Chapter 5 of 25 · 3884 words · ~19 min read

Part 5

Er geht schon in sein neunzehntes Jahr und sieht wohl die Sorge, mit der die Mutter seine Unstetigkeit aufnimmt. Er wollte ihr auch den Emil zu lesen geben, aber sie ist nur traurig dabei geworden und hat ihm das Buch ungelesen wieder hingelegt. Seitdem er mehr von seinem Vater weiß, wie der zwar ein geschickter Wundarzt, aber ein sorgloser Haushalter gewesen ist, spürt er leicht eine Besorgnis in ihren stillen Augen, daß er von seiner Art zuviel geerbt haben möchte -- zumal von seinem Bruder Johann Baptista bedenkliche Nachrichten kommen -- und immer tapferer wird sein Entschluß, auch ihr zuliebe etwas Tüchtiges zu werden. Er weiß, wie schwer ihm alles in den Kopf geht, was nicht irgendwie sein Gefühl ergreift; doch weil er gerade das, was eine kaltblütige Beobachtung erfordert, als das Wichtigere geschätzt sieht, übt er sich täglich im Zwang zur Aufmerksamkeit. Unvermutet aber wird er durch einen Lehrer wieder aus der Zucht seiner strengen Entschlüsse geworfen:

Im selben Frühjahr ist ein Schüler Breitingers mit Namen Steinbrüchel als Lehrer der Eloquenz ins Collegium gekommen, ein noch jugendlicher Mann, der die größte Belesenheit mit einem glänzenden Vortrag verbindet und bald zum Abgott der Studenten wird, dabei von schneidender Schärfe, wo er unklaren oder halben Dingen zu Leibe geht. Auch Heinrich Pestalozzi tritt bei ihm ein, und er erwartet sich für seine gegenwärtigen Absichten eine heilsame Kur davon. Es geht auch anfangs vortrefflich, solange er nichts als seinen Schüler vorstellt; aber als nach einem Vierteljahr die erste Bekanntschaft gesichert ist, sodaß auch in diesem Verhältnis das Menschliche zum Vorschein kommen kann, sieht er als Grundlage aller glänzenden Fähigkeiten dieses Mannes den Geist der Aufklärung, den er immer gehaßt hat und der ihm seit dem Emil als die Quelle aller Unnatur verächtlich wurde. Es ist eine Art, die Welt in das Einmaleins der Vernunft aufzulösen, die seiner Natur unmöglich ist und ihm als Vorbereitung für das Pfarramt verbrecherisch scheint. Das Bild eines Seelsorgers, wie es ihm vorschwebt, ist der Diener eines gütigen und demütigen Menschentums; dies aber dünkt ihm eine Sklavenherrschaft der Bildung zu sein, die auch die jungen Pfarrer noch von dem Volk absondert zu dem geistigen Hochmut, in dem er alles städtische Wesen eingezirkelt sieht: In dem Zwiespalt dieser geistigen Dressur zu seinem Lebensgrund zerreißen sich die tapferen Absichten der Selbstzucht; denn gerade die freimütige Art des Professors, seine Schüler zur tätigen Mitarbeit herauszufordern, bringt seine Natur zu Äußerungen des Widerspruchs, die dem selbstsicheren und auch selbstgefälligen Mann als mädchenhaft verächtlich sein müssen.

So kommt es eines Tages, als Steinbrüchel über das vernünftige Denken in der Religion mit allem Aufwand seiner gewetzten Vernunft und seines spöttischen Witzes gesprochen hat und gerade dabei ist, seinen Triumph aus den Äußerungen der Schüler zu ernten, zu einem Frage- und Antwortspiel, darin der Streit von Anschauungen zu persönlicher Feindschaft ausartet. Heinrich Pestalozzi, der das Rüstzeug Rousseaus gegen Voltairesche Dialektik in Händen hat und an seine sterbende Großmutter denkt, wie sie die Lilie im Garten streichelt, vergißt die Eitelkeit des berühmten Lehrers und sagt: Wie alles Wahrnehmbare könne auch die Religion Gegenstand der vernünftigen Denkarbeit sein, nur dürfe man nie den Unterschied vergessen, der zwischen ihr selber und den Gedanken über sie bestände, und um Gottes willen diese Gedanken nicht schon für Religion halten; wie in allen Arten der Liebe, in der Treue, im Haß und in der Trauer habe man in ihr eine direkte Äußerung des Lebens -- und zwar die tiefste, da sie auf den Zusammenhang mit dem Geheimnis der Welt ginge -- während alles Denken nur indirekt, eine Hilfe des Lebens, aber nicht wie jene Dinge, das Leben selber sei!

