Part 2
Und an einem milden, leuchtenden Maitag war's. Der Hans hatte am selbigen Morgen unter vermorschtem Gefälle das erste Vergißmeinnicht gesehen und es gleich auf seinen spitzigen Hut gesteckt. -- Es knatterte da, es donnerte dort, aber das Waldland war sicher und die Vöglein haben nie fröhlicher gesungen als an diesem Maitag. Gegen die Mittagsstunde hin erhob sich im Gebirge ein Krachen und Dröhnen; von Karlehnen stürzten Schnee- und Erdlawinen nieder; manche Felszacke löste sich von ihrem Grund; manches Gemslein wurde begraben in Schnee und Schutt, und aufgeschreckt von dem wüsten Lärm flatterten grauschimmernde Habichte und Steinadler durch die Luft und schwammen dem ruhigeren Waldlande zu. Wie lichtgraue, schmutzige Ströme, sich untergrabend und überstürzend, in breiten, wogenden Tüchern oder in schmalen, schlüpfenden Schlangen glitten die Lawinen nieder. Kein Baumwall hielt sie auf, die hundertjährigen Stämme brachen, ehe die Lasten noch kamen, bloß von dem Drucke des Sturmhauches; nur an mächtigen Felsnasen schäumten die Schneewogen empor, daß das ganze Kar in eine Staubwolke gehüllt wurde; aber weiter unten sammelten sie sich wieder und fuhren mit eherner Gewalt unter dem Beben der Vesten dem Abgrunde zu.
Da blieben im Waldlande die Wildbäche aus, aber nur für kurze Zeit, bald hatten sie die Hochwälle der Lawinen durchbrochen und überflutet und kamen nun wie Ungeheuer herangewogt mit Schutt und Eisblöcken und Holzstämmen und Felsmassen.
Die Holzhauer schüttelten ihre Köpfe; das ist ein schlimmer Tag! -- Etwan ist im Felsgebirge der Drache losgeworden!
Der Hans hatte lange ruhsam Scheiter gespalten und sich gedacht: 's ist eben böse Auswärtszeit, aber übers Jahr heb ich an in Gottes Namen, und im Dorfe ist keine Gefahr mehr, und bislang wird die liebe Frauen schon Hüterin sein. Als aber das Getöse ärger wurde, da lehnte er die Axt aus der Hand und horchte; und endlich, als die Erde zu beben anhub von den tobenden Gewalten im Gewände, da tat der Hans plötzlich einen großen Sprung und eilte über Stock und Stein hin gegen sein Felsental.
Schuttwälle und Gießbäche schnitten ihm oft den Weg ab, dann starrte er zuweilen in die Fluten und vermeinte in den heranwogenden Holzblöcken Teile von seiner Hütte zu erkennen. Das Donnern auf den Höhen und das Tosen in den Tiefen wollte ihn betäuben, aber die Hutkrempen tief über die Ohren gedrückt und mit halb geschlossenen Augen wand er sich ruhelos weiter bis zu dem schroffen Felsentore, das in sein kleines Tal mündete. Er bog um die Wand, er sah in den Felskessel -- da wollten ihm plötzlich seine Füße und sein Atem versagen. Er sah am Hange das Frauenbild nicht mehr. Eine ungeheure Sandhalde ging nieder von den höchsten Gewänden und schnurgerade der Stelle des kleinen Hauses zu. Und das Haus stand nicht mehr da.
Der Hans selbst war ein Steinbild geworden.
Erst nach einer Weile begann es wieder zu zucken und zu zittern in seiner Brust. Wie verloren wankte er dahin -- er suchte die zerschmetterten Leiber der Seinen, er suchte die Trümmerstätte seiner Heimat.
Auf dem Platze, wo das Häuschen gestanden, lag ein Berg aus Schnee und Schutt still und starr, als ob er in Ewigkeit so dagelegen wäre. Aus ihm hervor ragte ein Teil des niedergebrochenen, kantigen Felshorns.
Daneben hüpften ein paar Ziegen auf und ab und meckerten. Aber an dem Schuttberg in der Tiefe nagte schon der Wildbach, und jenseits des Wildbaches -- der Hans fuhr sich mit beiden Händen über die Augen, er träumte doch nicht, er stand ja mit Füßen im Gestein -- aber jenseits des Baches im lockeren Sand stand sein Häuschen.
