Part 25
So geht er zum andernmal in die Helvetische Gesellschaft, diesmal nach Langental als ihr Präsident; und was im vergangenen Jahr eine Überraschung gewesen ist, fällt nun als Springbrunnen des Segens auf ihn zurück. Er fühlt es und sagt es auch: dies ist der Dank meines Landes! und alle bitteren Jahrzehnte wiegen nun die eine Stunde nicht auf, da er sich im Kreis dieser Männer und Jungmänner als eine Lebensquelle fühlt, die immer noch über den Rand zu fließen vermag. Er kommt beschüttet vom Glück und mit der seligen Wehmut heim, daß es sein letzter Tag in ihrem Kreis gewesen sei, weil er ein Nocheinmal nicht ertrüge.
Im Spätsommer ist er immer noch rüstig genug, mit Schmid -- der seit Ifferten ein Unsteter geworden ist und nun nach Paris will, um dort eine französische Ausgabe der gesammelten Werke einzurichten -- bis Basel zu reisen; in die Stadt, die ihn, das weiß er, bis auf den Tag verachtet in dem Hochmut ihrer gesicherten Kultur, und die ihm doch zweimal durch einen ihrer Bürger zur Rettung geworden ist. Ich hätte nicht her kommen sollen, klagt er; es stimmt ihn wehmütig, die Gassen und Häuser wieder zu sehen, die einmal lebendig um sein Leben standen und jetzt für ihn gestorben sind. Doch läßt er sich durch Schmid verleiten, im Wagen nach Beuggen hinaus zu fahren, wo Zeller ein Waisenhaus in seinem Sinn führt. Da hat sich die Anstalt seit Tagen gerüstet, den Vater der Waisen zu empfangen, und die Kinder treten ihm mit Gesang entgegen. Er weiß beim ersten Ton: das hätte ich mir nicht antun dürfen, meinem versagten Herzenswunsch das Bild eines fremden Gelingens zu zeigen. Sie wollen ihm einen Kranz überreichen, aber er wehrt ihn ab und wankt vor ihnen in den Saal, wo ein Ehrenpult steht, daß er zu den Kindern spräche. Vorher singen sie noch einmal:
»Der du von dem Himmel bist, alles Leid und Schmerzen stillest, den der doppelt elend ist, doppelt mit Erquickung füllest, ach! ich bin des Treibens müde! Was soll all der Schmerz und Lust! Süßer Friede, komm, ach komm in meine Brust!«
Hat ihm schon draußen der Gesang an sein tiefstes Leid gerührt, so reißt er ihn nun zu Tränen hin, daß er meint zu ersticken. Die Goetheschen Verse, die ihm schon in Lienhard und Gertrud klangen, wie wenn irgendwo in der Welt eine Quelle der Liebe unerschöpflich quölle, ergreifen ihn nun in ihrer überirdischen Schönheit; er vermag vor den Augen dieser Waisen, die alle mit fragender Neugier an seinem Schmerz hängen, nichts als aus der Tiefe seines Herzens zu schluchzen, wie vielleicht in seiner ersten Jugend, aber nie mehr in seinem bitter gesegneten Leben.
Der Tag hat ihm in seine Heiterkeit einen Schnitt gemacht, der nicht wieder heilt. Obwohl sein Verstand kopfschüttelnd dabei steht, er vermag seiner Seele nicht Halt zu gebieten, die nun ihre Sehnsucht immer nach der gleichen Seite fließen läßt, bis sein Enkel Gottlieb ihm nachgiebt und neben dem Neuhof noch den Bau eines Armenkinderhauses beginnt. Er weiß es genau und sagt es sich immer wieder, daß er nicht mehr hineinkommt, daß es aus seinem Leben in die Nachwelt gebaut wird; aber er kann seine Hände nicht davon lassen, und wieder wie damals am Neuhof steht er unter den Bauleuten, ihnen übereifrig Handreichung zu tun, obwohl es nasser Schnee ist, darin seine Füße kalt werden.
