Part 7
In der Wirtsstube waren Gäste, mit denen die alte Magd nichts anzufangen wußte. Wenn der Mensch gestehen muß, daß er keinen Kellerschlüssel hat, so ist das nicht bloß darum zuwider, weil er dem Durstigen keinen Wein vorsetzen kann, sondern vielmehr wegen des damit bekundeten Mangels an Vertrauen, den eine alte Magd, die redlich durchs Leben gegangen ist, nicht ertragen kann, ohne sich in einem Winkel zu verstecken und zu Tode zu schämen. Die Alte schämte sich nicht zu Tode, sondern durchstöberte das ganze Haus, als ob der Kellerschlüssel bloß verlegt wäre. Welch eine Erleichterung also, als der Wirt kam, und welch ein Schreck, als sie an seiner Seite eine rundliche Frau sah! Der Latschenwirt ließ seiner werten Gastin Hirschbraten mit Preiselbeertunke vorsetzen. Sie aß ein weniges, dann legte sie Messer und Gabel auf den Tisch und sagte: Die Preiselbeeren habe sie sehr gern, aber das Hirschfleisch modere ihr zu stark.
Der Wirt wartete nun, daß sie mit den Gästen, zwei scharf ausgerüstete Hochtouristen waren es, ein paar freundliche Worte wechsele oder sie gar ein bißchen bedienen würde. Aber Frau Amalia blieb auf ihrer Bank fest sitzen und tat fremd. Er sprach vom ungarischen Wein und vom Flaschenbier, sie sprach von Kaffee, Seife und Schnittwaren. Er sprach vom Wirtsgeschäft auf dem Schieberpaß, sie von ihrer Kaufmannschaft zu Migelbach. Ein großes, unerfahrenes Herz hätte meinen müssen, diese zwei Leute paßten trefflich zusammen; was er nicht sei, das sei sie, und umgekehrt. Ein kleines, erfahrenes Weltherz jedoch hätte nach solchen Anzeigen geschlossen, das gehe schief; was er nicht wolle, das wolle sie, und umgekehrt.
Indes freute Frau Amalia sich an dem geordneten Anwesen auf dem Bergjoch, und Herr Stefan rechnete insgeheim aus, welch eine Summe das schöne Kaufmannshaus samt Geschäft in Migelbach einbringen werde. So kamen sie wohlgemut auseinander und bei der Heimfahrt, da sie hinter dem Fuhrmann allein saß, konnte die Frau Stäuberin ihren Hochzeitsstaat überlegen -- sie denke, einen Rock aus kirschroter Seide, mit schwarzem Samtbesatz, dazu ein Pariserhütchen, wie es die Frau Kreisrichterin zu Martan trägt.
Einige Tage nach dieser Zusammenkunft kreuzten sich zwei Briefe, der eine ging tal-, der andere bergwärts. Der erstere war so gestimmt:
»Liebe Mali!
Eigentlich fürchte ich's gar nicht. Du wirst schon in die Wirtschaft taugen da heroben, du wirst noch eine prächtige Wirtin werden, wie du das Zeug hast. Jetzt schaut's freilich noch nicht viel gleich bei mir, aber wenn wir das Kaufmannshaus verkaufen, so bauen wir uns auf dem Sattel ein Fremdenhotel, wo ich schon lang dazu eine Freud gehabt hätt', aber alleweil zu wenig Geld. Das wird ein Geschäft werden im Sommer, wie kein zweites im Land, denn man muß mit dem Fortschritt halten und mein Vater selig hat oft gesagt zu mir: Bub, aus dem Latschenwirtshaus laßt sich was machen. Ich denk', liebe Mali, daß wir bald zum Pfarrer gehen, schreib' wann's Dir recht ist, bin allezeit bereit. Richt' nur Deinen Taufschein her und wegen's Katechismus, das G'sätzel von der Ehe wirst eh noch wissen. Ich hab's schier vergessen und muß nachbessern.
Dein lieber Stefan.«
Der Brief, der diesen kreuzend vom Tal zu Berge ging, lautete also:
»Lieber Stefan!
