Part 18
Er ist so versessen in diese Gedanken, daß er garnicht hört, wie jemand von hinten zu ihm kommt und die Hand auf die Schulter legt. Als er sich umkehrt, ist es Fischer, der ihn zufällig aus seinem Fenster gesehen hat: Wir sind die einzigen Menschenseelen in dem ganzen Gebäude, sagt er erklärend zu ihm; aber Heinrich Pestalozzi ist noch viel zu sehr bei den Reitversuchen seiner stolzen Gedanken, um ihn wörtlich zu verstehen: Dann müssen wir jeden Tag den Berg hinunter traben, sagt er und muß hellauf wie ein Knabe lachen, so rasch springt ihm aus der abendlichen Grübelei ein Scherz auf: Zwei Narren in einem leeren Schloß mit einem Steckenpferd, das wird ein schönes Rittertum, wenn wir ausreiten.
78.
Nach acht Tagen kommt Heinrich zum zweitenmal aus Bern; diesmal in einem heiteren Wolkenwetter zu Fuß; die Verwaltungskammer hat ihm im Schloß ein Zimmer als Wohnung eingeräumt und für die Hintersassenschule die Lehrerlaubnis erteilt. Der Schulmeister Samuel Dysli muß ihm einen Teil von seinen dreiundsiebzig Schülern überlassen; weil aber nur eine Stube da ist, vereinbaren sie einen Strich, der die Klassen trennt: auf der einen Seite stellt sich Heinrich Pestalozzi auf und fängt wieder tapfer an, aus der Sprache die Buchstabenlaute abzulösen; auf der andern wandert der Schuhmacher von Bank zu Bank und behört den Heidelberger Katechismus. Er kann es nicht verwinden, daß man ihm den alten Landstreicher in die Schulstube schickt, die doch mit dem Haus sein angeerbtes Eigentum ist, und wenn er in der Folge das unaufhörliche Geschrei hört, wie der andere die Kinder abrichtet, im Chor zu sprechen, wobei er selber mitkräht, wenn er sieht, wie sie keine Bücher und Schreibhefte, nur eine Schiefertafel haben -- nie hat er solch ein Schreibzeug gekannt -- darauf sie mit dem Griffel allerlei Winkel und Figuren kritzeln: glaubt er einem Tollhäusler zuzusehen. Er versucht, ihm zur Beschämung, mit seiner Schar die gewohnten Dinge zu treiben, aber auch die ist von dem seltsamen Wesen angesteckt, hat Augen und Ohren auf der andern Seite; und weil er sich scheut, vor den Augen dieses Narren wie sonst mit dem Stock drein zu fahren, frißt ihm der Ingrimm über die Vergewaltigung Stunden und Tage auf. Er sieht bald, daß einer von ihnen beiden hier unmöglich wird, und da es seine eigene Werkstatt ist, aus der er sich hinterlistig verdrängt sieht, richtet er sich auf den Krieg ein.
Wenn Heinrich Pestalozzi, der ihn im Eifer meist ganz vergißt, ihn kollegialisch ansprechen will, stellt er den gekränkten Stolz seiner Bildung zwischen sich und ihn; denn er hat bald gemerkt, daß der andere den Firlefanz nur treibt, weil er weder den Katechismus noch sonst etwas nach der Vorschrift kann. Der Wurm der Kränkung will ihm unterdessen das Herz abfressen, und schließlich geht er zum Pfarrer. Dem ist es verdächtig, sich in diesen Handel zu mischen, weil er die Hintermänner kennt; doch gibt er ihm Lienhard und Gertrud mit, damit er sehe, was für ein Wundertier dieser Mann vorstelle. Samuel Dysli hat schon gehört, daß es ein Romanschreiber sei, doch macht es ihm zu viel Mühe, so dicke Bücher zu lesen; er blättert nur höhnisch darin herum, und so findet er die Stelle, wie es dem alten Schulmeister in Bonnal übel geht und wie sich der stelzbeinige Leutnant mit allerlei Schleicherkünsten an seiner Stelle einnistet. Nun weiß er Bescheid, und während Heinrich Pestalozzi schon wieder besessen von seiner Absicht ist und gleich einem Specht an der Anschauungskraft der Kinder herumklopft, bearbeitet Samuel Dysli die Väter, und eines Sonntags halten die Burgdorfer Hintersassen eine Art Landesgemeinde in seiner Werkstube ab: Wenn die Bürger und Herren schon ihre Narrheit mit der neumodischen Lehrart hätten, möchten sie die Probe auch an den eigenen Kindern machen!