Unterdessen ist sein Schwanengesang erschienen; aus seiner Lebensgeschichte hat ihm der Verleger die Jahre in Ifferten herausgenommen, er hat sich aber nicht abhalten lassen, daraus eine besondere Schrift zu machen, die er »Meine Lebensschicksale« nannte. Lobendes und Tadelndes kommt ihm darüber zu, es ist ihm nicht mehr wichtig, seitdem er in Beuggen war: Ich bin auf dem Altenteil der Seele, sagt er dem Steinmann, der Menschengeist muß sehen, wie er allein in der Welt zurecht kommt! Aber im Spätwinter fällt ihm die Antwort aus Ifferten wie ein Stein auf den Tisch; Niederer hat ihn geworfen, jedoch nicht die Tapferkeit gehabt, dafür einzustehen, sodaß nun ein junger Lehrer an der Mädchenschule mit dem Namen Biber die Schrift decken muß. Als Heinrich Pestalozzi die Anklage liest, die ein ziemliches Buch ist, hat er ein Gefühl, als ob er noch immer lebe, aber die Welt um ihn hätte ihren Lauf eingestellt. Vor einem halben Jahr würde er es verwunden haben, sich aus dem eigenen Haus als Lügenvater und als Wahnsinniger beschimpft zu sehen; jetzt nach dem Tag in Beuggen trifft ihn der Dolchstich, daß er hinstürzt.
Mitten aus seiner hartnäckigen Gesundheit haben sie nun im Neuhof einen Kranken zu pflegen, dem das Fieber aus der Seele in den Körper zu rasen scheint. Schon liegt er von Schmerzen zerrissen auf dem Bett, da will er noch die Antwort schreiben, und er fleht den Arzt an, ihm ein paar ärmliche Wochen zu schenken, da er vorher doch so sinnlos lange gelebt habe! Nicht mehr wie sonst vermag er zu diktieren, er muß die Feder selber führen, und es ist grausig für den getreuen Steinmann, daß er ihn vielmals ohne Tinte schreiben sieht: Tupfen, Herr Pestalozzi, tupfen! sagt er ihm immer wieder; aber die gequälte Seele sieht nicht mehr, was sie tut.
Die Schmerzen werden bald so stark -- es sind Harnbeschwerden -- daß der Arzt ihn nach Brugg haben möchte, um besser nach ihm zu sehen. Noch liegt dicker Schnee, als sie ihn mit Kissen und Decken in einen Schlitten packen. Das ist mein Wagen, diesmal der letzte, sagt er zu seinem Urenkel, den sie ihm aus der Wiege anbringen müssen, daß er den fiebrigen Kopf über ihn neige; auch den andern gibt er mit tapferen Worten die Hand, nur als sie an den halbfertigen Mauern des Armenhauses vorbeifahren, hält er sich die weinenden Augen zu.
Im Gasthaus zum Roten Haus in Brugg wartet die Sorgfalt auf ihn und Steinmann ist da, ihn zu pflegen. Noch eine Woche lang strömt ihm die besorgte Liebe seiner Freunde aus dem Aargau zu, und er ist wach genug, sie zu empfinden; nur der Glarner, der ihn nun besser kennt als irgend einer, sieht durch Tränen, wie er die Hände nicht mehr zu halten vermag, die Hände und die Lippen, als ob er unablässig aus einem niederstürzenden Schutt die Worte ausscharren müsse.
Als es stiller damit wird, weiß der treue Diener zuerst, wer die Ruhe bringt; und während die andern an seiner Heiterkeit wieder auf Genesung zu hoffen wagen und mit ihm sprechen, als ob dies nur ein unpäßlicher Aufenthalt auf einer Poststation sei, geht Steinmann in blinder Trauer um seinen erwürgten Herrn beiseite. Bis mit dem Abend die Heiterkeit aus den Augen Heinrich Pestalozzis auch in die Sprache kommt, daß sie hell und frei wird wie bei einem Knaben, und endlich sich ein überirdisches Lächeln um die Greisenlippen legt, dem nur die Augen nicht standhalten, weil sie im Anblick der jenseitigen Welt erstarren und für diese leblos aufgerissen sind: da schließt seine Dienerhand die beiden Fensterläden, die zwischen dieses und jenes Leben von Anbeginn der Menschheit gelegt sind.
