Part 17
Er hat ihnen keine Fibeln mitgebracht, nur einen Korb mit Täfelchen, darauf die Buchstaben einzeln mit ihren Häkchen und Schnörkeln wie Vögel mit ihren Schwanzfedern prahlen, und rastet nicht, bis jeder seinen Laut als Namen hat, sodaß er ihn nur zu zeigen braucht, und schon gibt ihm die ganze Klasse Antwort. Sie wissen nun längst, daß keiner die siebzig Einzelnen verstehen kann, wenn jeder nach seinem Einfall losschreit, und warten das Zeichen ab, das ihnen sein Finger gibt. Sie sind dann wirklich eine Klasse, ein Wesen, das hundertvierzig Ohren und Augen, aber nur einen Takt und darum nur einen Mund hat. Und manche Nacht, während sie schlafen und er allein in der Schlaflosigkeit des Alters wach unter ihnen liegt, bildet sich traumdünn die Ahnung einer Lehrmethode: daß es wie mit den Buchstaben mit allen andern Kenntnissen des Menschen sei, daß sie sich bauen ließen, Steinchen um Steinchen, bis eine Wand, ein Zimmer und schließlich das Haus einer Wissenschaft dastände.
Kühner aber, als jemals sein Kopf ein Gespinst machte, scheint ihm dies: daß auch alles andere, was einen Menschengeist mitsamt der Seele ausmache, seine Denkkraft, seine Fertigkeiten, sein Wille, seine Wünsche, seine Absichten, sein Glauben wie seine Taten, in einem solchen Takt einzufangen sei, und daß, wenn einer erst den Taktstock dazu finde, ihn hundert andere gebrauchen könnten, um überall die wildaufwachsenden Menschenseelen in den Wohlklang der Ordnung einzuführen. Er kann sich dann ein Zukunftsbild austräumen, daß es zwar reich und arm, jedoch nicht mehr die häßliche Anwendung davon gäbe, wo die Habsucht und Willkür des Reichen den Armen unterdrücke und ausnütze; denn das einzige Mittel dieser Geldherrschaft sei die Unwissenheit des Armen: erst einmal im Besitz seiner entwickelten Seelen- und Geisteskräfte, könne er nicht mehr das Opfer herrschsüchtiger Ausbeutung sein! Was jetzt allerorten geschähe, daß Reiche den Armen helfen wollten durch Wohltätigkeit, sei Täuschung und Selbstbetrug: der Reiche könne dem Armen garnicht helfen, er habe nichts als sein Geld, das auch im Wohltun das Zwangmittel ungerechter Herrschaft bliebe; erst wo Gerechtigkeit regiere, könne eine brüderliche Hilfe von Herzen wohltätig sein!
74.
Während Heinrich Pestalozzi so mit seinen Waisen auf der Wanderung nach einer neuen Menschlichkeit ist, wächst das Dickicht der alten ihm rundum die Wege mit Unkraut und Brennesseln zu. Noch immer zieht der Haß seine Schwaden durch die Täler des Nidwaldener Landes; der Aufruhr wurde in Blut und Brand erstickt, aber was ihn heraustrieb, blieb mit tausend Wurzeln lebendig. Für die Stanser ist Heinrich Pestalozzi ein Ketzer, von der Revolutionsregierung gesandt, ihre Waisen und Armenkinder im Unglauben der neuen Zeit abzurichten, sie den Sitten der Väter und dem Glauben der Heimat mit Teufelslisten zu entfremden. Sie sehen seine verwahrloste Kleidung und achten ihn für einen Landstreicher, der bei der neuen Herrschaft der Lumpen und Schelme untergeschlupft ist.
