Part 18
Dem Dirndl war angst und bang, und als der Lenz sich nun zu ihr setzte, hübsch nahe -- es war ihm heiß und kalt -- schob sie ihn nicht zurück.
So saßen sie auf dem Strohbunde. Als wäre jedes von ihnen das Untergehende und klammerte sich ans andere zur Rettung, so war es. Anfangs, als sie sich anschauten, schlug ein Blick den anderen zu Boden. Aber endlich hielten sie einander mutig aus und blickten sich fast krampfig starr an. Wie es ist, wenn man aus scharfer Kälte in eine weiche Wärme kommt, sie waren halb betäubt und verloren sich sachte in die Ungründe eines süßen Traumes. Aller Winterschnee -- so empfand es das Dirndl -- war geschmolzen in einem seltsamen Föhn, rosige Knösplein sproßten aus der Erde, zwitschernde Vögel umkreisten die grünen Wipfel -- der Lenz war da. Der Lenz war bei ihr. Fast schon schmolz sie selbst dahin im Föhn seines Kusses, da war plötzlich in der Stube ein Gepolter. Die Träumenden fuhren empor, das Dirndl ächzte vor Schreck. Die heilige Katharina war vom Tisch gesprungen.
Auf dem Boden lag sie hingestreckt und die Annamirl war nüchtern im Augenblick.
»Wer weiß, was das bedeutet!« sagte sie.
»Ich weiß es: daß der Wind das Fenster aufgerissen und die Figur umgeworfen hat.«
»Lenz!« sprach sie hierauf mit ernster und doch weicher Stimme. »Ich habe die heilige Katharina vorhin gebeten um ihren Schutz. Es wäre aus gewesen. Lenz, ich hab' dich viel zu lieb!«
In diesem Augenblick ein derbes Pochen an der Tür. Das war nicht der Sturm. Der Bursche öffnete.
Zwei Schneemänner traten herein mit aufgepflanzten Gewehren. Gendarmen. Sie forderten den Lenz auf, mit ihnen zu gehen, denn er hätte in das Alpenhaus eingebrochen.
»So, Bub,« sprach das Mädchen mit dem Humor der Verzweiflung. »Dir hat's ja gar so gut gefallen im Arrest, jetzt kannst gleich wieder hinein.«
»Oho!« rief der Bursche und stellte sich scharf vor die Gendarmen hin. »Jetzt frage ich die Herren, für was ist denn dieses Schutzhaus erbaut, als für Leute, die im Gebirge vom Unwetter überfallen werden? Hätten wir da draußen vor dem Hause stecken bleiben und erfrieren sollen?«
Das sahen die Herren ein. Sie waren zufällig an dem Alpenhause vorübergekommen, weil sie in die Baldau wegen des Faschingballes gingen; und weil sie im Hause etwas gewahr worden, so hätten sie gemeint, es wären Schelme drin. -- Ob nicht ein warmer Tropfen zu haben wäre.
Nachdem sie sich mit dem Reste des Branntweins geatzt, verließen nun die vier Personen selbander das Schutzhaus und kämpften sich zur Not durch Schnee und Gestöber hinab in die Baldau.
In der Kapelle des Stegrochel steht heute die heilige Katharina. Der Lenz ist fortgezogen von der Gegend, so erweist die Annamirl der lieben Heiligen alles mögliche Gute. Ein seidenes Bändchen, eine brennende Ampel, ein Kranz von Rosen -- sie ehrt frommen Sinnes in dem Bilde die Blutzeugin und unversehrte Jungfrau. Wohl an der Nase hat es eine ganz kleine Narbe, das Bildnis -- niemand als die Annamirl weiß, was das bedeutet.
Die grüne Rose.
»Jesseles, Vefa, lebst du auch noch!« rief die Großbäuerin im Möstelhof aus, als ein junges heiteres Weib zur Tür hereinhuschte. »Jetzt hab' ich gemeint, du wärst schon gestorben!«
»A na, gestorben bin ich noch nit,« lachte die Eintretende, »das tu' ich nicht, daß ich jetzt sterben tät'. Mein Lebtag hat mich 's Leben nit so gefreut, wie jetzt.«
»Gehst nit!« rief die Bäuerin aus, es war aber kein Befehl, fortzugehen, es war nur ein Ausruf der Verwunderung.