Nacht
100.
Selten sind über das Birrfeld solche Schneemassen niedergegangen wie in der Februarnacht, da der Glarner im Roten Haus zu Brugg Heinrich Pestalozzi die erste Totenwacht hält; und erst am andern Nachmittag ist soviel Bahn gemacht, daß sie ihn mühselig genug im Schlitten nach dem Neuhof holen können. Da wird er bei Kerzenlicht in der Kammer aufgebahrt, wo die stummen Dinge seiner Gewohnheit eine Woche lang auf ihn gewartet haben; als ob er aus tiefem Schlaf erwachen wolle, liegt er im Sarg, und das Lächeln glücklicher Träume scheint sich in den Runzelfalten seines verwelkten Gesichtes zu verstecken. So ist er über Nacht geworden, erklärt Steinmann dem Pfarrer und gibt auch seine Dienerweisheit dazu: Der Körper freut sich, endlich die unruhige Seele los zu sein!
Am andern Vormittag begraben sie ihn auf dem verschneiten Dorfkirchhof; der Wind fegt eisig über das Birrfeld, und die Wege zwischen den Dörfern sind wie Maulwurfsgänge durch den meterhohen Schnee gegraben: aber die Schulkinder aus der ganzen Kirchgemeinde kommen, ihm ein Lied ins Grab zu singen, und die Schulmeister tragen den Sarg. Damit sie auf dem Kirchhof stehen können, haben die Bauern dem Küster helfen müssen, einen Hof aus dem Schnee zu schaufeln, und die gefrorenen Erdschollen poltern gleich Steinen auf die Bretter: es ist ein anderes Begräbnis als vor elf Jahren, da sie Anna Schultheß im Schloßgarten zu Ifferten begraben. Das bäuerliche Dasein, aus dem er mit seiner Bitte an Menschenfreunde hervortrat, hat seinen Leib zurück gefordert, und bevor die Freunde im Land Und draußen seinen Tod erfahren, verweht der eisige Wind den einsamen Grabhügel schon mit neuem Schnee. Als ihrer dann einige mit dem Frühjahr kommen, staunen sie, wie das Mißgeschick ihm bis auf den Kirchhof folgte: er ist mit seinem Sarg unter die Traufe des Schulhauses geraten; der Regen, den das Dach von den Dorfkindern abhält, gießt auf seinen Hügel. Statt des Rosenstockes, der darauf steht, möchten sie ihm einen Stein setzen; aber der Enkel im Neuhof zeigt ihnen ein vergilbtes Blatt, darauf er sich selber den Grabschmuck wünschte.
Der Stock trägt weiße Rosen und wird mit den Jahren ein Busch, der im Frühsommer als ein schäumender Ball vor dem kleinen Schulhaus steht. Selten kommt dann ein Fremder, der sich nicht eine Blüte davon mitnähme; und an diesen Wallfahrten zu seinem Rosenstock merken die Birrfelder, daß etwas von Heinrich Pestalozzi lebendig geblieben sein muß.