So aufgereizt sind sie, daß sie es nicht bei dem Beschluß belassen; als Heinrich Pestalozzi am Montag danach um sieben Uhr in die Schulstube kommt, sitzen auf seiner Hälfte nur noch drei Kinder und heulen. In der ersten Bestürzung ist er töricht genug, den Dysli zu fragen; der läßt den Katechismus herunter schnurren, als ob er ihn extra für ihn aufgezogen hätte. Da merkt er, daß ihm einer das Uhrwerk abgestellt hat; doch kann er seinen Jähzorn noch meistern und geht hinaus. Und nun meint er, daß der Schulmeister ihn wiederkennen müsse; denn wie damals an dem Morgen kommt er ihm nach bis in die offene Tür. Auch sonst stehen die Leute an den Fenstern und auf der Gasse; er sieht im Vorbeigehen, daß sie die Kinder hinter sich halten, als ob sie ihre Brut vor dem Wolf schützen müßten. Einige vermögen ihre Schadenfreude nicht zu meistern und rufen ihm nach; ein Flickschneider, der ein Schwager des Dysli ist, verfällt auf die Rache, laut zu buchstabieren: b u bu, b e be, b a ba! Die ganze Gasse ist begeistert davon, und so muß Heinrich Pestalozzi Spießruten laufen durch sein höhnisches Echo, das ihm noch nachkräht, als er schon im Oberdorf ist.
Er will zu seinen Freunden, aber weder den Statthalter Schnell noch den Doktor Grimm trifft er zu Hause, und Fischer ist für ein paar Tage nach Bern gereist. So geht er kopfschüttelnd und trotz seiner Großvaterschaft dem Weinen nahe wie ein Knabe den steilen Schloßweg hinauf. Der Hof ist leer wie immer, und die Sonne malt die verzogenen Schatten der Dächer hinein, als ob auch die ihm Fratzen schneiden wollten. Es ist ihm für den Augenblick gleichgültig, wohin er geht, weil jeder Schritt zwecklos ist; so tritt er unter die Linde und starrt über die Mauer in die glitzernde Emme hinunter. Auch da unten sind noch Hütten der Hintersassen, denen er aus der hilflosen Armut helfen will, aber die bellen ihn an wie Hunde. Der Abend fällt ihm ein, wo er zum erstenmal hier stand und das von dem Steckenpferd sagte. Nun haben sie mir auch das fortgenommen, denkt er, und jetzt laufen ihm richtig die trotzigen Tränen übers Gesicht, daß er ihre Schärfe in den Mundwinkeln schmeckt.
79.
Das Erlebnis geht Heinrich Pestalozzi so nah ans Herz, daß er an diesem und auch am folgenden Tag das Schloß nicht verläßt, obwohl er Hunger leidet. Dann kommt Fischer aus Bern zurück, hört schon im Stadthaus, wo er aus der Post steigt, von dem Aufruhr der Hintersassen, und nun erlebt der Geschlagene, was treue Freundschaft für ihn vermag: Grimm und Schnell helfen, und noch in derselben Woche steht Heinrich Pestalozzi in der Buchstabier- und Leseschule der Margarete Stähli, wo er seine Versuche ohne Widerstände fortsetzen kann. Da sind nur zwei Dutzend Kinder in einer hellen Stube, und die Jungfrau bescheidet sich, ihm eine Gehilfin zu sein. Er ist zwar im Anfang noch verscheucht, man möchte ihn noch einmal aus der Schulstube fortschicken, und hält sich ängstlich an die äußeren Vorschriften -- täglich von acht bis sieben Uhr, die Mittagspause abgerechnet, steht er in seiner Klasse -- aber indem er nun nicht mehr wie in Stans durch die wirtschaftlichen Sorgen als Hausvater belästigt und bedrückt wird, auch keine verwahrlosten Bettelkinder, sondern gepflegte Bürgertöchter vor sich hat, kann er sich ungehindert dem Abc der Anschauung widmen, das ihm als die Grundlage aller Kenntnisse und Fertigkeiten täglich geläufiger wird. Noch immer geht er von keinem vorgefaßten System aus; er verläßt sich auf seinen Instinkt, daß er für jeden Unterricht den natürlichen Anfang finden wird. Namentlich im Rechnen versucht er nun, von den kindlichen Zählspielen ausgehend, zu den Schwierigkeiten der vier Spezies zu gelangen. Er ist wie ein Chemiker im Laboratorium, immer neue Mischungen versuchend, bis er die rechte Verbindung gefunden hat; und die Jungfrau Stähli geht ihm mit gemischter Verwunderung zur Hand.
