Part 11
Die Gret schritt rückseits des Häuschens vorüber und schlüpfte durch ein Türchen in die Stallungen. Kein Mensch war da; alles ruhig und verlassen. Große Heu- und Strohvorräte waren hier aufgehäuft; ganze Wände von Hafer- und Roggengarben, noch teilweise mit den Fruchtähren, waren geschichtet und darüber spannte sich das mächtige Gebälke des Dachstuhls und das weite, hohe Schindelgedache. An diese Stallung schließen sich andere Scheuern, Fruchtkammern bis hin zu dem weitläufigen Wohngebäude. -- »Das ist dein Hof, du schöner, stolzer Seesteiner Michael. Wenn die Brautleute heimkommen, wird's recht warm eingeheizt sein. Aber so viel finsterer Nebel wird sein, daß sie gar das Haus nicht mehr finden. Morgen stellt dir der Pfarrer einen Brief aus: Brandgaben-Sammlungsschein für Michael Rehling.« --
Die Gret sucht aus ihren Taschen Zündzeug hervor, da hört sie unter ihren Füßen poltern. Sie erschrickt, legt sich auf den Boden und guckt durch die Bretterfugen hinab. Da unten stehen und kauern an den Barren die Rinder in ganzen langen Reihen. Dort steht eine Kuh und daneben hüpft ein junges, falbes Kälbchen flink umher und legt seinen Kopf an den Hals der Mutter, um den die Hängekette liegt, und macht kluge Augen.
Das stoßt der Gret ans Herz. Sie bewacht ihre Hand; nur ein einziger Strich mit dem Zündhölzchen ist nötig, und es prasselt und schmettert das Feuer, es wogt der glühende Rauch. Die Tiere brüllen, sie hängen an der Kette; nur das Kälbchen ist frei, aber es läuft nicht zum Ausgang, es verläßt die Mutter nicht. Da stürzen die lodernden Balken nieder -- --
Blaß ist das Mädchen geworden, zurückgleiten läßt es das Zündzeug in den Sack, und flieht aus der Stallung und davon, als stehe hinter ihm der große Hof wirklich in Flammen. Jetzt schlug der Kettenhund an. Eine Magd sah zum Fenster heraus: »Uh, da läuft die guldene Gret vorbei, ist die denn heut' nicht im Dorf? Und ist sie vom Hund so erschrocken? Sie fürchtet sich sonst nicht einmal vor dem Teuxel.«
Die Gret eilte über die Eisfläche des Sees; bald sah sie nichts mehr vom Ufer, nur den Hund hörte sie noch eine Weile bellen.
Es graute, als wollte schon die Nacht anbrechen. Im Dorfe zünden sie die Lichter an und es klingen die Gläser und die Geigen.
Grete fühlte, daß sie unsäglich einsam war. -- Über dem Haupte die dichte graue Hülle; der Himmel hat seine Wolken auf sie niedergeworfen. Unter den Füßen Eis und Fluten -- ist das eine trübe, kalte Welt!
Ihre Kleider, ihre Haare waren feucht, aber auf ihrer Stirn glühte das aufwallende Blut.
So floh sie über die Öde dahin, sie war das einzige Menschenwesen hier, über und unter den Gewässern. Da stand sie plötzlich still, sie hörte ein Schnalzen, ein Knistern, wie wenn ein Hirt mit der Peitsche knallte. Sie wußte nicht, woher es kam; war das Ufer nahe, zog ein Schlittengespann heran? Sie horchte. Da war wieder alles still. So still und lind war's auch in jener Sommernacht gewesen, da sie mit Michael über den See fuhr; die Wellen rieselten leise, lose Fischlein schnappten empor, und da gurgelte das Wasser, und oben und unten leuchteten die Sterne. Michael hielt sie an der Hand und sagte: »Margarete, schlag' dir den Franz aus dem Kopf, der bringt dich nur ins Unglück. Schau gut auf deine alte Mutter; leidet sie Not, so stehe ich euch gern bei.« Später sagte er das vom Heiraten, und daß ihm keine zu arm und zu gering sei. Sie lag an seiner Brust. -- Jetzt sitzt er mit der andern bei der Hochzeitstafel. --
Wieder ist das seltsame Knistern und ein zwei-, dreifaches Schnalzen, und heran auf der Fläche, und hin an den Füßen des Mädchens in Zick und Zack fliegt eine dunkle Linie -- ein Riß -- -- es birst das Eis.
