Part 9
Noch im Spätherbst haben auf einer Spazierreise zu Pferd einige Freunde aus Zürich bei ihm angeklopft, um sich den Scherz eines Besuchs bei dem Einsiedler von Müligen zu machen; sie waren überrascht, alles so heimelig bei ihm zu finden -- das Bärbel war gerade da -- und namentlich der Johannes Schultheß aus dem Gewundenen Schwert, dessen Vater Bankgeschäfte macht, zeigte für seinen Plan viel Aufmerksamkeit. Er hat ihm unterdessen mehrmals geschrieben und ist tatsächlich auch bei seinem Vater nicht untätig geblieben; als endlich das letzte Schneewasser mit hundert Bächen die Reuß braun färbt und die ersten vorwitzigen Singvögel den Sonnenschein prüfen, geht Heinrich Pestalozzi in der Entschlossenheit eines Verschwörers nach Zürich, mit dem Bankherrn in eine Geschäftsverbindung zu kommen. Es dauert zwar noch ziemlich eine Woche, und er muß sich manche Laune des aufbrausenden alten Herrn gefallen lassen; aber der Sohn läßt nicht locker, und schließlich kommt eine Abmachung zustande, daß der Bankiers mit einem Einsatz von fünfzehntausend Gulden allmählich in seine Pflanzung eintreten will und ihm gleich ein Drittel dieser Summe als Kredit eröffnet.
Damit steht Heinrich Pestalozzi vor den Kaufmannsleuten im Pflug als einer ihresgleichen da, und als er aus dem Gewundenen Schwert an die Limmat hinaustritt, seinen Kreditbrief in der Hand, wagt er damit auch den zweiten Gang. Er findet aber niemand zu Haus als den Bruder Salomon, da die Eltern mit Anna nach Wollishofen hinaus gegangen sind; das ist ein bequemer und weichlicher Mensch, der mit seinem Doktorstudium nicht fertig wird und den Schwarmgeist aus dem Roten Gatter wie eine Brummfliege haßt: er steht nicht einmal auf von der Polsterbank, und als ihm Heinrich Pestalozzi seinen Kreditbrief zeigt, spöttelt er, die Schwester sei ihnen kostbarer als solch ein Stück Papier. Auch Anna, die er am Abend für eine Stunde sieht, vermag ihm keine bessere Hoffnung zu geben, da die Mutter unversöhnlich sei und der Vater nichts gegen sie vermöchte. So muß er andern Nachmittags doch wieder ohne Braut in das Limmatschiff steigen.
Vorher ist er noch einmal nach Höngg hinaufgegangen, wo sein Freund Wüst als Vikar das Pfarramt versieht, dessen Würden der Großvater nur noch in seiner Studierstube zu tragen vermag. Er ist mit seinen sechsundsiebzig Jahren ganz wunderlich geworden, schüttelt zu allem, was er ihm sagt, nur den leeren Kopf, als ob er genug von den Dingen der Erde gehört habe. Erst wie er Abschied nehmen will und die zittrige Geisterhand in die seine nimmt, hebt er den anderen Zeigefinger, ihn zu vermahnen, läßt aber gleich wieder ab und schüttelt von neuem den Kopf, sodaß Heinrich Pestalozzi nichts vermag, als weinend seinen Mund auf die kraftlosen Hände zu legen.
Im Juli danach ist er tot; Heinrich Pestalozzi erhält die Nachricht so spät, daß er das Leichenbegängnis nicht mehr erreicht; wie er nach der langen Postfahrt den Berg hinauf hastet, kommt ihm auf der Straße still weinend Anna Schultheß entgegen, die außer dem Willen ihrer Eltern mit auf den Kirchhof gegangen ist und nun nach Hause will. Ihr so unvermutet auf dem Berg seiner Jugend zu begegnen, das reißt ihn hin; und auch sie ist durch das Ereignis so bewegt, daß die beiden sich aller Augen zum Trotz weinend in die Arme fliegen. Nachher gehen sie Hand in Hand nach Höngg zurück, wo unter den leidtragenden Amtsgenossen des verstorbenen Dekans noch die Mutter mit dem Bärbel ist. Heinrich Pestalozzi läßt auch da die Hand der Geliebten nicht los, und sie sträubt sich nicht, sodaß sie wie zwei Kinder an den frischen Grabhügel kommen. Beide entsinnen sich da des Grabes, das ihre Freundschaft zusammen führte; aber während er sie nun losläßt und weinend niederkniet, bleibt sie aufrecht und verharrend bei ihm stehen, bis sein Blick sie wiederfindet. Dann gibt sie ihm die Hand zurück, und weil er seiner Füße nicht geachtet hat, kommt es so, daß sie zu beiden Seiten des Grabes stehen, über dem ihre Hände sich für immer geschlossen halten.
