Chapter 13 of 25 · 3862 words · ~19 min read

Part 13

Ehe er es gedacht hat, ist er nach Zürich unterwegs mit seinem Schatz, der diesmal ein handgreifliches Päckchen statt einem geträumten Luftschloß ist, obwohl Anna, an den Zusammenbruch so mancher mit Worten aufgebauten Hoffnung bitter gewöhnt, nur wehmütig über seine Begeisterung gelächelt hat. Füeßli ist nicht der Mann dazu, in Rauch und Feuer aufzugehen, auch sieht dies anders aus als die Schnurre von den ungekämmten Nachtwächtern; er weist ihn an den gemeinsamen Freund Pfenniger, der in den Dingen des literarischen Geschmacks sachverständig wäre. An die Literatur hat Heinrich Pestalozzi freilich nicht gedacht, als er schrieb, und erst garnicht an den gebildeten Geschmack, der, statt den geistigen Dingen zu dienen, mit anmaßenden Forderungen vor ihnen steht. Pfenniger findet die drei oder vier ersten Bogen, die er ihm vorliest, nicht übel, aber so voll unerträglicher Verstöße gegen den literarischen Geschmack, daß er ihm dringend die Umarbeitung des Buches durch einen Menschen von schriftstellerischer Übung empfiehlt und auch gleich einen theologischen Studenten nennt, der das literarische Handwerk ebenso beherrsche, wie es ihm fehle. Das Wort Lavaters von seiner Unfähigkeit, einen einzigen Satz richtig zu schreiben, hat er noch nicht vergessen, und kleinlaut überläßt er sein Buch den Ordentlichen, daß sie es für ihren Gebrauch zurecht machen: Ich will nur abwarten, sagt er bitter, ob es mir Unordentlichem einmal gelingt, ohne Euch richtig zu sterben!

Doch vermag er nicht, sich ganz von seinem Buch zu trennen; er läßt ihnen nur die ersten drei Bogen, damit er die Bearbeitung erst sähe, und geht für ein paar Tage nach Richterswyl hinaus, wo sein Vetter, der Doktor Johannes Hotze, die Praxis des Vaters mit Klugheit verwaltet, während der jüngere Bruder mit dem Federhut richtig unter die Soldaten gegangen und bei den Österreichern schon General geworden ist. Er weilt gern dort, weil der Doktor Hotze ein Philanthrop von Einsicht und Willenskraft ist; aber als er ihm mit Andeutungen seines Buches begegnet, hält der es anscheinend für einen neuen Seitensprung und wehrt warnend ab. So kommt er demütig zu Pfenniger, seine Handschrift wie einen vom Lehrer verbesserten Aufsatz zurück zu erhalten; aber als er sein Naturgemälde des bäuerlichen Schicksals unter dem frömmelnden Firnis dieses Theologen wiedersieht und angesichts der steifen Schulmeistersprache, die seine Bauern darin reden, an seine Entdeckungsfahrten denkt, fällt die Demut erschrocken ab: Dann wolle er doch lieber mit Beulen und steifen Gelenken ein ungekämmter Stadtwächter sein, als ein derart gekämmter, sagt er zu Füeßli, der zugegen ist, läßt dem Pfenniger die gesäuberte Umarbeitung und macht sich auf den Heimweg mit seiner ungesäuberten Handschrift, die anscheinend ebensowenig in die ordentliche Welt paßt wie er selber!

Er ist schon in Baden, als er es nicht vermag, mit diesem Ergebnis heimzukehren, und entschlossen seine Reise nach Basel fortsetzt, um auch bei Iselin sein Glück zu versuchen, bevor er selber an seinem Buch zweifelt. Er darf ihm und seiner Gattin noch am Abend seiner Ankunft einige Kapitel daraus vorlesen; so inbrünstig seine Hoffnung insgeheim um ein günstiges Urteil gefleht hat, auf einen solchen Erfolg rechnete sie nicht. Die Frau Ratsschreiber weint vor Rührung, und der Ratsschreiber selber geht mit erregten Schritten im Zimmer auf und ab, bis er ihm die Handschrift aus den Händen nimmt, als ob er sich vergewissern müßte, daß dies alles auch wirklich dastände. Er lachte herzhaft auf, als er die Schrift in den roten Tabellen hängen sieht; und auch als er dann liest, schüttelt er immer wieder den Kopf: es sei nicht zu glauben, wie einer so etwas Herrliches ausdenken und zugleich solche Sprach- und Schreibfehler machen könne! So wie es dastände, wäre es allerdings ein ungekämmter Stadtwächter, aber den zu strählen, brauche es keinen Theologen, sondern einen Setzer, der deutsch könne. Er müsse freilich das Buch erst ganz lesen, aber nach dem, was er bis jetzt gehört habe, wüßte er nicht seinesgleichen.

