Chapter 9 of 23 · 3999 words · ~20 min read

Part 9

Wer wochenlang Zeit hat, der mag die Bekanntschaft mit einem herzigen Mädel unter »Sie« anheben; auf der Wanderschaft ist mir diese Umsiederei immer zu langweilig gewesen.

»Warten tu' ich ja nicht,« lachte sie, »ich will nur ein bissel rasten, weil ich in Kapfenberg gewesen bin, und Mariandl heiß' ich auch nicht.«

»So?!« rief ich, »hab' doch gehört daß in der Aflenzer Gegend alle sauberen Dirndeln Mariandl heißen. Was tragst du denn da?«

»Da drinnen, da?« fragte sie und hob den tafelartigen Gegenstand ein wenig empor. »Das sag' ich nicht.«

»Sicherlich eine schöne Heiligkeit.«

»Nein, kein Heiligenbild ist es nicht,« schmunzelte das Dirndlein.

»Oder der Liebste!«

»Keinen Liebsten hab' ich nicht.«

»Oder hast dich gar selber malen lassen!«

»Jawohl, gewiß!« lachte sie auf; »malen lassen werde ich mich! Wer mich sehen will, der soll zu mir selber kommen.«

»Das habe ich getan. Malen kann man dich doch nicht. Der Maler täte früher mit der ganzen Staffelei niederbrennen vor lauter Lieb'.«

»Da müßt' man halt löschen,« meinte sie.

»Und ich möcht' so gern sehen, was du da drinnen für ein schönes Bild hast.«

»Ja, das glaub' ich!«

»Dirndel, zeig' es mir!«

»Das zeig' ich nicht her,« sagte sie schalkhaft und legte die Hände fester über die verhüllte Tafel. Als ich sie des Rahmens wegen ein wenig befühlen wollte, schob sie meine Finger weg, sagte, sie könne ihre Lebenszeit hier nicht versitzen, und machte sich auf den Weg. Ich ging mit ihr und wir plauderten gemütlich dahin.

»Wie alt bist denn schon?« war meine Frage.

»Kann Er gut raten?«

Ich streckte meine zehn Finger aus: »Doppelt so viel!«

»Höher, Peter!«

»Höchstens noch einen dazu!«

»Stimmt.«

Bei manchem Stadtfräulein dürfte man beim Erraten der Lebensjahre der Wahrheit nicht so nahe kommen.

Nun begegnete uns eine Kreuzschar, die aus Mariazell kam. Hinterdrein kristelte einer nach, der vielleicht bei der Rast in Aflenz sein Leben etwas zu sehr durchgeistigt hatte; er traf die Straße nicht immer haarscharf und trollerte ein paarmal an die Telegraphenstangen.

»Aber der ist fromm,« sagte meine Begleiterin, »der telegraphiert sogar seinen Rausch nach Mariazell!«

Ich fragte sie nun, unsere Unterhaltung wieder anknüpfend, ob auch sie einmal in Mariazell gewesen sei.

Sie verneinte es.

»Aber,« bemerkte ich nach dem bekannten Bauernspruch, »jedes Dirndel muß ja neunmal nach Mariazell wallfahren gehen, bis es einen Mann kriegt!«

»Ja,« entgegnete sie, »und ein Mann muß neunmal nach Mariazell wallfahren gehen, bis er das Weibsbild wieder losbringt. Unser alter Knecht sagt's. So einen Spott brauch' ich nicht. Ich mag keinen Mann.«

»Da hast ganz recht. Die Burschen sind auch viel feiner. Geh, Dirndel, gib her dein Bild, ich will dir's tragen.«

»Dazu bin ich schon selber stark genug,« war ihre Antwort, und dabei nahm sie die verhüllte Tafel noch fester unter den Arm.

»Woher hast sie denn?« wieder meine Frage.