Da dachte der Hans wohl an keine Gefahr, er setzte über Gefelse, er sprang durch die Fluten, er stand vor seiner Hütte. Sie war ein wenig schief und verschoben und einige Balken waren geborsten, aber sonst war sie unversehrt. Die Tür war offen.
Den Atem an sich haltend, trat der Hans ein. Die Hütte hatte kein Flötz und keinen Herd und keinen Ofen mehr, nur die in sich zusammengefügte Zimmerung stand da. Und siehe, an der Wand klebte das Wiegenbettchen, und darin schlief, sorgsam verhüllt und eingeschichtet, das Kind. Es erwachte nun vor dem hellen Schrei, den der Mann ausstieß; da faßte der Hans den Knaben in wildem Ausbruche des Gefühles und preßte ihn derb an seine Brust; den Gewalten der Elemente entgangen, wäre der Kleine schier von der Liebe des Vaters erdrückt worden.
Bald aber ließ der Mann das Kind wieder auf das Bett sinken, und sein Auge starrte, und seine Wangen erblaßten. Dort hinter der Tür, sich noch fest an einen Balken klammernd, kauerte sein Weib. Hilde war unversehrt, aber -- leblos.
So hatte es der arme Hans gefunden.
Hierauf kamen die Leute des Waldes zusammen, um das Wunderbare zu sehen. Jeder gab sein Erachten ab, wie das geschehen sein konnte. Viele meinten wieder, es sei der Drache endlich losgebrochen aus seiner Höhle und habe das Unheil angerichtet. Andere glaubten, daß das Häuschen und das Kind erhalten geblieben, sei ein Mirakel von dem steinernen Marienbilde, das jetzt im Lawinenschutte begraben lag. Ein alter Hirte sagte, nach seiner Meinung sei es so geschehen: Von den hohen Mulden sei eine große Lawine niedergegangen, habe das schon lockere Felshorn mit sich fortgerissen und sei ihre gerade Straße weitergefahren. Daraus habe sich nun ein Luftdruck entwickelt, welcher der Lawine vorausgeströmt sei und das Häuschen durch einen plötzlichen Ruck an das jenseitige Ufer gesetzt habe. Das Kind sei wahrscheinlich durch die Wände geschützt gewesen, das Weib an der offenen Tür aber durch den Luftdruck erstickt worden. Es hätte sich bei Lawinenstürzen schon mehrmals auf ähnliche Weise zugetragen; der Luftdruck bei großen Abrutschungen vermöge ja ganze Urwälder vor sich niederzuwerfen und die größten Bäume und Felsklötze über Abgründe zu schleudern.
Die Leute sagten, es werde schon so gewesen sein und gingen auseinander.
Der arme Hans blieb bei seinem toten Weibe und bei seinem lebendigen Kinde in der Hütte. Dann ging er vor die Tür hinaus und rief nach dem Jok. Die Ziegen kamen herbei und blickten ihn mit ihren eckigen Augen an: sie wüßten auch nicht, wo der Jok war.
Wenn der Knabe schlief, saß der Hans still und einsam in der Hütte. Die erblindeten Glastafeln an den Fenstern waren nicht zerbrochen; der Hans betrachtete die dürftigen Zeichen der Vorfahren. Kreuze und Herzen ins Glas geritzt, solches Erbe haben sie allen Nachkommen im Felsentale hinterlassen.
Nach zwei Tagen kamen die Leute des Waldes wieder zusammen und trugen das Weib des Holzers fort aus dem Hause unter den Wänden und hinaus durch die Felsschluchten auf den kleinen Gottesacker des Walddorfes.
Hans stieg hierauf tagelang in dem Felsentale umher und suchte seinen Bruder. Er fand ihn nicht. Da schloß er sich einzig und ganz an seinen Knaben. Im Waldlande, in der Nähe der Holzgeschläge, wo der Hans arbeitete, haben sie sich aus dicken Baumrinden eine Klause gebaut.