Heinrich Pestalozzi bleibt drei Tage lang in Basel, und es ist eine Zeit für ihn, als ob Schlaf und Wachen ein einziger Traum geworden wären; so erlöst ihn der Beifall dieser klugen und herzlichen Menschen aus dem Gefühl seiner Unbrauchbarkeit. Die Schreibfehler in der Handschrift verspricht Iselin selber zu beseitigen; auch schickt er gleich einen Brief an den Verleger Decker in Berlin, ob er das Buch herausbringen wolle? Um ihm aber zu den vielen Tauben auf dem Dache doch einen Spatz in die Hand zu geben, offenbart er ihm zum Abschied, als er bis Liestal mit ihm gegangen ist und da auf die Post wartend im Ochsen noch ein Glas Wein trinkt, daß die Aufmunterungsgesellschaft zwar nicht ihm allein, aber doch ihm zu gleichen Teilen mit dem Professor Meister in Zürich den Preis von zwanzig Dukaten zuerkannt habe.

Es geht mir wie dem Mann, sagt Heinrich Pestalozzi, der am Sonntag zehn Louisdor verloren hatte und sich am Montag freute, weil er drei Kreuzer fand.

57.

Schon Anfang September erhält Heinrich Pestalozzi Nachricht, daß der Verleger Decker aus Berlin in Basel gewesen sei und ihm für jeden Druckbogen einen Louisdor als Honorar bewilligt habe. Das wäre vormals nicht viel gewesen, jetzt aber bedeutet es für den ausgeplünderten Neuhof eine Quelle, die bei sparsamer Verwendung seine Insassen auf eine gute Zeit vor Nahrungssorgen schützt und Heinrich Pestalozzi mutig macht, auch noch den Rest seines Tabellenpapiers vollzuschreiben. An eine neue Erzählung vermag er nicht zu denken, so voll sind ihm noch Kopf und Herz von dieser. So beginnt er noch im Herbst, bevor das Buch gedruckt ist, eine Erläuterung dazu zu schreiben, die er »Christoph und Else« nennt! In einer angeblichen Bauernhaushaltung läßt er abends seine Geschichte von Lienhard und Gertrud lesen und besprechen, wobei er dann wieder selber auf der Bühne erscheinen und den Vorgängen der Handlung seine Nutzanwendung mitgeben kann: So sind die Leiden und Schäden des Landvolks, so sind die Wurzeln seiner Kraft und Urkraft, und so kann der Verwilderung geholfen werden! Aus der Abendstunde eines Einsiedlers werden Abendstunden einer gutwilligen Gemeinschaft.

Er ist noch mitten in dieser Arbeit, als der Tod in der Familie seiner Frau vorspricht und sich die kränkelnde Mutter, gebotene Holzlaub, heimholt. Dem alten Zunftpfleger, dem der braune Bart längst weiß geworden ist, wird es danach unheimlich im Pflug, wo seine Söhne eigenwillig schalten; er zieht der einzigen Tochter nach, an der immer sein Herz gehangen hat. So wird der Haushalt um einen Greis vermehrt, dem das Leben die Augen zur Freundlichkeit und Milde geöffnet hat, obwohl er von Haus aus zornig war. Von seinem Vermögen ist nur noch ein bescheidener Altersteil in seinen Händen; aber auch damit bringt er eine Sicherung in den Neuhof, die wohlig empfunden wird und das Gefühl einer vorsichtigen Wiederherstellung verstärkt. Als dann zur Ostermesse endlich »Lienhard und Gertrud« erscheint und seine Wirkung macht, sodaß vieler Augen sich auf den Neuhof richten, finden sie nicht mehr die Trümmerstätte selbstverschuldeter Armut, als die er den Bauern im Birrfeld und dem selbstgerechten Bürgersinn der Zürcher gegolten hat.