Angstvoll beginnt das Mädchen zu fliehen. Sie fühlt den Boden wanken; sie eilt hin über das große Grab, jeden Augenblick kann es sich auftun.
Endlich aber ist sie aus dem Bereiche der Gefahr; es ist kein Knistern mehr, der Boden ist fest und sicher, wie er seit Monaten war.
Die Gret geht noch eine gute Strecke dahin und kommt endlich gegen das Dorf. Die hellbeleuchteten Fenster des Wirtshauses ziehen breite, rötliche Bänder hinaus in den Nebel. Die Gret hat Hunger und Durst, und da oben ist Überfluß, da oben ist Pracht und Stolz.
Plötzlich kommt ihr ein Gedanke, der noch viel düsterer ist, als dieser Wintertag. -- Die Hochzeit wird zu Ende sein, der Seesteiner fährt mit seiner Braut lustig über den See; die Rosse traben und schnauben und schellen, der Schlitten saust hinten drein, die Hochzeitsbänder flattern in der Nacht -- der Boden kracht -- wankt. -- Glückliche Fahrt, Seesteinerleut'! -- Es muß so sein, der Himmel will es selbst so haben. Der Michael -- nun will er mit einer andern in die Brautkammer gehen; aber das Brautbett ist im tiefen, kalten Seegrund. Sie, die Gret, tut nichts dazu, Gott hat's gestellt -- sie weiß es nur um eine Stunde früher. --
Hunger und Durst ist vergessen. Die Gret schleicht durch die Dorfgasse und wieder dann am Ufer hin. Da kommt ein Mann über den See. Der alte Fischer ist's; der hält das Pfeifchen noch immer in der Hand, raucht aber nicht.
»Das ist kein Gehen mehr jetzt, da herüber,« murmelt er, »'s ist wohl wahr: Paulibekehr, Schlitten weg, Wagen her. Wir brauchen den Kahn.«
Der Gret fährt's durch den Kopf: Der Alte geht geradeswegs ins Wirtshaus, verrät die Sach' und kehrt alles um. -- Sie eilt auf ihn zu: »Gut, Wolf, daß Ihr da seid, ich hätt' hinüberlaufen sollen zu Euch, Ihr sollt geschwind, aber geschwind, zum Bauer an der Wand hinauf, und schrecket Euch nicht, ich denk' 'leicht gar, Eure Schwester liegt im Sterben!« Sie erschrak fast über ihr eigenes Wort, aber sie gehorchte dem Rachetrieb.
Des Alten Schwester war Dienstmagd beim Bauer an der Wand und war schon jahrelang krank gewesen.
»Ei schau, die Kat,« sagte der Wolf wie zu sich, oder zur Sterbenden, »will's dich doch packen, jetzt auf einmal! Du arme Haut; die Welt ist schon allweg so übel gewesen auf dich, ist der lieb' Herrgott doch so gut, und nimmt dich zu sich. -- Ja, ja, ich komm' schon. Dank dir Gott, Gret! -- Und sei so gut, sag's den Leuten: Der See ist unsicher!« Er steckte die Pfeife in den Sack und holperte hastig die Dorfgasse entlang und durch die Halde, und kletterte die Holzleiter der Loserwand hinan, und ging hin über die Höhe.
Die Gret eilte ihm nach, und als er davon war, stieß sie an der Wand die Leiter um. Diese fiel lang und schwer hin in den Schnee; das Mädchen lief seitab.
