Part 10
Er ist noch keine Viertelstunde unterwegs, als er den übrigen Schwall schon vergessen hat und nur noch an das Glück denkt, das sie bei der Mutter mit ihrem Geständnis einbringen wird. Dabei lallt er die sieben Worte immerzu; sie bilden eine Perlschnur, an der die beiden Frauen als die letzten angereiht sind -- bald werden sie eins weiter gerückt und in die Kette eingereiht sein -- ihm aber ist sie mit der Sorge in die Hand gelegt, daß die Perlen bei dem Wechsel der Vergangenheit in die Zukunft keinen Schaden nähmen. Was bin ich, und was wird aus mir werden? hat er ins Tagebuch seiner Frau eingeschrieben; aber auf die Anklage seines Leichtsinns hat das Gefühl der Vorsehung einen Segen gelegt, den er glücklich in den Lerchenmorgen hinein trägt: Was er ist, darauf haben die beiden Frauen in unübersehbaren Stunden Schätze der Liebe gehäuft. Und wenn er ein sinnloser Verschwender damit würde, es kann ihm nicht gelingen bis in den Tod, sie auszugeben! Als ihn kurz vor Brugg ein Bettler um Geld anspricht, bietet er ihm alles, was er in seiner Tasche findet, und geht glücklich weiter, ihm für eine Stunde um keinen Kreuzer voraus zu sein.
44.
Es ist auf lange Zeit der letzte reine Morgen für Heinrich Pestalozzi; denn noch am Nachmittag erfährt er, daß über seine Unternehmung die absprechendsten Gerüchte in Umlauf sind, sodaß der unvermutete Besuch der Schwiegermutter nachträglich eine unfreundliche Bedeutung erhält. Nicht lange danach, daß Anna wieder von Zürich zurück ist, erscheint auch der Bankier Schultheß im eigenen Reisewagen mit zwei Söhnen und einem Bedienten, die Grundlage seines Darlehens zu prüfen. Er will jedes Feld und die Art der Besserung sehen, das Haus mißt er selber mit dem Maßstab in den Fundamenten aus: er hat dabei eine Art, zornig den Kopf zu schütteln, aber das ist nur eine Angewohnheit des alten Herrn, und am Ende geht es wie mit der Schultheßin: die Stimmung bessert sich, und wie damals Anna fährt nun Heinrich Pestalozzi mit dem Besuch nach Zürich zurück.
Sie sind kaum fort, als Anna hört, daß der Bediente unterdessen seine eigenen Wege im Birrfeld gegangen ist, überall die Meinung aushorchend; auch bei dem Märki ist er gewesen: nach seinen boshaften Bemerkungen mit dem kläglichsten Ergebnis. Sie nimmt sich vor, es zu verschweigen, aber als Heinrich Pestalozzi nach einigen Tagen von Zürich zurückkommt, weiß er schon alles und wie das Urteil dieses Bedienten die Stimmung im Gewundenen Schwert macht. Noch am gleichen Tage gehen sie miteinander in den Letten hinauf, sich selber zu vergewissern, ob der tüchtige Stand der Felder doch nur eine Selbsttäuschung wäre. Sie finden die Esparsette auf den steinichten Ackern gut angesetzt, und auch die Krappflanzen lassen sich nicht übel an; aber die boshaften Worte des Bedienten werden damit nicht ausgewischt, und als Heinrich Pestalozzi gegen die Baustelle seines stolzen Hauses kommt, faßt ihn der Unwille so, daß er sich abwendet; gerade das ist von dem Bankherrn zu kostspielig gefunden worden. Schlimmer aber als alles ist ihm das Unkraut der Feindschaft, das der Bediente aus den Dörfern ans Licht getragen hat. Er schreibt zwar noch eine lange Darlegung an den Geldgeber, aber als Antwort kommt nach drei Tagen die unumwundene Mitteilung, daß er die Unternehmung als ruiniert ansehe.
