Part 10
»Bin gestern nicht daheim gewesen,« entgegnete der Stockbattner, »was mag's denn da schon wieder geben?«
»Kein Mensch weiß es,« sagte der Franzmeier.
»Gewiß wieder eine große Robot, oder eine Heu- oder Haferlieferung für die Franzosen.«
»Wer nicht kommt, der hat sich's selbst zuzuschreiben, hat der Amtsbote gesagt.«
»Wenn's so ist, da muß ich freilich mit,« sagte der Stockbattner, »die Herren sind grob, wenn man ihren Willen nicht tut, weißt eh.«
Also gingen sie nun mitsammen, die vier Männer, und der Knecht Jakob machte den kleinen Umweg über Rottenstein, er war schon auch begierig, zu sehen, was da wieder los ist. -- Die Besitzer! die Bauerngrundbesitzer! Vielleicht wird ihnen alles weggenommen. Gesund wär's ihnen! Ein Glück, wer sein Geld im Sack hat und kann's verstecken. -- So dachte der brave Jakob.
In den Wirtshäusern zu Rottenstein ging's an diesem Morgen recht lustig zu. Leute gab's überall wie bei der Kirchweih. Voll Erwartung steckten sie die Köpfe zusammen, keiner wußte was, jeder mutmaßte allerlei.
»Mir träumt halt alleweil,« sagte ein alter Bauer, »und was einem stehend träumt, das ist selten derlogen! -- mir träumt halt alleweil, unsere Kontributionen kriegen wir endlich zurück, wie es der Bonaparte versprochen hat.«
»Ja, ich glaub' es auch,« antwortete ein zweiter, »unser Korn und Heu und Stroh und Vieh und Holz wird uns jetzt bezahlt, das wir seit Jahr und Tag den Franzosen haben liefern müssen.«
»Das ist gewiß!« sagte ein dritter, »unsere Sach' wird uns heut' vergütet. Zeit ist's dazu!«
Und das sprang von Wirtshaus zu Wirtshaus, von Gruppe zu Gruppe: »Geld gibt's heut'!«
Auch war der Regierungskommissär schon gesehen worden, der mit seinem schwarzen Schildkäppchen und mit seinem rasselnden Säbel nicht wenig Aufsehen machte. »Natürlich wird er den Säbel bei sich haben, wenn er so viel Geld umträgt!«
Die Lustigen vertranken im Wirtshause ihren vorletzten Bankozettel, die Lustigsten ihren letzten. »Wird ja eh frisch nachgefüllt in die Säcke!« Auch der Stockbattner ließ sich ein stattliches Glas bringen, da setzte sich gleich wieder sein Bruder Jakob zu ihm; zu diesem sagte er aber heute: »Geh, du hast mehr Geld als ich -- weißt eh!« und kehrte sich mit seinem Glase von ihm ab.
Zur Zeit um halb acht war der ganze Kirchplatz überfüllt mit Menschen.
Alles war heiter, witzig und lachbereit und manche sprachen untereinander Mutmaßungen aus, auf welche Weise jedem das Seine eingehändigt werden würde. »Das kunnt sogar noch einen Rummel geben!« gab einer zu bedenken. »Alle werden gleichviel haben wollen. Aber so viel Stroh, wie ich, hat keiner geliefert.«
»So viel wie ich, auch keiner!« rief ein anderer.
»Die Strohmänner kommen zuletzt,« sagte ein dritter, »die sollen warten, was die Korn- und Holzmänner übrig lassen.«
»Wollen schon sehen, wer stärker ist!« schrie der eine zurück und ballte die Faust.
Schlag acht Uhr stand der Regierungskommissär auf der obersten Stufe des Kirchentores.
»Am Ende predigt er uns einen neuen Glauben!« flüsterte einer.
»Wär' eine überflüssige Sach', wo wir eh den alten nicht halten.«
»Still seids!« herrschte jemand, »er liest was. Vom Kaiser ist die Rede!«
»Vom Kaiser!« murmelten sie und drängten nach vorwärts, sie waren doch allzu neugierig, was ihnen der gute Kaiser Franz mitteilen lassen würde.
