Part 21
Darauf gehen einige Tage dahin, da hört man, unten im Lahmtal, in der Ziegelbrennerhütte liege der Laurentl Egghofer krank danieder. Die Ziegelschläger-Leute, Stockitaliener, die man gar nicht versteht, hätten ihn auf der Gasse gefunden, mit sich genommen und der Alte habe ihm sein Bett abgetreten. Im Dorfe war's gar nicht bekannt gewesen, daß er fehlte; erst als die Frau Egghoferin merkte, daß es den Leuten auffiel, fing sie an zu jammern, sie wisse nicht, wo ihr Mann bliebe. Sie habe immer Angst um ihn; so oft er ausgehe, habe sie Angst; sie habe einmal schon den Fall durchgemacht, Gott bewahre, daß sie das zweitemal einen Mann verlieren müsse. Und so einen Mann! -- Und dann zählte sie seine Vorzüge auf, so daß man sich ordentlich freuen mußte, wie diese brave Frau ihren Gatten schätzte. Als es hieß, daß er in der Ziegelbrennerhütte liege und das Nervenfieber sei über ihn gekommen, fand sie, daß er ohne Lebensgefahr nicht transportiert werden könne, so gern sie einen Finger ihrer Hand geben möchte, wenn sie ihren guten Laurentl jetzt bei sich haben könnte.
Plötzlich steigerte sich ihre Sorge um ihn ins Leidenschaftliche. Sie ging hinab ins Lahmtal, umkreiste die Ziegelhütte und lauerte. Sie hatte nämlich in Erfahrung gebracht, daß in der italienischen Familie auch ein erwachsenes Mädel wäre. Sie wollte in die Hütte, aber der alte Katzelmacher wies sie zurück, denn der Kranke hatte zu verstehen gegeben: Nur diese Person sollte man nicht zu ihm hereinlassen. So lag sie eine ganze Nacht draußen auf einem Backsteinstoß und beteuerte Vorübergehenden, hier wolle sie sterben. Er sei so im Delirium; sie, die er sonst auf den Händen trage, die er nie anders, als sein Herztäuberl genannt, erkenne er jetzt gar nicht wieder und sehe in Fieberphantasien an ihr weiß Gott was Schlimmes. Sie sei trostlos, sie wolle nicht mehr leben, wenn er stürbe!
Ob er ihr den Nagelschmied schicken solle? fragte ein sehr boshafter Fuhrmann; sie hörte es nicht, sondern weinte laut. Jetzt war aber der Kranke drin in der Hütte einer von solchen, die kein Weibsbild weinen hören können. Die Welschen verstopften rasch das Fenster mit einem Strohschaub, denn sie hatten nun mancherlei begriffen. Die erwachsene Tochter sprach nämlich ein wenig deutsch und so verstand sich die Wärterin zur Not mit dem Pflegling. Ich hatte auf einem Besuche gesehen, daß der Laurentl bei diesen weltfremden Leuten weit besser aufgehoben sei, als in seinem Rainhäusel und war menschenfreundlich genug, das draußen der trostlosen Ehefrau zu hinterbringen. Mehrmals hatte sie auch durch die Tür »die welsche Schlange mit dem schwarzen Haar« gesehen, und da drohte ihr Schmerz um den kranken Mann in Raserei auszuarten. -- Und plötzlich mit einem Katzensprung war sie in der Hütte. Auf das Bett stürzte sie hin und fiel dem Kranken um den Hals. »Und wenn ich dich mit blutigen Händen und Füßen heim muß tragen, mein Laurentl, aus lass' ich dich nimmer. Du bist ja mein Lieb! Du bist ja mein Herz!« Sie küßte ihn stürmisch. Er lag erschöpft und hilflos in ihrem Arm und wer weiß, ob sie ihn nicht davongeschleppt hätte, wenn nicht der Arzt erschienen wäre.
