Part 20
Der Prediger fuhr fort, daß der Schmerz des Schuldigen eine Auferstehung sei, ein Sinnbild der Verwandlung und eine Verheißung des großen Auferstehens von den Toten am Jüngsten Tage.
Hier stockte dem Priester plötzlich die Stimme. Erblassend brach er ab und starrte auf das Angesicht eines seiner Zuhörer hin, auf das arme weinende Weib Irena.
Allmählich schien er sich wieder zu sammeln, dann sagte er leise, daß ihn ein Unwohlsein befallen habe und daß er daher seine Worte abbrechen müsse. Und verließ wankend die Kanzel.
In die Sakristei zurückgekehrt, fragte er den Küster, ob dieser das Weib nicht kenne, das bei der Predigt so sehr geschluchzt habe.
»Das Weib kenne ich wohl,« antwortete der Küster, »das ist die Blumenmutter aus dem Armenhause.«
»Die Blumenmutter?«
»Ja, das ist ein gar absonderliches Weib. Ist über sechzehn Jahre im Strafhaus gesessen. Sie hat ihre Kinder umgebracht und an den Blumen will sie es wieder gut machen.«
Der Kaplan ging auf sein Zimmer und träumte. -- Seitdem er seine Mutter das letztemal gesehen, das ist schon lange her, aber er hat ihr Bild nicht aus der Seele verloren. Er erinnert sich noch an den Tag, da ein Missetäter seine Familie erschlug, und wie ihn damals der gute Pfarrer in das Kloster gebracht. Aber später, als er forschen wollte, wie sich denn die Sache verhalten, hat er nichts mehr erfahren können.
Es sind alle gestorben, die's wissen könnten, hatte der Prälat gesagt, und mit dem Namen Franz Eman, den er bei der Priesterweihe abgelegt, ist sein Kindesleben verschwunden.
Aber der Mutter Bild war noch übrig geblieben aus jener traumhaften Welt, und dieses Bild war ihm nun während der Osterpredigt erschienen.
Selig sind die Toten und sie mögen ruhen! Aber was bedeutet die Erscheinung, die auf den Gräbern plötzlich vor ihm steht und ihn anschaut mit weinenden Augen?
Am nächsten Tage stieg der Kaplan hinab zum Armenhause. Er fragte nach der Frau, die man die Blumenmutter heiße.
»Und hat der hochwürdige Herr denn die Sterbesakramente nicht bei sich?« war die Gegenfrage einer Wärterin. »Die gestrige Osterpredigt soll rechtschaffen schön gewesen sein, aber gesund war sie nicht, wie man gehört hat. Ist dem Prediger dabei schlecht geworden und den Zuhörern auch. Heißt das, einer, unserer armen Blumenmutter, die ist gar aufgeregt und verwirrt zurückgekommen und ist -- wir haben es allmiteinander nicht gewahrt -- die ganze Nacht draußen bei ihren Blumen gewesen. Die Nächte sind noch wolter kalt, und jetzt wird's mit ihr vorbei sein. Ich weiß gar nicht, wo unsereins den Kopf gehabt hat, daß man nicht nachschauen geht noch gestern auf die Nacht! Aber wer hätt's denn vermeint? Wer hätte denn so was vermeint?«
Der Kaplan trat in das Gemach der Sterbenden. Es war wieder dasselbe Antlitz, aber es war entstellt und seit gestern sehr gealtert. -- Er tröstete sie mit Worten der Religion. Da blickte sie ihn traurig an und flüsterte: »Für mich gibt es nur einen Trost, und den habt Ihr nicht.«
»Faßt Vertrauen, liebe Frau. Könnt Ihr es zu mir nicht haben, so habt es zu dem barmherzigen Gott, als dessen Diener ich Euch besuche.« Das sagte der Priester, indem sein Auge immer scharf an den Zügen der Greisin hing.
»So fragt ihn,« entgegnete diese, »fragt den gütigen Gott, ob er von meinem Kinde was weiß. Ich habe einen Sohn; schon lange, lange ist er nicht mehr bei mir, aber er muß noch auf der Welt sein. Und jetzt, ehe ich -- sterben muß --«
»Möchtet Ihr wissen, ob er glücklich ist,« unterbrach sie der Priester.