Aber auch die Freunde fangen an zu zweifeln; sie verstehen nicht, warum er sich allein mit siebzig Kindern abplagt, eigensinnig ihr Lehrmeister, Aufseher, Hausknecht und Dienstmagd in einem und dabei selber zum Erbarmen verwahrlost ist. Sie raten und drängen, doch Gehilfen zu nehmen, damit er endlich aus seiner Anstalt ein richtiges Waisenhaus mache, und sind verstimmt, weil er sich unter Ausflüchten weigert. Er scheint ihnen vom Eigensinn des Alters wie von einem Fieber befallen, und vertrauliche Briefe gehen an die Minister, daß man dem alten Mann mit Gewalt aus diesem Zustand helfen möge. Stapfer aber hält treu und weitsichtig zu ihm, weil er das Experiment fühlt und daß Heinrich Pestalozzi erst zu Resultaten gekommen sein muß, bevor er Hilfe brauchen kann. Er ermuntert ihn auch im Mai, als warme Sonnenbläue die Täler füllt und der See rund an den Ufern in einem Blust von Blumen zu schäumen scheint, mit seinen Zöglingen einen Ausflug nach Luzern zu machen.
Es ist Sonntag, und sie gehen die drei Stunden zu Fuß, bei Stansstad in Kähnen hinüber nach Hergiswyl und dann zwischen Pilatus und dem See bis Horw, wo sie den weiten Talboden der Allmend von Luzern erreichen. In Horw rasten sie, und da sie früh aufbrachen, sehen sie da erst, wie die Sonne überm Rigi hochschießt; ein jedes hat Brot im Sack, und Wasser fließt überall aus den Brunnenrohren. Die älteren haben gesorgt, daß sie alle sauber sind; nur auf ihren Schuhen liegt der Staub wie Mehl, als sie singend über die alte Kapellbrücke in Luzern gehen und die vielgetürmte trutzige Stadt bestaunen. Es ist Sonntag, und viele Leute spazieren auf den Straßen, die den seltsamen Zug und den seltsameren Mann davor belächeln. Einige kennen ihn von seinem Luzerner Aufenthalt und lüpfen den Hut, um ihm kopfschüttelnd nachzusehen. Aber Stapfer, der Minister, hat gesorgt, daß die Stanser Waisen nicht unbegrüßt in der Landeshauptstadt sind: auf dem alten Kornmarkt vor dem Rathaus steht einer in blanker Uniform mit einem Leinenbeutel, darin rasseln lauter nagelneue Zehnbatzenstücke der Helvetischen Republik, und jedes Kind bekommt eins zum Andenken in seinen Sack. Sie singen ein Schweizerlied zum Dank, und Heinrich Pestalozzi, dem nichts so fern liegt wie Musik, kräht mit vor Rührung; garnicht merkend, wie falsch er die Töne nimmt, bis alles hinter ihm lacht.
Auch sonst geschieht den Kindern der Nidwaldener Gutes in dem katholischen Luzern, und wie ein siegreicher Heerhaufe ziehen sie am Nachmittag wieder hinaus. Aber nun hat die Sonne ihre strahlende Bahn durch den Himmel gezogen und aus dem Weltall Glut auf die Erde geschüttet. Die Kinder werden müde, und er muß nun hinter ihnen gehen, die letzten anzutreiben. Dabei ist ihm selber schwül und nicht froh zumut; er hat in Luzern von dem Lauf der Dinge gehört, die für Monate außer ihm gewesen sind: der Krieg ist wieder im Land, überall bläst der Wind hitziger Zeitläufte den Zunder an, und es gilt schon als ausgemacht, daß die Regierung der Helvetischen Republik nach Bern übersiedeln wird, wo ihr der Boden sicherer scheint als hier in der Aufsässigkeit der Urkantone. Am Gotthard schlagen sich die Franzosen mit den Österreichern herum, und viel wird gesprochen von den Taten seines Vetters Hotze, der als kaiserlicher General über den Bodensee bis Zürich ins Land gedrungen ist; es kann in einigen Wochen wieder aus sein mit der republikanischen Herrlichkeit. Zu diesen Sorgen tut ihm die Brust weh, und er merkt, wie ihm die Monate zugesetzt haben. Der Pilatus zieht verdächtige Wolken an, und als ob über eine ferne Brücke Lastwagen rollten, grollt ein Gewitter in der Luft: er kann sonst über Ahnungen lachen, aber nun ist ein Gefühl da, daß es ihn treffen wird. Gerade gehen sie von Steinrüti gegen Hergiswyl am See hin, der dick und still daliegt, da wird ihm süßlich im Mund, und das Licht tanzt ihm wie Mücken vor den Augen; er will einem Buben, der vor Müdigkeit weint, die Hand geben, da fühlt er sich tiefer zu ihm hinsinken, als es nötig ist, und sieht noch für einen Augenblick die erschrockenen Augen über sich.
