Chapter 16 of 25 · 3913 words · ~20 min read

Part 16

Umso aufrührerischer aber tut das zugelaufene Volk, das sich eine Gelegenheit entschwinden sieht. Seitdem es sich herumgesprochen hat, daß in Stäfa der Handel des unterdrückten Landvolks mit den hochmütigen Stadtherren zum Austrag kommen soll, ist dort alles zusammengeströmt, was in der Zürcher Herrschaft und in den Kantonen rundum auf den Tag der Abrechnung wartet, sodaß die Wirtschaften und Scheunen in Stäfa voll sind von einer braunen wilden Menge: ehrlich Verbitterte, die auf Vergeltung lauern, und gewalttätiges Bettelvolk, das schon von einer Plünderung der reichen Zürichstadt träumt, alte Kriegläufer, die in der neuen Ordnung keinen Platz mehr gefunden haben. Sie haben ihr Hauptlager in einer leeren Scheune, wo sie die Zürcher Herren mit wilden Flüchen nach dem Pariser Vorbild an die Laternen hängen, obwohl sie vorläufig weder Laternen noch Zürcher dahaben. Im Vertrauen auf seine Geltung wagt sich Heinrich Pestalozzi mit dem Brief Lavaters auch dahinein; aber da wissen sie nichts von Lienhard und Gertrud und seinem Ehrenbürgertum, ihnen ist er nichts als ein Zürcher Spion, und so empfängt ihn in der halbhellen Scheune eine Schweigsamkeit, die nur höhnisch lachen, nicht mehr sprechen kann. Zu arglos in seinem Eifer fängt er an, gutmütig scheltend auf sie einzureden; aber als er schon denkt, sie zu rühren -- so still ist es um ihn -- tut einer einen Ruf, und gleich ist es, als ob sich rundum ihre Hörner senkten. Er hat noch ein Stück seiner Rede im Mund, da heben sie ihn wie eine Strohpuppe an den Beinen hoch und tragen ihn, die Marseillaise heulend, durch den Raum. Noch immer täuscht sich Heinrich Pestalozzi über die Gefahr und versucht, auf sie einzureden; aber je mehr er dabei in ihren Fäusten zappelt, umso höhnischer wird das Hetzgeschrei -- bis ein Schuß fällt. Einer hat den Zürcher abschießen wollen wie einen Schützenvogel, aber gefehlt, und die Kugel zischt ins Gebälk. In der Verwirrung kommt er wieder auf den Boden; aber es wäre keine Rettung für ihn gewesen, wenn sich nicht ein stakiger Kerl mit einem alten Soldatenhut vorgedrängt hätte, der ihm gleich beim Eintritt durch das von feurigen Narben entstellte Gesicht und um einer Ähnlichkeit willen aufgefallen wäre: Heißt der Mann nicht Pestalozzi? Und als einige verblüffte die barsche Frage bejahen: Dann Brand und Pest, wer ihn anrührt! Er gehört mir, wir haben noch etwas miteinander auszumachen! Dabei hat er schon seinen alten Reitersäbel blank, und Heinrich Pestalozzi meint, sein Arm müsse unter dem Griff zerbrechen, wie er ihn durch das Gedränge schiebt und mit dem Fuß das klappernde Tor aufstößt: So, Heiri, sagt er, als er ihn draußen hat -- und Heinrich Pestalozzi aus dem verwüsteten Gesicht den Ernst Luginbühl erkennt -- jetzt schau, daß du weiterkommst!

69.

Mit diesem Vorspiel in der Scheune ist das Kriegstheater in Stäfa schon wieder aus; bereits am dritten Tag danach kommt der Bürgermeister Wyß, durch einen dringenden Brief Lavaters aus der Tagsatzung in Aarau gerufen, zu einer Sitzung der Rate und Bürger, die den Wünschen des Landvolks nachgibt. Heinrich Pestalozzi ist dabei, wie sie unter Glockengeläut und Freudenschüssen die Befreiten in geschmückten Wagen heimholen, und an der Grenze von Zollikon spricht er dem ehrwürdigen Bodmer einen Zuruf, dem diesmal die Freude lauter nachschreit, als die Wut in der Scheune. Den Luginbühl findet er nicht mehr, der gehört zu denen, die sich der neuen Lage mißtrauend davon gemacht haben, an einem andern Ort die Abrechnung zu erwarten; denn daß die alte Zeit stürmisch zu Ende geht, fühlt jeder in der Schweiz, seitdem der General Bonaparte von seinem siegreichen Feldzug in Italien nach Rastatt selbstherrlich durchs Land gereist ist, Gunst und Ungunst wie ein Herrscher verteilend.

