Part 21
Als sie dann aber gegen Münchenbuchsee kommen und die wenigen Zöglinge, die nicht in Ferien sind, unter Toblers Leitung mit einem Schweizerlied anmarschieren, hält seitwärts ein Reiter, als ob die kleine Truppe ein Vorposten seines Regiments wäre; es ist Fellenberg, der nach der jubelnden Begrüßung respektvoll herzu reitet: auch er habe den Nachbarn nicht unbegrüßt einziehen lassen wollen! Er bleibt nicht auf seinem stolzen Gaul sitzen, als er das sagt; aber gerade, wie er vom Pferd springt und seine hohe Gestalt beugt, ihn zu umarmen, wird der Unterschied zwischen dem gepflegten Aristokraten und dem ärmlichen Greis so deutlich, daß Niederer für seinen Meister gekränkt beiseite geht. Auch Heinrich Pestalozzi ist durch die Umstände dieser Begrüßung verstimmt: Wir sind zu nahe an den Schloßherrn von Hofwyl geraten, sagt er nachher zu Tobler, nun reitet er schon auf seinem Vorwerk herum!
Er bemerkt nicht, daß Tobler betreten schweigt, so sehr bewegt ihn die Sorgfalt, mit der die geborene Fröhlich schon Ordnung in die neue Wirtschaft gebracht hat: Du bist die Schwalbenmutter, scherzt er zu ihr, wir sperren die hungrigen Schnäbel auf, und du hast immer etwas hineinzutun. Tobler schweigt zum zweitenmal; er weiß, daß ihre Haushaltungskünste allein es nicht vermocht hätten, der Anstalt einen so guten Abgang aus Burgdorf zu sichern, und daß die Sorge vor den Gläubigern manche Woche auf Pestalozzi gelegen hat, bevor sich alles unerwartet löste; er weiß auch, wie diese Lösung zustande kam, und er ist mit Muralt, seinem Mitverschworenen, fest entschlossen, den Meister endlich aus allen wirtschaftlichen Sorgen zu befreien. Noch muß er die Rückkehr des andern abwarten, aber als die kurzen Ferien vorüber sind und von allen Seiten die Vögel wieder zufliegen, der melancholischen Gegend zum Trotz in Münchenbuchsee ihr Geschwärm wieder zu beginnen, gehen die beiden entschlossen ans Werk: Wenn die Anstalt in Burgdorf zuletzt nur noch mit Mühe zu halten war, steht sie hier, wo sie sich ohne Zuschüsse der Regierung ganz aus sich selber erhalten muß, nur an der Schwelle neuer Schwierigkeiten. Sie haben die Ordnung in Hofwyl gesehen, und da sie die Verehrung Fellenbergs für den Verfasser von Lienhard und Gertrud kennen, ist es ihr Plan, die wirtschaftliche Leitung der Anstalt in die festen Hände dieses Mannes zu legen, um Heinrich Pestalozzi für seine wertvolleren Dinge unabhängig zu machen. Nichts als treue Liebe führt sie auf diesen Weg, an dem die Sorge, ihn nicht zu verletzen, die Meilensteine setzt.
