Chapter 15 of 25 · 3614 words · ~18 min read

Part 15

Die Fahrt geht noch im nassen März über Schaffhausen, Ulm, Nürnberg, Bamberg; aber diese Städte sind nur die größeren Nachtpausen in der endlosen Fahrt, die durch ein Gewirr von waldigen Hügeln, Wiesentälern und Ackerfeldern unaufhörlich über neue Grenzen in immer fremdere Gebiete führt. Wie es heißt, sind deutsche Heere nach Frankreich gezogen, den gefangenen König zu befreien, und überall begegnet er den Spuren dieses Feldzugs, sodaß er froh ist, nach einer fast vierzehntägigen Reise endlich in Leipzig zu sein. Er findet seine Schwester, die als Mädchen fortging, als eine stattliche Matrone wieder an der Seite eines Mannes, der vom ersten bis zum letzten Augenblick des Tages keinen andern Gedanken hat als sein Geschäft. Die Förmlichkeiten der Erbschaft denkt er bald zu erledigen und danach den eigenen Sachen nachzugehen; aber eine Eingabe zieht die andere nach sich und ein Anwalt den andern; schon nach acht Tagen sitzt er vor einem Berg von Akten, und jedes Papier hat die Sache schwieriger gemacht. Dabei ist er ein Schweizer unter lauter Sachsen, und so komisch er ihre Sprache findet, sie können das Lachen nicht verhalten vor der seinen. Selbst wenn er jemand für seine Sache eifrig gemacht hat, zerstört ein Gespräch mehr, als drei Briefe Nutzen brachten. Ist er in der Schweiz mit seinen Taten der Narr der Leute gewesen, so wird er es hier mit seiner Erscheinung; er vermag schließlich nur noch ängstlich über die Straßen zu gehen, weil immer wieder die Buben mit Gelächter hinter ihm drein laufen.

Sein geheimer Plan, nach Weimar oder sonst an einen Fürstenhof zu fahren, verdrückt sich dadurch; verschüchtert und ingrimmig über die langwierigen Termine und die Ergebnislosigkeit seiner Reise fängt er bald an, Heimweh nach seiner Schweiz zu kriegen, und eher, als er gedacht hat, ist er auf der Rückfahrt. Nicht einem Menschen hat er ernstlich von seinen Dingen sprechen können, aber mit seinen Luftschlössern im Ausland ist er trotzdem fertig. Er hat gesehen, daß Zürich und Leipzig für ihn dasselbe ist; hier wie dort gibt es Stadtbürger, deren Namen einem gefüllten Geldsack den Klang verdankt; hier wie dort sind diejenigen weiße Raben, die mehr als ihren Vorteil wollen, nur daß er die weißen Raben daheim allmählich kennt und zu beurteilen weiß, während er dort nicht einmal zu einer oberflächlichen Kenntnis kommt! Auch auf der Heimreise sieht er nichts von den Ländern, durch die sein Postwagen fährt. Überall Postmeister, Stadtsoldaten und Zöllner, Schlagbäume und mürrisch geöffnete Stadttore. Ohne ein eigentliches Erlebnis kommt er gedemütigt wieder an und nicht geneigt, mehr als seinen geschäftlichen Bericht von der Reise zu geben. Daß er zweimal dicht am Rheinfall vorüber gefahren ist, erfährt er erst, als man ihn danach fragt.

Das einzige, was er mitbringt, sind die ungeheuren Vorgänge in Paris, von denen täglich neue Blutberichte nach Leipzig kamen. Noch lebt der König, aber schon weiß man, daß er kaum mehr als ein Gefangener der Empörer ist. Auch sonst scheint die Weltordnung einzustürzen; das Elend und die Verzweiflung der Armut stehen auf, wie Heinrich Pestalozzi es längst befürchtete, und da er das Heilmittel angepriesen hat, die Regierungen mit ihren Völkern übereins zu bringen, kommt er sich wie ein Prophet vor, auf den niemand hören wollte. Aber als bis in den Hochsommer hinein sich die Schreckensnachrichten häufen, sodaß es scheint, als ob Paris den Untergang Jerusalems noch einmal erleben solle, bekommt er die Nachricht, daß ihm die Nationalversammlung der Empörer in Paris das Ehrenbürgerrecht des französischen Volkes verliehen habe. Achtzehn Ausländern ist es zugesprochen worden, und neben den weltberühmten Namen Washington, Klopstock und Schiller sieht er den seinigen geehrt, wie er es niemals geträumt hätte.

