Part 16
Aber sie lenkte das Gespräch über ihren Zustand alsbald ab -- tätschelte meine Wange und fand, daß ich ein Bartrüpel wäre. »Morgen mußt dich balbieren lassen.« Als ob ein hoher Feiertag bevorstände. Oder dachte sie daran, daß Geistliche keinen Bart tragen sollen? Am Ende wußte sie noch von nichts. Mir war bange gewesen, was sie sagen würde. Nun sagte sie gar nichts von der Sache. Plötzlich aber: »Für den Ostertag mußt du dich gar schön herrichten, Hans.«
»Für den Ostertag? Der ist ja schon vorbei, Mutter.«
»Hab' ich gesagt, Ostertag?« fragte sie verloren. »Wie närrisch lauter, daß mir jetzt der Ostertag in den Kopf kommen ist. Jetzt aber schau, daß du was zu essen kriegst.« Und ordnete an, daß mir Schöberl gebacken und Kaffee gekocht werde.
Während des Essens in der Nebenkammer war ich völlig beruhigt. Allzu bedenklich kam mir die Mutter nicht vor. »Auch hat sie keine Schmerzen, kein Fieber.«
Mein Bruder saß am Tisch, mir gegenüber, und schaute mir zu, wie ich mit dem großen Löffel voll Eierkuchen in den Kaffee fuhr, um so beides gleichzeitig in den Mund zu bekommen. In der Stadt gibt es so was nicht und ist's doch das beste auf der Welt. Ja -- zur selbigen Stunde hat's noch geschmeckt.
»Daß sie kein Fieber hat, meinst du!« sagte der Bruder. »Jetzt ist die Hand kalt; wart' eine halbe Stund'! Und wenn du um zwei Stunden früher gekommen wärst, hätt'st schon auch von der Atemnot ein bissel was wahrnehmen können. Ich sag' dir's, es ist nicht zum Aushalten, nit einmal beim Zuschauen. Und die Schwächen! Heben und legen! Du laßt dir's gut sein in der schönen Stadt und weißt nit, was daheim für ein Kreuz ist.«
Jetzt fiel es mir erst ein, daß ich ihn hätte einladen müssen, beim Schmause mitzuhalten. Bei den vielen Stadthöflichkeiten verliert man die Bauernhöflichkeit. Und gerade die sättigt. Am meisten aber dann, wenn man sie nicht hat und sein Schöberl mit Kaffee allein ißt.
Es war finster geworden, da ging ich noch einmal zur Mutter hinein. Aber sie schlief. Ganz leicht und ruhig. Da schlich ich hinauf in die Bodenkammer, wo mein Bett stand. Nach dem langen Marsch in der kühlen Bergluft und mit einer gewissermaßen gelösten Spannung hoffte ich bald und fest einzuschlummern. Aber das kam anders. Der aufgegangene Mond legte durch die Fenster -- wie du gern sagst -- zwei weiße Tücher auf den Fußboden. Ich konnte in der Kammer alle Gegenstände ausnehmen; den alten geschnitzten Kasten, das Spinnrad und den Garnhaspel, den Vogelkäfig und das Glasbild der heiligen Dreifaltigkeit. Aus allem strömte mir Kindeserinnerung entgegen, und mitten in all den Erinnerungen stand die Mutter. Da fing mir an bange zu werden, ganz leise zuerst, allmählich beklemmender, bis die Unruhe so groß ward, daß ich aufstand. Ich kleidete mich an und wollte hinausgehen in die Mondnacht. Gar vorsichtig stieg ich die altbekannte Holztreppe hinab, trat noch leise in die Stube, um meinen Hut vom Wandnagel zu holen -- und fällt jetzt hinter mir die Tür stark in den Falz. Als ich außen am Hause entlang gehe, kommt um die Ecke mein Bruder, der noch seinen Wachtgang durch den Hof gemacht hatte.
»Wenn du das Ausgehen bei Nacht schon nicht graten kannst,« sagte er, »so schlag' wenigstens die Stubentür nit so zu.«
»Ich habe nicht gedacht daran, daß sie so schwer zufällt,« war meine Entschuldigung.