* * * * *
Es war nicht so arg mit der alten Kat; es hatte auch kein Mensch nach dem Bruder geschickt. -- »Diese liederlich Dirn da, jetzt hebt sie zu lügen auch schon an! -- Na, weil du nur nicht schlecht bist, Kat; jetzt geht der Winter vorbei, ich mein', du stehst mir wieder auf.« So sagte der alte Fischer, der für jede Seite, ob Sterben oder Gesundwerden, sein Trostwort hatte. Dann ging er bald wieder davon.
Es war schon Nacht, aber der Nebel hatte sich ein wenig gehoben, es zog ein frisches Lüftchen. -- Die Hochzeiter werden doch nicht schon abfahren? dachte der Alte, ob sie's sagt, daß draußen von der Hirschwand herüber der See einbricht. -- Ei, ja, die bleiben heut' schon noch eine Weil' beisamm'; 's ist nur, daß ich mich völlig nit ins Wirtshaus trau', sie werden meinen, ich bin da, daß sie mir ein Glasel sollten einschenken. Tun wird er's gern, der Seesteiner, tät's aber nicht verlangen; ich hab' schon meinen Teil und bin zufrieden. -- Der Fischer griff nach seiner Pfeife und eilte hastig dahin.
Wie er jedoch zur Loserwand kam, da wäre er schier in den Abgrund gepurzelt. Es war die Leiter umgefallen, nun konnte er nicht weiter.
Sollte er umkehren und den weiten Fahrweg gehen? da kommt er wahrhaftig spät in das Dorf hinab.
Er blickt hinaus; sein Auge ist alt, aber er sieht nun in der dunkeln Nacht fast mehr, als am nebeligen Tag. Der Wald, die Felsen sind schwarz bis empor, wo sie wieder in die Nebelschichte hineintauchen. Dorthin liegt die breite, graue Tafel des Sees. Der Seesteinerhof drüben ist nicht zu sehen, vor ihm ragt die finstere Hirschwand. Vom Dorfe da unten ist nichts zu erkennen, als einige rotschimmernde Fensterscheiben. Plötzlich aber klingen Trompetenstöße herauf und Fackeln schweben zwischen den Häusern hinab gegen das Ufer.
Sie gehen, sie sind auf der Heimfahrt.
Den Fischer erfaßt Angst. Ob sie es wohl ausgerichtet hat? -- Sonst rennen sie ins Verderben und er kann nicht hinab, sie zu warnen. Er läuft über der Felswand hin und her, und weiß es, kein Abstieg. Er hebt an zu rufen, aber seine Stimme ist dumpf; unten schallt die Musik, schallt das Gejohle der angeheiterten Hochzeiter. Er hört jauchzen, er hört die Pferde wiehern, hört das lustige Schellengeklingel. Da trennen sich zwei Fackeln von den übrigen und gleiten hinaus über den See. Die schlechte Dirn hat nichts gesagt! Jetzt haben wir's. Jetzt haben wir's.
Der Alte ist in Verzweiflung. Er flucht über den Leichtsinn der jungen Leute, die außer ihrem Heiraten schon gar nichts mehr denken mögen. Sie haben kein Tauwetter wahrgenommen die Tage her, sie meinen, wenn im letzten Jahr das Eis erst im März gebrochen ist, so muß es heuer auch so sein. Die merken's nicht in ihrem Taumel, wenn die Decke kracht, Jesus, und nachher ist alles vorbei! --
Die zwei Fackeln zogen hin über die Fläche. Immer weiter entfernten sie sich vom Ufer, immer leiser wurde das Schellen der Pferde. Sie waren schon weit draußen, sie nahten endlich der Hirschwand; die Fackeln waren wie zwei Sternchen.
Der Alte starrte hinaus und hielt den Atem an, als wäre sein warmer Hauch imstande, die Eisdecke vollends zu lösen. Er meinte, sie würden, ja sie ~müßten~ stehen bleiben und umkehren. Aber die Sternchen glitten weiter. Da sank der alte Wolf auf ein Knie, schlug die Hände zusammen und rief wild aus: »O, Herrgott, hast denn keinen Schutzengel für sie! Maria rein, so nimm sie du in deinen heiligen Schirm!«
Still war die Musik, still lag der See, weit draußen ragte die finstere Hirschwand. Und die Sternlein waren dem Alten entschwunden.