Der Kommissär hatte einen großen Bogen in der Hand und las lange eintönig fort. Plötzlich hob er die Stimme und rief es schallend hin über die Köpfe: »Wir beschließen demnach, daß die Bankozettel noch mit dem ~fünften Teil~ ihres Nennwertes vom Staate eingewechselt werden. Der Bankozettel von einem Gulden (damals hatte der Gulden sechzig Kreuzer) wird also auf zwölf Kreuzer, der Bankozettel von fünf Gulden auf einen Gulden bewertet und so weiter, und sind in diesem Betrage bei allen öffentlichen Kassen unweigerlich anzunehmen. -- Die weitere Belehrung in dieser Angelegenheit ist gedruckt und bei mir zu haben.«
Als der Regierungskommissär seine Vorlesung geschlossen hatte und nun seinen Bogen gelassen zusammenfaltete, war es totenstill über den Hunderten von Menschen. Allmählich erst begannen sie sich zu bewegen und zu flüstern: »Was ist das gewesen?«
Dort an der Kirchhofsmauer hatte jemand einen heiseren Schrei ausgestoßen. Derselbe jemand war einer der ersten, denen klar wurde, was es geschlagen. Der Knecht Jakob war es, der seit einer Viertelstunde um vierhundert Gulden ärmer geworden. Er taumelte fürbaß.
Ja, ein ungeheurer Geldfall hatte stattgefunden. Haus Österreich -- grausam geschwächt durch »Seine Majestät den Herrn Schwiegersohn« und anderes Unglück -- hatte zu wenig Vermögen, um das massenhaft ausgegebene Papiergeld einzulösen; und weil das ein Lump ist, der mehr gibt als er hat, so gab Haus Österreich nicht mehr, und das übrige -- hebt sich.
Den Kopf mit den Händen haltend, so liefen die Leute in Rottenstein -- und anderswo wahrscheinlich auch an jenem merkwürdigen Tage -- wirr durcheinander. Die einen fluchten, die anderen lachten! heute lachten zur Abwechslung gerade solche, die kein Geld hatten. Ja, auf der Bäuerei lachten eigentlich die meisten. Die liegenden Güter, die Fahrnisse, die Kuh im Stall, das Stück Brot auf dem Tische, ja sogar der Taschenfeitel im Sack hatten von dem Augenblicke an, als das Geld fünfmal weniger galt, einen fünfmal höheren Wert.
Mancher ging nach solchem Schrecken wieder ins Wirtshaus, um auch noch den letzten Groschen zu vertrinken, aber siehe, der Pfiff Wein, der vor einer Stunde noch um einen Groschen zu haben war, kostete jetzt fünf Groschen. Beim Bäcker die große Semmel kostete statt zwei Kreuzer deren zehn. Der Fleischhauer schmunzelte, als er dem Hausbauer den Braten anstatt zu zwanzig Kreuzer, zu einem Gulden vierzig Kreuzer rechnen durfte, aber er schmunzelte nicht lange. Als er dem Hausbauer hernach ein vier Wochen altes Kalb abkaufen wollte, kostete dasselbe anstatt neun Gulden deren fünfundvierzig. Jetzt kam die Zeit, da ein Paar Ochsen eintausendfünfhundert, ein Pferd tausend, eine ordinäre Sackuhr hundertfünfzig, ein mittelgroßes Bauerngut im Gebirge dreißigtausend Gulden wert war. Damals vertrank einer an einem Abende beim »Adler« spielend zwanzig Gulden und verspielte trinkend deren vierzig und hundert und mehr. Sparsinn und Redlichkeit hatten aufgehört. -- »Was den Großen erlaubt ist, wird den Kleinen nicht verboten sein.« -- Die alten Schulden durften nicht nach der alten Ziffer bezahlt werden, sondern nach der fünffachen neuen. So daß der Stockbattner, als er des Abends zu seiner Braut kam, ausrufen konnte: »Mali, das Glück, wie mir's mein lieber Bruder Jakob mit seinem Drängen gut gemeint hat! Hätte ich ihm heute früh seine Sach' nicht ausgezahlt, so wären wir ihm jetzt anstatt fünfhundertacht Gulden nicht weniger als schwere zweitausendfünfhundertundvierzig Gulden schuldig!«
Der Jakob betrachtete die Kehrseite und raufte sich Haar' aus dem Kopf. Das half aber nichts, dadurch hatte er weniger Haar' und nicht mehr Geld. Seine fünfhundert Scheine gingen nur mehr für einhundert Gulden, und da kann man's noch nicht wissen, ob's dabei bleibt; wenn so ein Teufelszeug einmal anhebt zu purzeln, so purzelt es hinab bis in den Dreck. Die Bankozettel! was war das für ein kamodes Geld gewesen. Und jetzt gerade gut genug, um sich damit die Pfeife anzuzünden. Das heißt, wenn er brennt, der schmutzige Fetzen! -- O Jakob, Jakob! Wie fein wäre es, wenn dir dein Bruder das Fünfundzwanzigfache schuldig wäre von dem, was du jetzt im Sack hast! Wie hübsch könntest ihn zwicken und drücken und abtrennen, ihn gar zum Bettler machen, der du jetzt selber bist! Ja, wenn man so was im voraus wissen tät'!