* * * * *
Sein Sterbeteil ist längst vermodert, und die Seele Heinrich Pestalozzis ruht im Zeughaus des Lebens aus von der Ruhelosigkeit ihrer Tage; nur der Menschengeist, dem sie die schwingende Unruhe war, reitet sein Abenteuer in die Unsterblichkeit. Die Zeiten sind nicht danach, seinen Wahlspruch, Freiheit durch Bildung, beliebt zu machen, und das prophezeite Jahrhundert der Menschlichkeit will nicht anbrechen. Nach dem Traum der Befreiungskriege ist Europa wieder eingeschlafen, und die deutsche Jugend der schwarzrotgoldenen Burschenschaften wird hinter Gitterstäben von dem Traum kuriert. Überall hat sich der Geist der Väter auf die vergoldeten Stühle der alten Herrlichkeit gesetzt, und die Landreiter spähen, daß seine Hüte an den Stangen in der schuldigen Ehrfurcht gegrüßt werden. Darüber flackern die Menschenrechte, denen zuliebe soviel Köpfe abgeschlagen wurden, zum andernmal auf in einer Revolution, aber diesmal schlägt ein nasser Sack die Strohfeuer aus: Das Reich fällt noch einmal in einen bleiernen Morgenschlaf, und über den Ozean her leuchtet ein Morgenrot, dem die halbwachen Schläfer in Millionen zutaumeln.
Indessen so von den Luftschlössern der Freiheit nichts übrig bleibt als die Schwärmerei für Ruinen -- selbst der neue Napoleon begnügt sich, von Gottes Gnaden auf dem angestammten Kaiserthron zu sitzen -- ist aus den Zeiten Steins in Preußen der Eckpfeiler der Volksschule durch alle Schwierigkeiten pietistischer Bedrängung stehen geblieben, und im preußischen Lehrerstand reitet der Menschengeist von Heinrich Pestalozzi sein Abenteuer in die kleinsten Dörfer. Längst ist die deutsche Frage ein Rattenkönig geworden, da tut es bei Königgrätz einen scharfen Schlag, der die Schwänze blutig auseinander reißt: Preußen marschiert und ein geflügeltes Wort kommt auf, daß der preußische Schulmeister die Schlacht an der Bistritz gewonnen habe. Dann schmiedet Bismarck das neue Reich aus Blut und Eisen, wie es in den Ruhmesblättern heißt; aber er selber schreibt aus Versailles an seine Frau, daß Deutschland dem gemeinen Soldaten mehr als den Generälen den Erfolg in Frankreich verdanke.
Ich wüßte Einem, der mir folgte, eine Macht in Europa zu gründen, die mächtiger als Bonaparte wäre; und ich sage euch, wer es am ersten mit mir hält, dem wird die Herrschaft in Europa zufallen! hat Heinrich Pestalozzi zu den Stadtherren von Ifferten gesagt, als sie von der Audienz in Basel zurück fuhren: nun steht das Deutsche Reich mächtig in Europa da aus seiner Lehre.
Aber wenn der Armennarr vom Neuhof, der den Rockknopf des russischen Kaisers nicht zu fassen kriegte, danach seine dritte Reise machte, diesmal fröhlicher nach Berlin als damals nach Paris: er würde das goldblinkende Dach des Reichstags staunend von außen betrachten und in die zweite Volksschule nur aus dem Zweifel gehen, ob die erste mit ihren sauberen Klassen und dem peinlich umzirkelten Lehrplan nicht ein Blendwerk der Schulbehörde gewesen sei; er würde nach den Wohnungen der Armen fragen und aus dem Prunk der Linden hinaus wandern in die trüben Straßen, wo die Kinder in engen Höfen spielen; und unverdrossen mit den ärmsten bis in die letzte Dachwohnung steigen: Ich will sehen, was die Treppe der Menschenbildung aus dem Haus des Unrechts gemacht hat!