»Du denkst an vieles nit. Weißt du, daß ich's nit hab' mögen übers Herz bringen, der Mutter von deiner Schand' zu erzählen?«
»Von meiner Schand'?«
»Wie du der ganzen Familie Schand' bringst statt Ehr'!«
»Gidi!« Das hat sich aufgestrammt in mir, bis hart ans Dreinschlagen. Ich weiß nicht, woher ich im Augenblick die Überlegung hergenommen habe. Es kam unversehens. Es war kaum zu verwinden. Aber drinnen schläft die Mutter. Und sagte ich ruhig zum Bruder: »Du meinst, weil ich nicht geistlich werden mag.«
»Und lieber ein Advokat wirst, ein Prozeßspinner, ein Bauernschinder!«
»Darüber,« sage ich, »wollen wir ein andersmal reden. Jetzt muß ich dir dankbar sein, daß du es der Mutter verschwiegen hast.«
Er stand ein paar Augenblicke ruhig vor mir, dann sagte er: »Was hast denn eigentlich zu tun gehabt, jetzt in der Stuben?«
»Das kannst du dir wohl eh denken, wenn die kranke Mutter drin liegt. -- Natürlich erbschleichen.«
Es war da, das furchtbare Wort. Es war gesagt, ohne gedacht zu sein. Es war nimmer einzufangen. Aber mein Bruder fuhr nicht wild auf, wie etwa bei seiner Natur zu erwarten gewesen. Er tat nichts desgleichen, als ob er das Wort so verstanden hätte, daß das Erbschleichen um diesen Hof herum in der Luft läge. Er ging langsam gegen das Haustor. Ich kam mir schier händelstifterisch vor wie der Elmischbauer, der als Hetzer und Raufbold in der ganzen Gegend gefürchtet war. Dem Bruder ging ich nach und sagte: »Ich habe in der Stube meinen Hut geholt und nichts anderes.« Dann habe ich mich gewandt und bin am Feldrain dahingegangen.
Die Luft war kühl, das Gras feucht, die Fichtenbäume des Raines mit ihren kurzgeschneidelten Ästen legten schwarze, schmale Schattenstreifen über die Matte hin. Aber von einer friedsam-stillen Nacht habe ich nichts gewahrt. In mir tobte ein grausam Ungewitter, wie mein Lebtag noch nie. Wirre Empfindungen durchwirbelten mich, wie Blitze in der Sturmnacht durchzuckten Gedanken meinen Kopf -- keiner ließ sich festhalten. Also ~das~ ist geschehen. ~Das~ hat müssen geschehen. An diesem Tage, da ich heimkomme nach so langer Zeit. Da hat's geheißen: Talent! Studieren! Auf was, danach wird der Junge gar nicht gefragt. Natürlich auf Geistlich. Und jetzt -- ein Todfeind! Und es ist der Bruder. -- Ich ging am Raine dahin bis zum Wald. Als ob dort was wäre, das mich zur Ruhe kommen lassen müßte. Aber die Unholde wüteten fort, im Wald wie am Raine und von jeder Empfindungswelle die letzte: Jetzt ist alles aus. -- Zorn war's nicht mehr. Aber Entrüstung über mich selbst. Und über den Schimpf, den ich ihm angetan. Und ist doch nicht so gemeint gewesen. Der Vorteile wegen, die nun verspielt waren -- ich pfeife darauf. Aber mit der Mutter den Bruder verlieren, den einzigen Verwandten, kann ich sagen, und mit ihm die Heimat. Und mit der den Kindheithimmel -- alles auf einmal.
Endlich kehre ich wieder um gegen das Haus. Ich wollte zu Gidi gehen und ihm's abbitten. Ich habe viel gebraucht von unserem Elterngut, wollt' ich sagen. Ich bedarf nichts weiter. Nur das dumme Wort verzeihe mir! -- Dieser Vorsatz war das einzige Mittel, mir die Gemütsqual zu erleichtern, daß ich nicht wahnsinnig wurde unter ihr. Jetzt war mir aber auch auf einmal wieder so leicht, daß ich merkte, wie naß meine Stiefel geworden. Morgen früh wird mich die Mutter auszanken, weil sich der junge Leichtsinn den Schnupfen holt.