In demselben Augenblicke dämmerte unten im Dorfe ein blutroter Schein auf. -- --
* * * * *
In den zwei größten Stuben des Wirtshauses war die Hochzeitstafel abgehalten worden, und das will ich noch erzählen. Lust und Frohlocken war überall, und alle sahen in dem jungen Brautpaar ihren König und ihre Königin.
Als das Mahl zu Ende war, und der Pfarrer auf das Wohl des Seesteiners und seiner anmutigen Frau einen Spruch ausbrachte und mit dem Ehepaare anstieß, ging sein Glas in Scherben, und der Wein löschte eine Kerze aus und ergoß sich über den Tisch.
Das war keine gute Vorbedeutung; viele Anwesende stutzten; draußen im Vorhause gellte ein wildes Auflachen.
Die Grete war's, die eine Weile an der Tür gestanden und durch das Menschengewühle das Brautpaar angestarrt hatte. Ihre alte Mutter, die Gstettnerin, saß in der Küche bei Krapfen und Braten, heute hatte sie in Überfluß; sie war ja bei den Vorbereitungen Helferin gewesen. Das alte Weib sah sich nach der Tochter um; die hatte es heute den ganzen Tag wieder nicht zu Gesicht bekommen; wäre sie jetzt da, so bekäme sie auch.
Die Wirtin sah sie nun stehen im Vorhause und sagte: »Geh' her, Gret, magst was essen, was trinken? Deine Mutter ist auch da.«
Im selben Moment zersprang dem Pfarrer das Glas; da kreischte die Gret auf, und verließ das Haus.
Sie ging wieder am Ufer entlang und horchte, ob auch nicht hier die Eisdecke krache. Sie hörte nichts -- ja, das Wirtshaus hörte sie, und den Jubel, und immer nur das.
Da kamen sie endlich mit Hall und Schall heraus in die Nacht, und als die Schlitten zurecht gerückt, und die Pferde eingespannt wurden, da duckte sich die Gret hinter einen Strauch. Ihr war, als müsse alles auf sie hinsehen, auf sie zukommen, und sie war ja unschuldig -- der Herrgott hat das laue Wetter gemacht, und das Eis bricht selber ein. -- Laut war's am Ufer, aber zum erstenmal war's, daß die Gret das Pochen in ihrer Brust hörte, und sie hatte doch nicht darauf gehorcht. Einen Zweig des Hagebuttenstrauches zerknitterte sie in ihren bebenden Fäusten; die Dornen gingen ins Fleisch.
Endlich zog das Gefährte hinaus auf die Fläche; die Fackeln loderten nach rückwärts, wie rote Fähnchen.
Eine Weile stand die Dirne still, wie eine Säule, dann sprang sie einige Schritte auf den See hinaus und breitete die Arme und tat einen heiseren Schrei. -- --
Die Fackeln eilten weiter und blickten zurück wie zwei Augen. Wie seine treuherzigen Augen ....
Der Grete wurde anders, sie lief durch die Dorfgasse und rief: »Eilet, eilet zu Hilf', das Eis bricht ein!« Sie lief zur Kirchenpforte, der Glockenturm war gesperrt. Leute eilten zusammen und wußten nicht, was das zu bedeuten. »Kein Mensch holt sie mehr ein!« schrie das Mädchen und schlug sich ins Gesicht, und raste wieder hinab gegen den See. Weit draußen schwebten die zwei glühenden Augen.
Sie sah hin. Sie preßte die Hände auf die Brust und tat einen fiebernden Atemzug. Ist denn kein Mittel, sie zurückzurufen? Plötzlich fuhr sie sich gegen die Stirn. Rasch holte sie ihr Feuerzeug hervor, eilte, watete im Schnee gegen die Dorfwiese; dort war früher ein winterlicher Heuschober gestanden. Aber er war eingeheimt. Die Grete kehrte um. Immer den Blick auf den See gerichtet, lief sie gegen das obere Ende des Dorfes. Die letzte einzeln stehende Hütte, das war ihr Haus und Heim. Sie erreichte es, im Nu hatte sie ein Flämmchen und fuhr damit unter das Strohdach. Vielleicht, vielleicht --
Wie ein freigelassenes Vöglein hüpfte die Flamme weiter, knisterte, leuchtete.