Heinrich Pestalozzi vermag die Stunde nun doch nicht in Zürich zu erwarten; in der Seidenfabrik auf der Platte ist nur sein Name nötig, er selber geht noch einmal auf das Birrfeld zurück. Vorher läßt er die Stuben seiner Mutter ausräumen und fährt so nach dreißig Jahren zum andernmal auf einem Wagen mit Hausrat aus der Sihlporte hinaus. Es ist ein graulicher Wintertag, und er kommt im Dunkeln auf dem Neuhof an, wo ihm seine Schwiegertochter unterdessen ein zweites Enkelkind geboren hat, sein Sohn Jakob aber schon viele Monate gelähmt daliegt. Es war noch zu früh, sagte er der Lisabeth, die noch im Mondlicht mit einem schweren Korb aus der Scheune kommt und ihn vor Erstaunen hinsetzt: ich muß ein kleines warten, bis sie mich brauchen; meinen Namen hab ich dahinten gelassen; er ist in Zürich Fabrikant!

Es ist wirklich nur noch ein kleines; fünfmal kommt er noch Sonntags auf seinem Pferdchen nach Brugg, im Gasthof zum Sternen die Schaffhauser Zeitung zu lesen, und jedesmal sind es der Sturmnachrichten mehr: Im Waadtland fängt es an mit der lemanischen Republik; wohl rufen die Berner den Landsturm auf gegen die eindringenden Franzosen, und Tausende folgen den Sturmglocken, aber die Kräfte sind verzettelt; als es dem tapferen Oberst von Grafenried gelingt, die Welschen im Sensetal blutig zu schlagen, ist der Sieg umsonst, weil unterdessen der General Schauenburg nach dem Gefecht bei Fraubrunnen an einem Märzmittag in Bern eingezogen ist und der unbesiegten Stadtherrlichkeit eines Jahrtausends ein unrühmliches Ende gemacht bat.

Wie Heinrich Pestalozzi zum sechstenmal geritten kommt, steht von eilfertigen Patrioten aufgerichtet auch schon in Brugg der Freiheitsbaum: es ist vorüber mit der alten Eidgenossenschaft der Landstände; die Tagsatzung in Aarau muß im Zwang der französischen Waffen die Helvetische Republik proklamieren. Obwohl der Baum ihm immer noch zu dünn und ohne Wurzeln ist, steigt er ab von seinem Tier und tauscht den Bruderkuß. Im Sternen will man ihn deshalb hänseln, er aber fährt sie zornig an: Die alte Welt konnte von Heinrich Pestalozzi nur noch den Namen gebrauchen, vielleicht, ihr Herren, daß in der neuen Platz für mich selber ist!

70.

Heinrich Pestalozzi weiß wie wenige im Land, daß die Freiheit eines Volkes andere Dinge verlangt, als daß ihm die Ketten einer ungerechten Verfassung abgenommen werden: der Baum, den sie im Wald abschneiden und ohne Wurzeln in die Straße pflanzen, scheint ihm ein passendes Sinnbild solcher Freiheit. Er aber ist auf seinem Neuhof der Armennarr geworden, weil er einen Freiheitsbaum mit Wurzeln wollte: Ein Volk, das sind tausend und viele tausend Einzelne; jeder Einzelne aber bringt eine lebendige Menschenseele mit auf die Erde, und wer diesen Seelen ein Gärtner ist, daß sie in der Jugend Wurzeln schlagen können zu einer wirklichen Anschauung der Weltzusammenhänge, tut mehr für die Freiheit, als wer einen neuen Zaun mit prahlenden Fähnchen an den Toren um den Garten zieht. Von allen Figuren um Lienhard und Gertrud steht ihm der Leutnant Glüphi am nächsten, der sich kein besseres Los auf der Welt findet, als den Dorfkindern in Bonnal ein Schulmeister zu sein; und seit dem Tag, da die Helvetische Republik Raum für solche Dinge gibt, brennt Heinrich Pestalozzi vor Begierde, es seinem Leutnant gleich zu tun.