»Ob er ~brav~ geblieben ist, möchte ich wissen!« rief sie mit heller Stimme. Und dann erzählte sie, von Atemnot und Fiebern oft unterbrochen, die traurige Geschichte, und wie sie seither ihren Franz nicht mehr gesehen habe.
Als sie geendet hatte, saß der Priester still an ihrem Lager und trocknete ihr die Stirn und strich ihr mit seiner Hand die ergrauenden Locken aus dem Antlitz.
Und endlich, als sie ruhiger geworden war und als sie ihn anblickte, so dankbar, daß er bei ihr sei und ihre schlimme Erzählung so geduldig vernommen habe, sagte der Kaplan die Worte:
»Wenn, liebe Frau, Euer Sohn zur Tür hereinträte und setzte sich zu Euch, und nähme Euch an der Hand, so wie ich es jetzt tue, und wenn er ganz so wäre, wie ich bin --«
»Das wäre mir schon recht,« nickte sie. Und nachdem sie ihn eine Weile groß angeschaut hatte, tat sie den Schrei: »Franz!«
Seine Tränen fielen auf ihre Hand.
Sie richtete sich halb auf und sagte:
»Wenn du der Franz bist, dann habe ich verspielt! Dann könnten die anderen ja auch so geworden sein, wie du!«
»Mutter, Ihr habt alles hart gebüßt. Die Menschen haben Eure Schuld längst gestrichen und Gott hat Euch verziehen.«
»Hat er das? Hat er's?« rief sie bebend, »und du kannst es auch? Wenn du es kannst, Franz!«
Er neigte sich innig zu ihr nieder; sie schlang ihre Arme um seinen Nacken: »Mein Kind ein braver Mensch!« jubelte sie stöhnend und drückte ihn an sich -- und sank zurück.
Und als es Abend war, da ruhte sie aufgebahrt im Saale. Ein Wald von grünen Gewächsen und Blumen umgab sie und rankte sich über ihrem Haupte zusammen.
Rote Rosen neigten sich nieder gegen ihr Antlitz und schauten sie an.
Und wie dankbare Kinder das Grab ihrer Mutter besuchen, so stehen heute taufunkelnde Blumen auf ihrem Hügel.
Laurentl, der um Rat fragt.
Ich hatte einen jungen Vetter. Der war schlank gewachsen, trug eine hirschlederne Kniehose, einen grünen Filzhut, hieß mit Namen Laurentl und war Bauernknecht. Er hatte ein fast milchweißes schmales Gesicht, braunes Haar, das links gescheitelt und rechts quer über die Stirn gekämmt war, er hatte ein braunes Schnurrbärtchen, dessen Spitzen er gerne mit dem Beinmundstück seiner Tabakspfeife emporschob, und er sah eigentlich aus wie ein Stadtbübel, das man wundershalber so über die Sommerfrische ins Bauerngewand gesteckt hat. Ach, Stadtbübel, das war der Laurentl nicht, und so gut ging es ihm nicht. Obschon erst neunzehn Jahre alt, mußte er bei seinem Großbauern neben drei baumstarken Kerlen arbeiten wie sie, und wenn er vor dem Spätabend müde sich auf den Rasen setzte und auf der Stelle einschlief, trieben sie mit ihm Gespötte und steckten ihm kleine rote Ameisen hinter den Hemdkragen. Im Weberhäusel bei Vater und Mutter hatte er eine warme Kindheit gehabt; die Eltern starben, das Häusel wurde vergantet und das Leben des Jungen wurde hart und kalt. Mit Freuden war er in den Dienst gegangen, als der Großbauer eines Tages auf dem Kirchplatz zu ihm gesagt: »Na, Laurentl, was ist's denn? Weil 's Häusel hin ist, rat ich dir, nimm ein Haus. Komm zu mir, ich hab auch als Knecht angefangen und heut hab' ich hundert Joch Acker, vierzig Stück Vieh und zwei Dutzend Leut.« -- Wohl. Just das zweite Dutzend machte der Laurentl voll und wie er nach dem ersten Tagwerk auf dem Felde in Hemdärmeln beim großen Tisch saß, mitten unter den derben, bärtigen und schwitzigen Knechten, da kam er sich das erstemal in seinem Leben als jemand vor -- wenn schon noch nicht ganz als Knecht, so doch als Knechtl. Aber bald zeigte es sich, der Pflug war stärker als er, denn er schleuderte ihn auf den Furchen hin und wieder; und auch die Mehlklöße waren stärker als er, denn sie drückten ihm mächtig den Magen. Er war schier der letzte und der niedrigste im ganzen Hause.
