Chapter 15 of 23 · 3953 words · ~20 min read

Part 15

Sie machte ihm das Kissen recht, legte ihm das Bein recht, stellte ihm den Teller recht, wenn er aß. Anfangs zankte er und ärgerte sich darüber, daß es bei ~der~ eigentlich nichts zu zanken gab. Allmählich, denn sein Fußleiden dauerte wochenlang -- es war noch eine Sehne verrenkt und entzündet -- wurde er freundlich mit ihr, ließ sich von der Wirtschaft erzählen, hielt es nicht unter seiner Würde, mit ihr über Haus und Geschäft zu sprechen. Er hatte es gern, wenn ihre Hände geschickt und zart das Bein betreuten, wenn sie ihm das graue Haar von der Stirn strichen, und einmal faßte er ihre Hand in die seine, hielt sie eine Weile und, um dabei etwas zu sagen, sagte er: »Du bist so schön warm, Sofferl!«

Endlich konnte der alte Stadinger wieder aufrecht stehen. Und eines Morgens, nachdem die Sofferl ihm den Kaffee gebracht und gezuckert hatte, schickte er sie hinaus: Der Karl soll hereinkommen.

Der Bursche, frisch und munter wie immer, trat herein und wollte mit seinem gewohnten Wirtschaftsbericht anheben.

»Das ist ja recht, ist ja recht!« unterbrach ihn der Alte. »Etwas anderes wollte ich sagen. -- Wenn du sie haben willst, so nimm sie bald. Sonst nehm' ich sie.«

Da lachte die Sofferl draußen, denn sie hatte es gehört.

»Das dumme Papier unter meinen Schriften,« fuhr der Stadinger fort. »Sei so gut, Karl, lange mir das Packel aus dem Kasten. So wohl. -- Da ist der Wisch. Zerreiß ihn.«

Stand das Dirndl an der Tür: »Von einer Schrift ist da die Rede, die möchte ich mir ausbitten.«

»Was geht's dich an!« fuhr der Alte empor. »Bist mir eh zum Unheil ins Haus gekommen, du! Geschämt hab' ich mich schon vor mir selber, deinetwegen. Kummer und Ärger hast mir gemacht. Deine verdammte Bravheit! Jetzt bist eingenestelt. Gefangen hast uns! Höllisch aufgebracht bin ich. Da, da hast ihn, deinen Loter! Wenn er dich nimmt! Ich wett', er nimmt dich gar nicht.«

»Nein, er nimmt sie nicht!« rief der Bursche, »er ~hat~ sie schon genommen.« Und halste sie und küßte sie so heftig und schmatzend, daß dem Alten die Zähne wässerten.

Wie dem Dirndl zu Mut war, wir können es uns denken. Sie hatte geschworen, sich zu rächen für die Schmach, mit Geld gekauft worden zu sein. Sie wollte in einem anderen Sinne Stadingers unveräußerliches Eigentum werden, sie hatte es erreicht. Ihre Rache bestand in Liebe, und sie ist gut dabei gefahren.

Noch an demselben Tage wurde die Hochzeit bestimmt und der Ehevertrag aufgesetzt vom Notar. Als der unterfertigt war von allen Seiten, lief die Sofferl hinaus ins Freie, lief den Hügel hinan, von wo aus die weiten Besitzungen des Hofes zu übersehen sind. Dort reckte sie sich empor, daß sie groß wie eine Hünin wurde, dehnte ihre Arme in die Luft und rief: »Knechtin? -- ~Herrin!~ -- Juchhe!«

Das Christkind von Scharau.

Das Frommsein ist süß. Nur schade, daß es bloß alle heiligen Zeiten einmal sein kann. Die übrige Weile muß der Mensch an was anderes denken. Zu viel von der Gattung macht mager, meint der Baumbart-Bauer. Aber wenn eine heilige Zeit kommt -- insonderheit die Weihnachtszeit, da tut er die Bibel herfür. Die Bibel und das Bübel, das letztere ist sein jüngstes Söhnlein und dem legt er die Bibel aus und sagt: »Mein Gott, die Kinder!«

Denn der Knabe brennt durch und durch vor Liebe zum Christkind und die heiligen Flammen schlagen ihm zu den hellen Augen heraus. Und die Fäustlein sind gar fest gekniffen, denn es gibt auch ganz elendlich schlechte Leute in der Bibel.

