Part 12
Der hartherzige Gerhab ließ sie zum Tisch hinsitzen, wartete ihr Apfelwein auf und Weißbrot. Dann nahm er auch selber einen Trunk, strich auf seinem kleinen Köpfel das weiße Haar über die Stirn und sagte: »Brav ist es von dir, Wirtin des Uhrmachers Thomas, daß du zu mir gekommen bist. Ich kann dich wohl brauchen. Ich habe mir vorgenommen, als Mensch und Christ die sieben Werke der Barmherzigkeit zu üben. 's geht auch passabel, denn die Hungrigen zu speisen, die Durstigen zu tränken und die Nackenden zu bekleiden, ist gar nicht schwer, wer's hat. Die Kranken zu besuchen, die Betrübten zu trösten und die Unwissenden zu weisen, da gehört zum Herzen auch schon ein bissel der Kopf. Ich befleißige mich nach geringen Kräften. Da ist mir denn alleweil noch eins abgegangen, daß ich die sieben beisammen hätt', und hab' schon keine Hoffnung mehr gehabt, denn es weigert sich keine Gemeinde, ihre Toten zu begraben. Die Leute sind jedem dankbar, der Platz macht, und stecken ihn in die Grube, heute lieber wie morgen. Jetzt kommst du und sagst, es läge wirklich ein Toter, der auf mich ansteht. Sei getröstet, ich gehe mit meinen Knechten; die Brücken hat's gehalten die langen Jahre her für schwere Sünder, sie wird's auch halten für den guten alten Thomas. Er soll ordentlich bestattet werden. Mich gefreut's.«
Eilends lief das Weib heim ins Haus und rief schon zur Tür hinein dem Toten zu: »Na, wart' nur, Thomas, jetzt wird's bald. Halt dich nur noch ein paar Stündlein brav.«
Während sich Kirche und Wirtshaus für das Hochzeitsfest des Hans Gertinger rüstete, wurde der Uhrmacher in sein letztes Gehäuse getan und von den Knechten des hartherzigen Gerhab davongetragen. Die Haushälterin ging als die einzige Leidtragende hintendrein. Unter der Last dieses Leides brauchte die Brücke just nicht zu brechen. Als sie gegen den Fluß kamen, hörten sie schon das Dröhnen und Brausen des wilden Wassers, das in schmutzig braunen Fluten wie rasend heranschoß. An steilen Ufern grub und nagte es, sprang manchmal hoch auf in schäumender Wut und fiel rücklings wieder ohnmächtig in den Strom zurück. An seichteren Stellen lief es hastig hinaus, eine Welle die andere jagend und wie in Sturmlauf an den Grundfesten der Gebäude hinankletternd. An der hölzernen Brücke, die mit drei Jochen im Flusse stand, schien das Wasser seinen vollsten Zorn auszulassen. Die Brücke ächzte zuweilen, hielt aber stand und ließ die Wellen, welche manchmal an der einen Seite über sie hereinschlugen, an der anderen wieder sachte hinabrinnen. Das dauerte so schon den ganzen Tag über und an den Ufern waren Leute versammelt, die in munterer Stimmung fortwährend erwogen: »Wird sie gehen? -- Wird sie's halten?«
Auf dem trüben Wasser wogten, jetzt hoch auf den Rücken der Wellen, dann wieder in die Tiefen gleitend, allerhand Gegenstände daher: Vielarmiges Baumgewurzel, wie Riesenkrabben anzusehen, dann Holzscheiter, Blöcke, Bretter, auch Hausgeräte; in den oberen Gegenden mußte das Wasser also noch schlimmer wirtschaften. Ein totes Ferkel kam in zierlichen Wogungen herangeschwommen, so daß ein Dorfwitzbold sagte, er hätte nicht gedacht, eine Zeit zu erleben, wo es in der Sallach schweinerne Fische gebe.
Plötzlich wurden auf dem Flusse lange schwarze Körper sichtbar, große Holzbalken, die Trümmer der Obergamser Brücke.
»Jetzt ist's um die unserige geschehen!« rief ein Mann. Allein etliche der Balken glitten zwischen den Brückenjochen hindurch und davon; ein paar Stücke aber klemmten sich ein und an diesen begannen sich nun das Gewurzel, die Scheiter und Bretter zu stauen. Die Brücke ächzte und zitterte, gab aber immer noch nicht nach.