Man hatte ihr »nichts derteilt«, der Vefa, als sie vor etlichen Wochen den Schneider Viktor von der grünen Rose heiratete. Der war als Querkopf bekannt, betrieb außer seinem Handwerk die Rosenzucht und arbeitete seit Jahren daran, durch Okulationen eine Rosenart zu züchten, die eine grüne Krone und rote Laubblätter hätte. Alles andere auf der Welt war ihm Nebensache, ja er hielt die Existenz der Erde überhaupt für zwecklos, so lange sie nicht grüne Rosen trüge. Und dieser Mann, Viktor von der grünen Rose, wie er sich nannte, ging eines Tages in das Kleinhäusel und heiratete ein frisches lustiges Mädel heraus. Es ist nicht gerade so zu verstehen, als ob er sie gleich bei seinem ersten Erscheinen im Häusel geheiratet hätte, das erste Erscheinen verliert sich im Dunkel der Vorzeit. Es stellte sich aber heraus, daß er jemanden haben müsse, zum Rosenwarten, während er auf der Ster arbeitete.
»Lach' dich nur recht aus, Vefa!« hatten am Trauungstage die Leute zu ihr gesagt, »denn bei deinem Schneider wirst du nit viel zu lachen haben.«
Aber sie lachte heute noch, als sie nun eintrat bei der Großbäuerin im Möstelhof. Die Großbäuerin war eine Schulgenossin der Vefa, deshalb konnte sie wohl freundschaftlich fragen: »Daß du die Zeit her nichts von dir hast hören lassen -- wie soll ich mir denn das auslegen?«
»Das könntest schier von dir selber wissen,« antwortete die Vefa lachend. »Wenn zwei jungverheiratete Leute nit mucksen, nachher kannst dir's eh denken.«
»Wie geht's denn mit ihm?«
»Grüne Rosen!« rief sie lachend. »Jetzt bin ich seine grüne Rose.«
»Gehst nit?!« rief die Großbäuerin aus.
»Ja, mein du!«
»Wär' er denn zum mögen?«
»Ich dank' meinem Gott, daß sie sich an ihm verkannt haben, sonst wär' er kaum für die arme Häusler-Vefa übriggeblieben.«
»Wenn er alleweil nur grüne Rosen züchten will und sonst nichts.«
»Laß dich nit auslachen, Bäuerin,« sagte die Vefa. »Geh her, ich will dir was sagen. Ganz gleim, so!« Sie flüsterte der Großbäuerin etwas ins Ohr.
»Gehst nit?« rief diese und schlug die Hände zusammen.
Die andere nickte mit dem Kopf, was soviel sagt, als: Ja, gewiß auch noch! Darauf haben sie alle zwei hübsch heimlich geduschelt.
»Gelt,« sagte hernach die Vefa, »gelt, Bäuerin, ich kann mich verlassen auf dich? Was du mir zu Heiligdreikönig gesagt hast, unten bei der Kirchbrucken? Weißt es nit mehr? -- Weil wir alte Kameradinnen sind, allzwei. Wenn ich einmal eine Gevatterin sollt' brauchen.«
»Jesseles ja, freilich, freilich. Na, aber daß du dir gar so leicht merken tust!« sagte die Bäuerin und setzte launig bei: »Soll ich mich für einen Buben oder für ein Mädel zusammenrichten?«
»Was denn? Freilich für einen Buben!« lachte die Vefa hell auf.
»Jetzt muß ich dir aber doch gleich einen Kaffee machen gehen, weil du eine so schöne Neuigkeit gebracht hast!«
Sagte es und schoß in die Küche hinaus.
So munter war es hergegangen vor fünfzehn Jahren. Seither hatte der Schneidermeister Viktor immer die grüne Rose gesucht und die blaue Blume gefunden. Ja, fast romantisch war die Liebe der beiden Eheleute zueinander, so ganz wie im Märchen, alle anderen Menschen ausschließend und einzig nur einander lebend. Gerade mit der Großbäuerin im Möstelhof pflegte die Vefa noch der Freundschaft, denn die hatte sie blutnötig.
