Part 8
»Zwingen -- kein Mensch. Aber leid wird's dir einmal tun, wenn du dein Glück bei der Tür hinausjagst. Wohl, wohl -- bei der Tür hinausjagst, nit anders. Das klemmige Kummerörtel da. Und dort der prächtige Bauernhof, überall Sachen zum hernehmen. Und der Mensch ist ja auch nit z'wider.«
»Wem er gefallt!«
»Gern hat er dich, sagt er. Ihm stehen zehn für eine, wenn er will. Wohl auch angesehene Bräut. Dich hätt' er halt so viel gern, sagt er. Und -- mir wollt's taugen, wenn ich mir's in alten Tagen ein eichtel leichter geschehen lassen kunnt.«
Da schaut sie auf. Traurig und müd' ist sein Gesicht. Alt und zusammengeknickt sitzt er da, der sein Lebtag fleißig gewesen ist und noch im weißen Haar für ihn, für sie das Brot soll herschaffen.
»~Wenn~ er noch einmal fragt, in Gottesnamen Vater -- sag' halt ja.«
Er hält im Essen ein, schaut sie von der Seite an. »Wenn's grad' nur meinetweg wär', Sanna! Das dürft' auch wieder nit sein. Das möcht' ich nit verantworten.«
»Deinetweg und seinetweg. Zwei gelten mehr als eins.«
* * * * *
Und noch an demselben Abend ist's, sie liegt schon im Bette, klopft der Holzknecht an ihr Fenster. Schade, daß es schon nachtet und man nicht mehr sieht, was das für ein schöner Mensch ist. Susanna zieht die Decke über ihr Haupt. So herrisch sie gegen alle andern ist, aber vor dem vermag sie sich nicht zu schützen. Sie fürchtet sich vor ihm und -- vor sich selber.
»Warum tust denn heut so, Dirndl?« flüstert er durch das Fenster.
»O mein Siegi, mit uns zweien ist's aus.«
»Du Narrl,« lacht er, »mit uns zweien hebt's erst an. Gestern bin ich Holzmeisterknecht geworden. Um einen ganzen Gulden mehr Wochenlohn. Wenn du willst, können wir jetzt ernst machen?«
»Mein Gott!« schluchzt sie, »ich hab' mich einem anderen versprechen müssen.«
»Geh, mach' keinen dummen Spaß.«
»Behüt' dich Gott, Siegmund! 's kann nit sein bei uns. Behüt' dich Gott!«
»Was b'hüt' dich Gott? Wie b'hüt' dich Gott? Geh, mach' auf, 's ist schad' um die Zeit.«
Da geht im Fenster der Holzschuber zu.
Er hat lange geklopft und gebettelt und geschmeichelt und geflucht. Verschlossen ist das Fenster geblieben und still hinter demselben, als wäre alles abgestorben. Bergwärts ist er gegangen gegen seinen Hochwindschlag und hat sich unterwegs mit der Faust an den Kopf geschlagen, weil er sich vor seiner selbst hat geschämt. Denn wie ein Kind weinen hat er müssen. Nur weiß er nicht, aus Zorn oder aus Liebe. Dumm ist beides -- ganz dumm. »Jetzt -- jetzt, wenn ich ~die~ nit krieg', ist mir alles eins. Eine Freud' muß der Mensch haben. Ein nixnutziger Kerl will ich werden.« Damit will er sich trösten und schleicht jenem Dickicht zu, wo er unter Moos und Steinen seinen Kugelstutzen versteckt hat. Das Dirndl hätte ihn zurechtbringen können von seiner alten Leidenschaft. Wenn's nicht sein kann, muß der Mensch halt zugrunde gehen. --
Der Tonhofer, wie er von dem Alten hört, er dürfe kommen, da steht er auch schon vor der Haustür. Ein dicklicher, gutmütig dreinschauender Bursche, nicht mehr gar jung, so daß er -- wenn's nicht sein muß -- den Hut ungern vom Kopf tut. Es muß auch nicht sein. Aber, als er zum Suppenessen eingeladen wird und der alte Decker Karl das Tischgebet ruft, da muß es doch sein. Es ist nicht anders, beinahe bis an den Scheitel geht sie hinauf, die Glatze. Der Susanna macht die gerade nicht viel. Sein untertäniges Girren und Schleichen um sie herum ist ihr viel zuwiderer. Zwingen muß sie sich zur Freundlichkeit, und was die Hütte in Vorrat hat, das kocht und brät sie und bringt es auf den Tisch. Solange er ißt, hat sie Ruh vor seinen läppischen Schmeicheleien. Und denkt weiter: Die so viel essen, die leben nicht lang', und am liebsten wäre ihr, seine Glatze ginge auch noch hinten hinab, so daß seitlings nur ein paar weiße Haarschüberln stünden und er keinen Zahn mehr im Mund hätt' und er bucklig und hustend und trensend auf dem Stecken herumhinkte -- da wollte sie ihn am liebsten nehmen, da wollte sie ihn sogar recht liebreich hegen und pflegen -- lange könnt's ja nachher nicht dauern und sie säße mit ihrem guten Vater allein auf dem schönen Tonhof.