»Vom Kapfenberger Glaserer.«

»Was ist denn drauf?«

»Das braucht Er nicht zu wissen.«

»Wo gehst denn hin damit?«

»Heim.«

»Ich geh mit dir.«

»Der Weg ist breit genug dazu.«

»Wo wirst denn das Bild aufhängen?«

»Halt über der Stübeltür.«

»Zu deiner Schlafkammer?«

»Kann schon sein.«

In dem Augenblick stand's bei mir fest: Du gehst mit ihr! Sie mag hingehen, wo immer.

Vor dem Wirtshaus in Thörl werde ich sie -- so viel mir noch erinnerlich ist, und was auch schicksam war -- gefragt haben, ob sie nicht einkehren wolle? Nein, sie könne auch daheim trinken. Wartete aber doch nicht so lang'. Auf dem Wege gegen St. Gilgen, unter einem verknorpelten Ahorn, ist ein Brunnen. Zu dem beugte sie sich nieder, nutzte die hohle Hand zu einem Schöpfer und trank.

»Kalt ist's!« sagte sie und schlenkerte von der Hand das Nasse.

»Jetzt geschwind ein Busserl drauf, daß es warm wird!« war mein Rat.

»Warum denn nicht!« sagte sie und trocknete die Lippen, »ein Busserl in Ehr'n geb' ich Bauern und Herrn.«

»Und laß mir auch das Bild ansehen. Geh, deck's auf!«

»Oha!« rief sie, und es war so weit, daß sie mir die Tafel entwinden mußte. »Da zeig' ich's nicht her, weil Er so gamerig (darnach lüstern) ist! just nicht!«

Etliche Minuten später trat sie in ein Haus, über dessen Türe Fichtenreisig und Hobelspäne winkten. Wein und Bier! Also ein Wirtshaus. Und da ist sie daheim. Um so besser, da kehrt man ein und bleibt über Nacht, wenn's zu spät zum Weiterwandern wird. Also ins Haus.

»Gott sei Dank!« sagte sie und legte in der Stube ab, dann zu mir gewendet: »Was schaffen wir?«

Ich aß und trank. Es waren ein paar lustige Burschen und Dirnen da, sie tranken Apfelmost und Branntwein und tranken einander, und auch mir und meiner »Mariandl« auf gute Gesundheit zu. Stadtleute, die immer oben hinaus wollen, trinken sich ein »Hoch« zu, Landleute »gute Gesundheit«.

Um so viel sind diese klüger. Endlich, als die Burschen und Dirnlein recht viel Gesundheit in sich hatten, gingen sie davon.

Ich blieb zurück und machte mir mit dem Dirndl zu schaffen. Als sie neben mir auf der Bank saß, legte ich meinen Arm sehr gesittig auf ihre Achsel, und es war wieder die Sprache von dem verdeckten Bilde.

Weil es mittlerweile dämmerig geworden war, so meinte sie: »Jetzt warten wir schon damit, bis das Kerzenlicht kommt, daß wir eine gute Beleuchtung haben.«

»Auch gut. Wir können bis Mitternacht trinken, mir macht's nichts, und hier gibt's weder einen Nachtwächter, noch sonst einen Büttel. Wir können eins singen miteinander und lustig werden, mir macht's nichts. Gelt, dir auch nicht?«

Endlich, als sie mit ihrem Vater und dem kleinen Gesinde Milchsuppe und Salat mit Speck gegessen und einiges von Kapfenberg ausgesagt hatte, ging sie an die Tafel, die auf einer Bank an der Wand lehnte, band die Tuchecken auseinander und schlug sie zurück. Daß ich, den Kerzenleuchter in der Hand, nahe hinter dem Dirndel stand, daß ich mit sehnsüchtiger Augenlust auf das Bild blickte, welches so geheimnisvoll getragen und bewacht worden war und welches jetzt enthüllt wurde -- ist leicht zu glauben. Die Hülle fiel und ich sah.

