Part 8
Erst als sie am zweiten Nachmittag ins weite Emmental hinein fahren und einer beim Anblick der ersten Krappfelder den Namen Tschiffeli ausspricht, wacht er auf und möchte am liebsten gleich aus dem Wagen springen, die berühmte Kultur der Färberröte zu sehen. Er weiß, daß es nur die Wurzeln sind, die den Farbstoff enthalten, an mannshohe Stauden mit stachligen Blättern und Blüten hat er nicht gedacht; als nun ein leiser Wind hindurch rieselt, erschließt sich ihm die beglückende Aussicht, daß dieser Anbau die Schönheit ländlicher Arbeit nicht vermissen lasse: wie beim Korn, beim Flachs und in den Wiesen gibt sich auch hier das Wachstum der Natur als ein Segen, der dem Menschen mit allen Wundern der Blüte und der schwellenden Frucht in die Hände wächst.
Er findet Tschiffeli als einen gebräunten Mann anfangs der Fünfziger, der diesen Überschwall wogender Felder aus einer verwahrlosten Öde geschaffen hat und wie ihr leibhaftiger Gottvater darin umher geht. Als blutarmer Leute Kind verdankt er alles der eigenen Kraft, die seine neumodischen Einfälle gegen die guten Meinungen und Ratschläge der Gewohnheit durchgesetzt hat, bis er als erfolgreicher Mann vor seinem Vaterland dasteht. Das gibt seinem mannhaften Wesen eine andere Geltung, als die Zürcher Herren sie aus ihrer Herkunft oder Gelehrsamkeit besitzen; Heinrich Pestalozzi fühlt hier einen Teil von sich selber zur Vollendung gekommen, und wenn er ihn Vater nennt, wie es auf dem Gut Sitte ist, liegt für ihn ein besonderer Sinn darin. Tschiffeli wiederum freut sich dieses Zöglings, der garnicht das Stadtsöhnchen spielt, den ganzen Tag in Hemdärmeln arbeitet und abends noch lustig ist zu Tabellen und Berechnungen. Wenn seine Ungeschicklichkeit auch viel mit zerschnittenen Fingern und Beulen zu tun hat, so ist doch noch niemand da gewesen, der seinen Spekulationen so begeistert und mit Verständnis anhängt.
Es wird ein reicher Herbst und Winter für Heinrich Pestalozzi, der mit seinen eigenen Plänen hier nicht verlacht wird, wie bei den Freunden in Zürich, sondern einen bereitwilligen Berater findet. Wenn er sieht, wie Tschiffeli für die fünf Gemeinden seiner Güter ein Wohltäter geworden ist, indem durch ihn Ordnung und Verdienst dahin kam, wo vorher Unordentlichkeit und Armut waren, erkennt er freilich auch, daß es wirksamere Mittel zur Übung der Volkswohlfahrt gibt als die öffentliche Anklägerei der jugendlichen Patrioten: das Beispiel und der Antrieb zur Selbsthilfe. So wie Tschiffeli im bernischen Land will er einmal im Zürcher Gebiet dastehen als der Mittelpunkt einer in planvoller Gemeinsamkeit fröhlich schaffender Bauernsame. Er kann einen wahren Spott mit sich selber treiben, wenn er an Winterabenden bei den Berechnungen hilft -- wieviel Jucharten für diese und jene Kultur einzurichten wären, um mit der mutmaßlichen Ernte den Abschlüssen gerecht zu werden -- und dann an seine Jugendläuferei in Zürich denkt, an den Schwall seiner Freunde, Pläne und Sehnsüchte, und wie hier alles sich selber zufrieden macht; die Zürcher Stadtbürger haben den schwarzen Pestaluz sicher kaum kritischer betrachtet, als er es nun selber tut.
Aber feierlich wie das große Himmelslicht jeden Morgen hinter den Emmentaler Bergen wärmend und segnend über der Arbeit Tschiffelis aufsteigt, so steht die Liebe über seinem Tageslauf: sie weckt ihn in der Frühe und sie bläst ihm abends die Kerze aus, nichts gerät ihm, ohne daß er die Stimme Annas zu hören glaubt, und nichts mißrät, ohne daß er ihre Augen mit dem scherzhaften Tadel darin fühlt. Er hat sich eine feste Ordnung gemacht, ihr seine Erlebnisse und Erfahrungen zu schreiben, und da sie ebenso pünktlich antwortet, flechten die hin und her reisenden Briefe aus ihren getrennten Lebensläufen einen Zopf, darin die Hoffnung mit lustigen Schleifen eingebunden ist.