Gleich in den Frühlingstagen der jungen Republik geht er hinüber nach Aarau, sich dem Vaterland anzubieten. Er findet es ungünstig, indem der zuständige Minister, an den er durch Lavater dringend empfohlen ist, noch in Paris weilt. Trotzdem spürt er gleich, daß die Lebensluft der neuen Verhältnisse ihm günstiger weht; sein Name schließt Türen auf, an die er bisher vergeblich klopfte, und als er einen Brief hinterläßt, weiß er sicher, daß in den Aktenfächern kein Stockfisch daraus wird.

Der neugebackene Minister der Künste und Wissenschaften Albert Stapfer ist vordem Professor der Philosophie in Bern gewesen; er kann Heinrich Pestalozzi nicht freundlicher gesinnt sein, als es Iselin und Battier vor ihm gewesen sind, aber seine Ministerhände greifen breiter als die ihrigen; auch kehrt die neue Regierung noch scharf als neuer Besen, und unter den Männern in der Schweiz ist keiner, der aufrichtiger dabei helfen will, als der Einsiedler und Armennarr vom Neuhof. Stapfer ist kaum aus Paris zurück, als ihn die Bürger von Aarau schon fast täglich mit Heinrich Pestalozzi unterwegs sehen. Er lutscht noch immer an seinem Halstuchzipfel und stellt auch sonst neben dem feinen und gewandten Stapfer einen altmodischen Großvater vom Land vor; aber hier kennen und ehren ihn viele, die ihm nun die lange Schicksalszeit auf Neuhof als ein Martyrium der neuen Herrlichkeit anrechnen; denn in Aarau als Vorort ist man mit der Helvetischen Republik nicht übel zufrieden.

Stapfer, der voll eigener Ideen ist, will zuerst der allgemeinen Schulnot des Landes durch ein Lehrerseminar abhelfen, durch das endlich andere Männer als Schneider und Schuster in die Dorfschulen kämen; er tritt eines Tages auf der Straße mit dem Einfall auf ihn zu, daß er die Leitung übernehme. Aber Heinrich Pestalozzi hat gerade Kindern zugehört, die in einem schattigen Winkel Schule spielen und sich mit dem Prügelstock und Geschrei den Katechismus abhören; die ganze Sinnlosigkeit dieses Betriebes ist ihm aufgegangen als ein Handwerk, das weder Werkzeug noch Fertigkeiten hat, und wehmütig lächelnd entgegnet er dem Minister: Wie soll man etwas lehren können, was noch keiner kann? Es hilft nichts, Bürger Minister, ich muß erst Schulmeister werden!

71.

Heinrich Pestalozzi hat dem Minister den Plan einer Armenschule eingereicht; der ist genehmigt worden, und er wartet auf die Anweisung, wo er beginnen könne, als der neue Besen der Regierung schon im Stiel zu wackeln beginnt. Im Juni soll der Helvetischen Republik der Huldigungseid geleistet werden; aber die Urkantone, die unter dem tapferen Reding den unerbetenen Geburtshelfern aus Frankreich bis zuletzt blutigen Widerstand geleistet und bei Morgarten dem Schlachtenruhm der Väter ein neues Blatt beigefügt haben, bleiben halsstarrig. Sie werden von den französischen Heerhaufen überwältigt, aber sie geben ihr Herz nicht aus der Hand. Ehe Heinrich Pestalozzi es merkt, sieht er sich dem Uhrwerk in Aarau eingefügt, das solchem Widerstand zum Trotz die neue Schweizerzeit einlaufen soll: es gilt, Aufrufe zu schreiben, redlich und einleuchtend genug, zum wenigsten die Gutwilligen für die neue Ordnung zu gewinnen. Es sind keine Nachforschungen mehr, was er schreibt, es sind die quellenden Worte eines Fürsprech, der das Schicksal des Angeklagten in die Macht seiner Rede gelegt sieht. Für ihn ist die Sache Frankreichs die Entscheidung der Menschheit; wenn sich die Schweiz ihr abwendet, ist sie für lange verloren: »Ihr tretet jetzt hin, die Sache der Telle und Winkelriede gegen alle Geßler, die Sache der Völker gegen alle Unterdrücker -- die Sache der Kirchen und Schulen, der Vernunft und des Fleißes gegen die Barbarei Dummheit, Bettelei und das Elend zu verteidigen!« Wieder wie in Stäfa steht er mit der Macht seiner Rede im Kampf, aber diesmal geht sie ans ganze Schweizervolk; ihm zuliebe hat er Fürsprech werden wollen aus den Griechenträumen seiner Jünglingszeit, nun ist es zum zweitenmal Wahrheit geworden.