»Liebe Frau Leitl!« sagte dieser, ich glaube, daß ihm die Ansprache nicht von Herzen ging, »der Kranke gehört mir. Gehen Sie nur ruhig heim mit der Versicherung, daß er hier leichter genesen wird als zu Hause.«
Und sie hernach zu den Leuten: »Freilich am leichtesten tät' er zu Hause gesund werden bei der guten Pflege, sagt der Herr Doktor, aber er kann's Überführen nicht aushalten, der arme Mensch!«
Denn auf den guten Anschein hielt sie was, die kluge Frau, hätte nur der rote Vorhang nicht manchmal so geflattert im Nachtwind. Und Augen, die zwischen Vorhängen durch was bemerken, sehen am Ende auch durch dicke Wände.
Der Laurentl war seit dem Eintreten seiner Frau in die Ziegelhütte sehr unruhig und aufgeregt. »Sie ist halt doch gut. Sie ist halt doch gut!« sagte er, trotzdem das Fieber endlich vorbei war. Und zu einer Stunde, als just niemand gegenwärtig war, stand er vom Bette auf, zog sich hastig an und schlich ohne Dank und Gruß davon.
Am nächsten Tag wußte man es in der ganzen Gegend: Bei den Welschen habe es der kranke Laurent Egghofer nicht mehr länger aushalten können, das seien unsaubere Leute, man könne sich darunter denken was der Will. Nur zu seinem Weib hätt's ihn gezogen, und wenn er je einmal schlecht gestimmt gewesen sei -- mein Gott, kränklichen Leuten dürfe man das nicht verübeln -- jetzt werde er wissen, was er an ihr hat!
In der hinteren Kammer, wo der mürfelnde Wäschekasten, das alte Schuhwerk und die Mäuse waren, hatte die sorgsame Ehewirtin ihren Laurentl gebettet, dieweilen das vordere Zimmer frei sein mußte für die Kaffeegesellschaften und für sonstige Gäste. Der Nagelschmied verstand etwas von Medizin und so sprach er natürlich zu, um sich nach dem Kranken zu erkundigen und gute Mittel anzuraten. Um diese Zeit begegnete ich der Frau Egghofer auf der Gasse, sie trug ihren buntesten Hut, ein ganzer Garten von Papier- und Seidenblumen zierte ihr Haupt, dessen grauende Haarsträhne im Kreise gewunden sich geschickt hinter der Flora zu verbergen suchten. Sie war sehr aufgeräumt und trug unter der Schürze etwas wie eine Flasche.
»Wie geht's?« mußte ich sie fragen. »Ist der Kranke doch schon so weit, daß er Wein trinken soll?«
»Aber ja!« lachte sie.
»Ich will ihn bald wieder besuchen.«
»Es wird ihn g'freuen. Obschon er just kein großer Freund von Besuchen ist. Sie regen ihn auf, sagt er. Und sind halt am frohesten allein beieinander, wir zwei. Gar leutscheu ist er worden, das bleibt gern von einer solchen Krankheit zurück. Wird auch wieder gut werden und nachher, später einmal muß uns der Herr Onkel wohl einmal die Ehr schenken auf einen Löffel Suppe. Ja, behüt Gott schön!«
Aha, dachte ich mir, es wird Zeit sein, daß ich mich wieder einmal nach ihm umsehe. Besser heute, als morgen. -- Und als die Frau über Seheweite hinaus war, ging ich ihr nach bis zu ihrem Häuslein. Arg entzückt war sie nicht, schien es eilig in häuslicher Arbeit zu haben und wies mich in die vordere Stube.
»Aber ich will zum Laurentl.«
»Mein Gott, ist denn gar keine Ruh' mehr für den armen Mann. Er schläft jetzt und Schlaf ist die beste Stärkung, sagt der Arzt, im Schlaf darf er nicht gestört werden, sagt er, und so viel Anrecht werde ich wohl noch haben an meinem Mann, daß ich Schaden von ihm abhalte. Nein, ich lass' niemand hinein!«
So breit sie sich mit gespitzten Ellbogen vor die Tür der hinteren Kammer stellte, ich beging den Hausfriedensbruch. Mit Gewalt sie zurückschiebend und die Tür aufreißend stand ich in der dunklen Kammer. Und vor mir der struppige Nagelschmied in Hemdärmeln, der just einen alten Weiberschuh in der Flickarbeit hatte. -- Und der Laurentl? Der war nicht da. Das schmale Bett, in dem ich ihn ein paar Wochen früher liegend gefunden hatte, war mit weichen, roten Kissen hoch aufgeschichtet; die Truhe, auf der die Medizinflaschen und Schalen gestanden, war abgeräumt und vom Laurentl keine Spur.