36.
Es sind fast neun Monate, die Heinrich Pestalozzi als Lehrling der Landwirtschaft zubringt; aus dem Zürcher Theologiestudenten wird ein bernischer Bauernknecht, der stolz auf seine vernarbten Hände ist und Sonntags in Hemdärmeln zur Kirche geht. So findet ihn seine Braut, als sie ein freundliches Geschick zu einem Besuch in Kirchberg ausnützen kann. Ihr Bruder Kaspar hat eine Pfarrstelle im Württembergischen bekommen, die nach alten Herkünften den Zürcher Herren untersteht; er führt nun befriedigt seine Susanna Judith Motta aus dem Traverser Tal heim, eine Herzensfreundin der Schwester und auch Heinrich Pestalozzi aus ihrem Zürcher Aufenthalt wohlbekannt. Anna holt ihn zur Hochzeit ab, da es über Kirchberg kein zu großer Umweg ist, und sieht mit eigenen Augen das gelobte Land ihres Freundes.
Es wird ein Jubeltag für Heinrich Pestalozzi, wie er noch keinen erlebte, als er seinem Meister Tschiffeli und allen Leuten auf dem Gut ein so stattliches und feines Frauenzimmer als seine Braut vorweisen kann. Sie hingegen ist sichtlich bestürzt über die Verwahrlosung seiner Hände und Kleider, doch findet sie sich rasch und folgt ihm in die Gärten und Felder, die Schauplätze seiner Wochenberichte nun selber zu sehen. Am Abend hat Tschiffeli dem Gast zu Ehren Wein und Blumen auf den Tisch gestellt, und da er in ihrer Gegenwart den Eifer und das Geschick seines Lehrlings mit anerkennenden Worten belegt, kommt der Besuch zu einem fröhlichen Abschluß, sodaß Heinrich Pestalozzi der Tag nicht mehr fern scheint, wo er selber mit ihr als solch ein Gutsherr dasitzen wird.
Als sie andern Morgens miteinander in den Wagen steigen, gegen Burgdorf und Aarberg aus dem ländlichen Bereich seiner Bekanntschaft hinauszufahren, sitzen ein paar Stutzer aus Neuenburg darin, die ihn belächeln. Heinrich Pestalozzi im Eifer, ihr noch im Abfahren jeden Weg und Hügel seiner Welt zu zeigen, merkt nichts davon; sie aber zupft ihm seine Kleidung zurecht und wird schweigsamer, je weiter sie ins welsche Land hineinfahren. Zum ersten Male erlebt er, wie ihn mit der Sprache auch die Heimat verläßt; je näher sie an den waldigen Jura heranfahren, je seltener trifft ein deutsches Wort sein Ohr. Das letzte ist der Abschiedsgruß einer alten Bäuerin aus Erlach, die von Aarberg bis Ins mitreist; dann fährt er mit Anna allein in die welsche Welt, und obwohl er im Schutzgebiet der Eidgenossenschaft bleibt und obwohl die Sprache Rousseaus seiner Seele mit mancher Wendung vertraut ist: der fremde Klang schlägt an seine Ohren, als ob er ins Wasser geworfen wäre.
Das wird im Val Travers nicht besser, wo sie spät abends von ihrem Bruder Kaspar und seiner Braut abgeholt werden; in Zürich hat die Judith Motta nicht anders als deutsch gesprochen, hier in ihrer Heimat ist sie welsch, und Heinrich Pestalozzi erleidet ein Gefühl, als ob ihm Anna von einer Strömung fortgerissen würde, wie sie nun selber in der fremden Flut untergeht. Als sie sich im Eifer vergißt und ihn selber in den welschen Lauten etwas fragt, vermag er ihr nicht zu antworten, so schnürt ihm der Schrecken die Kehle zu. Er muß sich zwar am selben Abend doch dazu bequemen, weil die Verwandten -- die im übrigen freundliche Leute sind -- nur französisch sprechen; es macht ihm aber Mühe, dem ungewohnten Schwall zu folgen, und er spürt grimmig, wie seine Zunge über die fremden Silben stolpert.