-- -- Wie heißt es in jenem Gedichte? »Auf ewig war seines Lebens Heiterkeit dahin ...«

Die Polizeiordnung. An der Wand lehnte frisch enthüllt die Polizeiordnung in Glas und Rahmen.

»Von der K. K. Statthalterei wird strengstens kundgemacht« usw.

»Und jetzt schlafen gehen!« sagte der Wirt. »Mariandl, führ' den Herrn auf die Bodenkammer!«

Aus der Küche kam ein altes, schiefäugiges Weibsbild gewackelt, das nahm die Kerze und knurrte mich an, mitzukommen. ~Das~ war die Mariandl.

Am nächsten Morgen, als ich wohlausgerastet in die Gaststube trat, war die Sonne da und der Kaffee und das freundliche Dirndel von gestern. Und die Polizeiordnung hing über der Tür zum Nebenstübel.

Ich verlangte nach dem Wirt, um zu rechnen. Das Dirndel nahm die Kreide und sagte, ich hätte ~gestern~ die Rechnung ohne den Wirt gemacht, ich möge es heute nur auch tun. Sie betrage just zwei Gulden, und froh sollte ich sein, daß sie mir keine größere machen könne.

Zwei Gulden! Darauf war nun mein Handwerksburschenbeutel freilich nicht gefaßt. Aber sie hat recht, dachte ich, 's kunnt schlimmer sein!

Zur Gesundheit! Am nächsten Morgen schrieb ich in mein Tagebuch: »Wenn das Dirndel hübsch ist, so lockt es die Burschen selbst mit einer Polizeiordnung ins Haus.« -- Gott, wenn so ein dummer Junge gefoppt wird, das ist zu lustig!

Sein Geld will er haben.

An einem nebelgrauen Märztage war's im Jahre des Heils 1811. Der Stockbattner werkte in seiner Geräthütte umher und besserte Pflug und Egge aus. Denn es kam die Zeit zum Ackern. Der Stockbattner war ein noch junger Mann, der die Tabakspfeife, wenn das Feuer ausgegangen war, nicht noch im Munde baumeln ließ, sondern sie weglegte und sich nicht sobald Zeit nahm, sie wieder anzuzünden. Er hatte vor kurzem erst den Bauernhof übernehmen müssen; sein rüstiger Bruder war schon früher zu einem Nachbarn als Knecht gezogen, um sich Geld zu verdienen; sein altes mühseliges Elternpaar war bis zum letzten Ende im Hause geblieben -- also hieß es jetzt tapfer anschieben, um die Wirtschaft zur Not im Gange zu halten.

Dem Pfluge fehlte ein Sech, er stemmte es ein; dem Rade mangelte ein Reifen, er schlug ihn an; der Egge gingen etliche Zähne ab, er setzte sie ein -- der Ungeschicktesten war er keiner, gab es Schmiede-, Wagner- oder Zimmermannsarbeit, er wußte anzugreifen und nachzuhelfen. Natürlich, wenn wir die auf dem Hofe liegenden Schulden tilgen sollen, wenn wir die Gebäude ausflicken und die Grundstücke in bessere Tragfähigkeit bringen müssen, wenn wir am Ende gar noch heiraten wollen, da muß man wohl überall nach dem Rechten sehen und Bescheid wissen.

»Mir scheint, du hast mit dem Werkzeug dein G'frött,« redete den Bauer jemand an. Er schaute von seiner gebückten Stellung auf, stand sein Bruder Jakob hinter ihm.

»Ah, du bist es,« lachte der Stockbattner, »hab' mir schon nicht denken können, wer heut' dahersteigen kunnt. Ja freilich hab' ich mein G'frött; es ist hübsch alles zerlempert umundum, und wenn das Werkzeug nichts nutz ist, wird die Arbeit auch nichts nutz. Weißt eh, wie's geht.«

»Wenigstens ist jetzt alles dein,« sagte der Jakob.