»Tapfer hält sie sich!« sagte ein Bauer, »wenn sie's überdauert, so kriegt sie ein Kreuzel von mir.«
»Hast du Orden zu vergeben?« wurde er gefragt.
»Nicht so. Ein Kruzifixel laß ich aufstellen mitten auf der Brucken, zum Angedenken an die Gefahr.«
Vom Hügelgelände jenseits des Flusses hörte man durch die klare Mailuft Pöller knallen und manchmal selbst einige Musikklänge, sofern das Brausen des Wassers nicht alles übertönte. Der Hochzeitszug des Hans Gertinger. »Na, die mögen sich schleunen, wenn sie noch herüber wollen!«
Von der Dorfgasse herab kam der kleine Leichenzug des Uhrmachers Thomas.
»Ist nicht ratsam!« warnte ein alter Mann, »ist deutsch nicht ratsam! Es kunnt der Brautzug mitsamt dem Totenzug in die Ewigkeit fahren!« Denn die Brücke bebte und hub in allen Jochen an zu krachen.
Fast zu gleicher Zeit waren sie da. Diesseits der Brücke der Leichenzug, der wollte hinüber zum Kirchhof; jenseits der Brücke der Hochzeitszug, der wollte herüber zum Traualtare. In demselben Augenblick wurde die Brücke lebendig. Zuerst schnalzten die Pfosten des mittleren Joches, dann begann das Geländer zu brechen und sich in seinen Splittern aufzubäumen, während die Brücke in der Mitte ein Weniges einknickte. Ein Weilchen stand's wieder fest. Das Wasser flutete donnernd an den Bau und übergoß ihn mit wilden Gischten, da brach plötzlich das zweite Joch, und nun stürzte die Brücke mit schmetterndem Krachen ein. In teils noch zusammenhängenden Trümmern wogte sie schwerfällig davon. Wo die Brücke gewesen, ragten nur noch ein paar Pfeiler aus den Fluten, ihre scharfen Splitter gegen Himmel reckend. Sonst nichts mehr. Und der Leichenzug hier und der Hochzeitszug dort standen da und wußten nicht, was jetzt anfangen.
Der Dorfwitzbold machte den Vorschlag, der Thomas und der Hans Gertinger sollten ihr Vorhaben tauschen, der Thomas sich hüben ins Wirtshaus und das Brautpaar sich drüben auf den Friedhof legen. Damit war nun aber das Brautpaar durchaus nicht einverstanden, und während der Thomas sich den Dingen gegenüber höchst gleichmütig verhielt, begann drüben der Bräutigam zu fluchen und die Braut zu weinen. Es ist begreiflich. Wenn schon der Kirchgang ein andermal gemacht werden konnte, so ließ sich doch das bereitete Hochzeitsmahl im Wirtshaus nicht verschieben. Die gescheitesten Leute kamen nun zusammen an die Stelle, wo die Brücke gestanden war und hielten Rat, was da zu machen.
Viele gute Gedanken, aber keiner so stark, das wilde Wasser zu bändigen. Der Brautführer, dessen Nase nicht bloß im Mai, sondern das ganze Jahr über in holdem Purpur glühte, gestand: das Wasser habe er überhaupt nie leiden können; es habe mancherlei Untugenden, doch daß es so über alle Maßen boshaft sein könne, das erfahre er erst heute. Jetzt sehe er, das ungebundene Naß sei noch weit schlimmer, als das unter Gebinde.
Ei geht mir, ihr Leute mit eueren närrisch klugen Reden. Hinüber wollen wir: der Thomas zu seiner Rast, der Hans zu seiner Unrast.
Es ist aber ganz unmöglich. Die Obergamser Brücke ist weg, die Lackner Brücke ist weg und jene, die in Untereben stand, kann auch nicht stehen geblieben sein, wenn die Trümmer wie Sturmböcke angerückt kamen. Es ist eine Bestie, so ein Wasser!