Nach dem Abendessen streichelt der Tonhofer die Sanna am Arm -- weiter hin wagt er sich noch nicht, spricht aber vom Dableiben.
»Fragst halt den Vater!« rät sie ihm, das weiß sie wohl, der Alte winkt ab, denn er ist streng in solchen Sachen. Der Karl hat für diese Strenge seinen besonderen Grund. Wenn so ein Großbauer einmal weiß: Dableiben kann ich so auch, dann verschiebt er das Heiraten. Solche Leut' muß man brav aushungern lassen, bis sie dazukommen, die Hochzeitstafel zu decken. -- Also heimgehen, Tonhofer! Da sagt der noch: »Und wenn du willst, daß wir zum Pfarrer gehen -- wir sind allzeit bereit. Gelt, Sanna!«
»Na freilich!«
So ist er willig heimgegangen.
»Einen kamoden Mann kriegst!« sagt der Karl zu seiner Tochter. »Jetzt derweil hältst ihn fest, verstehst und daß er dir nit auskommt. Daß ich dir sag', ein bissel kunnt'st just schon zutunlicher sein zu ihm, weißt, es gibt auch noch andere Weiberleut', die nach ihm angeln. Nach der Hochzeit nachher ist's nit mehr so heikel -- kannst dich schon besser gehen lassen wie du willst. Froh bin ich halt wohl, daß die Heirat zustande kommt. Jetzt sind wir auch einmal wer. Das taugt.«
Die Susanna ist still. Aber als sie in ihre Schlafkammer geht, muß sie doch ganz laut aufkreischen: »Jesses, diese Mannerleut'. In alles tun sie sich drein und alleweil denken sie auf sich selber und von der Lieb' wissen sie nix.« Wer in derselbigen Nacht gehorcht hätte an ihrem Fenster. Der Alte hat's ganz zufällig gehört und bei sich gesagt: »Daß sie wieder so viel Zahnweh hat, die arme Dirn! Und kunnt sonst jetzt so lustig sein!« -- Aber am nächsten Morgen hat sie sich die Augen mit kaltem Wasser gewaschen. Kein Mensch merkt es.
* * * * *
Eine Woche später, an einem kühlen Aprilmorgen, sind sie früh aufgestanden. 's ist über zwei Stunden weit ins Kirchdorf und auch der Tonhofer wird sich dort einfinden. Dann wollen sie in den Pfarrhof zum »Versprechen«.
Unterwegs auf dem kiesigen Waldweg fallen dem Karl rote Flecken auf und zerrupfte Vogelfedern. Er hebt eine auf und sagt: »Sanna, schau einmal her. Da ist heut' schon ein Schildhahn geschossen worden.«
»Wegen meiner,« sagt sie und geht ihren Schritt weiter. 's ist ihr alles gleichgültig. Wird noch nicht ausgeschlafen haben, denkt sich der Alte. Oder sollt sie doch so verschossen sein in den Zukünftigen, daß sie alles andere übersieht und überhört, wie der Hahn auf der Balz? Bei den Weiberleuten kennt sich eins frei nit aus.