Wir haben's letztens nicht recht ausgeredet und wirst eh froh sein, wenn Du vom Windloch da oben einmal befreit bist. Das Latschenwirtshaus geben wir derweil in Pacht, bis wir's gut verkaufen können. Das Migelbacher Geschäft vergrößern wir, mir liegt schon lang die Mehlhandlung im Kopf, +vis-à-vis+ gegenüber von meinem Haus. In Wollstoffen wäre jetzt auch was zu machen. Werden schon zu tun haben allzwei und wird schon gesorgt sein, daß Dir nicht die Zeit lang wird in Migelbach, und mit Deinem guten Kopf lernst Du die Handlung in paar Wochen.
Kannst kommen wann Du willst, daß wir anfangen.
Deine Amalia.«
Somit war das in allerbester Ordnung und die zwei Briefe, die sich schon am nächsten Tage wieder kreuzten, waren noch kürzer und deutlicher gehalten.
Der von oben: »Das wird wohl nicht geschehen, meine Liebe, daß ich mein Vaterhaus im Stich laß! Da wird wohl das Weib dem Mann folgen müssen. Richt' Dich nur zusamm'n! Dein Stefan.«
Und der von unten: »Da werden's mich eher auf den Freidhof hinaustragen, als wenn ich ins Latschenwirtshaus hinaufgeh'. Willst die Kaufmännin haben, so wird Dir schier nichts anders übrig bleiben, als Kaufmann zu werden. Deine Amalia.«
Nach diesem diplomatischen Notenwechsel zwischen dem Schieberpaß und Migelbach war es ein Weilchen still. Die Frau Stäuberin hatte schlechte Nächte und sie sann nach, wie der halsstörrige Mann doch herumzukriegen wäre, damit sie mit dem Erlös des Latschenwirtshauses ihre Handlung vergrößern könnte. Vor der Hochzeit, wenn man auch wollte nachgeben, so muß es doch nach der Hochzeit sein, daß ich mir meinen Kopf aufsetze. Und die Mannsbilder, wenn man ihnen nicht folgt, werden gern grob und nachher ist der Teuxel los. Na, das kann eine zuwidere Geschicht' werden.
Da erschien eines schönen Tages der Hirtenknabe wieder im Kaufmannshaus bei der Frau Stäuberin -- er hätte was abzugeben, und langte säumig ein Brieflein hin. Dieweilen sie dasselbe las, lugte er wieder auf die Flaschen. Vermutend, daß heute nichts für ihn ausfallen würde, wollte er den Weichselgeist wenigstens von außen ansehen. Mit den Augen kann man die ganze Flasche verschlingen, auch wenn sie einem nicht gehört, und kriegt doch keinen Rausch. Wie sehr war er verwundert, als die Frau Stäuberin ein Gläschen füllte und ihn freundlich einlud: »Geh her da, Bübel, und trink'. Da hast auch ein Zwieback zum Dazubeißen. Laß dir nur Zeit und trink' aus, ich füll' schon noch einmal nach.«
Und was stand denn in dem Brieflein, das sie so froh gemacht hatte? In dem Brieflein standen die paar Zeilen:
»Schätzbare Frau Stäuberin!
Ich hab' mir's überlegt. Es ist das Gescheitere, wir lassen's sein. Daß wir einander nicht ins Unglück bringen. Nix für ungut. Sei so gut, mir einen Zuckerhut und zwei Kilo Kaffee prima Sorte auf Rechnung zu schicken.
Mit Achtung Stefan Mairinger.«
Nussenspielen.
»Mit dem Obst schaut's bei uns halt schlecht aus; ein bissel Waldkirschen, ein bissel Schlehen, ein bissel Holzäpfel und ein bissel Lethfeigen,« so sagt der Staggelhofer, meint mit den Lethfeigen aber schon die Burschen, die zu bequem und zu feige sind, um am Kirchtag mit ein paar Stuhlfüßen ein paar Kameraden blau zu machen. Die »blauen Montage« waren fast abgekommen zu Scherersbach. »Das beste Obst,« so fährt der Staggelhofer fort, »ist bei uns noch das, welches unter der Erde wachst. Was im Sommer nicht unter der Decken ist, das wachst nicht -- so frisch ist's bei uns zu Scherersbach.« Unter der Decke -- die Erdäpfel meint er.