In dem unwirtlichen Felsentale hatten sie nichts mehr zu suchen. Drei Jahre nach dem Naturereignisse, im Hochsommer, verschmolzen und verschwemmten die letzten Reste der niedergestürzten Schneelawine und da fanden sich neben dem zackigen Felshorn im Schutt halb begraben die Gebeine des armen Jok. Neben ihm lag noch die Axt und ein zugespitztes Scheit und der Block, mit dem er in den letzten Tagen vor dem Unglücke an dem Hang Pfähle in den Boden getrieben hatte. Die treue Seele hatte das drohende Unheil geahnt und wollte durch solche Schutzpfähle das Haus des Bruders noch retten. Da sind die Wuchten, die keine Lieb' erkennen, über das Bruderherz hingefahren.
Im Felsentale wächst heute kein Hälmlein mehr -- alles Schutt und Gestein. Von dem letzten und einzigen Hause haben tosende Gießströme längst die letzten Reste davongeschwemmt und an den Hochmulden steigen immer tiefer und tiefer die Gletscher nieder.
So sind aus diesen verlorenen Gründen die Menschen verdrängt worden. Im Waldland draußen lebt heute noch der Hans als alter Mann. Er lebt still in sich und ist ergeben; nur im Frühjahre, wenn im Hochgebirge die Lawinen stürzen, hebt er an zu zittern und umfaßt seinen Sohn mit beiden Händen.
Sein Sohn, nun, das ist ein hübscher kräftiger Bursche geworden; vom frühen Morgen bis in die späte Nacht arbeitet er im Walde. Aber der Hausbau im Dorfe ist heute noch nicht begonnen. In der Dürftigkeit muß auch der junge Holzer sein Leben verbringen, darf vielleicht gar sein Herzenslieb nicht freien, weil er kein Daheim hat. Wen soll er darob anklagen? Etwa die hohen Berge? Er ging einmal von ihnen fort ins Flachland hinaus, aber die bösen, die lieben Berge, sie zogen ihn zurück und grüßten ihn wieder mit ihrer Mühsal und Gefahr.
Föhn.
»Wer ohne Christus zur Kommunion geht, der kommt ohne Christus zurück.« -- Diese Worte schrieb jener fremde Mann dem kleinen Lenzerl ins Gebetbuch, an dem Morgen, als der Knabe zur ersten Kommunion ging. Der Vater ließ sich den Spruch zweimal vorlesen, und dann noch einmal und hernach zeigte er ihn dem Bruder Franz. Der Franz las ihn auch, schaute verwundert drein und sagte: »Man kennt sich nicht aus. Wer ohne ihn hingeht, kehrt ohne ihn zurück? Das ist ja nicht. In der Kommunion kommt Christus doch zu uns und bleibt bei uns.«
Der Vater war nachdenklich und fragte seinen Bruder: »Du, wie ist denn das? Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Wie lange bleibt denn eigentlich Christus, der in der Kommunion in uns eingegangen ist -- wie lange bleibt er denn in uns?«
»Das ist nicht zu ergründen,« antwortete der Franz. »Im Katechismus steht, er bleibe in der Gestalt so lange, als die Hostie nicht verzehrt ist. Weiter weiß ich nichts, man soll über so was auch nicht nachdenken.«
»Wird eh am gescheitesten sein,« sagte der Vater, dann gaben sie das Gebetbuch dem kleinen Lenzerl, weil es für diesen Zeit war, in die Kirche zu gehen.