Im Kirchdorf beim Bräuer müssen sie warten. Er ist noch nicht da. -- Es wär' schon Zeit, kunnt schon da sein. Hat auch nit weiter, wie wir, sinniert der alte Karl. Die Kirche läutet zur Messe. Man sollt' doch zu Meß' gehen an so einem Tag. Sonst wird sich der Pfarrer was Schönes denken von so Brautleuten, die den Herrgott beiseite schieben, just wenn man ihn am notwendigsten zu brauchen haben möcht'. -- Der Alte wird unruhig. Der Tonhofer! Wenn er sich's überlegt hätt'! -- Kriegen tät so ein Großbauer jede. Auch angesehene. Daß ihm seine Blutsfreund' abgeredet hätten: Ein Tonhofer wird eine Häuslerin nehmen! Das wär schon gar schön. -- So unruhig wird der Karl, daß er nicht mehr sitzen bleiben kann bei seinem Bierglas. Er geht hinaus und schaut die Dorfstraße hin, ob er nicht endlich daher steige. Die Susanna denkt: Was soll eins da auch noch hersitzen wie ein angemal'ner Kineser. Als ob man ihn schon nit möcht' derwarten. So einen! Ich geh lieber in die Mess'.
Und auf dem Weg zur Kirche hinauf, im kleinen Birkenschachen, steht auf einmal der Holzknecht vor ihr. Er ist im lodenen Werktagsgewand und ein wenig verstört. »Sanna!« sagt er, zischt es fast nur, »komm' ein bissel mit mir!«
»Ich geh in die Kirchen,« sagt sie, »wenn du mit willst, wird dir auch nit schaden.«
Er faßt sie am Arm und zerrt sie mit gelassener Gewalt zwischen den Birken und Erlensträuchern hin. Sie weiß nicht, wie ihr geschieht. So hat sie noch kein Mensch in seine Kraft genommen.
Er steht still, läßt sie los und fällt vor ihr auf beide Knie: »Sanna!« Er ringt die Hände: »Sanna! Ich weiß, auf wen du wartest. Um deines und meines Lebens und Sterbens willen, das darf nit sein.«
»Was das dich angeht, will ich wissen!«
Da nimmt er sie heftig an beiden Händen, zieht sie nieder an sich: »Du gehörst ~da~ her! Zu mir gehörst du! Zu mir gehörst du!«
Sie wehrt ab, will sich losreißen, da versetzt er ihr einen Schlag an den Kopf. -- --
Nach dem Schlage stehen beide bewegungslos da. Er hat sie losgelassen. Er hat sie geschlagen -- und sie bleibt vor ihm stehen, ohne Trotz und Zorn. Ihre Augensterne werden so groß, daß sie das Weiße ausfüllen. Dann kommt eine Träne hervor. Er verdeckt mit den Händen sein Gesicht und sein Leib schüttert.
»Siegmund,« sagt sie in einem wunderlich innigen Ton. »Wenn du mich so unsinnig gern hast, daß du mich schlagen mußt -- --! Ich hab' ja auch keinen so gern, als wie dich. Keinen Menschen auf der ganzen Welt. -- Führ' du mich, wohin du willst.«
Der Tonhofer war freilich zu spät gekommen. Im Bräuhause haben er und der Alte gewartet, dann sind sie hinausgegangen und haben gesucht und gerufen. Derweil sind die Susanna und der Holzknecht Siegmund oben im Pfarrhof gewesen und haben sich versprochen.
Wie der Holzknecht nachher allein hinübergeht in seinen Hochwindwald, begegnet ihm der Sandbichlersohn. »Was ist's, Holzknecht?« ruft er diesem zu, »verkaufst mir deinen Schildhahnschwanz?« Das ist kein kleiner Schreck für den Siegmund. Aber ganz unbefangen stellt er sich und sagt: »Geh, Sandbichler, was du nit plauschest!«
Der Sandbichler macht einen Ruck mit der Achsel, gleichsam: Ich kann schweigen, kann dich aber auch verraten. Dann geht er seines Weges. Er hat die Absicht, hinein ins Tal zur Dachdeckerhütte zu gehen und es nochmals zu versuchen mit der Susanna. Warum just dieses Fleisch und Blut von Stein sein sollt', das möcht' er wissen. Unterwegs, nicht weit vom Forsthause, begegnet er dem gräflichen Oberjäger. Der ist in einer wütenden Erregung. Seine Gnaden, der Herr Graf, kommt in einer Stunde von der Stadt daher auf den Hahn. Morgen sollt' Jagd sein und heute früh ist der Hahn abgeschossen worden!