Es ist der heilige Abend und es geht schon um's Dunkeln. Der Baumbart-Bauer ist eben auch schon in den Jahren, wo man mit der Frömmigkeit nicht mehr viel versäumt. Er hat sich's in der Stube bei der Bibel recht behaglich gemacht, denn das gehört dazu, und er deutet nun dem Kleinen das Weihnachtskapitel:

»Ist selb' Zeit, mußt wissen, im heiligen Land eine Volkszählung gewest, im Vergleich wie bei uns vorigen Sommers, wo der Schulmeister als Umgangssprache die lateinische angegeben hat, was richtig ist, weil beim Fronleichnamsumgang Geistlichkeit und Meßner lateinisch beten.«

»Und die Ministranten auch,« vervollständigte der Knabe, weil er ja selber einer war.

»Gehört nicht her da,« sagte der Baumbart-Bauer. »Und bei der Leutaufschreibung im heiligen Land ist auch unsere liebe Frau von weit her nach Bethlehem kommen, wo sie zuständig gewesen, und daß sie sich angeben wollt'. Ist ein arm' Weib gewesen und wie's finster worden ist, hat sie in der ganzen Stadt Bethlehem keine Nachtherberg' gefunden.«

»Hat sie nicht bei ihren Blutsfreunden anfragen können, wenn sie zuständig ist g'west?« warf der Knabe sehr brav ein.

»Meinen sollt' man's,« sagte der Alte, »aber wer so bettelarm ist, der hat keine Vettern und keine Muhmen. So gern sich die ganze bethlehemitische Freundschaft später bei der Himmelfahrt der Mutter Gottes an ihre Falten angeheftet hätte, so gern hat sie zu Bethlehem dem armen Weib die Tür vor der Nase zugeschlagen. So sind die Leut', mein Bübel, so sind die Leut'!«

»Gelt, wenn sie zu uns wär' kommen, die liebe Frau, wir hätten ihr das hintere Stübel warm heizen lassen?«

»Gehört nicht her da!« sagte der Bauer, »so christlich sind wir gleichwohl in der Scharau, daß wir die Mutter Gottes nicht in einem Ochsenstall übernachten ließen, wie das Judenvolk von Bethlehem so unbarmherzig ist gewest; die armen Hirten haben braver sein müssen. Hör' nur zu!«

Da ist die christliche Unterhaltung plötzlich unterbrochen worden. Die Baumbart-Bäuerin kam eilig in die Stube getreten, aber so leise, als ginge sie in eitel Socken; und halb über den Tisch hingelehnt, lispelte sie dem Ehemann zu: »Du, jetzt ist eine draußen, die will sicher dableiben heut' Nacht.«

»Aha,« meinte er, »für die Festtage sucht sich das Bettelvolk allemal den Großhof. Die Krapfen, die du gebacken hast, riechen halt weitum in der Luft.«

»Ein Bettelweib ist's dieweilen zwar noch nicht, die draußen steht,« sagte die Bäuerin.

»Ist's wer der will, behalt' sie und gib ihr eine Suppe.«

»Und bist gar nicht begierig, wer's sein möcht'?« fragte das Weib. »Raten kannst lang', derraten wirst es nicht.«

»Nachher wird sie von weit her sein.«

»Vom Masenthal herüber.«

»Etwan doch nicht die Plonel?«

»Schau, was du für eine scharfe Nasen hast,« sagte die Bäuerin und indem sie sich weiter über den Tisch bog und noch näher ans Ohr ihres Mannes hin: »Das stinkt aber auch danach. -- Sie laßt den Vetter schön grüßen.«

»Kann mir's denken. Umsonst kommt die nicht zu ihrem Vetter. So Leut' tragen allemal weniger ins Haus herein, als hinaus.«

»Dasmal,« meinte nun die Bäuerin, wies aber, bevor sie weiter sprach, den Knaben davon; die Kinder brauchen nicht alles zu hören. »Dasmal möcht's umgekehrt sein, däucht mich schier --«

»Wie meinst das?« fragte der Bauer und lugte sie schief an.