Der hartherzige Gerhab sprach endlich das Wort: Geduld! aus. -- Das kann auch nur der hartherzige Gerhab aussprechen, dachte sich das Brautpaar. Dem Thomas war's einerlei. Der Thomas ist im Vorteil, er kann warten und hat einstweilen seine Notherberge in einem Gewölbe unterhalb der Kirche. Der Hochzeitszug ließ zwar auch keine Traurigkeit spüren, sondern zog sich mit klingendem Spiele zurück. Das Brautpaar sah endlich ein, daß gewartet werden mußte, bis das Hochwasser abgelaufen, und daß Geduld die verläßlichste Brücke ist, welche über alle Hindernisse endlich sieghaft hinwegsetzt.
Eine Woche später konnte der hartherzige Gerhab über die Sallach eine Notbrücke schlagen lassen, um an dem Thomas das siebente Werk der Barmherzigkeit zu vollziehen. Aber die ersten, die sie flink überschritten, waren die Hochzeiter.
Die höllische Lieb', natürlich!
Der mir mit Namensunterschrift zugegangene Bericht lautet unter Veränderung einiger Orts- und Hausnamen wie folgt:
Nachdem die alten Radstuber-Leute gestorben, waren zwei minderjährige Kinder da. Ich, ein entfernter Verwandter und ihr Taufpate, bin zum Gerhab bestellt worden. Ein Gerhab sein, das ist ein gefährliches Ehrenamt, man kann Schand und Spott davon haben und eine große Verantwortung für Zeit und Ewigkeit.
Ein Knabe und ein Mädchen. Sie waren in Bauernhöfen untergebracht, in ihrem Heimatsdorfe Wenkelbach. Der Bub hatte Anlage zum Leichtsinn. Mit zwölf Jahren rauchte er hinter der Leute Rücken schon Tabak, wozu er die Kreuzer sich auf der Gasse erbettelte. An den Sonn- und Feiertagen während des Gottesdienstes trieb er sich mit anderen Jungen in den Büschen umher und spielte Karten. Mit siebzehn, achtzehn Jahren war er schon auf jedem Bauernball zu sehen, wo er bei seiner Anlage zum Jähzorn manchmal Händel suchte. Auf Jahrmärkten kaufte er kleine Angedenken zusammen für Mädchen, bei denen er um Liebe warb. Ich wohnte einige Stunden vom Orte Wenkelbach entfernt und hatte nicht viel tun können; ein paarmal zwischen die Füße habe ich ihn genommen und mit der Peitsche über seine Abachseite her! Es hat aber nichts genützt und nichts geschadet. Sonst war der Junge zutunlich, ehrlich, flink und heiter, man konnte ihm nicht feind sein. Zum Glücke wuchs er aus meiner Botmäßigkeit endlich heraus und in den Kaiserrock hinein, in welchem er es nach kurzer Zeit zum Feldwebel brachte, als solcher er mir schrieb, daß er ganz beim Militär zu verbleiben gedenke. -- Das wäre der Christian.
Das Mädel, die Katharina, hatte mir anfangs weniger Sorge gemacht, und da sieht man, wie unerforschlich die Wege Gottes sind.
Die beiden Geschwister hatten sich sehr lieb und alles, was die Katharina sich absparen konnte, schickte sie dem Bruder, sowie auch er keinen Katharinentag vorübergehen ließ, ohne ihr ein Seidenband, ein Messingkreuzl, ein bemaltes Briefchen oder dergleichen zu senden.
Die Katharina war um sechs Jahre jünger als der Christian und wuchs zu einer -- ich muß wohl sagen -- schönen Jungfrau heran. Weil sie immer brav, sittsam und fleißig war und ihr Dienstgeber stets mit ihr zufrieden, so hat man sich weiter nicht viel um sie gekümmert. Des Jahres ein paarmal, wenn ich nach Wenkelbach kam, sah ich sie, brachte ihr irgendein Kleidungsstück, einen Leckerbissen mit, und sie war mir anhänglich und dankbar, wie einem Vater. Gott sei Dank! dachte ich dann, diese Kinder machen dem Gerhab nicht vielen Kummer. Es ist ja von Haus aus ein guter Kern in ihnen. Die Radstuberleute waren zwar arm und kümmerlich, aber kreuzbrav. Ein einziges Mal war mir der Gedanke gekommen, ob ich die Katharina nicht in mein Haus und unter meine Aufsicht nehmen sollte. Aber bei der Erwägung, daß sie ja beim Sandiger zu Wenkelbach sehr gut aufgehoben sei, in meinem Hause aber zwei übermütige Burschen heranwüchsen, bin ich von dem Gedanken bald wieder abgekommen.