Unterdessen spielt das Kriegstheater auf Schweizerboden seine europäischen Stücke, und es sieht nicht aus, als ob er sobald wieder nach Stans käme: über den Gotthard drängen die Russen unter Suworow, und über Zürich ins Glarner- und Einsiedlerland die Österreicher unter seinem Vetter Hotze, der ein berühmter Kriegsheld geworden ist. Aber Hotze fällt bei Schänis, Masséna nimmt Zürich ein -- wobei Lavater durch einen betrunkenen Grenadier schwer verwundet wird -- und als Suworow die Franzosen nach dem mörderlichen Kampf um die Teufelsbrücke zurückgedrängt hat bis Flüelen, sind die Kaiserlichen überall geschlagen, und er muß sich seitwärts in böser Jahreszeit über den Kinzig-, den Pragel- und den wüsten Panixerpaß ins Vorderrheintal retten, wo er ohne Pferde und Geschütze ankommt und mit dem Rest seiner Scharen die Schweiz bald verläßt. Als Bonaparte, aus Ägypten heimkehrend, sich zum ersten Konsul der Franzosen macht, hat er die Eidgenossenschaft ganz in der Hand, und den Urkantonen vergeht die Hoffnung, daß ihnen fremde Hilfe aus der Helvetischen Republik in die alte Kantonsherrlichkeit zurück helfen könnte.
Im Bernischen sind die Kriegsschläge nur von fern hörbar gewesen, aber viele Heerhaufen rückten durch, und jeden Abend sank die Sonne in eine Nacht voll ungewisser Furcht. Heinrich Pestalozzi hat in Stans erlebt, was die ruhmvollen Taten der Kriegshelden in der Nähe bedeuten, wie aus einer blühenden Landschaft ein Schlachtfeld wird, darin die Dörfer brennen und die Verwundeten mit ihren Blutlachen zwischen Leichen auf den Straßen und in den Feldern liegen, während in den Bergställen und in Felsschlüften Frauen und Kinder schreckensbleich die Schießerei abwarten, bis der Hunger sie doch in das Unheil hineintreibt. Er kann nur auf den Tag warten, an dem dieser Kriegsbrand endlich gelöscht sein wird; es wird auch für ihn der Tag sein, wo er für sein Werk gerüstet dastehen muß.
Darüber fallen auch die Blätter dieses Jahres und eines Tages im November, als der Regen schon eiselt, erfährt er, daß die Regierung ihn nicht nach Stans zurücklassen will. Er hat gewußt, daß sich Stapfer seit dem September vergebens darum bemühte, und ist gefaßt, daß ihm die Tür nicht wieder geöffnet werde, die der Krieg zuschlug; aber die Hoffnung hat doch jeden Abend auf seinem Bettrand gesessen, wenn er mit den Kleidern auch die Mühsale des Tages auf den Stuhl legte. Im äußeren Schloßhof steht noch ein Tretrad über dem tiefen Brunnen, der bis in den Talgrund reicht; er ist einmal vorwitzig hineingestiegen, das sonderbare Hand- und Beinwerk probieren; nun träumt er in der Nacht, der Strick mit dem Eimer sei abgerissen, während er in den Sprossen stände, sodaß er die Radtrommel, des Gegengewichtes beraubt, nur immer um sich selber drehen müsse. Er tröstet sich zwar in der Folge, daß er für seine Versuche in der hellen Stube der Jungfrau Stähli besser aufgehoben sei als in dem Kalkstaub des Stanser Waisenhauses, aber der Lebensstrang seiner Arbeit ist ihm doch schmerzlich abgerissen, und unruhig fängt er an zu suchen, wo er ihn nach dieser Probierzeit wieder einhaken könne. So kommt es, daß er mit dem Ende des Jahres von neuem an seinen Neuhof denkt.