»Wär' schon recht, wenn ich erst einmal die Schulden weggezahlt hätte. Willst nicht ein bissel in die Stuben hineingehen und abrasten, Bruder? Mit einem Glasel Schnaps kann ich dir aufwarten. Sonst bring' ich halt nichts für. Wenn die Hauswirtin fehlt, weißt eh.«

»Schnaps mag ich alleweil,« beschied der Jakob, und sie gingen ins Haus, wo der Bauer den Bruder mit Zwetschkenbranntwein und Schwarzbrot bewirtete. Der Jakob schnitt sich vom Brotlaib ein großes Stück ab, machte in diesem dann mit seinem Taschenmesser mehrere Querschnitte, um es solchergestalt brockenweise in den Mund stecken zu können.

»Hast kein' Speck dazu?« fragte er.

»Der tausend ja, Speck, ei freilich! Bin wohl ein schlechter Hauswirt, ich, daß ich nicht daran denk': Mußt mir's schon nicht für übel halten.« Damit beeilte sich der Stockbattner, aus einem rußigen Küchenkasten das Gewünschte hervorzuholen. »Laß dir's nur schmecken, Bruder. Mich gefreut's. Weißt eh, daß es mich allemal gefreut.«

Und als der Bruder Jakob sich tapfer geatzt hatte, das Taschenmesser zuklappte und den Mund mit der breiten Hand abwischte, pfiff er dem Bauer ein Liedel ins Gesicht und sagte hierauf gemütlich: »Weißt, warum ich da bin? Was glaubst?«

»Das Heimatshaus sucht der Mensch gern manchmal auf. Ist auch recht.«

»Hau, das Heimatshaus!« lachte der Jakob. »Bin ja doch fremd, seit du darauf sitzest.«

»Aber Bruder!«

»Bin ja hinausgebissen worden.«

»Aber Bruder Jakob! Du hättest ihn doch haben können, den Hof, hast ihn nicht genommen, hab' halt ich mich müssen dranmachen, daß er nicht in fremde Hände kommt. Weißt eh.«

»Ist gut,« brummte der Jakob mit einer unwilligen Handbewegung. »Wir wollen nicht streitend werden. Ich bin nur da, Bruder, um dir zu sagen, daß ich mein Geld haben will.«

Der Stockbattner schaute ihm eine Weile forschend ins Gesicht. »Das wird doch nicht dein Ernst sein.«

»Ich will mein Geld haben.«

»Wärst aber nicht gescheit, Bruder! Ja, zu was brauchst es denn auf einmal?«

»Das ist mein Sach'. Ich wart' nimmer zu.«

»Um Gottes-Christi willen, woher sollt' ich jetzt auf der Stell' fünfhundert Gulden nehmen?«

»Fünfhundertachti, mein Lieber! Schenken tu' ich dir keinen Kreuzer. Lieber einem wildfremden Menschen, wie dir.«

»Und um mir das zu sagen, hast dir die Gurgel mit Speck einschmieren müssen?«

»Wenn du mir das Stückel Speck neidest -- soll dir vergütet werden.«

»Ach nicht so, nicht so, Bruder. Wer wird so was denken! Ist dir wohl vergunnt. Nur mit der Forderung tu' mir noch ein bissel warten, ich bitt' dich gar schön. Woher sollt' ich's nur nehmen? Die Ochsen sind noch nicht feist. Hafer verkaufen kann ich erst im Herbst, weißt eh. Die vielen schlechten Jahre her -- in der Franzosenzeit. Die schreckbaren Abgaben alleweil, es ist hart hausen. Die Leich' von Vater und Mutter, die wir so schnell nacheinand' verloren, haben auch was gekostet.«

»Hau, soll ich, der arme Bauernknecht, die Alten noch ins Grab zahlen, meinst?«

»Aber Jesses, wer redet denn von so was!«

»Wo ich eh verkürzt genug bin worden!«

Nach einem Weilchen versetzte der Stockbattner: »Sei doch nicht gar so harb, Jakob. Ich will gern mit dir tauschen und ich will dir nachwarten mit dem, was nachher ich von dir zu kriegen hätt'.«

»Was nutzt die Rederei!« unterbrach der Jakob, »ich will mein Geld haben, in acht Tagen will ich's haben, sonst wirst sehen, was geschieht.«

Damit goß er noch ein Gläschen Schnaps in seine Gurgel, stand auf und ging fort.