Mit vorsichtigen Andeutungen und Besuchen in Hofwyl, mit Besorgnissen über die ungewisse Zukunft, mit Mahnungen an sein Alter und was er der Methode noch schuldig sei, bringen sie ihn endlich zu einer Zusammenkunft mit Fellenberg. Sie findet, damit der Boden neutral sei, unter einer Linde statt, die ziemlich in der Mitte zwischen Hofwyl und Buchsee mit einer alten Steinbank steht. Fellenberg kommt diesmal nicht geritten, doch trägt er die Reitgerte in der Hand, und zwei Hunde kläffen ihm vorauf. Heinrich Pestalozzi hat um so weniger eigensinnig scheinen wollen, als Muralt und Tobler die Vertrauten Annas unter den Gehilfen sind; er sieht dem Mann mit der Reitgerte und den Hunden nicht einmal mißmutig entgegen, da er sich seiner Sache sicherer fühlt, als seine Harmlosigkeit merken läßt. Aber wie sie dann anfangen zu sprechen, sind es drei gegen ihn, und jedes Wort wird so sorgsam auf die Goldwage seiner Empfindlichkeit gelegt, daß er unmöglich hart und abweisend gegen soviel treue Vorsorglichkeit werden kann: Es ist ein Dachsfang, wo ich alter Kerl in die Sonne gelockt werden soll, denkt er und läßt sie sprechen, bis dem blassen Tobler die Schweißperlen auf der Stirn stehen und Muralt verzweifelt die Hände reibt. Nur der selbstsichere Fellenberg verliert die Zuversicht nicht und entfaltet ein Papier aus der Brusttasche: ob er ihm einmal den Entwurf einer Übereinkunft vorlesen dürfe? Heinrich Pestalozzi hat nie recht zuhören können, wenn einer etwas aus einer Schrift vorlas; er läßt die Worte fließen und fühlt fast, wie sie an seinem Rock heruntertropfen. Zum Schluß nimmt er die Handschrift, in keiner andern Absicht, als den dreien die Enttäuschung nicht zu fühlbar zu machen. Wie dann aber seine Augen, fast so taub wie vorher seine Ohren, über die Buchstaben laufen, tut es ihm unvermutet einen Stich zwischen die Rippen: Haben wir nicht heute den fünfzehnten Juli? fragt er und bringt den Zeigefinger nicht von dem Datum fort, das am Schluß steht. Beschlossen auf den ersten Juli 1804. Sie wollen ihm erklären, daß dies nur um des Semesters willen so zurückgeschrieben sei; aber seine Gedanken sind schon Milch auf dem Feuer: er reißt den Schriftsatz in zwei Fahnen und wirft sie den Hunden hin, die ihn sofort anbellen und ihm, als er die bestürzten Mienen und beruhigenden Worte abwehrend davon läuft, in die Hacken fahren, sodaß ihr Herr sie mit der Pfeife zurückholen muß.
Sie haben mich verhandelt wie eine Kuh! schreit ihm sein Grimm in die Ohren, während er seitwärts in das Wäldchen läuft, sich da einen Schlupfwinkel zu suchen; aber erst, als er sich gegen das Gewässer verlaufen hat, das seine Binsenfelder vor ihm auftut und -- wo seine Fläche durchblinkt -- den langen Tierrücken des Jura spiegelt, merkt er, daß ihm der Stich ein Gift beibrachte: warum Muralt und Tobler und nicht die andern? Weil Anna dahinter steht? Er sieht sie wieder abfahren mit der Mohnkapsel, davon ihm die roten Blätter abgefallen sind, er hört ihr Wort und sieht ihr Lächeln: Ich dachte, klagt er laut in den Sommertag, ich wäre endlich etwas vor ihr gewesen! Nun war ich doch im Traum und bin erwacht in meine Unbrauchbarkeit!
Weit in der Ferne tut es einen Schuß von einem verlorenen Donnerschlag, und über den Jura bläht sich ein Wölkchen grellweiß in den blauen Himmel. Daß es ein Gewitter würde und mich kalt machte, damit es endlich einmal ein Ende hätte mit diesem Strom von Irrtum und Unrecht, darin mein Leben geflossen ist! Es bleibt aber schön, und er geht stundenlang auf dem weichen Moosboden hin, bis die Frösche aus dem Röhricht quaken. Sie werdens auch schon wissen! zürnt er noch einmal, dann überläßt er sich willig der dämmrigen Traurigkeit, bis die leise Nacht kommt und ihn doch noch den Heimweg finden läßt: Bist du es, will er flüstern, als ihm ihre Gestalt zur Seite schreitet; sie nickt nur und sieht ihn kaum an; da merkt er, daß es die Jungfrau Anna Schultheß ist, die mit einem Strauß Frühlingsblumen an das Grab Menalks will. Sie haben mir das Tor zugemacht, weil ich zu spät gekommen bin! klagt er und staunt, wie weit sich der Weg über den Kirchhof zieht. Auch weiß er nicht, warum ein Licht auf dem Grab brennt. Bis Niederer ihm aus dem Schein entgegentritt und der Spuk verschwindet, weil er den Klostergiebel in Münchenbuchsee erkennt.