Er übersteht die Hochzeit indessen tapfer, und weil er neben einer ältlichen Tante aus Môtier sitzt, die für Rousseau schwärmt und ihn vielmals gesehen hat, als er noch selber mit seiner Therese da wohnte, vermag er sogar seine Scheu vor den welschen Worten zu überwinden. Sie bleiben aber ungeschickt auf seiner Zunge und geben Anlaß zu manchem Gelächter; namentlich die beiden Stutzer aus Neuenburg, die unvermutet auch Hochzeitsgäste sind und an seiner Kleidung wie an seinem bäuerlichen Wesen Anstoß nehmen, fangen an, ihren Spott mit ihm zu treiben, gegen den er sich um so weniger wehren kann, als er die Andeutungen in der fremden Sprache meist garnicht versteht. Da überdies die Verwandten der Anna ihr Mitleid nicht verhehlen, als ältliche Jungfer noch an einen solchen Tölpel geraten zu sein, und da die Geltung in der Welt des guten Tons ihre Empfindlichkeit ist, sieht er sie danach mehrmals weinen und hitzig an ihm werden, bis ein Vorfall am dritten Hochzeitstag seiner gequälten Stimmung Luft macht.
Er hat das Haus sehen wollen, wo Rousseau wohnte; die Tante lud ihn und die andern ein, und so schwärmt am Nachmittag die geputzte Schar nach Môtier hinunter. Anna hat Freundinnen gefunden und plätschert in der welschen Lustigkeit, als ob es ihr angeborenes Element wäre; der eine Neuenburger hat sich als ihr Galan an sie gehängt, während der andere angeblich als krank zurückgeblieben ist. Wie sie dann gegen das Haus kommen, das ihm die andern in aufdringlicher Freundschaft schon von weitem zeigen, geht die Tür auf, und augenscheinlich nach einem Kupferstich des berühmten Mannes zurechtgemacht, tritt eine Gestalt im Kaftan mit ausgebreiteten Armen heraus: Ob sie ihm sein Früchtchen, den Emil, wieder mitgebracht hätten? Bevor Heinrich Pestalozzi die Hänselei begreift, hat die Gestalt ihn gerührt ans Herz gezogen und ihm von hinten her eine Zipfelkappe aufgestülpt, worüber sich dann alle totlachen wollen. Er hört ihr Gelächter, als ob rundum Hunde bellten -- auch Anna, so meint er, ist darunter -- aber ehe sich der Komödiant dessen versieht, hat er ihn an der Gurgel, und als er unter dem Turban das fade Gesicht des andern Neuenburgers erkennt, schlägt er zu, daß dem die blutende Nase den Kaftan bemalt. Die andern springen abwehrend herzu, und der hämische Scherz ginge mit einer bösen Prügelei aus, wenn nicht Anna ihrem Freund die Hand von der Gurgel löste und ihn aus dem Rudel zöge. Vor ihrer Bestimmtheit weichen die andern zurück; ohne ihrer weiter zu achten, führt sie ihn ins Haus der Tante, deren Tür sie hinter sich verschließt.
Das gute Wesen hat einen festlichen Kaffeetisch gedeckt und erlebt nun erschrocken, wie sich die andern drohend auf der Straße sammeln und mit Fäusten gegen die Tür trommeln. Als ein Stein durchs Fenster herein fliegt, nimmt Anna ihren Verlobten wieder bei der Hand, führt ihn rasch durch den Garten gegen den Wald hinauf und auf einsamen Wegen zu den Verwandten zurück. Heinrich Pestalozzi ist noch lange erregt und will ihr nicht folgen auf dieser Flucht; aber mehr noch als der Zwang der festen Hand hält ihn der Klang ihrer Stimme. Sie spricht wieder die vertraute Sprache, und nach dem welschen Geschrei ist es ihm, wie wenn die Heimat selber in ihren Worten mit ihm spräche. Es war nur ein Scherz von ihnen, und ich hätte nicht aufbegehren sollen! sagt Heinrich Pestalozzi zuletzt und bleibt vor ihr stehen, als ob er sie beruhigen müsse; sie aber schüttelt den Kopf und wendet sich bittend von ihm ab: Daß du aufbegehrtest, war recht und ich hab dich lieb darum; aber wir hätten nicht herkommen sollen! Und dann nach einer Pause wieder gewaltsam lächelnd in ihrer schelmischen Art: Du mußt denken, daß die Traverser dem Rousseau auch die Fenster eingeworfen haben, bevor er auf die Flucht ging nach der Petersinsel.