Bald war die helle Lohe da, das Dorf glühte im Feuerschein, das Gewände oben war rot, auf der Seefläche spiegelten die Flammen.
Während die Leute herbeieilten und die Achseln schüttelten, weil nichts mehr zu retten war, und nur ihre eigene Habe wahrten, irrte die Gret draußen auf dem See. Sie sah noch die zwei Lichtlein, die standen auf der Fläche nächst der Hirschwand und waren völlig im Erlöschen. Jeden Augenblick konnten sie erblinden, versinken.
Was da hinter ihr vorging in der Not des Feuers, in der Verwirrung des Dorfes, das achtete sie nicht; ihr Blick bewachte mit unsäglicher Angst die zwei Augen auf dem See. -- Und siehe, endlich leuchteten sie heller, wurden frischer, größer, kamen näher. Da johlte die Gret auf, und das war das lustigste Jauchzen an diesem Hochzeitstage.
Sie waren gerettet. --
Das Mädchen zog ihnen entgegen über die Fläche. Sie sah schon das Sausen des Windes in den heranschwebenden Fackeln. Sie fiel den Pferden in die Zügel. »Was ist's, wo brennt's?« rief der Seesteiner aus dem Schlitten. Da stürzte ihm das Mädchen wortlos an die Brust, sank zurück auf den kalten Eisboden, und das Gefährte glitt weiter.
»~Das~ ist ein Hochzeitstag! Seid Ihr auch wieder zurück!« sagte ein Mann, als der Seesteiner aus dem Schlitten sprang und seinem jungen Weibe den Arm zum Aussteigen gab.
»Na, Gott sei Lob und Dank, die Gefahr ist vorüber, nur das Gstettner-Häusel ist niedergebrannt. -- Eine Närrische haben wir auch im Dorfe. Ist's denn wahr, daß auf dem See das Eis einbricht?«
Die Brautleute sahen sich an und sagten kein Wort. -- Das Eis bricht ein auf dem See! -- Man konnte in der Dunkelheit nicht sehen, wie sie erbleichten.
Die alte Gstettnerin hatten sie ins Wirtshaus zurückgebracht; sie verlor kein Wort über ihr zerstörtes Heim, nur ihre Tochter rief sie mit kläglicher Stimme.
Ihre Tochter aber saß an der Brandstätte und wärmte sich. Sie saß zwischen den glühenden Balken und rief ein- über das andere Mal: »Das Eis bricht ein!« Und dann lachte sie.
Da kam von seinem Umweg der alte Fischer vorüber, der wollte sie von der rauchenden Brandstätte entfernen.
»Gehet Eures Weges,« rief sie ihm zu, »und wollet Ihr zum Seesteinerhof hinüber, so fahret über Land, auf dem See bricht das Eis. -- Ich habe das Feuer gemacht, daß sie umgekehrt sind.« Sie sagte ihm noch ein Wort. Er eilte zum Wirtshaus und rief schon zur Tür hinein: »Geht, Leute, helft mir die Gret von der Brandstelle wegbringen, sie ist von Sinnen!«
Als sie zu den rauchenden Trümmern kamen, fanden sie das Mädchen am Herde kauern. Aber leblos. Niemand wußte wie das gekommen. Der alte Fischer sagte: »'s muß ihr jäh das Herz zerbrochen sein.«
* * * * *
An dem Tage, als die arme Grete begraben wurde, schnalzte und krachte es hin über den ganzen weiten See. Unzählige Sprünge zuckten hin und her, und der Reihe nach brachen die Schollen durch in das dunkle Gewässer. An der Hirschwand waren sie zwei Tage früher durchgebrochen.