Er bringt das nicht so rasch heraus, verhaspelt sich vielmals und sucht mit den Armen nach dem fehlenden Wort, sodaß die andern schon zum Spott gestimmt sind, bevor der Professor ihn mit dem scharfen Witz abfertigt, daß sie ja auch hier zum Denken und nicht zum Leben seien, auch wenn ihm das eine schwerer zu fallen scheint als das andere! Mit solcher Waffe hat er es natürlich leicht, die Spottlust der Klasse über seinen ungeschickten Gegner herauszufordern, sodaß die Antwort Heinrich Pestalozzis vom Gelächter verschüttet wird. Seit diesem Tag behandelt Steinbrüchel ihn mit einer spöttischen Nachsicht, als ob er einen komischen Störenfried in seiner Klasse hätte; und da der Geist der Aufklärung, aus dem er sich mit den meisten seiner Schüler verständigt, der Stolz von Zürich ist, kommt Heinrich Pestalozzi unvermutet wieder in die Rolle des Heiri Wunderli von Torliken, und gerade die Klasse, in die er mit so tapferem Willen eingetreten ist, wird ihm zu einem Martyrium, darin er nun die Freude am Collegium überhaupt verliert.

25.

Mitten in den Entmutigungen dieser Zeit trifft Heinrich Pestalozzi ein merkwürdiges Ereignis: Lavater ist nach fast einjähriger Abwesenheit in der Stille zurückgekehrt, hat sich auch den Freunden einige Wochen lang nicht gezeigt und überrascht sie eines Tages mit einem Bändchen Schweizerlieder. Der nach seiner demütigen Abbitte aus der Vaterstadt entwichene Kandidat kehrt damit als ein Dichter in die Heimat zurück, den nun auch die Mißgünstigen nicht mehr wie einen jugendlichen Störenfried abtun können. Als er danach zum erstenmal wieder in die Gerwe kommt, von Bodmer an der Hand geführt, wird der Tag von den Patrioten wie ein Sieg der vaterländischen Sache gefeiert. Auch Heinrich Pestalozzi schüttelt dem Glücklichen die Hand, geht aber bald wehmütig fort; nicht, daß er dem Lavater den Triumph weniger als ein anderer gönnte, aber es wird ihm mitten im Kreis der Freunde, die sich um ihn drängen, deutlich, daß er nicht zu ihnen gehört, daß er nur einen jüngeren Nachzügler ihrer Generation vorstellt. Fast alle sind älter als er und haben ihr Studium schon beendigt, während er sich selber immer mehr als ein Gescheiterter vorkommt. Darin hilft ihm auch sein Rousseau nur zu einem trotzigen Selbstbewußtsein, das letzten Grundes seine Unfähigkeit zu einer bei jenen geachteten Existenz bestätigt.

In dieser Laune begegnet er Bluntschli, der unterdessen Hauslehrer in Zürich geworden ist und, durch seine Verpflichtungen verspätet, noch zur Gerwe will. Um mit seinem frühen Weggang nicht sonderbar zu erscheinen, geht er einige Straßen mit ihm zurück und klagt ihm offenherzig seine Not. Der hört ihn schweigend an, aber als sie vor der Gerwe stehen, kehrt er kurzerhand um: Wenn es ihm recht wäre, könnten sie miteinander noch auf den Lindenhof gehen!

