Part 20
Heinrich Pestalozzi bleibt in dem Kreis der schadenfrohen und bestürzten Gesichter, die wieder an ihre Plätze gerufen werden, und braucht lange, bis er seinen Stuhl findet; aber während die Verhandlung weiterstolpern will, kommt ihm alles wie eine leer laufende Mühle vor. Noch immer ist er mit dem blassen Mann allein in dem Saal: Wir beiden, denkt er -- und tritt über Scham wie Hochmut hinweg in den Bereich des Menschengeistes, wo die Persönlichkeit aufgibt, sich selber zu gehören -- wir beiden sind verschieden an dem Gefährt der Menschheit beteiligt: er will sein Lenker sein, und ich möchte haltbare Räder machen; er aber kanns nicht abwarten, weil er nur seine Stunde hat, drum knallt mir seine Peitsche um die Ohren.
Herab mit dem Schild, wenn die Sache weg muß! sagt er zu seiner eigenen Erstaunung laut in die Verhandlung hinein und geht durch die Hinterpforte hinaus, wie der andere durch die Flügeltüren gegangen ist.
84.
Heinrich Pestalozzi merkt bald, daß der Pariser Wind der helvetischen Republik ungünstig weht. Die Franzosen haben genug Menschenrechte proklamiert, und Bonaparte hält wieder Hof in den Tuilerien; er braucht Glanz und Aufwand um sich, und die Aristokraten von Bern passen besser in seine Pläne als die hartnäckigen Unitarier. Bevor die Verhandlungen beginnen, ist die Schweiz durch sein Dekret schon wieder in neunzehn Kantone eingeteilt; was den Abgeordneten noch zu tun bleibt, sind nur die einzelnen Kantone, und es ist vorgesorgt, daß die Herren von Herkunft und Vermögen darin das Heft in Händen behalten. Heinrich Pestalozzi versucht es noch einmal mit einer schriftlichen Darlegung seiner Ansichten, aber er weiß nun schon, daß er Wasser in den Bach trägt. Selbst sein Ehrenbürgertum scheint bei den Franzosen des Konsulats schäbig geworden zu sein; er braucht nur zu sehen, wie die geputzten Herren und Damen seine Erscheinung belächeln, um sich aller Illusionen zu schämen: Sie müssen mich für ein großes Wundertier gehalten haben, wie ihren Cagliostro, spottet sein Grimm, nun bin ich bloß ein Mensch! Und wie es ihm mit seiner Kleidung und der Art, ihre Sprache zu sprechen, geht, so bleibt auch seine Methode mit all dem Umstand ihrer tiefen Begründung den Parisern eine belächelte Geheimniskrämerei; es brauchte nicht das unaufhörliche Geknatter ihrer Sprache in seinen Ohren zu sein, und die Nötigung, seine Herzensdinge dahinein zu sperren, um ihm seine Wesensfremdheit unter den Welschen bald unerträglich zu machen.
So hält er es für zwecklos, das Ende der Händel abzuwarten; als Ende Januar die Hauptverhandlung ist, fährt er durch ein mildes Frostwetter, das die Wege trocken gemacht hat, im Sundgau schon auf Basel zu, und fünf Tage später holt ihn Anna am Stadthaus in Burgdorf aus der Post. Da hast du deinen Odysseus wieder! versucht er zu scherzen, um seiner Tränen Herr zu werden. Sie schafft ihm seinen Ranzen nach, den er vor Rührung vergessen hätte, und er meint das Lächeln um ihre schmerzensreichen Lippen zu sehen, als er ihre Stimme auf seinen Scherz eingehen hört: So bin ich mit fünfundsechzig Jahren gar deine Penelope? In Wahrheit, Pestalozzi, es war mir schwer, die Freier zu füttern; nun magst du wieder deinen Bogen spannen!