Als auch die Gewalt zu Aarau es mit einem Regierungsblatt versucht, den guten Willen und die Einsicht ihrer Machthaber in alle Köpfe zu predigen, ist Heinrich Pestalozzi der Mann des Schicksals, es zu leiten: statt in eine Armenschule sieht er sich in die Redaktion des Helvetischen Volksblattes gesetzt, das vom Herbst ab wöchentlich erscheinen soll. Es wiederholt sich alles, denkt er, der es vordem mit seinem Schweizerblatt schon auf eigene Hand versucht hat. Aber die eigene Hand ist besser daran gewesen, sie hat schreiben können, was sie wollte; hier kommen andere mit ihren Schriftstücken: er ist schließlich nichts als ein Sekretär, der sich mit dem guten Willen und der Torheit seiner Vorgesetzten herumschlägt. Auch was er selber schreibt, wird ihm diktiert, und da er nichts ohne sein Herz vermag, steigert er sich in einen blinden Glauben hinein, aus dem er redet und schreibt, als ob das alles sein Herzblut wäre.

Am 8. September endlich erscheint die erste Nummer, tags darauf aber tut das Schicksal einen Schlag auf seinen Redaktionstisch, daß ihm die Spreu seiner politischen Leitartikel für immer durcheinanderfliegt. Er ist unterdessen mit der Regierung als ihr unlösbares Anhängsel nach Luzern gezogen, der neuen Hauptstadt der Helvetischen Republik, wo ihm die Berge der Telle und Winkelriede, von denen er geschrieben hat, täglich vor Augen stehen. Auch fährt er eines Tages mit Legrand von Basel und anderen Räten aus dem Direktorium über den grünblauen See in die enge Bucht von Stansstad, wo sie unter freiem Himmel eine Besprechung mit den aufständischen Nidwaldern haben, die der Republik den verlangten Eid verweigern. Er ist den Bollwerken der heimatlichen Unabhängigkeit noch nicht so nahe gewesen, und als er aus dem Kahn ans Ufer tritt, möchte er sich vor Ehrfurcht hinwerfen, den heiligen Boden zu küssen. Er sieht aber auch den Husarenkapuziner, wie sie ihn nennen, den Pater Paul Styger, den roten Zünder der fanatischen Volksbewegung; in Todesfeindschaft stehen sie auf dem geheiligten Boden gegeneinander, die in beiden Lagern doch Schweizer und um der selben Heimat willen voller Feindschaft sind. Wie leicht ist der Haß der Menschen aufzurufen und wie schwer die Güte! denkt er und fühlt mit einem schaudernden Blick in sein Leben, daß er nun selber Partei ist: mit anderen, aber nicht besseren Gründen als diese Männer aus Nidwalden auch, die alle ihre Hände wie zum Schwur übereinandergelegt halten und gleich den Stieren ihres Landes dastehen, die vermeintliche Freiheit der Väter zu verteidigen.