Nun kommt eines Tages ein Bote in mein Haus und bringt die Nachricht, zum Leichbeten wäre es, die Radstuber Katharina wäre gestorben. -- Anfangs meinte ich, das sollte vielleicht ein Spaß sein und dürfte wohl eher das Gegenteil bedeuten, das Mädel gäbe gar keine schlechte Hausfrau. Nein, es wäre aber, es wäre gewiß! Aus dem Mühlteich sei sie gezogen worden, es heiße, sie habe etwas abzuwaschen gehabt. -- Jetzt war es mir, ich müßte den Boten niederschlagen. Aber es war der alte redliche Haus-Michel, der sich selbst nichts weniger als erbaut zeigte von seiner Nachricht. Eine Labnis ward ihm vorgesetzt, ich selbst ging hinaus hinter das Gehöfte, schlug mir die Hände an das Haupt und rief: »Was ist da vorgegangen?«
Es ist hernach wohl erzählt worden. Die höllische Lieb', natürlich! Der Brandschacher Lois, ein hübscher Bursche mit stattlichem Bauernhof, hat ihr den Kopf verdreht. Da ist er gekommen in schweigenden Nächten, sie: nein, und er: ja! wie es schon geht und er müsse doch heiraten. So ein unerfahrenes Ding, noch nicht zwanzig Jahre alt, glaubt ja alles, was es sich wünscht, besonders wenn es der sagt, von dem sie es am liebsten hört. Aber der Brandschacher Lois hat ja gar nicht gelogen, sie hat ihn nur unrecht verstanden. Heiraten muß er, das ist richtig, und so heiratet er auch. Wie der Pfarrer das Brautpaar von der Kanzel herab verkündet: Der Bräutigam Alois Miederegger, insgemein Brandschacher, und die Braut: Emilie Sewinger, Tochter des Groß-Sewinger usw. -- da vergeht wohl der armen Katharina auf ein Weilchen Hören und Sehen. Sie tut aber weiter nichts desgleichen, sie verrichtet die nächstfolgenden Tage wie gewöhnlich ihre Arbeiten, nur daß sie nicht ganz so heiter ist und schweigsamer als sonst. Einer Kameradin hat sie alles vertraut, diese hatte ihr lachend gesagt: Du bist nicht die erste und nicht die letzte, der es so ergeht! und das war der ganze Trostspruch gewesen. Die Katharina wartete noch das dritte Verkünden ab, denn sie war der Zuversicht, er würde sich im letzten Augenblicke noch besinnen. Aber auch das drittemal hieß die Braut Emilie Sewinger. Also ging das Mädchen eines Abends, nachdem sie mit gewohnter Genauigkeit ihre Arbeit verrichtet hatte, hinaus zum Mühlteich ...
In ihrer Gewandtruhe hatte man einen Zettel gefunden, von ihrer Hand geschrieben: »Ich verzeihe ihm und bitte Gott und die Menschen, daß sie auch mir verzeihen, ich bin mir nimmer stark genug. Mein' Lieb', mein' Ehr', alles ist mir zertreten. O schöne Welt! O falsche Welt!«
Soviel hatte der Bote zu erzählen gewußt.
Am nächsten Frühmorgen war ich in Wenkelbach. Als ich die Dorfgasse hinanging, wunderten mich die festlich geschmückten Leute, die überall herumstanden, als ob Ostersonntag wäre. Am Kirchentor war ein Reisigbogen aufgerichtet mit Fähnchen und bunten Bändern. In einem Hause hörte ich fiedeln, wie man's macht, wenn man sich auf eine große Musik vorbereitet. So kam ich an den Hof, wo die Katharina im Dienst gestanden. Dort war es sehr still, nur ein Pintscher keifte, als ich durch das Hoftor trat, und einige alte Weiblein standen umher und hatten Rosenkränze in den braunen knochigen Händen. Eines davon erkannte mich und wies hinaus durch einen engen Gang zwischen Stadl und Holzstoß in die hintere Kammer, deren Törchen auf die freie Wiese ging. Dort war ihre Schlafstätte gewesen, und dort lag sie auch jetzt. Der Sarg stand mitten auf dem Fußboden, er war schon geschlossen. Er war aus glattgehobeltem Fichtenholz, an der Decke mit einem schwarzen Kreuze bemalt. Allmählich versammelten sich mehrere Leute vor dieser Kammer. Alte Frauen waren es zumeist und junge Mädchen, Freundinnen von ihr, die still in ihre Tüchlein weinten. Zwei Männer banden den Sarg auf eine Trage, und hierauf standen sie still da und schauten einander an. Einem Knechte wurde bei diesem Stehen die Zeit lang, und er hub an, mit dem Pintscher zu spielen, dem er das hölzerne Grabkreuz, welches er in der Hand hatte, hinhielt und damit wieder zurückzuckte, so oft das Tier hineinschnappen wollte.