88.
Nach diesem Abend fühlt Heinrich Pestalozzi sein Dasein in Münchenbuchsee nur noch wie einen Krug, der an einem Sprung leer läuft; er widerstrebt den Freunden nicht mehr und unterzeichnet den Dienstvertrag, wie Niederer das Schriftstück nennt. Wenn Fellenberg angeritten kommt und mit Sporen durch den Hof klirrt, schließt er sich in sein Zimmer ein, das er auch sonst wenig verläßt. Er hat Wandergedanken, aber er findet kein Ziel, bis eine Mahnung aus Ifferten kommt. Dort hat ihm der Stadtrat schon vor den Männern von Peterlingen das Schloß des Herzogs von Zähringen angeboten; er ist auch einmal im Frühjahr dort gewesen und hat das viertürmige Gebäude angesehen, aber er fürchtet sich vor dem welschen Land. Nun, wo die Stadt ihm schreibt, daß sie das Schloß von der Regierung angekauft habe und seine Wünsche vernehmen möchte, wie es einzurichten sei, kommt die Aufforderung seiner Sehnsucht recht, ganz aus dem Bereich seiner Enttäuschung fortzugehen. Abschied vermag er keinen zu nehmen; die Seinen denken, es gelte nur eine Fahrt, als sein Wagen in der Frühe gegen Aarberg davonrollt. Er wäre lieber gewandert, aber die Kräfte haben ihn verlassen, als ob nun das Alter mit einem Male käme.
Die Stadtherren in dem verschlafenen Ifferten haben schon vernommen, daß der berühmte Volksfreund nur ein unscheinbarer Greis ist; sie finden seine Wünsche bescheiden und laden ihn zu einem Mahl ein, die Bekanntschaft festlich zu besiegeln. So kommt Heinrich Pestalozzi am dritten Abend, den er aus Münchenbuchsee fort ist, an eine Tafel mit ehrenfesten Bürgern, die beglückt sind, einen solchen Fang zu tun. Der schöne Wein mundet ihm, der sonst nur selten mehr als ein Kirschwasser nimmt, und die lebhaften Gespräche dieser weinfröhlichen Waadtländer helfen, ihm die Zunge zu lösen; gerade, daß sie französisch sprechen, läßt ihn auf ihre Worte hören, und daß er selber welschen muß, macht ihn unversehens lustig, sodaß die Stadthäupter zu ihrem Erstaunen den Greis mit dem Sorgengesicht lebhaften Geistes und schlagfertig finden. Ihn selber freilich stimmt der Abend, als er andern Tages erwacht, noch trauriger als zuvor; seit ihm die Verwirrung seiner Sinne an dem abendlichen Gewässer die Erscheinung Annas vorgetäuscht hat, fürchtet er, kindisch zu werden, und so nimmt er auch seine Fröhlichkeit nachträglich als einen Beweis dafür. Er bleibt aber fürs erste in Ifferten, weil ihm die Landschaft um das kleine Städtchen gefällt; namentlich in die Wiesen gegen den See geht er gern, wo in den hohen Bäumen auch bei der Hitze noch der Jurawind rieselt: Sie stehen wie müßige Greise da, und ich bin der müßigste unter ihnen!
