Chapter 3 of 25 · 3832 words · ~19 min read

Part 3

Als Heinrich Pestalozzi mit dem fünfzehnten Jahr aus der Lateinschule übertritt in das sogenannte Collegium Humanitatis, das auch beim Chorherrngebäude des Großmünsters liegt, ist von seinen Knabenplänen nichts geblieben als die Verzagtheit, überhaupt einen Platz mit seinem Dasein in der Wirklichkeit zu finden. Da hilft ihm zum erstenmal seine Vaterstadt; indem er anfängt, die Dinge zu beobachten, wie sie außer dem Kreis seiner Sinne ihre eigenen wechselvollen Zustände haben, sieht er sich unerwartet vor ihre Vergangenheit gestellt. Diese Bastionen und Stadttürme, Kirchen und Brücken: das alles ist nicht immer so gewesen, wie es nun für seine Augen dasteht. Es ist die Erbschaft der Jahrhunderte -- wie die öffentlichen Einrichtungen der Zünfte, der Lehrschulen und Gottesdienste auch -- von Menschenhänden in den ewigen Kreislauf der Natur gestellt und von Menschen in der unaufhörlich ablaufenden Frist ihrer irdischen Gegenwart verändert. Noch bevor er Schüler vom alten Bodmer wird, der seit Jahrzehnten in Zürich helvetische Geschichte lehrt, verfällt er mit Eifer auf die Geschichte der stolzen Heimatstadt. Gerade weil sie ihm mit ihren finsteren Gassen nie so heimelig geworden ist wie das Land, und weil sein Gefühl sich so schwer zurechtfindet mit den Einrichtungen, die überall Ehrfurcht fordern und ihn bedrücken: sucht er hitzig nach der Herkunft aller dieser Dinge und Sitten, als ob es ihm so gelingen müßte, sein eigenes Gefühl aus der drohenden Ungewißheit in eine sichere Übereinstimmung mit der Heimat zu bringen.

So liest Heinrich Pestalozzi, der zwischen den Bürgersöhnen immer noch ein schmächtiges Gewächs und der Heiri Wunderli von Torliken ist, die mehr als tausendjährige Geschichte seiner Stadt: wie schon zu römischen Zeiten der Lindenhof ein befestigtes Kastell war und in den Märtyrern der thebäischen Legion, Felix und Regula, seine christlichen Schutzheiligen gewann; wie Karl der Große ihm seine geistlichen Stifte, das Großmünster und das Fraumünster, gab und eine Reichsvogtei das römische Kastell auf dem Lindenhof ablöste; wie es lange vor dem Eintritt in die Eidgenossenschaft reichsfrei und ein mächtiges Stadtwesen war, bis es durch Zwingli der Vorort der reformierten Christenheit wurde. Er liest von den berühmten Bürgermeistern der Stadt: von Bruns, dem ränkevollen Aufrührer der Innungen, der die Regierungen der Zünfte gegen die Geschlechter begründete und in der Züricher Mordnacht die von Rapperswil eingebrochenen Adeligen grausam unterwarf; von dem riesenhaften Stüssi, der um das Toggenburger Erbe den Krieg mit den Eidgenossen aufnahm und vor dem Stadttor an der Sihlbrücke fiel; von Hans Waldmann, dem Helden zu Murten, unter dessen Hand Zürich zum Vorort der ganzen Eidgenossenschaft wurde, bis er, von seinem eigenen Glanz verblendet, seinen Gegner, den Volkshelden Frischhans Theiling, hinrichten ließ und bei der Empörung der Seebauern selber den stolzen Hals aufs Schafott legen mußte. Er liest, wie sich die Bürgermeister um Geld an mächtige Fürsten verkauften, wie Zürich um seines Vorteiles willen mehrmals die Eidgenossen an die Österreicher verriet, und wie durch den Bundesvertrag mit Frankreich das Reislaufen der Eidgenossen ein bezahltes Handwerk wurde. Aber dann kommt Zwingli, der gegen diese wie andere Unsitten in Zürich ein Regiment schweizerischer Mannhaftigkeit aufrichtet und, obwohl er selber bei Kappel kläglich umkommt, Zürich zur evangelischen Glaubensburg macht. Aus dem ränkevollen Spiel der Jahrhunderte wächst ihm die Gestalt dieses Glaubenshelden zu einer Größe heraus, daneben die Figuren der Bürgermeister in den schwankenden Schatten böser Leidenschaften versinken.