Da die Nidwaldener es nicht bei ihrer Weigerung belassen, sondern sich zu zweitausend waffenfähigen Männern um den Husarenkapuziner scharen, die von Uri und Schwyz Zuzug erhalten und so dicht vor den Toren der Hauptstadt Luzern eine böse Gefahr für die junge Republik bedeuten, zumal die katholischen Luzerner selbst mehr zu den Nidwaldenern als zu der ketzerischen Regierung halten: ruft die den General Schauenburg zu Hilfe. Der rückt mit sechzehntausend Franzosen an, das Ländchen zum Gehorsam zu zwingen; drei Tage brauchen sie nach den ersten Schüssen, bis sie vor Stans aneinander kommen, aber dann ist es kein Soldatenkrieg mehr: Frauen und Kinder, alles, was einen alten Morgenstern, ein Beil oder eine Sense tragen kann, ist dabei, und als die Franzosen am Sonntag mittag mit dem Glockenschlag zwölf in Stans einrücken, gilt es nicht den Sieg, sondern den Anfang einer grausamen Metzelei. Es ist den Nidwaldern eingeredet worden, daß es um den Glauben gehe, drum wollen sie lieber sterben, als in die Hände der Ketzer fallen. Jedes Haus wird eine Opferstätte verrückter Menschlichkeit, tief in die Nacht geht der wahnsinnige Kampf, und am Morgen ist das blühende Stans ein rauchendes Ruinenfeld, darin die Leichen wie geerntete Feldfrüchte liegen. Nur der Husarenkapuziner, der ihnen unverwundbare Leiber und Engelscharen versprochen hat, ist über die Berge davon.

Hunderte von Luzernern sind -- weil es Sonntag ist -- auf die unteren Abhänge des Pilatus und auf den Bürgenstock gestiegen, um dem schrecklichen Schauspiel wie einem Manöver zuzusehen. Heinrich Pestalozzi war nicht unter ihnen, aber er hat in Luzern die fernen Kanonenschläge gehört und noch in der Nacht Nachricht von dem Greuel des Tages erhalten. Drei Tage später fährt er hinüber und sieht den rauchenden Kirchhof, wo die Luft nach den verbrannten Leichen riecht und die schwälenden Rauchsäulen der erstickten Brände den Gefallenen die Totenwacht halten. Lebendiges scheint außer den französischen Soldaten, die mit verbitterten Gesichtern noch immer Totengräberarbeit tun, niemand mehr in Stans zu sein; was die Franzosen nicht niedergemacht haben, ist in die Berge geflohen; nur ein Trüppchen Kinder sieht er, das sich in seiner Verzweiflung unter der Kirchmauer geschart hat und, von einigen Soldaten bewacht, kaum anders aussieht als ein Haufe jungen Schlachtviehs. Er hat im Ranzen Nahrung für sich selber mitgebracht, die teilt er ihnen aus, und was er an Geld bei sich hat, gibt er eilig den Soldaten, daß sie ihm Brot holen unten am See, wo schon Kähne mit Nahrungsmitteln angekommen sind. Auch spricht er mit den Kindern und läßt sichs nicht angehen, daß kaum eines eine Antwort gibt; er vergißt Zeit und Ort um ihrer Not willen und ruht nicht, bis er sie alle in der Klosterscheune gebettet hat, weil im Kloster selber die verwundeten Soldaten bis in den Gängen liegen; erst, als er sie endlich schlafend weiß, sucht er sich selber ein Lager.

So bleibt er drei Tage lang mit ihnen und ist glücklich bewegt, als sich das Trüppchen mehrt; am vierten Mittag findet ihn ein dringender Bote aus Luzern um der fälligen Nummer des Helvetischen Volksblattes willen. Er braucht lange, bis er sich in die Papierwelt seines letzten Daseins zurückbesonnen hat; er schüttelt den Mann, der ihm folgt, jähzornig ab und wäre so ein Armer unter den Ärmsten geblieben, wenn er nicht dem Minister Rengger in die Arme gelaufen wäre, der auch diese Ernte der neuen Regierung besichtigen und einen Bericht machen will: Sollen wir nicht ein paar Tausend Volksblätter kommen lassen, sagt er ingrimmig zu ihm, und die Tränen quellen ihm aus allen Rinnen seines Gesichtes, das Elend einzuwickeln?

Ein Waisenhaus wäre nötiger, sagt Rengger und stellt sich hart wider ihn. Da ist Heinrich Pestalozzi schon am Nachmittag wieder in Luzern, um keine Stunde zu versäumen, das zu erreichen.

72.