Dann ist er -- ein Sonntag war's, um Nachmittag -- zu mir kommen.
Weinen tat er just nicht, aber weit war's nicht davon. Und den Oheim wollte er halt um einen Rat fragen.
»Oheim, ich hab' mir's überlegt. Das Bauerndienen freut mich nicht. Ich will ins Eisenwerk gehen. Dort kommt der Verdienst viel höher und die Arbeitszeit ist kürzer. Ist die Schicht vorbei, so bin ich mein eigener Herr und kann machen was ich will. Der Firnsteiner Sepp ist auch ins Werk gegangen und er sagt, vier starke Zugochsen brächten ihn nicht zurück ins Bauernhaus. Jetzt möcht ich's halt auch probieren und frag den Oheim um Rat.«
So habe ich ihm geantwortet: »Laurentl, das täte ich nicht. Das Bauerndienen ist freilich hart, ich weiß es wohl. Aber anderswo ist's noch gefährlicher. Der Verdienst im Eisenwerk ist höher, aber auch der Verbrauch, mußt bedenken. Beim Bauern kostet dir die Wohnung nichts, im Werk mußt du dir ein Zimmer mieten um viel Geld; beim Bauern brauchst dich gleich so zur Schüssel zu setzen, im Werk mußt du dir alles selber einschaffen und kochen; oder gehst ins Wirtshaus, dann weiß man schon, was es geschlagen hat. Beim Bauern hast du gesunde Arbeit von allerhand, jetzt in Haus und Hof, jetzt in Feld und Wald, und du siehst, daß was wird. Im Werk mußt bei Staub und Rauch alleweil das gleiche tun, so daß der eine Körperteil überanstrengt, der andere verkümmert wird, und von der Arbeit hast du doch bei keinem einzigen Stück aufzuweisen: das habe ich gemacht. Na, und die Freiheit, mein Gott, die wird von jungen Leuten halt dazu verwendet, sich umzubringen. Dich halte ich für brav. Was man aber vom Firnsteiner Michel hört! Vier starke Zugochsen werden den jetzt freilich nicht zurückbringen ins Dorf; bis er nur erst siech und arbeitsunfähig ist, dann wird eine alte Schindmähre stark genug sein, um ihn auf dem Strohkarren in seine Heimatsgemeinde zurückzuschleppen. -- Jetzt kannst dir denken, Laurentl, welchen Rat ich dir geben will.«
Der Junge ist dagestanden, hat an den Fransen seines Hutbandes gezupft und nachher gesagt:
»Ich denk', es kommt halt darauf an, wie der Mensch ist. Der Fleißige bringt's im Eisenwerk leichter zu was. Beim Bauern kann ich Tag und Nacht arbeiten, es kommt mir nicht zu Nutzen und keine Stund der Wochen kann ich für mich selber sein. Und schon gar, wie es mir geht. Vorigen Winter habe ich einmal so Halsweh gehabt, schier zum Ersticken. Und der Schlund voller Blasen und so viel die Hitz'. Da haben sie mich im Stall liegen lassen auf dem Strohsack, drei Wochen lang, in Durst und Fieber, und erst wie zu einer kranken Kuh der Tierarzt gekommen ist und mich liegen gesehen und angeschaut hat, sagt er: Jesses, Leut, der hat ja die häutige Bräun! Nur geschwind Kuhfladen um den Hals binden. Gestorben bin ich freilich nicht, aber die Red ist mir verfallen gewesen monatelang, daß ich gar nichts hab' sagen können. Macht nix, hat mein Bauer gesprochen, reden braucht er eh nit, wenn er nur wieder arbeiten kann. Das kann ich freilich, aber was hilft's? Wenn ich alt oder krank werd', hab' ich doch nichts. Schlechter kann's auch im Eisenwerk nicht sein, aber leicht besser, wenn ich fleißig sparen tu.«
Hierauf habe ich gesagt: »Laurentl, wenn du fleißig sparen tust, so probier's halt in Gottesnamen und gehe ins Werk.« Denn, habe ich bei mir selber gedacht, wenn der Bauer seine Dienstboten schlechter hält, wie das Vieh, so will ich weiter nichts drein reden.