Unterdessen erreichen ihn Briefe Niederers, der als ein angeschossener Wolf in Münchenbuchsee geblieben ist; sie schildern ihm den Zustand der Anstalt nach seinem Weggang so wenig günstig, daß er in einigen Wochen noch einmal zurückgeht, seinen Abschied nachzuholen. Er bringt keine Ermutigung daraus mit; Fellenberg ist gereizt, daß er sich beiseite tun will, und droht, von der Übereinkunft zurückzutreten; als sie sich noch einmal an dem Wäldchen treffen -- diesmal ist Niederer dabei -- sieht sich Heinrich Pestalozzi von einer Flut böser Vorwürfe überschüttet, die er nur mit großen Augen anhören kann. Es kommt danach zwar noch eine Versöhnung zustande, die ihn seiner persönlichen Verpflichtungen entläßt, aber die Trennung ist nun sicher. Mit Buß und Krüsi und mit neun Zöglingen geht er zum andernmal nach Ifferten; er selber aber vermag es nun auch dort nicht mehr auszuhalten. Auf einer Fahrt nach Lausanne, um bei der waadtländischen Regierung den Gesetzen der Niederlassung zu genügen, verläßt ihn in Cossonay der Mut zur Rückkehr. Er hat dort nur übernachten wollen, aber am andern Morgen läßt er die Post fahren und bleibt in dem kleinen Ort, der zwischen Weinbergen auf einem Hügel liegt und ihn mit seinem Ausblick über die Talweite wehmütig an seinen verlorenen Schloßberg in Burgdorf erinnert. Da hockt er einsam und in den Gedanken seiner Schwermut verhangen, bis der biedere Krüsi ihn findet und wie ein Sohn um ihn sorgt. Nach Ifferten aber, wo Buß unterdessen die neue Anstalt einrichtet, folgt er ihm vorläufig nicht.
Das Weinland der Waadt, in dem er lebt, ist die Heimat von Laharpe, dem ehemaligen Direktor der helvetischen Republik, der seiner Sache mit hoher Achtung zugetan ist. Als Erzieher des Kaisers Alexander von Rußland vermag er noch viel in Petersburg, und so kommt eines Tages in das kleine Cossonay eine kaiserlich russische Berufung an Heinrich Pestalozzi, das livländische Schulwesen von Dorpat aus nach seinen Vorschlägen einzurichten. So verdonnert ihn Krüsi ansieht, und so abenteuerlich der Plan ist, in seinem Alter noch nach Rußland auszuwandern, seine Stimmung hängt sich mit Leidenschaft daran. Er hat schon seine Bedingungen mitgeteilt und macht allen Abratungen zum Trotz Vorbereitungen für die Auswanderung, von der er nicht mehr zurück zu kommen hofft, als ihm ein zufälliges Erlebnis ein Loch in seine Schwermut reißt:
Als er eines Tages nach Ifferten gefahren ist und am Abend mit Krüsi neben dem Wagen her gegen Cossonay hinauf geht, begegnen ihnen in der frühwinterlichen Dunkelheit einige leere Weinfuhren, die sie im Geräusch des eigenen Wagens nicht hören, bis Heinrich Pestalozzi dicht vor sich zwei Pferde spürt. Er glaubt, es seien Tiere von der Weide, und will zwischen ihnen durch; da wird er von der Deichsel getroffen, die ihn unter die Hufe der Pferde wirft: So jäh es ihn gefaßt hat, so schnell arbeitet sein Instinkt, daß er noch vor den Rädern gleich einer Katze unter den Pferden her auf allen Vieren seitwärts in den Graben springt und die beiden Wagen an sich vorüber rasseln läßt. Als Krüsi ihn findet, der seitlich gegangen war, ist er schon dabei, sich aufzurichten; die Kleider sind ihm bis auf den bloßen Leib zerrissen, aber ihm selber ist nichts geschehen, sodaß er -- durch Gefahr und Rettung in einem Augenblick des Wunders hindurch gegangen -- gegen den Berg schreitend wie vorher das Gasthaus erreichen kann.