40.
Seit dieser Begegnung in Höngg müssen die Kaufmannsleute im Pflug einsehen, daß nichts mehr ihre Tochter vor dem schwarzen Pestaluz bewahren kann. Als nacheinander seine Freunde Füeßli und Lavater -- der nun schon Diakonus ist -- sich um die Liebenden bemühen, als der wohlhabende und angesehene Doktor Hotz von Richterswil als Freiwerber für seinen Neffen erscheint und mit dem Antistes Wirz selbst der Bürgermeister Heidegger ein Wort für die Heirat findet, schickt sich die Mutter grollend in die Gewalt und gibt die Tochter frei; jedoch nur sie selber, ohne Aussteuer, allein die Kleider, ihren Sparhafen und das Klavier darf sie mitnehmen. Heinrich Pestalozzi kommt mit einem Wagen von Brugg, sie abzuholen; er hat sich den Tag anders gedacht, als daß er sie gleich einer Verstoßenen wegführen müsse. Der Zunftpfleger ist aus dem Hause gegangen, den Auftritt nicht zu erleben; die Mutter empfängt ihn ohne Gruß wie einen Landfahrenden und gibt der Tochter den zornigen Spruch mit, daß sie bei ihm noch einmal mit Brot und Wasser zufrieden sein müsse! Aber Anna verhält sich tapfer und schön; sie fühlt nun andere Mächte über sich als die elterliche Gewalt, und obwohl sie ihr Gesicht blaß geweint hat, steht keine andere Sorge darin, als der Mutter nicht hart zu begegnen.
Es fällt ein leichter Frühregen, wie sie durch die Sihlporte hinaus auf der Straße nach Alstetten ihren Auszug beginnen; Heinrich Pestalozzi hat die Geliebte eben noch in der Wohlhabenheit ihres Hauses gesehen, die nun fröstelnd in der kühlen Nässe neben ihm auf dem ärmlichen Fuhrwerk sitzt: so überkommt ihn die Wehmut, wie traurig es für sie sein müsse, die Heimat so zu verlassen und mit ihm ins Ungewisse zu fahren. Sie aber, die alles schon durchlebt hat, was bitter daran ist, sieht nicht ein einziges Mal zurück; sie nimmt nur, als sie seine Gedanken fühlt, mit einem tapferen Lächeln seine Hand -- die nun ihre Heimat sei -- und in ihren Augen, die nicht dunkel und voll Unruhe wie die seinen, sondern hell und ruhig sind, steht der geklärte Entschluß aus harten Monaten, treu zu beharren bei ihrem Herzen und dem Schicksal alles zu bezahlen, was es für die späte Liebe fordert. So Hand in Hand beieinander auf ihren Siebensachen sitzend, fahren sie durch den Herbsttag hin, der schon bei Alstetten zwischen aufgeregtem Gewölk ein blaues Auge zeigt und gegen Baden die Sonne zärtlich scheinen läßt.