Also mein junger Vetter ist Eisenwerksarbeiter geworden und hat Wort gehalten -- hat fleißig gespart. Und weil er nicht mit den andern gehalten, die ihre Groschen verjubelten, so ist er bald ihr Gespött geworden. Dennoch hat ihn jede Partei -- die rote wie die schwarze -- für sich haben wollen. Er aber war ein nachdenklicher Bursche, hat die Roten und die Schwarzen beobachtet in ihren Grundsätzen und Handlungen, hat das eine von beiden angenommen und das andere von beiden verworfen, wie es eben in seinem Kopf schon fertig gewesen ist. Bei der Arbeit hat er willig und verläßlich seinen Mann gestellt, an Sonntagen ist er im schmucken Gewande des Obersteirers im Freien umhergegangen, hat mit Genossen, die ihm helfen konnten, »zweispannig« gesungen, oder ist allein über die Felder geschritten, um die Blumen anzuschauen, oder durch die Wälder, um den Rehen und Hirschen nachzuspähen und sich an ihrer schönen Gestalt zu ergötzen von weitem. Am Abend hat er sich eine Pfeife angezündet und ein Glas Wein getrunken in seiner Kammer, die er im Häuschen einer Witwe gemietet hatte. Die Frau achtete seiner gut und machte ihm's heimlich im warmen Neste ihres Besitztums. Das hat ihm wohlgefallen. Das Wirtshaus aber war ihm zu laut und zu dunstig gewesen. Manchmal hat er sich sogar mit einem Buche abgeplagt, in der Absicht, das Lesen zu lernen, denn seine Eltern hatten ihn vor lauter Liebe nicht in die Schule geschickt, weil er beim ersten Versuche gröhlend nach Hause gekommen war.
Die Genossen saßen in den Schänken, jeder auf dem Knie ein Mädel. Der Laurentl dachte bei einer Liebschaft allemal gleich ans Heiraten, an Kind und Kegel, an Haus und Hof, und dafür hatte er noch viel zu wenig in seinem Sparkassenbüchel. Fortweg gab es aber junge Frauenzimmer, die dem schmucken gutmütigen Burschen den Hof machten; er stellte sich allen Anspielungen gegenüber dumm, so gut er sie auch verstand. Eine besonders zudringliche Fliege fand sich vor, die, weil sie schmeichlerisch geartet und so niedlich gerundet war, dem Jungen allmählich an die Nerven ging. Des Wagemeisters Älteste war's. Und weil sie ihn jeden Abend, wenn er aus der Schicht kam, lieblich anlachte, und ihm einmal das Halsbindel ordnete und dabei mit den zarten Fingerlein an seine Wange strich und sein Ohr kneipte, so fragte er sie dreist, ob sie ihn haben wolle. Er wäre ihr nicht zuwider, meinte sie offenherzig. Aber heiraten werde er sie nicht, gestand er. Das verlange sie auch nicht, war ihre Antwort. Im ersten Augenblick gefiel ihm diese Bescheidenheit, nachher jedoch kam es ihm vor, daß er an dem Frauenzimmer gerade darum keine Freude haben könne, weil ihr das Heiraten gleichgültig war. Wenn eine Lieb' nicht so groß ist, daß sie beständig sein will, dann ist sie zu klein. -- Er überließ sie einem Genossen, dem eine solche Gesinnung ungemein gefiel, und gab sich zufrieden daheim in der kühlen Kammer, nachbarlich der Witwe. Und es fügte sich mählich etwas anderes, so daß, was das Heiraten anbelangt, zwei beide einverstanden waren. Aber, das soll anmutig erzählt werden.