»So, so,« sagt der Sandbichlersohn, »der Hahn ist dir abgeschossen worden. Nachher schau nur, Jager, daß du den Wilddieb nit derwischest, sonst kommst auf zehn Jahr ins Zuchthaus.«
»Ich?«
»Freilich du. Weil du ihn niederschießest.«
Dann gehen sie auseinander.
In der Dachdeckerhütte ist der Sandbichlersohn nicht eingelassen worden am selbigen Abend. Er hat auch kein Begehr danach gehabt. Denn drinnen ist ein wildes Schreien und Fluchen und Weinen gewesen. -- Wenn der Vater frägt: Du Sanna, der Tonhofer hat lang' auf dich gewartet beim Bräuer, daß er mit dir zum Pfarrer geht. Wo bist du denn gewesen? -- Vater, ich bin mit dem Holzknecht Siegmund beim Pfarrer gewesen -- so ist ein solches Zwiegespräch vergleichbar mit einem Zunder, den man ins Pulverfaß legt.
Das Unwetter hat gedauert die halbe Nacht, dann sind sie müde gewesen vor Schreien und Klagen, haben sich in ihre Betten gelegt und hat jedes für sich gesagt: In Gottesnamen! -- In Gottesnamen! sagt die Susanna, ich nehm' den, der mir gefallt. -- In Gottesnamen! sagt der alte Karl, bleib' ich halt mein Lebtag ein armer Teufel. Ist vielleicht eh g'scheiter, so.
* * * * *
Erfahrene Leute wissen zu sagen, daß manch ein großes Glück, das viele Jahre lang mit allen Sehnsüchten herbeigefleht, mit allen Kräften angestrebt wurde, wenn es plötzlich da ist, nicht die Freude verursacht, die man von ihm erwartet hat.
Sollte das auch dem Holzmeisterknecht Siegmund so ergehen? Seit dem Tage, da er sich mit seiner Herzallerliebsten versprochen hat, ist er nicht mehr lustig. Er tut ihr alles, was er kann, zulieb, aber er ist oft in sich versunken, schweigsam und nicht mehr lustig. Susanna weiß sich das nicht zu reimen, mag ihn aber auch nicht fragen nach der Ursache. Am Ende -- denkt sie -- ist es gar, daß ihm der Schlag weh tut, den er ihr damals in der Aufregung versetzt hat. Mein Gott, dieser Schlag ist es ja gerade gewesen, der sie zu ihm hingerissen hat. Nach einem heißen Menschen hat's ihr ja immer verlangt. Weichmütige Leute, die haben sie nur zum Trotz gereizt. Aber dem Mann, der sie geschlagen hat, weil sie nicht hat lieben wollen, dem hat sie ~ja~ sagen müssen.
Die Trauung wird angesetzt für einen Sonntag nach dem Nachmittagsgottesdienst. Aber just noch vor diesem Gottesdienst hat der Holzknecht die Braut in eine Ecke der Kirchhofmauer geführt und gesagt: »Oder was meinst, Sanna, ob wir's nit etwa auf ein paar Wochen verschieben sollten?« Ihre Antwort: »Siegmund, ich versteh dich nit!« Da ist er mit ihr in die Kirche gegangen.