Der erste, der ihm Gutes berichtet, ist Iselin, der zwar bescheiden die dankbare Widmung aus dem Buch beseitigt hat, aber stolz und beglückt durch den Erfolg zu seinem Schützling steht. Er gibt Nachricht von dem Beifall der Zeitungen in Deutschland und wie man dort nach dem ungenannten Verfasser des Dorfromans riete; auch sammelt er, was Rühmens in den Schweizerblättern steht, und hat einen fröhlichen Eifer damit, ihm nach den ersten spärlichen Posten ganze Stöße von gedruckter Anerkennung in den Neuhof zu schicken.

Heinrich Pestalozzi, dem die Mißachtung einen bösen Bannkreis um seine Einsamkeit gezogen hatte, sieht sich in die Beleuchtung eines rasch wachsenden Ruhmes gestellt, in den nun mancher wieder hineinlärmt, der sich vorher still beiseite getan hat; denn ob sein Name nicht auf dem Deckel des Buches steht, dafür sorgen die fleißigen Gerüchte, daß überall, wo die Gestalten von Lienhard und Gertrud in ein Schweizerhaus eintreten, auch der Armennarr von Neuhof als ihr Pate gilt. So ist es kaum noch nötig, daß Iselin den Namen des Verfassers in den Ephemeriden bekannt gibt; wohl aber scheint es ein Signal zu sein für die Kutscher und Postillone, die nun fast täglich Besucher nach dem Neuhof bringen. Sie finden da einen freundlichen Greis, der sich über den Ruhm seines Schwiegersohnes um seiner verhärmten Tochter willen freut und gern ein Wort spricht; einen elfjährigen Knaben, der als das Jaköbli mit den Bauern auf einem vertraulichen Spielfuß steht und augenscheinlich beliebter bei ihnen ist als sein Vater; eine Frau von dreiundvierzig Jahren, die sich dem Schwall nach Möglichkeit entzieht; endlich ihn selber, dem das braune Gesicht mit Rünzelchen verkritzelt ist, als ob er sechzig statt erst fünfunddreißig wäre, der aber alle fröhlich willkommen heißt, nicht eitel, doch sichtbar glücklich, daß er nun endlich Macht über die Menschen gewonnen hat, wie er sie für seine Dinge jahrelang vergeblich erflehte. Als eines Morgens der Wagen des Herrn von Effinger mit zwei galonierten Dienern vor dem Neuhof hält, ihn nach Schloß Wildegg als Ehrengast zum Essen abzuholen, und als noch am selben Tag von der Ökonomischen Gesellschaft in Bern fünfzig Dukaten mit einer goldenen Denkmünze ankommen, da scheint es zu Ende mit seiner angeblichen Unbrauchbarkeit, da ist Heinrich Pestalozzi, der gescheiterte Landwirt und Armennarr auf Neuhof, ein Schweizerbürger geworden, auf den die Augen seines Volks mit Stolz sehen. Und nun endlich kann auch die Stunde nicht mehr fern sein, wo aus Reichen und Armen, Klugen und Törichten, Herrschaften und Beherrschten die Volksgemeinschaft wird, darin die Menschenbruderschaft des Evangeliums aus der Sonntagspredigt in die wirklichen Wohnungen und Geschäfte der Menschen kommt. Er ist auf der Höhe seines Lebens, als er diesen Glückstraum erlebt; die Gier und Sehnsucht seiner Jugend, die Radbrüche seiner ersten Fahrten und der grausame Unfall gelten ihm nun nichts mehr, da er sich durch die Hand des Schicksals, die er in einem tieferen Sinn als die Sonntagsgläubigen und Kirchenbeter Gott nennt, in Schuld und Sorgen zu solcher Erfüllung geführt sieht.

58.