Daß ich stundenlang fortgewesen, deucht mir wohl möglich, es konnten auch Tage gewesen sein. Die Schlafkammer meines Bruders war offen und -- leer. In der großen Stube war Licht. Natürlich! Er ist noch in der Nacht zur Schwerkranken gelaufen, um sich zu rächen. Um sie zu fragen, ob der Ausreißer und Bauernschinder von der Erbschaft auch so viel abbekommen soll, als der -- andere, der den Hof aufrecht hält und den Eltern die einzige und letzte Stütze gewesen ist! -- Da wollen auch wir dabei sein. Es scheint, ich brauche ihm nichts abzubitten, und der ehrliche Zorn hat doch das richtige Wort gefunden. Es war doch das richtige! -- Und so kam es neuerdings über mich.
In die große Stube tretend sah ich einen weißgedeckten Tisch und darauf zwischen Kerzen das alte Kruzifix, das sonst im Wandwinkel steht. Die Leute des Hauses waren versammelt, knieten mitten auf dem Fletz und an den Wänden und beteten laut den Rosenkranz. »Der für uns mit Dornen gekrönt ist worden.« -- Am Bette stand ein Priester im Chorrock und Stola. Er hob eben die kleine weiße Hostie zu den blassen Lippen der Bewegungslosen. Ich drängte mich durch und wollte zu Häupten des Bettes. So viel sah ich gleich, es war keine Kranke, es war eine Sterbende. Ich will zu ihr, ihre Hand fassen, ihr ins Gesicht schauen, zu ihr sprechen ... Meine Mutter! -- Sie drängten mich vom Bette weg. --
Johann Stadlhofer hatte von einem Fichtenbaum ein Ästlein abgebrochen, das zerriß er jetzt heftig mit beiden Händen und drehte die Zweige ineinander wie zu einem Strick. Dann ließ er das Reisig zu Boden gleiten. Das Hündlein lag zu seinen Füßen zusammengerundet. Man sah in der Flanke sein Atmen. Endlich knurrte es ein wenig. »Spricht im Traum,« sagte der Johann. Dann erzählte er weiter.
Am Fußende des Bettes ist mein Bruder gestanden. Nur die graue Hose an, sonst im Nachtkleide, verwüstet, versteinert die Züge. Es war, als ob er dem kleinen Finetterl zuschaute, der jetzt über die Bettdecke hin gegen ihr Haupt kroch. Dabei hat das Tier matt gewinselt. Er nimmt es mit einer Hand und wirft es auf den Fußboden hin. Da hat es nicht gewinselt, das ist nicht das ärgste. Auf den kurzen Beinchen watschelte es unter das Bett hinein. Die Leute beteten mit eintönigem Gesumme den Rosenkranz. »Der für uns das schwere Kreuz getragen hat.« -- Ich drängte mich neuerdings zur Mutter vor, da stand der Priester ein wenig seitlings. Ich werde sie laut gerufen haben, sie lag bewegungslos mit halbgeschlossenen Augen. Manchmal hob sich ihre eingefallene Brust. Da schob der Priester mich sachte weg, er hatte ihr ja die letzte Ölung zu geben. Aber mir war gewesen, als ob ich von ihren Lippen das Wort Johann hätte flüstern gehört. Dann ist ein grelles Aufwimmern unter dem Bett -- fast wie ein Mensch wimmert. Den Hund hatte jemand mit dem Stiefel auf die Pfote getreten. Der Priester stand nun zu ihren Füßen mit dem heiligen Öl. Wie ich mich an ihm vorüber wieder hindrücke, sagt mein Bruder ganz laut: »So geh doch hinteri, du bist ja dem Geistler im Weg!« Mich auf ihn stürzen, einen Faustschlag ins Gesicht? Aber die Arme bewegten sich nicht, sie waren lahm. -- Ist es nicht auch so, wenn man träumt? Dieweilen fortwährend das Murmeln des Rosenkranzes bis zur Stelle: »Der für uns gekreuzigt ist worden.« Und während eine alte Magd ihr eigenes Beten unterbrach, um auf mich deutend zu sagen: »Nit amal mitbeten tuat er!« gab der Priester ein Zeichen, sie sollten aufhören. Da brachen sie mit dem Gebet ab und er sagte feierlich: »Der Herr geb' ihr die ewige Ruh'.« --
In unserem Walde bei Mariagrün war es dunkel geworden, zwischen den Baumwipfeln flimmerten Sterne herab.
