Chapter 11 of 25 · 3896 words · ~19 min read

Part 11

Es liegen fünfzehntausend Gulden Schulden darauf, und diesmal ist kein Bankherr als Teilhaber da, der sich mit einem Verlust herauszieht. So bitter und demütigend es für Heinrich Pestalozzi ist, nun können nur noch die Erbhoffnungen seiner Frau den Neuhof retten. Sie einigt sich mit ihren Brüdern -- und hat nicht einmal Tränen gegen ihren Spott -- daß sie die dringendsten Schulden für einen entsprechenden Verzicht auf ihre Erbschaft übernehmen. Nur glauben die nicht mehr an seine Landwirtschaft und richten ihm einen Baumwollenhandel ein, wo sie nach Zürcher Art den Rohstoff liefern, den er im Birrfeld zum Spinnen und Weben in die Häuser geben muß, sodaß er nichts als den karg bezahlten Aufseher ihrer Geschäfte vorstellt. Als endlich stürzende Herbstfluten den dürren Sommer auslöschen, ist von dem Traum seines Lebenskreises, der Wohlstand und Segen in der ärmlichen Landschaft verbreiten soll, nichts geblieben, als daß er im Dienst städtischer Fabrikherren die Not des Bauernvolks ausnützen hilft; und es bedürfte nicht der Erinnerung an den Ernst Luginbühl im Webstuhl und an den Großvater mit seiner Verachtung dieser ins bäuerliche Leben einfressenden Industrie, um ihm sein zertretenes Dasein zur Qual zu machen.

50.

Es sind nicht immer die eigenen Kinder der Bauern und Tanner, die Heinrich Pestalozzi in den Baumwollstühlen das Elend ihrer verwahrlosten Jugend weben sieht, sehr häufig sind es Waisen, von der Gemeinde ausgedungen, die ihren Pflegern das harte Brot verdienen müssen. So schneidend traurig es für ihn ist, daß er Anna und ihren Knaben mit in den Zusammenbruch seiner Traumgebäude gerissen hat, schlimmer greift es ihn an, Helfershelfer dieser Ausnützung zu sein. Sein Herz zittert, wenn er in die Häuser muß, und das früh verblaßte Gesicht Ernst Luginbühls kommt wieder in seine Träume. Immer deutlicher fühlt er die Hand des Schicksals, die ihm alles zerbricht, was er selbstgefällig in seine Hand nimmt; und tagelang kann er verscheucht im Neuhof sitzen, über seine Schuld an diesem Schicksal zu grübeln. Zuletzt empfindet es sein verscheuchter Geist fast als Milderung, daß die Teuerung ihm noch schlimmeres Elend vor den Neuhof treibt.

Denn die an den Webstühlen sitzen, haben immer noch Bett und Brot, während ihrer viele von der Hungersnot in den Straßenbettel getrieben werden, daß sie wie herrenlose Hunde die Häuser der Reichen umlagern und auf den Abfall der Haushaltung warten. Auch vor den Neuhof kommen sie scharenweis, und Heinrich Pestalozzi, der ihre Hudeln und die von der Krätze entstellten Hände, ihre Frechheit und die Verkommenheit der jungen Gesichter sieht, kann Tränen der Bitterkeit weinen, wenn er bei diesem Anblick an den Vortrag des Landvogts Scharner denkt; solange es Luxus und dieses grausame Elend gleichzeitig gibt, sind alle patriotischen Träume leichtsinnige Spielereien. Es treibt ihn, sich ganz zu den Enterbten zu schlagen, und oftmals nimmt er ihrer einige ins Haus, mehr als das Brot mit ihnen zu teilen; er sieht, wie unmenschlich sie schon geworden sind, gierig und in aller Heimtücke der Verstellung geschickt: aber er wendet unermüdlich die Erzieherklugheiten an, die er an seinem Jaköbli erfahren und geübt hat und immer sicherer wird es ihm, daß er damit an ein Zaubermittel rührt, ihrer Verkommenheit statt von außen von innen zu begegnen. Was sonst in Stadt und Land sich als Wohltätigkeit breitmacht, setzt eine Weltordnung voraus, dazu die hilflose Verkommenheit der Armut so unabänderlich gehört wie der Überfluß des Reichtums, während -- das wird ihm sicherer mit jedem Tag -- in jedem dieser Bettelkinder der natürliche Keim zu einem rechtschaffenen Menschen steckt, nur daß keiner daran denkt, den zu bilden und also der Armut von innen beizukommen.