Auf dem stundenlangen Landweg verkehrte das Dorf mit dem Seesteinerhofe, bis sich die schwimmenden Schollen im Wasser zerrieben und gelöst hatten. Auf dem Landwege wurde die alte Gstettnerin in das Gehöfte gebracht, wo ihr für ihre letzten, einsamen Tage eine gesicherte Stube bereitet war. Auf dem Landwege ging der Pfarrer in den Seesteinerhof, daß er sich umsehe nach dem glücklichen Paare.
Aber im schaukelnden Kahn rudert der alte Fischer an einem Frühlingsmorgen nach Seeau herüber. Er schritt, ein hölzernes Kreuz auf der Schulter, die Dorfgasse hinan, in den kleinen Kirchhof hinein und zu einem graskeimenden Hügel am Heckenzaun.
Heute noch steht dort das Kreuz, und folgende Worte sind darauf geschrieben:
»Hier ruht die guldene Grethe, Gedenk' an sie und bete!«
Die Brücke.
Zur Zeit, als der Hans Gertinger die Hane Heider nahm, dachte der Tod: Holla, jetzt heißt's wieder Platz machen, da kommen ein paar kernfrische Leut' zusammen! Er hatte erst im vergangenen Kriegsjahre Ernte gehalten, daher war er wohl gelaunt und fragte, was sonst nicht seine Art ist, die Todeskandidaten, welcher zuerst daran wolle? Einer duckte sich hinter den anderen, die Jüngeren sagten, an ihnen sei nicht die Reihe, und der älteste, ein lahmer, tauber, blinder Bettelmann, der in einer dumpfen Kellernische auf faulem Stroh lag, bat flehentlich, nur ein Jährchen solle ihm der Tod noch gönnen von diesem Leben.
Drinnen, im Gebirge -- wo eben das kernfrische Paar ineinandertrachtete -- war ein alter Uhrmacher, der mit seinen Wanduhren hausieren ging. Der wußte, wie es geht auf der Welt: ist es zwölf Uhr geworden, so fängt's mit eins wieder an -- immer das gleiche. Dieser Mann meldete sich dem Tod und sagte: Mir ist's allzeit recht. -- Da schlief er auch schon, und jetzt tat es den anderen schier leid, ein so sanftes, seliges Ende verscherzt zu haben.
Sollte dir, lieber Leser, das wie ein Märchen vorkommen, so würdest du dich täuschen. Die Launenhaftigkeit des Todes -- hier grausam, unerbittlich, dort neckisch, gutmütig -- ist ja doch weltberühmt. Daß bei dem Umstande, wie der Zeiger doch nicht höher als bis zwölf steigt, einem Uhrmacher langweilig werden kann auf der Welt, ist am Ende auch kein Wunder, und daß die folgende kleine Geschichte auf Wahrheit beruht, wird am besten aus ihrer sehr alltägigen Entwicklung erhellen.
Es war im schönen Monat Mai, als der Hans Gertinger mit der Seinigen die Hochzeit vorbereitete. An drei Sonntagen fragte der Pfarrer zu Lacken von der Kanzel herab, ob bei vermeldetem Paar den Leuten kein Ehehindernis bekannt sei? Bekannt war keins und so hub der Dorfwirt an, Kälber und Schweine zu schlachten, denn wenn sich's der eine Teil gut sein läßt, so muß es der andere büßen, das ist einmal so eingerichtet. -- Es war in demselben schönen Monat Mai, daß der Uhrmacher schlank und starr und kalt auf dem Bette lag. Der Sonnentag mit seiner Rosenzier und seinem Schwalbenjubel ist geradeso wie damals, als der Uhrmacher, noch ein Knabe, Vögel fing, als er den Dirndl nachstrich, schier unbewußt, wie der Blütenstaub an der Kiefer streicht, bis er seinen Ort findet. Und der Mai war immer wieder gekommen, aber hatte den Mann kühler gelassen von Jahr zu Jahr, bis der Thomas, nun ganz kalt geworden, auf dem langen Brette lag und sich rein um gar nichts mehr kümmerte.
Er lag zwei und er lag drei Tage, da ging seine alte Haushälterin zum Pfarrer und fragte, was es denn sei, daß man den Thomas nicht hole!