Er hat in diesem Herbst, wo er sich kindisch glaubte, oftmals zu sterben gewünscht, bevor er ganz dem Siechtum des Alters verfiele; nun ist er durch den Tod in einer Jünglingskraft hindurch gesprungen, die er sich längst verloren glaubte. Was er schon als Knabe erfuhr, als er bei Wollishofen aus dem Weidling in den See fiel, daß die heimliche Lust des Lebens durch nichts so sehr als durch das Grauen des Todes angeregt würde, das bewirkt nun eine Wiedergeburt in ihm, die ihn fast übermütig macht: Er glaubte schon sterben zu müssen wie Moses, ehe er einen Fußbreit von seinem Kanaan sah; nun fühlt er sich im ungeminderten Besitz von Kräften, die alle Nervenschwäche und die Müdigkeit seines vermeintlichen Siechtums als trübe Einbildungen von sich abfallen lassen. Die Kränkung durch Muralt und Tobler, der Streit mit Fellenberg und die Böswilligkeit der bernischen Regierung, die -- wie er längst weiß -- seine Anstalt in Münchenbuchsee als eine staats- und kirchengefährliche Unternehmung überwachen läßt: alles, was ihm den ängstlichen Geist in diesen Monaten ans Kreuz geschlagen hat, scheint ihm vor dem Gefühl, zu leben und seiner Kräfte noch mächtig zu sein, so nebensächlich, daß er seine Schwermut wie eine Torheit belächelt: Wo ich Kränkungen ohne Maßen sah, sehe ich nun die treue Liebe, sagt er glücklich, und niemals ist ihm das Bild seiner Lebensgefährtin klarer dagestanden als in diesen Tagen.
Als bald danach der König von Dänemark ihm hundert Louisdor übersenden läßt als Anerkennung für die gastliche Aufnahme der dänischen Lehrer, ist er übermütig vor Glück: Schau, zweitausend Schweizerfranken, sagt er zu Krüsi, mit nichts als einer Idee und etwas Güte verdient! So bleibt es Monate lang, während er noch einmal an die Lehrbücher seiner Methode geht; und so voll fühlt er den Segen strömen, daß ihm das Wort Lavaters nun sein liebster Spruch wird: Ich war mürrisch, als ich die Ruhe des Alters für Müdigkeit hielt; sie ist die Sammlung auf der Lebensstraße, wo das Glück auf der Straße lag, indessen ich den Seifenblasen meiner Wünsche nachlief. Nun der Höchste mir mein Alter mit Ruhe gekrönt hat, sehe ich, daß es der Jungbrunnen ist, von dem die Väter sagten.
89.
Indessen Heinrich Pestalozzi sich so die Trennung zum Besten dienen läßt, sind die Nachrichten aus Münchenbuchsee immer mehr mit Enttäuschung beschwert. Muralt und Tobler haben nicht bedacht, daß sich Fellenberg mehr als Pädagoge denn als Landwirt fühlt und als solcher -- wie Niederer sagt -- die Drei- und Vierfelderwirtschaft auch auf die Zöglinge anwenden will; die Buchführung ist besser geworden, und die Ordnung wird streng gewahrt, aber die Luft steht stiller und kälter in den Räumen, die sonst auch an Nebeltagen immer noch von einem Sonnenstrahl väterlicher Liebe und menschlicher Laune belebt und erwärmt war. Daraus wächst Mißmut und -- weil es Fellenberg auch nicht leicht hat mit Zöglingen und Gehilfen, die einen andern Meister schwärmerisch verehren -- endlich der böse Streit.
Niederer ist der erste, den es nach Ifferten zieht; er hat im Herbst ein schweres Nervenfieber durchgemacht und ist noch hohlwangig davon. Seit dem Sommer hat er gemeinsam mit Fellenberg und den andern Lehrern über dem Wortlaut einer Einladung an die Eltern Europas gesessen, ihre Kinder als Zöglinge nach Münchenbuchsee zu geben; Satz für Satz ist darin durchberaten worden, auch Heinrich Pestalozzi hat mitgeholfen, bis eine umfängliche Flugschrift seiner Methode fertig war. Als aber der Druck Weihnachten ankommt, hat Fellenberg ihn nachträglich mit eigenen Ankündigungen zum Teil großsprecherischer Art für seine besonderen Zwecke zurecht gemacht, was nun auch Muralt und Tobler gegen den eigenmächtigen Mann aufreizt. Das Frühjahr geht in einem unaufhörlichen Wechsel von Streit und Versöhnung hin, der seine Wellenschläge nach Ifferten hinüber tut. Heinrich Pestalozzi sucht aus dem Knäuel der Verstimmungen die Fäden der Liebe und der gemeinsamen Ideale herauszuziehen; am liebsten aber möchte er den Knäuel in den Bach werfen: er läßt sich nun nicht mehr beirren, daß die Anstalt im Umkreis seiner Absichten nur einen Versuch bedeutet, und ist weder für Münchenbuchsee noch für Ifferten aus dem Dachsbau seiner Schriftstellerarbeit herauszubringen, die der Welt andere Resultate als die zufälligen einer solchen Anstalt sichern soll.
