aber sofort ihrer vornehmen Stellung und sagte in zierlichem Schuldeutsch: »Das bitte ich mir sehr aus, meine Herren! Sie dürfen ja nicht glauben, wissen's! Mir gfallt's überhaupt nicht da ban enk heroben! Da sein ma die Franzosen noch lieber, de san wenigstens sauber gwachsen!«
Schupfte der Lenz seinen Bartwisch und sagte: »Der Sprach' nach bist nit weit her. Vom Franzosenland gewiß nit.«
»Aber kriegt hab' ich doch einen!« eiferte die Stanzi. »Ich wollt, ich wär' unten im Tal. Ich bin mein Lebtag kein sölchener Traumihnit gewest, wie die dasigen Mannerleut. Vor den Franzosen hab' ich mich mein Lebtag nit gefürchtet.«
»Gelt, und vor uns wirst dich auch nicht fürchten,« begütigte der Zenz und legte seinen Arm um ihre Mitte.
Mittlerweile war das junge Fräulein, die Komtesse Augustina, drüben an der Esche gestanden, versunken im Anschauen der Gegend. Ihr Auge war ungeübt im Weitschauen, das verstand nicht hinauszufliegen ins ätherblaue Bergrund, es ging diesen schönen schwarzen Augen wie den gefangenen Vöglein, wenn sie plötzlich frei werden. Sie wußte kaum, ob das, was sie sah, Berge oder Wolken waren, und im Tale die Dörfer, wie tief, wie fern, wie kaum zu erkennen! Heftig mußte sie atmen in der dünnen kühlen Luft. -- Auf diesen hohen Berg, so dachte sie, kann er nicht herauf, der schreckliche Feind mit seinen Rössern und Kanonen. Wenn nur auch Papa da wäre und -- zwei Schwalben schwirrten, einander munter verfolgend, so nahe an ihr vorüber, daß sie den Wind des Flügelschlages fühlte an den Wangen. -- Daß es doch so lebendig sein kann in dieser Einöde. +Et comme ces oiseaux se caressent! Je voudrais que mon chevalier fût près de moi!+ -- Sie ging langsam zwischen den Gebäuden des Hofes dahin. An einer offenen Stalltüre stand sie still und sah, wie drinnen ein junges Dirnlein unter einer Kuh saß und mit den Fingern Milchstrahlen in einen Zuber leitete. Was ist denn das? Gott, das ist aber komisch! -- Die Komtesse hatte noch nie eine Kuh melken gesehen. Sie errötete und eilte weiter.
In der Werkzeughütte auf einer Schnitzbank ritt ein junger Bursche und schnitt mit dem Reifmesser einen Spatenstiel zurecht. Er war in Hemdärmeln, hatte einen glatten strammen Nacken, und ein schönes falbes Flockenhaar. Das Gesicht sah sie nicht. Die Hobelspäne haben einen so merkwürdig feinen Geruch, sie blieb stehen.
»So! gut ist's, mein lieber Haustiel!« sagte der Bursche zu seinem Werke und wog es in den Händen, ob sich das Ding auch gut wird halten lassen. »Jetzt bist fertig, jetzt kannst heiraten.« Er steckte den Stiel an eine eiserne Haue und die junge Gräfin mußte hellauf lachen, daß dieser Mensch mit einem Stück Holz plauderte. Er wandte sich um, stand auf und sagte artig: »So sauber, jetzt werd' ich ausgelacht.«
»Nein, das nicht,« entgegnete sie rasch, »es ist nur so lustig, wie die Schwalben tanzen.«
»Ja, die haben freilich leicht tanzen, weil sie ihre eigenen Spielleut sind,« lachte der Bursche. Dann trat er ihr näher: »Ich glaube gar, das Töchterl von der gnädigen Herrschaft!«
Und sie dachte: Ein hübscher Junge ist's! Nur die Stirnknochen sind zu groß und den Schnurrbart hat der über den Augen. Sind aber auch die danach! +Les beaux yeux des hommes tournent la tête aux dames.+
»Sie bereiten sich da gewiß eine Waffe gegen den Feind!« sagte hernach die Komtesse, weil jetzt doch unweigerlich etwas gesagt werden mußte.