Mir war es schon aufgefallen, daß der Laurentl an Sonntagen so besonders ausgeschmückt umherging. Nicht allein, daß er im Knopfloch die rote Nelke trug, und allemal eine ganz frische, auch sein grüner Hut war aufgestrammt mit Hahnenstoß und Gemsbart, und an der Uhrkette hatte er zwei in Silber gefaßte Tigerzähne und etliche alte Silbertaler hängen, daß es nur so klinselte, wenn er mit seinen langen Beinen würdig daherschritt. Auf dem Kirchplatz hatte ich ihn ein paarmal neben hausgesessenen Männern stehen sehen, und wie er sich von einem solchen sogar Tabakfeuer geben ließ. Mir fiel aber nichts weiter auf, bis er eines Tages schier feierlich bei mir vorsprach. Und er wollte halt den Oheim um einen guten Rat fragen.
»Oheim, ich hab mir's überlegt. Im Eisenwerk freut's mich nimmer. Der Mensch rackert sich ab und weiß nicht, für wen. Seit sechs Jahren hab ich mir wohl ein bissel was erspart, so daß wir die paar hundert Gulden gleich wegzahlen mögen beim Häusel.«
»Bei welchem Häusel?« habe ich gefragt.
»Weil ich halt«, bog er ab, »jetzt einmal Ernst machen möchte. Wenn der Mensch einmal siebenundzwanzig Jahr alt ist, wird er nimmer viel besser.«
Nun fing ich an, ihn zu verstehen.
»Eh eine alte Bekannte«, fuhr er fort. »Und eine Häuselschneck ist sie auch, daß ich mir's einmal bissel leichter geschehen lassen könnt'.«
»Wenn's nur eine ist, die du gern hast«, war mein Einwand.
»Und sie hat mich noch lieber,« fuhr es ihm heraus. »Wir werden hübsch zusammenpassen, denk' ich. Nach großer Jungheit frag ich nicht viel, wenn sie nur sonst gut ist. Soll auch ihren ersten Mann gut behandelt haben.«
»Ihren ersten Mann?«
»Es ist halt meine Zimmerfrau, die Frau Leitl.«
»Behandelt, sagst du, hätte sie schon einen? Und von der willst du dich auch behandeln lassen? Komm zu dir, Laurentl. Willst du nicht eine nehmen, die du behandeln kannst.«
»Und deswegen möcht ich den Herrn Oheim halt um Rat fragen.«
»Geh, geh. Heiraten wollen und um Rat fragen! Wer in dieser Sache einmal um Rat fragt, dem sagt man: nein. Und nachher folgt er erst nicht. Geh heim, Laurentl, und schlaf dich aus!«
Da sagt er ganz weichmütig: »Meine eigene Mutter kunnt nicht besser auf mich schauen, wie die Frau Leitl auf mich. Und das Essen! Alle zweiten Tag kocht sie mir Speckknödeln und schlampertes Kraut dazu, weil sie weiß, daß ich's gern ess'. Und alle anderen zweiten Tag gibt's Eierschmarrn mit Gurkensalat, weil ich auch das gerne ess'. Und wie sie mir aufs Gewand schaut! Und auf die Wäsch! Und aufs Bett.«
»Kann mir's denken. Wenn's deine Mutter wär', tät's alles stimmen. Und sie könnt's auch sein. Ist sie nicht schon fünfzig?«
»Oh nein, noch nicht ganz achtundvierzig!« beteuert er.
»Nimm sie nicht!« schrei ich ihm zu. Es ist wie ein schriller Notschrei.