Das Kirchdorf stand weit hinter Berg und Wald, draußen im großen Tale. Stundenlang hatte er zu gehen. Über dem Gebirge lag ein dunkelgrauer Himmel, in den die Alpenspitzen mit ihrem hohen Schnee weiß hineinragten. Auch auf den Waldwegen lag noch weicher Schnee, die Fichtenbäume hatten ihn abgeschüttelt, sie standen schwarz da und ihre Äste fächelten im lauen Föhn. Es war um die Osterzeit. Wie der Kleine mühesam im klebrig-nassen Schnee dahinstampfte, war in den Wäldern manchmal ein Rollen, als ob ein Gewitter heranzöge; das war der Widerhall der Lawinen, die weiter hinten im Gebirge niedergingen. Er kam in die Hohlgrabenschlucht. Dort, an schattigen Stellen lagen noch überhängende Schneewuchten, von denen es beständig niederbröckelte. Der Knabe schritt munter über die Brücke, sie war fest gebaut, zitterte aber ein wenig bei dem Toben des angeschwollenen Baches. Jenseits ging er hinan zwischen uralten Baumstämmen, deren starre Wipfel im Winde summten, ohne sich zu biegen. Gestern hatte der Lenzerl denselben Weg gemacht, hin und zurück. Er war in der Pfarrkirche bei der Osterbeichte gewesen, so wie er heute zur Osterkommunion ging. Aber so schlecht war der Weg erst über Nacht geworden. Er bat Gott in Gedanken, daß nicht die Sünde der Ungeduld über ihn komme, damit er reinen Herzens zum Altartisch treten könne. Ein- oder zweimal unterwegs setzte er sich auf einen Baumstrunk, weil ihm heiß war und ein wenig die Beine zitterten. Er war früh aufgestanden und hatte nichts gegessen. Den Herrn Jesus muß man nüchtern empfangen. Nachdem er länger als zwei Stunden an den waldigen Berghängen hingegangen war, kam er ins Tal hinaus. Da war es noch schlimmer; über Feld und Matten rieselten die Wässer des schmelzenden Schnees und auf der Straße war der Schnee zu Kot geworden. Leute, die wie er der Kirche zugingen, waren hoch hinauf mit Kot bespritzt. Der Knabe kam langsam vorwärts und doch mußte er trachten, die Stunde der Kommunion nicht zu versäumen. Er freute sich sehr darauf, und heimwärts -- so dachte er -- wird's schon besser sein, da ist ja der Herr Jesus bei mir.
Endlich war er ins Kirchdorf gekommen. Alsogleich wollte er in die Kirche, die schon mit hellen Glocken läutete. Aber es war ihm plötzlich so schlecht, daß er sich auf einen schwarzen Schragen niedersetzte, der an der Mauer des Beinhauses stand. Wie ein Leichlein, so blaß kauerte der Kleine da. Die Tafernwirtin sah es und brachte dem Knaben eine Schale Fleischbrühe heraus. Er lehnte ab, er gehe zur Kommunion. Eine Bäuerin trat hin und wollte von einem Fläschchen »Lebensessenz«, das sie im Sack trug, ihm einige Tropfen zu trinken geben. Der Knabe winkte mit der Hand ab, er könne nichts zu sich nehmen, weil er zur Kommunion gehe. Der Gedanke, daß er nur wenige Schritte zur Kirche habe, um am Altare mit dem Herrn Jesus vereinigt zu werden, gab ihm Kraft. Noch suchte er mit seinem blauen Taschentuch das schwarze Höslein von dem angespritzten Straßenkote zu reinigen und dann betrat er mit Andacht die Kirche. Während der Messe las er in seinem Gebetbuche. Dabei überkam ihn eine große Angst. Er konnte die Gedanken nicht beisammenhalten und der heiligen Handlung nicht strenge folgen, er war zerstreut. Die Angst vor einer unfrommen Zerstreutheit hinderte ihn an der Andacht. Der Katechet hatte gesagt, daß Unaufmerksamkeit beim Gottesdienst eine Sünde sei, und wie soll er dann mit einer Sünde zur Kommunion gehen? Der Kleine kniete vor einem Bilde des gekreuzigten Christus nieder und betete ein Vaterunser um die Gnade der Frömmigkeit. Dann wurde ihm leichter. Und als nach der Messe der Ministrant klingelte und die Leute sich zum Altare drängten, trat auch der kleine Lenzerl vor, wand sich langsam und demütig zwischen durch, kniete an das Altargeländer, nahm das weiße Tuch an den Mund, schloß die Augen, öffnete die Lippen und der Priester legte ihm die Hostie auf die Zunge. »Das ist der Leib unseres Herrn Jesu Christi. Er bewahre deine Seele zum ewigen Leben!«
Nach der Kommunion kniete er, wie es Sitte ist, noch vor den übrigen Altären, die in der Kirche waren, und betete zu Gott und den Heiligen für sich, für seine Eltern und Geschwister, für Freund und Feind und für die armen Seelen im Fegefeuer um den Himmel. Denn jetzt war Jesus in ihm, jetzt konnte das Gebet erhört werden. Der Kleine hatte ganz rote Wangen bekommen vor Glückseligkeit, mit gefalteten Händen kniete er da, das Blondköpflein geneigt, die Augen geschlossen.