Also kam sie auch heute wieder in den Möstelhof. Ihr Aussehen war nicht das beste. Die gelblich-braunen Wangen eingefallen, um die Augen Schattenringe, um die Mundwinkel zwei halbrunde Runzeln, Parenthesen gleichsam, die noch leidlich roten Lippen einklammernd, als ob diese eigentlich gar nicht mehr dazu gehörten. Aber sie gehörten noch ganz kurios dazu, sie lachten auch noch so lebhaft wie vor fünfzehn Jahren, nur für den Kenner ein ganz klein wenig schrillend, wie ein Glöcklein, das irgendwo einen leichten Sprung hat.
Als sie jetzt über den Hof ging und ein Häuflein Kinder sich balgen sah auf dem Anger, rief sie ihnen zu: »Grüß euch Gott, Kinder! Tut's schon wieder raufen? Ist die Mutter daheim?«
»Die Mutter ist eh in der Kuchel,« antwortete ein etwa fünfjähriges Dirndl und tollte mit den Knaben weiter.
Als sie hernach vor der Bäuerin stand, hub sie merkwürdigerweise nicht an zu lachen. Sie redete ein wenig so herum, daß immer schlecht Wetter sei, -- es war aber sehr schön und warm; daß die Berge steil wären, -- sie war aber auf ebenem Wege dahergekommen; daß man die Kühe gut füttern müsse, wenn sie Milch geben sollten, -- sie hatte aber keine Kuh, bloß zwei Ziegen, wovon die eine auch dann keine Milch gab, wenn man sie gut fütterte, weil sie trächtig war. -- So voller Ungereimtheit war alles und die Vefa lachte noch immer nicht. Und endlich, wie sie gefragt wurde, wie es denn alleweil gehe, riß sie ihre blaue Schürze ans Gesicht und hub an zu weinen.
»Vefa!« sagte die Bäuerin. »Was ist denn das? Was hast denn? ~Das~ ist man von dir nicht gewohnt.«
Die Vefa hatte sich auf die Herdkante niedergesetzt, legte nun ihre Hände wie betend über den Schoß zusammen und sagte endlich ganz dämpfig: »Meine liebe Möstelhoferin! 's hat halt schon wieder was -- bei mir ...«
»Gehst nit?!« wollte die Bäuerin ausrufen, aber der Schreck verschlug ihr die Stimme. Sie starrte auf die Schneiderin, sie legte die Hände zusammen und ging über das Fletz hin.
»Verlaß mich nit, Johanna!« hauchte die Vefa unter fortwährendem Schluchzen.
Endlich erholte sich die Bäuerin und rief aus: »Das ist ein Kreuz! Das Neunte! -- Verlaß mich nit! Ist leicht gesagt. Könnt's denn gar nit gescheiter sein? Seid's doch nimmer so kindisch jung! Schamt's euch denn nit? Schier alle Jahre eins! Wenn unser Herrgott nit gescheiter wär' und nit ein Teil wieder zu sich genommen hätt'! Und wenn ich nicht die drei auf den Hof genommen hätt' -- rein wie in einem Kiniglhasen-Kobel tät's ausschauen bei euch. Ihr könnt's ja ~die~ gar nit versorgen, die euch verblieben sind. Und jetzt schon wieder!«
Antwortete die Vefa ganz ergeben: »Wenn sie unser Herrgott schickt, was kann man machen!«
»Paperlapap, unser Herrgott schickt!« begehrte die Bäuerin fast gröblich auf. »Den da oben zum Schuldaustragen brauchen, ist freilich kamod.«
Das wird in anderen Häusern wohl auch sein, und doch gibt der Obere nicht überall seinen Segen! -- Solches wollte die Vefa schon sagen. Gottlob, daß sie es glücklich hinabgewürgt hat. Die Großbäuerin hatte keine eigenen Kinder und möchte erzürnt leicht auch die angenommenen der armen Häuslerin zurückschicken, wenn so ein ungutes Wort fiele. Die Vefa zog es also vor, ruhig weiter zu weinen. Und das war auch das beste. Nun trat die Bäuerin zu ihr hin, tastete nach ihrer Hand und sagte: »Richtig wahr, man muß recht greinen mit euch. Weil's schon gar! Daß aber er nit gescheiter ist! Na freilich, ihn brennt's nit. Das Mannsbild wirft die Kästen ins Feuer, herausholen kann's die Frau, man weiß eh, wie's geht.«