37.
Heinrich Pestalozzi hat auch die Frühjahrsbehandlung der Krappkultur erlebt, und seine Lehrzeit geht zu Ende; aber noch immer fehlt ihm das Jawort aus dem Pflug, sodaß er von dem zukünftigen Gut nicht mehr als den Hausschlüssel der Liebe in den Händen hält. Um ihren Eltern einen andern Begriff von dem schwarzen Pestaluz zu geben, schreibt er der Anna eine für fremde Augen geeignete Darlegung seiner Pläne mit scharfsinnigen Berechnungen der Rentabilität, wie er gleich seinem Lehrer Tschiffeli Ödland ankaufen und zur Krappkultur instand setzen wolle; nur zwanzig Jucharte, davon fünfzehn dem Krapp und fünf der Gärtnerei dienten. Artischoken, Spargel, Cardiviol und anderes Feingemüse im großen zu gewinnen und teilweise erst im Frühjahr -- nach einer neuen Art der Überwinterung -- mit doppeltem Abtrag zu verkaufen, dagegen keine Wiese, keine Äcker, keine Reben und wenig Vieh zu haben: das solle die nährende Grundlage seiner Landwirtschaft sein, daraus er genügenden Unterhalt zu finden glaube!
Es ist alles wie für eine Doktorarbeit durchgedacht; aber die praktischen Eltern im Pflug sehen den Scharfsinn auf die Mitgift ihrer Tochter gegründet und sind weniger als je geneigt, damit in ungewisse Projekte einzutreten; sie halten in den Dingen des Erwerbs praktische Hände für wichtiger als Ideen und finden in solchen Projekten nur den Bessermacher aus dem Roten Gatter, dem sie die Mitgift mit einem glatten Nein zudecken, in der Hoffnung, daß ihnen dann auch die Tochter bliebe.
So kommt Heinrich Pestalozzi im Frühsommer als ein von Sonne und Regen gebräunter Landwirt ohne Land nach Zürich zurück; auch seine Hoffnungen auf die wohlhabende Tante Weber in Leipzig erfüllen sich nicht; der Doktor Hirzel verschafft ihm zwar die Aussicht, das Pachtgut der Johanniter in Bubikon zu übernehmen, doch geht ein so weitschichtiger Betrieb über seine Kräfte. Verdrießlich an dieser Ungewißheit und weil es regnet, steht er eines Tages unter den Lauben, als ihm jemand die Hand auflegt; wie er umsieht, ist es der Pfarrer Rengger aus Gebistorf bei Brugg, den er aus seiner Kollegienzeit kennt. Der fragt ihn aus nach seiner Lehrzeit bei Tschiffeli, und als dabei der Grund seiner Verdrießlichkeit zutage kommt, spricht er scherzend von dem Birrfeld bei Brugg; dort habe man vor kurzem noch steinichte Äcker umsonst ausgeboten: wenn er etwa bei dem Hexenmeister in Kirchberg die Kunst gelernt habe, aus Steinen Brot zu machen, fände er dort Feld genug.