Dieses Ende marschiert mit den Schritten der allgemeinen Not, wie keines vorher, als ob es die Leidensreste des vergehenden Jahrhunderts noch über der Schweiz ausgösse, die durch die Kriegszüge verwüstet und von den Franzosen mit Millionen von Kriegskosten ausgesogen ist. Als er für die Weihnachtstage nach dem Neuhof fährt, wandern Scharen von Bettlern über die winterlichen Straßen, sodaß er wehmütig an seine Flugblätter und das Helvetische Volksblatt denkt, darin er sich und dem Schweizervolk so herrlich viel von der neuen Ordnung der Dinge versprach.
Er findet Anna, die er in Hallwyl abholt, mit eisengrauem Haar; sie hat die Sechzig hinter sich, und sie sind nun die Großvatersleute, die zum Besuch aufs Birrfeld kommen. Da schaltet die gebotene Fröhlich, und Lisabeth hilft ihr, auch die schlimmen Dinge tapfer zu überstehen; sie müssen den Hof allein halten; denn Jakob ist trotz seiner dreißig Jahre ein übellauniges Gebreste. Es wird trotzdem ein inniges Weihnachtsfest, die Großmutter hat aus Hallwyl den Enkelkindern viel Liebes mitgebracht, und die fünfjährige Marianne vermag schon Christlieder zu singen, in die der dreijährige Gottlieb selbstbewußt einstimmt. Als danach die heiligen Tage zwischen Weihnachten und Neujahr mit Rauhreif kommen, der in der Sonne mit Millionen Kristallen funkelt, ist es für Heinrich Pestalozzi mehr als die Insel auf dem Gurnigel, es ist die Küste, von der er ausfuhr, und fast scheint es ihm, dies sei die Heimkehr.
Silvester, als sich die Kälte in einen näßlichen Nebel gewandelt hat, wandert er zufällig durch das Gehölz bis nach Brunegg auf den Waldkamm hinauf. Er weiß, das kleine Schloß steht seit der neuen Ordnung mit leeren Fenstern da, aber wie er hinzukommt, ist an der verschlossenen Tür ein vergilbter Zettel angeheftet, daß die Regierung den verlassenen Besitz mit sechzig Jucharten Wald und Weide zum Verkauf ausbietet. Er braucht garnicht zu überlegen, der Plan steht gleich wie eine Eingebung da: Schloß Brunegg zu erwerben und mit dem Neuhof zu vereinigen in einem Besitztum, auf dem sich ein helvetisches Waisenhaus wohl einrichten und halten ließe. Die Seinigen wissen nicht, warum er allein an dem Abend fröhlich ist, während ihre Wehmut dem scheidenden Jahrhundert die Totenwacht hält; nur Anna, die das Wetterglas seiner Stimmungen besser kennt als sie, merkt bald, daß er irgend etwas im Schilde führt. Wie dann die Standuhr auf dem Gang ihre zwölf Schläge mit dem gleichen schnarrenden Klang wie sonst getan hat, und sie alle, die im Schein der Lampe darauf warteten, sich den Menschenkuß geben, nimmt er sie wie in den jungen Zeiten bei der Hand und führt sie aus dem Kreis der andern hinaus in die Nacht, die durch die Erschütterung der Glocken aus ihrer Stille aufgeschreckt und von Menschenlichtern nah und fern durchleuchtet mit ihren Geheimnissen in die Wälder zu flüchten scheint: So war die Nacht, wo ich mit Menalk auf dem Lindenhof stand, sagt er draußen zu ihr, als sie unsicher schreitend den Landweg nach Brunegg gehen: nur daß wir damals die Glocken in uns selber hatten, und draußen war es still. Das ist das Schicksal dieser Zeit gewesen, daß jeder in seinem Gehäuse saß; das einzige, was die Menschen miteinander verband, hießen sie ihre Bildung: ich heiße es ihre Ungläubigkeit. Das neunzehnte Jahrhundert der Christenheit wird wieder einen Glauben wie zu Zwinglis Zeiten haben, aber es wird das Jahrhundert der Menschlichkeit sein, wo die guten Werke nicht mehr für einen guten Platz im Himmel getan werden. Wer die ewige Seligkeit erst im Himmel anfangen will, hat sie schon versäumt. In Indien, heißt es, werden die Heiligen ihrer auf Erden teilhaftig, indem sie ihre Wünsche und Begierden Gott zum Opfer darbringen. Das heißen sie Nirwana oder in Gott ruhen; aber Gott hat auch unsere Wünsche und Begierden gemacht, nicht daß wir sie töten, sondern seinen Willen damit erfüllen. Wenn wir Gott selber in unsern Wünschen und Begierden haben, können sie kein Hindernis mehr sein. Ihre Seligkeit heißt, in Gott zu ruhen; unsere wird sein, Gott zu tun.