Könnte Heinrich Pestalozzi die siebzehn einsamen Wartejahre danach voraussehen, darin er die Kräfte seiner Mannesjahre aufreiben soll, bis ihn das Schicksal an die Dinge selber statt an die Worte läßt, so würden ihm die Knospen kaum so schwellen, wie nun, wo er im Rausch des Erfolges noch einmal die stürmischen Säfte seiner Jugend fühlt. Er hat im Vorwort seines Buches angekündigt, daß die Erzählung aus dem angeblichen Dorf Bonnal nur die Grundlage eines Versuchs wäre, dem Volk mit einigen Wahrheiten in den Kopf und ans Herz zu gehen. Auf alles, was als Tugend oder Laster an seinen Gestalten sichtbar wird, Heuchelei und Tapferkeit, Hoffart und Sparsamkeit, Freiheitsliebe und Tyrannei, auf alles läßt er nun Christoph und Else in ihren Abendstunden mit dem Zeigestock hinweisen, und er selber gibt die feurige Lehre seiner in tausend Nöten durchglühten Erfahrung dazu, um die Quellen der Bosheit und des Elends in den Zuständen und in der Gesetzgebung Europas darzustellen.

Ein Drittel seines Buches hat er so erklärt, als ihn der Eifer drängt, näher mit dem Volk zu sprechen; Iselin redet ihm zu, und so gründet er sich selber eine Wochenschrift, die er »Ein Schweizerblatt« nennt. So hitzig ist er in seinem Eifer, daß er fast alles selber darin schreibt; er wird wieder der Marktschreier der Zurzacher Messe, aber diesmal sind es nicht Baumwollentücher, sondern Einsichten und Weisheiten, die er unablässig, mit Witz und hinreißender Gläubigkeit gemischt, anpreist: »Himmel und Erde sind schön, aber die Menschenseele, die sich über den Staub erhebt, ist schöner als Himmel und Erde!«

Mitten in seinem Glück hört er schon wieder den Tod an die Tür klopfen, und an einem Julitag fährt er im Innersten bewegt nach Basel, Iselin, der ihm fast ein Vater war, zu begraben. Durch ein Gewitter erreicht er die Post nicht mehr, und er ist gerade dabei, sich in Brugg auf eigene Hand einen Wagen zu heuern, als Füeßli mit dem Doktor Hirzel durchfährt. Die nehmen ihn mit, und so wird es eine Freundesfahrt der Lebendigen zu dem Toten; denn auch die andern haben Iselin geliebt, wenn sie auch nicht soviel Freundschaft von ihm erfahren konnten wie er. Während sie so durch die grünen Täler hinfahren, manchmal im Schritt, weil es scharf bergan geht, dann wieder trabend, will Füeßli wissen, was er jetzt schreibe. Und weil Heinrich Pestalozzi durch den Tod Iselins erst recht in seinem Eifer entzündet ist, jeder Stunde zu achten, damit von seinem Leben ein Nutzen für das arme Volk bleibe, spricht er von seinen Abendstunden und merkt lange nicht, daß die beiden schweigen und ihn fast traurig ansehen.

Ich dachte, sagte Füeßli endlich und kollert vor Zorn, daß du jetzt dein Metier gefunden habest und wenigstens im Schwabenalter vernünftig würdest, aber dich reitet die Bessermacherei, bis sie dich ganz vom Neuhof ins Spital verschupfen! Über die bösen Worte ist Heinrich Pestalozzi so erschrocken, daß er ihn fragt, wie er das meine. Er sehe doch, wie die Menschen durch sein Buch gerührt würden, warum er die dargebrachte Rührung nicht für die Menschlichkeit ausnützen solle! -- Als ob die Leser dem Verfasser jemals ihre Rührung gäben, antwortet Füeßli und ist nun selber bitter geworden. Sie erwarten und nehmen sie als Genuß von ihm für ihr ausgelegtes Geld, gleich einem Kirschwasser oder einem Schweinebraten auch!