Es ist Anfang Mai, als das geschieht, und für den Sommer trägt Anna ein Kind unter dem Herzen; die frohe Hoffnung seiner Geburt vermehrt nun die Sorgen dieser Tage. Es kommen zwar noch der Junker Meis und der Pfarrer Schinz als Sachverständige zur Prüfung; sie finden, daß mehr als eigentliches Mißgeschick die allgemeine Unkenntnis der bei Tschiffeli erlernten Neuerungen den vorwitzigen Herrenbauer bei den Leuten ins Gespött gebracht hat, und daß der Haß sich eher gegen s einen Ratgeber Märki als ihn selber richtet. Auch treten sie ihm mit Wärme bei in ihrem Gutachten; aber der Bankherr will wie alle Geldgeber das Gold wachsen sehen, Mitte Mai kündigt er die Gemeinschaft, und bevor Heinrich Pestalozzi seine Dinge ins Gehen bringen kann, sind ihnen die Beine schon abgeschnitten.
45.
Das Kind wird im August geboren; es ist ein Knabe, den sie Hans Jakob nennen. Obwohl der Bankherr noch einmal begütigt worden ist, weiß Heinrich Pestalozzi, daß sein Mißtrauen nur auf den günstigen Augenblick wartet, sich ganz zurückzuziehen. Die Sorgen und Kämpfe um die Rettung seiner Existenz haben ihn so täglich beansprucht, daß er mit Scham und Schrecken vor den Richterstuhl des Ereignisses kommt. Seine Mutter ist zur Pflege da; sie legt ihm das kleine Wesen, das aus dem Schoß der Geliebten ans Licht gebracht worden ist und erschrocken von dieser Reise mit seinem dünnen Stimmchen schreit, mit einem wissenden Lächeln in die Hände. Er vermag der Erschütterung nicht standzuhalten, gibt ihr in einer abergläubischen Furcht das Kissenbündel zurück und läuft in den sinkenden Sommertag hinaus. Seit seinem Unglück mit dem Bankherrn ist ihm zumute, als ob alles mißraten müsse, was seine Hände anfassen, und dies ist eine lebendige Seele.
Doch irrt er noch im Schatten seiner Bäume, als ihm eine Stimme aus dem Ungewissen Halt ruft: Ob er das Kind in seine Hände nimmt oder nicht, es bleibt sein Sohn, mit dem er gegen Gott und die Welt in eine neue Verantwortung getreten ist. Da gilt es andere Eigenschaften, als in feigem Aberglauben davon zu laufen. Indem er sich beschämt nach dem Haus zurück wendet, darin er sein Kind, seine Frau und seine Mutter in der Heiligkeit einer Menschengeburt verlassen hat, und in einem einzigen Aufblick die ewige Verantwortung seiner Vaterschaft fühlt, erkennt er auch, wie kläglich seine Sorgen und Kämpfe in den Monaten zuvor am Vergänglichen gehangen haben: Ein stolz gebautes Wohnhaus und blühende Kleefelder, Darlehen und Kaufbriefe sind keine Dinge, die vor Gott wichtig stehen; er ist ein Narr der Täglichkeiten geworden wie tausend andere und hat keine Zeit mehr für seine Seele gehabt, die sich darum furchtsam verkriechen wollte, wo etwas anderes als Geschäfte an sie kam.
Die Frauen fürchten sich fast, als er wieder zu ihnen in die Kammer tritt, so sehr ist sein Gesicht von Tränen überströmt; auch verstehen sie seine Gebärde nicht, wie er das Kind aus der Wiege nimmt. Er macht es nicht recht, und seine Mutter springt ihm bei, daß er kein Unheil anrichte mit den kleinen Gliedern; dann aber muß sie lächeln, wie er in seiner Ungeschicklichkeit dasteht, die beiden Arme vorgestreckt, das Kissen zu halten, darauf das Neugeborene mit seinem struppigen Kopf liegt. Er läßt sich ehrfürchtig nieder mit einem Knie, wie wenn er es darbringen wollte, steht auch nicht auf, als ihm die Mutter das Bündel vorsichtig wieder abnimmt und in die Wiege legt. Darin hast du auch gelegen, sagt sie scherzend, um ihn nicht zu erzürnen, und bringt die Wiege leise tuschelnd in Gang, weil das Knäbchen schon wieder weinen will. Heinrich Pestalozzi, den die Scham fast tötet, als Kind, Mann und Vater im Geheimnis der Zeugung entblößt zwischen den Frauen dazustehen, hört es nicht; erst als Anna ihn ängstlich bei Namen ruft, hebt er die Augen wieder in die Welt und sinkt weinend zu ihr hin, wie wenn er ihr ein Unrecht angetan hätte, daß er sie aus ihrer einsamen Jungfrauenschaft zu einer Mannesfrau und Mutter machte. Sie aber, die nur das Glück der Erlösung darin empfindet, streichelt ihm vielmals die schwarzen Haare, als ob er ihr Neugeborener wäre: Heiri, sagt sie, und ihre Stimme geht auf dem süßesten Grat der Liebe, nun muß unser Haus bald fertig sein!