Er ist wieder einmal mit Hans Heinrich Füeßli zusammen -- den sie unterdessen in Zürich auf den Lehrstuhl für vaterländische Geschichte am Collegium Carolinum berufen haben -- als die Nachricht eintrifft: Das ist was Rechtes, spottet der, um seine Freude zu verbergen, Ehrenbürger einer Räuber- und Mörderbande zu sein! Aber in seinem Kopf haben alle Gedanken schon eine neue Windrichtung angenommen: Wo Heinrich Pestalozzi Ehrenbürger wird, sagt er fest, und bleibt in seiner Gläubigkeit allem Hochmut fern, ist etwas Gutes im Wege! Für eine Räuberbande könnten sie landauf, landab schon andere Leute finden, auch in Zürich.

Trotzdem, ein Ehrenbürger des Aufruhrs bleibst du, sagt Füeßli nun gleichfalls ernst und setzt seinen Hut auf, weil er doch gehen will! Da gibt ihm Heinrich Pestalozzi die Hand, und jedes Rünzelchen seines braunen Gesichts scheint einzeln zu lächeln: Du meinst, weil ich selber ein Aufrührer sei? Ich hätte freilich gern euren Brei gerührt, er war zu zäh für meine Holzlöffel, die mir nacheinander zerbrochen sind. Was gilts, die haben eiserne Löffel, und ihr werdet daraus essen müssen!

65.

Seit diesem Tag ist ein Schein in der Welt, der Heinrich Pestalozzi das Blut unruhig macht; er fühlt, daß es die Sache der Menschheit ist, die in Paris verhandelt wird, und soviel Greuel da mit Greueln totgeschlagen werden: er wartet aus der wilden Mordnacht getrost auf ein Morgenlicht, das auch seinen Dingen scheinen soll. Für ihn bedeutet die Verkündigung der Menschenrechte auch die der Menschenpflichten; während die Franzosen ihrem König den Kopf abschlagen, schreibt er in einer glühenden Schrift sein klares »Ja oder Nein« zu dem Aufruhr der verwahrlosten Menschennatur; und weil er sieht, wie nun das Christentum von denen zur Hilfe gerufen wird, die es bisher nicht brauchten, scheut er sich nicht, die Übereinstimmung der christlichen Lehre mit den sozialen Forderungen der Revolution in einer zweiten Flugschrift darzulegen. Aber er findet keinen Drucker in der Schweiz für diese Kühnheiten, und seine Freunde sind erlöst, daß er sie ins Schubfach legt.

Indessen Heinrich Pestalozzi so die flackernden Brände der Zeitgeschichte in den Spiegel seiner Ideen nimmt, sitzt er selber noch überflüssig auf dem Neuhof im Altenteil; so kommt ihm eine Anfrage seines Vetters, des Doktors Hotze, recht: Der will eine längere Reise nach Deutschland machen, wo seine Tochter einen Herrn von Neufville in Frankfurt heiratet, und er soll ihm über den Winter das Haus in Richterswyl hüten. Er sieht sich als stellvertretender Hausherr in die Sorglosigkeit eines wohlhabenden Hauses am See verpflanzt, den Freunden in Zürich mit einer nicht zu umständlichen Schiffahrt erreichbar und mitten in einer Landschaft, die ihn mit den letzten Gesängen der Weinernte umfängt und gegen das rauhe Birrfeld ein einziger Garten ist. Zum erstenmal in seinem unrastigen Mannesleben weicht die Täglichkeit der Sorgen von ihm zurück, und während er in den ersten Tagen sein zeitweises Besitztum abschreitet, gegen den See hinunter und bis an den Wald hinauf, kommt es ihm vor, als habe er in seinem Leben noch keinen Spaziergang gemacht.

Wie er nun eines Tages unten am See sitzt und sich von der letzten Wärme der Herbstsonne durchschauern läßt -- es ist dieselbe Stelle, wo ihn die Mutter damals auf den Armen ins Haus holte -- muß er an den Knaben im Federhut denken, der es unterdessen bei den Kaiserlichen zum General gebracht hat. Wo sind meine Taten? fragt er da in die blausonnige Seewelt hinaus, und alles, was er an großen Dingen versuchte, erst mit seinen mißlungenen Gründungen, danach mit seiner Feder, scheint ihm ärmlich und zerstreut. Wohl hat er mit Lienhard und Gertrud einen Plan aufgebaut, wie der verwahrlosten Menschheit zu helfen wäre, aber der Plan ist auf das Herrenrecht gegründet gewesen, das er nun überall wanken sieht. Er ist nicht auf den Grund der Menschennatur gegangen, er hat seine Vorschläge an Verhältnisse geklebt, die sich vor der großen Abrechnung, die nun kommt, nicht halten können, und so bröckeln sie mit ihnen hin. Nichts scheint ihm fest in dieser Zeit, als der Gedanke der menschlichen Verpflichtung, der sich im Schicksal der Tage aufringt und aus dem allein die Ordnung der Zukunft kommen kann.