Sie begraben danach den Ratsschreiber in Basel; es ist ein Sarg, wie Füeßli grausam vor Trauer sagt, darin der Hummelvogt den selben Platz gehabt hätte. Für Heinrich Pestalozzi wird alles zum Verhängnis seit dem bösen Wort im Wagen. Er hat es längst gespürt, daß er mit seinem Buch nichts als ein Menschenmaler geworden ist, von dem man nun weitere Bilder verlangt. Wenn die Bauern im Birrfeld sich hämisch freuen, daß er es seinem Widersacher Märki gut gegeben habe, oder wenn die literarischen Blätter die Vortrefflichkeit seiner Charakterschilderung rühmen: es ist das Gleiche, daß sie ihn als ihren Spaß- oder Rührmacher halten, nicht aber ihm redlich ins Menschliche folgen wollen. Er vermag nicht, mit den beiden wieder heimzufahren, tut sich vor der zudringlichen Begrüßung des berühmten Verfassers scheu zur Seite und wandert frühmorgens heimlich aus Basel fort. Unterwegs gelüstet es ihn, das bäuerliche Paar in Frick aufzusuchen, das ihn damals so freundlich genächtigt hat, in der Sehnsucht, von ihm andere Botschaft des Volkes zu hören als von den Gebildeten.

Er trifft sie auch und bleibt zum zweitenmal bei ihnen zur Nacht, nicht anders aufgenommen als beim erstenmal, obwohl der Ziegenhirt nicht mehr da ist. Aber als er enttäuscht, daß sie nicht selber davon sprechen, zuletzt nach ihrer Meinung über sein Buch fragt, haben beide zwar einiges davon gehört, jedoch nichts daraus gelesen. Wir sind Bauern, Herr Pestalozzi, sagt der Mann treuherzig, und seine Frau nickt ihm zu: wir haben unser Tagwerk; was soll in einem Buch von unserm eigenen Leben stehen, daß wir nicht selber wüßten? Und unsere Nachbarn? Wir reden selber nicht schlecht von ihnen, warum sollen wir lesen, wie das ein anderer tut!

Es sind zwei Grabschriften, die Heinrich Pestalozzi von dem Begräbnis seines väterlichen Freundes mitbringt und die nun in den Gärten seiner Hoffnungen stehen. Er schreibt zwar danach noch tapfer sein Schweizerblatt, Woche für Woche; aber daß es eigentlich keine Leser hat, das nimmt er nun erst wahr. Als die ersten dreißig Abendstunden von Christoph und Else erscheinen, die wie ein Katechismus des bäuerlichen Lebens in alle Strohhütten gehen sollen, ist die Wirkung so schwach, daß der Verleger das Buch nicht weiter drucken will. Unterdessen singen die Blätter das Lob von Lienhard und Gertrud unablässig weiter, bis der kleinste Kalender davon voll ist. Ich habe das Pferd vorn und hinten eingespannt, denkt Heinrich Pestalozzi; und da auch der Verleger um eine Fortsetzung seines Romans drängt, gibt er sich tapfer daran, seine Pläne an dem Dorf Bonnal seiner Dichtung zu versuchen und statt Ermahnungen und Vorschlägen die Darstellung einer angeblichen Besserung zu geben. Ehe er es hofft, ist ein zweiter Band von Lienhard und Gertrud fertig, aus dem nun der Ratsschreiber Iselin die dankbare Widmung an seinen Schatten nicht mehr ausstreichen kann. Die Neugier hilft, daß er diesmal noch gelesen wird; aber die den ersten Band gepriesen haben, sind an dem zweiten enttäuscht und finden, daß der Verfasser sich wiederhole und in der langen Jugendgeschichte des Hummelvogtes nur eine überflüssige Nachrede brächte. Es ist mit dem Ruhm und der Wirkung seiner Schriftstellerei wie mit einem der Bäche im Kalkgebirge, die irgendwo stark aus dem Boden brechen, eine Zeitlang trügerisch in der Sonne fließen und dann wieder im Gestein verschwinden.

59.