Der Stockbattner trottete wieder hinaus zu seinem Pfluge und arbeitete gelassen wie vorher daran herum. Am Abende aber, als es dunkel wurde, und das Gesinde in der großen Stube herumsaß und auf das Nachtmahl wartete, welches eine alte Magd in der rauchigen Küche zusammentat, ging der Bauer hinab in den Torhof. Im Vorhause dieses Hofes, bei einem Kerzenlichte, tat die saubere Haustochter Mali Leinwand glätten. Die übrigen Hausbewohner waren in Stuben, Kammern und Ställen zerstreut und kümmerten sich nicht drum, daß der Stockbattner neben dem bügelnden Dirndl saß und mit ihm plauderte. Das geschah ja oft, daß die so plauderten, und ist weiter auch kein Geheimnis, daß die zwei zusammenhalten.

»Ja, so geht's,« hatte der Stockbattner angefangen, »immereinmal ist es schwer, Mensch zu sein.«

»Was hat's denn?« fragte das Mädchen teilnehmend.

»Jetzt kann's erst sein, daß alles miteinander nichts wird, was wir uns so fein ausgedacht haben, allzwei. Weißt eh.«

Sie ließ das Bügeleisen stehen auf einem Fleck, und schier zu lang. »Schrecken tust einen, Seppel!« hauchte sie, da hatte das Linnen schon eine leicht versengte Stelle.

»Mein Bruder ist heut' bei mir gewesen.«

»Der Jakob?«

»Ja, der Jakob.«

»Ist's dem leicht nicht recht -- unsertwegen!«

»Ah, davon hat er nichts gesagt. Sein Geld will er haben.«

»So gib ihm's.«

»Jesses, Mädel, wenn ich's nicht hab'. Ich müßt' rein ein Grundstück verkaufen, oder sonst was, aber der Stockbattnerhof hat nichts übrig, weißt eh. Und hat ja nichts einen Wert jetzt.«

»Grundstück darfst kein's verkaufen und sonst auch nichts, wenn nichts übrig ist und nichts einen Wert hat.«

»Aber woher nehm' ich das Geld?«

»Ja, mein Mensch, das weiß ich halt auch nicht.«

»Wenn er mir nur wenigstens bis Pfingsten warten tät', nachher hätt' ich vielleicht ein paar Ochsen -- klecken aber nichts.«

»So geh, schau, bitt' ihn halt noch einmal, daß er dir bis Pfingsten warten tut; das Paar Ochsen, kleckt es nicht viel, so kleckt es ein bissel, und das übrige zahlst ihm im Herbst.«

»Und sonst --« sagte der Stockbattner scheinbar zerstreut, »sonst kannst mir keinen Rat geben?«

»Wenn mein Vater was hätt', der wollt' dir's gewiß gern leihen, aber er hat halt auch kein Bargeld. Das Geld ist halt frei so viel klug (spärlich).«

Mit solchem Bescheide stieg der Bauer wieder sachte hinan zu seinem Hof. Er dachte hin und er dachte her, was da zu machen wäre, aber es fiel ihm nichts ein.

Am nächsten Tage war Sonntag. Nach dem Gottesdienst lud der Stockbattner seinen Bruder Jakob ein auf eine Halbe Wein beim »Adler«. Der Bruder ließ sich nicht lange bitten, tat dem Glase wacker Bescheid und bemerkte noch, zu einem so guten Wein gehöre auch ein guter Rostbraten.