Es ist eine unermeßliche Sternennacht da oben; obwohl der Mond noch nicht aufgegangen ist, scheinen die Dächer der Stadt vom Licht begossen, und der See leuchtet den Himmel in einer zarten Verklärung wider. Sie schweigen lange, bis Bluntschli spricht: Du hast mir von einem Menschen gesagt, der sein Leben nicht wie einen sauberen Parkweg vor sich sieht und darum verzweifelt ist; ich könnte dir von einem andern erzählen, der seine Stunden sorgfältig vorbereitet hat, nur daß er sie selber nicht mehr wird schlagen hören, weil ihm das Uhrwerk vom Rost zerfressen ist! Er hat die Hand auf seine vom Anstieg angestrengte Brust gelegt, als er das sagt, und danach schweigt er, sodaß Heinrich Pestalozzi -- der kein Wort findet, das ehrlich und zart zugleich ist, um eine Antwort auf dieses Bekenntnis eines Todgeweihten zu sein -- in einer Spannung dasteht, als müsse ihm der Kopf zerspringen. Auch der andere kommt nicht mehr zurecht, bis sie schweigend aus dem Schauer dieser Sternennacht hinunter gehen, in die dunklen Gassen und auf der Brücke mit dem Mühlrad nach der großen Stadt hinüber. Erst auf der Münsterterrasse, wo die beiden Türme sich riesenhaft in die Sterne einzubauen scheinen, findet die Erregung noch einmal ein Wort: Wozu meinst du, sagt der Bluntschli und zeigt an den Steinmauern hinauf, wozu meinst du, daß die dastehen? Für dich nicht und für mich nicht, für jeden einzelnen wären sie zu groß, und für alle sind sie auch nicht da; denn ich weiß hundert, denen sie gleichgültig bleiben! Aber daß die Menschlichkeit im Namen des Höchsten, das wir kennen, täglich in die Geschäfte und die Arbeit eingeläutet wird, dafür sind sie so dick und dauerhaft gebaut. Und daß sie uns sagen: was einer für sich selber Irdisches zuwege bringt, das hört mit seinem Leben auf; aber was er an der Menschlichkeit tut, das ist unsterblich. Du sorgst, was aus dir werden soll, und mir ist die Sorge bald abgenommen -- am Ende aber ist es wichtiger, was wir gewesen sind!

Er läßt ihn danach stehen, gibt ihm nicht einmal die Hand und geht auf seine vorgebeugte Art davon. Heinrich Pestalozzi kommt nach Haus, als ob er aus dem Jenseits wiederkehre.

26.

Seit diesem Frühwinterabend verliert Heinrich Pestalozzi die enge Fühlung mit den Freunden in der Gerwe nicht mehr; es ist, als habe er eine Verkündigung erlebt, was zwischen ihnen Gemeinsames sei. Als sie zum Januar ein Wochenblatt gründen, das der Erinnerer heißt und von der klugen Hand Lavaters in Gemeinschaft mit Heinrich Füeßli -- einem Vetter des Malers, der unterdessen in London seine Künstlerlaufbahn begonnen hat -- geleitet wird, ist er eifrig dabei. Sie haben nun alle Rousseau gelesen; und wenn Bodmer sie von Anfang an lehrte, daß der sicherste Weg zur persönlichen Freiheit der sei, sich aller unnötigen Bedürfnisse zu entwöhnen, da man nur durch diese den Machthabern ausgeliefert, ohne Bedürfnisse aber frei wäre: so wird nun ein asketischer Wetteifer daraus, der über die persönliche Unabhängigkeit hinaus eine spartanische Vereinfachung der Sitten erzwingen will. Mit jugendlicher Behendigkeit wird dadurch das Ideal des sittlichen Lebens aus der Zeit Zwinglis und der Eidgenossen in das Kriegslager der Spartaner zurückverlegt; und auch Heinrich Pestalozzi überrascht das Babeli damit, daß er sich auf den Stubenboden bettet, nur mit einem Rock zugedeckt, und dies auch monatelang zu ihrer Verzweiflung durchhält.