Doch wird er hier wie dort die Geister, die er rief, nicht los: er hat das Klostergebäude in Münchenbuchsee von der bernischen Regierung nur für ein Jahr erhalten und müßte zum Juli einen neuen Antrag um gnädige Überlassung für ein weiteres Jahr stellen; weil aber Fellenberg in einer Zuschrift an die Regierung die Leitung niedergelegt hat, sind die Hunde der Verdächtigung auf seine Sache losgelassen. Um nicht abzuwarten, daß er böswillig ausgeräumt wird, reicht er selber die Kündigung ein. Damit hat er nach einem halben Jahr der Trennung alles wieder, was ihm nun nicht mehr wie beim Abschied Glück und Unglück seines Lebens bedeutet; aber daß die Herde ihm sehnsüchtig nachfolgt und ihn durch diese Nachfolge anerkennt, tut ihm doch wohl, und um dieses Wohlgefühls willen tritt er tätiger in die Leitung ein, als er es nach seiner Rettung bei Cossonay für möglich gehalten hätte; auch reißen ihn die glücklich veränderten Umstände hin, und eine heimliche Hoffnung überredet den Widerstand:
In Ifferten ist er nicht mehr wie in Burgdorf der zugewanderte Greis, der froh sein muß, eine Schulstube für seine Versuche zu finden; der Ruhm seiner Sache ist europäisch geworden und die Bürgerschaft setzt viel daran, davon zu profitieren. Sie hat ihm -- um die Lockung nach Peterlingen zu schlagen -- die weiten Räume des Zähringer Schlosses und die Gärten dazu unkündbar überlassen und richtet alles nach seinen Wünschen ein. Auch steht die Regierung im Kanton Waadt, aus dem dreihundertjährigen Zwang der bernischen Landvögte befreit, anders zu ihm, als die Aristokratenherrschaft in Bern; ihr ist er keiner staats- und kirchenfeindlichen Gesinnung verdächtig. Die Zöglinge, die von Anfang aus dem liberalen Waadtland am reichlichsten kamen, mehren sich rasch; als auch die geborene Fröhlich -- die aus Münchenbuchsee bald fortgegangen war, einen wohlbegüterten Landwirt namens Kuster zu heiraten -- den Haushalt von neuem in ihre unverdrossenen Hände nimmt, ist unvermutet der ganze Bienenstaat wieder um ihn versammelt, eifriger als je, den Honig einer neuen Menschenbildung einzutragen; nur noch die verscheuchte Königin fehlt, weil Heinrich Pestalozzi noch immer eine abergläubische Furcht hat, sie schon zu rufen.
Als aber der Winter den Reichtum nicht vermindert und das Frühjahr den Ruhm der Anstalt in einen Erntesommer trägt, der ihm -- wie er einem Freund bestürzt durch diese Wendung schreibt -- das Geld zum Dach hinein regnet, bittet er sie frohen Mutes, wieder wie in Burgdorf seine Hausmutter zu sein! Sie kommt ihm mit einem Schiff über den See gefahren, und er wartet manche Stunde unruhig unter den alten Bäumen, die immer noch den Jurawind durch ihre Blätter rieseln lassen, bis gegen Abend das Boot anschwimmt.