46.
Die Größe und Kostspieligkeit des Wohnhauses ist von den Ratgebern des Bankherrn am meisten getadelt worden; aber Heinrich Pestalozzi hat nicht an ein notdürftiges Dasein gedacht, als er mit seinen landwirtschaftlichen Zukunftsplänen aufs Birrfeld kam. Nun er auf weitere Gelder nicht mehr rechnen kann, nimmt er dem Haus das obere Stockwerk fort und läßt das flache Zeltdach gleich auf die Steinmauern des Erdgeschosses stellen; es wird zwar etwas anderes als eine italienische Villa daraus, aber es kann noch vor dem Winter gedeckt Und zum Frühjahr eingerichtet werden.
Das unsichere Verhältnis mit dem Gewundenen Schwert schleppt sich indessen unter Mißtrauen und Vertröstungen über den Herbst hin, bis seine Freunde in Zürich ein Abkommen zustande bringen, wobei der Bankherr ein Ende mit Verlust dem Verlust ohne Ende vorzieht und angesichts der Schädigung, die sein Teilhaber durch diesen Rücktritt erleidet, unter Zurücklassung von fünftausend Gulden auf das Geschäft verzichtet. Das ist für Heinrich Pestalozzi, der seinen Dingen noch immer ihren Wert beimißt, zunächst kein übler Schluß der mißlichen Angelegenheit; aber aus den berittenen Plänen seiner Musterwirtschaft werden simple Fußgänger, er kann nicht mehr über Jahre zielen und muß aus der Hand in den Mund leben wie die andern auch. Für die Krappzucht hat sich der Boden als zu rauh gezeigt, dagegen steht die Esparsette ausnehmend gut und könnte Futter für manches Stück Vieh liefern; seine Freunde raten zur Sennerei, und er müßte weniger Federkraft haben, um nicht gleich mit beiden Füßen in das neue Arbeitsfeld hineinzuspringen. Noch über den Winter werden neben der Scheune die Stallungen angebaut, und als er zum Frühjahr auf Neuhof einzieht, brüllen schon die ersten Kühe darin.
Es ist ein verdrießliches Regenwetter, als sie den Umzug machen, und einmal bleibt der Wagen mit dem Hausrat so in dem aufgeweichten Landwege stecken, daß sie ihn mitten im Birrfeld bei schneeigem Schlagregen abladen müssen, wobei ein jedes Stück seine Himmelswäsche mitbekommt. Dafür ist es auch zum letztenmal, daß wir umziehen, sagt er zu Anna, die unterdessen mit dem Kind im Pfarrhaus Obdach gehabt hat, als er sie nachher abholt und ihr das Mißgeschick schildert. Sie lächelt wehmütig dazu, als ob sie dieser Sicherheit nicht traue. Doch geht sie tapfer mit, das Kind in Tüchern eingewickelt auf dem Arm, den Einzug auf Neuhof zu halten. Er schreitet sorglich nebenher und hält ihren Regenschirm, den sie in den Mädchentagen von einer Reise mitgebracht hat, über sie und das Kind. Er ist für die Bauern in Birr, die nur ihre Regentücher kennen, ein so absonderliches Gerät wie die ganze Landwirtschaft dieses Züricher Stadtherrn: so stehen sie in den Türen, wie die drei daherkommen; einige Buben laufen ihnen durch die Nässe nach, und weil ein Witzbold unter den Alten das Wort aufgebracht haben mag, rufen sie es zum Schimpf hinter ihm her. Heinrich Pestalozzi hört nicht darauf, weil ihn der Gang sehr bewegt; doch als sie schon das Dach vom Neuhof im Regen glänzen sehen, hält ihn Anna am Arm zurück und hat ein seliges Lächeln in den Augen: Achtest du denn gar nicht, was sie sagen? Sie rufen: die heilige Familie mit dem Regenschirm!