Wohl würde er schaudern vor dem Haß des Klassenkampfes, aber er würde sich tapfer zu seinem Anteil bekennen: daß der Arbeiterstand die Gerechtigkeit nicht im Mist der Gnade verscharrt haben wolle, sondern -- durch Bildung frei gemacht -- Macht gegen Macht einsetze, sie zu ertrotzen. Er würde vor den Gewerkschaftshäusern und Konsumanstalten beklommen vor Glück dastehen, daß aus der Masse von einzelnen Schwachen soviel Stärke im Ganzen möglich wäre, und er ließe sich nicht mit der Verdächtigung schrecken, daß da die vaterlandslosen Gesellen ihre Kriegslager des Umsturzes hätten: Er hat es zu sehr am eigenen Leib gespürt, wie rasch die herrschenden Mächte mit der bedrohten Moral bei der Hand sind, wenn ihnen einer um der Gerechtigkeit willen widerstrebt! Wie er dem Pfarrer Lavater einmal schrieb, daß er leicht nach oben milder und nach unten strenger sei, als es sein Herr Jesus Christus gehalten habe!
Freilich, wenn Heinrich Pestalozzi, der es im Leben zu keinem Wohlstand brachte, der in schlechten Kleidern ging und auch so aß und wohnte, von seinen einsamen Gängen wieder in die Hauptstraßen zurück käme und den Aufwand der Schaufenster, die geputzten Menschen und die Marmorsäle sähe, die jeden Mittag und Abend gefüllt sind, als ob es ewig Feste zu feiern gäbe: er würde in einem tiefen Schrecken von neuem seitab irren in die dunkleren Straßen der unermeßlichen Steinwüste und den Plakaten folgend in eine der Versammlungen geraten, wo die Männer der Lohnarbeit einem jüdischen Redner zuhörten, der die Schlupfwinkel einer wirtschaftlichen Frage mit juristischer Dialektik ableuchtete. Sie würden erstaunt sein, wenn sich nachher der Greis mit dem blatternarbigen Runzelgesicht zum Wort meldete, und mißtrauisch seine seltsame Erscheinung betrachten, ob er ihnen nicht mit lächerlichen Einfällen Unfrieden stiften wolle? Auch bliebe Heinrich Pestalozzi selber im Anfang noch verschüchtert, wie wenn ihn der Schulmeister Dysli mit seinem Anhang unter den Hintersassen noch einmal aus der Stube schicken könnte; bald aber fände er in den feindlich abwartenden Augen eine Menschenseele, zu der er also spräche:
Lieber Bruder und Genosse -- wie ihr euch nennt -- meiner Seele ist es gegangen wie deiner, sie fand sich in eine Ordnung gestellt, die aus dem Unrecht der Gesellschaft gewachsen war, und seit den Jünglingstagen wallte mein Herz wie ein Strom, die Quellen des Elends zu verstopfen, darin ich das niedere Volk um mich versunken sah: aber wie mir die Methode nur das Mittel und nicht das Ziel war, so auch die äußere Wohlfahrt. Darum habe ich zwei Dinge nicht gekannt, die mir in diesen Tagen mehr, als es gut ist, begegneten: den Neid und den Haß. Warum, Bruder und Genosse, willst du den Reichen hassen, und um was willst du ihn beneiden? Er hat ja selber nichts als sein Geld und was er sich für sein Geld kaufen kann? Ist es aber dies, warum wir zwischen Geburt und Tod unser rasches Leben haben, und kann es unser Glück sein, daß unsere Frauen sich putzen können mit kostbaren Kleidern, und daß wir die edlen Weine trinken und Kapaune essen?
Ich weiß wohl und habe es bitter gefühlt wie du, daß ein Mindestes für jeden Menschen nötig ist: daß er im Winter nicht friere und im Sommer nicht hungrig sei, daß er Stunden haben möchte, wo er aus der harten Arbeit zu sich selber käme, und daß er um seines Lohnes willen niemandes Knecht zu sein braucht! Auch weiß ich wie du, daß dies abscheulich an unserer gesellschaftlichen Ordnung ist, wie sie am Geldsack hängt: aber geht nicht vieles, wie ihr es ändern wollt, geht es nicht auch nur im Gelüst auf jene Genüsse, die aus dem Geldsack kommen? Ist nicht in eurem Haß auf die besitzenden Klassen auch der Neid? Der Neid auf Güter, deren Genuß euch nicht weniger als der Mangel im Elend eines nichtigen Lebens ließe!