Was in andern Zeiten für Heinrich Pestalozzi nur eine hitzige Erfahrung gewesen wäre, das ergreift seine gedemütigte Natur nun zur Rettung, und eines Tages löst die Verzweiflung dieser Zeit die tiefe Erkenntnis seines Schicksals aus: Ich mußte arm werden aus meinem Hochmut der Wohlhabenheit; denn wie soll einer dem Armen helfen können, der mit den Sorgen seines Besitztums belastet ist? Wohlstand und Reichtum sind Zwangsherren; was für Umstände und Vorsichten braucht es, sie zu erhalten? Der Reiche kann nicht der Bruder des Armen sein; denn Geben und Nehmen scheidet ihre Seelen. Darum steht im Evangelium geschrieben: verkaufe, was du hast, und gibs den Armen!

Seine Frau erschrickt, wie sie die Botschaft hört; sie fühlt sofort, daß dies eine neue Prüfung wird; doch kennt sie ihre Sendung, das Senkblei seiner Stürme zu sein, und obwohl sie um ihren Knaben zittert -- der durch all die neuen Worte des Vaters nicht gestört worden ist, aus seinen Brettchen ein Haus zu bauen, und der sie ungestüm an der Hand herbei holt -- nickt sie dem Mann erst zu, bevor sie das Wunderwerk des Knaben bestaunt. Es ist einer wie der andere, denkt sie und sieht die Spalten zwischen den Brettern, die trotzdem ein Dach bedeuten sollen: aber es sind Männer und sie wollen bauen, während wir Frauen wohnen möchten.

Heinrich Pestalozzi hat nichts von ihrer Bewegung gemerkt, er ist hinausgegangen in den Abend, wo der verspätete Herbstregen schon wieder in Strömen fließt, und läuft dem Sturz seiner Gedanken nach bis in die Dunkelheit. Und während die Täglichkeit danach auf dem Birrfeld ihre Herbstarbeiten macht und mancher Blick mit Mitleid das niedrige Dach des Neuhofs streift, wo die Sorgen -- wie jeder weiß -- dem vorwitzigen Herrenbauer aus Zürich ans Fundament seines Daseins gegangen sind, sitzt Heinrich Pestalozzi glücklich bei seinem Knaben und baut Häuser, Brettchen auf Brettchen, ob sie zusammenstürzen, unermüdlich aufs Neue, bis der Plan seiner Armenkinderanstalt fertig ist: Ich habe ein zu großes Haus, sie haben keins; mir fehlen die Hände, die Felder zu bestellen, und ihnen mangelt die Arbeit! Was gilts, wenn wir Armen uns zusammentun, sind wir reich! Sie sollen mir spinnen für ihren Unterhalt, und ich will sie lehren. Ich will sie säubern von ihrem Schmutz und will selber rein werden von den Geschäften, für die ich nicht geschaffen bin. Ich habe mein Haus Neuhof genannt, als ob es eine Neuigkeit wäre, noch ein Haus wie tausend andere dahin zu stellen; nun aber soll es ein Neuhof sein, wie keiner vordem war: ein Neuhof, wo die Armut sich selber durch Arbeit und Lehre zur Menschlichkeit verhilft, die sonst in Faulheit und Laster betteln geht. Jetzt weiß ich, warum ich auf dieses steinichte Birrfeld mußte; und wenn weiter Sorgen und Not kommen, will ich sie gern tragen, weil es die Sorgennot der armen Menschheit, nicht mehr die meine ist!

51.