Deswegen geschieht es, daß der Staggelhofer im Spätherbste eines Tages ein paar Ochsen einspannt und auf einem Leiterwagen etliche Säcke mit Erdäpfeln ins Untergai schleppt. Dort werden die gelben Erdäpfel mit rotwangigen Baumäpfeln aufgemessen, und als Draufgabe bekommt der Alpenbauer noch ein volles Säcklein dazu, das schauderhaft raschelt, als es auf den Karren geworfen wird. Dann fährt er heim. Die Äpfel werden zum Jausenbrot genossen, die Kinder bekommen deren extra, wenn sie folgsam sind; der Halterbub schleicht manchmal heimlich zum Sacke. »Hat der Adam ~auch~ Äpfel gestohlen,« meint er in Erinnerung an den genossenen Katechetenunterricht, und setzt aus eigenem bei: »Der Adam hat's der Eva wissen lassen und so ist's aufkommen. Ich will gescheiter sein und das Apferl allein essen.« Nach Jahren, wenn er groß und stark geworden, will er's bei einem lustigen Plausch im Wirtshause dem Staggelhofer einmal sagen: »Du Bauer, deine Äpfel, die ich dir gestohlen, haben sehr gut geschmeckt!« Wenn man's eingesteht, nachher ist's nicht mehr Sünd', denkt er. Zurzeit ißt der Halterbub keinen Apfel allein, sondern läßt schon allemal auch eine Eva mithalten, hat also nicht mehr nötig, seine Sünden selber auszusagen.
Herr Jesses, ich verweile mich da bei den Äpfeln und sollt' schon lang bei den Nüssen sein.
Am Tage des heiligen Nikolaus, am langen Abende, da die Leute nach verrichtetem kurzen Tagewerk in der Stube beisammen sitzen -- späneklieben, besenbinden, rauchen, schuhnageln, flicken, spinnen, stricken, tratschen, duseln und was so der häuslichen Arbeiten mehr sind, raschelt auf einmal etwas. Der Bauer kommt langsam zur Tür hereingestiegen und bringt eine hölzerne Schüssel voll Nüsse.
Etliche schreien vor Freuden auf, besonders die Weibsbilder, und der Großknecht langt schon nach dem Spielkartenbüschel.
»Nussenspielen!«
Alles verläßt seine Arbeit und drängt an den Tisch, was nicht schon dabei sitzt. Eine Kerze wird angezündet, denn das Kienspanlicht ist nicht heilig genug fürs Kartenspielen, und die Öllampe ist nicht sicher genug, wenn sie raufend werden.
»Ja, ja, Nussenspielen!« sagt der Staggelbauer und stellt seine Holzschüssel neben sich auf die Bank, »nix Nussenspielen! Vorher Nussen ~kaufen~! 's Paar um ein' Kreuzer!«
»Da mögen die Weiberleut' einkaufen, mir sind sie zu teuer!« entgegnet der Weidknecht.
»Narr!« lacht zu diesem der Oberknecht, »die Weiberleut' sind immer teuer!«
»Die ~Nussen~ sind mir zu teuer, du Pölli!« schreit der Weidknecht und fährt auf.
»Hi, hi, hi!« kichert der kleine Bub, der alleweil die Hände im Sack hat, weil ohnehin die Läufeln barfuß sind.
»Was lachst denn, Lecker?« fragt ihn der Stallbub.
»Weil sie schon raufen wollen und spielen noch gar nit!«
»Wem's Paar um ein' Kreuzer zu teuer ist, der soll zehn um ein' Batzen haben,« sagt der Bauer.
»So wegen meiner!« antwortet der Großknecht und kauft sich um drei »Batzen« Nüsse. Der Weidknecht auch so viel, der Stallknecht nicht weniger. Die Kuhdirn will auch um einen Kreuzer.
»Du kriegst nur achte,« sagt der Bauer, »weil du sie eh samt der Schalen ißt.«
Gelächter. Aber die Kuhdirn sagt: »Kannst du selber tun, Bauer, mir täten sie zu viel reixeln im Magen.«
»Der Bauer ißt ja auch die Erdäpfel in der Haut,« spöttelt der Weidknecht.
»Nau, abziehen werd' ich sie mir nit lassen vor dem Nachtmahl,« entgegnet der Bauer und zählt jedem die gewünschte Anzahl Nüsse vor.