Eine gute Verfassung ist zwar von einer schlechten wie ein guter Acker von einem schlechten verschieden; aber du weißt, es wächst dir weder auf dem guten noch auf dem schlechten Acker etwas aus dem Acker allein, sondern aus der Arbeit und dem Samen, die du darauf verwendest! Wie aber kann deine Arbeit wertvoll für dich und die andern sein, wenn du doch wieder das alte Unkraut säst? Wie anders haben wir es damals von den Welschen gelernt: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! nur laß es mich verdeutschen:
Es gibt vielerlei ~Freiheit~ auf der Welt: aber die Freiheit der Sau im Wald, die ihren Suhl hat, und die Freiheit des Reichen, der sich mit seinem Gold das Tischlein-deck-dich herzaubern kann, ist Knechtschaft der Begierden. Frei sein heißt nicht, tun dürfen, was du möchtest, sondern tun wollen, was du mußt; darum achte, daß du draußen wie drinnen keinen Herrn über dein Gewissen habest! Jesus Christus, der sich für die Mühseligen und Beladenen ans Kreuz schlagen ließ, war freier als Pontius Pilatus, der den Befehl dazu gab.
Es gibt vielerlei ~Gleichheit~, aber willst du dem Schlechten und Geringen gleich sein oder dem Besten? Soviel dir einer voraus hat in Gütern, Wissen und Fertigkeiten, im Selbstgefühl kannst du dem Reichsten und Klügsten gewachsen sein trotz all seinem Geld, seinen Künsten und seiner Wissenschaft. Vor Gott gleich sein, wie die Frommen wissen, heißt etwas anderes, als nichts vor seiner Allmacht zu bedeuten; denn frage deine Seele, ob du dich als Sandkorn von Meer und Wind verweht fühlen oder selber Meer und Wind sein willst? Vor Gott gleich sein, heißt aus dem Ungewissen ins Gewissen der Welt, heißt in die Allmacht berufen sein.
Es gibt vielerlei ~Brüderlichkeit~; aber daß der Reiche im Wagen dich mitnimmt hinter seine Pferde, in sein Haus und an seinen Tisch: dadurch wirst du nicht sein Bruder, sondern sein Knecht, der Wohltaten empfängt. Und wenn er all das Seine mit dir teilte, gutwillig und gerecht: er würde vielleicht dein Bruder sein, du aber nicht der seine; denn Brüderlichkeit ist ein Geschenk, das nur gegeben, nicht empfangen werden kann; du aber willst empfangen! Es gibt nur eine Brüderlichkeit, die ist vor Gott -- und ich meine nicht die Stündlisbruderschaft -- ihr sind die Güter der Erde wenig vor dem Gefühl der Seele, aus dem Rätsel in das Menschenschicksal geboren zu sein und wieder in das Rätsel der Welt hinein sterben zu müssen. Allein vermöchten wir das Grauen, aus dem ewigen Weltall durch unser menschliches Bewußtsein für eine flackernde Sekunde abgesondert zu sein, nicht auszuhalten, wir würden vor Schreck daran verdorren: nur weil wir gleich den Halmen im Feld dastehen, können wir miteinander auf den Schnitter warten und uns doch wiegen im Wind und wärmen in der Sonne und den Saft der Erde trinken für unsere Frucht!