»Wo ist er denn?« fährt's mir scharf heraus.
»Nu, wo wird er denn sein!« gibt sie an der Tür zur Antwort, »wenn er da nicht ist, wird er wohl wo anders sein.«
Der Nagelschmied schmunzelte behaglich und schaute mit verschmitzten Augen umher. An der Wand hing Laurentls Steirergewand, das einmal so schön gewesen war. Ich ging auf den Dachboden; da gab es alte zerrissene Strümpfe, ein zerbrochenes Spinnrad und große Fetzenbündel. Es war die Ablagerungsstätte eines Lumpensammlers. Ich ging in die Küche; da gab es in Töpfen und Pfannen vertrocknete Speisereste und zwei Hühner stiegen auf dem Herde umher und kratzten in der Asche. Ich ging in den Keller, da lagen halbverfaulte Erdäpfel umher, da stand in flachen Schüsseln Milch, in welcher Fliegen und Käfer ertrunken waren. Ich ging in den Stall; da stand eine magere Kuh, deren hinterer Teil in einem Panzer von Mistkrusten prangte. Auf dem Fußboden fußtiefe Unsauberkeiten, in allen Winkeln Spinnweben. Aber, den ich suchte, er war nicht zu finden.
Auf die ernstliche Frage, wohin sie den Kranken getan habe, lachte sie grell auf. Ob ich denn glaube, daß sie ihn gefressen hätte? Ob sie etwas könne dafür, daß er davonlaufe in der Nacht, wie ein Wicht? Sei er jämmerlich krank, da wisse er sie, sein armes Weib, schon zu finden, daß sie ihn pflege und begute und tagelang kein Auge schließe. Und sei er endlich wieder auf den Füßen, dann renne er welschen Dirnen nach! Und sogar die Brieftasche habe er mitgenommen, so daß nicht einmal ein Groschen Geld im Hause sei und sie sein Gewand würde verkaufen müssen.
Ich ging zum Arzt. Auch der wußte nichts vom Laurentl. Die Krankheit habe sich wohl schon gelöst gehabt, aber eine große Aufgeregtheit wäre zurückgeblieben. Wenn er, der Arzt, ins Haus gekommen, sei scheinbar alles eitel Wohlgefallen gewesen, die Frau voller Artigkeit und Zärtlichkeit, allein der Patient sei immer verstört gewesen und man habe unschwer wahrnehmen können, daß etwas durchaus nicht in Ordnung ist. In den letzten Tagen sei der Arzt abgelehnt worden, die Frau habe ihm sagen lassen, der liebe Mann sei endlich so weit, daß er nichts mehr brauche und für die ärztlichen Besuche schön danke.
Lange hat die abscheuliche Ungewißheit, in der ich schwebte, nicht gedauert. Schon am nächsten Tage ist er gefunden worden in einem Dickicht, nahe am Waldweg, der in das Lahmtal hinabführt.
In eine alte fransige Bettdecke war er eingerollt, die er wohl vom Hause mitgenommen hatte. Ein gewaltsamer Tod war nicht festzustellen. Auf dem lehmfahlen Antlitz lag eine behagliche, fast heitere Ruhe. An einem der Ohren jedoch hatte schon ein Rabe genascht.
Bei dem Begräbnisse war das halbe Dorf zugegen und viele Arbeiterschaft des Eisenwerkes. Alle hatten ihn gern gehabt. Die Witwe -- ach, nun war sie's das zweitemal! -- trauerte sehr. Als sie am offenen Grabe eine Flasche mit Weihwasser auf den Sarg hinableerte, wimmerte sie ihm Lobsprüche nach und der Schmerz war so groß, daß sie ohnmächtig auf den Erdhaufen sank, aber so, daß ihr neuer Hut mit den schwarzen Seidenbändern nicht Schaden nahm.
Zwei gute Männer so zu verlieren!
Der Nagelschmied, der vazierende, ist ihr dritter geworden. Und dieser Tapfere fand die Freuden des heiligen Ehestandes darin, daß er sein Weib ungefähr alle Wochen zweimal mit einem zähen Haselstock behandelte.