Da wird er stumm und läßt seine Augen auf dem Fußboden hin und her zucken; vor seinem Fuß ist ein Ast in den Dielen, auf dem wetzt er mit der Fußspitze hin und her. Dann zieht er sein blaues Sacktuch heraus, das hat an der Ecke einen Knoten.
»Den -- den da«, stotterte er und hielt mir den Knoten vor das Gesicht, »den hat sie mir gemacht, dazumal. Daß ich nicht vergessen sollt --. Weil ich ihr's halt versprochen hab -- 's Heiraten.«
»So! Und da fragst du noch um Rat? Wenn es so steht, dann bist schon verheiratet, ich sag es dir. Was soll ich dir nur für ein Hochzeitsgeschenk geben? Vielleicht ein Lotterbett. Wiege braucht ihr keine.«
Ich war zornig. Mich dauerte der Junge, aber größer als das Mitleid war die Entrüstung über seine Dummheit.
Dann haben sie geheiratet. Er hat ihr sich selbst verschrieben, sie ihm das Häusel, eine moderige Holzhütte, die auf der Straßenseite ein fast neues Schindeldach und auf der rückwärtigen Seite ein durchlöchertes, halb verfaultes Strohdach hatte. Und nun war der Laurentl Hausbesitzer! Er ging von jetzt ab nicht mehr in das Eisenwerk, sondern bebaute das kleine Feld und mähte das Wieslein und fütterte die Kuh. Er arbeitete mit Fleiß und Lust, er freute sich seiner Wirtschaft. Sein Weib versorgte das Häusel und hatte stets einen Kranz alter Freundinnen um sich, die sie mit Kaffee bewirtete und denen sie, wenn sie fortgingen, Mehl, Butter und Eier mitgab. Die Freundinnen schenkten auch zurück: war's ein Hut mit roten Bändern, war's eine versilberte Busennadel, war's gar ein Samtaufputz für den Sonntagsrock. Auch der Laurentl war die erste Zeit nicht karg gewesen und so stolzierte die Frau Leitl, jetzt Frau Egghofer, auf dem Kirchweg recht proper einher. Um so schlichter sah der Laurentl aus. Er ließ sich nicht Herr Egghofer nennen, hatte an der Uhrkette auch keine Silbertaler mehr hängen und sein schöner, grauer Steirerrock mit den grünen Aufschlägen war schon so oft sorgfältig ausgebürstet worden, bis man nun die nackten, ins Kreuz gewebten Fäden sah.
Nachdem eine Weile vorüber war, fragte ich ihn auf einer der zufälligen Begegnungen, wie es ihm eigentlich gehe. Da antwortete er: »So wie man sich's denkt, ist es nirgends. Es hat überall was.« Und nichts weiter. Aha, es stinkt schon! -- Beunruhigt habe ich ihn nach einer Weile das zweitemal gefragt. Er antwortete: »Es war früher nichts und es ist jetzt nichts.« Und ging seinen Weg.
So. Das ist just nicht viel. Nichts ist freilich nicht viel. Und sein Aussehen wollte mir nicht gefallen. Ein gebeugter Nacken, ein fahlgrünes Gesicht, ein schläfriges Auge. Ist das der Laurentl?
Und dann eines Abends. Ich ging über die Berge heim, es war schon spät. Nach heißem Tage eine feuchte Luft. In einer Lache quakten Frösche; ich meine, zwei waren ihrer, der eine quakte Tenor, der andere Baß; es war sicherlich ein Eheduett. Neben der Lache, in der sich der Abendhimmel spiegelte, sah ich etwas Dunkles, das sich ein wenig regte. Und war's mein Laurentl.
»Herrgott!« rufe ich, »wie du einen erschrecken magst! Was tust denn da?«
»Weil sie so schön singen miteinand!« antwortete er.
»Wenn du ein Frosch wärest, wollt es mich nicht wundern. Aber du bist ein Leut. Und Leute kriegen das Fieber an der Lache, bei der Nacht.«
»Wäre mir auch alles eins.«
»Jetzt wirst du aber gleich aufstehen und mit mir gehen und sagen, was dir ist.« Denn mir stieß seinetwegen schon das Elend auf. Alles redete, nur er nicht.