Das Jahr ist noch nicht zu Ende, als Heinrich Pestalozzi schon die ersten Bettelkinder im Hause hat. Er kalkuliert, daß der Abtrag ihrer Arbeit die Kosten einer einfachen Erziehung bestreiten müsse, und gibt sich zuversichtlich daran, die Sennerei in einen Raum zum Spinnen umzuwandeln, den er seine Fabrik nennt. Die Schwäger in Zürich, die mit seinen Baumwollgeschäften schon unzufrieden waren, lamentieren über den neuen Plan und beschwören Anna, daß sie ihn davon abhalten möge. Ihnen, die seine Lage kennen, darf er sein Herz nicht öffnen, er muß ihnen vorrechnen, daß es für ihn selber eine Rettung aus seinen Nöten sei; es fällt ihrer Geschäftsgewandtheit nicht schwer, ihm die Irrtümer seiner Kalkulation mit spöttischen Fragezeichen anzumalen; aber weil Anna mit Standhaftigkeit die Mutterschaft seines Armenkinderhauses antritt, schlägt er den Widerstand nicht an.

Für Anna ist es ein Opfer, sie fängt schon an zu kränkeln, auch stehen ihr als Stadtherrnkind die Hände nicht danach, verwahrlosten Bettelkindern die Läuse abzulesen. So schlimm es ihr erging in den Kämpfen dieser Jahre, in den Stuben ist die Ordnung und Reinlichkeit ihrer Gewohnheit geblieben, Freunde sind auf Besuch gekommen, und wenn Abends die Messinglampe brannte, senkte sich doch ein Stück Gottesfrieden in ihren warmen Schein: nun geht das alles hin wie ein schöner Traum; als ob sie selber mit ihrem Knaben ins Armenhaus gekommen wäre, dringt der Geruch der Hudeln und das Geschrei der Verwahrlosung durch ihre behüteten Räume. Aus sich selber hätte sie dergleichen niemals vermocht, obwohl es ihrem Herzen nicht an Edelmut fehlt; der gierigen Tatensucht ihres Gatten vermag sie um so weniger zu widerstreben, als sie das Glück sieht, das nach der mutlosen Dumpfheit so vieler Jahre über ihn gekommen ist. Sie hat ihn nun wieder, wie er als Jüngling werbend vor ihr gestanden hat, trotzig bereit, sich die Adern aufzuschneiden, wenn sein Blut für etwas Edles fließen müßte; und da es dieser rauschhafte Edelmut ist, um dessentwillen sie ihn andern Männern von soliderer Daseinsfestigkeit vorgezogen hat, nimmt sie -- zum wenigsten im Anfang -- auch dieses Los gern auf sich, das ums Vielfache schwerer als das ihres Mannes ist: weil ihr Teil allein die Aufopferung ist, wo er den Genuß seiner Idee und die Befriedigung seiner Natur hat.

Heinrich Pestalozzi weiß von Anfang an, daß es mehr gilt als seine eigene Anstalt, und daß er wohl die Menschenfreunde des Landes anrufen darf, ihm beizustehen; wenn erst sein Versuch gerät, ist allerorten ein Beispiel gegeben, auf menschlichere und gründlichere Art mit der Bettlerplage aufzuräumen als durch Landreiter: das Wort des Großvaters in Höngg, daß er andere Mittel wüßte als die monatliche Betteljagd der gestrengen Herren, liegt ihm dabei wie ein Vermächtnis im Sinn. So scheut er sich nicht, selber die Betteltrommel für sein Werk zu rühren und mit einem Flugblatt an den Türen der reichen Häuser in Basel, Bern und Zürich anzuklopfen. Es ist zum erstenmal seit jener jugendlichen Mitarbeit am Erinnerer, daß er die Feder in die Hand nimmt; er ist unterdessen ein Jahrzehnt älter geworden und steht mitten in den Nöten des Lebens, dem sein Jünglingseifer mit römischen und griechischen Schulideen zu Leibe wollte. So wird es eine andere Rede, als er sie damals aus Demosthenes übersetzte, ein Quell wirklicher Nothilfe fließt darin und rührt an die Herzen, daß vielerorten Gutwillige, von der Neuheit des Planes wie von seiner hinreißenden Darstellung gewonnen, dem Urheber auch das Vertrauen schenken, ihn auszuführen. Was er sich in seiner Lernzeit als Lebensberuf gedacht hat, ein Fürsprech des niederen Volks zu sein, das ist er damit unvermutet doch noch geworden, und die Besten im Lande lohnen ihm seine erste Rede mit freudigem Opfer.