Heinrich Pestalozzi meint, er sei gleich wieder aufgewacht, aber es muß wohl länger gewesen sein; nebenan steht ein Wagen, der vorher nicht da war, und im Kreis der Kinder bemühen sich Leute in Hemdärmeln um ihn. Tiefer als im Schlaf war er aus allem fort, nun er die Augen aufschlägt, nimmt sein Bewußtsein mit einem Blick den Kreis seines Daseins auf, darin er Kind, Mann und Greis zugleich ist. Rund um diesen Kreis sieht er die Berge spukhaft in den gewitterlichen Dunst des Himmels ragen und fühlt, daß so die Schwierigkeiten um ihn stehen, denen er nichts als die Willenskraft seiner zu Boden geworfenen Natur entgegenstellen kann. Im gleichen Augenblick setzt er sich auf, von dem ungebeugten Willen kommandiert; da merkt er, daß Blut in seinem Mund ist.
Darüber erschrickt er tief und läßt sich nun willig in den Wagen heben. Die von den Kleinen am müdesten sind, müssen zu ihm, und so im Schritt vor seiner Schar her geht es heim. Einer hat sich neben den Knecht gesetzt, und der läßt ihm die Zügel, weil er den Gaul kennt. Heinrich Pestalozzi muß wehmütig an den Tag denken, wo er mit dem Großvater nach Höngg fuhr und auch so unablässig an den Zügeln rupfte, wie nun der Knabe vor ihm: Ich habe mirs nicht abgewöhnt bis heute, lächelt er bitter, wo ich selber ein Großvater bin, und alles, was ich in die Hand nehme, ist so geblieben! Wenn mir jedes so in Ordnung ginge, wie hier dem Gaul und dem Knecht, ich würde auch die Zügel gleichmütig hängen lassen; aber nun bin ich dreiundfünfzig und über meine Jahre gealtert, gar noch krank, und habe erst den Anfang vom Weg gefunden. Ich müßte wohl den Gaul für ein paar Wochen in den Stall tun; doch ist er unabkömmlich, weil ich noch weit mit dem Abend muß!
75.
Die zweite Woche seit seiner Wallfahrt nach Luzern ist noch nicht ins Land gegangen, als Heinrich Pestalozzi eines Mittags durch Trommelwirbel aufgeschreckt wird. Wie er ans Fenster läuft, rücken die schweizerischen Soldaten, die gegen Engelberg und Seelisberg hinauf als Rückendeckung der Franzosen ausgestellt sind, eilig in Stans ein: die Österreicher kommen, heißt es und die im Uri geschlagenen Franzosen seien über den See zurück. Die Panik des Krieges ist wieder in Stans, bevor ein Schuß in den Nidwaldener Bergen fiel; wer noch bewegliche Habe hat, flüchtet sie in die Sennhütten hinauf, händeringende Weiber und trotzige Männer kommen, ihre Kinder zu fordern, und Heinrich Pestalozzi vermag nicht, sie zu halten. Als ob eine Mure vom Stanserhorn niederginge, läßt er die andern ihre Bündel raffen, zur Flucht bereit zu sein. Gerade hat er sie um sich versammelt im Arbeitssaal, da fällt ein Schuß; die Kinder schreien, einige laufen ihm zu, viele aber auch hinaus auf die Gasse, sich noch in die Berge zu retten.