Alle diese Dinge liest Heinrich Pestalozzi, wie ein anderer Zürcher Knabe die Geschichte seiner Vaterstadt auch gelesen hätte; aber unvermutet kommt eine Begebenheit, die seine eigene Herkunft angeht und danach lange den heimlichen Schlüssel seiner vaterländischen Gefühle abgibt: Zwingli ist seit vierundzwanzig Jahren tot, und überall haben die Evangelischen mit der katholischen Gegenreformation zu kämpfen; da ziehen an einem Mittag des Jahres 1555 einhundertsiebzehn Flüchtlinge in Zürich ein, ziemlich die ganze reformierte Gemeinde aus Locarno, die mit ihrem Pfarrer Beccaria über den schneebedeckten Bernardino und den Splügen, durch Lawinengefahr und die Frühjahrsschrecknisse der Via mala gewandert ist und in dem Nachfolger Zwinglis, dem Münsterpfarrer und eigentlichen Regenten von Zürich, Heinrich Bullinger, einen mannhaften Beschützer findet. Heinrich Pestalozzi weiß vom Großvater, daß seine Familie ursprünglich italienisch und um des Glaubens willen eingewandert ist: nun erkennt er die Umstände und wie tief er -- mütterlicherseits sogar ein direkter Abkömmling jener Flüchtlinge -- der Stadt Zürich verpflichtet ist. Zum andernmal wächst das Großmünster mächtig auf vor einem Gefühl, aber es ist kein Grauen mehr; er sieht die beiden Türme als reisige Wächter seines Glaubens die Stadt behüten, und wenn nun Sonntags die mächtigen Glocken darin läuten, ist es der Schlachtgesang Zwinglis und seiner Getreuen, die für das Evangelium hinaus reiten in den Tod.

15.

Seitdem sich Heinrich Pestalozzi selber als einen Schützling dieser mächtigen Stadt erkannte, mag er einsam durch ihre Straßen gehen und sich allein von solchem Gang beglückt fühlen: Es braucht nur ein Hufschmied zu hämmern, und schon hört er Schwertschlag auf stählerne Panzer, und wenn er Sonntags mit der Gemeinde in den hohen Münsterhallen singt, beim Donnerschall der Orgel, wenn er den Prediger das Buch vom Altar nehmen sieht, wie es Zwingli an derselben Stelle genommen hat, mischt sich mit dem ehrfürchtigen Grauen der Stolz und Dank seiner von unbändigen Erinnerungen erfüllten Seele. Er weiß nun, was es bedeutet, daß der steinerne Karl außen hoch am Münsterturm das Schwert flach auf den Knien hält und warum auf den Brunnen die reisigen Männer stehen. Als er einmal mit in die Zwölfbotenkapelle unter dem Großmünster hinunter darf, läuft er nachher wohl eine Stunde lang weinend vor Glück an der Limmat hin.

Es ist, als ob er nun die Stadt erst sehe, in der er aufgewachsen ist; und wenn er durch eine der alten Porten hinaus geht, die noch immer wehrhaft dastehen, obwohl draußen die wohlgerüsteten neuen Bastionen sind, kann es ihm ängstlich werden, die schützende Grenze zu überschreiten. Der schwarze Pfahlwall im See am Grendel, der mit der Dunkelheit die Schifffahrt absperrt, der Wellenbergturm mitten in der Strömung, das mit mächtigen Quadern ins Wasser vorgebaute Rathaus, die stattlichen Zunfthäuser und der breitbedachte Rüden am Stücklimärt, wo immer noch die Constafel, die Geschlechter, tagen, das Haus zum Königstuhl mit seinem derb vorgebauten Erker, darin der Bürgermeister Stüssi gewohnt hat, oder das Haus zum Loch, mit seltsamen Sagen dem großen Kaiser Karl verknüpft: jeder Stein der Stadt wird mit dem Bewußtsein der Geschichte lebendig, die daran gebaut hat.