Unvermutet gibt die Züricher Regierung den patriotischen Jünglingen Gelegenheit, die spartanische Tugend zu erproben: Schon in der deutschen Schule ist in der Klasse von Heinrich Pestalozzi ein Sohn des Amtmanns Schinz zu Embrach gewesen, der -- ein Jahr älter als er -- jetzt mit ihm Theologie studiert und auch einer aus der Gerwe ist. Dessen Eltern besitzen einen Pachthof in Dättlikon, wo der Pfarrer Hottinger von seiner Gemeinde eher für einen Wolf im Schafspelz als für einen guten Hirten gehalten wird. Da ihn die Züricher Regierung trotz der bösesten Gerüchte weiter amtieren läßt, weil er anscheinend beim Antistes einen verläßlichen Fürsprecher hat, setzt der Student Rudolf Schinz eine Anklageschrift auf, die von dem Gerichtsvogt und dem Schulmeister in Dättlikon, den Gebrüdern Ernst, unterschrieben und mit sorgfältiger Beachtung aller Vorschriften in Zürich eingereicht wird. Als darauf zwei Monate lang nichts geschieht, als ob die Gestrengen Herren auch diese Anklage noch verschweigen wollten, findet der Antistes Heß an einem Maitag in seinem Kirchenstuhl einen mit Bleistift geschriebenen Zettel, auf dem der Oberpfarrer an seine Pflicht erinnert wird: Weil sonst die Steine anfangen möchten zu schreien!

Dieser Lästerbrief, wie er danach in den Akten heißt, bringt die Gestrengen Herren mehr in Zorn als alle Amtsvergessenheit eines lasterhaften Pfarrers. Wer von den Patrioten fähig scheint, ihn verfaßt zu haben, wird peinlich ins Verhör genommen; auch Heinrich Pestalozzi trifft es diesmal. Seine Mutter verschließt sich traurig in die Kammer, als er den Weg aufs Rathaus antreten muß, und das Babeli putzt ihn grimmig zurecht, daß er zum wenigsten noch in der Kleidung als ein ordentlicher Mensch vor die Herren käme; er selber ist voll überlegener Verachtung. In einem öffentlichen Anschlag des Kleinen Rates sind dem, der den Briefschreiber verriete, zweihundert Dukaten versprochen worden unter Verschweigung seines Namens: Daß eine Regierung, die in ihren Schulen die Tugenden der Römer und Spartaner lehren läßt, sich so weit vergißt, hat -- wie der Bluntschli sagt -- aus dem Schwert der Gerechtigkeit ein Dolchmesser gemacht. So hört Heinrich Pestalozzi die umständlichen Vermahnungen der Herren mit verächtlichem Trotz an und verweigert wie die andern den verlangten Eid -- nichts von der Sache zu wissen -- mit der vereinbarten Begründung, daß er bereit sei, einen Eid für alles zu schwören, was er nach seinem Bürgergewissen zu sagen sich für verpflichtet halte.

Gegen so viel Festigkeit der Jünglinge, die sich in die Hand gelobt haben, ein Beispiel spartanischer Tugend zu geben, wagen die Gestrengen Herren diesmal noch nicht vorzugehen: der Pfarrer Hottinger wird seines Amtes enthoben, die Brüder Ernst in Dättlikon als Landbürger müssen »übertriebener Anklägten« halber zweimal vierundzwanzig Stunden aufs Rathaus in Arrest, Rudolf Schinz kommt als Stadtzürcher mit einer Verwarnung davon.

In Heinrich Pestalozzi löst das Ergebnis einen Plan aus, den er schon lange mit sich herumgetragen hat: Seitdem Klopstock und andere deutsche Dichter Zürich hoch gerühmt haben, ist es eine beliebte Äußerung des Heimatstolzes geworden, die Stadt an der Limmat mit Athen zu vergleichen. Ihm scheint der Vergleich in dem besonderen Sinn zu passen, daß athenischer Luxus und athenische Verweichlichung in der Stadt Zwinglis überhand genommen haben, und daß es not täte, sie auf das Beispiel Spartas zurückzuführen. Nun hat Heinrich Pestalozzi in der ganzen Geschichte des lakonischen Staates nichts so gerührt wie das Schicksal des jungen Königs Agis, der die von athenischen Sitten angesteckte Stadt wieder zu den Gesetzen des großen Lykurgus zurückführen wollte und darüber von seinen eigenen Landsleuten hingerichtet wurde. Lykurgus und Zwingli sind für sein Gefühl eins; weil aus dem spartanischen Zürich der Reformationszeit das Limmatathen des Dättlikoner Handels geworden ist, liegt es für ihn nahe, auch für Zürich einen Agis zu erwarten, und tatsächlich vermag er nicht an seinen Freund Bluntschli zu denken, ohne daß dieser ihm das Bild jenes edlen und unglücklichen Agis vorstellt. Nun sie in dem Handel Sieger geblieben sind, gewinnt er Mut zur Beschwörung des alten Heldenjünglings; aber seine Darstellung soll so deutlich auf Zürcher Verhältnisse zielen, als ob der spartanische Reformator noch einmal in die Welt gekommen wäre.