Als er zu sich kam, war er fast allein in der dämmerigen, frostigen Kirche. Nur ein paar alte Frauen siffelten noch über den nassen Steinboden dahin und am Hochaltare war es still und leblos geworden, die rote Ampel davor kennzeichnete die Stelle, wo vorhin Jesus in den Menschen eingegangen war.
Als er bei dem rückwärtigen Tor ins Freie trat, pfiff es singend um die Ecke und der Wind entführte ihm den Hut. Den hatte er bald wieder und ging dann ins Tafern-Wirtshaus. Es war ja Mittag geworden. Am Ofentisch nahm er Platz und nun wollte er sich auch etwas Irdisches gönnen. Er bestellte eine Portion geschmälzte Bretzeln und ein Seidel Wein. Da blieb nicht ein Krümchen und nicht ein Tröpfchen davon übrig. Doch als er sich anschickte, fortzugehen, sagte die Wirtin: »Du wirst jetzt doch nicht heimgehen wollen ins Gebirge hinauf! In diesem ungestümen Wetter. Just vorhin hat die Feuerwehr geblasen, es kommt großes Wasser.«
»Davor ist man eh auf dem Berg sicherer als im Tal,« antwortete der Lenzerl, bezahlte seine Sache und ging davon. -- Weshalb sollte er sich heute fürchten? Es konnte ihm nichts geschehen und wenn Sturm und Wasser kommt, da ist man doch am liebsten daheim bei Vater und Mutter. So lange der Mensch noch nicht zehn Jahre alt ist, findet er's am sichersten bei Vater und Mutter. Der Knabe war nun stark und mit möglichst langen Schritten setzte er über allerlei Wasser, die auf dem Wege wie neben dem Wege rieselten und gurgelten. Der Wind war lau, als komme er aus Öfen, und war so heftig, daß die blattlosen Wipfel und Äste der Eschen und Ahorne zischend und tosend beständig nach einer Seite hinstrebten, ohne zurückzuschnellen. Aus dem schweren Wolkenhimmel kamen Tropfen quer durch die Lüfte gejagt und schlugen dem Knaben weich ins Gesicht. Auf dem Waldwege schlugen links und rechts die hohen Fichten hin und her und peitschten einander mit ihren buschigen Ästen. Der Knabe ging wohlgemut dahin, er hatte den starken Kameraden bei sich -- da konnte ihm nichts widerfahren. Auf dem Wege, wo am Morgen noch der patzige Schnee gelegen, schoß jetzt in den beiden Rinnen der Radleisten das braune Wasser heran, mit seinen großen und kleinen quirlenden Augen, und wälzte dürre Baumnadeln, Holzsplitter und Erdwerk mit sich. Stellenweise war der Weg mit Schneehaufen gesperrt, die von den Hängen niedergerutscht waren; da kreiste das Wasser in Tümpeln und bohrte und grub, bis es sich Bahn gebrochen hatte, über den Abhang stürzte, oder auf dem Wege weiter schoß. Als der Knabe sich über eine solche Schneewucht mühsam weiterhalf, fuhr plötzlich aus der brausenden Luft ein Baumwipfel nieder und schlug breit und schwer auf den Weg. Eine Wolke von Schnee und Schmutz hatte den Lenzerl über und über besudelt, weiter war ihm nichts geschehen. Jetzt machte er keine größeren Schritte mehr als sonst, es war ja ganz gleich; mitten durch Wasser und Morast ging er gleichmäßig voran, immer in der Zuversicht: Mir kann nichts geschehen. An der Lichtung mußte er einmal stehen bleiben, mit beiden Fäusten den Hut haltend, nach der Leeseite gekehrt, um Atem holen zu können. Wäre er hier nicht eine halbe Minute stehen geblieben, so hätte ihn die Schneelawine begraben, die mit dumpfem Donnern zwanzig Schritte vor ihm herabkam und einen Berg von Schnee und Schutt auf den Weg warf.