»Da hätt' ich wohl keine Klage mit meinem Viktor,« sprach die Vefa. »Tag und Nacht, darf ich sagen, tut er arbeiten und sorgen für uns, daß er mir gerads blind wird. Hat eh nichts Gutes auf der Welt, der arme Lapp. ~Eine~ Freud' muß ihm doch vergunnt sein. Lieber Gott, was haben wir schon voriges Jahr geweint miteinander! Sind einmal die halbe Nacht auf der Hühnersteige gesessen nebeneinander und haben geflennt. Und jetzt ist's schon wieder.«
»Es ist wohl schlecht eingerichtet auf der Welt.«
»Gel' ja!«
»Zu viel und zu wenig, überall zu viel oder zu wenig.«
Der Knabe und die zwei Mägdlein jagten zur Türe herein:
»Mutter, der Franzerl tut mich alleweil zupfen beim Krösel!«
»Nit wahr ist's, die Lieserl gibt kein Fried'!«
»Mutterle, gib mir was!«
Mit gutmütigem Brummen schlichtete die Bäuerin den Streit und reichte den Kindern Butterbrot. Das größte Stück bekam aber die Schneiderin und nun saßen sie beisammen, die Vefa und ihre Kinder, und diese wußten es nicht, kümmerten sich gar nicht um sie, machten sich immer nur schmeichelnd mit der anderen, mit dem »Mutterle« zu schaffen. Darob tat der Vefa das Herz weh und doch dankte sie Gott und der braven Großbäuerin, daß die Hascherln hier bei ihrer Patin ein so warmes Heim gefunden hatten.
Die Vefa ist nachher noch eine Weile am Herde gesessen und hat der Bäuerin zugeschaut beim Mittagmahlkochen. Die Bäuerin legte Scheiter über das Feuer, füllte die Wassertöpfe, speckte das Kraut, ballte und sott die Klöße und war wortkarg. So meinte endlich die Vefa betrübt, sie werde nun halt wieder gehen müssen um ein Häusel weiter. Als die Klöße brodelten, sagte die Bäuerin: »Soll's halt noch einmal sein, daß ich dir's aus der Taufe hebe. Aber du mußt mir's versprechen, Vefa, daß es das allerletzte Mal ist!«
»Nein, Bäuerin, versprechen kann ich nichts!« gab die Schneidersfrau mit Eifer zurück. »Versprochen hab' ich dir's in früheren Jahren oft genug. Das hilft nichts. Jetzt laß ich alles Fürnehmen sein, laß in Gottesnamen den Herrgott schütten, so lang' er will.« Und nach diesen Worten lachte sie laut in den Tag hinein.
»Nau, weil du nur wieder lachst!« rief die Bäuerin aus. »Mich ziemt, ausschelten kunnt ich dich, du Band, du leichtsinniges! Und nachher tust mir doch wieder derbarmen, du arme, gute Haut! -- Laß mir's halt sagen. Wird wohl eh noch lang' dauern.«
»Derwarten werden wir's leicht,« lachte die Vefa.
»Und daß du mir Achting gibst, jetzt auf dich! Nit heben und nit tragen, weißt es ja so. Und wenn es dir nach etwas gelüstet, und ich kann dir's schaffen, so sag's. Müßt' nur sein, daß du einen Bäcker in den Arm beißen wolltest, den kunnt ich dir nit schaffen.«
»So noble Passionen hab' ich wohl nit!« lachte die Vefa.
»Und daß du sonst was zu beißen hast, werden wir halt schauen. -- Da, Alte, Gute, Dumme! Nimm für deine kleinen Fratzen den Milchplutzer mit. Und deinen Schneider, wenn er einmal Zeit hat, den schickest zu mir. Dem werd' ich einmal was sagen!«
»Vergelt's Gott, Bäuerin, bis in den Himmel hinauf!« flüsterte die Vefa und eilte mit dem Plutzer davon.
Den Schneider aber hat sie nicht geschickt.
Die Blumenmutter.
Ich habe gesehen, als sie vorübergeführt wurde. Die Landwächter mußten das Volk mit Gewehrkolben zurücktreiben, daß es sich nicht auf die Gefangene stürzte und sie erwürgte.