Die Anwohner des Gottesdienstes sind nach demselben alle sitzen geblieben. Bei dieser Trauung wollten sie doch dabei sein. Wenn eine arme Häuslersdirn reiche Bewerber ablaufen läßt, einen um den andern und einen notigen Holzknecht auserwählt -- ein solches Brautpaar muß man sich doch anschauen. In ihrem einfachen Sonntagsgewand kommen sie daher. Er hat im Knopfloch eine Nelke, sie hat in das gescheitelte Haupthaar ein schütteres Rosmarinstämmlein gewunden -- anders unterscheiden sie sich nicht von den übrigen. Der Altar trägt keine Zier, der Pfarrer hat den einfachen Chorrock an und eine abgeblaßte Stola. Im Gebettone liest er aus dem Buch eine kurze Traurede, dann schreitet er zur Trauung. Dann kommt, wie es im Lande herkömmlich, die dreifache Frage. Den Bräutigam frägt der Priester, ob es sein ernstlicher und ungezwungener Wille sei, diese anwesende Braut zum Weibe zu nehmen. Der Bräutigam stockt und murmelt ein unentschlossenes ja. Sie macht es bei derselben Frage kräftiger. Der Priester fragt das zweite Mal, ob er ihr treu bleiben wolle und all Freud und Leid mit ihr teilen, bis sie der Tod trennt. Er zögert -- dann antwortet er kaum vernehmlich ein zagendes ja. Dabei neigt er sein Haupt über die Brust hinab und ein Zucken geht durch seinen Körper. Susanna möchte versinken vor Angst und denkt: Er stirbt mir. Aber sie bleibt starr auf ihrem Stein stehen. So frägt ihn der Pfarrer, und zwar mit nachdrücklicher Stimme, das dritte Mal um seinen Willen, den ewigen Bund abzuschließen. Siegmund steht unbeweglich und schweigt. In derselben Sekunde ist kein Atemzug getan worden in der ganzen Kirche. Da richtet der Bräutigam sich plötzlich in die Höhe und ruft laut: »Nein! Jetzt nit! Ich kann nit!« und eilt durch die Sakristeitür davon.
Das Volk in der Kirche ist auf und fährt murrend und fast laut sprechend durcheinander. Der alte Dachdecker Karl, der hinter dem Paare gestanden, streckt beide Arme empor wie einer, der im Ertrinken ist, und schnappt nach Luft. Aber nur ein paar Augenblick' so, dann duckt er sich unter die Menge. Der Pfarrer ist rasch dem Flüchtigen in die Sakristei gefolgt. Die Braut steht vor dem Altare unbeweglich wie eine Säule. Da steht sie nun. Die reichsten und angesehensten Werber hat sie heimgeschickt. Und der arme mißachtete Holzknecht hat sie verschmäht. -- -- Endlich wendet sie sich -- und geht auch hinaus.
Aber den Flüchtling hat niemand eingeholt. Die Dorfgasse lief er hinab, dann hat ihn keiner mehr gesehen.
* * * * *
Die Susanna steht wieder am Herd ihrer Hütte und schlägt mit Stahl und Stein Feuer, um ihrem Vater die Suppe zu kochen. Arme Leute sind abgehärtet. In Gottesnamen, denkt sie, auf der Welt geht alles vorbei, wird auch das nit stehen bleiben. Etliche hätten gerne gewußt, ob sie ihn liebt oder haßt. Andere haben gemeint, jetzt wäre sie vielleicht billiger zu haben. Der Sandbichlersohn machte einen Versuch, der abscheulich mißlang, und der Tonhofer war froh, daß er unbeweibt geblieben. Eines Abends gehen drei Burschen an der Hütte vorüber und singen spottweise: »Susanna, nit wana!« -- Und sie weint ja auch gar nicht. Sie verliert über den durchgegangenen Bräutigam kein Wort, kein gutes und kein schlechtes. Weil aber der Vater doch immer anfangen will, seiner zu fluchen, so ist ihr die Zeit am liebsten, da er in der Arbeit aus ist und sie ihr wehes Gedenken still für sich hat. Wenn der Vater aber Samstags heimkommt, so ist's halt doch immer wieder die Frage: »Und kannst dir's denn gar nit denken, Sanna, warum er's hat getan?« Blickt sie nicht von ihrer Arbeit auf, zuckt die Achseln und sagt trocken: »Wird ihm halt grad' so gepaßt haben.«
Da ist eines Tages der Brief gekommen. Verknittert, schlecht zugeklebt, mit gelblich blasser Tinte, von einer Hand, die besser das Holzbeil führt als die Feder:
»Liebe Susanna!
Bitt' um verzeichen, indem ich dich so in Unehr. Ist schlecht aber hat nich andersch Sein können und dich vor den leuten in unehr hab gebracht. Jetz mus ich wol hart Büssen und in 5 Wochen dir vor Augen treten kann.«
Das ist alles. Kein Ort, kein Datum, kein Name. Aber sie weiß es ja doch. Und sie schweigt. Als ob nichts wäre, so arbeitet sie in der kleinen Wirtschaft ihre Tage dahin.