»Haben sollst ihn, Jakob!« rief der Bauer und hieb ihm launig die Hand auf die Achsel. »G'freuen tut's mich, wenn du mir's nicht verschmähst. Wir sind unser zwei einzige Brüder, wir müssen schön zusammenhalten, gelt!«

»Ei freilich!« meinte der Jakob und machte sich an den Braten.

Später, beim Auseinandergehen, als der Stockbattner schon dachte: Gottlob, heut' sagt er nichts davon, hat sich's doch überlegt! -- tat der Jakob plötzlich noch einen Schritt zurück und sagte: »Richtig, daß ich nicht vergess', Stockbattner. Am fünfzehnten März muß ich nach Schirbach zum Notar von wegen meiner G'schrift. Wenn du mir bishin mein Geld nicht fürbringst, so übergeb' ich gleich auf eins die ganze Schuld dem Notar.«

»Klagen gehen willst mich?« fragte der Bauer.

»Der Notar wird nicht viel Geschichten machen, der laßt dich pfänden.« Also der Jakob, wendete sich wegshin und der Stockbattner stand allein da mit einem langen Gesichte und beklagte fast noch mehr den Wein und den Rostbraten, als die fünfhundert Gulden. Von diesen war er bloß neugierig, wie es der Notar angehen würde, ihrer habhaft zu werden.

Als der Bauer demnächst wieder mit der Mali plauderte, sagte er sehr leise: »Wir halten auch auf weiterhin noch zusamm', gelt, Dirndel?«

Sie schaute ihn an. »Wesweg sollten wir denn nicht zusammenhalten -- wo wir uns doch versprochen haben!«

»Na, ist recht. Ich hab' nur gemeint, weil's mit dem Heiraten nichts ist.«

»Du, sei so gut!« begehrte die Thorhofertochter auf.

»Sonst kriegst leicht einen andern ...« murmelte der Stockbattner betrübt.

»Ja, wart' a bissel, ich werd' ein' andern nehmen!« lachte sie laut auf, ohne daß ihr der Mund viel auseinanderging. »Ich will deine Stockbattnerin werden, verstehst? Ich laß mich nimmer abschütteln. Schau du, das wär' kamod, ein ganzes Jahr gernhaben und nachher ins Winkel stellen wie einen Strohschneidstock, wenn der Sommer kommt! Bübel, zum Auseinandergehen müssen ~zwei~ sein. Ich geh nicht auseinander, daß du's nur weißt!«

»Ja mein du, ich auch nicht. Aber wenn ich halt den Stockbattnerhof verkaufen muß! dem Erstbesten verkaufen, bietet er, was er will, dafür. Weißt eh, mein Bruder gibt nicht nach.«

»Will der noch alleweil sein Geld haben?«

»Sicherlich, so lang' bis er's hat. Am fünfzehnten März geht er mich klagen und laßt mich pfänden. Nachher kann ich gehen vom Haus, wie die Dirn vom Tanz.«

Die Mali rang über ihrem Magen die Hände: »Das ist doch ein Elend! ein solcher Bruder! das ist gar kein Bruder!«

»Leider ja, es ist einer, sonst braucht' ich ihm seine Erbschaft nicht auszuzahlen.«

»Wird gewiß heiraten wollen!«

»Vielleicht -- nimmst ihn,« sagte der Stockbattner; da wurde das Dirndl wild: »Jetzt weiß ich's, meiner ledig willst sein. Zuerst den Hof verkaufen, nachher mich beschimpfen auch noch!«

»Jesses, Mali, was sagst? das war ja nur Spaß, wirst doch desweg nicht weinen! du, weinen darfst mir nicht, das kann ich nicht leiden, himmelsakra, nein! wenn ich dich so flennen sehen tu', da möcht' ich gleich am liebsten zuschlagen oder ins Wasser gehen!« er riß ihr die Hände vom Gesicht und drückte zum Ersatz das seine darauf, daß auch seine Wangen ganz naß wurden von ihren bitteren Tropfen.