Er findet aber alles aufs beste besorgt, und daß sie als Hausmutter in der Anstalt waltete, hat einen Segen hinein gegeben, der bisher fehlte; von den Kindern wie von den Gehilfen ehrfürchtig begrüßt, bringt sie eine ruhige Gangart in das Tagwerk. Der Bienenschwarm hat seine Königin erhalten! sagt Krüsi in seiner biederen Art, als Heinrich Pestalozzi sich verwundert, um wie weniger lärmend es bei den Mahlzeiten zugeht, nur weil sie still an ihrem Platz sitzt. Auch sonst hat sie der Anstalt wohlgetan: Briefe und Bücher sind in eine schöne Ordnung gebracht, und wenn er nun aus dem Trubel in seine Stube tritt, wohnt die Häuslichkeit darin. Daß es so bleiben könnte, denkt er jeden Tag; denn seitdem sie damals aus Hallwyl nicht wiederkam, ist seine Seite leer geblieben; und ob es bitter oder fröhlich mit seinen Plänen ging, daß ihre Abwesenheit ihm alles entkrönte, war immer die leise Trauer darin. Auch diesmal ist sie nur gekommen, an seiner Stelle das Hauswesen zu leiten, und mit heimlicher Sorge wacht er über ihre Schritte, ob sie nicht wieder zur Abreise rüsten werde. Doch läßt sie Wochen gleichmütig verstreichen, und er hofft schon, daß sie dauernd bliebe, als ihr mit den ersten Frühlingsblumen das Heimweh in die Säfte steigt. Sie ist im Winter schwer krank gewesen, nun kommt die Schwäche wieder über sie mit Todesahnungen: Ich möchte unsern See noch einmal sehen, klagt sie; aber als sie dann endlich nach Zürich zu ihren Brüdern reisen will, hat sie wohl seine erschrockenen Augen gesehen; denn andern Tags möchte sie wieder bleiben. Doch sieht er, daß die Unruhe in ihr nicht mehr rastet; ihr Ehrenplatz im Saal bleibt immer häufiger leer, da sie die Mahlzeiten allein nimmt: der Taubenschlag ist ihr zu laut, aber in ihrer Stube plagt sie die Einsamkeit.
So steht sein Barometer mit ihr schon wieder auf veränderlich, als eines Tages ein Jüngling das Quecksilber rasch auf schön Wetter steigen läßt. Heinrich Pestalozzi bringt ihn aus Bern mit, aber er hat ihn nicht dort erst gefunden: Ich mußte nach Paris reisen, um meinen Jünger Johannes zu finden, scherzt er oft, so froh ist er selber, daß ihm der Thurgauer von Muralt dort in die Hände kam. Es fehlt ihm nicht mehr an Gehilfen, seitdem die dänische Regierung zwei junge Lehrer aus Kopenhagen sandte und die gebildete Welt Deutschlands von Burgdorf als einem Wallfahrtsort der Erziehung spricht; auch sind junge Leute von Geist darunter, aber alles Schwarmseelen und wie ihr Meister mehr auf stürmische Absichten als auf Sorgfalt gestellt, allmählich Burgdorf mit ihrer buntgewürfelten Absonderlichkeit erfüllend. Johannes von Muralt bringt nicht nur den Klang eines in der ganzen Schweiz bekannten Namens, sondern auch die Vorzüge einer guten Erziehung und gründlichen Bildung mit; als er zum erstenmal mit zu Tisch sitzt, sorgfältig gekleidet und frei von der hastigen Schüchternheit, die mit Empfindlichkeit gepaart das Erbteil einer durchgekämpften Jugend ist, schweigt Heinrich Pestalozzi und Anna spricht. Es sind freilich diesmal nicht die gewohnten Schuldinge; Johannes von Muralt ist durch drei Semester in Halle der Lieblingsschüler des Philosophen Friedrich August Wolf gewesen und hat in Paris mit dem Dichter Schlegel und seiner Gattin Dorothea freundschaftlich verkehrt: der Geist schöner Bildung lebt in seinen Gesprächen auf, der für Anna Schultheß seit der Erscheinung Klopstocks in ihrer Jugend die heimliche Liebe geblieben ist.
So schließt sie den Jüngling mit einem Eifer ins Herz, der Heinrich Pestalozzi fast eifersüchtig macht, bis der Schalk in ihm den Vorteil erkennt. So schmerzlich er den Zwiespalt zum Vorschein kommen sieht, der seit Anfang zwischen seinen Absichten und ihren Neigungen bestand und schließlich zur Trennung ihrer äußeren Lebenswege führte -- obwohl sie durch alle Schicksalsschläge treu zu ihm stand -- das Leben hat ihn nicht so verwöhnt, daß er sich die Äpfel wie andere frank und frei von den Bäumen pflücken kann. Fast listig läßt er sie gewähren, da sie nun den See und ihre Abreise zu vergessen scheint: Wir Alten wollen die Kinder unseres Geistes haben, überlegt er, und da es uns beiden mit einem Sohn mißraten mußte, weil die Natur aus diesem Zwiespalt nichts machen konnte, müssen wir Ersatz für unsere ungesättigte Elternschaft suchen. Ich will ihr gern diesen Sohn gönnen, wenn sie mir damit die Mutter meines Hauses bleibt!