Er sitzt noch mitten in dieser Rechnung, als er drei Männer vom Haus herunter an den See kommen sieht, von einer Magd zu ihm gewiesen: Landfremde, die er aus Zürich kennt, zwei Deutsche und der dänische Dichter Baggesen; der eine Deutsche aber, namens Fichte, hat die Tochter einer Freundin in Zürich geheiratet und ist ihm dadurch wie durch den Steilflug seiner Gedanken vertrauter geworden. Wie die drei gerade in dieser Stunde daher kommen, wird ihm alttestamentlich zumut, so wohl tut ihm ihre Gegenwart. Noch sind sie keine Stunde da, als er schon tief im Gespräch ist, wie nichts nötiger sei als eine Nachforschung über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts. Die Abrechnung mit der alten Zeit ist da, und allein aus der Natur kann die Formel für die neue gefunden werden. Er hat ein Gefühl, als ob ihm in der Tiefe ein Strom aufgebrochen wäre, daraus seine Rede zur Sprache des Lebens selber würde. Und da es Männer sind, die wie er diese Zeit im Innersten erleben, die nicht wie die Regierenden und Besitzenden händeringend um die bedrohte Macht und ihren Reichtum dastehen, sondern in sich die Seele und das Schicksal ihres Volkes und der Menschheit fühlen, spricht er nicht rauben Ohren. Der Tag geht hin und die halbe Nacht; und obwohl sie kaum Wein dazu trinken, ist ein Rausch in ihnen, daß sie sich aller Dinge kraft ihres Geistes mächtig fühlen.

Als gegen Mitternacht der Mond aufgeht, treten sie noch einmal hinaus, wo eine alte Linde ihre Äste über den Hof senkt. Das ist unser Freiheitsbaum, sagt Heinrich Pestalozzi und faßt die Hände seiner Nachbarn: seine Wurzeln im Saft der Erde halten die Krone im Wind; kein dürrer Steckling, sondern eine gewachsene Kreatur! Ehe sie es selber merken, hat sich auch Fichte als der vierte eingefaßt, sodaß sie in einem Ring um den Lindenbaum dastehen. Aber der Stamm ist so dick in den Wurzeln, daß sie sich alle vier ihm dicht zuneigen müssen und mehr in einer Umarmung als zum Reigen dastehen: Es ist nichts mit dem Tanzen, sagt Heinrich Pestalozzi, jetzt weiß ich, warum die Freiheitsbäume der Franzosen so dünn sind!

66.

Danach fühlt Heinrich Pestalozzi, wie alles in seinem Leben der Auflösung entgegengeht. Nach dem Winter in Richterswyl findet er sich nicht mehr in den Neuhof zurück; wohl hält er sich auch danach noch wochenlang dort auf, aber seitdem seinem Sohn eine Tochter Marianne geboren ist, die ihn zum Großvater macht, sitzt et nur noch wie ein Zuschauer dabei, wenn sie sich abends im Lichtkreis um den Tisch sammeln -- es ist immer noch die Messinglampe, die ihm schon in Müligen geleuchtet hat und bis auf den Tag das Staatsstück des Hauses vorstellt. Er ist nun wieder viel und gern bei seiner Mutter, die noch einmal nach der kleinen Stadt hinübergezogen ist, wo sie mit einer Aufwärterin in zwei Stuben ihr einsames Wesen hat; denn auch das Babeli liegt bei St. Leonhard begraben nach seinem tapferen Leben. Sie ist nun in der Mitte der Siebziger, schlohweiß und eingeschrumpft; doch weiß sie noch immer, daß sie eine geborene Hotzin ist, und Heinrich Pestalozzi erfährt manchen Tadel, weil er nicht acht gibt auf ihre Ordnung und Reputation. Am liebsten hat sie, wenn er vom Bärbel und seinem Besuch in Leipzig erzählt und wie da alles in den Glanz des bürgerlichen Lebens gekommen ist, den sie entbehren mußte; es gibt Fragen, die sie schon hundertmal gestellt hat und deren Antwort sie doch immer mit der gleichen glücklichen Neugier abwartet. Auch ein paar dunkle Stellen sind da um den andern Sohn, wo sie den Kopf schüttelt und am Boden wie auf einer Landkarte den Verschollenen sucht; doch kennt Heinrich Pestalozzi die Brücken, um sie rasch hinüberzubringen in die sicheren Umstände ihrer Täglichkeit.