Bis zur Hochzeit bleibt Anna Schultheß bei dem Pfarrer Rengger in Gebistorf, der auch der Freund ihres Bruders ist; dort in der alten Dorfkirche werden sie am letzten September getraut. Nachher gehen sie miteinander nach Müligen, wo ihnen das Babeli ein einfaches Mahl bereitet hat und mit einem bäuerlichen Spruch für die junge Frau unter der bekränzten Haustür wartet. Anna dankt dem treuen alten Wesen mit einem Kuß auf die runzelige Stirn und heißt es mit in ihrer Reihe sitzen, wie sie Heinrich Pestalozzi leise sagt, als Ehrengast. Der sieht die Braut allein von ihrer Sippe in der Mitte der Seinigen, als wäre er noch immer zu Haus; aber es sind andere Räume, und unmerklich ist in seinem Leben die Anna Schultheß an die Stelle der Mutter gerückt. Sie sitzen nebeneinander, die ihn geboren hat und die ihm Kinder bringen soll; es scheint ihm, als wären sie Schwestern, so ähnlich sind sie. Das ist so stark, daß ihm die beiden auf einmal entfremdet scheinen, weil er die eine nur als Mutter gekannt hat und staunend fühlt, wie unbekannt ihm ihre Frauenwelt war; in diese Frauenwelt aber ist die andere nun durch ihn eingefordert worden. Da fühlt er tief, daß menschliches Glück nicht in der Erfüllung der eigenen Wünsche bestehen könne, weil ein Mensch mit seinen Wünschen im Gefängnis einsamer Dinge bliebe. Nur, wessen Seele in andere Seelen einginge, könne aus der Enge seines zufälligen Daseins ins Leben kommen!
41.
Als Heinrich Pestalozzi Anna Schultheß aus ihrem wohlhabenden Stadtbürgertum in seine bäuerliche Einsamkeit holt, ist sein Besitz auf neununddreißig Jucharte angewachsen, die meist im steinichten Letten am Fuß und Abgang des Kestenbergs liegen. An die geplante Gärtnerei kann er nicht denken, solange er selber noch so weit entfernt von seinen zerstreuten Ländereien in Müligen wohnt; so beginnt er auf dem Hummelacker wie auf den unteren Feldern im Letten seine Krappkultur und sät die minderen Flächen vorerst mit Esparsette an, weil er weiß, daß dieser Futterklee auch auf steinichtem Boden gerät und das Land für anderen Anbau fruchtbar macht: das eifrigste seiner Geschäfte aber ist der Plan eines eigenen Wohnhauses, das den zerstreuten Besitz erst zu einem Gut machen muß, und mancher glückliche Herbstgang mit der tapfer erkämpften Lebensgefährtin gilt der Bestimmung des Platzes, wo sie als Hausfrau seiner Besitzung walten soll.
Auch was hierbei wehmütig ihre Schritte begleitet, daß ihr das eigene Elternhaus feindlich versperrt sei, erfährt bald eine unvermutete Wendung: ihrem Vater, dem Zunftpfleger zur Saffran, ist augenscheinlich die Trennung von seiner einzigen Tochter das eigentliche Ärgernis an ihren Heiratsplänen gewesen -- um so mehr, als er mit den Söhnen nicht aufs beste steht und oft Verdruß mit ihnen hat -- und auch die Mutter sieht nach der Trennung ein, daß es besser sei, eine Frau Pestalozzi als gar keine Tochter mehr zu haben. Nicht länger als zwei Monate hält ihr gekränkter Bürgerstolz der Sehnsucht stand, dann kommen Briefe nach Müligen, die deutlich nach einer Aussöhnung verlangen; und eben will der Winter das einsame Paar einschneien, als eine Einladung erscheint, den vorenthaltenen elterlichen Segen zu holen, damit Weihnachten keinen Unfrieden mehr in der Familie fände. Mitte Dezember schließen sie frühmorgens in dunkler Kälte die Haustür in Müligen ab und sind abends miteinander im Pflug, wo die Rührung des Wiedersehens die verlegene Erinnerung an die lange Zwietracht im ersten Augenblick zudeckt und danach rasch ein so erträgliches Verhältnis entsteht, daß sie statt der gewollten drei Tage bis über Weihnachten bleiben. Es kommt nun doch noch zu den verwandtschaftlichen Besuchen; die Mutter Pestalozzi erscheint im Pflug, und die Zunftpflegersleute bemühen sich zum Essen ins Rote Gatter, wo die geborene Hotzin sie mit den Formen ihrer Jugend empfängt. Auch sonst gehen die jungen Leute den Fäden ihrer Freundschaften nach, und der heilige Abend kommt als der Schlußpunkt fröhlicher Festwochen. Um den Übermut zu vollenden, erscheint der Oheim Hotz von Richterswil mit aller Behaglichkeit seines Alters und nimmt sie mit auf eine Schlittenfahrt nach Hegi und Winterthur. Als sie endlich, diesmal im Schiff, aus dem winterlichen Zürich heimfahren, sind sie beschüttet von Segenswünschen und Versicherungen herzlicher Freundschaft; denn der Heinrich Pestalozzi, im Pflug als Tochtermann angenommen, steht anders vor der Welt da als der Wundarztsohn, der mit der Tochter im Unfrieden auf einem Bauernfuhrwerk davongefahren ist.