85.
Heinrich Pestalozzi lächelt fast hinterhaltig, als er Anna nicht lange danach den Johannes Niederer anbringt, der sein Pfarramt in Sennwald aufgegeben hat, um -- wie er sagt -- mit bei der Wiege der Menschenbildung zu sein: Nun habe auch ich wieder einen Sohn, und es ist seltsam, daß sie beide Johannes heißen, denkt er, als er neben dem schwarzen Muralt den roten Schopf Niederers sieht. Der hat auf seinem Dorf keine Zeit gehabt, sich an der Welt zu schleifen: mit neunzehn Jahren voreilig in den Pfarrdienst gekommen, hat er seit fünf Jahren in der Feldschlacht menschenfreundlicher Bemühungen gestanden und um Gottes willen seine wohlhabende Gemeinde im Appenzell mit dem armseligen Rheindorf Sennwald vertauscht; da haben andere Dinge als Bildungsformen gegolten, so sitzt er wie ein Glaubensstreiter aus dem Heerhaufen Zwinglis da. Heinrich Pestalozzi sieht, wie Anna fast erschrickt vor ihm, der mit seinen vierundzwanzig Jahren noch ein Jüngling wie Muralt, aber in Mannesgeschäften kantig geworden ist; Jakob und Esau, vergleicht er, in diesem fließt das stillere Blut von Anna, aber in jenem arbeitet mein Ungestüm!
Als im selben Juli auch noch Tobler -- mit einer eigenen Erziehungsanstalt am hochmütigen Widerstand der Basler gescheitert -- zu ihm zurückkommt, ist Heinrich Pestalozzi mit diesen dreien, mit Krüsi, Buß und dem Zustrom von Gehilfen aus aller Welt, die nur kurz bei ihm lernen wollen, auch für die Burgdorfer kein Steckenpferdritter mehr, der morgens aus dem Schloß zu ihnen herunter reitet: Der Weg geht zu steil, sonst würde es von Wagen nicht leer werden im Schloßhof, die täglich neue Fremde nach Burgdorf bringen, das aus einem bäuerlichen Städtchen durch ihn ein Hauptort der Schweiz geworden scheint. Schon was die Zöglinge -- längst über hundert -- an Besuch von Eltern und Verwandten nachziehen, würde für die Gasthäuser und Fuhrleute etwas bedeuten, dazu die Pädagogen und Pfarrer aus aller Welt: das Schloß ist wirklich ein Taubenschlag geworden, und die Bürger bestaunen die fremden Vögel, die seiner Berühmtheit zufliegen.
Längst schon denkt Anna nicht mehr daran, daß sie nur für die Zeit seiner Pariser Reise nach Burgdorf gekommen ist; sie sieht endlich die Erntewagen in die Scheune fahren, die weder seine Landwirtschaft noch alle Bemühung seines hingehetzten Lebens jemals zu ernten vermochte. Daß kein Gold daraus in seine Taschen fließt, weiß sie wohl; trotzdem die meisten Zöglinge zahlen -- wenn auch nicht alle den vollen Preis -- sind es doch viele Mäuler, die täglich auf Nahrung warten, und wenn die Haushaltungskünste der geborenen Fröhlich, ihrer schaffnerischen Schwiegertochter, nicht wären, würden die Sorgen sich manchmal dichter auf ihrem Schreibtisch sammeln; aber daß der angeblich unbrauchbare und vor der Zeit entmündigte Mann nun vor sich selber und vor dem Spott der Tüchtigen im Glanz eines Ruhmes dasteht, der alles für sie Erreichbare in den Schatten enger Bürgerlichkeit stellt: das ist für sie wie eine Abendsonne, die in der letzten Stunde doch noch über einen trübseligen Regentag gesiegt hat.