Er versteht ihre lächelnden Augen lange nicht und erschrickt, als er den Sinn erkennt, wie über eine Lästerung, sodaß auch ihr das Lächeln in den Augen untersinkt. Als sie das letzte Stück dann schweigend gegangen sind und vor das Haus treten, das er für sie und sich, auch für den Knaben auf ihrem Arm aus kühnen Hoffnungen in Sorgen hineingebaut hat, vermag sie nicht freudig über die Schwelle hineinzugehen und beugt sich mit dem Kind weinend an seine Brust, als ob dort eine bessere Heimat sei als in der Ungewißheit dieser Steine. Nun aber hat sich ihr Lächeln in ihm zur Glut entzündet; gleich einem Wanderstab hält er den zusammengeklappten Regenschirm in der Hand und ist noch einmal Jüngling seiner rauschhaften Stunden: Die Knaben haben recht; es mag wohl sein, daß wir dies bald verlassen müssen wie Joseph und Maria auf der Flucht. Drum laß uns, Liebe, nur zur Rast eintreten, weil es doch regnet. Vielleicht, daß morgen schon wieder die Sonne auf unsere Wanderung scheint!
47.
Heinrich Pestalozzi beginnt seine eigene Wirtschaft auf dem Neuhof mit ungefähr hundert Jucharten; doch liegen die einzeln gekauften Acker nicht beieinander; er muß vielfach über fremde Felder fahren, wenn er zu den eigenen will, und wiederum andere Bauern fahren ihm über die seinen. Das macht Verdrießlichkeiten, weil er sich nicht an ihre Dreifelderwirtschaft binden und die vorgeschriebenen Zeiten der Zelgenwege einhalten kann. So muß er darauf sehen, sein zerstreutes Gut durch Tausch und Kauf einheitlich abzurunden, Und ist bald in hundert Händeln. Der Metzger Märki spielt darin immer noch die Hauptfigur, er hat die nötigsten Stücke an sich gebracht, wie er sagt, um der Preistreiberei der Bauern zuvorzukommen; aber darum sind seine Forderungen nicht weniger gesalzen, und als es ihm gelingt, das gute Land in den Hummeläckern gegen ein steinichtes Feld in den Letten zu tauschen, das Heinrich Pestalozzi für sein Wegrecht nötig braucht, ohne Nachzahlung, obwohl es nur halb so groß ist: wird dieser Handel zum Wirtshausgespött im ganzen Birrfeld, um so mehr, als der Märki selber mit dem Gelächter hausieren geht.
Nachher wird dem schlauen Händler freilich die Haustür im Neuhof zugemacht; aber weil er wirtet und das halbe Dorf in der Fron hält mit Trinkschulden -- wie den Tanner, der den Nußbaum fällte -- hat Heinrich Pestalozzi einen gefährlichen Feind an ihm. Gleich nach seinem Einzug auf Neuhof ist er schon mit der Dorfgemeinde Birr in Streit gekommen um einen Pfad nach Brunegg, den sie ihm mitten über seine Äcker laufen. Es führt zwar auch ein Fahrweg gegen den Wald hinauf, aber in den Zeiten, da die Felder meist unbebaut gelegen haben, ist der schnurgerade Pfad eine Gewohnheit geworden, deren Beseitigung sie dem Herrenbauer verübeln. Er versucht es mit Dornruten und Verhauen: aber was für Hindernisse er auch am Tag baut, in dunkler Nacht werden sie hartnäckig wieder zerstört, bis er den Weg durch den Pfarrer ins Verbot legen läßt. Damit bringt er endlich sein Recht zur Geltung, aber die Gemeinde ist ihm seitdem übel gesinnt, und als er auch den Weidegang auf seinen Feldern öffentlich und rechtlich untersagen läßt, beruft sich die Bauernsame von Birr auf ihr besonderes Weidrecht und fordert auch die von Lupfig auf, dem neumodischen Herrenbauer auf Neuhof den Prozeß anzusagen. Obwohl die Lupfiger sich dessen weigern, gibt es einen langen Rechtshandel, der ihn die bäuerliche Verbissenheit in täglichen Molesten spüren läßt.