»Nun, was soll denn werden?« fragte ich endlich den Sandinger, der wie planlos hin und her ging, »ist es nicht schon Zeit?«
»Vetter, ich weiß nicht, was das ist,« entgegnete mir dieser, »daß der Geistliche nicht kommt! Er hält ja sonst die Stund'! Der Christian ist auch da, ist gestern abends gekommen. Hab' ihn schon zum Pfarrer geschickt, daß wir warten.«
»Er wird halt lieber Brautleut' zusammengeben, als Leut' eingraben,« sagte der Knecht, da schnappte der Hund ins Kreuz.
»Jetzt hör' mir mit diesem verfluchten Getu' auf,« fuhr ihn der Bauer an.
Hernach standen wir wieder da und warteten. Eines der Weiblein hub endlich ein lautes Gebet an, aber wir waren fast zu ungeduldig für so etwas, dessen Ende nicht abzusehen war. Nun kam der Feldwebel Christian rasch dahergeeilt; kaum begrüßte er mich, so rief er fast atemlos: »Der Pfarrer kommt nicht.«
»Er kommt nicht? Ist er krank?« so fragten wir alle.
»Ich geh' hin,« erzählte der Soldat, »klopf höflich an. Bitte gehorsamst, sag' ich, Herr Hochwürden, wir tun schon warten. Sind schon alle beisammen, sag' ich. -- Schön, sagt er, tragt sie nur hinaus, der Totengräber wird's schon machen. -- Wegen der Einsegnung, Hochwürden! sag' ich. Einsegnung? sagt er und macht ein Gesicht, just als hätte er von solchen Sachen noch nie etwas gehört; seit wann werden denn Selbstmörder eingesegnet? sagt er. -- So ein Wort, das stoßt einen nieder. Hochwürden, sag' ich, melde gehorsamst, meine arme Schwester, die immer so heiter und fromm gewesen! Da kann man sich's denken, was für Herzensnot sie hat ausgestanden, bis zu diesem letzten Schritt. -- Herzensnot! Flausen! sagt darauf der Herr Pfarrer, die höllische Lieb', natürlich! nicht so liederlich leben, dann bleiben solche Sachen aus. -- Mir ist jetzt schon der Zorn gekommen,« erzählt der Feldwebel weiter, »aber ich halt' noch die Hände zusammen und bitte ihn: Nur nicht auch noch diese Schande zu der anderen! -- Natürlich, sagt jetzt der Pfarrer, um die Schand' ist Euch, und nicht um den kirchlichen Segen. Soll der Sünderin unbußfertiger Tod noch geehrt werden? Meinetwegen, wer's tun mag! ich gebe mich dazu nicht her. Ich will ein Vaterunser für sie beten, doch sie einsegnen -- nein. Und das ist mein letztes Wort.« -- Jetzt schnauft der Christian sich aus und fährt mit dem Tuch über sein erhitztes Gesicht.
Einige Weiber huben auf diesen Bericht alsbald an zu weinen, der Sandinger war in seinem knochigen Gesicht ganz blaß geworden und ballte eine Faust. Ich befahl den Männern, daß sie den Sarg heben sollten, nachher ging es langsam unter lautem Gebete vorwärts. Die Kirchenglocken schwiegen, als ob Karfreitag gewesen wäre. Aus den Gruppen der Dorfleute, an denen wir vorüber mußten, vernahm ich manches höhnische Wort, suchte es aber mit einem Gebete laut zu überschreien, weil ich befürchtete, daß der Feldwebel, welcher neben mir herging und sehr aufgeregt war, sich mit den herzlosen Spöttern in einen unangenehmen Handel einlassen könnte.