So hätten sie Anlaß, fröhlich auf dem Wasser zu sein, das von der winterlichen Mittagssonne dampft, und Anna sagt es auch, noch von dem Übermut des Abschieds voll: daß dies erst ihre rechte Hochzeitsfahrt sei. Aber ihre Fröhlichkeit schwimmt nur noch wie das Schiff auf dem dunklen Wasser; und als ihr Heinrich Pestalozzi ins Auge sieht, traurig fragend mit diesem Blick, wie sie das meine, kommt sie unvermutet ein tiefes Weinen an, das er viel eher als den Übermut versteht. Ihm ist aus dem Lärm dieses Mittags schon vorher die Wehmut aufgestiegen, daß sie auf ihrem Wagen damals, den er selber durch den regnerischen Herbsttag lenkte, einander näher gewesen seien, und mehr als dies, daß sie näher am Herzen Gottes gehangen hätten als jetzt auf dieser schaukelnden Schiffahrt, wo sich ihre Hände aus der Zerstreuung so vieler Tage nicht zu finden vermögen.
Erst als sie von Turgi noch unter der mondhellen Sternennacht den langen Weg nach Müligen wandern und kein Wort sprechen, verliert sich Klang und Schaum der überfüllten Tage bis auf den letzten erdigen Rest, der ihnen bitter schmeckt -- bis sich noch vor der Haustür Hand und Mund zum innigen Gelöbnis finden.
42.
Andern Morgens im Frühdunkel verläßt Heinrich Pestalozzi das Haus, um noch einmal nach den Feldern zu sehen, darüber er am selben Vormittag in Königsfelden vor dem Landvogt den Kaufvertrag machen will. Auf dem einen steht der breite Nußbaum, unter dem er oft mit seiner jungen Frau gestanden und das zukünftige Besitztum überblickt hat; da soll dann ein schattiger Sitzplatz sein. Es ist kaum hell, als er hinkommt; um so mehr erstaunt er, als Anschläge klingen und gleich darauf ein schwerer Baum krachend niederstürzt; wie er Böses ahnend zuläuft, liegt der Nußbaum auf der Erde, und der ihn gefällt hat, ist der Mann, von dem er den steinichten Acker um dieses Nußbaums willen nicht eben billig kaufen will. Es ist, wie er weiß, ein Tanner -- so nennen sie die Tagelöhner im Birrfeld -- dem es mit sieben Kindern übel geht und dem er deshalb auf Zureden Märkis auch den geforderten Kaufpreis ohne Abrede zugestanden hat. Da er nur zufällig noch auf den Acker gekommen ist und ihn andernfalls gekauft und bezahlt hätte, macht ihn die Niedertracht des Mannes wütend, sodaß er schimpfend gegen ihn anläuft. Der aber ist selber so im Zorn, daß er die Axt gegen ihn hebt; und als er seinem Frevel dann mit Worten beikommen will -- nun kaufe er den Acker überhaupt nicht oder nur um die Hälfte des Kaufpreises -- schlägt der Mann die Axt in den Stamm, daß es zischt: das sei ihm beim Leibhaftigen gleich, und nur der Märki habe den Schaden davon! Seine Wirtsschulden würden ihm doch falsch angekreidet, und er bekäme keinen Kreuzer von dem Kaufgeld. Den Baum habe er als Knabe selber gepflanzt und er solle auch keinem andern gehören!