So wird es ein bewegter Geburtstag für sie, als ihr die fünfundsechzig Jahre vollgezählt werden, und es ist unwirklich schön, daß er auf einen Sonntag fällt. Muralt und Niederer haben ihn als ein Sommerfest vorbereitet, das bei kühlsonnigem Augustwetter im Schloßhof gefeiert wird. Da sind Bänke und Tische aufgestellt, auch ist ein Boden aufgeschlagen, einen Tanz oder ein Spiel zu machen, und solange die Sonne in den Hof geschienen hat, mag sie nicht ein so buntes Getümmel darin gesehen haben wie an diesem Tag. Das Gemäuer rundum ist mit Laubgewinden und Schweizerfahnen aller Kantone geschmückt, und eine Musikkapelle -- von den Zöglingen unter Bußens Leitung gestellt -- sorgt, daß die Schweizerlieder auch Begleitung haben.
Als dann die Röte sich aus dem Licht der Sonne ablöst und umso wärmer zu leuchten scheint, jemehr die Wärme versiegt, treten ihrer viele an die Mauer, nach den Bergen zu schauen, die langsam von der Glut voll zu laufen scheinen. Auch Heinrich Pestalozzi ist mit Muralt vorgegangen, und Mutter Pestalozzi, wie sie an diesem Tag mehr als hundertmal begrüßt worden ist, wird von Niederer in einem galanten Anfall am Arm herzu geleitet. Wie sie dastehen, mag über Tobler, der seit seinem Mißerfolg in Basel leicht wehmütig wird, der Schatten einer Eifersucht fallen, daß er nun sichtlich an die dritte Stelle geraten ist; als ob er den Meister in die gemeinsame Frühzeit zurück führen müsse, erinnert er ihn an den Abend, wo sie zu vieren hier standen und er sein Beispiel vom Haus des Unrechts sagte. Daß die andern davon nichts wissen, tut ihm sichtlich wohl, und als sie darum drängen, versucht er es mit eigenen Worten zu sagen, wie der Anteil an den Lebensgütern in drei Stockwerke geteilt wäre, darin die Wenigen, wenn sie wollten, Gottes Herrlichkeit aus allen Fenstern sähen, die Mehreren nur den Glanz an den Hofwänden, während die Vielen im Keller nicht einmal den trüben Schein in ihren Löchern zu deuten vermöchten.
Heinrich Pestalozzi, der die Schwermut im Grund seiner Heiterkeit schon den ganzen Tag gefühlt hat, spürt den Schrecken bei der ersten Frage ans Herz klopfen; während der ahnungslose Erzähler vor den andern seine Erinnerung ausbreitet, quillt das schwarze Wasser der Trübnis in ihm auf, so überkommt ihn der Zwiespalt zwischen dem lauten Freudentag und der verschütteten Heimlichkeit seiner Absichten. Er wagt nicht, Annas Blick zu suchen, so wehmenschlich ist ihm zumut, legt Muralts Hand von seinem Arm weg auf den Mauerrand, und ehe die andern wissen, was ihn ankommt, läuft er durch ihre Reihen hinaus und über den unteren Hof vors Tor. Da breitet sich die abendliche Landschaft in ihrer Sommerfülle aus, und die Dächer der Bürgerhäuser stehen behäbig darin, sodaß ihm der Schritt auch hier gehemmt wird: Warum hab ich es nicht im Birrfeld vermocht? Ein Armenkinderhaus habe ich gewollt und die Pensionsanstalt sollte mir nur die Mittel dazu geben: nun sind die Mittel längst selber Zweck. Ich sitze als Glücksvogel hier auf dem Schloß und spreize das Rad meiner Federn; im Birrfeld, oder wo sonst die Not der Zeit ist, geht alles wie vor dreißig Jahren, nur diesem Bürgerort hab ich neues Fett gemästet!