Und so, sagte der Johann Stadlhofer, ist meine Mutter gestorben. -- Dann redete er weiter:
Ich habe nicht mehr hingeschaut und bin auf meine Bodenkammer gegangen. Dort im Wandwinkel bin ich gesessen in der Morgenröte mutterseelenallein. Nein, so nicht. Oder doch. Mir war fast leicht, fast als ob die abgeschiedene Mutterseele bei mir wäre in der Kammer. Dann habe ich vor der Tür das Hündlein wimmern gehört, das habe ich hereingelassen, und das ist mein lieber Kamerad gewesen. Wir zwei Waisen. Das treue Tier, das in letzter Zeit immer bei ihr gewesen, hat mir alles ausgerichtet, was sie mir selber nicht hat sagen können.
In diesen Tagen, wenn der Bruder und ich aneinander vorübergingen -- ich weiß nicht, ob wir uns gegrüßt haben -- gesprochen haben wir nicht ein Wort miteinander. Nach dem Begräbnis, als ich ohne alles weitere fortgehen wollte, winkte er mich unter die Lindenbank, er habe mir Mitteilungen zu machen. Alles auf einmal ab, das ist das beste, dachte ich, setzte mich aber nicht nieder, sondern stand vor ihm. Und zeigte durch Gebärden, daß es nicht etwa aus Hochachtung geschähe, vielmehr aus Stolz eines Mannes, der nicht neben jedermann sitzen mag.
»Die Mutter hat mir aufgetragen, daß ich dich von ihr noch einmal grüßen soll,« so begann er leichthin.
»Schön Dank,« sagte ich, »sie hat mir den Gruß schon durch wen andern übermittelt, der --« mein Vertrauen hat, wollte ich beisetzen.
»Wie du in der Nacht auf den Rain gegangen bist, oder weiß Gott wohin es so nötig war, bin ich bald darauf gerufen worden. Da sehe ich's gleich, 's ist zum Sterben bei ihr. Nach dir hat sie verlangt, und weil wir dich nit haben erwarten können, hat sie mir's für dich aufgetragen. Du kriegst vom Elterngut das, was ich krieg'. Wirst über deine Studienkosten hinaus noch an fünfzehnhundert Gulden beim Hof guthaben. -- Die Mutter laßt dir Glück wünschen zu dem Stand, den du dir selber gewählt hast.«
»So hast du ihr's doch gesagt?!«
»Ich? Mich geht das weiter nix an. Seit einem halben Jahre redet die ganze Gegend davon. Anfangs hat's die Mutter hart genug genommen -- was weißt du! Du weißt gar nix.«
»Aber sie hat doch kein Wort zu mir gesagt!« rief ich aus.
Er schupfte seine Achseln auf.
Nun habe ich ihm beide Hände vorgehalten: »Bruder, jetzt ist mir leicht. Seit ich weiß, sie hat's mir verziehen und sie gibt mir den Segen. Auch mit dir will ich auf gleich sein, Gidi.«
»In kurzer Zeit hast dein Geld, nachher sind wir zwei auf gleich.«
»Ich verlang's nicht, Bruder, ich brauch's jetzt nicht. Nein, ich werde dich nie drängen, ich verspreche dir's.«
Er stand von der Bank auf. »Die Magd wird dir das Essen richten, eh du gehst. Ich muß jetzt zum Pfarrer.« Einen kaum merklichen Deuter mit der linken Hand -- so ging er davon. --
Solches hat der Johann Stadlhofer mir erzählt im nächtigen Wald bei Mariagrün. Dann ist er aufgestanden und wir sind stumm nebeneinander hergegangen über den Rosenberg in die Stadt. Ich konnte mit der Sache nicht fertig werden. Mir war die Ursache nicht klar. Mir schien, als sei hier aus nichts etwas geworden, das nun nicht mehr aus der Welt zu bringen ist.