Der Haselstock ist aufgebraucht, die Alte nicht.
Ein Kind Gottes.
In der steirischen Gemeinde Hollersbach lebte eine arme Witwe. Sie hatte aber zwei Besitztümer: ein teures Grab auf dem Kirchhof und ein liebes Kind zu Hause. Im Grabe schlief ihr Gatte, der noch gern länger gelebt hätte, was für das Weib ein gutes Zeugnis ist. Und der kleine, muntere, sechsjährige Franz war es, der einen ganzen Regenbogen von Liebe, Sorge, Glück, Angst, Mut, Schmerz und Hoffnung um das Mutterherz legte.
Da kam eines Tages der Gemeindediener ins Haus, der hatte das Gesetz bei sich und das Gesetz sagte zur armen Frau: »Ich bin da um den Franz. Er gehört nicht mehr dir allein, er gehört jetzt auch mir.«
»Wieso das?« fragte die Mutter, »er kann doch nicht Soldat sein, er ist erst sechs Jahre alt.«
»Darum muß er mit mir,« sagte das Gesetz, »ich führe ihn in die Schule.«
Auf solche Weise hatte sich der Staat eingemischt. Der kleine Franzl ging jeden Tag hinab nach Hollersbach in die Schule und die Mutter an ihrem einsamen Nähtisch schaute wohl hundertmal des Tages zum Fenster hinaus, bis endlich der Kleine mit seinem schwarzglänzenden Täschchen und seinen roten Wänglein den Berg heraufkam, allerlei Ergötzliches von der Schule erzählte, und einen großen Hunger hatte.
Anfangs war er von den Kameraden geneckt worden; weil er sich aber nichts daraus machte, sondern selber mittat, sich über sich lustig zu machen, gewannen sie ihn lieb, ließen von ihm ihre Aufgaben schreiben und einsagen, wenn sie geprüft wurden. Einmal war dem Schullehrer, als er sich auf seinen Stuhl setzte, unter den Beinen ein Knallkügelchen geplatzt. Da war Aufruhr: Wer hat's getan? Niemand will's getan haben. Gut, sie werden in der Schule bleiben bis spät abends, alle! Einzelne Hascherln heben zu weinen an, denn sie möchten heim zur Mutter. Da steht der Franzl auf und sagt, er hätte das Knallkügelchen gelegt. Der Lehrer blickt ihn ernst an: »So wirst du bleiben!« Als der Franzl denn nach der Unterrichtsstunde allein im Schulzimmer bei seinem Evangeliumbuch saß, trat der Lehrer zu ihm und sagte: »Du weißt es, warum du hier sitzest, der Unwahrheit wegen, die du gesprochen. Du hast die Knallkugel nicht gelegt!« Da bat der Kleine weinend um Verzeihung; der Lehrer strich ihm das Haar und sagte: »O, Kind Gottes, es war ja nicht so schlimm gemeint. Geh heim!«
Eines Tages, als seine Mutter wieder zum Fenster ausblickte, nach ihrem Bübel, trat statt seiner der Pfarrer ins Haus der Witwe, und nachdem er sich eine Weile den Schweiß vom Gesicht gewischt, auch über den heißen Tag und den steilen Berg gesprochen hatte, sagte er: »Eures Knaben wegen bin ich da. Der kommt Euch heute nicht heim.«
»Um Gottes willen!« fuhr die Mutter erschrocken auf.
»Es ist nicht so schlimm,« sagte der Pfarrer. »Mein Kaplan hatte nach der Schule einen Versehgang zum schwerkranken Donnersberger hinüber, und da nahm er den Franzl als Ministranten mit, daß er ihm die Laterne und das Glöckel trage. 's ist von den Buben keiner so zu brauchen als der Franzl und er ist auch recht gern gegangen. Bis sie zurückkehren, wird's finster sein, da soll er im Pfarrhof schlafen und ist morgen früh gleich bei der Schule.«
»Das wär' alles recht,« meinte die Mutter, »wenn er nur das Nachthemdel unten hätt'!«
»Das Nachthemdel will ich schon mit hinabnehmen,« meinte der Pfarrer, »und meine Wirtschafterin soll ihn hegen und pflegen; er wird keine Not leiden.«
»Ist auch keine Kümmernis deswegen,« antwortete sie, »wenn er mir nur morgen beizeiten heimkommt.«
»Frau Rathel,« sagte der Pfarrer, nachdem er sich behäbig an den Tisch gesetzt hatte. »Weil wir schon sprechen davon, ich bin ja doch nicht so ganz zufällig da -- ich meine den Franzl, den sollt Ihr mir halt schenken.«
»Wieso?« fragte die Näherin und blickte mit großen Augen drein.