Am unteren Ende des Dorfes zogen wir hinaus. Der Friedhof liegt jenseits des engen Tales, hinter welchem die hohen Berge ansteigen. Er liegt am Fuße eines felsigen Hügels, auf welchem die Ruine einer Kirche steht, die im Revolutionsjahr niedergebrannt worden ist. Der dachlose Turm mit der zu einer Seite abgebröckelten Mauer steht da wie ein hohler Riesenzahn, das Kirchendach ist stellenweise eingebrochen. Wo der Hochaltar gewesen, dort hatte man außerhalb eine hölzerne Kapelle hingebaut, die dem rechten Schächer Dismas geweiht ist. Über dem Eingange derselben stehen die Worte: »Heute noch wirst du bei mir im Paradiese sein.« Doch hat dieser Heilige in der Gegend keine große Anhängerschaft. Nur einmal des Jahres, am ersten Freitage nach Ostern, wird in der Kapelle die Messe, welche der alte, daneben im halbverfallenen Pfarrhause wohnende Benefiziatenpriester liest, von einer größeren Anzahl Andächtiger besucht, weil an diesem Tage auf der angrenzenden Wiese eine Art von Jahrmarkt sich zu entwickeln pflegt. Sensen, Sicheln, Wetzsteine, Futterrechen, Strohhüte, Gartensämereien und dergleichen, was der Frühling und Sommer heischt, gibt es auf diesem Markte. Den Schächer Dismas und seine Messe nimmt man nur so nebenbei mit. Ein alter Schuhflicker, welcher in der Kapelle den Meßnerdienst versieht, wollte dem verkommenden kleinen Orte dadurch aufhelfen, daß er es bei jeder Gelegenheit dartat, wie es im Himmel und auf Erden keinen wirksameren Patron gegen verhexte Wetter gebe, als den heiligen Dismas. Es half aber nicht viel, denn jenseits des Baches im Dorf steht das Schulhaus, und darin ist zu hören, so oft man will, daß es gehexte Wetter gar nicht gebe. Also ist der Dismasstein, wie die felsige Stätte heißt, dem langsamen und sicheren Untergange geweiht. Nur die Toten kommen hinaus zu ihm. Nun trugen wir ihm auch den unsern zu.
Als wir zur Brücke hinabkamen, krachten schon die Pöller, worauf einer der Träger zum anderen murmelte: »So fürnehm wird nicht bald eins begraben, wie jung Katharina.«
Jenseits zwischen Auen und Feldern hinan war ein tiefer enger Hohlweg; und als wir diesen entlang zogen, begegnete uns an der Biegung der Hochzeitszug. Die lustigen Burschen und Mädeln, die Musikanten, der Wagen mit dem Brautpaare von oben herab, wir mit dem Sarge von unten hinauf.
Als wir uns fast plötzlich so gegenüberstanden, sagte der Sandinger zum Brautführer: »Da sind wir!«
Die Hochzeitsleute waren weit erschrockener als wir. Unser Knecht mit dem losen Maul schnob sehr vernehmlich mit der Nase und rief dann: »So geht's, wenn bei einem Begräbnis nicht geläutet wird; können sich die lustigen Leut' nicht vorsehen. Na, Musikanten, aufgespielt!«
Den Hochzeitsleuten war der Witz geradezu vergangen. »Wenn das eine gute Vorbedeutung sein soll!« rief einer laut hin.
»Wer weicht aus?!« fragten unsere Träger.
Aus dem ersten Wagen hatten mehrere Burschen schon die Braut gehoben und an den Weghang gelehnt. Ei ja, die reiche Sewingerin! War aber so kugelrund, daß sie der Brautführer an der Lehne festhalten mußte.
»Das ist er!« knirschte der Feldwebel und legte die Hand an sein Stilett, »dieser Brandschacher Loisl!« und deutete auf den feinen Bräutigam, der rasch aus dem zweiten Wagen sprang und eifrige Anstalten traf, daß die Pferde ausgespannt würden und alle Wägen an die Berglehne gehoben.
»Den will ich fragen, mit welcher er jetzt zu gehen hat!« murmelte mein Feldwebel mit unheimlich wildem Auge.
»Valentin!« schnaufte ich und hielt seinen Arm fest. Er heißt aber Christian. Der Valentin kam mir nur plötzlich aus dem »Faust« durch den Kopf geschossen.