So schreibt Heinrich Pestalozzi, der sein zwanzigstes Lebensjahr noch nicht vollendet hat und unter den Patrioten immer noch das Nesthäkchen ist, als Antwort auf den Dättlikonhandel seinen »Agis« nieder, den er dem greisen Bodmer in Handschrift überreicht, und den er nachher auch in der Gerwe vorlesen darf. Endlich kommt sein Ehrentag, und er hätte am liebsten seine Mutter, das Bärbel und das Babeli dabei -- den Großvater hat er gefragt, aber der hat sich nicht entschließen können mit seinen dreiundsiebzig Jahren -- wie er den jungen und alten Patrioten seiner Heimatstadt ein Bild ihrer schlimmen Zustände im Spiegel Spartas zeigen darf. Nicht allen sind seine starken Ausdrücke recht, wie er das Reislaufen für fremdes Gold, die Raubsucht der Reichen, die aufgeblasene Weisheit, das kriechende Wesen der Untertänigen und den Redner, der um Beifall spricht, mit dem Zeigefinger aus dem Bild herausholt; als er die Verleumdung gegen Agis auch die Sprache der Niedrigkeit unserer Tage nennt, stürmen die Jünglinge so laut mit ihrem Beifall, daß einige Ältere aufstehen und sich entfernen; und als er den Agis sagen läßt: Ich rede die vergessene Sprache der Freiheit in ein Jahrhundert hinein, das gewohnt ist, die ewigen Gesetze der Freiheit verletzen, Mitbürger in Sklaverei stürzen und das Heil des Staates vertilgen zu sehen! sind auch manche von den Jüngeren erschrocken, und viele Augen richten sich fragend auf den sonst so klugen Bodmer. Der aber, der den Schluß kennt, sieht unbewegt und fast spöttisch unter seinen weißen Augenbüscheln gegen das vertäfelte Gebälk der alten Zunftdecke. Als sich dann das Schicksal des spartanischen Jünglings unter hohen Worten erfüllt, kommt alles so, wie es der alte Herr vorausgesehen hat: mit ihrer Rührung um den Helden gehen sie doch wieder in das griechische Altertum ein; soweit sie ängstlich gewesen sind, sichtlich froh, alle harten und bösen Worte mit dahinein packen zu können.

Aber in den Erinnerer wagt Lavater die Arbeit doch nicht zu nehmen, und selbst Bluntschli, der sich die Handschrift noch an dem Abend mitnimmt, bringt sie nach einigen Tagen, manchen Ausfall tadelnd, zurück. Bei den Jungen und Stürmischen aber trägt ihm die Vorlesung ein, daß sie seitdem auf ihn als einen Führer sehen, wie er selber beim Eintritt ins Collegium auf Lavater und Bluntschli gesehen hat.

27.

Der Beifall, den Heinrich Pestalozzi an seinem Abend in der Gerwe genossen hat, die Achtung selbst von denen, die bis dahin bereit gewesen sind, ihn um seiner Wunderlichkeit willen zu verspotten, die bedenklichen Gesichter der Abwägenden und das Gemunkel um seine rebellischen Ausfälle: bringen für ein paar Wochen einen Überschwall in ihm zustande, als ob er selber seiner Stadt ein Agis werden könne. In dieser Stimmung findet er eines Mittags, aus dem Collegium heimkehrend, ein Billett, das ihm jemand unbemerkt zwischen seine Bücher und Hefte gesteckt hat: Einer, der von seinem Vortrag gehört habe, bäte ihn aus einer verzweifelten Notwendigkeit um ein geheimes Gespräch; er möge nachmittags um fünf Uhr unauffällig durch die Stadelhofporte hinausgehen bis ans Zürichhorn, wo ihn dort oder schon unterwegs jemand ansprechen würde.