Sie sind unter Brunegg stehen geblieben, weil es ihn angestrengt hat, im Steigen soviel zu sprechen; nun sagt er ihr seinen Plan eines neuen Waisenhauses. So bist du der Alte geblieben? fragt sie, und er sieht in der ungewissen Helligkeit der Winternacht, wie sie selber die Antwort dazu lächelt. Ihm aber ist es auf einmal zumut, als ob er wieder in der Schule das Vaterunser sprechen müsse; er kann die Worte fast nicht herausbringen, so unbändig kichert seine Fröhlichkeit: Ja, Liebe, und darum wollte ich dich fragen, ob wir nicht Schloß Brunegg kaufen sollen!
80.
Seit dieser Nacht fühlt Heinrich Pestalozzi einen fremden Flügelschlag über seinen Dingen, sodaß er sich eilen muß, den Ereignissen zu folgen, statt sie mühsam anzuzetteln. Er macht zwar noch das Höchstgebot auf Brunegg und findet bei der aargauischen Regierung eine unerwartete Willfährigkeit, ihm bei der Einrichtung eines helvetischen Waisenhauses behilflich zu sein; aber das Schicksal verlegt ihm mit gütigen Wendungen den Rückweg aufs Birrfeld: Schon im November hat der Doktor Grimm sich erboten, einige Waisen aus dem Kriegsgebiet in sein Haus zu nehmen, andre Bürger sind ihm willig gefolgt, und da Fischer den Plan mit Feuer betreibt, kommen Ende Januar sechsundzwanzig Kinder in Burgdorf an, die der Pfarrer Steinmüller zu Gais im Appenzeller Land gesammelt hat. Heinrich Pestalozzi will gerade zum Schloß hinauf, als die Bürger ihnen entgegenleuchten; überall sind Betten und warme Suppen für die Zitternden bereit, es könnten ihrer hundert sein, soviel Hände strecken sich hilfreich aus. Auch sein Herz wallt ihnen entgegen, und gleich ist er mitten in der Schar, mit scherzenden Fragen seinen Willkomm zu sagen; aber eins nach dem andern wird ihm eingefordert, und ehe er sichs versieht, steht er allein auf der Straße da. Meine Zeit ist noch nicht gekommen, sagt er kopfschüttelnd vor sich hin, als er in einer bestürzten Wehmut durch die Dunkelheit zum Schloß hinaufgeht.