»Ich hab' zuerst gemeint,« sprach plötzlich mein Weggenosse, »es wäre jenes häßliche Wort, das ihn so sehr getroffen. O nein. Da lassen sie sich zehn Erbschleicher eher gefallen, als einen Advokaten, der einmal Geistlich hätte werden sollen.«
»Und das,« antwortete ich, »soll dir genug sein. Es ist doch ein braves Stück von deinem Bruder, daß er dir's hat ausgerichtet.«
Wir gingen wieder still nebeneinander hin. Bis in die Stadt. Das Hündlein watschelte vor uns her im Straßenstaub. Wir kamen zur Stelle, wo unsere Wege auseinandergingen. Da reichten wir uns schweigend die Hand. Und darauf sagte er es ganz leise und betrübt, als das letzte Wort: »Mir tut's halt leid.« --
Wenn ich nicht damit schließe, sondern noch etwas erzähle, was nach zehn oder zwölf Jahren erst eingetreten ist? Vielleicht will es ein Engel bekannt machen, daß für Menschenbrüder, die von einem unseligen Dämon auseinandergehalten werden und die doch wieder gerne beisammen wären, Rat zu finden ist.
Der Gidi Stadlhofer hatte längst schon Weib und Kind und sein Anwesen stand in Ansehen, als er eines Tages seinen Nachbar totschlug. Im Wirtshaus am Wasser war's. Die Leute hatten sehr viel getrunken. Der Elmischbauer, ein berüchtigter und vielbestrafter Raufbold, war da, schleuderte zuerst der Kellnerin ein unflätiges Schimpfwort zu und wiegelte alles auf, um dann mit dem Messer dreinzustechen. Da erfaßte der Gidi in der Küche einen eisernen Kochtopf und mit einem Hieb streckte er den Unfriedstifter zu Boden. Aus war's. Der Gidi gönnte sich nicht ein einziges Wort der Rechtfertigung. Das Weinen hörte man weitum, als er von seiner Familie Abschied nahm für mindestens acht Jahre. Aber nachher in der Kreisstadt die Herren meinten, so schlimm würde es nicht sein; wenn er Glück habe, so komme er mit zwei Jahren davon. Da kam auch der Advokat +Dr.+ Johann Stadlhofer und sagte: »Wenn ich Glück habe, so kriegt er auch die nicht!« und erbot sich zum Verteidiger. Seine Rede bei der Verhandlung wußte so überzeugend den braven Charakter des Angeklagten darzustellen und zu beweisen, daß gerade sein Gerechtigkeitssinn und sein Abscheu vor jeder verbrecherischen Gewalttat die Ursache seines Werkes gewesen sei, ein Werk, das in der Gegend nur als Befreiungstat, nicht als Verbrechen empfunden werde. Und die ganze Glut der Bruderliebe kam bei seiner Verteidigungsrede zum Ausdruck. Die Geschworenen haben den Gidi Stadlhofer freigesprochen.
Und war es allerdings an der Zeit, daß dieser zum Bruder ging mit dem Bekenntnisse, daß unter Umständen doch auch ein Advokat nicht zu verachten ist.
Der Bahnwächter.