Eines Tages im März wacht sie nicht mehr auf aus ihrem Mittagsschläfchen; aber als er sie findet, liegt abgegriffen und weich, kaum noch wie ein Papier, der letzte Brief ihres Johann Baptista unter der Schürze, als ob sie ihn auch noch vor dem Tod ängstlich verstecken wolle.

Nun stehen wir vorn, sagt Heinrich Pestalozzi zu seiner Frau, als sie von dem Kirchhof bei St. Anna zurückkommen und abgesondert von den Leidtragenden in die leere Wohnung der Mutter gehen: wir beide sollten nun hier wohnen und auf den Herold mit der Sense warten! Aber Anna Schultheß, die auch schon achtundfünfzigjährig und eine rechte Großmutter ist, hat in den dreißig Jahren gelernt, daß nichts weniger als abwarten seine Sache ist: Wer weiß, sagt sie und lächelt ihn mit der Güte an, die über alles Schicksal ihr edles Teil für ihn geblieben ist: wer weiß, auf welchen Wegen wir noch gehen und den Herold abholen müssen!

Abend

67.

Als Heinrich Pestalozzi und seine Frau Anna ein paar Stunden lang still miteinander in den Stuben geblieben sind, daraus sie morgens seine Mutter als die letzte von den vier Eltern ihrer Ehe auf den Kirchhof getragen haben, trennen sich ihre Wege für lange Zeit. Nicht, daß sie unfriedlich auseinander gingen; ihre Seelen sind selten so im Rätsel der Vertrautheit gewesen wie an diesem Nachmittag, wo sie im Vorhof des Todes und also im Allerheiligsten des Lebens ihre Hände und Augen ineinander legen und das Naheste ihres Lebenskreises, ihr Fleisch und Blut im Neuhof und dahinter die Herzensfreunde nur noch wie eine fremde Ferne fühlen. Aber Abmachungen vom Morgen rufen Anna zu ihren Brüdern im Pflug, wo noch am Abend ein Wagen sie zu einer Freundschaft abholen soll. Er mag weder zum einen noch zum andern: Es sind deine Sachen, sagt er, wie meine Mutter allein die meine ist; ich will noch ein paar Tage ihr Sohn gewesen sein, weil nun der Faden meiner Kindheit abgeschnitten wurde.

Es schlägt fünf Uhr, und der Märztag geht rötlich dem Ende zu, als er sie auf die Straße bringt. Wir sind im Nachmittag, sagt er, und weil am Morgen und Mittag alles kam, wie es geschehen mußte, wird auch der Abend unseres Lebenstages nicht anders sein! Danach geht er hinauf und sitzt zum Abend schon tief in den Gedanken, die seit Wochen und Monaten das Selbstgericht seines Daseins sind: »Ich will wissen, was der Gang meines Lebens, wie es war, aus mir gemacht hat; ich will wissen, was der Gang des Lebens, wie es ist, aus dem Menschengeschlecht macht!« Das sind seine Nachforschungen aus Richterswyl, und er verläßt die Stuben seiner Mutter nicht eher, als bis er die Schrift vollendet hat, an der er nun schon im dritten Jahr seine Denkkraft versucht. Er schreibt sie nicht für sich und nicht um seinetwillen, er sieht sich in der Menschheit und die Menschheit in sich, er will der wirren Zeit einen sicheren Maßstab und Weiser ihrer Taten geben. Dies aber ist ihm im Einzelnen wie in Allen der gleiche Gang der Natur: aus dem tierischen Paradies der Jugend in die gesellschaftliche Verpflichtung als Bürger, als Teil der Familie, der Gemeinde, des Staates, als Erfüller eines Berufes; doch kann für ihn dieses Dasein des brauchbaren Bürgers nicht Sinn und Ziel des Lebens sein: das Ziel ist allein der Mensch als sittlicher Zustand, der sich jenseits von allem bürgerlichen Zweck in das Weltwesen einordnet, wie es der Weisheit des Alters vorbehalten scheint. Die selige Unschuld der Jugend kann er mit dem Bewußtsein des Alters nicht wieder erreichen, aber doch die Unfreiheit des gesellschaftlichen Menschen überwinden und als letzte Einsicht die Einheit der Kreatur mit dem Schöpfer wieder gewinnen, die das Tier in seiner paradiesischen Unschuld nicht verliert.