So sitzen sie nun beim Tisch und jedes hat vor sich einen Haufen Nüsse. Die sind anstatt Münzen, und für »Nussen« wird jetzt gespielt. Sie spielen »um den letzten Stich«, wer den hat, der bekommt von jedem eine Nuß. Das ist leicht faßlich, da kann sogar das Abwaschdirndl mithelfen; wenn sie auch die Karten noch nicht kennt, allemal eine Nuß hergeben, das kann sie doch -- heißt das, so lange sie ihrer hat. Auffallend ist es, wie bei solchem Spiel zwischen beiderlei Geschlechtern fast allemal die Männer gewinnen und die Weibsbilder büßen. Man muß aber wissen -- das heißt, man darf es nicht wissen -- wie sich erstere beim Spiel unter dem Tische einander auf die Zehen treten, ohne daß auch nur ein einziger »au weh!« schreit.
An der männlichen Seite häufen die Nüsse sich zum Verwundern, »und wo Tauben sind, da fliegen Tauben zu!« sagt die Küchenmagd und schupft mit der Hand die neuerdings verspielten hinüber.
»Die redet jetzt von Tauben!« bemerkt der Weidknecht.
»Ja, von tauben Nüssen,« sagt der Großknecht. »Die muß lauter solche haben, von der mag ich keine.«
»Hat der Fuchs gesagt wegen der Trauben!« schreit die Küchenmagd und hebt die auszuspielende Karte wie einen Dolch: »Gestochen!«
Diesmal hat sie den letzten Stich und nun rascheln ihr von allen Seiten Nüsse zu, daß sie vor Freuden kichert.
Um so kleinlauter ist die Kuhdirn, ihr Vorrat ist alle, zwei einzige Nüßlein und noch dazu kleinwinzige (denn die großen hat sie in ihrer Gutmütigkeit zuerst hergegeben), liegen an ihrer Seite; -- zwei feindliche Stiche noch, und sie ist fertig.
Und auf diese paar Nüsse lugt ein mitleidiges Auge -- das Auge des Stallknechtes. »Nit verzagen, Gretel,« sagt er schmunzelnd, »solang noch das Paar ist, geht die Welt nit zugrund.« Dabei schielt er ein bißchen auf ihre Karten, die sie wie einen Fächer in der Hand hält, prüft dann seine Karten in der Hand und tritt dem Nachbar ein wenig auf die Zehe. Dieser wirft keck das Blatt aus und wird »gezwickt«, denn der Fußtritt war ein falscher gewesen, hatte den Spieler mißleitet. Die Stalldirn macht den letzten Stich und ist überrascht von solchem Glück, daß sie vor Schreck aufschreit, als hätte sie mit ihrem Stiche wirklich jemanden erstochen. Jetzt rollen ihr die Nüsse zu und bald danach erklärt der Bauer, es wäre morgen auch noch ein Tag.
»Zum Spielen!« sagt der Weidknecht.
»Zum Korndreschen!« ruft der Hausvater, »früh auf heißt's. Und jetzt schlafen gehen!«
»Ich tu' früher meine Nussen essen,« meinte der Halterbub und zerdrückt die erste mit dem Handballen auf dem Tisch. Der Großknecht öffnet seine Gewinnste mit einem Faustschlag. »Hau!« schreit er, als der rostige Kern zum Vorschein kommt, »ist so ein kohlschwarzer Teufel drin!«
»Ein schneeweißer Engel wird nit drin sein in Nussen, die einer erfalschelt,« bemerkt der Weidknecht.
»Wer hat erfalschelt?« schreit der Großknecht und haut auf den Tisch, daß die Nüsse zu tanzen anheben.
»Oho,« sagt die Küchendirn zu den Nüssen, die sie fängt, »im Advent ist das Tanzen verboten!«
»Wer hat gefalschelt?« schreit der Großknecht, »~du~!« und schleudert dem Weidknecht eine Handvoll Nußschalen ins Gesicht. Jetzt fährt der Weidknecht los, packt den Gegner am Hemdkragen; die anderen wollen abwehren, aber da die Arme schon einmal zugreifen sollen, so schlagen sie auch munter drein, die Karten flattern wie Unzücht, die Nüsse fliegen raschelnd in den Lüften und springen wie gehexter Hagel an alle Wände, Kästen und Bänke, bis sie zu Boden kollern.
Der kleine Bub reibt sich vergnügt die Fäuste ineinander, denn der Gewinn ist sein. Alle Nüsse, die sich in den Winkel verkollern, fallen ihm zu, morgen, wenn er Jagd darnach hält. Heute ist's schon zu finster dafür, denn auch die Kerze hat ihren Tackel bekommen, und der Bauer ruft heftig: »Die Saggra sollen aufhören zu balgen, ihre Arme und Beine zusammensuchen und sich ins Nest trollen!«
»Kein Wunder wär's nit, wenn ich statt meinem einen fremden Fuß derwisch, bei der Finstern!« scherzt der Weidknecht.