Auch empfindet er nun, daß es etwas anderes ist, ob der Antistes von Zürich durch die Straßen geht, oder ob sein Großvater von Höngg zu einer Besorgung herein kommt; und als er erst einmal in der Wasserkirche gewesen ist, wo die alte Bibliothek der Stadt in zwei Galerien eingebaut steht und mit den alten Ölbildern an den Wänden gleichsam das Uhrwerk ihrer geistigen Geschichte darstellt, wird der stille Saal für ihn ein Raum mancher heimlichen Feier. Von hier aus beginnt er mit Stolz nach den Männern zu sehen, die zum Ruhm und Vorbild der Bürgerschaft leben, und wenn er nun den greisen Bodmer daherkommen sieht, fühlt er: es ist mehr als ein Professor der helvetischen Geschichte, es ist der Geist dieser tapferen Geschichte selber, der unter seinen buschigen Augenbrauen in die Gegenwart blitzt.

16.

In dieser Zeit fängt Heinrich Pestalozzi auch an, Kameraden zu bekommen; er ist den Wunderlichkeiten des alten Babeli entwachsen, und so sehr die Gute schilt, wenn seine Kleider bei einer unnützen Kletterei an der Stadtmauer oder sonst Schaden genommen haben: er ist zu lange in ihrer Stubenhaft gewesen, um nicht mit Ausgelassenheit die Freiheit solcher Streifereien zu genießen. Sogar reiten lernt er, als wieder einmal der Vetter Weber aus Leipzig für einige Zeit in Zürich auf Geschäften ist und ihm eins von seinen Rossen leiht. Es geht ihm immer noch wie damals bei dem Großvater in der Kalesche, er kann nicht mit dem Gaul übereinkommen, hält sich an den Zügeln fest, als ob es Rettungsseile wären, und macht das arme Tier einmal am Hottinger Pörtchen so wild, daß es auf der Holzbrücke anfängt, Männchen zu machen, und ihn beinahe über das Geländer in den Stadtgraben hinunter wirft. Schon läuft der Torwächter erschrocken hinzu, und die Spaziergänger flüchten sich; irgendwie aber bleibt er doch noch im Sattel hängen, das Pferd zieht es vor, den Stall zu suchen, und er widerstrebt ihm nicht, obwohl er dabei seine Mütze verliert und nicht gerade eine Reiterfigur macht.

Schlimmer geht es ihm jenes Mal, als er an einem Sonntagnachmittag mit einigen Kameraden in einem Weidling nach Wollishofen hinausgerudert ist und nachher wieder heim will. Sie sind nach Knabenart laut gewesen, haben Schweizerlieder gesungen und in dem schwanken Schiff ihre Katzbalgereien gehabt, als ob ihnen garnichts Schlimmes begegnen könnte. Beim Einsteigen aber, als sie noch mitten im Gelächter sind, kommt er mit dem einen Fuß nicht vom Landungssteg los, während er den anderen schon auf den Rand gesetzt hat. Durch den Ruck weicht das Schiff unter ihm fort, bis seine Beine zu kurz für die Spannung sind und er kopfüber in den See kippt. Er kann nicht schwimmen; das Wasser ist ihm immer unvertraut gewesen, und nur dadurch, daß die andern ihm schnell das Ruder hinhalten, als er mit zappelnden Armen hoch kommt, ertrinkt er nicht. Sie schleppen ihn daran wie einen gefangenen Fisch gegen das Ufer zurück, wo sie ihn diesmal mit größerer Vorsicht ins Boot holen wollen. Er mag aber nicht mehr, verschlägt sich unter den Scherzen der andern seitwärts an eine durch Büsche geschützte Uferstelle und trocknet da seine Kleider in der Sonne. Das dauert einige Stunden, während die andern wieder ihre Tollheiten in dem Kahn machen und ihn schließlich, seine Feigheit verhöhnend, im Stich lassen. Daß seine Kleider naß geworden sind, macht ihm nichts aus bei der Sonne; auch ist er so rasch wieder oben gewesen, daß er gleich mit den andern dazu gelacht hat: nun er aber allein so am Wasser sitzt, das auf eine gierige Art ans Ufer schwappt, fängt das Erlebnis an, ihn schwermütig zu machen. Er hat, als er untersank, für einen Augenblick die Augen der Mutter dicht vor den seinen gesehen, und den Großvater dahinter, wie er ihm die Hand auf die Schultern legte: nun hört er das übermütige Geschrei der Knaben vom See und kann nicht begreifen, daß er selber dabei war. Es wäre nichts als ein unnützer Knabe gewesen, den das Wasser an ihm verschluckt hätte; weil aber nichts so heftig in seiner Seele aufbegehrt als der Ehrgeiz, sich selber wert zu halten und es den großen Männern seiner Stadt einmal gleich zu tun, werden für Heinrich Pestalozzi die beiden Nachmittagsstunden, während er am See bei Wollishofen in der Sonne sitzt, zu einem Selbstgericht, wo ein beschämter Jüngling die Kleider halbtrocken wieder anzieht, die sich der Knabe naß vom Leib gerissen hat.