Daß Heinrich Pestalozzi durch den Pfarrer seines Buches die Jugendgeschichte des Hummelvogtes so ausführlich erzählen läßt, kommt nicht von ungefähr. Das Jaköbli ist nicht nach seinen Hoffnungen geraten; in den sechs Jahren der Armenanstalt ist es als Sohn der Hausmutter vor dem Gesinde und den Zöglingen von selber der Prinz geworden, an dem die einzelnen sich ein Wohlwollen verdienen wollen; im wechselnden Drang der häuslichen Umstände danach zwischen die überlieferten Erziehungsansichten der Mutter und die neumodischen Absichten seines Vaters gestellt, hat seine Natur nicht die Ruhe an den Wurzeln gehabt, die Kindern das Nötigste von aller Wartung ist. So ist er mit zwölf Jahren wohl ein großer Knabe geworden, aber ohne Festigkeit und geplagt von dem Eigensinn seiner reizbaren Art, die zwischen der Heftigkeit des Vaters und der zärtlichen Liebe der Mutter ihre Hinterhalte hat.

Was an Abhärtung getan werden konnte, um der Weichlichkeit seiner Natur zu begegnen, das hat Heinrich Pestalozzi spartanisch an ihm geübt, auch ist er mit List und Stärke dabei gewesen, seinen kindlichen Eigensinn zu brechen -- bis der gefährliche Untergrund dieser Eigenschaften im Ausbruch seiner Krankheit herzschneidend zutage kommt. Es ist in der Zeit, da die Stimme anfängt zu wechseln; er hat einen Korb mit Pflanzkartoffeln aus dem Keller holen sollen und kommt nicht wieder. Als Heinrich Pestalozzi heftig hinunterläuft, sitzt er verträumt vor einem Spinnennetz; die Überraschung mag zu jäh gekommen sein: ehe Heinrich Pestalozzi bei ihm ist, tut der Knabe einen Schrei und fällt hin wie ein Toter. Doch hat er ihn kaum an der Schulter gefaßt, als das Leben mit unheimlichen Zuckungen wieder anfängt. Das fallende Weh rast in ihm und Heinrich Pestalozzi, der als eifernder Vater zu hadern gekommen ist, sieht sein armes Kind in dem fahlen Kellerlicht Mächten überliefert, die seiner Strenge wie seiner Liebe spotten. Erst als alles vorüber ist und der Knabe aus tiefer Bewußtlosigkeit erwacht, wagt er die Lisabeth zu rufen.

Seine Hoffnung, daß es ein einzelner Anfall gewesen sein möge, wird nicht erfüllt; die Krankheit kommt zurück und steht seitdem warnend hinter jedem ärgerlichen Wort, das er dem Knaben sagen will. Das Grauen nimmt ihm für lange den Mut; denn deutlicher als jemals sieht er, wie das Schicksal des Menschen als einer Kreatur nicht an eigene oder fremde Verschuldung allein gebunden ist, wie Glück und Unglück aus den Naturgründen des Lebens kommen und alle sittliche Sorgfalt zu verhöhnen scheinen. Lange versucht er, das Unheil Anna zu verheimlichen, die bei dem ersten Anfall in Hallwyl war; als sie es eines Tages doch erlebt -- sie sind in den Letten hinaus spaziert und müssen ihn da in den rotblühenden Klee legen -- meint er in dem entsetzten Blick der Mutter einen Vorwurf zu spüren, der ihm lange nachgeht und bald darauf eine peinliche Ergänzung findet. Er hört, daß die Leute in Birr der unvernünftigen Abhärtung -- den Knaben von kleinauf, auch im Winter, im eiskalten Brunnenwasser zu waschen -- die Erkrankung zuschreiben. Die Gewohnheit behält immer recht! sagt er bitter, aber ein grausamer Rest ihrer Schadenfreude bleibt zurück und quält ihn mit Zweifeln, ob er dem Knaben ein rechter Vater gewesen sei. Er sieht nun erst, daß der Jakob kaum lesen und schreiben kann und auch sonst gegen die Kinder seines Alters zurück ist. Am Ende kommt er mit Anna überein, ihn für ein Jahr oder zwei nach Mülhausen in eine Erziehungsanstalt zu geben, die ihm durch seinen Vetter, den Doktor Hotze in Richterswyl, empfohlen ist; die zage Hoffnung auf seine Heilung muß ihnen über den schweren Abschied forthelfen.