»Waffe? Ich?« fragte der junge Mann. »Aber schon gar nit, Mädel. Die Haue habe ich mir angeschaftet, zum Erdäpfel ausgraben.«
»Sie sind doch ein gesunder Mensch?« sagte das Fräulein und wollte schon die Frage tun, warum er nicht bei den Soldaten sei in solcher Zeit. Als ob es der Bursch erraten hätte, entgegnete er: »Es muß halt zum Hauswachten auch wer da sein. Haben eh schon in voriger Woche hinab wollen, ich und der Lenz und der Zenz, da hat der Vater gesagt: Wenn die Herrschaft kommt, da heißt's daheim bleiben. Auf ja und nein können ihrer ein Schippel da sein, wer hätt' die Verantwortung!«
»Also unsertwegen sind Sie zu Hause geblieben?«
»Jawohl, Dirndel!« rief er und faßte sie an beiden Händen. »Wir wollen miteinander Erdäpfel graben, gelt, hopsa!« Er schob sie in der Runde um sich. Dem Fräulein kam das schrecklich unpassend vor, aber ganz lustig. +Moins une chose est convenable plus nous la goûtons+, sagt der Franzose.
Nun wurde von einem Hirten die Herde zum Brunnen geleitet. Die vordere Kuh hielt ihre große Schnauze in den Trog und schlürfte mit Behagen das Wasser ein, daß die Bauchteile auf und nieder wogten. Rückwärts drängte ein grauer Stier, den dürstete auch, und vor Ungeduld hieb er sich mit dem buschigen Schweif mehrmals über den Rücken. Weil die Kuh nicht fertig werden wollte, so sprang er mit den Vorderfüßen an sie hinauf.
»Aber sehen Sie doch!« rief die Komtesse erschrocken, »wie eine Kuh auf die andere springt!«
»Das eine ist ja keine Kuh!« lachte der Bursch.
»Robert!« schmetterte die Hausmutter von der Türe her.
* * * * *
Daß die Morgensonne auch wagrecht ins Zimmer scheinen kann, das hatten die beiden Damen bisher kaum je einmal gesehen. Heute sahen sie's, die Sonne schien so zum Fenster herein, daß ihre Lichttafel schier oben an der Decke war. Über fernsten Bergen war sie heraufgekommen, ein glühendes Rad und draußen sangen die Finken, die Schwalben, die Amseln, die Lerchen. In einen Pelzmantel gehüllt eilte die Gräfin ins Freie, um zu sehen, ob im Tale irgendeine Spur der feindlichen Stellungen gesehen werden konnte. Im Tale lag ein weißer See, der erst am hohen Vormittag in leichten Wirbeln emporstieg, in dünnen Schleiern sich löste. Dann lag das Tal da, wie es gestern gelegen, nur daß zu dieser Tageszeit die Kirchtürme und Burgen im Lichte standen. Aber die Kronburg konnte man nicht sehen vom Kürnhofe aus.
Die alte Gräfin setzte sich zum Hausvater, der auf einem Stuhle ritt, der Stuhl hatte ein Amboßlein aus Stahl und darauf dängelte er eine Sense. Sie saß da, weil sie gerne mit dem Alten etwas gesprochen hätte, aber bei den gellenden Schlägen war ein Plaudern nicht möglich. -- Sie schaute viel umher, beobachtete allerlei und wurde immer mißmutiger. +Fi donc!+ Alles rings herum auf diesem Berge, die Gebräuche, die Menschen, die Tiere -- alles so unsittlich!
»Ich weiß nicht, wie ich sagen soll, Kürnhofbauer. Meine Tochter hat eine sehr sorgfältige Erziehung genossen ...«
»Eh recht,« sagte der Bauer und dängelte: däng, däng, däng.
»+En effet, oui+, wie unseren Augapfel haben wir sie bewacht ...«
»Wird eh so sein.« Däng, däng, däng.
»+Le barbare ne comprend pas!+ Eure Tochter -- mit der mein teures Kind umgehen soll -- sie ist wohl ganz unschuldig noch? Ich meine ...«
»Die Hilderl? Meine Hilderl?« fragte der Alte und ließ den Hammer auf dem Amboß ruhen. »Unschuldig? Ich denk' wohl, Euer Gnaden. Aber wissen wird sie's schon, daß sie ein Weibsbild ist.« Däng, däng, däng.
»-- -- -- Mir ist das durchaus nicht gleichgültig, Kürnhofer. Mein Kind ist kaum siebzehn. Vollkommen uneingeweiht in gewisser Beziehung ...«
»Euer Gnaden,« sagte der Bauer. »Wird eh sein, wird eh sein, aber -- den Mentscherln darf man nit trauen. Kleines Engerl, großes Luderl.« Däng, däng, däng.