Schon von weitem sieht er ihre Gestalt still darin sitzen und meint fast, ihre Augen auf sich zu spüren, wie er unruhig am Ufer hin und her läuft. Sie ist alt geworden, und ihr kranker Fuß, an dem sie lange in Zürich gelegen hat, hindert sie noch immer beim Gehen, sodaß der Schiffsmann ihr über den Steg ans Land helfen muß: Das sind meine vier dicken Türme, sagt er mit glücklichen Augen und zeigt auf das Schloß, das zwischen dem Grün weißlich durchschimmert. Sie gibt keine Antwort und ist auch schweigsam, während sie das kurze Stück über die weichen Wiesen gehen, nur bringt sie die Lippen nicht so fest wie sonst aufeinander, weil die strengen Falten einem hinterhaltigen Lächeln nicht Meister werden. Erst als sie sich durch die stürmische und ehrfürchtige Begrüßung der Zöglinge und Lehrer -- die haben sich im bekränzten Schloßhof aufgestellt und singen ihr ein Lied -- hindurchgelächelt hat und endlich in ihrer Turmstube im Lehnstuhl sitzt, fragt sie: Hast du auch einen Garten? Er hört die Frage garnicht, weil er nun erst mit seinem vergessenen Blumenstrauß ankommt, den er ihr ans Ufer bringen wollte; sie aber fängt in ihrer perlenbestickten Reisetasche an zu kramen und holt ein Schächtelchen heraus, darin die Mohnkapsel winzig zusammengeschrumpft zwischen den schwarzen Samenkügelchen liegt. Das legt sie ihm behutsam mitten auf seine Blumen und lächelt sich die Tränen der Rührung fort: Wenn die Samen nur nicht überjährig geworden sind!
90.
Heinrich Pestalozzi ist über sechzig und Anna Schultheß fast siebzig Jahre alt, als sie ihr gemeinsames Leben im Zähringer Schloß zu Ifferten beginnen; in Burgdorf war der Unterschied ihrer Jahre ausgelöscht, nun aber fängt sie an, ihr Leben abzurüsten, während er noch neue Segel einsetzt. Wenn sie miteinander in dem weitläufigen Gebäude, im Garten oder weiter hinaus gegen Clindy gehen, ist er im Eifer, ihr alles günstig zu zeigen, immer voraus, während sie oft still steht und am Stock nachkommend mehr ihm zuliebe als für sich ihre Augen auf seine Dinge richtet. Habe ich dirs nicht gleich gesagt, Pestalozzi, ich sei zu alt für dich! scherzt sie einmal, als er wie ein ungeduldiger Knabe am Bach nach ihr ruft, weil eine Ringelnatter fortschwimmt, bevor sie zur Stelle ist. Aber es gefällt ihr alles sichtbar wohl, und wenn sie mit ihrem Enkel Gottlieb durch die Straßen der ländlichen Kleinstadt geht, gern gegrüßt von den Leuten, sehen sie eine wirkliche Schloßherrin. Sie hat noch einmal geerbt von ihrem Bruder Jakob in Zürich und braucht in ihrer bescheidenen Wohlhabenheit nicht gleich zu sorgen, wenn es irgendwo eine Spalte in dem großen Hauswesen gibt.
So treibt das unruhige Wasser seines Lebens mit dem letzten Stauwehr doch noch eine reiche Mühle, und er ist sicher, daß im Land kein besseres Korn gemahlen wird. Aber er denkt noch immer nicht daran, hier für lange den Müller zu spielen; sein Brot soll für die Armen gebacken werden. Nun es ihm mit dem andern herrlich geraten ist, nun er die Methode eines auf die Natur des Kindes gegründeten Unterrichts in Händen hat, nun ihm Hilfskräfte jeder Art verfügbar sind und er des Beistandes vieler für eine solche Unternehmung sicher sein kann: fängt die Armenkinderanstalt wieder an, das Ziel zu werden, mit dem er sein Leben krönen will. Der Schauplatz seiner letzten Tat aber soll nicht das welsche Waadtland, sondern der Kanton Aargau sein: wo er den Kampf um die allgemeine Menschenbildung begonnen hat, will er ihn auch enden. Das Schloß Brunegg hat unterdessen einen andern Besitzer gefunden, aber Wildenstein bei Schinznach steht noch leer, und mitten aus dem fröhlichen Gesumm seines wohlbestellten Hauses reicht er den Antrag um den Wildenstein bei der Regierung in Aarau ein. Die kommt ihm willig entgegen, und so steht er vor dem geöffneten Tor seiner letzten Ausfahrt, als die Zustände in Ifferten ihn nötigen, den Wagen vorläufig wieder abzuspannen.