Der Brief muß lange gegangen sein, denn noch vor der angegebenen Zeit steht der Mensch bei der Hütte am Brunnen. Er hat sein Gewand an wie damals. Sein Gesicht ist schmäler und blasser geworden, aber gut rasiert. Seine Augen schauen größer aus, so wie nach einer Krankheit. Er nimmt einen Schluck Wasser. -- Sie sieht ihn, geht langsam hinaus und reicht ihm die Hand. Er hält sie fest, schaut sie an und sagt nichts. Sie führt ihn in die Hütte, setzt ihm eine Schüssel mit Milch vor, legt ein Stück Brot daneben hin und einen Löffel.
»Ich tu' lieber trinken,« sagt er und führt den Rand der Schüssel zum Mund. Jetzt, da sie sieht, wie gierig er die Milch austrinkt, kann sie ihr Herz nimmer verhalten. »Aber, Siegmund!« schreit sie weinend heraus, »warum hat denn das so sein müssen?!«
Er fährt sich mit seinem zerknüllten blauen Sacktuch über das Gesicht und tut ein kurzes heiseres Auflachen.
»Wenn's dich gereut hat mit mir, wesweg bist denn jetzt wieder da?« fragt sie.
»Du weißt es halt nit, Sanna,« sagt er. »Du hast es halt nit wahrgenommen. Wie wir in die Kirche sind gegangen und am Tor das Gedräng' ist, streicht mich der Sandbichlersohn an und raunt mir ins Ohr: Mußt dich schleunen mit der Koplation, in einer Stund' sind die Schandarm da! -- Da weiß ich, er hat mich verraten. Weil ich den Schildhahn hab' geschossen und der Sandbichler hat mich dabei gesehen.«
»Und was denn weiter?« fragt sie.
»Jetzt kannst dir's ja wohl denken. -- Hätt' ich dir's leicht antun sollen, daß mich die Schandarm vom Altar wegtreiben? Da geht einer schon lieber so. Schnurgerade zum Landsgericht bin ich, hab' mich gestellt und mein' Sach' abgebüßt.«
Susanne steht da, hält die Hände über der Brust gefaltet und schweigt. Nach langem Schweigen endlich: »Eines Schildhahns wegen!«
»Ungeschickt genug, daß ich so bin davongelaufen. Und dir eine andere Schand' gemacht, derweil ich dir die eine hab' ersparen wollen.«
»Und auf mein Leid hast nit gedacht?!«
Er reißt sie an sich und herzt sie und küßt sie.
»Und wenn's gutzumachen wär', Susanna. Freilich hab' ich des Hahns wegen auch meine Holzmeisterstell' verloren. Bin halt gar nix jetzt ...«
»Ich frag' nit nach Schand' und Ehr' und Holzmeisterstell'. Vier gesunde Händ' haben wir und wenn du ordentlich ja sagen kannst, so woll'n wir's halt noch einmal miteinander probieren.«
Ist aus den zwei armen Leuten ein zufriedenes Ehepaar geworden. Und ist's ihnen am liebsten, wenn sich fremde Leute nicht weiter um sie kümmern.
Das geheimnisvolle Bildnis.
Das Tal von Kapfenberg bis Aflenz kennen zu lernen, kann niemandem schaden. Es ist ein steirisches Gebirgstal, wie es »im Buch steht«. Auf dem Boden des Kurortes Steinerhof wandelnd, sieht man noch die schönen Berge des Rennfelds, des Flonings und andere Almen im freien Sonnenschein. Wir wandern den Thörlbach entlang aufwärts bis zum Felsenblock, auf welchem die grünen Almen des Floning aufgebaut sind. Hier engt sich das Tal; an beiden Seiten steile, üppigbewaldete Berghänge, an den Lehnen manch kleines Äckerlein oder eine Matte mit Heuduft. Im tiefen Grunde die weiße breite Straße mit massigem Geländer hin und hin, und mit den drei Telegraphendrähten darüber. Daneben rauscht und tost zwischen wuchtigen Felsblöcken das Wasser, oder es wallt rasch und weiß über die Steine hin, die in den Jahrtausenden von der grünlichen Alpenflut glatt geschliffen worden sind. Wo neben Straße und Fluß noch ein grünes Wieslein Platz hat im Tale, da liegt es zwischen Silberweiden, Schlehdornsträuchern und Eschen. Dort auf dem Hange oder hier in der schattigen Nebenschlucht blinken zwischen Linden, Ahornen oder wilden Kirschbäumen die taubengrauen Dachbretter eines Hauses hervor, ein wehmütig Denkzeichen an die Zeiten, da diese Berge noch traute Heimstatt fleißiger Bauern gewesen sind. Jetzt versinkt alles in die Schatten der aufwuchernden Wildnis, und nur der stattliche Eisenhammer im Talgrunde sucht mit dem Klingen seiner Werkzeuge das Jodeln und Jauchzen zu ersetzen, das ehedem die Gegend belebt hatte. (Die Eisenbahn, die heut' durch das Tal zieht, ist zur Zeit dieser kleinen Geschichte noch nicht gewesen.)