Geschwellt von diesem Beifall wächst sich der Plan bald aus. Anna Pestalozzi mit zwei Mägden leitet die Mädchen in allen Arbeiten der Küche und des Haushalts an, sie lernen waschen, nähen, flicken, auch die einfache Gartenarbeit, während die Knaben mit den Knechten auf die Felder, in die Ställe und in die Scheune gehen: sie sollen für kein anderes Leben aufgezogen werden als das der ländlichen Arbeit, wie es ihrer wartet, und bei allem zugreifen lernen, was die gemeinsame Haushaltung ihnen unter die Hände bringt. Daneben müssen sie spinnen und weben, und hierfür hat Heinrich Pestalozzi das Glück, in der Jungfer Madlon Spindler aus Straßburg eine vortreffliche Lehrmeisterin zu finden, die bald als das Spinner-Anneli im ganzen Birrfeld bekannt ist. Er selber gibt den Kindern Unterricht; denn wenn sie auch zu keinem andern Leben als dem der Armut abgerichtet werden sollen, die Wurzel seines Planes bleibt doch, Menschen aus ihnen zu machen, die das Bewußtsein ihrer menschlichen Würde nicht mehr verlören und auch dem schlimmsten Los die Unverlierbarkeit ihrer Seele entgegenzustellen vermöchten. So lehrt er sie nicht nur das Abc, sondern versucht in die zufälligen Wahrnehmungen ihrer Sinne die Ordnung einer bewußten Anschauung zu bringen, indem er sie anleitet, über das Gefühl des Augenblicks das Urteil ihrer eigenen Erfahrung Meister werden zu lassen. Was er selber in den Gesprächen mit dem Jaköbli erfahren hat, wendet er nun an, und ob er oft einsehen muß, daß ihm viel zu einem Schulmeister fehlt, weil er zu hitzig und zu blind in seinem eigenen Eifer wird, sodaß er leicht mit einem Gedanken schon ans Ende gelaufen ist, während sie noch begossen vom Schwall seiner Worte den Anfang garnicht gefunden haben: so verliert er doch hierin den Mut nicht, schließlich die rechten Kunstmittel zu finden, um auch im Blödesten noch den Keim zu wecken.

Über allem aber steht wie eine himmelhohe Rauchsäule das Glück, als Dreißigjähriger endlich dem Leben zu dienen, statt sich im Erwerb der Lebensmittel aufzureiben. Als der Ratsschreiber Iselin eine Zeitschrift nur für die Fragen der Volkswohlfahrt gründet, die er die Ephemeriden nennt, glaubt Heinrich Pestalozzi wirklich wieder in den Zeiten der Gerwe zu leben; nur, was damals Überschwall jugendlicher Ideen gewesen ist, das lebt nun als Tat und Wirklichkeit, und er steht mitten drin. Kein Geringerer als der Landvogt Tscharner auf Wildenstein tut ihm die Ehre an, in siebzehn Briefen über Armenanstalten auf dem Lande seine Pläne zu erörtern; und wie er ihm darauf mit eigenen Briefen in den Ephemeriden antworten, seine Ansichten und Bedenken, seine Hoffnungen, Erfolge und Enttäuschungen vor den Gebildeten seines Landes darlegen darf, in der Gewißheit, man achtet seiner und horcht auf ihn: da steht Heinrich Pestalozzi endlich da, wohin sein Traum in zwei Jahrzehnten gegangen ist. Nicht zu genießen, sondern zu wirken ist der Trieb seines Lebens; als er mit der Landwirtschaft sein Dasein auf die eigene Wohlfahrt gründen wollte, hatte ihn das Schicksal gedemütigt, bis er die Hand darin erkannte; nun liegt die Landwirtschaft und die Collegienzeit hinter ihm als bittere Lebensschule, die Sehnsucht seiner Jugend ist keine Täuschung gewesen, der Traum wurde doch Wahrheit; und so mühsam, so aufreibend in hundert Hindernissen sein Dasein geworden ist, ein gepeitschtes Wasser, darauf der Kahn seiner Häuslichkeit ohne Segel und Ruder verlassen schwimmt: die Tage seines Glücks sind da, weil nichts mehr zwischen seinem Gewissen und seinen Geschäften steht.

52.