Stärker als damals in Höngg vor der Tür des Ernst Luginbühl ist das Gefühl eines eitlen und selbstgefälligen Daseins in ihm. Mit all seinem Selbstbewußtsein, mit seinen Vergangenheitsträumen und spintisierten Taten ist er doch nur ein Schüler, nach dem niemand fragt, als die, denen er mit seinen Großsprechereien zuleide ist. Seine Auflehnung gegen die Ungerechtigkeit der Lehrer, wenn der Kantor betrunken in die Singstunde kommt oder der Provisor Weber -- der selbe, der sich einmal eine Laus vom Kopfe nahm und ihm auf dem Papier zerknickte -- dem Ludwig Hirzel vom Schneeberg ein paar Fehler übersieht, weil dessen Eltern ihm eine Metzgeten ins Haus geschickt haben; sein ganzes Weltverbesserertum setzt er nun gegen die Unfähigkeit, mit sechzehn Jahren sich selber und seine Kleider in Ordnung zu halten oder einen Heller zu haben, den er seiner Mutter nicht abgebettelt hat, als ob die ganze Schöpfung nur da wäre, einem Schulknaben nach seinen Einfällen und Sinnen gefällig zu sein.

Freilich, als er dann sucht, wie er seine unnützen Beine unter dem Tisch der Mutter fortbringen könne, findet er nichts als die Kaufmannschaft, dahinein sie schon im Frühjahr nicht ohne Tränen den Johann Baptista getan hat. Ihr zuliebe muß er die Schule durchhalten; so ist es unvermutet doch wieder der Zirkel solcher unnützen Schülerschaft, darin er seine Jugend gebunden sieht. Trotzdem, als er im späten Nachmittag allein gegen Zürich geht, fröstelnd von den nicht völlig trockenen Kleidern, ist es ihm, als ginge er nun wirklich in den großen Schritten des Vaters, die er als kleiner Knabe so gern versucht hat. Er mochte sich kein Gelöbnis geben, und auch diesmal sind die Kreise seiner Gedanken gleich dem Ringelspiel um die Steine verlaufen, die er draußen in den See warf: doch geht eine Sicherheit mit ihm, als läge sein unnützes Knabentum noch mit den Kleidern auf einem Häufchen im warmen Uferschilf. Weil aber doch für einen Augenblick der Tod an seine Natur gerührt hat, ist die heimliche Lust des Lebens in ihm, die -- wie er danach noch tiefer erfahren soll -- durch nichts so sehr als durch das Grauen des Todes angeregt wird.

17.