Es dauert drei lange Monate, bis die Regierungsherren in Luzern sich einigen, Heinrich Pestalozzi nach Stans zu lassen. Es ist die letzte Wartezeit, doch wird das Vierteljahr ihm länger als Jahre vorher, so drängt die Ungeduld, endlich aus dem Stauwasser seiner Schriften in Fluß zu kommen. Er würde in den höchsten Alpen, ohne Feuer und Wasser, anfangen, wenn man ihn nur einmal anfangen ließe.

Endlich im Dezember beschließt das Direktorium der Helvetischen Republik, dem Bürger Pestalozzi die Einrichtung und Leitung eines Waisenhauses in Stans zu übertragen; er wartet die Ausfertigung nicht ab und fährt schon am zweiten Tag danach über den nebeligen See, um bei der Baueinrichtung dabei zu sein. Die Anstalt soll in einem Flügel des Frauenklosters eingerichtet werden, und der Baumeister Schmidt aus Luzern geht mit hinüber, die notwendigen Veränderungen zu machen. Da schon im Herbst eine scharfe Kälte eingefallen ist, sodaß den Bauern die Erdäpfel in den Feldern erfroren sind, hat der Hunger die Bettelwaisen aus ihren Schlupflöchern in die Häuser gejagt, wo ohnehin schon zuviel hungrige Mäuler warten. Längst schon, bevor er Betten und die sonstige Einrichtung hat, fängt Heinrich Pestalozzi an, Brot zu verteilen und dabei seine Zöglinge zu suchen; als er Mitte Januar die ersten Waisen bei sich hat, kann er zunächst an keinen Unterricht denken, so verelendet sind sie.

Es ist nur eine Stube fertig, sie aufzunehmen, und überall in den Gängen werkeln die Bauleute noch mit Staub und Lärm. Tiere könnten nicht so verwahrlost sein wie diese Menschenkinder, die mit eingewurzelter Krätze und aufgebrochenen Köpfen, viele wie ausgezehrte Gerippe, gelb, grinsend, mit Augen voll Angst und Mißtrauen von den Verwandten oder auch vom Landjäger in den Kreis seiner Liebe gebracht werden. Es ist anfangs kein Platz da, außer einer Haushälterin in der Küche irgendwen zur Hilfe unterzubringen; auch wenn es ginge, Heinrich Pestalozzi möchte es nicht. Damals in den rauchenden Trümmern hat das Mitleid sein Herz hineingerissen; jetzt aber gilt es das Experiment seiner Lehre: daß auch in dem niedrigsten Opfer der menschlichen Verwahrlosung noch ein Keim läge, der zum Dasein einer sittlichen und freien Menschlichkeit gepflegt werden könne. Er weiß, daß der Zwang einer äußeren Ordnung, Ermahnungen oder gar Strafen die Herzen nur verhärten würden, aus denen er dem Keim die erste Nahrung geben will; nur die Liebe vermag ihn zu wecken, und was diese Liebe von ihm zu tun verlangt, das vermöchte ihm kein anderer: er schält sie selber aus ihren Lumpen heraus, er wäscht ihnen die Geschwüre und die Krusten der Verwahrlosung ab, als ob er eine Tiermutter wäre in dem Winterlager, wohin sie die Not und Kälte aus der verschneiten Bergwelt getrieben hätten. Er ißt und schläft mit ihnen, er weint mit ihren Leiden und lächelt zu ihren kleinen Freuden, sie sind außer der Welt und außer Stans, sie sind bei ihm, als ob sie wieder in den Ausgang ihres Lebens zurückgekehrt wären, um hier den Mut zu finden, nach so vieler Bitterkeit das Dasein noch einmal zu versuchen.

In kaum einem Monat sind es siebzig Waisen, und obwohl allmählich mehr Stuben fertig werden und auch schon fünfzig Betten dastehen, sodaß er ihrer nur zwanzig am Abend heimschicken muß, die tagsüber kommen, ist er immer noch allein unter ihnen. Der Pfarrer Businger, den die Regierung an Stelle des entwichenen nach Stans gesandt hat, und der Bezirksvorsteher Truttmann -- beides wohlgesinnte Männer, die tapfer zu ihm stehen -- drängen darauf, daß er sich Hilfe nähme. Er fände keinen, der ohne Schaden zwischen ihn und die verscheuchten Seelen seiner Zöglinge treten könnte.