Und nach solchem Zwiste und nach solcher Aussöhnung -- Gott, wie sind die bitteren Tropfen süß, wenn sie der Liebste von den Augen wegküßt! -- wurde die Mali wieder ganz ruhig und ernsthaft und fragte: »Seppel, weißt also kein Mittel, wie du jetzt zu Geld könntest kommen?«

»Und wenn du mich auf den Kopf stellst, ich weiß keins.«

»Gar keins? Gar nicht ein bissel eins?«

»Gar keins.«

»Nachher muß halt ich schauen,« sagte sie. »Geh her da, Seppel, ich muß dir ein Geheimnis sagen.«

Der Seppel erschrak, ging aber her.

»Noch näher,« sagte sie, »ganz her. So. -- Ich muß dir was sagen, Bübel. -- Ich hab' Geld. Der verstorbene Klausenmüller, mußt wissen, der ist mein Vetter gewesen. Hat keinen Menschen gehabt, wie er auf den Tod krank ist gelegen, und hab' ich ihn gewartet, weil er ja doch mein armer Vetter ist gewesen. Jetzt, wie er gestorben ist, heißt's, er hätt' mir um sechshundert Gulden Bankozettel vermacht. Hab' sie nachher auch bald bekommen mitsamt dem eisernen Trühel. Hab' dich erst an unserem Hochzeitstag damit überrumpeln wollen. -- Jetzt, Seppel, wenn du's aber schon jetzt so notwendig brauchst, mir ist nichts um die Papierfetzen, nimm sie und zahl' ihn damit beim Loch hinaus, diesen grauslichen Bruder. Und nachher soll er mir nimmer ins Haus kommen. So, jetzt weißt es.«

Man kann es sich denken, was dem Stockbattner dieses Geplauder für Vergnügen machte. So war er jetzt auf einmal obenan und konnte, wenn er nur wollte, nun auch einmal tüchtig grob sein gegen den übermütigen Jakob, der ihm mit seiner Forderung schon so lange in den Ohren und im Magen gelegen. --

Der fünfzehnte März. Schon in dunkler Früh' klopfte es an der Tür des Stockbattners, arg polterte es, und der Jakob draußen rief: »He, Bruder, ist das Frühstück schon fertig?«

»Ei freilich,« antwortete der Stockbattner, indem er mit Schwamm und Stein Feuer zu schlagen suchte.

»So mach' doch auf, Seppel!«

»Ja, ja, wenn der Teuxel nicht brennt!«

Als »der Teuxel« brannte, ging er mit dem Leuchtspan und sperrte die Tür auf.

»Geh nur her, Jakob, iß einen Löffel Sterz mit mir, wenn du warten willst, bis er fertig ist; wir gehen nachher miteinand.«

Der Jakob ließ sich Sterz und Milch dazu wohl schmecken, dann gingen sie; auch der Seppel war im Feiertagsgewand.

»Wohin gehst denn du?« fragte der Jakob.

»Ich begleite dich bloß bis zum Nachbar Franzmeier hinüber, weil ich dich halt so viel gern hab', Bruder, weißt eh.«

»Bauer,« sprach hierauf der Jakob, »mit dem Schmeicheln und Süßreden richtest du bei mir nichts aus. Du weißt, wohin ich heute geh. Ich geh nach Schirbach zum Notar, von heut' an sollst schon die Unkosten haben, ich klag' dich um meine fünfhundertacht Gulden!«

»Ah geh, Bruder, das mußt nicht tun,« antwortete der Bauer bittweise. »Mußt nicht einen so großen Prügel werfen zwischen dich und dein Heimatshaus, den du nachher dein Lebtag nicht wieder kannst wegheben. Bist jetzt gleichwohl ein starker, gesunder Bauernknecht, so kannst doch nicht wissen, wie es dir gehen wird, und ob du nicht einmal einen Heimgang brauchst bei mir.«