Heinrich Pestalozzi merkt lange den Zwiespalt nicht, an dem sein Glück scheitern muß. So überzeugend seine Zahlen auf dem Papier stehen, daß die Anstalt sich aus sich selber zu halten vermöge: als die Armenkinder wirklich da sind, kommt es zwingender als früher darauf an, die vergrößerte Haushaltung wirtschaftlich zu halten; denn die Zuschüsse der Menschenfreunde, so tapfer sie auf seine Bitte eingehen, decken nicht einmal die erste Einrichtung. Um das Exempel aus dem Papier in die Praxis zu bringen, bedarf es anderer Finanzkünste, als sie Heinrich Pestalozzi geläufig sind; seine Geschäftsführung kommt schließlich doch wieder auf die alte Torheit hinaus, die kleinen Löcher aus einem großen Loch zu flicken, und wenn das zu bedenklich wird, mit einem phantastischen Lappen die Blöße zu decken. An Einfällen hierzu fehlt es ihm nicht; nach Jahresfrist ist aus seiner Anstalt schon eine wirkliche Fabrik geworden, indem er die Baumwolle nicht nur spinnen und weben, sondern die gewebten Stoffe auch färben und bedrucken läßt, und eines Tages erleben die Zurzacher den Spaß, daß der Armennarr vom Neuhof -- wie er nun schon im ganzen Aargau heißt -- selber seinen Stand auf ihrer Messe aufgeschlagen hat, gefärbte und bedruckte Baumwollentücher zu verkaufen.

Irgend ein Spaßvogel bringt die Absprache auf, daß er sich eine reichliche Bestellung abmessen läßt; wie aber Heinrich Pestalozzi glücklich seine Elle geschwungen hat und schwitzend hinter dem Berg seiner entrollten Ware steht, entdeckt der angebliche Käufer soviel Fehler, daß er ihm scheltend alles hinwirft und unter dem Gelächter der andern verschwindet. Erst als ihm das zum drittenmal begegnet, merkt seine Harmlosigkeit, daß es die Rache der Händler für die unerbetene Konkurrenz ist. Er läßt sich von seinem Zorn hinreißen, mit seiner Elle dem Mann nachzuspringen, weil aber der halbe Markt mit Hetzgeschrei hinter ihm herläuft, bleibt er doch der Gefoppte. Als er am dritten Tag entmutigt abführt, hängt hinten an seinem Wagen -- ohne daß er es merkt -- ein freches Schild: Hier wird um Gotteswillen schlechte Ware für gute verkauft!

Der Spott trifft ihn tief, weil seine Ware wirklich nicht gut ist und es auch gar nicht sein kann. Die Kinder, zum Teil mit Zwang in seine Arbeit gebracht, sind viel zu sehr ans Bettelgeläuf gewöhnt, um die strenge Arbeitszucht zu ertragen; wenn sie den ersten Hunger gesättigt haben und in sauberen Kleidern stecken, jammern sie nach ihrem ungebundenen Elend. Immer wieder geht eins in der Sonntagnacht mit den guten Kleidern davon, und es wiederzuholen ist schwierig, weil die Bauern -- denen er die billigen Arbeitskräfte der Kinder fortgenommen hat -- ihm feindlicher sind als je und auch die Behörden der neumodischen Gesinnung im Neuhof argwöhnisch mißtrauen. Selbst die Gutwilligen bleiben selten länger, als ihre Zwangszeit ist, und darum hat sein klug ausgerechneter Plan, mit dem Verdienst der Zöglinge die Anstalt zu erhalten, das böse Loch, daß er nur die fehlerhafte Ware von Anfängern liefern kann.

Zu alledem muß Heinrich Pestalozzi immer bitterer bemerken, daß er selbst für die Schulmeisterei weder geeignet noch geübt ist; unausgesetzt beschäftigt, die richtige Lehrart zu finden -- sodaß eigentlich nur er allein bei seinem Unterricht etwas lernt -- ist er ganz unfähig, drei Dutzend solcher Kinder in Disziplin zu halten. Im Augenblick überfließende Liebe und im nächsten maßloser Zorn, steht er machtlos inmitten ihrer Tücke, die sich vor seinen Schlägen fürchtet und bei seiner Liebe heuchelt; um beides zu verhöhnen, wenn er den Rücken gewandt hat.