»Und ich muß meinen Kopf verloren haben,« knurrt der Großknecht, »der, den ich jetzt aufhab', der paßt mir nit. Brummen tut er.«
Unter solch halb scherz-, halb ernsthaftem Warteln zerstreuen sie sich und bald wird's still im Staggelhof.
Das »Nussenspielen« wiederholt sich nun jeden Abend, gerade so oder ein bissel anders, durch den ganzen Advent, über die Weihnachtsfeiertage bis Neujahr.
Und in der Neujahrsnacht ist's, daß die Stalldirn, die Gretel, bei stets verschlossener Tür, auf ihrem Bette sitzt und die Nussen zählt, die sie in einer Schürze eingesackelt hat. Sie weiß selber nicht, wie sie dazukommt, kennt nicht einmal alle Karten und hat einen Gewinn von etlichen Dutzend aufzuweisen. Hat aber noch keine gegessen. Sie ist ihnen just nicht Feind, den Nußkernen, die Leute sagen, man würde fett davon, besonders wenn man auch fleißig Schweinsbraten dazu esse -- doch so ganz allein mag sie nicht naschen, da schenkt sie das ganze Schürzel voll lieber weg.
Natürlich fragt jetzt einmal wer zum Fensterl herein, ob sie keinen Nußknacker brauchen könne? Und natürlich ist's der Stallbub. Wie er heißt? Wenn sie Grethel heißt, so wird er Hansel heißen, natürlich.
»Ich hab' mir's eh gedacht,« sagt die Gretel.
»Was hast dir eh gedacht?« fragt der Hansel.
»Daß du mir die Nussen hast zugeschanzt, weil du ein falscher Ding bist! Und daß du sie jetzt wieder haben willst, das weiß ich auch.«
»Das alte Jahr dauert nur mehr eine Viertelstund',« sagt draußen der Bursche, »aber ich erfrier' noch im alten Jahr, wenn du nit aufmachst.«
»Lapp, so geh in dein Bett, dort wird's offen sein.«
»Mein Bett ist mir nix seltsam. -- Gretel, was zu reden hätt' ich mit dir.«
»Hast dir auch die richtige Gelegenheit dazu ausgesucht.«
»Weil ich mir vorgenommen hab': noch im alten Jahr red' ich. Jetzt ist nimmer lang' Zeit. Geh her, greif' meine Hand an. Wie ein Eiszapfen so kalt.«
Das Handangreifen ist ja nichts Schlechtes, denkt sich die Gretel und geht zum Fenster; aber die Hand ist wärmer, als sie geglaubt hat.
»Gernhaben sollst mich!« flüstert ihr der Hansel an die Wange.
Das Dirndel haucht: »Gernhaben ist Sünd'.«
»Wer hat denn das gesagt?«
»Der Pfarrer hat's gesagt. Das Gernhaben ohne Heiraten ist grob' Sünd'! Geh, laß mich aus, du brichst mir ja die Finger ab.«
»Das Patscherl gehört mein,« flüstert er; »und ich möcht' gern, daß wir Zwei zusammenheiraten.«
»Ja,« meint sie, »auf was denn?«
»Auf dich und mich.«
»Hast ja kein Örtel, keinen Heimgang, und ich hab' auch nit viel mehr.«
»Daß du aber jetzt an solche Sachen denken magst! Wo mir so kalt ist!«
»Der Pfarrer,« so drauf sie, »der will das Heiraten nit erlauben, wenn zwei Leut' nix haben.«
Jetzt wird dem Hansel warm.
»So!« sagt er, »der Pfarrer will das Gernhaben nit erlauben ohne Heiraten! und das Heiraten will er auch nit erlauben? -- Was sollen wir denn nachher machen?«
»Halt schön brav bleiben!« meint das Dirndel.
»Brav bleiben! Brav bleiben! Sollen's andere probieren!« So der Hansel. Zornig, zornig ist er, und also läuft er in die Nacht hinaus, ins neue Jahr hinein.