Die Träger standen ein wenig zur Seite, so gut das gehen mochte. Die Hochzeitsleute, auch die Musikanten und die Kranzeljungfrauen darunter, drängten sich vorbei, und unter ihnen duckte sich auch der Bräutigam hastig am Sarge vorüber.
»Stad, stad, Brandschacher, sie tut dir nichts!« also sprach noch der Sandinger; bald hernach waren wir glücklich auseinander. Der Hochzeitszug bewegte sich unter Musikklang und Pöllerknall ins Dorf hinein, wir schritten mit lautem Gebete vollends zum Kirchhof hinauf.
Ich war selbst froh, daß wir so gut auseinander gekommen, und ich dachte: Christian! trotz deiner Anlage zum Zorn! Das Stilett an der Hand, warst du Mannes genug, die Rache dem zu überlassen, dessen sie ist.
Mir war aber nun bange vor dem Augenblick, da wir den Sarg ohne priesterlichen Segen in die Grube senken sollten.
Das Grab war etwas gar zu nahe an der abseitigen Kirchhofmauer. Als wir nach seiner Richtung hin zwischen den wildbewucherten Hügeln und Kreuzen hindurch eingebogen hatten, wehte durch die Luft der Schall eines Glöckleins. In der Kapelle zum heiligen Dismas wurde geläutet. Mehreren der Leidtragenden wurden die Augen feucht darüber, daß der welteinsame mißachtete Heilige der armen Katharina einen Gruß sandte in das Grab. Und da fiel es einem Weibl plötzlich ein, und schrill sagte es zwischen den Worten des Gebetes heraus: »Christ erbarme dich der armen Seelen im Fegefeuer, Leut', vielleicht ist der alte Herr daheim!«
Der alte Herr! Das war der mühselige Benefiziatenpriester, welcher sich den Dismasstein gewählt hatte, um hier still und arm seine Tage zu beschließen. Man sah ihn selten, außer wenn er in der Kapelle die Messe las; seine alte Haushälterin, die manchmal ein bißchen umging, um milde Gaben zu sammeln, erzählte, auch wenn niemand danach gefragt hatte, daß der alte Herr in seinem Lehnstuhle sitze, das Brevier bete und Tabak schnupfe.
»Ja!« sagten wir alle, »wahrlich! vielleicht ist der alte Herr so gut, daß er ihr den letzten Segen gibt ins Grab.« Nicht lange überlegten wir. Der Sarg wurde abgeladen auf grünem Rasen, die Leute stellten sich rings um denselben und beteten und hielten ihre Hände vor die Augen, weil die heiße Sonne niederschien vom Himmel. Der Sandinger und ich stiegen den Steinhügel hinan gegen die ruinenhaften Gebäude. Aus der Kapelle eilte uns der Meßner entgegen und hielt uns den Hut offen, weil er der Meinung sein mochte, wir kämen, um ihn fürs Läuten zu entlohnen. Das geschah auch und dann fragten wir dem alten Herrn nach.
Die Steintreppe, welche wir hinaufgewiesen wurden, war mit Moos und Gras so sehr bewachsen, daß wir gleich merkten, ein großer Ein- und Ausgang fände hier nicht statt. Endlich standen wir in einem gewölbten Zimmer mit tiefen, vergitterten Fensternischen. Ein Tisch, ein Büchergestelle, ein Vogelkäfig mit schreiendem Star, ein Betpult vor dem Bildnisse des Gekreuzigten, und am Fenster ein Ledersessel, in welchem der alte Herr saß. Ich sah von ihm hinter der Lehne anfangs nichts, als ein weißes Haupt. Das richtete sich nun ein wenig auf, um zu erforschen, wer denn so fremd und ungeschlacht in die Stube trete.
»Hochwürden!« redete ich ihn nun an. »Wir bitten tausendmal um Verzeihung, daß wir Sie so in Ihrer Häuslichkeit stören. Wir kommen mit einem Anliegen, mit einer großen Bitte.«
»Nun, nun,« murmelte der Greis mit ganz heiserer Stimme und richtete sich mühsam empor. Sein offenes, glattrasiertes Gesicht hatte freundliche Züge, aber mit seinen grauen Augen schaute er starr vor sich hin. Er tastete nach dem Stock, der am Sessel lehnte.