Er weiß nicht, daß er weint, aber als sich das Gesicht Annas zu ihm beugt, die ihm allein nachgegangen ist, vermag er ihre Augen vor Tränen nicht zu erkennen; auch quillt der Zorn noch so in ihm, daß er fast nach ihr schlägt. Du hast gesiegt! schreit er und schlägt den Kopf in beide Fäuste: der Armennarr ist tot! Ich hab verloren. Sie streichelt und tröstet ihn nicht, wie er fürchtet, sie setzt sich still gegenüber, wo ihr der andere Torstein einen Platz anbietet, und wartet ab, bis aus der Mure seiner Verzweiflung die gröbsten Blöcke ins Tal gefahren sind und endlich der zähe Schlamm seiner Verbitterung zum Stehen kommt. Sie hat ihn klug verstanden, daß es zwei Welten wären: ihre Stille, den Wohlstand herzugeben, und seine Unrast, ihn zu vertun; auch hat sie das böse Wort nicht überhört, warum Kampf sein müsse zwischen ihm und ihr, zwischen Mann und Frau durchs Leben? Aber als es dann still wird, weil nichts mehr fließt, und nur ein Wind vom Tal sie beide mild bestreicht, die in der sinkenden Dunkelheit am Tor dasitzen, als ob sie all das junge Leben dahinter bewachen müßten gegen die unheimlichen Gestalten der Nacht, fängt ihre Stimme an zu sprechen, daß nach dem Getöse seines Bergsturzes nun wieder ein Bach hörbar wird: Pestalozzi, sagt sie und wägt die Worte: ich dachte, daß wir vor Gott gleich wären, arm und reich! Warum willst du das Unrecht nach unten in der Menschenordnung mit Unrecht nach oben vergelten? Oder sollten Kinderseelen schon darum unwert sein, weil die Eltern Geld im Beutel haben? Was nötig ist, sind nicht die Waisenhäuser im Birrfeld oder hier, sondern daß du dein Vorbild und deine Lehre hinterläßt. Am Ende kommt es darauf an, was wir gewesen sind, hat dir der Menalk gesagt, als wir jung waren und er schon sterben mußte. Nun, wo wir vierzig Jahre älter geworden sind und alt an dem Tor dasitzen, will ich das Wort noch einmal sagen; doch hat es sich verändert: Am Ende, Pestalozzi, fragt Gott nicht, was wir gewesen sind, er rechnet, was aus uns werden möchte!
86.
Heinrich Pestalozzi hat seine Unternehmung im Namen der helvetischen Republik begonnen; seit der Tagsatzung in Paris gibt es aber nur noch einen Schweizer Bund mit neunzehn selbstherrlichen Kantonen: sein Landesherr ist nun die bernische Regierung, ihr gehört das Schloß Burgdorf, und er muß zuwarten, ob sie ihn darin wohnen läßt. Im vierspännigen Wagen, wie ein Landesfürst, kommt eines Tages der Regierungspräsident von Wattenwyl an, seine Anstalt zu besichtigen; obwohl es schwierig und steil geht, muß ihn der Kutscher bis in den Schloßhof fahren, und als ihn Heinrich Pestalozzi dann begrüßen darf, ist es kaum anders, als wenn ein Schloßherr sich von seinem Kastellan Aufwartung machen läßt. Er schnurrt durch alles hindurch mit einem deutlichen Mißbehagen an dem landfremden Zürcher, der sich hier eingenistet hat und der Regierung mit seiner Berühmtheit und dem intoleranten Heer der deutschen Geister lästig wird, dem sogar französische Gelehrte, Generale und Minister beistehen, sodaß selbst eine allmächtige Kantonsgewalt zuwarten muß. In einigen Stunden hat er nach der Art solcher Regierungsherren das Ergebnis einer Arbeit besichtigt, die Heinrich Pestalozzi ein Lebensalter mühsamer Kämpfe gekostet hat, und ist im Dampf seiner eigenen Bedeutung wieder abgefahren.
Seine Haltung in den Verfassungshändeln hat ihn den Aristokraten, die nun wieder auf ihren alten Plätzen sitzen, mißliebig gemacht, und den Kirchlichen ist er immer mit seiner Religion ein Aufwiegler geblieben: nun, wo er sichtbar zu Paris in Ungnade und nicht mehr durch ein helvetisches Direktorium geschützt ist, fängt die Hetze an, und noch in dem Sommer muß sich Heinrich Pestalozzi durch eine Eingabe an den Kirchenrat wehren, als fehle es in seiner Anstalt -- wie die Anklage lautet -- an einem richtigen Religionsunterricht. Er überläßt die Verteidigung Niederer, dem Religionslehrer und ehemaligen Pfarrer, und zum erstenmal erhebt dieser Herold seine dröhnende Stimme für den Meister.