Der Bauer erschrak fast vor seinem eigenen Worte, das war so gewichtig, daß es den Jakob schier umstimmen könnte, und um solches war dem Stockbattner heute durchaus nicht mehr zu tun. Doch der Jakob ließ sich nicht umstimmen. »Wer ein Geld hat,« sagte er knurrend, »dem kann nichts an. Von dir werd' ich mir kein Almosen erbitten, das kannst heilig glauben. Laß es gut sein, ich will von dir und vom Stockbattnerhof nichts mehr hören.«

»Aber klagen gehst mich doch nicht, Bruder!«

Der Jakob blieb fest stehen: »So gewiß ich da steh, klagen geh ich dich.«

Bald hernach kamen sie zum Franzmeierhof.

Vor der Tür stand der Franzmeier und sein Schwager, der Stoppel-Zenz, mit einer Laterne. Beide waren im Feiertagsgewand. Der Stockbattner ahnte etwas. Er hatte was läuten gehört. Sagte aber nichts ....

»Recht ist's mir, daß ihr beieinander seid,« redete er die Nachbarn an. »Ihr müßt mir gerad' einen kleinen Gefallen tun. Ich zahl' jetzt meinem Bruder Jakob die Erbschaft aus, und da wollt' ich euch gebeten haben, daß ihr mir dabei Zeugenschaft leistet.«

»Wohl rechtschaffen gern,« antwortete der Franzmeier, »ist eh wunderselten heutzutag', daß man wen zahlen sieht. Kommt doch in die Stube herein!«

»Ah, 's tut's da beim Roßtrog auch,« entgegnete der Stockbattner, »sei so gut, Zenz, halt' ein bissel deine Laterne her!« ging zum Pferdetrog, der am Wege stand, zog die Brieftasche aus dem Sack und legte in den Trog vor den Jakob hin nagelneue Bankozettel für fünfhundertacht Gulden.

Mit nicht geringer Verblüffung schaute der Jakob drein.

Und als vor den Zeugen das Geld aufgezählt war, sagte der Stockbattner: »Ich hab's ja gesagt, Bruder Jakob, du gehst mich nicht klagen!«

»Bauer!« brummte nun der Jakob, mit seinen hageren Fingern langsam die Noten zusammenkrabbelnd, »woher hast denn du jetzt auf einmal das viele Geld? Das möcht' ich wissen!« Schon die Miene allein, die er dazu machte, wäre eine Ehrenbeleidigung gewesen, wenn der Seppel sie für eine solche genommen hätte.

»Also, deine Sach' hast jetzt?« fragte der Bauer. »Hast sie jetzt?«

»Meine Sach' hab' ich,« knirschte der Jakob, bei sich ärgerlich, daß er nun machtlos war und den Bruder in keine Verlegenheit mehr bringen konnte.

»Gut, nachher bringst mir vom Notar die Quittung mit.«

»Die kannst auf der Stell' haben, wenn du fürchtest, ich könnt' dich etwan ein zweitesmal fordern,« sagte der Jakob, dann gingen sie erst noch in die Stube hinein, wo das Schriftstück ausgefertigt und mit Zeugenschaft unterschrieben wurde.

»So wär's in Ordnung,« sagte der Stockbattner, das Papier in den Sack steckend, »und ich geh jetzt wieder heim zu meiner Arbeit.«

»Ja, gehst du nicht mit nach Rottenstein?« fragte ihn der Stoppel-Zenz.

»Was soll denn ich heut' in Rottenstein?«

»Hast du die Vorrufung nicht erhalten?«

»Was für eine Vorrufung?«

»Ist doch gestern der Amtsbot' von Haus zu Haus gegangen und hat angesagt, daß alle Besitzer als am heutigen Tag Stund acht auf dem Kirchplatz in Rottenstein sein müßten?«