Endlich wird zwar durch obrigkeitliche Entscheidung das Weidgangsrecht auf seinen Feldern gegen einen jährlichen Bodenzins von einem Neutaler aufgehoben: aber gerade das setzt in den Köpfen der armen Tanner, die keine eigenen Matten haben und auf den Weidgang angewiesen sind, das Gefühl eines Unrechts fest, das ihnen von dem neuerungssüchtigen Herrenbauer angetan wird. Was durch seine anfängliche Handelsgemeinschaft mit dem Märki begonnen wurde, das wird nun durch dessen hinterhältige Feindschaft vollendet: die Armen, denen zu helfen die heimliche Hoffnung seiner Bauernschaft gewesen ist, hassen ihn als einen neuen Ausbeuter ihrer Not. Und da der Neuhof kein einsames Bauernhaus ist, sondern oft städtischen Besuch erhält, da namentlich Anna einen freundschaftlichen Verkehr mit den Frauen der umwohnenden Herrenleute unterhält, ist Heinrich Pestalozzi selber in die Rolle eines der Stadtherren gekommen, wie er sie in seiner hitzigen Jugend zu Höngg verabscheute; denn was für Sorgen und Nöte er unterdessen mit seiner Besitzung hat, das sehen die Armen bei ihm so wenig, wie er es damals sah.
Eines Nachmittags muß er eine Bekannte seiner Frau zum Pfarrer nach Birr zurück begleiten, wo sie auf Besuch ist. Sie kommt aus Zürich und ist mit dem Aufwand der städtischen Mode derart geputzt, daß die Kinder aus den Häusern kommen und einige ihr nachlaufen. Gleich hat sie einige Batzen zur Hand, die sie zum Spaß hinwirft: nicht anders, als ob Hühner nach hingestreutem Futter sprängen, sind sie augenblicklich in einer Balgerei, die gleich einem Ball von Staub und Geschrei über den Weg rollt. Andere laufen neugierig herzu, und da die Zürcherin sich den Spaß noch ein paar Batzen kosten läßt, vergrößert sich der balgende Knäuel, indessen die herzlose Person vor Lachen wie toll auf ihren zierlichen Stiefelchen herum springt. Bisher hat Heinrich Pestalozzi alles für unbedachten Übermut gehalten, aber als sie ihm mit schadenfrohen Augen entgegen tritt -- da haben Sie Ihr Volk, Herr Pestalozzi -- und lachend gegen das Pfarrhaus davonläuft, erkennt er, daß der unwürdige Auftritt sein Gespräch mit ihr beantworten und verhöhnen soll.
Der Zorn über ihre Herzlosigkeit macht ihn wild: Dann gehöre ich auch dazu! schreit er ihr nach und fährt mitten in die Balgerei. Das erste, was er ergreift, ist der Schopf eines stakigen Mädchens, das gerade über einen Vierjährigen herfällt, ihm seinen Batzen aus der Hand zu reißen. Ehe er noch selber weiß warum, hat er sie und ein halbes Dutzend der andren verwalkt und ihnen, soviel sie kratzen und beißen, die Batzen abgenommen. Einigen gelingt es, mit ihrer Beute davon zu laufen; die nichts haben, bleiben stehen, und als er das eroberte Geld überzählt, braucht er nur drei Batzen aus seiner Tasche hinzu zu legen und er hat für jeden einen: Hier ging Gewalt vor Recht, sagte er, nun aber steht Recht vor Gewalt! zählt jedem seinen Batzen aus, vom Kleinsten angefangen, und heißt sie heimlaufen. Die nichts gerafft hatten, denen ist es recht, die andern aber -- die ihr erobertes Eigentum aus seinen Händen verteilt sehen -- rufen mit mörderlichem Geschrei die Ihrigen zur Hilfe, sodaß Heinrich Pestalozzi froh ist, als er den letzten Batzen verteilt hat und sich heim wenden kann. Doch hängt sich das schreiende Gefolge an ihn, und einige Mütter, von ihren Kindern aufgeklärt, fordern drohend den Raub zurück. Unter Schimpfreden und Steinwürfen kommt er gegen den Neuhof, wo ihn Anna mit dem Knaben an der Hand erschrocken empfängt; denn nun erst nimmt er wahr, daß er im Gesicht und an den Händen von Kratzwunden blutet und mit seinen Kleidern durch den Staub gewälzt ist. In der folgenden Nacht geschieht es zum ersten Mal, daß ihm einige von seinen blitzblanken Fensterscheiben eingeworfen werden.