Die Gräfin ging mit einem Seufzer von dannen. Sie suchte die Komtesse und fand die Köchin Stanzi, welche hastig von der Scheune herkam und mit Neuigkeiten beladen war. »Im Haferstroh! Im Haferstroh!« rief sie fast außer Atem, »habe ich Eier gefunden, frische Eier, und die Franzosen, hat der Zenz gesagt, sind schon in Almstein!«
»Wo ist die Komtesse?«
»Im Heu oder beim Vieh. -- Im Haferstroh, sagt der Zenz, kunnt man ihrer alle Tag' finden.«
»Laß jetzt die Eier und bringe mir mein Kind!«
Komtesse Augustina hatte eine Genossin gefunden. Das Mädchen, welches gestern unter der Kuh gesessen, schüttelte auf der Matte mit einer langen Gabel die Heuschichten auseinander, das Schloßfräulein half munter dabei mit.
Als auf der Matte das Heu flach gelegt war, daß es die Sonne trocknen und dörren konnte, sprach die Haustochter Hilda zu ihrer neuen Gefährtin: »So, das letzte Haufel schütteln wir nit auseinander, da setzen wir uns drauf und wollen rasten und Milch trinken.« Sie nahm den Plutzer vor.
»Ist das dieselbe Milch, welche --« Das Fräulein zuckte ab und begann zu kichern. Dann zog es ein elegantes Handspiegelchen hervor, beguckte sich drin und tastete mit den weißen Fingern an dem über der Stirn hoch aufgelockerten Haar herum. »Wollen Sie auch hineingucken?« fragte sie das Dirndel.
»Dank schön. Ich hab' einen viel größeren.«
»O, den haben wir auch!« sprach mit einiger Ernsthaftigkeit die Komtesse. »In unserem Speisesaal auf Kronburg hängt einer, der ist so groß, wie euer ganzes Hausdach.«
»Ein Spiegel?«
»Ein Spiegel!« wiederholte das Fräulein stolz.
»Da hab' ich einen noch viel größeren,« sagte die Hilda. »Ja, ja, ganz im Ernst! Werd ihn schon einmal herzeigen, wenn ich gut aufgelegt bin.«
»Gut aufgelegt! Sie sind wohl immer lustig, nicht wahr?«
»Ja, wenn ich nit bös bin. Wenn ich bös bin, da bin ich nit gut!« lachte die Hilda.
»Lustige Leute liebe ich!« gestand die Komtesse.
»Weißt was,« sagte das Bauerndirndel, und legte den Arm um ihren Nacken, »tun wir lieber Du sein miteinander.« Dabei schaute sie aus ihrem frischen Rundgesicht mit den kleinen Grauaugen schalkhaft auf die Komtesse. Die war zu allem aufgelegt, wendete aber immer das Köpfel einmal zur Rechten, einmal zur Linken hin, ob wohl Mama nicht in der Nähe sei. Aus dem Plutzerkragen Milch trinken, das machte ihr Spaß, obschon sie sich das erstemal, zu rasch übergestülpt, die Milch aufs Busentuch geschüttet hatte. Die Hilda hatte aus der Kitteltasche Nähzeug geholt und tat jetzt mit einem weißgegerbten Fellchen um.
»Was hast du denn da?« fragte die Komtesse.
»Das ist ein Katzenbalg. Weißt, davon kriegt er einen Tabaksbeutel, wenn er heimkommt und brav Franzosen derschlagen hat.«
»Aber wie du sprichst!« sagte die Komtesse. »Wer denn?«
Die Hilda tat verblüfft: »Wer denn? Er halt. Der meinige. Dem hab' ich gesagt, wie er fort ist: Halt dich fest, Nickel, wenn du zurückkommst, kriegst einen schönen Katzenbeutel. Schau, da ist er, ich nähe ihn zusammen und ein blauseidenes Ranftel drauf. Siehst es, sauber steht's!«
»Ist das dein Bruder, der Nickel?«
Lachte die Hilda hellauf: »Jetzt glaubt die, das ist mein Bruder!« Und dann ernsthaft zum vornehmen Fräulein: »Hast denn du keinen Schatz?«
Fast erschrak die Komtesse über eine so plötzliche Frage. Ein schneller Blick in die Runde, ein engeres Zusammenrücken auf dem Heu: »Wenn -- wenn du mich nicht verraten wolltest. Mama weiß nichts davon, daß ich einen Freund habe ...«
Die Hilda rieb sich mit Vergnügen die Hände: »Das ist gescheit! Gelt, der ist gewiß auch recht schön!«
»Gott, meine liebe Freundin, das ist ein schöner Mann!«
»Geh! Aber erzähl, wie schaut er denn aus!«