Aber unversehens fällt das, was andre begonnen haben, ihm in den Schoß, der die Seele solcher Taten ist: die Kinder sind durch einen jungen Dorfschulmeister namens Hermann Krüsi aus Gais gebracht worden, der als dritter ein Zimmer im Schloß erhält. Er ist ein lernbegieriger Mensch von vierundzwanzig Jahren, dem die Nähe des berühmten Verfassers von Lienhard und Gertrud eine Erhöhung seines Lebens bedeutet; für seine Appenzeller Kinder wird ihm eine besondere Schule im Ort eingerichtet, sodaß sie morgens miteinander in den Burgdorfer Schuldienst hinuntergehen. Obwohl Heinrich Pestalozzi sich mit seinen Menschheitsplänen in der Buchstabierschule der Jungfrau Stähli -- wie er dem Krüsi sagt -- allmählich gleich einem Seefahrer vorkommt, der seine Harpune verloren hat und mit der Angel probiert, Walfische zu fangen, bleibt er unverdrossen dabei, bis er im Frühjahr die Burgdorfer zu einer öffentlichen Prüfung einladen kann. Schon die Neugierde, in die seltsamen Karten des wunderlichen Fremdlings zu blicken, treibt sie zahlreich herzu; aber nun steht nicht mehr das Mitleid kopfschüttelnd da wie in Stans, es gibt eine wahre Verblüffung über die Fertigkeiten so junger Schüler, und die Schulkommission stellt ihm ein öffentliches Zeugnis aus, dankbar, daß er gerade Burgdorf für seine Lehrversuche gewählt habe. Diese Anerkennung macht ihn zittrig vor Freude, weil er nun endlich die Weite für seine Dinge geöffnet sieht, sodaß er in seinem fünfundfünfzigsten Jahr trotz dem Ehrenbürgertum der französischen Republik wie ein belobter Schüler in die Ferien kommt und seiner Frau Anna das Zeugnis in den Schoß legt. Eigentlich bist du zu alt dazu, lächelt sie wehmütig mit dem Papier in der Hand: oder sollte die Zeit gekommen sein, wo die Großväter wieder zur Schule gehen? Aber er läßt sich sein Glück nicht erschüttern: »Man hat mir schon in meinen Knabenschuhen gepredigt, es sei eine heilige Sache um das von unten auf Dienen; ich achte es für die Krone meines Lebens, daß man mich mit grauen Haaren in der Schule von unten anfangen läßt!«
Er hätte nötig, daß diese Ostertage Ferien für ihn würden, aber sein Sohn Jakob will sterben, und während draußen der Frühling schäumt, zerreißen die Schmerzen den hilflosen Mann, dem er den Neuhof als Erbschaft mühsam aufgespart hat. Zerstört von Nachtwachen kommt er wieder in Burgdorf an, wo Krüsi allein auf ihn wartet, weil Fischer enttäuscht und todkrank nach Bern zurückgegangen ist. Als Heinrich Pestalozzi spät abends den Steilweg aus dem Ort hinauf tastet, findet er den Appenzeller, der seitdem einsam und landfremd in den leeren Gebäuden haust, sehnsüchtig harrend am Tor. Mein Sohn stirbt, sagt er, als sich der Jüngling ihm weinend in die Arme wirft: kommst du mir an Sohnes Statt?
Danach gibt es einen Erntesommer für ihn, wie er noch keinen erlebte: die Bürger haben ihn dankbar zum Lehrer an der zweiten Knabenschule gemacht, darin er an die sechzig Knaben und Mädchen zu lehren hat; und kaum, daß er mit Krüsi überlegt, wie ihre Schulen sich vereinigen und, in Klassen eingeteilt, besser im Lehrplan einrichten ließen -- nur an Raum fehlt es im Schulhaus, während im Schloß die schönsten Räumlichkeiten leer stehen -- sind die Herren in Burgdorf und Bern gleich so diensteifrig, daß die Kinder schon zum Sommer auf dem Berg einrücken können. Als der Schloßhof von dem emsigen Gewirr ihrer Stimmen widerhallt, müssen die Knaben und Mädchen von der Linde ein Schweizerlied ins waldige Emmental hinunter singen, und diesmal stehen keine Luzerner da zum Lachen, weil er selber mit seiner alten Stimme fröhlich den Takt hineinkräht: Nun ist es kein leeres Schloß mehr, denkt er, und ich brauche morgens nicht auf einem Steckenpferd den Berg hinab zu reiten! Wie ein Feldherr einen Engpaß bezwungen hat, das bedrängte Land von den Feinden zu räumen, fühlt er sich längst über die ersten Buchstabier- und Rechenkünste hinaus und mächtig, in die entlegenen Gebiete der herkömmlichen Schulmeisterei den Gang der Natur zu tragen. Er hat zum Wort und zu der Zahl die Form der Dinge als drittes Element für seinen Unterricht gefunden und hält nun endlich das Geheimnis in der Hand: das Abc der Anschauung, daraus sich alle Fertigkeiten und Kenntnisse gewinnen lassen.