Als danach alles still bleibt -- die Alarmnachrichten waren falsch, und auch der Schuß ist nur einem hitzigen Sennbuben losgegangen -- sitzt kaum noch die Hälfte seiner Kinder da. Zwar kommen im Nachmittag noch einige wieder, auch finden sie andere weinend irren, als sie gegen Abend den Ort absuchen: aber die Besorgnis bleibt über ihnen wie die schwarze Wolkendecke, die sich mit dem Abend vom Entlebuch herüberdrängt. Die Kinder schlafen sich schließlich in angstvolle Träume ein; Heinrich Pestalozzi bleibt wach: seit seiner Ohnmacht fühlt er, daß es in Stans zu Ende geht. Mit einer Kerze in der Hand wandert er um Mitternacht von Bett zu Bett; einigen, die sich stöhnend wälzen, legt er seine Hand auf die Stirn, daß sie, erwachend, ins Licht blinzeln und vor seinem Gesicht mit einem erlösten Lächeln um die Lippen einschlafen. Nachher sitzt er noch, bis das Licht niedergebrannt ist, streicht in seiner Liste die Schäflein an, die ihm fehlen, und denkt den einzelnen nach, wo sie wohl seien. Bald aber wandern die bekümmerten Gedanken auf einsamen Höhen, wo er mit seinem Werk allein ist. Was auch mit den Kindern geschieht, für keins -- das fühlt er sicher -- ist die Zeit vergebens gewesen: aber sein Werk, wenn er es jetzt abbrechen muß, ist verloren. Es ist ihm zumut wie einem Kundschafter im weglosen Dickicht; er hat sich durchgearbeitet, bis er eine getretene Fußspur fand, die ihn zum Weg führen muß: da reißt ein Bergbach die Schlucht vor ihm auf, und ob er drüben die Spur deutlich weiter gehen sieht, er kann nicht hinüber.
Andern Tags ist alles vorbei, als ob es nur böse Träume gewesen wären; die Bauern sind wieder bei ihrer Arbeit, und die Soldaten in den Quartieren singen Schweizerlieder. Die Sonne geht ihren strahlenden Lauf, als wolle sie es diesmal zwingen, über die Ermattung des Mittags fort in den unendlichen Himmel hinein zu steigen. Noch ein paar Kinder wagen sich unsicher wieder herzu, und als nach diesem Tag noch ein zweiter und dritter die weißen Sommervögel durch sein dickes Blau schwimmen läßt, fängt auch Heinrich Pestalozzi an, den Nacken zu heben. Am dritten Abend sitzt er scherzend und fragend mit ihnen bei der Hafersuppe, da ruft ihn ein Bote eilig zu dem Regierungsstatthalter Zschocke.
Der empfängt ihn mit einem Blatt in der Hand. Er habe Stafette bekommen, daß am frühen Morgen der General Lecourbe einrücken würde; er müsse Platz besorgen für einige tausend Mann und ein Hospital für die Verwundeten und Kranken herrichten, dazu habe er keinen andern Platz als das Waisenhaus. Obwohl Heinrich Pestalozzi beim ersten Wort weiß, daß ihm nun das Brett unter den Füßen fortgezogen wird, damit er noch über den Bergbach zu kommen hoffte, kämpft er wie ein aufgescheuchtes Tier für sein Nest und seine Brut. Aber nun ist er mit allem Ruhm seiner Bücher und mit der ewigen Absicht seines Werkes nur der Bürger Pestalozzi, der andere aber steht als Regierungsgewalt da und löst das Waisenhaus auf. Weil er nicht wie die Nidwaldener kämpfen und sterben kann, sondern dem Federstrich gehorchen muß, erfüllt er bitteren Herzens den Rest seiner Pflicht. Er teilt jedem Kind doppelte Kleidung, Wäsche und einiges Geld aus für das Notwendigste, rechnet mit dem Statthalter ab und übergibt ihm von den sechstausend Franken, die ihm das Direktorium bewilligt hat, den Rest mit dreitausend Franken -- mehr hat er nicht gebraucht in den fünf Monaten mit all den Kindern. Noch eine Nacht geht er in seiner schlafenden Herde ruhelos umher, nimmt in der Frühe weinenden Abschied von ihnen allen, deren Vater er durch seine Liebesgewalt geworden ist, und am Nachmittag, als die ersten Franzosen einrücken, fährt er nach Stansstad hinunter mit dem, was er für bessere Zeiten retten will. Wieder einmal sitzt er auf einem bepackten Wagen, diesmal auf Säcken neben einem Knecht, der ihn gleichmütig in sein ungewisses Schicksal hinaus kutschiert; es ist ein Appenzeller, der den Pferden mit der Peitsche die Fliegen vertreibt und dazu mit halber Kehle seine heimatlichen Jodler singt, als ob es eine Lustfahrt wäre. Er fühlt die Schmerzen in seiner Brust heftiger und die brennende Angst fährt mit ihm, daß er nun sterben muß: dann ist alles umsonst gewesen, was er Unmenschliches in diesen Monaten ertrug; denn er allein weiß, daß er in Stans den Weg zur Befreiung der Menschheit entdeckt hat, kein anderer kann fortsetzen, was für ihn selber ein tastend beschrittener Anfang, aber darum doch das Ergebnis vieler Tausend fiebernd benützter Stunden ist.