»Geh' hinaus, in der Küche steht sie, wenn sie sich nicht niedergesetzt hat. Betracht' sie dir einmal, die Plonel, ob sie nicht schwerer aufgefaßt hat, als ein Weibmensch in solchem Alter tragen soll ...«

In der Küche stand sie wirklich, denn sie hatte sich nicht niedergesetzt. Obwohl der größte Teil ihres Gesichtes und Körpers in ein wollenes Umhängtuch eingemummt war und obwohl sie so demütig und armselig dastand, merkte man doch leicht, daß sie jung und hübsch war. Die Augen, die zwischen der Vermummung aus einem vor Kälte und anderem geröteten Gesichte hervorschauten, waren treuherzig und traurig dabei. Die Hände, die in fingerlosen Handschuhen staken, hielt sie vorne unter dem Busen aneinander und in denselben ein Handbündel.

In die Länge war sie seit zwei Jahren nicht gewachsen, das sah der Baumbart-Bauer auf den ersten Blick. Die Plonel war ein armes, fleißiges und gutherziges Ding, eine Waise und zur Zeit, als ihre Dienstherren mit ihr wohl zufrieden, mit dem Baumbart-Bauer weitläufig verwandt gewesen. Aber seit sie vor zwei Jahren aus der Scharau ins Masental hinübergewandert war, wo die Leute um ein gut Stück lustiger sind als da herüben, und wo sie in dieser Sache die Ehre der Scharauer rettete, indem sie tatsächlich dartat, daß Scharauerblut noch viel lustiger sein könne, als welches vom Masental, und seit der Ruf davon ins Heimatsdorf zurückgekehrt war -- fand der Baumbart-Bauer, daß die Verwandtschaft mit ihr eigentlich nur eine »erheiratete« gewesen und dieselbe längst »mit Tod abgegangen«.

Diese erheiratete, aber mit Tod abgegangene Verwandtschaft hatte das Mädchen jetzt mitten im scharfen Winter aus dem fernen Tale herübergeführt, um zu den Weihnachtsfeiertagen ihre Vettern und Muhmen auf dem Baumbarthofe heimzusuchen. Als der »Vetter« in die Küche trat, wollte sie ihm die Hand küssen. Er ließ es nicht angehen, sondern sagte recht gutmütig, das wäre was Neues, daß sich die Plonel auch wieder einmal anschauen ließe. Sie sollt' nur ein wenig abrasten und einen Löffel warmer Suppe essen, auch dürfe sie ein Stück Weihnachtsbrot nicht verschmähen, obwohl er wisse, daß die Masentaler ein besseres hätten. Er täte gern sagen, daß sie in seinem Haus über Nacht bleiben möchte, wenn ein einzig Platzel aufzutreiben wäre; aber es sei über und über alles besetzt; Verwandte, die ihn über die Feiertage besucht, hätte er auch im Haus. -- Na, wie's ihr alleweil ginge? Das Aussehen wär' nicht schlecht.

Der Plonel hatte es die Rede verschlagen. -- Wie es ihr ginge? Daß sie müde ist vom weiten Weg und in einer schweren Bangigkeit! Und daß sie jetzt in der Scharau keine Herberg' hat! -- Sie hat's nicht gesagt. Als sie des Bauers, ihres einzigen Verwandten, Worte gehört hatte, konnte sie weder essen noch trinken. Da müsse sie wohl wieder anrücken, sagte sie kleinlaut und betrübt, sie hätte noch einen weiten Weg. Die Bäuerin suchte ihr etliche Krapfen aufzunötigen; der Bauer sagte ihr noch freundliche Worte, und als das Mädchen das Umhängtuch fester um ihren Körper gebunden hatte und langsam, mit jedem Schritte völlig zögernd, in den dämmernden Winterabend hinausgegangen war, atmeten die guten Baumbartleute auf: »Gott sei Dank, daß wir die fortgebracht haben!«

Der muntere Knabe trachtete den Vater bei den Rockschößen wieder in die feierliche Stube zu zerren und rief: »Jetzt mußt du mir die Geschichte von unserer lieben Frau in Bethlehem weiter erzählen!«

»Gehört nicht her da!« sagte der Bauer etwas unwirsch, wußte aber selbst nicht, warum er unwirsch war.