Er hat nur einen spöttischen Scherz machen wollen; aber Heinrich Pestalozzi nimmt den Vorschlag ernst und ist gleich eifrig dabei, Näheres zu wissen. Da dem andern nicht mehr als der allgemeine Verruf des Birrfeldes bekannt ist, führt er ihn von der Gasse weg ins Weiße Rößli am See, wo er sich -- um einer geistlichen Tagung willen in Zürich anwesend -- mit dem Pfarrer Fröhlich aus Birr und andern Kollegen abgesprochen habe. Der weiß genauer zu berichten: daß im ganzen fünf Gemeinden an dem Birrfeld teil hätten, daß es vielleicht mehr als andere Gegenden an der Mißwirtschaft des Weidganges leide, aber durchaus nicht nur ein wüstes Heideland sei, wie es verschrien wäre. Er rät Heinrich Pestalozzi, als er seine Absichten hört, ernsthaft zu einer Besichtigung, und da ihn nun auch Rengger freundschaftlich einlädt, springt er mit beiden Füßen in den Plan ein; um so mehr, als der Pfarrer Fröhlich von einem burgähnlichen Gebäude in Müligen an der Reuß spricht, seit altersher der Turm genannt, das mit Scheune, Stall und Garten zu mieten wäre.
Noch in derselben Woche ist er nach Gebistorf unterwegs; er findet das Birrfeld als eine stundenweite Hochfläche, die zur Reuß mit steilen Waldhängen abfällt und sich in steinichten Halden gegen das Kalkgebirge des Kestenbergs hebt, auf dem das alte Schloß Brunegg steht. Von einem mit Kiesgeröll gemischten Moder bedeckt und an vielen Stellen sumpfig wie ein altes Seebecken, ist sie mit Wacholder und kleinen Tännchen bestanden und bietet den Anblick einer Heide, obwohl sie da, wo sie wirklich bebaut ist, garnicht so üble Felder zeigt. Namentlich aber gefällt ihm die Wohnung in Müligen; mit Efeu dicht berankt und unter Bäumen am Hügelabhang sonnig gelegen, scheint sie ihm wohl geeignet als Nest für sein kommendes Glück. Sie gehört einer begüterten Familie in Brugg, und er beeilt sich, sie für vierzig Gulden jährlich zu mieten. Der heimlichen Liebsten kann er nur in Briefen blühende Schilderungen davon machen; aber seine Mutter kommt bald auf einem Wagen, das Nest mit einem Bett und dem nötigsten Hausrat einzurichten. Es wird anders mit ihren Söhnen, als sie gehofft hat: der eine tut als Kaufmann nicht gut, und der andere hat mehr als ein Dutzend Jahre die Schulbänke gedrückt, um die Weltverlassenheit dieser Bauernschaft als sein Glück zu preisen. Sie vermag bei seinen Freudensprüngen nicht mehr zu lächeln und sieht über die Stundenweite des Birrfeldes mit einer trostlosen Wehmut hin. Dies wird einmal ein einziges Gartenfeld sein! sagt Heinrich Pestalozzi und begreift die ärmlichen Dörfer des Landes in einer großmächtigen Armbewegung. Sie zieht das schwarze Witwentuch um ihre schmächtige Gestalt, als ob sie fröre; doch als er sie dann fast knabentrotzig fragt, ob sie es nicht glaube? weht ihr ein Lächeln alles Trübe fort aus dem blassen Gesicht: Wie soll eine Mutter anders als gläubig zu ihren Kindern sein!
38.
Jeden Morgen steigt Heinrich Pestalozzi den steinichten Hügelweg hinauf, das Birrfeld wie ein Eroberer zu durchqueren; die Mutter hat ihm einen Rest des väterlichen Vermögens mitgebracht, den sie zur Not entbehren kann, und so kann er auf eigenen Landerwerb ausgehen. Er findet die besten Plätze bald in den Hummeläckern, die ziemlich mitten im Birrfeld liegen und zu der Gemeinde Lupfig gehören. Die Üppigkeit einiger Kirschbäume gibt ihm Gewißheit, daß der verwahrloste Boden mit guter Düngung bald ertragreich zu machen wäre, und rasch entschlossen wendet er siebenundfünfzig Gulden an, sich vier bis fünf Jucharte davon zu kaufen, die er mit allem Eifer seiner gelernten Künste aus einem Mergellager am Kestenberg aufbessern will. Darüber aber kommt er bei den Leuten der Gemeinde auch schon ins Gespräch als Herrenbauer, und mehr als einer hört die ungewohnte Geldquelle gegen seine Äcker rinnen. Als er darauf mit weiteren Ankäufen zögert, fangen die bäuerlichen Listen an, sich mit Wegerechten, Weidgang und andern Vorwänden drückend zu machen, sodaß er wohl oder übel zu höheren Preisen kaufen muß.