Eine schlanke, noch jugendliche, fast schöne Gestalt. Aber blaß die zusammengekniffenen Lippen; in den Augen ein ruheloses Feuer, das jeden Blick versengte, den es traf. Die glanzlosen Haare hingen in langen Strähnen wirr über Achseln und Angesicht, denn sie hatte keine Hand frei, um sie zurecht zu streichen. Ihr Kleid war wie die Gewandung der anderen Dorfweiber, die ihr jetzt die Fäuste entgegenballten und gräßliche Flüche zuschleuderten.
Frau Irena Eman war's, die Witwe des ein Jahr früher verstorbenen Schuhmachers Eman, ein stilles, braves, doch zeitweise überspanntes Weib, das fünf unmündige Kinder zu versorgen hatte und daher bisweilen das Mitleid der Dorfbewohner anrufen mußte.
Die Leute sind barmherzig, sie geben und helfen, wo es not tut; die Bauern lassen unter sich keinen verhungern, aber für ihre Wohltaten wollen sie auch zeigen, daß sie höher stehen als die Beschenkten, und klüger und braver sind, und so schimpfen sie denn gelegentlich tüchtig auf ihre Schützlinge los. Bei der Irena Eman hatten sie freilich nicht ganz unrecht, denn, wenn die Person fünf Kinder -- und das gesunde, schöne, herzige Kinder -- zu ernähren hat, so soll sie arbeiten oder Arbeit suchen, anstatt in den Wallfahrtskapellen umherzuknien und für das Fortkommen und Seelenheil ihrer Jungen zu beten, während diese halbnackt und unbeaufsichtigt vor der Hütte sich herumbalgen, sich ins Dorf hinein verlaufen und Brot suchen, wo sie es finden.
Irena Eman war oft gar erregt und verzagt und trotz ihres Betens und der guten Lehren, die sie jeden Tag spendete, waren ihr die Kinder nicht sanft und fromm genug und sie sah, wie die Zucht, die sie sich vorgenommen, nicht fruchtete oder ganz anders, als sie erhofft, und daß auch ihre Kinder nicht anders waren, als andere Bettelkinder, nämlich leichtsinnige, verschmitzte und tollwitzige Rangen. Sie am wenigsten hätte das Recht, in dieser Sache so streng zu sein, meinten die Leute. Sie wollte aber keine bösen, verdorbenen Menschen heranziehen -- solche gäbe es ohnehin genug -- eher betete sie nach dem Vorbilde der Heiligen, daß Gott die Geschöpfe lieber in ihren jungen Jahren zu sich nehmen möchte, als sie in dieser Welt verderben und in der anderen verloren gehen zu lassen.
So kniete sie eines Tages in der Kapelle zu den drei grünen Bäumen und schüttete ihr geängstigtes Herz aus. Der Bäckermeister Veit ging auf sein Feld hinaus, denn dort arbeiteten die Schnitter beim hochreifen Korn. Als er das Weib am Eingang der Kapelle knien sah, trat er zu ihr hin und sagte: »He, du fromme Schusterin, du! Leckest dem Herrgott vor lauter Andacht die Zehen ab und schickest deine Kinder zum Brotstehlen aus!«
»Wer?« fragte sie und erhob sich von dem feuchten Stein, »wer schickt -- zum Brotstehlen aus!«
»Ja, das glaub' ich, daß du's nicht eingestehen wirst. Nur schade, daß wir dein sauberes Töchterl ertappt haben.«
»Mein Kind hätte Brot gestohlen?« fragte das Weib und ihre Stimme war seltsam tonlos. »Meister, sag' es noch einmal, wenn du kannst; sag' es da vor dem Herrgottbild! Das ist bös' von dir, daß du mir einen Stich ins Herz gibst; so gottverlassen sind meine Kinder nicht.«
»Deinen Kindern kann man's nicht aufmessen,« sagte der Bäcker, »die sind hungrig. Aber du! du!«
»Ich!« rief das Weib und fuhr dann wie sinnend fort: »Hast schon recht, Bäcker, ich! Wer hat sie geboren? Ich! Wer hat sie zu verantworten? Wer muß es jetzt anders machen? Ich. Geh nur deines Weges, Meister, deine weiten Felder sind alle reif. Meine Kinder werden dir kein Brot mehr stehlen.«
Der Bäcker schritt über die Felder hin und freute sich im hellen Sonnenschein an dem Segen Gottes, der ihm so reich geworden, und nahm sich vor, den Armen die Gabe zu reichen, bevor sie die Hand rechtlos nach derselben ausstrecken müssen.