Als es ganz finster geworden und so recht der Frieden der heiligen Nacht über das Dorf ausgebreitet lag, als auch das Aveläuten verklungen war, die Glocken mit ihren letzten Schlägen aber noch anzudeuten schienen: Heute sagen wir nicht: gute Nacht! heute fangen wir noch einmal an! -- da hieß es im großen Baumbarthofe plötzlich: »Der Kinigl-Peterl ist da!« Das Knäblein schoß wie ein Pfeil zur Tür hinaus und stand auch schon vor dem wunderlichen Mann.

Der Kinigl-Peterl war ein alter, großer, hagerer Patron, der zu jenen bestgesuchten und schlechtest geachteten Leuten gehörte, wovon jedes Dorf die seinen hat, Leute, die alles können und anfassen, wofür zufällig sonst niemand zuwege ist. Sie sind Strohdachdecker und Brunnengräber, Krankenwärter und Rattenfänger, Obstbaumpelzer und Honigausheber, Kapaunzüchter und Ochsenmacher, und noch viel mehr, kurz: nahezu alles -- und darum nichts.

Der Kinigl-Peterl, der mit seinem rechten Namen Peter König hieß, verlegte sich außerdem noch auf die Kaninchenzucht, was ihm allerdings nicht viel zu schaffen machte, denn die Kaninchen züchten sich selber. Er hatte davon manch feines Brätlein und den Namen Kinigl-Peterl. Nebenbei hatte er eine kleine Familie mit einem nicht immer harmonisch gluckenden Weiblein und drei Töchtern, die schon erwachsen waren und zur Sommerszeit vor dem Häusel mitten auf der Straße saßen und mit Sandhäuflein und Steinchen spielten. Es waren die »drei armen Hascher« von Scharau. Ihr Vater hatte denn viel zu schaffen, daß sie zu ihrer geistigen Verkrüppelung nicht auch noch Hunger leiden mußten. Im Häusel sah's wohl arm aus, aber nicht bettelhaft, und der Peterl nahm jede Gelegenheit wahr, sich was zu »verdienen.«

Eine solche Gelegenheit zum »Verdienen« war die heilige Weihnachtszeit, da er von Haus zu Haus ging und den Leuten die »Geburt Christi« sang, wofür er eine kleine Gabe erntete. Denn überall beschloß er seinen Sang mit den Worten: »Glück hinein, Unglück hinaus, Gott besegne dieses Haus!«

So stand der Kinigl-Peterl in seiner langbemantelten, hageren, vorgeneigten Gestalt, mit dem kleinen Gesichtl und den weißen Bartstoppeln dran, mit frommen Gebärden, aber fürwitzigen Äuglein -- so stand er da an der offenen Haustür; der Schein des Herdfeuers fiel auf ihn und er sang die Geschichte der Einkehr zu Bethlehem, wie sie eine Stunde früher der Baumbart-Bauer aus der Bibel dem Knaben erzählt hatte. Nun kam der Bauer und legte sich aus dem Beutel zwei Silberzehner in die hohle Hand zurecht, denn das christliche Singen nach altem Brauch gefiel ihm gar wohl, und das Almosengeben schien ihm heute recht stimmungsvoll; es kam ihm bedeutend leichter an wie sonst: Nur heraus damit, heiliger Abend ist nicht alle Tag'.

Der Peterl hatte die »Geburt« schier zu Ende gesungen; jetzt war er gerade dabei, wie die römischen Beamten zur heiligen Familie in den Stall treten, um von ihr die Beschreibung aufzunehmen. Da spricht

~Der Schreiber~: »Sagt an, sagt an, wie des Kindleins Namen ist?«

~Der Vater Josef~: »Das Kindlein heißt Herr Jesu Christ.«

~Schreiber~: »Sagt an, wie heißt die Mutter fein?«

~Josef~: »Die Mutter heißt Maria rein.«

~Schreiber~: »Und saget, wie der Vater heißt?«

~Josef~: »Der Vater heißt der heilige Geist.«

Während solcher Zeremonie war aber auf dem Gesichtlein des Peterl keine rechte Andacht zu erkennen. Das gefiel dem Bauer nicht. Er hielt dem Alten die flache Hand mit den Silberstücken hin und sagte: »Du siehst, Peterl, es sind ihrer zwei. Und hab' sie dir geben wollen allzwei. Aber weil du's ein wenig schlampert machst mit der heiligen Sach', so kriegst nur einen.« Damit nahm er mit der andern Hand den einen weg und schob ihn in die Tasche. Den zweiten nahm der Peterl mit einer schönen Verbeugung und sang den Schlußvers:

»So sei dir, Haus, wohl ehrenwert Des Boten letzter Gruß beschert, Glück hinein, Unglück hinaus, Gott --«

Der Peterl unterbrach sich und sagte recht demütig: »Ich hab' dir zwar das Ganze vermeint gehabt, Baumbart-Bauer, aber ich denk', das Letztere behalte ich für mich selber.«

Und schob davon. --

Wie diese Zwei zu solcher Stund' und in der Weise auseinandergingen, hätte man nicht vermutet, daß sie sobald wieder miteinander sollten zu tun kriegen. Und doch schon in derselbigen Nacht.

Als der Baumbart-Bauer vom Mitternachtsgottesdienste nach Hause ging -- es war ein heftiges Schneien und Stöbern eingetreten --, und als er an seinem einsam stehenden Heustadl vorüberkam, eilte aus diesem eine Gestalt hervor. Eine lange, hagere Gestalt. Der Bauer rief sie an, was sie im Stadel zu suchen gehabt? Der Kinigl-Peterl war's und der sagte ganz erregt: »Ah, du bist's, der Baumbart! Schau, das ist schon wieder überflüssig, daß eins bei Nacht und Nebel so weit in die Kirchen geht, wenn man das Christkindl auf eigenem Grund und Boden hat. Willst es wissen: da drinnen ist's, da drinnen im Heustadl. Ochs und Esel stehen nicht dabei, drum geh nur geschwind hinein, ich komm' auch bald nach.«

Er lief davon. Wie der Alte noch laufen konnte! Im Stadl war etwas zu hören. Der Bauer horchte. Das war ja schier das Schreien eines kleinen Kindes! -- Er ging in die alte Bretterhütte, kroch über Stroh und Heu, rief herum, was denn da wäre und war endlich ganz nahe dem jungen Geschrei. Da es stockfinster war, so machte er keinen Schritt mehr weiter, sondern fragte, wer da sei.

Nun antwortete ihm die matte Stimme eines Weibes, wenn er etwa nur aus Neugierde frage, so nenne sie ihren Namen nicht.

»Ist auch nicht nötig,« sprach der Bauer, »ich kenne deine Stimme, mir scheint, die habe ich heut' schon gehört. Warum sagst es denn nicht, daß es so mit dir steht?«

»Der Vetter hat mir beizeiten den Riegel vor den Mund und vor die Türe geschoben.«

»Wenn ich dein Vetter bin, so wird's mir auch zustehen zu fragen, wer die Schuldigkeit hat, daß er jetzt für dich sorgt; heißt das, wenn du's selber weißt.«

»Bauer!« sagte sie und ihre Stimme war kräftiger, »mein Mann ist jetzt beim Militär!«

Warum sie's nicht gesagt hätte, daß sie verheiratet wäre?

Weil sie nicht darum gefragt worden sei. Ihr Mann sei ein Auswendiger (Fremder), und mit so einem hebe man in Scharau keine Ehre auf.

Warum sie jetzt in die Scharau herübergekommen sei?

Weil sie noch vor den Wochen ihre Verwandten besuchen wollte. Die Zeit aber sei Gott bekannt. Die Verwandten hätte sie nun wohl gesehen -- jetzt wolle sie Frieden haben.

Da kam schon der Kinigl-Peterl mit einem Laternlicht und mit einem breiten Buckelkorb, wie man solche im Sommer zum Grastragen braucht. Er stäubte sich am Eingang sorgsam den Schnee ab, dann kroch er über das Heu her und hinter ihm kroch sein Weib nach, das schleppte Mäntel und Bettdecken und rief der Mutter mit dem Kinde schon von weitem Koseworte zu, und daß sie nur getrost sein sollten, es kämen ja schon die Hirten mit warmen Suppen und Wollzeug und allerlei. Und der Peterl schlug vor, sie solle das liebe Christkindel nur keck anpacken und damit in den Korb kriechen, dann wolle er sie beide rechtschaffen weich und warm einwickeln und in sein Häusel tragen, wo schon alles bereit sei.