In diesen Schwierigkeiten, die ihn allein befallen, weil seine Mutter wieder nach Höngg zum kranken Großvater gerufen ist, geht er eines Nachmittags verdrießlich nach seinem Turm zurück, als ihn ein Mann mit seinen Wägelchen einholt und aufsteigen heißt, da er gleichfalls nach Müligen führe. Er hat den Mann auf seinen Gängen schon mehrmals angetroffen, und weil ihn die Mißlichkeiten müde und unlustig zum Gehen gemacht haben, nimmt er das Angebot gern an. Unterwegs holt ihn der andere beiläufig aus, ob er auf seinem Hummelacker zu bauen gedächte, und als er das bejaht: ob er denn Wasser habe? Warum er nicht weiter aus dem Birrfeld hinaus, etwa da oben in den Letten baue? Da habe er Quellen genug, brauche sich mit keinem Anlieger herumzuschlagen und sei Herr auf seinem Boden. Billiger als da unten sei das Land sicher, wo auch sonst die Lupfiger keine günstige Nachbarschaft wären.
Heinrich Pestalozzi weiß, daß der Mann, den er von seinen Gängen her als einen Metzger und Wirt aus Birr mit Namen Märki kennt, wohlhabend und durch seine Geschäfte bewandert in allen Verhältnissen der Gegend ist. Irgendwie fällt ihm das Wort Bluntschlis von dem Ratgeber ein, und da ihn der Mann im Sprechen auffällig an seinen Lehrmeister Tschiffeli erinnert, nur daß er genau so drastisch in seinen Ausdrücken wie jener vorsichtig ist, sieht er ihn prüfend von der Seite an und nicht unlustig, seine Dinge mit ihm zu besprechen. Der aber scheint von dem Gespräch genug zu haben, kutschiert gleichmütig darauf los, bald hier bald dort mit dem Peitschenstiel auf eine Merkwürdigkeit deutend, sodaß Heinrich Pestalozzi fast bedauert, als sie hart bremsend den letzten gewundenen Abstieg nach Müligen hinunter fahren. Eine Einladung, bei ihm für einen Augenblick abzusteigen, nimmt der Mann nicht an, da er es wegen der Dunkelheit eilig habe. Bald sieht er ihn denn auch wieder den Weg hinauf kutschieren, rüstig zu Fuß, das Pferd am Zügel führend.
Schon am andern Tag macht er einen Weg in die Letten hinauf; er findet den Boden mit vermodertem Kalkgestein durchsetzt, das vielfach auch mit einem beinernen Glanz zutage liegt: Hier ist wirklich Ödland, aber wo der Hang ins ebene Feld ausläuft, doch wieder guter Boden, vor allem aber ist reichlich Wasser da, und die abseitige Lage lockt ihn besonders. Als er bis an den Waldrand hinaufgegangen ist und von da unter einem Nußbaum über das stundenweite Birrfeld hinsieht -- stärker als je in dem Traum, es von hier aus stückweise zu erobern und ein Gartenmeer daraus zu machen, das Wohlstand in all die ärmlichen Dörfer rundum verbreiten soll -- hört er hinter sich seinen Namen rufen, und als er umsieht, steht der Märki dort und winkt ihm. Augenscheinlich will er nicht gesehen werden, und so steigt Heinrich Pestalozzi zu ihm hinauf in den Wald. Der selbe Mann, der gestern gleichmütig war, scheint heute wütend: falls er etwa die Absicht habe, hier zu kaufen, so möge er sich selber das Geschäft nicht verderben, indem er hellen Tags hier herumlaufe! Bauern seien Bauern: wenn er, der Märki, etwa hinginge und ihnen bares Geld für einen Acker brächte, wären sie noch so froh; so aber der Herrenbauer käme, glaube jeder gleich das große Los zu spielen. Er wolle sich mit diesem Beispiel nicht etwa aufdrängen, er habe hier nur zufällig einer Klafter Kleinholz nachgehen wollen, die überm Winter vergessen worden sei. Da er ihm aber nun einmal den Rat gegeben habe, möge er natürlich nicht, daß er dabei zu Schaden käme und ihm schließlich noch Vorwürfe mache!