48.
Das Ergebnis dieser mißglückten Ausgleichung erschüttert Heinrich Pestalozzi ebenso tief wie der höhnische Anlaß, und tagelang vermag er nicht mehr an seine Dinge zu gehen, so mutlos wird er. Es ist nun schon das sechste Jahr, daß er sich müht mit der Landwirtschaft, und es ist nichts dabei heraus gekommen, als daß er sich und andere in Sorgen und Verluste gebracht hat; er sieht kein Ende, danach es anders werden könnte. Indessen gibt es solche Stadtfräuleins und solche Bettelbuben, als ob sie in der Welt sein müßten wie alles Gute auch, und aus allen seinen Plänen geschieht nichts, was etwas daran ändern könnte; denn selbst, wenn er zum Wohlstand seiner Träume käme: die Unfeinheit der einen und die häßliche Habgier der andern wäre damit doch nicht geändert. Wieder einmal erkennt er die Quellen allen Übels in der Natur des Einzelnen; und furchtsam sieht er auf seinen Knaben, der nun ins vierte Jahr geht und die ersten Anzeichen seiner Persönlichkeit nicht mehr verbirgt. Es ist sein Sohn, und schon meint er die eigenen Fehler an ihm zu sehen, seine Zerstreutheit, Unordnung und den unsteten Eigensinn. Namentlich die listigen Versuche des kindlichen Eigensinns besorgen ihn; es ist nicht anders, als ob der kleine Geist unausgesetzt eine Machtprobe gegen die Erwachsenen mache.
Unvermutet kommt Heinrich Pestalozzi in Eifer, an seinem Jaköbli den Schlichen und Trotzproben dieser kindlichen Willenskraft mit Experimenten nachzugehen, immer bemüht, die störenden Blätter beiseite zu biegen, damit der Kern aus sich selber wachsen könne. Er sieht erstaunt und betroffen zugleich, wieviel Schleichwege der kindliche Geist schon kennt, der Erziehung auszuweichen, und wievieler Strenge es bedarf, ihn dieser Schleichwege zu entwöhnen. Die Erinnerung an die eigene Jugendzeit macht seine Besorgnisse nicht geringer; denn nun meint er zu sehen, warum er selber solch ein im Wind der Gefühle schwankendes und von dem Rankenwerk wirrer Einfälle behangenes Gewächs geworden ist. Anna versucht ihm zu wehren, wo er dem Kleinen zu arg zusetzt; aber als der Winter gekommen ist, scheint es seinem entzündeten Eifer schon, als gäbe es nichts Dringlicheres für ihn und andere in der Welt, als diese Dinge in unausgesetzten Versuchen klar zu stellen; denn alles, was mit einem Menschen später auch geschähe: seine Kindheit bliebe die Wurzel seines Schicksals; wie die ins Erdreich finde, so wüchse es.
Als das Schwierigste erkennt er bald, die Wartung der kleinen Seele so zu halten, daß sie den Mut und die Freude nicht verliert; und es ist sein Knecht, der ihn auf diese Weisheit bringt. Denn als der das Jaköbli einmal in seiner Gegenwart einige Weisheiten sagen läßt, die er draußen am Bach mit ihm gelernt hat, und mit Vaterstolz fragt: ob der Knabe nicht ein gutes Gedächtnis habe? schüttelt der Knecht, der mit der kindlichen Munterkeit auf einem andern Fuß steht, traurig den Kopf: Das wohl, jedoch Ihr übertreibt es mit ihm! Und als er ihm betroffen sagt, das könne nicht wohl sein, weil das Jaköbli sonst sicher die Freude verlöre und furchtsam würde; dann hieße es natürlich, vorsichtig seinem Geist nachzugehen -- da richtet sich der Klaus von seinem Holzscheit auf, daraus er einen Schwengel schnitzen will, und die Freude steigt ihm ins ehrliche Gesicht: Ihr achtet also des Mutes und der Freude! Eben das hatte ich gefürchtet, daß Ihrs vergessen würdet!