Heinrich Pestalozzi hat schon mehrmals solche Dinge von dem Märki vernommen, und von dem Pfarrer weiß er, daß die Leute um seiner Verbindung mit dem Metzger willen gehässig gegen ihn sind; aber daß der ihn betrügt wie hier, wo er sich den höheren Kaufpreis in seine eigene Tasche gehandelt hat, das ist ihm eine bittere Erfahrung. Er geht traurig von dem Platz fort und läßt dem Märki durch einen Boten sagen: er könne nicht mit ihm fahren, würde aber pünktlich in Königsfelden sein. Als er dann nach einer verstimmten und nicht gradlinigen Wanderung den großspurigen Mann sieht, der auch unter Menschen immer dasteht, wie wenn er gleich zu metzgen anfangen möchte, hat er nicht den Mut, ihm den Handel auf den Kopf zuzusagen, unterschreibt auch den Kaufvertrag trotz dem gefällten Nußbaum -- da der Märki die Vollmacht des Tanners vorweist -- und ist erschrocken über soviel Verschlagenheit. Nur auf seinen Wagen steigt er auch diesmal nicht, und erst, als der andere ihn augenscheinlich um seiner Verstimmung willen in allerlei Gesprächen aufhält, sagt er ihm sein Erlebnis aus der Morgenfrühe ins Gesicht und läßt ihn stehen. Er hört ihn noch über das Tannerpack schimpfen, als er mit langen Beinen aus seinem Bereich eilt; und kaum ist er eine Viertelstunde unterwegs, da rollt der Wagen schon hinter ihm her. Er denkt nicht anders, als daß der Metzger sein Pferd zornig an ihm vorbeipeitschen würde; aber der läßt es in Schritt fallen, immer neben ihm heran. Ob der Herr Pestalozzi dem versoffenen Lumpenkerl vielleicht auch noch glaube? Dann möge er sich jemand anders für seine Geschäfte suchen: er habe sich weder aufgedrängt noch sei er versessen darauf, für ihn mit aller Welt in Händel zu geraten!
Heinrich Pestalozzi kann nicht antworten, so widerlich ist ihm nun Art und Stimme des Mannes. Er tritt in den Graben und will ihn vorfahren lassen; der Märki aber hält sein Pferd an, wie wenn er ihn anders verstanden habe: er wolle also doch noch aufsteigen? Da merkt er, daß ihn der Metzger nicht loslassen will, und läuft querfeld über den gefrorenen Acker davon, wo ihm das Fuhrwerk nicht folgen kann. Noch von weitem hört er das höhnische Gelächter, und es hallt ihm noch in den Ohren, als er verbittert über sich und seine Händel zum Mittag durch die Haustür in Müligen eingeht. Da will es sein Unglück, daß auch Anna Ärger mit ihrer aufsässigen Magd gehabt hat, sodaß sie beide gereizt am Tisch sitzen. Er will ihr nichts sagen, aber sie fragt, bis seine kargen Antworten ihr doch den Handel verraten. Da legt sie freilich den Löffel hin: ob er den Kauf wirklich gemacht habe? Und als er, nun schon trotzig, ja sagt, entfährt ihr ein hartes Wort. Sofort flammt auch sein Jähzorn auf, und obwohl er innerlich verzweifelt vor ihr kniet, daß sie ihm die Sätze nicht nachtragen möge, bleibt sein hitziges Blut im bösen Streit mit ihr, bis er vom Tisch aufspringt und gegen die Reuß hinunterläuft.