Leute, denen er seinen Jammer klagte, meinten fast, die Sache könnte anfechtbar sein. Alsogleich lief der Jakob zu einem Advokaten. Der Advokat aber riet ihm, wenn er nicht mehr als hundert Gulden zu verlieren habe, das Prozessieren sein zu lassen.
Als der Stockbattner es mit seiner Mali Ernst machte, lud er anstandshalber auch den Bruder zum Ehrentage. Der Jakob aber schrie herum, nicht sechs Rösser brächten ihn auf diese Hochzeit. Der Stockbattner sei ein unglaublich falscher Mensch, der habe es zu Fleiß so eingerichtet, daß er die Erbschaft just und knapp vor dem verdammten Geldfall hinausbezahlt!
Darob kränkte sich die Mali, und was die Leute sagen würden, wenn der einzige Bruder des Bräutigams fehle?
»Der Jakob ist halt jetzt ein bissel gewissensbissig,« antwortete der Seppel, »wir werden aber auch ohne seiner eine lustige Hochzeit haben, denk' ich. Wir werden uns die Zeit schon vertreiben -- weißt eh.«
Die guldene Grete.
»Es begeben sich in den Stand der heiligen Ehe: Der Bräutigam Michael Rehling, katholisch, großjährig, Besitzer des +vulgo+ Seesteinerhofes in hiesiger Pfarre. Die Braut Maria Haldegger, katholisch, minderjährig, derzeit in Dienst beim Bauer an der Wand. Dieses Brautpaar wird heute zur Aufdeckung eines allfälligen Ehehindernisses öffentlich verkündet zum erstenmal.«
So las es der Pfarrer von der Seeau auf der Kanzel aus einem großen Papierbogen der Gemeinde vor.
Es war das Fest der heiligen drei Könige.
Die Gemeinde war im Festkleid und in Festfreude versammelt, und vor dem mit frischen Tannenzweigen umgebenen »Krippel« -- der bildlichen Darstellung von unseres Heilandes Kindheit -- brannten zwei Wachskerzen, die heute nicht, wie sonst gern, nach einer Seite hin abrannen, da es sehr kalt war und das Wachs gefror ganz nahe an der Flamme.
Wenn plötzlich die Tür aufgegangen wäre in allen Angeln, und die heiligen drei Könige mitsamt ihren goldenen Kronen und Schätzen, und ihren Mohren und Kamelen und mit ihrem Stern hochfeierlich durch die Kirche gezogen wären, und hin zum Krippel, es hätte kaum so viel Aufsehen gemacht unter den Leuten, als die Verkündigung der Heirat des jungen Seesteiners und der Maria Haldegger. Der Seesteiner, ein Bursche, stramm und frisch, hoch und stolz wie ein junger Tannenbaum, dem der größte Hof gehörte jenseits des Sees. Sein Hof stand da wie ein Schloß, und seine Waldungen waren so groß und weit, daß, wenn neun Jäger in demselben zu gleicher Stunde ihre Gewehre abschossen, einer von dem anderen keinen Schuß hörte und keinen Hall. Vorwitzige Leute nannten den Seesteiner den Gaugrafen, weil ihm schier alles untertan war weit und breit. Wenn dich in der Gegend ein böses Wetter überraschte, und du stelltest dich unter eine buschige Tanne, so standest du unter einem Seesteinerschen Schirmbaum, und wäre auf dem Seesteinergrunde keine Quelle aufgeronnen, die ganze Pfarre hätte verdursten müssen, und die hunderttausend Forellen im See dazu.