Und als der Baumbart-Bauer merkte, die zwei Häuslersleute wollten sich hier wirklich auf die frommen Hirten von Bethlehem hinausspielen, da schämte er sich und stellte sich bereit, die Arme in sein Haus zu nehmen. Sie aber dankte für die gute Meinung: »Ich bin eine arme Magd und will mit den Hirten gehen.«

Sie ging aber nicht, sondern ließ sich hübsch tragen und dankte Gott in ihrem Herzen, daß diese nötenreiche Nacht einen so freundlichen Christmorgen gefunden hatte.

Am Christtage, als die Leute erfahren hatten, was sich Merkwürdiges in der Scharau zugetragen, kamen sie ins arme Häuslein mit Lob und Gaben. Die Gaben für Mutter und Kind, das Lob für den Peterl und sein Weib. Die »drei armen Hascher« standen auch vor dem Bett und schauten das Wunder an. Es war, als ob von diesem ein Strahl ausginge, so verklärt lächelten ihre einfältigen Augen. Und so ist das Wort laut geworden und ist dem Kleinen, der hold heranwächst, der Name geblieben: »Das Christkind von Scharau«.

Die Brüder Stadlhofer.

In einer schlaflosen Nacht fiel mir der Johann Stadlhofer ein. Er war unweit meines Ortes daheim, in der Gegend von Wenigzell oder Strallegg -- dort oben irgendwo. Kennen lernten wir uns in Graz, wo er an der Universität studierte, dieweilen ich -- älter als er -- in der Vorbereitungsklasse der Handelsakademie saß. Aber ich war ihm nicht zu schlecht; an Sonntagen gingen wir gern miteinander aufs Land hinaus, am liebsten auf solche Höhen, wo man die fernen grauen Bergrücken unseres gemeinsamen Heimatgaues sehen konnte. Der Johann lachte immer, wenn wir von der Heimat sprachen, er erinnerte sich an die Narreteien, die er dort als Bauernjunge getrieben, doch manchmal blitzte ein jäher Zorn auf, ohne merkbare Ursache. Dann ließ er sich wieder alles gefallen und bisweilen, wenn unser mehrere beisammen waren, trieben wir's wüst mit ihm. Er verband sich die Augen und stemmte in wagrecht gebückter Stellung den Kopf an den Baumstamm. Einer von uns anderen schnellte die Beine, hüpfte auf seinen Rücken: »Esel, wer reitet?« Und er antwortete: »Der Goldleitner Gelm!« oder »Der Waldbauernbub, der Schelm!« und erriet es allemal. »Der muß auch hinten Augen haben!« riet einer der Spielgenossen. »Freilich,« lachte der Johann, »ich hab sogar an deinen Ohren Finger. Merkst du's?«

Jener merkte es. Aber nicht grob.

Noch mehr als seine rückwärtigen Augen bewunderte ich an ihm die Artigkeiten mit schönen Stadtdamen. Da war's wieder so, daß er seinen Mund an ihren Fingern hatte. Er küßte ihnen die Hand. Aber wie? Er nahm so ein weiches, schmales Händchen in seine Bauernpratze, faßte die Fingerchen zusammen in seine Faust, so daß nur die rosigen Spitzen hervorstanden. Und diese Spitzen küßte er. Aber so nachdrücklich, daß man meinte, er wolle ihnen das süße Blut aussaugen. Und die Dame wurde gar nicht einmal so böse. Er war ein hübscher, frischer Junge, und solcher braucht sich an keinerlei Kußregeln zu halten.