Nichts für ungut, sagt er dann wieder höflich, als er das alles mit rotem Kopf mehr geschimpft als gesprochen hat, lüpft an seiner Kappe und geht davon, gefolgt von einem Metzgerhund, der sich faul aus der Sonne aufhebt. Heinrich Pestalozzi bleibt wie ein gescholtener Schüler zurück, doch ist er dem Mann dankbar; wenn er an die Tagelöhner in Lupfig denkt, daß nie einer ein richtiges Wort aus den Zähnen läßt und jeder an seinem Mißtrauen würgt, irgend einen Vorteil zu verlieren, so ist dies doch von der Leber gesprochen. Er folgt seiner Weisung, geht nicht über Birr, sondern im Bogen durch den Wald gegen die Hummeläcker, wo ihm nun nichts mehr gefällt, sodaß er seine Pläne umdenkend nach Müligen heimkehrt. Noch am selben Abend schickt er dem Märki eine Botschaft nach Birr hinauf, und nun wird es rasch ein anderes Geschäft für ihn: in knapp acht Tagen hat er durch den gewandten Unterhändler zehn weitere Jucharte dazu gekauft, nicht übles Land, noch in der Ebene gegen den Letten gelegen, sodaß er einen guten Platz für sein Haus, einen Brunnen dazu und Land genug besitzt, um seine Plantage zu beginnen. Daß die nun in zwei Stücken auseinander liegt, die Hummeläcker mitten im Birrfeld und das andere eine gute halbe Stunde weiter hinauf am Letten, beunruhigt ihn ebensowenig wie der doppelte Preis: auch Tschiffeli hat so zerstreut Boden fassen müssen, und schließlich ist doch alles ein großer Besitz geworden. Seitdem er den Metzger Märki als Ratgeber hat, fehlt es ihm nicht mehr an Zutrauen, daß auch sein Traum gelingt. Denn daß er selber in die Hände eines Mannes geraten ist, der vieles zu sich heranbiegt, um daraus nichts als seinen Nutzen zu haben -- was unter Kaufleuten die einzige Moral ist -- während er sich selber einen Nutzen immer nur erträumt, um eine Quelle des Wohlstandes für die andern zu sein: das soll er noch erst erfahren.
39.
Über dem ist der Herbst gekommen und weht Heinrich Pestalozzi die dürren Blätter vor die Haustür; die Singvögel ziehen der scheidenden Sonne nach, und abends steigen die Nebel kalt aus der Waldschlucht, darin die Reuß ihr spärlich gewordenes Wasser der Aare zuführt: nach dem Sommer mit der sonnigen Fülle seiner langen Tage kommt der Winter, der die Menschen in den Kreis der Lampe drängt. An der seinen war das Messing blank, als Anna sie schenkte: aber ihre Hände sind nicht da, es zu putzen. Nicht einmal ein Stück Vieh steht im Stall, und Heinrich Pestalozzi, der doch ein Stadtkind und gewohnt ist, über seine Dinge zu sprechen, sitzt Abend für Abend allein in seinem Turm. Die Mutter kann nicht mehr kommen, weil der Großvater sie wieder nach Höngg gefordert hat; und dem Bärbel war es bald zu grauslich zwischen Wald und Wasser. Seit seinem heimlichen Verlöbnis ist mehr als ein Jahr verstrichen, Anna hat im Sommer schon ihren dreißigsten Geburtstag erlebt, und immer noch steht die Weigerung der Eltern vor der gemeinsamen Zukunft. Die Melancholie der Einsamkeit läßt ihren bitteren Saft in seine Stunden fließen, und andere Briefe flattern nach Zürich, als sie aus Kirchberg gingen. Einigemal reist er selber hin, auch nach Brugg kommt er Samstags, die Schaffhäuser Zeitung zu lesen: aber es ist eine tote Zeit für Heinrich Pestalozzi, da er zum erstenmal den einsamen Winter des Landmanns wirklich zu spüren bekommt.