Das Altarbild der Seeauer Kirche stellte den heiligen Erzengel Michael dar; aber gar viele Seeauer und Seeauerinnen, wenn sie davor ihre Andacht verrichteten, dachten dabei schier gottlos an den Michael Rehling; der war es eigentlich, was das Altarbild vorstellte: der Schutzengel, der Erzengel, der Patron der Gemeinde.
Und Maria Haldegger war die arme Dienstmagd, im Sommer auf der Alm, wie hundert andere, im Winter beim Bauer an der Wand, bei dem ein Festtag war, wenn sie sich einmal an der Haferbrotsuppe satt essen konnten. Kein Mensch, außer vielleicht ein armer, pechiger Waldteufel, hätte sich um die Maria Haldegger gekümmert, wenn im letzten Sommer mit ihr nicht etwas vorgefallen wäre, was eben nicht gar oft vorfällt.
Ein Prinz, der einen so klingenden Namen hatte, daß sie ihn in der halben Welt hörten, war auf der Jagd dagewesen, hatte die Maria Haldegger auf der Alm gesehen, und hatte sich ausgerechnet in sie verliebt, und hatte ihr einen Ring geben wollen, der zweimal so viel wert war, wie das ganze Bauernhaus an der Wand. -- Die Maria Haldegger aber hatte gesagt: »Nichts für ungut, Herr Prinz, ich bitt', aber für Guld und Geld und alle Herrlichkeit der Welt ist eine ehrliche Magd nicht zu kaufen. Wollt Ihr's aber redlich meinen, so fragt bei meinem Paten an; ich kann nichts versprechen.« Der Prinz hat sich zufrieden gegeben und die Maria Haldegger nur noch ersucht, daß sie ihm für mehrere Stunden möge Unterstand gewähren auf ihrem Heuboden, da schon die Nacht käme. Aber die junge Magd hat ihm's rundweg abgeschlagen, und der Prinz ist zornig davongegangen bis zur nächsten Almhütte.
Zwei alte Seesteinersche Jäger, die -- ohne daß es die Maria wußte -- hinter der Hütte auf dem Moos gelegen, haben den Vorgang belauscht und haben ihn erzählt im Wirtshause der Seeau, und jenseits des Wassers, und überall, wo Schick war zum Erzählen.
Da hat denn alles weit und breit von der Maria Haldegger gesprochen, und der Bauer an der Wand hat nur so lächelnd mit dem Kopf genickt, wie seine wackere Magd im Herbst von der Alm zurückgekommen ist und Rechenschaft abgelegt hat über alles, was sie auf der Alm zu verwalten gehabt.
Es kam der Winter, es fiel klaftertiefer Schnee, es fror der See. Es war Jagen im Wald, der junge Seesteiner ging oft mit der Flinte am Dorf vorüber, und ging gegen die kleinen Bauerngüter hinaus, und stieg die Holzleiter der Loserwand hinan gegen die Waldhöhen. Zu Weihnachten war großes Eisschießen auf dem See, und jetzt zu Heiligendreikönig wurde, unerwartet wie ein Blitz vom Himmel im Eismonat, die Neuigkeit von der Kanzel verkündet.
Das also war heute, und als hierauf das Hochamt abgehalten wurde, betete kein Mensch ein andächtig Vaterunser, jeder und jede mußte fortwährend an das Brautpaar denken und sich verwundern.
Der Seesteiner saß heute im hintersten Stuhle des Chores; seine Braut war gar nicht in der Kirche. Noch bevor der letzte Segen und die Sprenge -- das Bespritzen der Gemeinde mit Weihwasser durch den Priester -- zu Ende war, verließ Michael die Kirche und eilte seines Weges.