Heinrich Pestalozzi ist im Januar siebzehnjährig geworden, als er zum Frühjahr ins Collegium Carolinum eintritt. Er weiß, daß er für keinen schlechten Kopf gilt, wenngleich er bis zuletzt als ein unordentlicher und zerstreuter Schüler gescholten worden ist: nun liegt die Zeit der Abrichtung hinter ihm, und er steht als Student zu Hause wie vor den Mitbürgern mit dem Stolz da, endlich auf die Wissenschaften selber zu zielen. Wo Bodmer helvetische Geschichte lehrt und Breitinger außer den alten Sprachen Philosophie, da hat die Schulmeisterei ihr Ende; das sind Männer, um die er Zürich von halb Europa beneidet weiß, und zu denen weither die Berühmtheiten angereist kommen. Namentlich Bodmer mit seiner vaterländischen Begeisterung, der auch als Mitglied des großen Rates in Zürich selber in die Regierung eingreift, ist das Ziel seiner Verehrung. Der ist damals noch nicht der schrullenhafte Greis, trotz seiner fünfundsechzig Jahre behend und rasch mit der trefflichen Rede. Unter seinen Zuhörern zu sitzen, bedeutet für Heinrich Pestalozzi, in die geistige Gemeinschaft seiner Stadt eingetreten zu sein; und als es ihm zum erstenmal gelingt, einige Worte mit ihm zu sprechen, erzählt er nachher der Mutter und dem Bärbel glückselig von der Begegnung. Die Mutter, wie immer, hört mit leiser Trauer zu; das Bärbel aber, das nun schon vierzehnjährig mit seinen Italieneraugen ein zärtliches Kind vorstellt, ist stolz auf den großen Bruder.

Heinrich Pestalozzi spürt seit dem ersten Tage, daß ihm die Zeitumstände einen günstigen Wind in sein Studium bringen; tagtäglich kann er neue Segel aufziehen, und wenn er sein Lebensschiff in dieser ersten Studentenzeit aufmalen könnte, wäre es von der Mastspitze bis zum Steuer bewimpelt.

Aus Frankreich ist die Nachricht von einem Buch gekommen, das einen Schweizer, den Genfer Uhrmacherssohn Jean Jacques Rousseau, zum Verfasser hat und im Auftrag des Parlaments in Paris vom Henker zerrissen und verbrannt worden ist; auch der Magistrat in Genf hat das Buch verdammt, und so gibt es wenige, die seinen Inhalt wirklich kennen. Aber als ob aus den Flammen des Henkers Funken fortgeweht wären, nistet sich der Brand allerorten ein, sodaß die Wirkung des »Emil« -- wie das Buch heißt -- ihm in hitzigen Gesprächen vorausläuft, besonders da, wo die übrigen Schriften des welschen Schweizers seine Naturreligion schon verbreitet haben. Heinrich Pestalozzi kann nicht daran denken, so bald ein Exemplar dieses Buches zu erhalten, wohl aber bekommt er seine Wirkung zu spüren. Er war eben aus der Lateinschule gekommen, da haben die neun Schweizer, durch Iselin in Basel gerufen, ihre Freundschaftsfahrt nach Schinznach gemacht, die helvetische Gesellschaft zu gründen. Auch ein Zürcher, Hans Kaspar Hirzel, ist dabei gewesen, und obwohl die Gestrengen Herren im nächsten Jahr die Teilnahme an den Verhandlungen in Schinznach als staatsgefährlich verboten haben, weiß er wohl, daß ihrer sieben heimlich dort gewesen sind; und er entsinnt sich noch, mit welchen Augen selbst die Knaben in der Schule davon sprachen, als ob Schinznach ein neues Rütli für die Eidgenossenschaft wäre gegen den gewalttätigen Herrschaftsgeist der einzelnen Kantone. Und nun kommt der Tag, wo der alte Bodmer das Licht öffentlich aufsteckt, das bis dahin nur mit Tüchern verhüllt heimlich von Haus zu Haus getragen worden ist; wo er als der einzige in Zürich, der die Geltung und den Freimut zugleich besitzt, dergleichen zu wagen, die helvetische Gesellschaft zur Gerwe einrichtet.