Eines Tages gegen Ende Mai erhielt mein Johann Stadlhofer von seinem Bruder ein Schreiben, expreß, er möge eilends heimkommen, es sei die Mutter schwer erkrankt. Kränklich war sie schon seit lange gewesen. Er machte sich sofort auf den Weg, zu Wagen, so weit es ging, dann zu Fuß ins Gebirge. -- Am fünften Tage ist er wieder zurückgekehrt, aber das war ein anderer, als der fortging. Ein guter Sohn war er immer gewesen, obschon er sich dessen eher zu schämen schien. Der leise Mollton, wenn er manchmal -- selten geschah es -- der Mutter Erwähnung tat, war mir aufgefallen. Daß ihn aber der Mutter Tod so herrichten sollte, das hätte ich nicht denken können. Er kam zu mir, sagte, daß seine Mutter gestorben sei, und ging ohne weiteres wieder davon. Fast hatte er ein anderes Gesicht bekommen, vergrämt und abgespannt. Man sah ihn nicht auf der Gasse, und wenn man an seine Bude klopfte, war er nicht zu Hause. Ich war schon in Sorge, ihm irgendwie weh getan zu haben, vielleicht durch mein Beileidsbrieflein, worin ich ihn auf ein Wiedersehen mit der Seligen im Jenseits verwies. Er hatte zwar das Knabenseminar durchgemacht, aber seit der siebenten Klasse glaubte er an nichts mehr.

So war's ein paar Wochen, da trafen wir uns eines Abends zufällig auf dem Glacis. Wir gingen miteinander wie früher und gingen in den stillen Wald von Mariagrün hinaus.

Ein gelbes Dachshündchen hatte er bei sich, das früher nie mit ihm gewesen. Es watschelte jetzt kurzbeinig neben ihm her. Manchmal, wenn uns Leute begegneten, flüchtete sich das Tier an den Johann, hob das rechte Vorderbeinchen auf und winselte ein wenig. »Weil ihm einmal einer hart aufs Pfötel getreten ist,« sagte mein Begleiter. Ich hob ein Stückchen Holz auf und wollte dem Hunde »Apportel« werfen. Der Johann nahm es mir aus der Hand: »Das wollen wir bleiben lassen.« Im Walde, auf einem Holzblock, sind wir lange gesessen, bis in die Nacht hinein, und dort hat er mir's erzählt.

Unser Haus, so begann er, steht ganz oben auf einem Hochland. Weitum sieht man die Almen und Felsenberge, es ist schön dort. Mein Vater ist schon lange gestorben; mein Bruder führt die Wirtschaft, er ist um fünf Jahre älter als ich. Wir haben uns immer gut miteinander vertragen und er hat gegen den kostspieligen Studenten nie was einzuwenden gehabt. -- Wie ich nun hinaufgelangt bin und dem Hause nahe, da kommt mir mein Bruder entgegen, über den Anger her. Lässig reicht er mir die Hand und sagt: »Ja, mein lieber Bruder! Die Mutter werden wir halt nit mehr lang' haben.« Während wir ins Haus traten, erzählte er mir kurz die Krankengeschichte. Ihr Bett stand in der großen Stube an der Wand. Ihr Gesicht kam mir viel weißer vor als sonst, ihr Haar dunkler. Als sie mich sah, lächelte sie ein wenig und hob sachte die Hand. Vor der erschrak ich fast, sie war so schlank und kühl. Sie hatte doch sonst ~meine~ Hand gehabt, die da. Sie sprach leise und nicht gar deutlich, fragte, wie die Reise gewesen sei, und bemerkte, daß meinem Tuchrock linkerseits ein Knopf fehle. Den solle die Küchenmagd nur gleich einheften. Um meine Beklemmung zu verbergen, schäkerte ich ein bißchen mit dem Finetterl, dem kleinen Dachshund, der immer so gern bei ihr war, der jetzt am Fußende des Bettes lag und der trotz der neun Monate unserer Trennung mich nicht aus dem Gedächtnis verloren hatte. »Aber,« fuhr die Mutter fort, »ausschau'n kunnt'st mir besser, Hansel. Wieder so viel lernen wirst müssen, gelt?« Diese Frage war mir unangenehm, denn ich lernte -- wie du weißt -- gar nichts, schon monatelang. Im ersten Jahre Jus, was gibt's denn da zu lernen! »Nein, Mutter,« beruhigte ich sie, »da geb' ich schon acht, daß ich mir mit Lernen die Gesundheit nicht verderbe. Wenn nur erst Ihr wieder auf der Höh' wäret!«