In Karnburg hielt der Eilzug an. Der Stationsvorsteher eilte erschrocken herbei, denn der Eilzug hatte programmäßig nicht zu halten in Karnburg. Einem Abteil erster Klasse entstieg ein kleiner ältlicher Herr in dunklem Anzug; in seinem verwitterten Gesicht zuckten die Muskeln, und indem er dem Schaffner winkte, daß der Zug weiterfahre, rief er in kurzausgestoßenen Atemzügen dem Vorstande zu: »Wächterhaus Numero 180! Der Mann auf 180. Rufen Sie ihn sofort herbei!«
»Wir haben hier keine Telephonverbindung, Herr Oberinspektor. Ich will einen Arbeiter nach ihm schicken.«
Nach einer halben Stunde kam der Arbeiter von der Strecke zurück; schnaufend berichtete er: »Der Bahnwächter auf Numero 180 kann im Augenblick nicht ab, es fährt in wenigen Minuten der Postzug durch.«
»Er kann nicht ab?« sagte der Oberinspektor scharf und rieb sich das glattrasierte Kinn. »Ei, ei, er kann nicht ab -- der gewissenhafte Mann. Als aber der Schnellzug durchfuhr, da konnte er ab. Da konnte er ab! Ich sah es vom Fenster aus, wie der Mann den Zug Zug sein ließ und über die Wiese hin gegen die Weidenbüsche lief. Am Wächterhaus stand nicht eine Katze. Eine solche Gewissenlosigkeit ist mir seit dreißig Jahren nicht vorgekommen. So recht auffällig, wie aus reiner Bosheit, lief er vor dem durchfahrenden Zug davon in die Büsche hin. Und dann hat's die Direktion auf dem Buckel, wenn das Unglück geschieht. Ich werde kurzen Prozeß machen. Herr Vorstand, halten Sie einen provisorischen Wächter bereit.«
Mit schnellen Schritten ging der Erzürnte den Platz vor dem Bahnhofe hin und her. Der Postzug fuhr ein und nach kurzer Zeit wieder ab, und wenige Minuten später keuchte auf dem Bahnkörper der Gerufene heran. Sein Kleid war feucht und es schien, als klebe es stellenweise am Leibe.
Der Oberinspektor ging ihm rasch entgegen: »Sie sind der vom Wächterhause Numero 180?«
»Jawohl --«
»Der Herr Generalinspektor spricht mit Ihnen!« raunte ihm der ebenfalls herbeigeeilte Vorstand zu, worauf der Wächter eine ehrerbietige Verneigung machte.
»Wollen Sie mit ins Bureau kommen!« gebot der Inspektor und ging voraus. Und dort begann das Verhör.
»Wie heißen Sie?«
»Franz Heimgartner.«
»Sagen Sie, Heimgartner, wann fährt der Eilzug Numero 5 an ihrem Wachposten vorüber?«
»Nachmittags 3 Uhr 24 Minuten, Herr Oberinspektor.«
»Auch heute so?«
»Auch heute.«
»Waren Sie auf dem Posten, als er vorüberfuhr?«
Der Wächter blieb ein Weilchen ohne Antwort zu geben, aber nicht, weil er etwa nicht wußte, was zu sagen war, vielmehr um zu überlegen, wie das, was er vorzubringen hatte, gesagt werden müsse.
»Herr Oberinspektor,« sprach er dann, »ich weiß wohl, daß ich schwer gefehlt habe. Aber es war nicht anders möglich!«
»Es war nicht anders möglich?« wiederholte der Herr und dehnte die Worte zum Zeichen höchster Verblüffung.
»Jeder würde es an meiner Stelle getan haben, tun haben müssen,« sagte der Wächter.
»So! Na, da bin ich aber doch begierig zu erfahren, weshalb Sie davonlaufen ~mußten~, als der Eilzug herankam und Sie vorschriftsmäßig auf Ihrem Posten zu stehen hatten?«
Der Franz Heimgartner zerrte ein wenig so an seiner Mütze herum, dann begann er: »Es ist ja leicht einzusehen. Ein Kind, das ins Wasser gefallen war.«
»Ein Kind ins Wasser gefallen?«
»Schon seit Mittag sah ich auf der Wiese, vom Wächterhaus hin, einige Kinder von umliegenden Bauernhöfen herumlaufen. In den Büschen versteckten sie sich, kletterten auf die Weide und schaukelten. Wenn nur keines ins Wasser fällt! habe ich mir gedacht, unter den Weiden rinnt ja der Fluß. -- Weiter habe ich ihrer nicht geachtet, es ward der Eilzug signalisiert. Der rollte bald heran, und wie ich mit meinem Fähnlein mich an die Strecke stelle, lauft vom Flusse her ein Junge und schreit: Ins Wasser gefallen! Ich springe über den Bahnkörper, über die Wiese hin, durch das Gebüsch zum Wasser und sehe, wie ein Kind mit dem Baumast, an dem es sich noch gehalten, davonrinnt. Bei so was schwimmt der Mensch, auch wenn er's nicht gelernt hat. Mich hat's nicht schlecht gewundert, daß ich's kann und wie ich den Knaben heraußen auf dem Rasen habe. Er hat stark gesoffen gehabt und es gibt zu tun, bis er so weit bei sich ist. Derweil sind Leute gekommen und ich denke an meinen Zug. Mein Gott, wo ist mein Zug! Verunglückt, das sah ich, ist er auf meiner Strecke nicht, -- so war ich halt zufrieden.«
Der Oberinspektor hatte aufmerksam zugehört und nun sagte er ganz schlicht: »Also zufrieden waren Sie! Ich bin es aber nicht, daß Sie's nur wissen, und ich denke, daß Sie gestern Ihren letzten Dienst versehen haben, ~wenn~ es der Fall war. Denn heute haben Sie ihn nicht mehr versehen.«
»Aber eine Lebensrettung, Herr Oberinspektor!« wagte der Stationsvorstand einzuwenden.