Die Gretel geht traurig zu ihren Bettstufen zurück und sagt: »In Gottesnamen, muß ich halt meine Nussen allein essen.« Ißt aber keine einzige. Und vor dem Einschlafen kommt es ihr noch zu Sinn: Wer weiß, wie kalt ihm gewesen ist!
Am Neujahrstag in der Kirche nimmt sie sich fest vor, brav zu bleiben, auch im neuen Jahre wie im alten. Freilich, so denkt sie, zwei, wenn sie nichts haben, wie sollen sie denn zusammenheiraten? Bettelleut' machen. -- Bleiben sie aber allein, so ist's auch nicht viel besser. Sie hat niemanden als ein paar arme Verwandte, davon sind ihr jene die liebsten, die schon gestorben sind. Ja, da heißt's wohl auch: Verlassen, verlassen, wie ein Stein auf der Straßen! -- In der Kirche betet die Gretel schon lange nicht mehr um Glück und Segen, das hilft bei ihr nicht viel, sondern um Geduld, und die erbittet sie. -- Nach dem Gottesdienste muß sie an der Kugelbahn vorüber, wo mehrere Burschen kugelschieben. Auch der Hansel ist dabei; der hat's eilig, daß er von der Kirche auf die Kugelbahn kommt! -- Aber schieben tut er nicht uneben, der Hansel! Die Gretel bleibt ein wenig stehen, als ob sie das wollene Umhängtuch besser knüpfen wollt', dieweilen ist sie nur neugierig, ob er was trifft. Jetzt schiebt der Schachen-Knecht; Jesses, der wirft weich. Wenn einer nicht einmal den Laden trifft, wie erst den Kegel! So ein Mann, das wär' eine Freud'! -- Jetzt schiebt der Domer-Franzl. Hau, der zielt lang'! Mit einem schreckbar großen Schwung schleudert er die Kugel so heftig hinaus, daß sie draußen anstatt in die Kegel an die Wand schlägt, hochauf bis zur Decke springt, zurückprallt und wieder eine Strecke nach rückwärts rollt. Jetzt schiebt der Hansel. Der zielt ruhig, und ohne viel Anstrengung schupft er die Kugel aus der Hand. Ganz ebenmäßig rollt sie den Laden hinaus, schlägt zwei Ecksteher, drei Seitensteher und den König. --
Gerade einen Stoß ans Herz gibt's dem Dirndel, daß der Hansel gar so gut trifft. Auf so einen kunnt man sich schon was einbilden, denkt sie und geht weiter.
Am darauffolgenden Abend klopft er wieder ans Fenster. Sie verriegelt eilends die Tür, löscht das Laternlicht aus und gibt keine Antwort. So wird's bald wieder still. -- In derselben Nacht träumt ihr, es wäre Sommer. Auf dem Baum stünde ein Mann und schüttle Nüsse herab und sie halte die Schürze auf. Der Mann habe ein Gesicht, so schön wie ein Engel, aber ein falbes Schnurrbärtel drin, weiße Zähne und schwarze Augen und die Nüsse so groß wie eine Kugel auf der Kegelbahn. Jetzt schaukelt er sich auf einem Ast, himmlischer Vater, wie schön er sich schaukeln kann! -- Sie wendet kein Aug' von diesem lieben Menschen. Auf einmal bricht der Ast, und in ihrer Schürze liegt der Hansel.
So ein dummes Träumen, wo man patschnaß wird vor lauter Schwitzen!
Am nächsten Tag ist Arbeit. Arbeit ist doch ein rechtes Glück, denkt sich die Gretel, auf was der Mensch für närrische Gedanken käm', wenn er alleweil müßig umginge! Der erste Feiertag gehört dem Herrgott, der zweite daneben schon ein bissel dem Teuxel. -- Arbeit macht müd', und wenn man müd' ist, will man schlafen, und wenn man schlafen will, muß man das Fenster vernageln mit einem Brett, daß die fürwitzigen Leut' nicht hereinschauen können, sonst ist kein Fried. --
Mit großem Fleiße verrammelt sie das Fenster und rückt noch vorsichtshalber einen alten schweren Trog hin, daß die Bretter nicht weggetaucht werden können. Jetzt ist sie allein beim lieben Vieh und kein Mensch kann ihr an. Noch ein wenig an ihrer Truhe sitzt sie und flickt ein geflicktes Jöppel. Je mehr Flicken drauf, je wärmer hält es. Der Arbeitsmensch muß geflicktes Gewand zweimal so lange tragen, als ungeflicktes.