Unterdessen ist aus dem Lehrerseminar wie aus der Waisenanstalt nichts geworden, und die Zuwendungen der Regierung sind ihm gestrichen; das einzige, was er von ihr noch hat, ist das Gebäude, und auch darin wird es unsicher: Mit der neuen Ordnung ist ein Oberamtmann nach Burgdorf gekommen, der zu seinem Ärger in einem Privathaus wohnen muß, während oben im Schloß sich das fahrende Volk der Abc-Schützen breit macht. Er fängt an, bei der Regierung in Bern um eine Änderung dieses krankenden Zustandes zu mahnen, und weist alle anderen Vorschläge als unpassend zurück; als es gegen Weihnachten geht, kann Heinrich Pestalozzi nicht mehr zweifeln, daß ihm zum Frühjahr die Räumlichkeiten gekündigt werden: »Es war das Haus der Herren und soll wieder das Haus der Herren werden,« schreibt er an einen Freund, »ich hoffe, mein Ei sei bald ausgebrütet, und dann achtet es auch der schlechteste Vogel nicht mehr, wenn ihm die Buben sein Nest vom Baum herabwerfen.«
Doch kann die bernische Regierung angesichts der Schwärmerei, mit welcher die gelehrte Armee Deutschlands die Vorteile dieser Anstalt ausposaunt -- wie der Herr von Wattenwyl in einem Gutachten schreibt -- die Gefahr nicht herausfordern, mit diesem intoleranten Heer öffentlich in eine Fehde zu geraten: so bietet man ihm das leere Kloster Münchenbuchsee an, und im Januar fährt Heinrich Pestalozzi mit einer Abordnung hin, es zu besichtigen. Er findet ein niedriges Gebäude, das eine Zeitlang als Spital krätzischer und venerischer Soldaten gedient hat, seitdem verwahrlost in einer melancholischen Ebene dasteht und weder die grünen Hügel Burgdorfs noch sonst etwas von seinem malerischen Reichtum um sich sieht. Am liebsten möchte er, all dieser Dinge müde, seinen Stecken nehmen und in den Aargau zurückwandern; aber es ist unmöglich, jetzt aus dem Kreis der Zöglinge und Gehilfen fortzugehen; in den Möbeln, Betten und Lehrgegenständen stecken ihm schon wieder zwanzigtausend Schweizerfranken, die er nicht lassen kann, auch brennt der Abend an dem Tor immer noch in seiner Seele. Um Anna zu halten, nimmt er das Obdach an, das ihm schäbiger Weise zunächst bloß für ein Jahr instandgesetzt werden soll. Nur nicht wieder als ein Unbrauchbarer vor ihr dastehen, denkt er, als er die vorläufige Abmachung unterzeichnet, und ahnt nicht, daß diese Kränkung schon auf ihn wartet.
So zieht dieses Frühjahr hin -- es ist das fünfte seiner Burgdorfer Zeit -- wie wenn das Jahr mit ihm erschrocken seinen Lauf einstellen wolle; denn ob das Emmental den Blumenteppich seiner Wiesengründe ausbreitet, und ob die Wälder täglich grüner werden: im Schloß fängt heimlich das Aufräumen an, die Möbel warten, daß sie von kräftigen Händen hinausgetragen werden -- sie sind sich selber ihre Särge, sagt Heinrich Pestalozzi -- und wie auch ein Änderungsgedanke auftaucht, gleich tritt ihm das Bedenken in den Weg, daß mit den Ferien der Auszug beginnen soll. Als der Tag da ist, werden die meisten Zöglinge in Trupps mit je einem Lehrer auf die Reise geschickt, meist ins sonnige Waadtland hinüber, und nur Freiwillige bleiben, den Umzug mitzumachen. Auch Anna geht nun auf ihre Reise an den Zürcher See: Ich bin das erste Möbel, das ihr fortschafft, scherzt sie, als er mit ihr in der Morgenfrühe zur Post hinuntergeht; denn sie selber hat tapfer dableiben und helfen wollen. Er hört ihre Worte garnicht, weil seine Gedanken in Sorgen sind, daß sie nicht wiederkommen möchte: Ich war ein halbes Jahr lang im Traum, sagt er, und stellt ihre Reisetasche hin, dem Gottlieb einen Klatschmohn abzunehmen, den der für die Großmutter anbringt: Jetzt habt ihr mich wach gemacht, und du gehst fort! Er will ihr die Blume geben, aber der fallen die roten Blätter ab, daß nur die grüne Fruchtkapsel mit dem Deckel bleibt. Das kann die Großmutter nicht mehr brauchen! klagt er zu dem Kleinen und will das Ding wegwerfen; sie aber nimmt ihm die Kapsel rasch aus der Hand und lächelt ihn fast listig an mit einem Schulmädchengesicht: Bis ich nach Münchenbuchsee komme, ist der Same reif, dann streuen der Gottlieb und ich ihn aus, damit wir doch ein Andenken vom Schloßberg haben!