Wenn Heinrich Pestalozzi das gesagt hätte, würde er noch einmal in dem Saal dastehen, als ob er nach bestandenem Examen vor den andern Schülern das Vaterunser sprechen müsse, so zum Lachen würde ihn schon wieder eine Einsicht und ein Irrtum überraschen; und wie immer ginge auch diesmal seine Rede in einem Selbstgespräch zu Ende, das keiner der Männer in dem bleichen Gaslicht dieses Saales verstehen würde: Ich dachte, es wäre der Menschengeist von mir, der immer noch auf Abenteuer reitet, indessen sie meinen Körper unter die Dachtraufe und den Rosenstock legten! Nun muß ich sehen, daß er nur der Diener unserer Menschenbruderschaft und nicht das Leben selber ist, daß er die Worte setzt, damit eine Botschaft von meiner Seele in deine, Bruder und Genosse, käme; da beide sonst einsam im gemeinsamen Schicksal bleiben. Denn allein die Seelenkraft ist das Leben, darin wir alle eins und von Gott und also unverletzlich sind. Botschaft der Weltseele in unser irdisches Dasein zu bringen, ist das Abenteuer des Menschengeistes, dessen Tapferkeit sonst nur Ehrgeiz und Rauflust und vor der Ewigkeit ein windiger Spaß wäre, ein grausames Puppenspiel der Menschen für ihre Götter, wie es die Hoffnungslosigkeit der Alten dachte.
Berichtigung.
Der letzte Band meiner Erzählenden Schriften mußte durch widrige Umstände ohne Korrektur gedruckt werden. Dadurch sind Druckfehler stehen geblieben, die nach meinem Willen schon in früheren Ausgaben beseitigt wären. Hierzu gehört auch, daß statt Tauner (Tagelöhner) durchgehend Tanner gedruckt wurde, was natürlich falsch ist.
S.
Die Erzählenden Schriften von Wilhelm Schäfer
~Mannsleut~, Westerwälder Bauerngeschichten. Verlag Samuel Lukas, Elberfeld 1894 (vergriffen).
~Die Zehn Gebote~, Erzählungen des Kanzelfriedrich. Verlag Schuster & Loeffler, Berlin 1897.
~Gottlieb Mangold~, Der Mann in der Käseglocke. Verlag Schuster & Loeffler, Berlin 1900.
~Die Béarnaise~, eine Anekdote. Sonderdruck der Rheinlande Düsseldorf, 1901 (vergriffen).
~Rheinsagen~, mit Zeichnungen von Bernhard Wenig. Verlag Fischer & Franke, Düsseldorf 1908 (vergriffen).
-- Neue Ausgabe für die Mitglieder des »Frauenbundes zur Ehrung rheinländischer Dichter«, umgearbeitet und ergänzt. 1913.
-- Dieselbe Ausgabe zweite Auflage, Verlag Georg Müller, München 1913.
~Anekdoten~ (erste bis dritte Auflage), Verlag der Rheinlande, Düsseldorf 1908.
-- seit der vierten Auflage Verlag Georg Müller, München 1911. Fünfte Auflage 1913.
~Der verlorene Sarg~ und andere Anekdoten, Verlag Georg Müller, München 1911.
~Dreiunddreißig Anekdoten.~ Verlag Georg Müller, München 1914. Vierte Auflage.
~Die Mißgeschickten.~ (Zuerst in der »Neuen Rundschau«, Januar 1909.) Verlag Georg Müller, München 1909.
~Die Halsbandgeschichte.~ Verlag Georg Müller, München 1909, Zweite Auflage. (Zuerst in den »Rheinlanden« 1908.)
~Karl Stauffers Lebensgang~, eine Chronik der Leidenschaft. Verlag Georg Müller, München 1911. Sechste Auflage.
~Die unterbrochene Rheinfahrt.~ Verlag Georg Müller, München 1912. (Zuerst in der Frankfurter Zeitung.)
~Lebenstag eines Menschenfreundes.~ Verlag Georg Müller, München 1915. Zehnte Auflage. (Zuerst in der »Deutschen Rundschau«. Okt. 1914 bis April 1915.)
~Die begrabene Hand~, Sonderausgabe der neuen Anekdoten und Novellen, Verlag Georg Müller, München 1918.
~Die Erzählenden Schriften.~ Gesamtausgabe in vier Bänden. Verlag Georg Müller, München 1918.
~Lebensabriß.~ Verlag Georg Müller, München 1918.
Druck von Mänicke und Jahn in Rudolstadt