»Noch fleißig bist, Gretel!« sagt er, denn auf einmal steht er vor ihr. Hat sie das Fenster bummfest vernagelt und heute vergessen, die Tür zu verriegeln!
»Was tust denn du da?« fährt sie ihn an.
»Ein bissel Nussen essen helfen,« flüstert der Hansel.
Susanna, nit wana!
Zu jener Zeit mußte noch ~geschlagen~ werden, um Funken zu erzielen. So steht Susanna am Herd und schlägt Feuer, bis der Schwamm glost. Mittagessen kochen für den Vater.
Das Mädel hält noch den anglosenden Buchenschwamm zwischen den Fingern, als zur Tür der Bursche eintritt. Der Sandbichlersohn.
»Muß schau'n, wer daheim ist in dem Haus da.« So grüßt er.
»Ja schau nur.« So dankt sie.
»Feuerbetteln möcht' ich bei dir.«
»Hast selber keins?«
»Die Pfeif'n ist mir ausgangen.«
Sie hat den Schwamm unter ein Häuflein dürrer Zündspäne gelegt und bläst nun drein, bis es lichterloh brennt. »Na greif' halt zu!«
Rasch legt er seinen Arm um ihre Mitte.
»Oha Helm!« sagt sie in der Redeart und schiebt den Arm von sich. Denn sie ist eine von besonderer Art.
»Hast ja g'sagt,« lacht er, »daß ich zugreifen soll.« Und setzt dann bei: »Kann's eh so auch machen,« nimmt einen Span und zündet die Pfeife an. Und als sie brennt und als er saugt und zwischen den Lippen einen Rauchstrahl hervorsprüht, setzt er sich an den Rand des Herdes und sagt halblaut: »Hast schon nachdenkt drüber? Weißt eh.«
»Da braucht's kein Nachdenken. Was ich g'sagt hab' vorig Sonntag, dabei bleibt's.« Emsig legt sie Scheiter über das Feuer.
»G'scheit wärst nit,« sagt er. »Einem Dirndl wie dir, hätt' ich gemeint, müßt's taugen -- Großbäurin werden.«
»Aussuchen kann ich mir's, die Bauernhöf', wenn mir drum ist. Alle Tag feilt mir ein anderer einen an. Ich mag nit und ich mag einmal nit.«
Der Bursche stellte sich auf die Füße. »Wie du halt glaubst. -- Laß deinen Vater schön grüßen. Und mit dem Kornmalen wird's derweil nix sein auf meiner Mühl'. 's ist zu kalt. 's ist frei zu kalt. 's hat das Wasser vereist.« -- Aber sogleich tritt er sie zärtlich an: »Saggrisch leid tut's mir wohl um dich. Weil ich mir keine Liebere weiß, ich weiß mir keine. Wenn du's nur tätest sagen, was für einen großen Fehler ich hab' -- daß d' mich so kannst fortschicken!«
»Was für einen Fehler? Zu schön bist mir. Zu brav bist mir. Zu reich bist mir auch.« Hell lachte sie zum Spott. Und der Sandbichlersohn ist fortgegangen.
Als das Mittagessen gekocht ist, schiebt sie ein Glasfensterl seitlings und tut durch die Lücke hinaus einen Pfiff. Vom Strohdach, die Leiter herab, steigt ein betagter Mann. Der Dachdecker Karl, der heute einmal den Schopf seiner eigenen Hütte ausgebessert hat. Der kleine Tisch ist weiß gedeckt, eine Schüssel dampfender Milchsuppe, ein Topf mit Erdäpfeln, ein Salzgefäß und ein Laib Brot. Das Brotmesser zieht der Karl aus seinem Sack.
»Sanna,« sagt er während des Essens, »heut früh, wie ich Weiden schneiden geh, ist mir der Tonhofer begegnet. Und -- er hat mich wieder gefragt. Und will morgen noch einmal anfragen. -- Sanna, was darf ich ihm denn sagen?«
Schon wieder einer! denkt sich das Dirndl.
»Was meinst denn von wegen seiner?«
»Ich hab's schon gesagt.«
Der Alte schält einen Erdapfel, tunkt ihn in Salz. »Daß d' gar so trutzig magst sein,« sagt er heiser und schiebt den Erdapfel in den Mund.
»Wenn ich nit mag. Wer kann mich zwingen?«