Als Heinrich Pestalozzi sich mit andern Studenten vor den Anschlag drängt, der den Arbeitsplan der Gesellschaft kundgibt, kommt zufällig Bodmer mit zwei jungen Männern daher, die schon die Kleidung der zukünftigen Geistlichkeit tragen und aus Respekt vor dem Professor, obwohl er freundschaftlich mit ihnen spricht, die Hüte in der Hand halten. Die beiden sind ziemlich allen bekannt als die Predigtamtskandidaten Bluntschli und Lavater, die dem alten Herrn eifrig zu Diensten und auch bei der Gründung der neuen Gesellschaft seine Handlanger sind. Sie verziehen keine Miene ihrer feierlichen Gesichter, als sie vorübergehen; Bodmer aber bleibt seiner scherzhaften Laune folgend stehen, und weil er zufällig an Heinrich Pestalozzi gerät, tippt er ihm mit dem Zeigefinger leicht auf die Brust: ob er Lust zur Mitarbeit habe? Die Frage scheint nicht weiter gemeint, der alte Herr wartet auch gar keine Antwort ab und geht mit den schwarzen Pagen zur Münstertreppe hinunter: aber darum hat er ihm doch mit dem Finger ans Herz gerührt. Er wäre auch sonst glücklich gewesen, mit bei dieser Sache zu sein, die aus seinen glühenden Wünschen gemacht scheint; nun aber sind seinem Ehrgeiz Hoffnungen geweckt, die er sich selber wie eine Fahne aufrollt.

Der schwarze Pestaluz wird Tambour! höhnt ein Bürgersohn, den die Bevorzugung ärgert, und die andern lachen dazu, als ob sie ihn schon trommeln hören; er aber ist viel zu erregt, darauf zu achten, und noch als er zu Hause die Treppe hinaufgeht, spürt er die Stelle, wo ihm der Bodmer genau auf das Herz getippt hat.

18.

Die Gesellschaft heißt zur Gerwe, weil ihre Versammlungen im Zunfthaus der Gerber abgehalten werden, das unterhalb des Rathauses über die Limmat hinaus gebaut ist. Als Heinrich Pestalozzi zum erstenmal hinkommt, ist noch niemand da, weil seine Ungeduld sich verfrüht hat; so wird er von einigen Männern, die nach ihm eintreten, um eine Auskunft angesprochen und gerät dadurch gleich anfangs in die Stellung eines Vertrauten, der mehr von dieser Sache weiß, um so mehr als Bodmer nachher der Versammlung scherzhaft ankündigt, daß sie es einmal mit der umgedrehten Welt versuchen und der Jugend das Wort lassen wollten, indessen sie, die Alten, diesmal nur das Parterre im Theater wären. Es mögen an die hundert Personen in dem getäfelten Saal sein, wie Heinrich Pestalozzi an der Begrüßung merkt, zumeist Schüler Bodmers, der seit vierzig Jahren vaterländische Geschichte in Zürich liest und schon der Lehrer einiger Graubärte gewesen ist, die nun als begeisterte Eidgenossen in seine Studiengesellschaft eintreten. Den ersten Vortrag hält der Kandidat Bluntschli; er liest ihn mit einer Stimme, die beinern vor Erregung ist, und das Papier zittert ihm so in den Händen, daß ein Blatt mitten durch reißt. Auch seine Worte sind so, sie handeln von den Grundsätzen der politischen Glückseligkeit, und wie Heinrich Pestalozzi den blassen, schon durch die Schwindsucht gezeichneten Menschen von den politischen Einrichtungen Zwinglis sprechen hört, glaubt er den Reformator fast selber zu sehen, so erfüllt ist dieser Kandidat von der unbeugsamen Sittlichkeit seiner Gedanken.

Nachher gibt es eine Aussprache, und nun spürt Heinrich Pestalozzi, daß dies mehr sein soll und ist, als eine Studiengesellschaft der vaterländischen Geschichte. Einer der Männer, die ihn zu Anfang angesprochen haben, nimmt auch das Wort, und es ist schon ein Zeichen selbständiger Gesinnung, wie er mit seinem braunen Vollbart gegen die rasierten Gesichter der modischen Herren steht. Er bringt die Rede auf den Landvogt Grebel in Grüningen, der in seiner sechsjährigen Amtszeit mehr ein Räuber als eine Obrigkeit im Sinne Zwinglis gewesen sei und nur deshalb seinen Raub trotz aller Klagen des Landvolks behalten könne, weil er der Eidam des Bürgermeisters wäre. Obwohl der alte Bodmer sichtlich erschrocken die harten Worte mit erhobenen Händen abwehrt, muß er sie wieder sinken lassen; denn aus der Versammlung bricht die Empörung über die allbekannten Greuel des leichtfertigen und bösen Mannes in solchen Zurufen aus, als ob sie sich alle nur deshalb in der Gerwe vereinigt hätten. Bodmer weiß zwar die Erregung mit klugem Bedacht wieder auf eine Aussprache zurückzulenken, aber die Worte, die nun kommen, sind anders, als die vorher waren: als ob sie auf einem Wasser hingerissen würden, so vergeht der einzelne Schall, aber die stark strömende Flut der Erregung bleibt.