Das Wetter ist dem sonderbaren Ausflug nicht günstig; schwarze Wolkenballen drohen ein Gewitter, und gerade, als er zur Porte hinaus will, prasselt ein Platzregen los mit Hagelkörnern und Donnerschlägen. Er wartet mit drei modischen Mamsells, die sich nicht rechtzeitig haben retten können und nun verdrießlich die Federn hängen lassen, den schlimmsten Aufruhr ab und geht dann tapfer den Wiesenpfad am See entlang. Unterwegs kommt die Sonne in die Nässe, und über den Weinbergen versucht sich ein Regenbogen. Am Zürichhorn ist niemand; aber als er sich schon für gefoppt hält, legt ein Weidling an, darin jemand mit einer Angel gesessen hat. Es ist ein Student aus dem Alumnat, den er von Ansehen, nicht mit Namen kennt, ein ungewöhnlich langer und blasser Jüngling, dem die Hosen an den Beinen kleben von dem Regen. Der fragt ihn nach einer scheuen Begrüßung, ob er ein Stück mitfahren wolle auf die Seehöhe hinaus; und erst, als sie so weit auf der gleißenden Wasserfläche sind, daß sie vom Ufer aus nicht mehr erkannt werden können, fängt er an zu sprechen: nicht scheu und stockend, wie Heinrich Pestalozzi erwartet, sondern rasch und fest wie einer, der sich die Worte vielmals überlegt hat und seiner Scheu damit Gewalt antut.

Was er mitteilt, ist Heinrich Pestalozzi nicht unbekannt; es betrifft die geheimen Dinge im Alumnat, von denen im Carolinum längst die schändlichsten Gerüchte gehen. Aber was ihm bisher nur ein verächtliches Laster gewesen ist, bekommt in den Worten des Jünglings eine Gefährlichkeit, daran er nicht gedacht hat: auch die noch unbefleckt einträten, würden Opfer der allgemeinen Verführung, sodaß die gesundesten Landsöhne schon ein halbes Jahr nach ihrem Eintritt wie junge Birken wären, denen im Frühjahr der Saft abgezapft wurde. Er selber sei einer von denen, die sich anfangs gewehrt hätten: aber weil das Laster nicht mehr heimlich, sondern die allgemeine Gewohnheit im Alumnat sei, würde die Tapferkeit nur verhöhnt als ländliche Dummheit, auch vermöge sie schließlich der Lüsternheit, die doch nun einmal in jeder menschlichen Natur läge -- hier fühlt Heinrich Pestalozzi in der Erinnerung an seinen Rousseau einen feinen Stich im Herzen -- nicht standzuhalten: Was er von ihm verlange, sei nichts als ein Antrag auf Untersuchung, auch was die nächtlichen Zusammenkünfte auf dem hinteren Speicher beträfe, der dafür seit Jahren eingerichtet sei. Aber ihn als Angeber verraten dürfe er nicht, was auch käme, und er müsse ihm das schon in die Hand versprechen, wenn ihm eine Hand wie die seine dazu noch recht sei!

Heinrich Pestalozzi verspricht es ihm in die Hand und läßt sich ans Ufer fahren, wo die Sonne aus der Regenfeuchtigkeit einen heißen Dunst macht. Er geht durch Binsen und Gebüsch der reisigen Stadt Zürich zu wie ein Bote, dem die Feinde eine eiserne Halskrause umgeschmiedet haben. Als er sich vor der Stadelhofporte zurückwendet, erkennt er den Weidling noch, wie er mit beigelegten Rudern auf dem schimmernden Wasserberg steht; es ist ihm nun fast sicher, daß er das häßliche Geheimnis bewahren muß. Aber noch am selben Abend schreibt er tapfer die Anzeige und gibt sie so ohne Vorsicht an der Tür des Antistes ab, daß er schon am andern Mittag ins Verhör genommen wird. Er steht noch immer in Verdacht, den Lästerbrief geschrieben zu haben, auch hat sein spartanisches Sittenbild die Stimmung der Chorherren gegen ihn nicht gebessert: so setzen sie ihm scharf zu.