Immer noch läuft eine letzte Hoffnung hinter dem Wagen her, daß die Luzerner Freunde mächtiger sein könnten als der Regierungsstatthalter; als er ankommt in der vieltürmigen Stadt, muß er erfahren, daß die Regierung der in tausend Nöten gefährdeten Helvetischen Regierung nach Bern ausgeflogen ist.
76.
Es ist ein heißer Julitag, als Heinrich Pestalozzi durch das breite Entlebuch ins waldige Emmental hinüber und durch seine reichen Dörfer nach Bern hinunter fährt. Die Fahrt über die holprigen Bergstraßen bekommt ihm schlecht, und als er spät abends anlangt, fühlt er sich sterbenselend. Bis zum Schluß sind immer noch die Bauleute im Kloster zu Stans gewesen, und wenn er hustet, meint er noch den scharfen Kalkstaub in der Lunge zu spüren. Trotzdem ist er am andern Morgen schon früh bei dem Minister Stapfer. Der erschrickt, wie er ihn sieht, und rät ihm, den ungewollten Urlaub vor allem zu einer Kur zu benutzen, damit er wieder zur Arbeit fähig sei, wenn nach dem Krieg die Anstalt neu eingerichtet würde. Da er selber zu einer Sitzung muß, übergibt er ihn seinem Kanzleivorsteher Fischer, einem ehemaligen Theologen, der auch schon in Stans war.
Der bietet ihm willfährig seine Begleitung an, wohin er auch wolle, und ehe Heinrich Pestalozzi sich beiseite tun kann, hat er ihn auch schon eingefangen mit klugen und ehrlichen Fragen. Es findet sich, daß sie Leidensgenossen sind, indem auch er den Traum seines Lebens an die Schule gehängt hat. Er ist Schüler bei dem Philanthropen Salzmann in Schnepfental gewesen und will nun in Burgdorf eine Musterschule, wenn es erreichbar ist, ein Lehrerseminar einrichten. Es ist immer noch das Lehrerseminar, das Stapfer ihm selber in Aarau angeboten hat, und obwohl sich Heinrich Pestalozzi im stillen wundert, wie unbekümmert sein Nachfolger die Schwierigkeiten übersieht, die ihm fast das Leben kosten, ist er ihm doch dankbar, weil er die Lauterkeit in seinem Wesen spürt. Er bleibt ziemlich den ganzen Tag mit ihm zusammen und erwirbt durch ihn eine Bekanntschaft, die in seine gehetzten Tage eine breite Pause bringt: Noch am selben Abend sitzen sie zu einem Mann aus Bad Gurnigel, namens Zehender, der seine Schriften liebt und sein Märtyrertum in Stans glühend bewundert; der lädt ihn ein, einige Wochen bei ihm da oben in der reinen Gebirgsluft zu wohnen und von der Quelle zu trinken. Stapfer und Fischer reden ihm dringend zu, und da der Mann mit seinem Wagen andern Tags zurück muß, kommt Heinrich Pestalozzi schon am Abend mit ihm auf dem Gurnigelberg an.