»Seit der Hifelbub aus der Schule getreten ist und daheim arbeiten muß, fehlt mir ein Ministrant. Der Franzl ist anschicksam, flink und hat ein frommes Herz. Lasset ihn einen Engel sein am Altare des Herrn!«
Die Mutter schwieg.
»Die paar lateinischen Formeln,« fuhr der Pfarrer fort, »hat er jetzt schon weg. Um ein halbes Stündel früher aufstehen wird er müssen als sonst, kann aber auch im Pfarrhof unten übernachten. Für jede Messe zwei Kreuzer bekommt er, an Sonn- und Feiertagen deren vier, in einem Jahr macht's etwas. Und wer weiß, ob er nicht weiter kommt, der Schullehrer sagt, er wäre der Talentierteste im ganzen Jahrgang.«
Die Näherin entgegnete nun mit leiser Stimme: »Mich gefreut's wohl, Herr Pfarrer, mich gefreut's. Ich sehe es schon, er wächst mir früh hinaus aus meinem Häusel.«
»'s ist ein Knabe,« sagte der Pfarrer.
Eine Woche später, als für den verstorbenen Donnersberger der Trauergottesdienst gehalten wurde, trippelte der kleine Franzl schon in einem weißen Chorröcklein an den Stufen des Altars auf und nieder und bediente den Priester. Die Mutter saß in ihrem Kirchenstuhl, und als sie ihr Kind so erblickte, das rundwangige und blauäugige frische Knäblein in geistlichem Gewande, da gab's ihr einen Stich im Herzen, sie wußte nicht warum.
Nach dem Gottesdienst hüpfte der Kleine seiner Mutter zu und teilte ihr mit, der Herr Pfarrer habe gesagt, daß sie alsogleich beide in den Pfarrhof gehen müßten. Im Pfarrhof gab's Kaffee, die Wirtschafterin lobte den lieben, folgsamen Knaben, der Pfarrer setzte sich auch her, entfaltete ein Papier und sagte, er habe der Frau Rathel etwas Erfreuliches mitzuteilen. Der verstorbene Donnersberger, dessen Seele heute dem Herrn empfohlen worden, habe in seinem Testamente eine Summe verordnet, daß ein Knabe aus der Pfarre Hollersbach auf Geistlich studieren könne. Ihm, dem Pfarrer, sei es anheimgestellt, das Mittel dem dafür geeigneten Jungen zuzuwenden. Wenn er heute Umschau halte in der Gemeinde, so sehe er lauter Rangen und nur ein einziges Bübel, das ihm auserwählt erscheine für den heiligen Beruf. Er brauche es nicht zu nennen, frage aber die Frau Rathel, ob sie einverstanden sein würde?