O, Klaus, sagt Heinrich Pestalozzi da zu seinem Knecht, und der Schrecken mischt sich mit dem Glück über das Wort: alles Lernen wäre nicht einen Heller wert, wenn Mut und Freude dabei verloren gingen!
49.
Es ist zum erstenmal, daß Heinrich Pestalozzi sich selber als Entdecker fühlt; was er bis dahin auch getrieben hat, von seiner Jünglingsschriftstellerei bis zur Landwirtschaft, immer hat ein anderer das Tor aufgeschlossen: hier aber hält er den Schlüssel selbst in der Hand, und so scheint ihm auch die nebensächlichste Erfahrung seiner Erziehungsversuche wichtig genug, sie in einem besonderen Tagebuch wortwörtlich aufzuzeichnen.
Mit diesen Aufzeichnungen tritt er aber auch den Gedanken seiner Jugend wieder näher, und als im Frühjahr die Helvetische Gesellschaft ihre vierzehnte Tagung in Schinznach abhält, pilgert er hinüber, zum erstenmal im Kreis dieser Männer zu sein, die aus dem herrschsüchtigen Kantonsgeist wieder einer Eidgenossenschaft im Sinn der Väter zustreben. Da sieht er den greisen Ratschreiber Iselin aus Basel, dessen Gestalt als ein neuer Stauffacher in der jungen Schweiz ein sagenhaftes Vorbild ist, und all die andern Träger würdiger Namen. Er meint fast, noch einmal in der Gerwe zu sein, so werden die spartanischen Vorbilder seiner Jünglingszeit in einem Vortrag wach, den der Landvogt Tscharner von Wildenstein hält; aber während der Mann die Abhärtung des Körpers und der Seele als Losung gegen den weichlichen Luxus der Zeit ausgibt, fängt es in ihm selber anders an zu brennen: er denkt an die Scharen der Bettelkinder, und daß keinem Tanner auf dem Birrfeld mit einer solchen Losung gedient sei, die für die Herrenkinder und Stadtbürgersöhne allein gedacht ist. Er sieht die gepflegten Gesichter der Zuhörer, die aus der Sicherheit ihres Standes tapfer und begeistert sind, gegen den Luxus zu kämpfen, und kommt sich plötzlich als ein Fremdling der Armut unter ihnen vor: Es ist eine ältere Generation! will er sich trösten; aber als er am andern Nachmittag allein auf der Höhe bei Brunegg steht, wo der Blick zurück auf das saubere Bad Schinznach trifft, aber vor ihm in die armselige Breite des Birrfeldes geht, fühlt er die Scheidung der Menschlichkeit in arm und reich wie zwei feindliche Heerlager, dazwischen er selber als heimatloser Überläufer im Zwiespalt geblieben ist. Sein Jaköbli bekommt zwar danach manches von den spartanischen Vorschlägen des Landvogts zu spüren, aber ihn selber treibt sein Gefühl in andere Notwendigkeiten.
Unterdessen machen ein böses Frühjahr und ein trockener Sommer auch die Hoffnungen seiner Sennerei zunichte. Die ersten Viehkäufe hat ihm der Märki noch besorgt, und es sind nicht einmal die schlechtesten gewesen; als er sich selber in die Untiefen der Märkte wagt, stellt er oft genug den Dummen dar, den die Händler suchen. Auch hat die kostspielige Einrichtung Schulden auf ihn gelegt, deren Zins ihn schon in guten Zeiten drückte; nun selbst die Bauern mit fetteren Ländereien in Futternot geraten, sitzt er auf seinem steinichten Neuhof bald in der Dürre da. Ein Stück Vieh nach dem andern geht ihm fort, bis der Rest den Aufwand seiner Sennerei nicht mehr ertragen kann. Da er mit den Zinsen in Rückstand bleibt, werden die Gläubiger besorgt; als erst einer sein Kapital gekündigt hat, folgen die andern dem Beispiel, und so steht eines Tages Heinrich Pestalozzi zum zweitenmal vor der Not, daß ihm seine Besitzung versteigert wird.