Als die Frühlingssonne den Schnee wegschmilzt, daß sich die grünen Matten immer höher hinauf in die weißen Berge heben, ist in der verwahrlosten Schar die Menschlichkeit schon äußerlich zu Hause; die älteren Kinder helfen ihm, daß sich die kleineren sauber halten, die ordentliche Nahrung hat vielen die Backen gerötet, und nun wartet er, daß die Frühlingssonne sie bräune. Einige lockt ihr Straßenblut, und manchmal geschieht es, daß eins in der Dämmerung entwischt, andere kommen dafür wieder: es ist ein wenig wie ein Bienenstock, wenn die Wärme drängt. Er läßt es sich nicht verdrießen, so sehr ihn der Undank und die Untreue schmerzen; denn nun ist er längst in den Dingen mit ihnen, die ihm mehr gelten als ordentliches Essen und saubere Kleidung. Der Seelenfänger hat ihnen die Schlingen gelegt, und ob ihn das Mitgefühl hinreißt, wo ein Schmerz oder eine Freude an sie kommt, ob er mit seinen Großvaterbeinen treppauf und -ab rennen muß und zwanzig Hände zu wenig wären, alles das zu tun, was auf ihn wartet: es sind nur die Spinnfäden seiner Absicht, die er unermüdlich um ihre Seelen legt; er selber sitzt still mitten im Nest und wartet auf die Stunden, wo er seine Lehre an ihnen versuchen darf.

73.

Längst hat Heinrich Pestalozzi angefangen zu unterrichten; anfangs ist er sich vorgekommen wie der alte Lehrer, zu dem ihn das Babeli brachte; auch so mit der Ungeduld seines Alters im Gedränge ihrer Wünsche und Fragen: wo es schwer wäre, mit einem Frager fertig zu werden, sind es Dutzende, und dabei sitzen die Trägen noch immer abseits in ihrer Untätigkeit. Doch merken sie bald, wenn er sich laut sprechend hinstellt, daß sie alle nur sein einziger Zuhörer sind. Er lehrt sie, seine Sätze im Chor zu wiederholen, und lockt Antworten heraus, die sie gemeinsam sagen können; täglich gewitzter in dieser Kunst, die auch die Unaufmerksamen in seinen Sprachkreis zieht, entdeckt er das Geheimnis der Klasse, die aus dem Vielerlei von Schülern ein Wesen macht, sodaß es gleich ist, ob ihrer drei oder dreißig dasitzen. Dabei nimmt er sich ängstlich in acht, etwas Fremdes in sie hineinzusprechen; immer lauert er, wo ihre Sinne und Gedanken sind, um sie für sich einzufangen. Irgendwo ist ein Riß in der Wand, der wie ein seltsames Tier aussieht, einen langen Schnabel wie eine Ente, aber Füße wie ein Maikäfer hat; ob sie wollen oder nicht, wenn ihre Blicke durch den Raum gehen, hängen sie daran fest: er fängt ihnen das Ungeheuer ein in Sätze, die sie willig nachsprechen, weil sie von ihnen selber gefunden sind.

Einige haben Bücher, und ein paar können sogar ein weniges lesen; er zeigt den andern, wo diese Hexenmeisterkunst ihre Herkunft hat. Er läßt sie in den Worten die tönenden und zischenden Laute finden und macht ein lustiges Spiel daraus, ihrer zwei miteinander zu verbinden, jeden einzelnen durchs Abc hindurch; dabei schont er sich nicht, unermüdlich das ba, be, bi, bo mitzusprechen, bis ihm die Stimme in der Brust schartig wird; manchmal kommt er sich vor wie ein Hahn, wenn er schwitzend dasteht und mit ihnen kräht. Bis eine Stunde mit Minuten und ein Tag mit Stunden abgelaufen ist, läßt sich viel hineinfüllen, und Tag für Tag geht es verzwickter zu, vom bal, bel, bil, bol, bul zum balk, belk, bilk: immer anders marschieren die Soldaten aus ihrem Mund auf, bis ihnen alle Übungen, rechts- und linksum, kehrt und vorwärts marsch gleich geläufig sind. Und eines Tages läßt er für die Augen sichtbar werden, was solange nur durch Mund und Ohren ging.