»Wenn Gottes Willen,« entgegnete die Frau, »es ist noch lange Zeit.«
Unterwegs nach Hause erzählte der Kleine seiner Mutter allerhand Merkwürdiges. Der Herr Kaplan habe ihm einmal die heilige Messe erklärt, und da habe er, der Franzl, heute bei der Wandlung gesehen, wie vom Kreuze Jesu herab ein heller Blutbrunnen in den Kelch geronnen sei, den der Herr Pfarrer emporgehalten. Und beim Agnus dei habe er den verstorbenen Donnersberger im Fegefeuer wimmern gehört, da sei vom Kelch ein Tropfen Blut hinabgeflossen und da hätte der Donnersberger gesagt: Vergelt's Gott, jetzt ist es gut. -- Die Mutter schlug ihre Hände zusammen und rief: »Kind, wie kommst du mir vor!« Um ihn auf andere Gedanken zu bringen, fragte sie nach den Kreuzern, die er sich bei dem heutigen Ministrieren doch erworben habe. Der Franzl hielt seine kleinen Hände mit den ausgespreizten Fingern her und sagte: »Ich hab' sie nicht!«
Als der Kleine auch in folgenden Tagen nicht einen Pfennig nach Hause brachte und die Mutter darüber nachzuforschen begann, stellte es sich heraus, daß der Knabe nach der Messe seine Kreuzer allemal einem Krüppel schenkte, der an der Kirchhofsmauer saß. Die Mutter hatte nichts dagegen, er ist Eigentümer seines Erwerbes, und wenn ihm das Almosengeben besser schmeckt als Kandiszucker, den er sich sonst beim Krämer kaufen könnte, so ist das ja keine üble Gewohnheit. Nun wurde es aber bekannt unter den Bettlern, daß zu Hollersbach ein kleiner Ministrant sei, der allemal nach der Messe seinen Säckel ausleere, was auch anderen Kirchenbesuchern ein gutes Beispiel sei, und jetzt sah man am Kirchhofstor stets eine ganze Reihe Armer: Blinde, Einhänder, Lahme, Stumme und sonstige Bresthafte aller Art, so daß der Herr Pfarrer einmal sagte: »Wer in den Himmel fahren will, hier gibt's Vorspann!« Die alten Bauern und die Weiber gaben mit auffallender Miene Almosen, der kleine Franzl wand sich unter den Füßen hin und steckte seine Kreuzer heimlich dem erstbesten Bettler zu.
Allmählich fiel es der Frau Rathel auf, daß der Knabe bei Tische nicht mehr so frisch zugriff, wie sonst, und daß er gern bat, sie möchte ihm den Rest seines Kuchens oder Fleischstückchens in ein Papier schlagen und in seinen Schulsack stecken. In der Schule war nämlich ein armes Mädchen, eine Waise, die immer so traurig dreinschaute, wenn andere an ihren Backwerken knusperten; diesem Kinde trug der kleine Franzl seine Sachen zu. Dabei wurde aber sein Gesichtlein nicht runder und die Wangen waren wie Äpfel, aber nicht mehr wie rote, sondern wie weiße. Wenn er des Nachts in seinem Bettchen schlief, da saß die Mutter oft neben ihm und hatte Sorgen, denn sein Schlaf war unruhig und der Knabe hielt allerhand Selbstgespräche. Er redete zu Gott, zur lieben Frau und bat sie um Nahrung für die Hungernden, um Kleider für die Frierenden und um eine lange Leiter, daß das arme Waisenmädchen von der Schule zu ihren Eltern in den Himmel steigen könne. Dann rief er manchmal laut: »+Dominus vobiscum!+« oder »+Deo gratias+«.
Da dachte sich Frau Rathel: Es wird Zeit sein, daß ich ihn vom Altare wegnehme. -- Aber eine andere Stimme in ihr sagte: Was soll dieses Kind in der Welt? Wie soll es den Kampf ums Leben ringen, es hat ja die Wundmale an den Händen. Die Welt höhnt ihn, quält ihn, erschlägt ihn. Im Kreise des Altars läßt's sich besser träumen, schwärmen und ewig ein Kind sein.
Wenn der Franzl dann erwachte und die Mutter in Kummer fand, legte er ihr seine kleinen Arme um den Nacken und sagte: »Mutterl, ich hab' dich lieb! Und im Himmel oben wird's erst lustig sein.«
»Du bist noch jung, mein Kind,« entgegnete da die Mutter. »Du solltest doch eher an die Erde denken, als an den Himmel.«
»Ja, Mutter,« antwortete er, »wenn ich gestorben bin, sollen sie mich neben den Vater begraben.«
In ihrer Betrübnis wendete sich die Frau an den Pfarrer.
»Es ist seltsam,« sagte dieser, »ich würde es auch lieber sehen, wenn der Junge auf den Bäumen und Zäunen umherklettern, Vogelnester suchen oder scharf mit Kameraden sich balgen wollte, wie wir anderen es in unserer Jugend getrieben. Ich habe meinem Kaplan schon aufgetragen, daß er mit dem Knaben jedes religiöse Gespräch vermeide, wir wollen ihn auch für ein Weilchen vom Altar weg tun, der Altar verzehrt ihn. Er ist ein Kind Gottes. Wir wollen einstweilen aber keinen Heiligen aus ihm machen, sondern seine körperliche Gesundheit zu fördern suchen.« So sprach der würdige Pfarrer.