Ein verrauschtes Gewitter hat ihnen einen Regen nachgeschickt, der die Talweite unter ihnen mit Nebelschwaden bedeckt; auch wirft ihn sein Elend nun ganz hin, sodaß sie ihn fast aus dem Wagen ins Haus tragen müssen. Den andern Tag läßt ihn sein Gastfreund nicht aus dem Bett, auch den zweiten nicht: da es draußen doch noch regne! Am dritten Morgen liegt er schon lange wach und wartet mit Sehnsucht auf den Tag; als die Fensterscheiben in der Morgenröte warm werden, springt er mit beiden Füßen aus dem Bett und reißt ein Fenster auf, seine Faulheit zu lüften. Er tritt erschrocken zurück vor der unendlichen Weite; in einer überirdischen Bläue sieht er das Tal zu seinen Füßen liegen, unermeßlich und schön; er hat noch nie eine so weite Aussicht gesehen, und das Glück davon überwältigt ihn so, daß er die Hände wie ein Kind danach ausbreitet. Fast ängstigt ihn die Höhe, aber als er nach rechts und links äugt, sieht er die hohen Baumgruppen; er fühlt den Wald und den Berg hinter sich als sicheres Ufer, von dem aus er über das Meer der morgendlichen Erde tief unter sich hinschaut. Und ehe sich noch die Worte dazu bilden, ist ein Gefühl in ihm, wie wenn da unten sein eigenes Leben läge: aus den blauen Seeweiten der Kindheit durch die ruhelose Brandung seiner Mannesjahre bis auf die Bergkanzel dieser Stunde hinauf.
Aber wie er sich umwendet, ist sein niedriges Menschenzimmer wie ein Kästchen ganz getäfelt und auf dem runden Birnenholztisch liegt ein Buch, das ihm bekannt scheint: »Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts« steht auf dem Titel. Er weiß nicht, warum ihn die Erschütterung hindert, es in die Hand zu nehmen; er sieht sich wieder in dem Sterbezimmer seiner Mutter daran schreiben -- als ob es gestern oder vor hundert Jahren gewesen wäre, so nah und so fern -- fast meint er, es wäre dasselbe Zimmer, aber seine Augen suchen vergebens in den fremden Sachen. Er ist wieder mitten drin im hochmütigen Elend jener Tage; die Brandung spritzt, und er fühlt sich versinken in die Tatenlosigkeit der endlosen Mannesjahre: da weiß er, es ist kein Ufer, an dem er gesichert steht, es ist nur eine Insel, ein Stein im Meer, darauf ihn die Brandung geworfen hat.
77.
Sechs Wochen lang ist Heinrich Pestalozzi auf dem Gurnigel, von lieben Menschen treu gepflegt. Die reine Höhenluft heilt in seiner Lunge aus, was Kalkstaub und Abc-Geschrei darin verwüstet haben. Es sind noch andere Kranke oben, auch Gesunde, die vor der herrlichen Natur in Schwärmerei vergehen. Seit seinem ersten Morgen vermag er nicht mehr in die blaue Talweite hinunter zu blicken, ohne an sein verlassenes Werk zu denken. Er sieht unter allen Dächern die Wohnungen der Menschen und weiß, von wieviel Verwahrlosung jede Wohlhabenheit da unten umgeben ist. »Meine Natur ist der Mensch,« sagt er den Schwärmern, und eines Morgens ist er mit seinem Stock und Ranzen nach Bern unterwegs. Er hat keinen Wagen gewollt; es tut ihm wohl, so bergab schreitend den Takt seines fröhlichen Marsches zu fühlen: alle lebendigen Dinge gehen im Zweischritt, hat er dem besorgten Zehender zum Abschied gesagt, nur das Leblose und Kranke rollt auf Rädern.