So schlängelt sich das Tal zwischen den waldigen Bergen hin, und oft muß der Weg den rollenden, grollenden Bach auf festen Brücken überspringen. Dann wieder eine räucherige Holzhauerhütte, deren Fugen der Wandzimmerung mit Kalk verklebt sind; davor, schier unter dem Schatten des aufsteigenden finsteren Fichtenwaldes, ein Gärtlein mit kümmerlichen Kohlpflanzen und freundlichen Nelken.
In einer dieser Holzhauerhütten war ich Zeuge eines Strafgerichtes gewesen. Nachbarsjungen waren in den Ziegenstall gedrungen und hatten ein Zicklein entführt. Einer hatte sogar ein Schußgewehr bei sich, um dem Kohlenbrenner die Hühner abzuschießen. Ich kam hier gerade zurecht, wie die Jungen vom eigenen Vater den Lohn erhielten; aber einer davon sagte während der Prügel zu seinem Vater: »Schlag' zu, schlag' zu! Bist selber ein Wilddieb!«
Ein paarmal leuchtet aus dem Hintergrunde dieses Tales über dem Waldkamme das weiße Gewände des Fölzsteins auf, denn endlich treten wir in das engere Bereich der Hochschwabkette. Das Thörl bei Aflenz mit seiner uralten Felsenruine ist der Eingang. Hier gehen an beiden Seiten von den Hängen Felsenrippen nieder, die das ganze Tal einengen nicht bloß zu einem Tor, sondern sogar zu einem Törl, durch das zwischen dem stattlichen Eisenwerk und anderen Gebäuden, die sich gerade hier festgestellt haben, Straße und Fluß nur mit Mühe durchkommen. Knapp hinter der Enge zweigt sich das Tal; links geht's nach St. Gilgen und ins Herz der Schwaben hinein. Da drinnen steht auch jenes Wirtshaus, wo einmal ein übermütiger junger Mensch gebührend bestraft worden ist, wie der Verlauf dieser Darstellung zeigen wird.
Saß also damals -- als ich an einem himmelblauen Sommernachmittag in goldener Jugendseligkeit dem Tale entlang wanderte -- im beschriebenen Thörlgraben, unter dem Schatten einer Esche, ein lieblich Dirndl. Auf dem Schoß hatte es in blaues Tuch geschlagen einen flachen viereckigen Gegenstand, auf den es die Hände legte. So saß es da und schaute mir entgegen. Ich wußte nicht, wollte es auf mich warten oder mich vorüberziehen lassen, nahm aber das erstere an. Ein Vollgesichtlein hatte es und zwei kugelrunde Augen drin und ein feines Näschen, das sich so ein wenig aufstülpte, als wollte es sagen: »Bitte, wenn du bei den Lippen was zu tun hast, ich steh dir nicht im Weg'!« Und das Lippenpaar! Zwei rote, sanft aneinander liegende Kißlein, so harmlos preisgegeben den Blicken des herannahenden Knaben. Ein blaues Tuch hatte die junge Maid um das Haupt gebunden und darunter schlängelten sich an den Stirnseiten so ein paar Goldlockenringlein herab, daß es schon des Teufels war.
Ich setzte mich zum Mädel hin, der Stein war breit genug für zwei, nahm sie bei der Hand und sagte: »Das ist schön von dir, Mariandl, daß du auf mich wartest.«