Heinrich Pestalozzi fühlt sich aus seinem jünglinghaften Träumerdasein mitten ins Leben versetzt; er könnte die Worte des bärtigen Mannes aus dem Gedächtnis sagen, so sind es Hammerschläge auf sein Herz gewesen, und als es zum Schluß noch ein erregtes Zwiegespräch mit dem Bluntschli gibt, steht er im Rausch dabei: Der Kandidat ist mit der Anwendung seiner Grundsätze nicht einverstanden; weil er aber nur abzulesen, nicht frei zu sprechen vermag, hat er dem braunen Mann vor der Versammlung nicht entgegnen können; nun, wo die meisten, auch Bodmer, schon gegangen sind, gerät sein zu lange verhaltener Widerspruch in Zorn, sodaß es fast einen Streit gibt. Der andere aber, der vorher so scharf gewesen ist, weiß nun den Humor des Älteren herauszukehren, sodaß sie zuletzt noch friedlich mit einander auf die Gasse kommen. Heinrich Pestalozzi hätte längst heim gemußt, er kann sich aber nicht von den andern lösen, solange derartige Dinge in den Worten sind; so geht er treulich noch am nächtlichen Limmatufer mit den andern hinauf und befindet sich, als es unvermutet eine Abschiedsecke gibt, zu seiner eigenen Verwunderung mit dem Kandidaten allein.

Der in seiner gereizten Stimmung ist augenscheinlich froh, noch einen Zuhörer für seine zornigen Gedanken zu haben. Vielemal läuft er mit ihm disputierend am Wasser auf und ab, auf dem der Mond sein Silberlicht in einen ruhelosen Abgrund schüttet: Er habe die Grundlage der sittlichen Bürgerordnung, nicht den Aufruhr stipulieren wollen, sagt der Kandidat, und obwohl Heinrich Pestalozzi seine Freude an dem braunbärtigen Manne gehabt hat, folgt er dem Aufgeregten in seine Welt. Es tut ihm wohl, von dem Älteren so gewürdigt zu werden, und als er endlich allein -- vom Nachtwächter verscheucht -- zum Roten Gatter hinaufgeht, geben die einstürmenden Erinnerungen aus der Stadtgeschichte nur noch die Begleitung zu seiner fast trunkenen Melodie, daß er nun mit beiden Füßen in das Gemeinleben der Stadt eingetreten sei und daß er an dem Kandidaten einen Bekannten gewonnen habe, von dessen entschiedenen Meinungen er sich manches für seine eigene Zukunft erhoffen dürfe.

19.

In der Folge sorgt Heinrich Pestalozzi, daß ihn der Bluntschli nicht wieder aus den Augen verliert. Er weiß, wie der unbemittelte Sohn eines Steinmetzen es gleich ihm nicht leicht hat zwischen den reichen Bürgersöhnen, aber um seines Fleißes und der jungmännlichen Strenge willen mit besonderen Hoffnungen betrachtet wird. Wen der Bluntschli von den Studenten seines Umgangs würdigt, der ist damit schon etwas Besonderes; obwohl er den unfröhlichen Menschen bisher nicht günstig angesehen hat, überläßt sich Heinrich Pestalozzi nun willig seiner Führung, weil sein Ehrgeiz in dieser Gefolgschaft schneller einen Weg in die Lebensdinge zu finden hofft, als auf dem Umweg der Schule.

Es dauert auch nicht lange, so darf er ihn besuchen im Zunfthaus zu den Zimmerleuten, wo sein Vater Stubenverwalter ist. Er spürt wohl, daß der Bluntschli einen herrschsüchtigen Hang hat und seinen Freunden strengere Pflichten auferlegt, als es einem Lehrer gestattet würde; aber weil er selber in einen fanatischen Lerneifer geraten ist, sodaß er nicht essen kann, ohne daß noch ein Buch neben dem Teller liegt, ist ihm die Strenge recht.