»Ja, liebe Frau,« sagte der Pfarrer, »das ist leichter gesagt als getan. Er wird hinüber auf den Kirchhof wollen, und das Grab ist ja auch schon offen für ihn. Ihr hört es doch, wie es rauscht!«
»Aber der Thomas liegt müßig da und will endlich einmal in die frische Erden hinein,« rief die Haushälterin: »Ich sage es ganz aufrichtig, er wird mir nimmer besser im Haus.«
Der Pfarrer ging im Zimmer auf und ab und sprach: »Es ist wirklich eine unangenehme Geschichte. Im Hochgebirge schmilzt der Schnee, und seit vielen Jahren ist die Sallach nicht mehr so groß und reißend gewesen als jetzt. Alle Lackenwiesen sind überschwemmt; in Obergams hat's die Brücke weggerissen und auch unsere Dorfbrücke kracht schon in allen Fugen, daß sich kein Mensch mehr hinüberwagt. So können wir mit dem Thomas nicht hinüber auf den Friedhof und deswegen ist es, daß er Euch noch im Hause liegt.«
Das Weib stieß ein grelles Lachen aus; ganz natürlich hub es sofort darauf zu weinen an. Der Thomas -- so klagte sie -- sei ihr bei Lebzeiten nie zuwider gewesen. Da sei er -- alleweil den »Tiegel« im Mund -- beim Ofen gesessen und habe an seinen großen und kleinen Ewigkeiten herumgefeilt; die Ewigkeiten, so habe er die Uhrrädchen genannt, er sei sehr gescheit gewesen und habe alles erbaulich auslegen können. Er sei auch unglaublich gut gewesen, und habe sie -- die Haushälterin -- sich oft gedacht: besser hätte er es nicht treffen können, als Uhrmacher werden, weil er ja die gute Stund' selber ist. So habe sie den Thomas alleweil recht gut leiden können, aber jetzt -- sie sage es frei -- jetzt, wenn er bei dieser Hitze noch länger im Hause verbliebe, werde er ihr zuwider. Und sie wolle ihn endlich unter der Erden haben.
Der Pfarrer gab ihr nun den Rat, sie möchte zu den Leuten gehen; wenn sich ein paar fänden, die den Thomas über die gefährdete Brücke auf den Friedhof hinübertrügen, so wolle er ihn sogleich einsegnen.
Jetzt ging das Weib zu den Leuten. Da kam sie schön an! Die wollen sich nicht einmal für einen Lebendigen in eine Gefahr begeben, wie erst für einen Toten, der gar nicht einmal erkenntlich dafür sein kann. Er soll warten, bis das Hochwasser abgelaufen ist. Einer nahm die Gelegenheit wahr, um tüchtig über die Behörden zu schimpfen, die den Kirchhof nicht bei der Kirche, sondern über dem Wasser angelegt hätten, und wofür der Mensch denn Steuern zahle, wenn er sich dann nicht einmal begraben lassen könne, wann er wolle! Und als er sich ausgeschimpft hatte, kehrte er dem Weibe den Rücken.
Dieses erinnerte sich in solcher Not an einen reichen Bauer, der auf dem Berge sein Haus hatte und der hartherzige Gerhab hieß. Seit Jahrhunderten trug der Bauernhof diesen unchristlichen Namen; mancher der Besitzer war hartherzig, mancher weichherzig gewesen, um den Namen hatte sich keiner viel gekümmert und niemandem fiel es auf, wenn der Pfarrer manchmal von der Kanzel verkündete: »Am nächsten Freitag läßt der hartherzige Gerhab eine heilige Messe lesen für die armen Seelen im Fegefeuer.« Der gegenwärtige Besitzer -- ein Mann, der das Herz auf dem rechten Fleck hatte, nämlich in der Nähe der Brieftasche -- ärgerte sich des Namens, und er beschloß, ihn gründlich zuschanden zu machen. Er tat den Leuten, die zu ihm kamen, Gutes, wo und wie er konnte. Zu dem ging nun unser Weib und bat um Beistand, daß der Thomas auf den Kirchhof käme.