Vor dem emsigen Zorn der Wellen findet er sich wieder, und schon zur Vesper sind sie nach bitteren Tränen der Reue wieder ausgesöhnt: doch bleibt das Weh seiner Scham, daß er sterben möchte und sich danach auch wirklich bis zur Krankheit in die Selbstanklagen vergrübelt. Sylvester feiern sie noch miteinander auf die vorbedachte Art, indem sie an die Armen von Müligen einen Korb Brot verteilen -- was als ein Anfang seiner Wohltätigkeit gedacht war, scheint ihm nun ein kläglicher Rest seiner Beglückungspläne -- dann legt er sich hin und bleibt fast eine Woche lang im Bett, unfähig vor Fieber und Mutlosigkeit. Es ist längst nicht mehr der böse Tag allein, was ihn quält; es ist die erste Abrechnung mit seinen Plänen und mit sich selber, dem hochmütigen Plänemacher. Die Sehnsucht seiner Jugend hebt sich auf und steht ratlos vor dem Schwall seiner Handlungen in diesem letzten Jahr. Er weiß nicht, wo seine Füße anders hätten gehen sollen; nur daß sie falsch gehen, das fühlt er genau. Gleich Trompeten schreit eine Stimme in ihm, daß er die Forderungen seiner Natur betäubt habe: Was bin ich, und was wird aus mir werden? schreibt er ins Tagebuch seiner Frau, das immer offen vor dem Bett liegt, obwohl sie sich selber darin nicht schont. Und alles, was er als Antwort findet, ist die Verzweiflung, in Irrtum und Unrecht unwichtiger und falscher Dinge verstrickt zu sein; nicht anders, als ob er selber mit der Peitsche im Metzgerwagen des Märki säße und seine Seele über die hartgefrorenen Felder angstvoll davonliefe.
43.
Als Heinrich Pestalozzi wieder aufsteht von seiner Krankheit, ist kein Entschluß aus seinen bitteren Gedanken gekommen; sie sind vergangen, wie nach Unwetter tagelang die Wolken auf den Bergen lasten, als ob sie sich nie wieder heben wollten, und eines Morgens scheint doch die Sonne in eine blanke Welt. Er kann wieder mit Freude an seine Unternehmungen denken, und alle verzweifelten Gedanken daran kommen ihm als bequeme Mutlosigkeiten und als Rückfälle in die unstete Natur seiner Knabenjahre vor; er weiß, daß er in diesem Jahr Vater werden soll, und schämt sich der Unmännlichkeit, die nicht für das Kind und seine Mutter die selbstgewählte Pflicht erfüllt.
Der erste, an dem er sich erprobt, ist Märki; der kommt, das vorgelegte Kaufgeld einzufordern, und ist wieder der schlau beherrschte Mann, der Nachsicht mit den Launen seines Schützlings hat und ihn, wo er sich auflehnen will, die Überlegenheit an Alter und Erfahrung fühlen läßt. Heinrich Pestalozzi begreift sich selber nicht mehr, wie er ihm damals ausweichen konnte: er sagt ihm unverhohlen und ohne Zorn, daß er das andere anweisen, jedoch die Kaufsumme für den Acker um den geschlagenen Nußbaum kürzen müsse, da er ihn hierbei in einer Täuschung gehalten habe. Der Märki will aufbrausen, aber er verweist ihm das gleich so bestimmt, daß der den andern Wind merkt und sich nach mehreren Seitensprüngen um der Freundschaft willen, wie er sagt, zu der Sache bequemt.
Nach einigen Tagen bringt der Baumeister den Plan des Wohnhauses, wie es nach seinen eigenen Angaben sein soll: etwa dreißig Schritt im Geviert mit einem Zeltdach und ganz aus Steinen gebaut; es soll unten am Letten stehen, wo der angeschwemmte Boden als Gartenland geeignet ist, und Neuhof heißen. Der Baumeister hat neben den Aufrissen auch eine Ansicht des Hauses in Farben gemacht; es sieht mehr einer italienischen Villa gleich als einem schweizerischen Bauernhaus, aber gerade das gefällt ihm. Er scherzt, daß er selber ein Italiener wäre, und so oft er das hübsche Bild ansieht, wird der Traum seiner landwirtschaftlichen Existenz daran lebendig: wie er mit seiner Stauffacherin da aus und ein gehen wird, wie unter den Bäumen -- die bis jetzt nur auf dem Papier grün sind -- Kinder spielen und auf den Feldern rundum fleißige Tanner lohnende Arbeit finden, wie die breit gewölbten Keller sich mit Feldfrüchten füllen, und wie er als ein neuer Tschiffeli der Mißwirtschaft des Birrfeldes aufhielt durch sein Beispiel planvoller Arbeit!