Auf der Rückreise sucht er einen Herrn Battier in Basel auf, der ihm noch durch Iselin bekannt geworden ist; ein Kaufmann, der fest im Sattel seiner zahlreichen Geschäfte sitzt, aber allen menschenfreundlichen Dingen mit der Kraft seiner unabhängigen und kühnen Natur zugewandt blieb; der will den Jakob nachher in die Lehre nehmen. Vorläufig aber hat er von all den kläglichen Nöten gehört, in denen der berühmte Verfasser von Lienhard und Gertrud immer noch lebt, und setzt ihm hartnäckig zu, eine Liste seiner Schulden und Verpflichtungen aufzustellen. Es wird eine quälende Stunde für Heinrich Pestalozzi, in dem blitzsauberen Kontor und vor dem schneeweißen Halstuch dieses Kaufmanns seine verzwickte Lage zu offenbaren; auch vermag er aus der Erinnerung unmöglich durch den Urwald seiner Bedrängnisse hindurch zu kommen. Er weicht ihm schließlich aus mit dem Verspruch, ein genaues Verzeichnis seiner Güter und ihrer Belastung aufzuschreiben; aber der Kaufmann ist nicht für Ausflüchte: dann wolle er sich, wenn es ihm recht sei, den Neuhof einmal selber ansehen, und zwar gleich andern Tags, da er doch in Geschäften nach Zürich müsse!

So kommt Heinrich Pestalozzi am nächsten Morgen nicht bescheiden mit der Post aus Basel fort, wie er gedacht hat, sondern in dem blitzblanken Reisewagen des Kaufmanns Battier mit zwei Apfelschimmeln, die den Postwagen schellenklingelnd überholen und auch weiterhin nicht wie die Postgäule bei jeder Steigung aus dem Trab fallen. Mein Leben hat zwei Straßen, sagt er seinem unternehmenden Begleiter, als er Stück für Stück der wohlbekannten Landschaft flinker als sonst nahen sieht: auf einer bin ich von Zürich gekommen und die andre bringt mich zeitweils nach Basel; es will mir scheinen, daß die Basler mir allmählich geläufiger wird! Das ließe sich ändern, sagt Battier und legt ihm von hinten -- als ob er ihn umarmen wolle -- die Hand auf die Schulter: Wenn Sie selber nach Basel zögen, wäre es wieder nur die eine Straße, auf der Sie gekommen sind, und zu Ihrem Sohn hätten Sie es näher!

Es zeigt sich bald, daß dies nicht nur eine Augenblicksrede war; denn als der Kaufherr noch am selben Nachmittag stundenlang unermüdlich gewesen ist, jeden Acker in Augenschein zu nehmen, mit vielen Scherzen, als ob das alles nur ein Spaß dem schönen Wetter zuliebe wäre, und als sie danach bei einem Glas Landwein in der Stube sitzen, holt er aus seiner Tasche ein Bündel Papiere heraus, die längst schon in der saubersten Ordnung enthalten, was er soeben gesehen hat: jeden Acker nach seinem Tageswert abgeschätzt, und daneben das Verzeichnis aller noch ungelöschten Schulden und Verbindlichkeiten in einer Vollständigkeit, daß Heinrich Pestalozzi erstaunt und erschrocken zugleich ist; denn wenn es vor den Augen eines nicht einmal übel gesinnten Geschäftsmannes so mit ihm steht, brauchte nur das Soll mit dem Haben vertauscht zu werden und die Rechnung ginge so auf, daß er in der Mitte mit nichts übrig bliebe. Er muß an den Bankier aus dem Geschwundenen Schwert in Zürich denken, der damals auch so im Handumdrehen seinen Besitz beaugenscheinigte; nur daß der Basler sich den Bericht des Bedienten anscheinend schon vorher verschafft hat. Aber dann kommt statt der Enttäuschung von damals die Überraschung: das sei der Vermögensstand von heute; aber wie die Felder ständen und wie sie durch resolute Behandlung werden könnten, in dieser Differenz läge ein möglicher Zukunftsgewinn für einen praktischen Mann, der den Neuhof heute zu dem gültigen Satz übernähme. Dieser Käufer wolle er selber sein und ihm also schon jetzt die Zinsen des zukünftigen Wertes als eine Rente zahlen, die ihn und die Seinen mit einem Schlag sorgenlos mache und ihm erlaube, ungehindert seiner Schriftstellerei zu leben!