Irena Eman ist hinabgegangen zu ihrer einschichtigen Hütte, hat ihre Kinder -- aber nur vier waren da -- zusammengerufen in die Küche, an den steinernen Herd, daneben der Block zum Holzspalten stand. --
Eine kleine Weile später trat sie aus dem Häuschen, in welchem es still geworden war, und ging rasch gegen das Dorf hin, um das fünfte, den achtjährigen Knaben, aus der Schule zu holen.
Eine Nachbarin, die des Weges kam, fragte sie, was sie denn so eilig vorhabe?
»Was hat er denn jetzt in der Schule zu tun, der Junge!« rief die Schuhmacherswitwe.
»--s ist ja Schulzeit,« sprach die Nachbarin.
»Er soll heimgehen. Er lernt nichts Gutes!«
Dabei war ihr Wesen so sonderbar, daß es der Nachbarin einfiel zu fragen: »Wo hast denn deine anderen Kinder heut', Emanin?«
»Die schlafen schon,« gab das Weib zur Antwort und eilte vorüber.
Nicht lange währte es, so kam denselben Weg, den Irena gekommen, eine genauere Nachricht. Der Bote war atemlos, er stöhnte und konnte kaum ein verständliches Wort hervorbringen.
»Die Kinder!« schnaufte er und schlug immer wieder die Hände zusammen, »vier Kinder hat sie --«
»Fünfe hat sie,« vervollständigte ein vorlauter Dörfler.
»Vier Kinder hat sie ermordet!«
Da ging ein Schrei des Schreckens durch den Ort; man lief der Wahnsinnigen nach und holte sie ein, bevor sie noch das Schulgebäude erreicht hatte.
Und eine Stunde später haben sie zwei Landwächter davongeführt.
Die Hütte der Schuhmachers-Witwe war von Menschenschwärmen umgeben, aber die Tür war schon polizeilich verschlossen.
Alles wollte durch das Fenster in die Stube hineinschauen, aber jeder, der es tat, prallte mit einem Schreckrufe zurück. In der Stube standen die gewöhnlichen Einrichtungsstücke, aber unter der Küchentürschwelle zogen sich ein paar braunschwarze Rinnstreifen herein und weit über den Fußboden hin. --
Als bei den Leuten die erste Ohnmacht des Schreckens vorüber war, lösten sich die Zungen. Zuerst taten sie ihre Empfindungen dar, die Wut gegen das entmenschte Weib, das Mitleid mit den hingeschlachteten Kindern. Dann kam ihre Weisheit.
»Für eine solche Bestie ist das Henken viel zu gering!« sagten mehrere.
»Heiliggesprochen wird sie!« behauptete ein hagerer Bauer vom Kreuzberge.
»Schäme dich, Kreuzbauer!« rief ihm ein anderer zu, »bist sonst so fromm und verlästerst die Religion.«
»Verlästern meinst? Aber das möcht' ich wissen!« verteidigte sich der Bauer vom Kreuzberge. »Wenn du dein Lebtag einmal eine Heiligenlegende hast aufgeschlagen, so wirst du wissen, daß die Heiligen lieber gestorben sind, als daß sie Sünden hätten begangen. Christliche Eltern wirst du alle Tage beten sehen, daß Gott ihre Kinder lieber in der frühen Jugend zu sich nehmen soll, als daß sie aufwachsen und schlechte Menschen werden. Aber wenige wirst finden, die vor lauter Lieb' zu ihren Kindern den Heldenmut haben, sie rechtzeitig aus der Gefahr zu retten. Darum soll man solche, die Gott zulieb' ihr Allerliebstes hinopfern, wie es der Vater Abraham auf dem Berge Moria hat tun wollen, heilig sprechen.«
»Und in den Narrenturm stecken!« rief ein anderer dazwischen.