Auch der Baumeister Daniel Vogel, den er sich als fachmännischen Berater aus Zürich holt, billigt den Plan; der setzt im freundschaftlichen Vertrauen die Berechnungen fest und macht die Akkorde mit den Handwerkern unter genauen Abmachungen über das Material und die Ausführung. Es ist ein sicherer Gang der Ordnung, wie ihn Heinrich Pestalozzi bisher noch nicht in seinen Dingen gespürt hat; als ob ihm neue Hände gewachsen wären, seitdem in den abwartenden Verdruß des Winters ein wirkliches Geschäft gekommen ist, so gibt sich eins ins andere und bringt die Fröhlichkeit zweckbewußter Arbeit mit. Als erst der Boden ausgehoben, Steine gebrochen und die Fundamente gelegt werden, ist er von früh bis spät dabei und scheut das nasse Schneewasser nicht, selber jede Art von Arbeit mitzutun. Daß morgens die Leute kommen, Tag für Tag, zum Teil stundenweit und sichtlich froh, gute Beschäftigung zu haben, gibt ihm ein Vorbild, wie es einmal auf Neuhof sein soll; und wenn er sie Sonntags entlöhnt, ist sein Traum schon Wirklichkeit: daß er als der Mittelpunkt einer Unternehmung dasteht, daraus die ersten Quellen aller Wohlhabenheit, der sichere Verdienst einer regelmäßigen Arbeit, ins magere Birrfeld fließen.
Nachdem Ende Januar unerwartet ein Wechsel aus dem Pflug nach Müligen geflattert ist für das Laufende, kommen nacheinander die Brüder, am längsten der Doktor Salomon, der die warmen Frühlingstage schon zum Angeln -- seiner Lieblingsbeschäftigung -- geeignet glaubt. Sie mögen Bericht nach Zürich gegeben haben; denn an dem Mittag, da sie abreisen wollen, steht unvermutet die alte Schultheßin mit dem jüngsten Bruder gerade vor der Haustür, als sie hinaustreten. Nun bleiben alle bis zum andern Tag, und weil die Aprilsonne scheint, wird noch am Nachmittag ein fröhlicher Spaziergang durch die Felder und auf den Bauplatz gemacht, wo die Fundamente schon kniehoch aus der Erde sind und eingewölbt werden sollen. Auch auf den Hang kommen sie, wo der Nußbaum niedergebrochen ist; sein Stamm reicht allen zum Sitz, sodaß einer den Scherz macht, sie weiheten die Bank ein, bevor das Holz dazu geschnitten wäre. Von unten klappert das Gewerk der Maurer, und einer, der den Mörtel in der großen Pfanne rührt, singt das alte Grenchenlied mit dem spöttischen Hohoho als Schlußreim, in den die andern einfallen. Auch die Schultheßin, die mit unverhohlenem Mißtrauen den ausgespreiteten Mergel auf den Kleefeldern für weißen Schutt gehalten hat, vermag die fröhliche Luft nicht einzuatmen, ohne daß auch ihr etwas davon ins gallige Blut geht. Die Scherze der Brüder sorgen dafür, daß die Ausgelassenheit auch den Rückweg im sinkenden Nachmittag besteht, durch den sie, nun selber das Grenchenlied singend, über die Kante des Birrfeldes nach Müligen hinunter kommen.
Andern Morgens nehmen sie Anna für ein paar Tage mit nach Zürich, wo sie das Rote Gatter ebenso überraschen will, wie sie selber überrascht worden sei. Heinrich Pestalozzi gibt ihnen das Geleit bis Baden; der laute Abschied erinnert ihn an die wehmütige Winterschiffahrt, und daß ihm die Brüder mit ihrer Ausgelassenheit die Geliebte für ein paar Tage entführen, ist ihm auch nicht recht; doch läßt sie ihm ein inniges Wort zurück, das er feierlich durch den Morgen nach Hause trägt: Ich will deiner Mutter meine Hoffnung sagen!