Er ging dann des Weges neben mir her und behauptete sehr kühl, daß es ihm gut gehe, und daß, wenn es anders wäre, ihm ohnehin niemand helfen könne.
»Du willst mir's also nicht sagen?«
»Zu was denn auch?«
»So will ich es dir sagen, Laurentl. Deine Nachbarn, die Augen und Ohren aufmachen, wissen wenigstens so viel von deinem häuslichen Glück, als du selber. Ja, mein lieber Laurentl, du hast schon die Richtige erwischt. Zwei Gesichter hat manches Eheweib, ein gutes für die Fremden und ein böses für daheim. Und du bekommst das erste seit deiner Hochzeit schon gar nimmer zu sehen, nicht einmal Sonntags unter dem Aufputz. In der Wirtschaft ist sie dumm wie ein Strohbund, und wenn du nach eigenem Willen was machen willst auf dem Feld, so heißt's, das ginge dich nichts an, die Besitzung hätte sie zugebracht. Was du mit Fleiß erwirbst, das vertut sie an ihre Kaffeeschwestern oder laßt es im Kasten verderben, bis es stinkt. Nachher ist's für dich noch gut genug. Mit einem Teil der paar Groschen, die du zugebracht hast, hat sie endlich einmal die Wirtshausschulden ihres Ersten bezahlt. Das war einer, der's gewußt hat, wo man wegen der bösen Weiber Trost findet. Von dem andern Teil deiner paar Groschen -- nein, nichts, nichts. Daß der vazierende Nagelschmied mit einer neuen silbernen --«
In diesem Augenblick hat er mich scharf unterbrochen: »Das ist nicht wahr! Sie ist ein böses Weib, aber ein schlechtes Weib ist sie nicht!«
Es wundert mich kaum, daß er meinen Satz verstanden, bevor er zu Ende gesagt war.
Wie wir so eine Weile schweigend nebeneinander hingegangen sind entlang der Pappelallee, und wie mir der arme Junge weh tut wie ein Blutstropfen in der entzündeten Wunde, da spreche ich: »Laurentl, du hast mich oft um Rat gefragt, wo ich dir keinen geben konnte, oder wo du ihn nicht befolgt hast. Heute könnte ich dir vielleicht raten und du möchtest ihn gerne befolgen.«
Da ist er mitten auf der Straße stehengeblieben und ich mit ihm. Und da habe ich gesagt: »Laurentl, du mußt dich scheiden lassen.«
Er hebt wieder an zu gehen und murmelt: »Wenn das ginge, mein lieber Oheim, dann wäre es freilich leicht. Aber ich habe ihr vor dem Altar die Treue bis in den Tod versprochen.«
Jetzt habe ich nach seinem Arm gegriffen. Der war wirklich, es war kein Geist, der so gesprochen, es war in aller Wesenheit ein Mensch aus dem neunzehnten Jahrhundert.
»Ach ja so!« rufe ich überlaut. »Die Treue bis in den Tod hast du ihr versprochen. Na, dann ist's was anders.«
Wir kommen an den Rand des Dorfes, wo unter dem Rain sein Häuslein steht. An der Schranke sagt er traurig: »Gute Nacht!« und geht über den Anger. In einem der Fenster liegt glutiger Schein, ein roter Vorhang ist vorgezogen. In den Ahornen flüstert der Nachtwind, da fächelt der Fenstervorhang in die Stube hinein, ein-, zweimal -- und nun hat's der Laurentl gesehen. Mit großen Schritten ist er wieder zurück zum Weg gelaufen und hat mir ein paar Atemzüge zugestoßen: »Er ist drinnen bei ihr!« Und fort, fort in die finstere Nacht hinaus. -- Da habe ich ihm wohl nachdenken müssen: Armer Knabe, dir ist nicht zu helfen. Du bist so grenzenlos ungeschickt. Hättest du jetzt zugegriffen, so wärest du Herr der Dinge gewesen, hättest deine saubere Alte gleich am Nagelschmied hängen lassen können.