Es ist der Abschied von seinen Mannesjahren, den Heinrich Pestalozzi einsam feiert, als er über dieser Schrift wochenlang mit dem hitzigen Eifer seiner Jünglingsjahre sitzt. Daß er sie in der Stube seiner Mutter niederschreibt, bringt ihm auch sonst die Stimmung der Zeiten zurück, da er den spartanischen König Agis in die Zürcher Verhältnisse beschwor. Wie damals hätte er gern einen Kreis Gleichgesinnter gehabt, ihnen die gelungensten Stücke aus seiner Schrift vorzulesen; aber es gibt keine Gerwe mehr, Bodmer liegt seit dreizehn Jahren in der Erde, und statt seiner heiteren Menschlichkeit herrschen die Humanisten über die Zürcher Jugend. Gleichwohl, als er zu Ende ist mit seiner Schrift und im Gefühl tiefer Dankbarkeit aufatmet nach der fiebrigen Anspannung dieser Wochen, treibt es ihn, einen Kreis alter Freunde zu suchen, denen er die Hauptstücke seiner Nachforschungen vorlesen darf. Die meisten sind unterdessen Großvater geworden gleich ihm, und der Beruf hat nicht allen Zeit gelassen, den Lebensfragen so nahe zu bleiben wie er; aber die Feuersbrunst von Westen hat so viele Brandflocken in die Schweiz herüber geworfen, daß auch die Zurückhaltenden die Unruhe der Zeit fühlen; und schließlich ist Heinrich Pestalozzi nicht mehr allein der Armennarr von Neuhof, sondern auch der berühmte Verfasser von Lienhard und Gertrud und schweizerischer Ehrenbürger der französischen Republik.

So kommt es zu einem Frühsommerabend, wo er wieder wie als Jüngling mit dem Agis nun mit seinen Nachforschungen über den Gang der Natur dasitzt und seine zitternde Stimme Wege in ihre Herzen suchen läßt. Er weiß, dies ist für ihn mehr als eine Schrift, es ist die Grundlage alles dessen, was er in Taten und Worten versucht hat, die Rechtfertigung seines im bürgerlichen Sinn gescheiterten Daseins und zugleich ein Religionsbuch der Zeit, wie er keines kennt. Aber die Freunde haben etwas anderes von dem Ehrenbürger der Franzosen erwartet, etwas, darin der Brand der Zeit ist; sie sehen sich wieder einmal enttäuscht durch ihn, und obwohl sie betreten schweigen und vor seinen zitternden Worten stumm bleiben, mag in allen das gleiche Gefühl sein: daß in diesem Menschen eine krankhafte Sprunghaftigkeit sei; nun er als Figur für die Öffentlichkeit feststeht und sein Weg durch die Erfolge vorgezeichnet ist, verfällt er auf philosophische Spekulationen, zu denen es ihm -- so scheint es ihnen -- durchaus an der Bildung fehlt. Der Abend geht peinlich in eine betretene Stimmung aus; nur ein alter Landpfarrer vom See, der ihn schon mehrmals im Neuhof besucht hat, ein ehrlich gesinnter Menschenfreund, ist erregt von dem Abend. Er begleitet ihn nach der kleinen Stadt hinüber, und Heinrich Pestalozzi scheint es, als ob er auf der mondlichten Brücke und nachher in dem Schattengewinkel der Gassen ein paarmal tief vom Herzen seufze. Erst vor seiner Tür findet der Mann die Worte zu seiner Bewegung, indem er die Kappe abnimmt und ein paarmal über sein weißes Haar streicht: er müsse Abschied von ihm nehmen; er könne sich nun einmal sein Christentum nicht als einen Kirschbaum denken, den sich die Menschen selber in ihren Garten gepflanzt hätten!