Als dem Knaben mitgeteilt wurde, daß er des Morgens statt in die Kirche mit des Nachbarn Knaben über die Wiesen und Auen laufen dürfe -- denn es waren die Schulferien, hub er zu weinen an und weinte im Bettlein still vor sich hin. Am nächsten Morgen ging er wieder hinab zur Kirche, streifte sich in der Sakristei den Chorrock an und schritt dem Priester voran zum Altar.
Am Festtage Allerheiligen war's, als der kleine Franzl nach dem Gottesdienst wieder seine Kreuzer verteilt hatte und dann gegen das Häuschen seiner Mutter hinaufging, daß ihm im Schachen ein fremdes Weib mit kohlschwarzem niederhängenden Haar begegnete; es hatte an der Brust ein kleines Kind, es ging auf den Franzl zu, nahm ihn an der Hand und sagte in einer ganz fremdartigen Aussprache, die nicht wiederzugeben ist: »Ich weiß schon von dir. Mir hat es in dieser Nacht mein Schutzengel erzählt, daß du kommen und uns helfen wirst. Geh mit. Geh mit.«
Sie zerrte den Knaben mit sich fort zwischen Strauchwerk hin, in die Waldschlucht hinab, wo ein rauschendes Wasser und neben demselben ein kümmerlicher Fahrweg war. Auf diesem Fahrweg stand ein Karren, der über sich eine weiße Plache als Dach gespannt hatte. Statt eines Pferdes war ein brauner, bärtiger Geselle vorgespannt und unter der Plachendecke wälzten sich halbnackte Kinder durcheinander.
»Wir sind arme Leute,« sagte nun das Weib, auf solche Familie deutend, »und du sollst uns etwas schenken.«
Der Franzl nahm sein grünes Hütlein vom Kopf, hielt es hin und sagte: »Da!«
Sie nahm den Hut, warf ihn in den Karren und die Kinder balgten sich drum. »Da sind arme Würmer drinnen,« fuhr das Weib fort, »sie verkommen vor Frost.«
Der Franzl zog sein Röckel aus und gab es hin. Das Weib warf es in den Karren. »Ein Knäblein habe ich,« fuhr sie fort, »es ist so fromm wie das Jesukind und die Füße sind ihm ganz und gar erfroren.«
Der Franzl setzte sich eilig auf einen Baumstock, riemte seine Schuhe auf, zog sie aus und gab sie hin. Das Weib warf sie in den Karren und die Brut darin raufte sich um die Kleidungsstücke.
»Mein Jesukind,« fuhr das Weib fort, »liegt auf dem Stroh krank dahin und hat keine Decke, kein Beinkleid, kein Hemd.«
Jetzt sprang der braune Mann herbei, bedrohte das Weib und schrie dem Franzl zu, er solle sich davonmachen.
Frau Rathel war überaus erschrocken, als der Knabe barfuß, ohne Rock und Hut nach Hause kam und mit strahlendem Auge erzählte, er hätte unten in der Schlucht die heilige Familie gefunden.
Die »heilige Familie« wurde zwar schon an demselben Tage eingezogen, dem Franzl wurden vom Gemeindevorstand Hut, Rock und Schuhe zugestellt, aber er zog sie nicht mehr an. Durch die Erkältung an jenem Spätherbsttage fiel er in der nächsten Nacht in Fieber. Am folgenden Tag kam der Arzt und fand eine Lungenentzündung. Der Knabe hatte wieder rote Wangen, wie schon seit lange nicht mehr, er sang auch -- gleichwohl mit sehr kurzem Atem -- lustige Kinderlieder und wollte immer aus dem Bette, um ein Reh zu fangen, das in der Stube umherlief. Heiterer Mutwillen war in seinen Fieberphantasien und der Arzt sagte zur Mutter, wenn die Krisis glücklich überwunden werde, so sei es wahrscheinlich, daß die krankhafte Schwärmerei ein Ende hätte und das Geistesleben des Knaben eine andere Richtung nehme.