87.
Am selben Tag, da Heinrich Pestalozzi von diesem Abschied fröhlich wird und den ernsthaften Niederer durch die Mitteilung in Verwirrung bringt, daß er in Münchenbuchsee wieder Landwirtschaft treiben und lauter Felder mit Klatschmohn anbauen wolle, erscheinen mittags zwei ländliche Männer im Schloß, die garnicht aussehen, wie die sonstigen Wallfahrer. Sie kommen aus Peterlingen im Waadtland und bringen einen Antrag der Stadt, mit seiner Anstalt dorthin zu kommen; sie wollen ihm ihr Schloß mit allen Gärten lebenslänglich zur Verfügung halten, ihm das Ehrenbürgerrecht mit einer Pension geben und jährlich ein bestimmtes Maß von Korn, Weizen, Wein und Holz. So bin ich immer noch im Traum, sagt er, und reicht den Männern gern die Hand; auch müssen sie zum Mittag bleiben, und es wird fast ein Fest, das er mit Niederer und Krüsi -- den einzigen Gehilfen, die noch bei ihm sind, weil der Auszug schon begonnen hat -- und den Bürgern von Peterlingen feiert. Wir werden einen Orden der neuen Menschlichkeit gründen und all die verlassenen Schlösser der Gewaltherren in der Schweiz mit neuem Leben bevölkern, schwärmt Niederer, der gern bei einem Glas ins Weite schweift. Aber Heinrich Pestalozzi, der die enttäuschten Gesichter der Männer sieht, lenkt schalkhaft ein: Zuerst müssen wir einmal nach Münchenbuchsee auswandern und sehen, ob es von da einen Fahrweg für unsere Möbelwagen nach Peterlingen gibt!
Der Abschied hat danach seinen Stachel verloren; als andern Tages noch ein Herr von Türck aus Mecklenburg anreist, ein Päckchen neuer Liebe zu bringen, machen sie mit dem und den Burgdorfer Freunden, die wehmütig dabei sind, einen schwärmerischen Gang nach Kirchberg hinüber, bevor sie die letzte Nacht in Burgdorf schlafen -- nun schon nicht mehr im leergeräumten Schloß, sondern beim Stadthauswirt -- und andern Morgens mit der ersten Sonne nach Münchenbuchsee wandern, wo die Zöglinge mit Tobler sehnsüchtig ihren Vater erwarten.
Es sind drei Stunden Wegs, und sie müssen an Hofwyl vorbei, wo Fellenberg, der Sohn des Ratsherrn, seit fünf Jahren eine landwirtschaftliche Musterwirtschaft als Grundlage seiner Erziehungsanstalt für alle Stände eingerichtet hat. Wir suchen die Goldkörner der Methode im Land, und er prägt die Goldstücke daraus, sagt Niederer sarkastisch, als sie in einiger Entfernung an der sauberen Erscheinung seiner Gebäude vorüberwandern und überall in den Feldern und Gärten die Zeichen der wohlhabenden Ordnung sehen. Aber Heinrich Pestalozzi verweist ihm den Spott; er weiß zwar, daß Fellenberg gleich mit einer Viertelmillion Franken das Gelände ankaufen und aus dem Vollen wirtschaften konnte -- wo er sich notdürftig durchhalf und gerade noch in diesem Augenblick erstaunt ist, daß er mit Ehren aus den Burgdorfer Schulden kam -- aber er weiß auch, daß der Sohn seines alten Freundes, des Ratsherrn in Verehrung zu ihm groß geworden ist, und daß diese Anstalten nur eine Frucht aus Lienhard und Gertrud sind: »Er deckt wenigstens das Elend nicht mit dem Mist der Gnade zu, wie es die andern machen!«