Er ging nicht über den See seinem Gehöfte zu, er nahm die Richtung gegen die Wand. Als er nach dem tiefen Schneepfade durch die Halde schritt, kreischte ihm eine Stimme nach: »Laß Zeit, Herr Bräutigam! Hast aber eilig.«
Die »guldene Gret« war's, ein kaum vierundzwanzigjähriges Mädchen mit krausen, gelblichten Locken, falben Augenbrauen und stets geröteten, zuweilen sommersprossigen Wangen. Sie war mehr klein als groß, hatte eine sehr geschmeidige Gestalt, hatte gern ein Lächeln um den scharfen Mund, konnte schmeicheln und spotten und näschenrümpfen und liebäugeln, wie gar keine mehr sonst um den ganzen weiten See. Sie war die Tochter einer Häuslerin. Man kannte sie als ein leidenschaftliches Mädchen, zuweilen boshaft, zuweilen gar ein wenig bösartig, und dann doch wieder hochsinnig zum Erstaunen. Man nannte sie die »guldene Gret«, weil sie goldhaarig war, und weil sie das Gold wohl zu schätzen wußte, mehr wie manch andere auf der Alm.
Die Gret ging zuweilen wurzelgraben und kräuterrupfen auf die Alm, aber ihr wollte ein Prinz nimmer begegnen. --
Der junge Mann blieb nun auf den Ruf stehen.
»Magst mich heut' nimmer über den See rudern, junger Herr Seesteiner?« sagte das Mädchen, ihm näher kommend.
»Der See ist gefroren,« entgegnete Michael kurz.
»Aber ich bin's nicht,« rief sie, »ich weiß noch recht gut eine warme Kirchweihnacht --«
»Wo ich dich aus Gefälligkeit über den See geführt habe.«
»Wo du mich an dich gezogen hast --«
»Weil du mir sonst im Finstern leicht über den Rand gefallen wärest.«
»Wo du mir die Liebschaft mit dem Holzmeisterfranzl abgeredet hast --«
»Weil er leichtsinnig ist und Weib und Kind nicht ernähren kann.«
»Du hast damals gesagt, daß du meine alte Mutter unterstützen wolltest.«
»Das tue ich, weil sie eine arme Frau ist.«
»Michael, du hast gesagt, daß du heiraten wollest, und daß dir kein Mädchen zu arm und zu gering sei --«
»Das hab' ich nicht vonnöten, ich schau nur auf die Bravheit.«
»Und daß du redlich seiest und keine betrügen wollest!«
»Das hab' ich gesagt und gehalten.«
»Aber du hast mich an der Hand genommen, an dich gedrückt, und ich habe den Franzl fahren lassen, und hab' keinen mehr angeschaut, und hab' gearbeitet im Taglohn, und bin brav gewesen, und nur an dich hab' ich gedacht. -- Michael, du bist ein Falscher. Der Teufel soll in deine Maria fahren!«
Die Gret lief davon, sie war wild anzusehen; sie ballte die Fäuste gegen den Bräutigam, und als sie hinauf kam zum Waldrande, warf sie sich in den Schnee, und schlug mit den Händen um sich, daß der dichte, weiße Staub auseinanderstob nach allen Seiten.
Michael schritt ruhig weiter, sein Gewissen warf ihm nichts vor. Er stieg über die Leiter die Loserwand hinan und ging über den Hochboden hinaus; dadurch schneidet man den halben Weg ab, der zum Bauer an der Wand führt.
* * * * *
Ein Windwehen hatte die dicken, schweren Schneemäntel von den Bäumen geschüttelt. Die Waldwipfel waren dunkelschwarz und die Gründe waren lichtweiß. Aber da kam ein Nebel, der legte sich hin über das ganze Waldland, nur die höchsten Berge ragten aus ihm hervor und standen in der Sonne, während unten alles versunken war in die feuchte Trübe und in die frostige Winterlichkeit. Darüber bekam der Wald einen grauen Bart, und allen Geästen und allen Gezweigen wuchsen weiße, zartbezähnte Ränder von glitzernden Nadelchen. Selbst auf der glatten Eisdecke des Sees keimte dieses schneeweiße Moos des Nebelfrostes, daß es knisterte, wenn Mensch oder Tier darüber hinschritt.