»Überlassen wir das Urteil dem Gerichte,« sagte nun der Pfarrer, der gebrechlich auf seinen Stock gestützt herbeigekommen war und die Leute zu beruhigen suchte. »Die Toten übergeben wir dem Herrn. Aber was soll nun mit dem verwaisten Knaben geschehen?«
»Wo ist der Knabe?« schrien jetzt mehrere durcheinander, »der soll's nun erfahren, was er für eine Mutter hat!« --
»Das soll er nicht erfahren, meine lieben Leute,« sagte der Priester, »ich habe veranlaßt, daß er heute in der Schule zurückbehalten werde und ich sinne auf Mittel, die Schmach und den Schmerz von dem armen Jungen abzuwenden, die jetzt auf ihn fallen und ihn für sein Leben unglücklich machen müßten. -- Und an euch habe ich die Bitte, daß ihr euch jetzt zerstreut und zu euerer Tagesarbeit begebt. Das Unglück, das diese Hütte uns verdeckt, hat die ganze Gemeinde getroffen. Ihr seht mich gebeugt und mit weißen Haaren, aber einen Tag, so schwer wie der heutige, habe ich noch nicht erlebt. Das Verbrechen ist so groß, daß es keines Wortes bedarf, um es zu nennen. So wollen wir Christen sein und beten: Vergib uns, Herr, unsere Schulden, als auch wir vergeben ...«
Sie gingen nach und nach auseinander. Und als die Nacht kam, stand die Hütte der Irena Eman vereinsamt, nur ein Wächter schritt davor auf und ab mit seiner zuckenden Laterne.
* * * * *
Am selben Nachmittage noch war's gewesen, daß in der Dorfschule der Lehrer das blonde, muntere Büblein, welches sich Franz Eman schrieb, den anderen Kindern als ein Muster des Fleißes und Fortganges vorhielt. Da wurde der Lehrer hinausgerufen. Nach einiger Zeit kam er sehr ernst und etwas aufgeregt zurück und erkundigte sich, wer in seiner Abwesenheit nur wieder den tollen Lärm veranlaßt habe?
Da sich keiner der Schuld begab, so blickte der Lehrer den kleinen Eman an und sagte: »Ich glaube, Junge, daß du auch mitgelärmt hast. Aber einem sonst so braven Schüler hat man zu belehren, daher muß ich dich heute nach der Schule eine Stunde hier behalten.«
Der Unterricht wurde fortgesetzt; der Lehrer verordnete Schönschreiben nach Vorschriften, wobei er still und nachdenkend zwischen den Bänken auf und ab schreiten konnte. Er schien bei solchem Spaziergange den Stundenschluß zu überhören und es gingen draußen schon die Leute von den Feldern heim, als er die Kinder entließ.
Nun trat der kleine Eman zu ihm und bat mit feuchten Äuglein, daß auch er zu Mutter und Geschwistern nach Hause gehen dürfe.
»Du mußt heute noch ein wenig bei mir bleiben, Franz,« sagte der Lehrer. Und als die anderen davon waren, setzte er sich auf eine Bank, nahm den Knaben zu sich und sagte wieder: »Ein wenig mußt du heute noch bei mir bleiben, Franz. Es wird dann der Herr Pfarrer kommen, der mit dir was sprechen will. Sage mir einmal, habt ihr daheim Kaffee?«
»Nein,« antwortete der Kleine, »aber wie der Vater gestorben ist, haben wir einen bekommen.«
»Ja,« meinte der Lehrer, »der Kaffee macht guten Mut, und so sollst du jetzt in meine Stube kommen und mit mir Kaffee trinken.«
Das taten sie. Und als der Kaffee getrunken war, und als zuletzt die Lampe ein helles Licht auf den Tisch warf, brachte der Lehrer Bilderbücher, um den Knaben zu unterhalten.
»Wie nennt man diesen Baum?« fragte der Knabe und hielt sein Fingerlein auf ein Pflanzenbild.
»Das ist eine Trauerweide,« antwortete der Lehrer.
Nach einer Weile fragte der Kleine: »Darf ich jetzt schon nach Hause gehen?«
Da trat endlich der Pfarrer ein.
»Ei, da ist er ja, mein kleiner, lieber Franz!« sagte er und tätschelte den Knaben an der Wange. »Ich will dir etwas Gutes sagen.«
Der Junge schaute ihm mit großen Augen treuherzig in das Gesicht.