Mit dem Sommer fängt die Nachricht von der Wunderschule im Schloß zu Burgdorf an durchs Land zu gehen, und wie ehemals auf dem Neuhof, kommen Gläubige und Zweifelnde an, sich mit eigenen Augen zu überzeugen, was Wahres an dieser neuen Zeitung sei. Sie finden keinen Einsiedler mehr: Krüsi hat aus Basel seinen Freund Tobler geholt, der dort als Theologiestudent den Hauslehrer spielte; der wiederum bringt einen jungen Buchbinder namens Buß aus Tübingen mit, weil er sich trefflich aufs Zeichnen und die Musik versteht, welche Künste Heinrich Pestalozzi auch in den Anfängen versagt sind. Sie hausen zu vieren in dem Schloß und müssen manchmal selber lachen, was für einen seltsamen Verein sie bilden: ein Romanschreiber, ein Theologiestudent, ein Buchbinder und ein Dorfschulmeister. Ich bin nun wirklich ein Wundertier, scherzt Heinrich Pestalozzi oft, ich habe vier Köpfe und acht Hände. Er wird auch nicht müde, die Fremden durch die Klassen zu führen, wo im ersten Stock die Körbe mit den Buchstabentäfelchen stehen, daraus sich vor den Augen der Kinder die Silben und Wörter auswachsen; in der zweiten fangen die Schreibkünste auf den Schiefertafeln an -- die meist als die größte Neuheit bestaunt und befühlt werden -- und durchsichtige Hornblättchen mit eingeritzten Buchstaben sind die stummen Schulmeister in den Händen der Kinder, ihre Schriftzüge zu kontrollieren; der dritte Raum ist groß genug zu Marschübungen, und wenn den Besuchern schon aus den andern Stuben der Takt im Chorsprechen als das Erstaunlichste im Ohr geblieben ist, weil er die Vielheit der Schüler mit einem Mund sprechen läßt, so sehen sie nun den selben Takt als Erscheinung lebendig werden, wenn die Kinder fröhlich singend oder deklamierend gleichen Schritt halten. Heinrich Pestalozzi weiß wohl, daß dies alles nur die Augenfälligkeiten seiner Lehrübungen sind, und es ficht ihn nicht an, wenn ein gelehrter Herr kopfschüttelnd über die Einfalt solcher Methode den Berg hinuntergeht. Sie suchen den Stein der Weisen, spöttelt er, aber es darf kein Stein sein, weil sie sonst nur an den Bach zu gehen brauchten! Auch meinen sie, ich plagte mich in meinen Großvaterjahren um neue Schulmeisterkünste, wo ich doch nur der Armut eine Treppe bauen will. Und als der sinnende Tübinger, dem es am schwersten fällt, sich einzuleben, ihn einmal am Abend fragt, wie er das meine? sagt er sein Beispiel von dem Haus des Unrechts.
Sie sitzen auf der Mauer unterm Lindenbaum und sehen, wie die Sonnenröte die Alpen herrlich überschüttet, und auch die beiden anderen kommen horchend herzu, als er beginnt: Was meint ihr, daß einer im Keller unseres Schlosses von diesem Abend sähe! Die Luken im Gewölbe, zu hoch für die Augen, werden ihm nur einen bläßlichen Schein der Röte geben! Besser wird es in den Stuben des unteren Stockwerks sein; obwohl es nach außen kein Fenster hat, sieht man den Widerschein im Hof und ahnt die Herrlichkeit! Nur oben, wo die Fenster aus den Sälen nach allen Seiten den freien Ausblick gestatten, kann der Bewohner sich gemächlich in eine Nische setzen, den Anblick zu genießen! Nun denkt euch, Freunde, es gäbe keine Treppe in diesem Haus, sodaß die Herren in den Sälen die einzigen Genießer wären, die Bürger in den Stuben darunter könnten nicht hinauf, obwohl ihnen der Widerschein im Hof das Blut unruhig machte; das arme Volk aber in den Gewölben säße gefangen im fensterlosen Dunkel und hätte von Gottes Sonne nur die trübe Röte an der Luke!
So, Freunde, ist das Haus des Unrechts um die Klassen der Gesellschaft gebaut. Drum hab ich mich gemüht mein Leben lang und bin ein Narr geworden vor ihren Augen, daß ich in dieses Haus des Unrechts die Treppe der Menschenbildung baute.
81.