Niemand fühlt diese Mängel tiefer als seine Frau, die nun den Schmerz erlebt, den Geliebten auch in den Dingen seiner Neigung unfähig wie im praktischen Erwerb zu sehen; bald hat sie statt seiner die Leitung der Anstalt in der Hand, während er unruhig von einem zum andern läuft, mehr verwirrend als fördernd. Durch einige Jahre erhält sie mit unmenschlichem Kampf den äußeren Bestand der Dinge, dann wird sie krank, und kaum hat sie einige Wochen gelegen, als auch schon die Unbotmäßigkeit zur Überschwemmung anschwillt, darauf Heinrich Pestalozzi mit seinem unsteten Willen wie ein Kork schwimmt. Ein paarmal rafft sich die Tapfere noch auf, die Sache zu retten; aber mit ihren vierzig Jahren ist sie für die stündlichen Aufregungen nicht mehr stark genug. Auf einem verzweifelten Besuch bei ihrer Freundin, der Frau von Hallwyl, kommt sie ernsthaft zu liegen und kehrt nicht mehr auf ihren Posten zurück.

Die Anstalt ist unterdessen mit den Bedienten auf fünfzig Mäuler angewachsen, deren Ernährer Heinrich Pestalozzi sein soll, schon drohen die Gläubiger mit der Vergantung, während er immer nach neuen Plänen rudert, die alten zu retten: Seit zwei Jahren ist das Bärbel mit dem Kaufmann Groß in Leipzig verheiratet, wo sie schon an Kindesstelle bei der verwitweten Tante Weber gewohnt hat. Ihr Mann führt die Geschäfte des Hauses Weber, sodaß die Schwester als die eigentliche Erbin im Wohlstand lebt; Heinrich Pestalozzi hat sich in seiner Not an sie um ein Darlehen gewandt, und wirklich erscheint eines Tages im November sein Bruder Johann Baptista, der nach wechselnden Jahren einer verunglückten Kaufmannschaft wieder in Zürich lebt, als ihr Mittelsmann, den letzten Versuch einer Rettung zu machen. Es kommt ein Vertrag zustande, worin die Scheune mit zwanzig Jucharten um den Preis von fünftausend und etlichen Gulden verkauft wird, um damit Deckung für die dringendsten Schulden zu gewinnen.

Eifrig wandert Heinrich Pestalozzi eines Morgens nach Hallwyl hinaus, seiner kranken Frau die glückliche Wendung anzusagen, und schon malt er sich den Traum einer Kolonie aus, wo Anna mit dem Knaben wieder auf dem Neuhof ihr ruhiges Heim haben soll, während die Zöglinge rundum mit einzelnen Hausvätern in besonderen Gebäuden wohnen; aber als er heimkommt, ist Johann Baptista mit dem Geld unterwegs, sich in Amerika eine Farm zu kaufen, wie er ihm in einem Abschiedsbrief hinterläßt. So steht er mitten in seinem Unglück auch noch vor dem Zwang, für die Mutter und vor der Welt seinen ehrlichen Namen zu retten. Er muß zum andernmal nach Hallwyl, und nun wächst kein Traum einer Gartenkolonie mehr in seiner verdüsterten Seele; er geht noch am selben Tag, und weil es Abend geworden ist, den größten Teil des langen Weges in der Dunkelheit. Hinter Lenzburg verirrt er sich und findet die Brücke nicht über die Aa, bis er durch das kalte Wasser hindurch watet. Ein paarmal ist der Gedanke in ihm, daß die Verirrung dauernd werden möchte, dann hilft ihm der aufgehende Mond mit seinem ungewissen Licht auf die Straße zurück, die ihn mit eisnassen Strümpfen nach Schloß Hallwyl bringt. Da wartet er in der Dunkelheit des Morgens wie ein Bettler am Tor, bevor er einen Knecht herausgeklopft hat.

Nun muß Anna Schultheß noch einmal die Taschen ihrer wohlhabenden Herkunft absuchen; ihr Vater, auch Freunde helfen schließlich, den Schlund notdürftig zuzustopfen -- wie sie den Neuhof nennen -- nur wird ihm unbarmherzig die Bedingung auferlegt, die Anstalt zu schließen. Und damit es keinen Ausweg gibt, wird ein neuer Verkauf gemacht, worin Johann Heinrich Schultheß die Fabrik und den größten Teil des Landes übernimmt, um einen Pächter einzusetzen.