In seine Milde ist ihm unvermutet der pfarrerliche Zorn gefahren; ehe Heinrich Pestalozzi -- der mehr den Zorn als die Worte versteht -- aus seiner Bestürzung antworten könnte, ist der alte Mann schon im Schlagschatten der nächsten Quergasse verschwunden. Sie wollen alle das Beste, sagt er bitter, als er im Dunkeln die enge Stiege allein hinauf tappt, aber sie fürchten das Gute. Noch in derselben Nacht aber schreibt er sich selber eine bittere Grabrede als Nachwort zu seiner Schrift: »Und die Welt zerschlug ihn mit ihrem eisernen Hammer, wie die Maurer einen unbrauchbaren Stein zum Lückenfüller zwischen den schlechtesten Brocken!«

68.

Es geht Heinrich Pestalozzi mit seinen Nachforschungen in der großen Welt nicht anders als in der Enge seiner Zürcher Freunde; trotz seinem flehentlichen Schlußwort kommt kein Echo, und wenn alles ein blasser Unsinn gewesen wäre, könnte die Stille nicht peinlicher sein. Aber nun ist es zu Ende mit der Einsiedlerschaft und der Wartezeit seiner einsamen Mannesjahre: die Stube der Mutter hat ihn wieder in seine Vaterstadt gebracht, und von den Signalen seiner Jünglingszeit erfüllt, nimmt er teil an dem Handel mit dem aufrührerischen Stäfa, der auch den Gestrengen Herren in Zürich die Schicksalsstunde läutet.

Er hat den Anfang schon in dem Winter erlebt, als er seinem Vetter Hotze das Haus in Richterswyl hütete. Auch durch die Dörfer am See ist der Sturmwind der Menschenrechte geweht und hat in dem unterdrückten Landvolk die Erinnerung an alte Gerechtigkeiten geweckt, an den Kappeler Brief und den Waldmannischen Spruch. Als die Urkunden sich in der Gemeindelade zu Küsnacht wirklich fanden, haben die Seebauern zu Küsnacht, Horgen und Stäfa, ein Memorial an die Gestrengen Herren in Zürich gesandt, ob diese Briefe noch zu Recht beständen? Das allein aber hat den Rädelsführern schon den Kopf kosten sollen, und nur der hinreißenden Beredtsamkeit Lavaters ist es gelungen, Bluturteile zu verhindern. Seitdem sitzen ihrer zwei aus den drei Orten gefangen im Wellenberg, und über dem Haupt des Ältesten, eines siebzigjährigen Greises aus Stäfa, namens Bodmer, ist auf offenem Markt das Schwert des Henkers geschwungen worden, zum Zeichen, daß sein Leben den Zürcher Herren verfallen sei.

Heinrich Pestalozzi hat damals selber im Verdacht gestanden, das Memorial verfaßt zu haben; als nun der Handel in einen Bürgerkrieg auszugehen scheint, indem das erbitterte Landvolk -- von den Sturmnachrichten aus Frankreich mutig gemacht -- die Aufhebung des ungerechten Urteils und die Freigabe der Eingekerkerten unter Androhung offener Gewalt verlangt, sodaß die Revolution in der Schweiz hier ihren Ausgang nehmen will: ist er der einzige Zürcher, der es wagen darf, in das empörte Stäfa zu gehen, um mit der Geltung seines Namens den blutigen Ereignissen entgegenzuarbeiten. Er hat es unterdessen auf sonderbare Weise noch einmal zum Fabrikanten gebracht: eine Seidenfirma Notz richtet auf der Platte in Zürich eine Fabrik ein und braucht einen Zürcher Bürger als Inhaber, um die Erlaubnis der Niederlassung zu erhalten; weil, wie er selber spottet, sein Name in den zweiundfünfzig Jahren das einzig Brauchbare an ihm geblieben ist, läßt Heinrich Pestalozzi sich den abkaufen. So führt er bürgerlich nur noch ein Schattendasein; aber mit Sendschriften und Flugblättern flackert sein landfahrender Menschengeist durch den wilden Handel. Zum erstenmal seit seiner Jünglingszeit kommt er dabei wieder mit Lavater überein, der -- wie er in den Seegemeinden -- in Zürich die Regierung von gewaltsamen Schritten abhält. Überall liegen die Waffen zur offenen Empörung bereit, Blut soll die verweigerte Gerechtigkeit auslösen, und die Verhandlungen zwischen den feindlichen Mächten sind abgebrochen: da überbringt Heinrich Pestalozzi einen offenen Brief Lavaters an den redlichsten Mann in Stäfa, in dem eine friedliche Freilassung der Verurteilten aufs bestimmteste in Aussicht gestellt wird. Und so ehrlich ist das Vertrauen der Landbürger auf die beiden Männer, daß die Waffen noch einmal ruhen.