Es ist eine andere Luft als in der Gerwe zwischen den hitzigen Herren, von denen ihm jeder einzelne seine bürgerliche Zukunft mit einem Tintenstrich durchstreichen kann; er hält aber ihre Kreuzfragen aus und verweigert standhaft, einen Gewährsmann zu nennen: er habe ihm seine Hand darauf geben müssen, und niemand in der Welt dürfe ihn zwingen, wortbrüchig zu werden. Er hätte seine Hand dem sagenhaften Römer gleich ins Feuer stecken können, so überzeugt ist seine Gebärde, aber den Herren scheint der Fall zu heikel für solche Gewalt. Sie ziehen sich mit ihrer Unschlüssigkeit in das geheime Gemach zurück und lassen ihn allein zwischen den Stühlen und Schränken. Doch steht ein Fenster auf, und er kann hinunter sehen auf den Münsterplatz, wo gerade der Bluntschli mit seinen vier Zöglingen daher kommt. Um eines Übermuts willen laufen sie ihm fort, und der Kandidat vermag ihnen nicht zu folgen gegen den steilen Berg. Heinrich Pestalozzi hört ihn husten und sieht auch, wie ihn der Anfall würgt; er möchte ihm beispringen, aber während er noch den unnützen Gedanken erwägt, machen die Kinder in einem neuen Übermut kehrt und laufen an ihm vorbei gegen das Haus zum Loch hinunter. Indem Bluntschli ihnen dahin folgt, sieht er ihn mit seiner weltmännischen Höflichkeit eine Jungfer grüßen, die freundlich nickend an ihm vorübergeht. Es ist Anna Schultheß, die schöne Schwester ihres gemeinsamen Freundes, des Theologiestudenten, und wie er seitdem erfahren hat, die Tochter des braunbärtigen Mannes aus der Gerwe. Er weiß, daß die beiden miteinander im Gerede sind, und es macht ihn wehmütig, sie so lebendig gegen den Berg schreiten zu sehen, der seiner kranken Brust zu steil gewesen ist.

Nach ihr kommen noch viele Menschen über den Platz, fremde und solche, die er kennt; er hat Zeit, ihnen nachzudenken, denn dreimal schlägt die volle Stunde am Münsterturm, bis seine Richter wiederkommen, verärgert und erhitzt. Sie schicken ihn nach Haus, wo er sich unter Androhung schwerer Strafen verhalten soll, bis sie ihn wieder rufen ließen. An dem Abend hört er nichts mehr von ihnen; nur seine Mutter scheint unterdessen eine Nachricht zu haben: sie hält sich in der Kammer eingeschlossen, und er weiß, daß dies ein Zeichen schwerer Kränkung ist. Andern Mittags wird sie statt seiner vor die Herren gerufen; sie bringt ihm, blaß wie der Tod, die Weisung mit, daß er sich noch am selben Tag zu seinem Großvater, dem Dekan in Höngg, verfügen müsse, dem er vorläufig für vier Wochen zur Ahndung seiner vorlauten Anzeige überantwortet sei. Diese Weisung steht in der Schrift, die sie ihm überbringt; sie selber sagt kein Wort, nimmt auch das Bärbel mit in die Kammer, sodaß er ohne Abschied, nur vom bitterbösen Babeli vor die Tür getan, den Weg antreten muß, den er nun doch in Trotz und Bitterkeit geht.

28.

Heinrich Pestalozzi findet den Großvater auch diesmal in seiner Studierstube; seit dem Tod der Pfarrerin ist er im Regiment des Tantli und sitzt fast den ganzen Tag bei seinen Kirchenvätern. Er liest die Weisung mehrmals durch und legt sie mit einem Lächeln beiseite, das Heinrich Pestalozzi an die Großmutter erinnert, nur ist es spöttischer. Nachher werden sie von der Magd zum Vesperbrot gerufen und müssen mit dem Tantli von andern Dingen sprechen. Der Großvater sagt ihr, daß der Neffe diesmal vier Wochen bleibe, und scheint schon nicht mehr zu wissen, warum; es drängt ihn augenscheinlich, wieder allein zu sein, und Heinrich Pestalozzi sieht ihn an dem Tag nicht mehr. Doch wie er am Abend frühzeitig in seine Kammer kommt, hat er ihm nach seiner Gewohnheit etwas auf den Tisch gelegt.