Der Schneeberg wurde freilich überstiegen, aber der Knabe mußte doch wieder stehen bleiben und schauen. Denn dort drüben ging ein ganzes Stück Berg nieder. Es zitterte der Boden, langsam glitt der schneeige Berghang in die Tiefe, dort böschte er sich breit aus und lag bewegungslos, ein starrer Hügel für die Ewigkeit. Oben klaffte breit die schwarze Scharte.
Der Knabe ging nun niederwärts gegen den Hohlgraben. Da war der Weg mit Hunderten von gebrochenen Bäumen verrammelt. Uralte Bestände in Riesensplittern. Spechte, Raben und Dohlen flatterten, nestlos geworden, kreischend darüber hin und her. Der Lenzerl brauchte mehr als zwei Stunden Zeit, um diese zehn Minuten lange Wegstrecke zu überwinden. Er kletterte, hüpfte und kroch, immer vom Sturmwind umbraust, vorsichtig voran. Den Hut hatte er lassen müssen und sein Haar flatterte ihm über Stirn und Augen. An einem der gebrochenen Stämme hatte sich ein Eichhörnchen festgekrallt. Aber es war tot. Bei dem Tiere hielt der Knabe sich auf und wurde traurig. Der Kopf war zerquetscht. Wenn dieses flinke Wesen der Gefahr nicht entkommen konnte, dann war sie groß. Freilich, das arme Tier hatte keinen Beschützer gehabt. Er eilte weiter und kam hinab zum Hohlgrabenbach. Hier war die Brücke abgebrochen und davongeschwemmt. Und so gründlich, daß nicht zu erkennen gewesen wäre, wo sie gelegen, wenn nicht der ein- und ausmündende Fahrweg die Stelle gezeigt hätte. Der Bach war mit seinen braunen, dicken Fluten weit aus den Ufern getreten, er war rasend. Er donnerte und brauste und an jedem Stein, an jedem Baumstamm sprang er ellenhoch auf und schleuderte seine Gischten an den Hang empor. Und vor diesem Ungetüm stand das Bauernknäblein. Es mußte hinüber, weil es heim wollte zu Vater und Mutter.
Aber es war keine Möglichkeit, hinüber zu kommen. Sollte er nun den weiten, wüsten Weg wieder zurückmachen müssen bis in das Kirchdorf? Sollte er in dieser Schlucht übernachten und warten, bis das Wasser fällt? Sollte er, am Bachesrand hinkletternd, eine Stelle suchen, wo die Möglichkeit hinüberzukommen eine größere ist? Es war der Abend nicht mehr fern, der Leib zitterte dem Knaben vor Erschöpfung, und der braune Strom brüllte und lechzte nach einem Opfer. Der Lenzerl verlor nicht den Mut, er dachte: Ich werde wohl hinüberkommen. Er legte seine kleinen Hände aneinander und sagte laut: »Herr Jesu Christ, was soll ich jetzt tun?«
In den Gründen das Wasser, in den Wipfeln der Wind. Aufgeschreckte Krähen flogen wirr umher, und an den hohen Stämmen eilten schwarze Eichhörnchen und hüpften von Wipfel zu Wipfel.
Als der Knabe am steinigen Hang eine Strecke hingegangen war, um einen Steg zu suchen über den wilden Bach, sah er einen großen, halbentwurzelten Baumstamm. Der war über den Bach hingesunken und drüben mit dem Wipfel an der Krone eines verknorrten Tannenbaumes hängen geblieben. Das ist der Steg, den mir der Herr Jesus gelegt hat, dachte der Knabe und begann ohne weiteres an dem hängenden Stamm hinanzuklettern. Das dichte Geäste an dem lehnenden Baume war selbst wie ein Wald, durch den er sich mühevoll weiterarbeiten mußte, immer sich sorgfältig festklammernd. Denn unter ihm brandete die rote Flut, und so sehr er sein Auge hütete, daß es zwischen den Ästen nicht hinabschaue in das Wallen und Wirbeln, so hub doch alles um ihn an zu kreisen. Jetzt ist der Schwindel da! konnte er noch denken, dann verflocht er sich hastig mit Händen und Beinen ins Geäste und schloß die Augen. Er wollte in solcher Stellung nur warten, bis der Schwindelanfall vorüber sei, aber siehe, der Wind schaukelte so sanft den Baum und die Wasser sangen so schön ...