So kommt nach fünf Jahren der Tag, da Heinrich Pestalozzi seine Dienstleute entlassen und die Kinder wieder in die Bettelarmut zurückgeben muß, daraus er sie in seinen Neuhof geholt hat. Er findet noch die Tapferkeit, ihnen allen mit einer Abschiedsansprache ans Herz zu gehen, und es sind nun doch viele Hände, die sich nach ihrem Vater strecken. Dann aber, als auch dieser Vorfrühlingstag im ewigen Kreislauf der Gezeiten dunkel wird, bleibt er allein in den verlassenen Stuben zurück. Die Messinglampe ist noch da, die ihm so manchen Abend seiner einsamen Jungmannszeit in Müligen erleuchtet hat; er steckt sie nicht an, obwohl unter dem bedeckten Himmel kein Stern aufkommen will; es tut ihm wohl, daß seine Augen nichts mehr von allem zu sehen brauchen, das nun sinnlos geworden ist. Die ganze Nacht hindurch sitzt er wach in seinem Stuhl; erst als der Morgen kommen will, legt ihm der Schlaf seine Hand auf die Augen, daß er das Gespenst des leeren Hauses nicht in der Todestraurigkeit der ersten Morgenfrühe sähe.

53.

Am Nachmittag des andern Tages schließt Heinrich Pestalozzi die Tür am Neuhof zu, die dritte einsame Wanderung dieser Tage anzutreten. Bis Brugg weiß er noch nicht, wohin sie führen soll, dann ist es der Ratsschreiber Iselin in Basel, an den sein inneres Gefühl sich wendet; er sieht die klargütigen Augen des Mannes und hört seine Stimme, als ob er schon vor ihm stände: von allen Freunden seiner Jugendheimat weiß er keinen seiner Not so nah wie diesen ihm wesensfremden Basler, zu dem er nun über den Jura wandert. Er kommt an dem Tag nur noch bis Frick und als er da eine Herberge suchen will, merkt er, daß er ohne Geld wegging. Es scheint ihm fast recht, denn mehr als ein Bettler kommt er sich kaum vor; müde sitzt er am Wegrain und denkt schon, sich um Gotteswillen ein Obdach zu erbitten, da treibt ein Ziegenhirt seine Herde an ihm vorbei, lustig auf einer Holzpfeife blasend, die er aus jungem Saftholz geschnitten hat. Er selber hätte ihn garnicht erkannt, aber der Bursche hält gleich mit dem Stecken sein meckerndes Volk zurück und ruft ihn an, höflich den alten Hut lüftend. Es ist ein Zögling, der vor einigen Jahren als Waisenkind kurz bei ihm war und nun in Frick die Ziegen hütet. Treuherzig von ihm eingeladen, geht Heinrich Pestalozzi mit auf den Hof, wo er bei einem rechtschaffenen Bauer -- der durch den Burschen Gutes von ihm weiß -- ein sauberes Lager angeboten erhält, bevor er darum zu bitten braucht.

Der freundliche Zufall gibt ihm eine bessere Stimmung in den andern Morgen, da er nach dankbarem Abschied seine Wanderung fortsetzt; und eben läuten die Basler Glocken den Mittag ein, als er gegen Sankt Albanstor kommt. Da hat sich ein Blinder an den Weg gesetzt, seinen Hut vorzustrecken, so oft er Schritte hört. Heinrich Pestalozzi vermag nicht, an ihm vorbeizugehen, und weil er nichts anderes schenken kann, löst er die silbernen Schnallen von seinen Schuhen und wirft sie in den Hut. Er fühlt, daß es unnütz ist, aber in seinem Zustand tut es ihm zornig wohl, das Letzte freiwillig hinzuschenken, wo ihm soviel gewaltsam genommen ist. Doch vermag er ohne die Schnallen nicht zu gehen, und so flicht er aus Binsengras ein paar dünne Riemchen, mit denen er die Schuhe zur Not bindet.