Zum Mittag hat er die sechs Stunden bis Bern hinter sich, und als Rengger und Stapfer, die beiden Minister, aus einer gemeinsamen Sitzung noch etwas zu besprechen haben, das sich auf dem Heimweg besser als im Betrieb der kommenden und gehenden Posten erledigen läßt, läuft er ihnen buchstäblich in die Arme und lacht mit seinem Runzelgesicht wie ein Knabe, der aus den Ferien wiederkommt. Er will Kinder haben, es ist ihm gleich wo, an denen er seine Versuche fortsetzen kann, bis sein Waisenhaus in Stans wieder kriegsfrei ist; und noch in derselben Viertelstunde schlägt ihm Stapfer vor, nach Burgdorf zu gehen, wo auch Fischer seit einem Monat sei und an dem Statthalter Schnell wie an dem Doktor Grimm einsichtige Helfer habe. Als Heinrich Pestalozzi das Wort hört, fährt ihm eine halbvergessene Erinnerung auf, wie ihn der Vorwitz eines Morgens dort in die Hintersassenschule brachte; er nimmt es als eine Fügung, auch scheint es ihm eine Erleichterung, in Burgdorf nicht wieder einsam zu sein. In seiner Fröhlichkeit sagt er gleich zu, so kann Stapfer die Eingabe ans Direktorium vorbereiten, er selber macht sich am andern Morgen gleich unterwegs, sein neues Arbeitsfeld abzuschreiten.
Über Nacht gibt es Regen, und er muß die Post nehmen; ein guter Zufall setzt ihm den Statthalter Schnell aus Burgdorf in denselben Wagen. Der kennt ihn, hat am Abend vorher schon durch Stapfer von seinen Absichten gehört und ist begeistert, dem berühmten Verfasser von Lienhard und Gertrud gefällig sein zu können. Die Fahrt wird in Gesprächen kurz, und in Burgdorf muß Heinrich Pestalozzi sein Gast sein; auch der Doktor Grimm wird Hals über Kopf zu Tisch geladen, und es ist eine wahre Verschwörung, wie sie ihm alles einrichten wollen. Sie wundern sich, daß er gerade an der Hintersassenschule lehren will, und wollen ihm das ärmliche Lokal erst zeigen. Er erzählt ihnen von dem Morgen, wo er vorwitzig hinein sah, und ist fast ausgelassen vor Erwartung. Gegen den Abend, als der Regen endlich nachläßt, macht er noch einen Gang zum Schloß hinauf, das eine kleine Festung vorstellt, aber augenscheinlich seit langem verwahrlost ist. Das äußere Tor hängt offen in den Angeln, und an dem innern läutet er so lange vergebens, bis er merkt, daß die Schlupftür geöffnet ist. Die Kiesel im Schloßhof sind vom Gras überwachsen, hinten steht eine Linde, und als er bis an die Mauer geht, fällt der Berg da fast senkrecht in die schäumende Emme, die ihn im Bogen umfließt. Es nisselt immer noch, und sein Rock ist längst feucht; er merkt es nicht, er hat zuviel gesprochen bei den Männern da unten, und nun sind die Gedanken wie eine Krähenschar, die nicht zur Ruhe kommt:
Er hat es Mord genannt, wie die Kinder bis ins fünfte Jahr im sinnlichen Genuß der Natur bleiben, wie sie sehen, sprechen und ihre andern Sinne gebrauchen lernen, und sich von selber eine natürliche Anschauung der Welt in ihrer Seele aufbauen: wie sie dann aber gleich Schafen zusammengedrängt in eine stinkende Stube geworfen würden, um der fremden, sinnlosen Buchstabenwelt ausgeliefert zu sein! Nun denkt er, wie auch die Moral und das Gesetz, selbst die Religion und ihre Tugenden von hier aus der jungen Menschenseele aufgenötigt würden und dadurch leicht das bittere Beigefühl lebensfeindlicher Mächte behielten; sodaß, was dem Leben des Menschen einen höheren Sinn geben solle, im Gefühl der Armen als Mittel der Unterdrückung bliebe. Seine Gedanken können es noch nicht greifen, aber er fühlt sie dicht daran: daß er alles, was nur aus dem Buchstaben gelernt würde, als fremd und gleichgültig in seinem Unterricht ausscheiden, daß er den Naturgang der ersten fünf Lebensjahre weiterführen möchte; nicht, um es den Kindern bequemer zu machen, sondern um die Unnatur aus dem Wachstum des Menschen zu nehmen.