Hoch an dem querüberhängenden Baumstamme, über dem tobenden Wildbach, war der Lenzerl eingeschlafen. --
Oben im Bergbauernhofe hatten sie müssen das Herdfeuer auslöschen. Der Wind hatte durch den Schornstein den Rauch zurückgestoßen, daß in Küche und Stube kein Mensch atmen konnte. Und wollte man Fenster öffnen, so wirbelte der Sturm herein und sprühte auf dem Herd die Funken auseinander und an die Holzwand hin. Wer sich ins Freie wagte: Die Luft unter dem schweren grauen Himmel war so klar, daß die fernsten Berge deutlich wie die nächsten dastanden, aber ein Stoßen und Stöhnen war in dieser Luft, daß der Bruder Franz vom »wilden Gjaid« sprach. »Seht ihr, wie er schlittenfahren tut, der wilde Jäger!« Denn dort an den gegenüberliegenden kahlen Berghängen ging eine Schneelahn um die andere nieder, auf dem weißen Schneefelde dunkle Striemen zurücklassend, von der Höhe bis tief ins Engtal. Man sah, wie klein es oben anhub, ein dünner, schwarzer Faden, an dessen unterem Ende ein weißer Knäuel hing, der den Faden in die Länge zog, rasch und immer rascher -- größer, breiter, bis der Riesenknäuel in der Tiefe verschwand und ein langes Donnern hinging in den Bergen.
»Wenn ich nur heut' den Buben nicht hätte fortgehen lassen!« rief die Bäuerin immer wieder aus.
Ihr Mann, der Bauer, tröstete sie: »Am Morgen ist's noch nicht so wüst gewesen. Er wird gut ins Kirchdorf gekommen sein. Und wird er wohl so gescheit sein, daß er dort bleibt.«
»Der bleibt nit dort, wie ich ihn kenn'!« sagte sie. »Er hängt allzuviel an daheim.«
»Na, na, die Tafern-Wirtin hat ihn nicht fortgelassen. Die gibt ihm schon zu essen und ein gutes Bett, bei der fehlt ihm nichts. Morgen kommt er heim. So was Wildes kann nicht lang anhalten.«
Die Mutter hat nichts mehr gesagt, hat ihre häuslichen Arbeiten verrichtet, hat den Leuten das Nachtmahl bereitet. Und während sie es verzehrten, ist sie davongegangen. Im lodenen Wettermantel ihres Mannes, in seinen Stiefeln und mit seinem Bergstecken hat sie sich auf den Weg gemacht, um ihrem Lenzerl entgegenzugehen. Denn, daß er auf dem Wege war, das galt ihr sicher, und daß er noch nicht daheim war, obschon es schon zum Abend ging, sagte ihr: Er ist in Gefahr!
Bald war sie unten in der Hohlgrabenschlucht, und da konnte sie nicht weiter. Die Brücke ist fort! »Mein Gott! Da kann er freilich nicht heimkommen!« Daß er gerade auf der Brücke gewesen sein konnte, als sie brach, das fiel ihr nicht ein. »Er ist eben wieder umgekehrt; er kann nicht her und ich kann nicht hin. Da ist nichts zu machen. Gott wird ihn beschützen!« -- Sie blickte in den reißenden Strom und je länger sie hinschaute, je größer und wilder schien er zu werden.
Etwas weiter unten sah sie Baumgefälle über dem Wasser liegen. So finster schwarz an beiden Seiten die steilen Waldberge aufragten, so grau lag der Abendhimmel und legte sein blasses Licht nieder auf die Holzbrüche. Davor stand ein großer Mann, der Holzknecht Wendelin. Er hatte in seine Waldhütte gehen wollen den Bach entlang und hatte die Verheerung gesehen. Die Bäuerin fragte den Mann gleich nach ihrem Knaben, ob er nichts von ihm gesehen hätte?