Es war sehr schön, und die Städter würden gesagt haben, das ganze Waldland sei versilbert, oder sei aus weißem Kandiszucker geformt. Die Leute der Seeau aber greinten über so ein Wetter; es sei den ganzen Tag finster, und doch nicht die Nacht zum Ruhen; es sei frostig, und doch nicht frischkalt, und es werde zu tauen anheben noch weit vor der Zeit.
Im großen Seeauer Wirtshaus wurde zur Hochzeit vorbereitet. Es war eine Unzeit für alle Kälber und Hühner im ganzen Gau; kaum sicher gingen die Tiere des Waldes, obwohl die Jagdmonate schon vorüber, und die übriggebliebenen Hasen und Rehlein sich zu Paaren schon wieder des Lebens freuten. Der Wirt ließ im Keller sein großes, ältestes Weinfaß aufspunden.
Schon tagelang stiegen zu ungewöhnlichen Stunden aus dem Schornstein des Wirtshauses blaue Rauchwölkchen auf, und ein hocherfreulicher Geruch reichte sogar bis zum Pfarrhofe hinüber.
Der Pfarrer hatte seine Sache schier getan; er hatte das löbliche Brautpaar bereits dreimal von der Kanzel würdevoll verkündet, und beim letzten Aufgebot hatte der Schulmeister auf dem Chor einen vollen Tusch blasen lassen, eine Ehre, die er sonst nur seinen Musikanten anzutun pflegte, wenn einer davon sich ein Weib nahm.
In der Kirche arbeiteten zwei Küster, und schmückten den Altar mit allen vorrätigen Bändern und Papierblumen. Die alte Häuslerin vom Ende des Dörfchens, die Mutter der Gret, half auch mit; sie saß in der Sakristei und band mit halberfrorenen Fingern aus immergrünem Reisig einen großen Kranz für das Bild des heiligen Michael. Die »guldene Gret« aber saß daheim im Häuschen und starrte in die verlöschende Herdglut hinein. Ihr Auge funkelte und ihre Züge waren schauderhaft verzerrt. Jetzt fuhr sie sich mit den Fingern in die losen, geschlängelten Locken und riß und zerrte wütend an ihnen. Dann ließ sie ab, sah auf die ausgerauften Haarfäden in ihrer Faust, tat einen wilden Atemzug aus der wogenden Brust und murmelte: »Was soll ich dich ausreißen, du mein goldenes Haar! Ja, wären es seine, wären es die von der Haldeggerin! Pfui, Gret, mit den Haaren fange nicht an, das tut jede eifersüchtige Dirn. Ich bin nicht eifersüchtig -- aber in der Leut' Mäuler hat er mich gebracht, um meinen Franzl hat er mich gebracht. Was schert mich der dalkert' Michael mit seiner vornehmen Lahmleidigkeit -- aber Seesteinerin hätt' ich mögen sein, das habe ich laut gesagt, und sie haben mich schon so geheißen. Jetzt hab' ich die Schande und den Spott, jetzt kommt keiner mehr um mich. Jesses, ich weiß nicht, was ich tu; wenn nur ein schwer Unglück wollt' niederfallen, und tät uns all miteinander erschlagen! Aber ihn und sie um drei Minuten früher als mich, daß ich's noch kunnt sehen! -- --«
* * * * *
Wenn sie am jenseitigen Seeufer vor dem Seesteinerhause einen Pöller loslassen, so sieht man's von der Seeau aus wohl aufblitzen, aber man kann bequem bis in die Zwanzig hinein zählen, bis der Schuß kracht. Der Knall fliegt über die glatte Fläche hin, doch er prallt an zahllosen Felsvorsprüngen an, und weckt in den Wänden und Wäldern allerlei Echos auf, bis er endlich an das Ohr der Seeauer schlägt.
Heute aber hört man hier nur den dumpfen Knall, sieht aber kein Aufblitzen. So dicht liegt der Nebel über dem See, daß man ihn -- wie die Leute sagen -- mit einem Messer könnte in Stücke schneiden.
Es ist ein Jännermorgen. Ein großer Teil der Seeauer steht am Ufer und guckt und horcht. Jetzt fallen drüben drei Schüsse rasch nacheinander, jetzt gehen die Hochzeiter ab. In einer halben Stunde sind sie da, denn über das Eis gleitet sich's leichter mit glatten Schlitten, als mit Kähnen zur Sommerszeit.