Der Herr blickte diesen betroffen an. »Sie sagten: Eine Lebensrettung, Herr Stationsvorstand. Wissen Sie, wir nehmen auf unserer Strecke keine Beamten auf, damit sie allfälligen Rangen auf Feld und Flur das Leben retten. Wir haben sie, damit sie über das Leben derer wachen, welche sich unserer Eisenbahn anvertrauen. Während das eine Leben gerettet wurde, konnten ein paar hundert andere auf der Strecke verunglücken -- wie?«
»An das habe ich wohl nicht gedacht,« sagte der Bahnwächter.
»Es scheint! -- Was haben Sie denn gedacht?«
»Ich habe nichts gedacht. Ich habe nur gedacht: Jesus Maria, das Kind ist ins Wasser gefallen.«
»Ja sehen Sie. Wenn Sie in dem Augenblick, als ein vollbesetzter Zug herankommt und Ihre ganze Aufmerksamkeit heischt, nicht an den Zug denken, sondern an das, was draußen auf der Wiese fliegt und kriecht, da können wir Sie nicht brauchen. Das sehen Sie doch ein.«
»Ich sehe es ein, Herr Inspektor, ich habe schwer gefehlt; möchte aber halt doch bitten --«
»Sie sehen es ein und bereuen es?«
»Ich möchte halt wohl bitten, Herr Oberinspektor. Ich habe ja sonst meinen Dienst immer gewissenhaft verrichtet. Der Herr Stationsvorstand wird's auch sagen.«
»Er ist schon fünf Jahre auf dem Posten,« bestätigte der Vorstand, »und hat nicht den geringsten Vermerk.«
»Na, gut. Also Heimgartner, Sie bereuen es und versprechen heilig, daß dergleichen nicht mehr vorkommt?!«
Der Bahnwächter schwieg.
»Sie versprechen mir das, Heimgartner?«
Dieser zuckte die Achseln.
»Ich frage Sie, ob Sie das versprechen?«
»Mein Gott,« sagte der Bahnwächter mit schwankender Stimme, »wie kann man denn so was versprechen! Wenn halt ein Mensch in Todesgefahr ist und man kann zugreifen, so denkt man nicht erst: Soll ich das? Darf ich das? -- Man ~tut's~.«
»So. Man tut's, sagen Sie. Und werden Sie mit eigener Lebensgefahr auch einen Eisenbahnzug retten?«
»Da wird der Mensch auch nicht viel denken: Das ist deine Pflicht. Man tut's bloß. Und wenn ich ein Bauer bin auf dem Felde, oder ein Straßenvagabund, dem es strenge verboten ist, den Bahnkörper zu betreten; wenn ein Eisenbahnzug in Gefahr ist und ich kann beispringen, die Weiche richtig zu stellen, oder so was, so tu' ich's.«
Der Inspektor konnte schon nicht erwarten, bis der Wächter ausgeredet hatte. »Heimgartner,« sagte er, »für die Strecke sind Sie nicht zu brauchen. Sie stellen sich großmütig in den Dienst der Menschheit, wir aber müssen von unseren Leuten verlangen, daß sie sich in den Dienst unserer Bahn stellen. Dafür werden sie bezahlt, und nicht dafür, daß sie eine Rettungsgesellschaft für alle Welt bilden sollen. Mit der nächsten Post erhalten Sie den Laufpaß. Basta!«
Der Franz Heimgartner zuckte wieder die Achseln, verneigte sich und ging zur Tür hinaus.