Eine Weile ist es still, daß man völlig den Nebeltau könnte rieseln hören; hüben kein Lärm und Laut, drüben kein Schuß. Dann flüstern die Leute wieder; sie haben dem Brautpaare alle mögliche Ehre vorbereitet. Der Schulmeister rückt mit seinen Musikanten aus, gar die große Fronleichnamstrommel mit den Klingscheiben wird mitgeschleppt. Keiner versucht mehr sein Instrument, es ist alles schon gestimmt. Die Küster in der Kirche zünden alle Kerzen an, und das ist am düsteren Morgen ein feierlicher Schein in dem festlich gezierten Raum. -- Drei Jungen stehen unter dem Turm und haben die Glockenstricke in den Händen. Sie warten nur noch auf das Zeichen.
Das Wirtshaus steht still da, aber in der großen Küche schießt ein Rudel Weiber umher, und die Herdflammen knattern wie ein wildes Schlachtfeuer.
Endlich dringt ein Jauchzen her über den See und ein Schellenklingen. Da fächelt ein Mann mit seinem Hut. In demselben Momente klingen alle Glocken. Dunkle Massen treten auf der Seefläche aus dem Nebel hervor -- rasch werden sie zu Gestalten; die Rosse traben heran, die Schlitten fliegen nach, und auf den Schlitten jauchzend und johlend und hüteschwingend die Hochzeiter.
Bums! fällt die große Trommel ein, und die Trompeten schmettern auf, und die Pfeifen jodeln drein, und von der Loserwand knallen Pöller, daß die Kirchenfenster schrillen.
Der Hochzeitszug ordnet sich rasch, und in der Mitte das Brautpaar, so zieht er zur Kirche hinan.
* * * * *
Sie knieten am Altar, und der Pfarrer legte die Stola um die Hände. In demselben Augenblick huschte die Gret draußen an der offenen Kirchentür vorüber, und tat einen Fluch, und eilte davon.
Sie watete durch den Schnee hinaus in den Wald; die fallenden Eisnadeln strichen ihre heißen Wangen. -- Jetzt werden sie getraut, dann ist diese Haldegger Seesteinerin. Ist sie reicher, vornehmer, besser wie ich? -- Mir hat er's verheißen, ihr hält er's; jetzt reicht er ihr den Ehering. Dann ist lustige Hochzeit den ganzen Tag, und sie heben die Gläser und trinken zum Gutleben, und sagen Ehrensprüche für das Brautpaar, und singen Spottlieder auf die guldene Gret. -- Und wenn der Abend kommt, da fahren sie wieder über den See, fahren ein in den Hof --
Eine unbeschreibliche Gewalt wütete im Busen der Dirne. Sie eilte am Ufer des Sees dahin; dann rief sie laut: »Und wär' das Wasser auch nicht zugedeckt, hineinspringen tät' ich nicht! Ja, wenn ich sie mitreißen kunnt, all' miteinander -- nachher mit Freuden -- mit Freuden!«
Sie raste fort. Sie kam ins Gefälle und auf wüste Gründe; Rehe und Füchse und wildes Geflügel spürte sich im Schnee. »Jetzt gehe ich und zünde den Seesteinerhof an,« sagte sie und eilte weiter. Sie lief über den See, sie war gehüllt in Nebel, kein Mensch konnte sie von der Ferne sehen.
Sie kam ans Ufer. Der Hof lag still da; die Eiszapfen der Dächer troffen rings umher, oder fielen klirrend zu Boden; das war die ganze Wache.
Seitab stand ein Fischerhäuschen. Der alte Fischer Wolf saß davor auf einem Bänkl. Er rauchte eine Pfeife, und zog jedes hervorgeblasene Wölkchen fast gierig mit der Nase wieder an sich. Das ist ein Tabak, wie ihn sonst kein Fischer raucht; der Kaiser raucht ihn. -- Der Seesteiner hatte dem Alten zur Hochzeitsfreude eine ganze Schachtel davon bringen lassen. So ein Kraut! Das ist dem Alten das höchste Ereignis in seinem Leben; die Eisdecke möchte er aufreißen und es den Fischen zurufen: »Laufet, laufet, laufet euere Wege; ich rauche Kaisertabak!«