Part 24
So erlebt er seinen siebzigsten Geburtstag einsam und düster, und auch die Zustände in der Anstalt sind nicht mehr so, daß sie ihn aufheitern könnten. Als ob er nur den Tod der Hausmutter abgewartet hätte, ist der Lehrerstreit heftiger als je ausgebrochen; die Kränze liegen noch auf ihrem Grabhügel, da sind die Hände, die sie banden, schon wieder in Feindschaft geballt. Sie haben den Tiroler gerufen, daß er Ordnung in die Verwahrlosung brächte, nun er Unmenschliches leistet, die Anstalt zu retten, nehmen sie Anstoß an seinen Mitteln: Obwohl nur noch achtundsiebzig Zöglinge da waren, als er kam, lebten zweiundzwanzig Lehrer von den Einnahmen; er kündigte den Entbehrlichen und kürzte das Gehalt der andern, er sorgte für einen Stundenplan, der die Lehrkräfte ausnützte, und sah unbeugsam darauf, daß er eingehalten wurde; er richtete eine Buchführung ein, darin kein Rappen seitwärts ging, und räumte mit den Niedererschen Verlagsgeschäften, der Buchhandlung und Druckerei auf. Auch kann ihm niemand nachsagen, daß er den eigenen Vorteil suche, weil er am ersten Tag seine mühsamen Ersparnisse ohne Schein und Zins in das Loch der Verschuldung hineingeworfen hat. So ist er in Wahrheit der unabänderliche Stundenschlag, der alles bedrängt, was faul und sorglos ist.
Der, den es am ärgsten trifft, ist Niederer; er war die rechte Hand und soll nun gehorchen, wo die linke kommandiert. Mehr als je hält er sich für den Herold der Methode und verachtet den unwissenden Rechenmeister: so wird er die Brandstelle für die Verstimmung der andern. Verbittert durch den Undank, und daß sie ihm mit ihrem Streit diese Zeit entweihen, stellt sich Heinrich Pestalozzi selber vor ihren Groll, Schmid zu schützen; um zu erfahren, daß sich seit den Tagen Steinbrüchels nichts für ihn geändert hat: kein Lehrer damals hat ihm seine Mängel grausamer vorgehalten, als es nun die eigenen Gehilfen tun, und namentlich Niederer führt eine Sprache, als ob er nur das verunreinigte Gefäß von Ideen wäre, die in seinem Feuer viel reiner und mächtiger brennten. Ach, daß ich einmal gerade und einfach meine Straße gehen könnte, klagt Heinrich Pestalozzi, statt immer auf die Folter meiner Unfähigkeit gespannt zu sein!
Darüber wird es Pfingsten, und die Konfirmanden der Anstalt sollen durch Niederer in die Christengemeinschaft aufgenommen werden; um der besonderen Feierlichkeit willen sind auch viele Einwohner in der Schloßkapelle, als er die Kanzel besteigt. Vorher haben die Zöglinge eine Kantate aufgeführt, und wie draußen im jungen Grün ist in den Herzen drinnen die Stimmung des Festes, das so seltsam dem Geist in der Menschheit gewidmet ist, dem Heiligen Geist, der nach dem apostolischen Glaubensbekenntnis sogar gleich dem Vater und Sohn als göttlich verehrt wird. Das merkwürdige Mädchenwort seiner sterbenden Frau von Siegfried und Christus ist Heinrich Pestalozzi noch nicht so aufgeblüht wie an diesem Pfingstmorgen, wo es ihm wunderlich an die Schläfen klopft, um wieviel heller und siegfriedhafter die Gestalt Christi in dieser Erscheinung geworden ist als in seinem ganzen Leben von Bethlehem bis Golgatha. Der Geist macht lebendig, sagt er glückselig vor sich hin, indessen der Brustton Niederers mit wahren Wortschauern über die Versammlung regnet. Und merkt erst, daß etwas geschieht, als die Worte, die eben noch so rauschend flossen, gehackt und heiser in die Stille fallen, die sich ihnen erschrocken entgegenstellt. Und auch dann muß er seine verstörte Seele lange an der Schulter rütteln, daß es Wirklichkeit sei, wie Niederer sich auf der Kanzel mit hadernden Worten von ihm lossagt und ihm am Pfingstfest vor der Gemeinde sein Amt hinwirft.
Der Zorn faßt ihn augenblicklich, und er hört seine Löwenstimme durch den Raum schallen, ihm den Frevel zu verweisen, bevor er die Worte bedenken kann. Der rote Niederer bringt danach seine Rede zu Ende und spricht auch das Gebet zum Schluß wie sonst; es ist Heinrich Pestalozzi, als müsse ein Wasser einbrechen und sie alle hinausschwemmen, die statt einer Pfingsterbauung nur die Häßlichkeit dieser Zänkerei in der Seele haben. Er spricht mit keinem, als sie hinausgehen, senkt seine Augen vor den Zöglingen und flüchtet in sein Zimmer wie ein Gerichteter: Es ist mein Haus, in dem das geschah, und es ist mein Werk, das zu diesem Ende zielte!
Andern Tags erhält er von Niederer einen Brief; er zittert, daß eine Abbitte des Frevels darin sein möchte; als er ihn öffnet, ist es eine Aufrechnung seines Stundengeldes. Unter allen Mißlichkeiten seiner Lebenserfahrung ist ihm keine so verhaßt wie die, immer wieder an den Punkt zu kommen, wo die menschlichen Verhältnisse mit Franken und Rappen bezahlt werden. Er fürchtet, daß der Streit hierin noch häßlicher auslaufen möchte, schickt ihm am selben Tag das Geld und zugleich für die geborene Kasthofer eine Generalquittung, daß er auf alle Ansprüche aus dem Mädchenheim verzichte, sich aber bereit erkläre, was sie noch etwa zu fordern habe, als gültig anzunehmen und zu bezahlen. Nur endlich fort in eine reinliche Welt, fleht er, als er die Quittung fortschickt; und die Gewißheit, zum wenigsten in Geldsachen durch das Ordnungswerk Schmids nicht mehr unfähig zu sein, gibt dem Abschied eine grimmige Tröstung bei.
Unterdessen hat der Austritt Niederers dessen Freundschaft mitgerissen; in den nächsten Tagen kündigen ihm andere Lehrer den Dienst, sodaß er zum guten Teil mit Schmid allein in der Anstalt bleibt, die dadurch in der Wurzel angeschnitten wird. Und als er sich durch diese Kündigung doch wieder in das Elend des Streites zurückgeworfen sieht, den er mit der Quittung aus dem Haus senden wollte; kommt ihm das Papier selber höhnisch zurück. Niederer und seine Gattin erkennen die Quittung nicht an; sie glauben, selber viel höhere Forderungen an ihn zu haben, deren er sich dadurch mit einer böswilligen Unterstellung entledigen wolle, und melden den Streit beim Friedensrichter an.
Es ist schon dämmerig, als er diese Nachricht erhält in Worten, die ihn als einen Satan von Bosheit und hinterlistiger Berechnung hinstellen. Und nun erst erlebt er, wie die äußere Ruhe dieser Tage eine Selbsttäuschung gewesen ist, wie das Erlebnis in der Kirche noch garnicht auf den Grund seiner Seele gekommen war: jetzt schlägt es den Bodensatz seiner Verbitterung auf; daß er meint, in Verzweiflung und Galle ausfließen zu müssen. Warum lebe ich noch! jammert er und irrt hinaus in den Abend, um aus der Welt seiner Unfähigkeit fort zu laufen. Die Sonne des Frühsommertages hat nicht alle Helligkeit mitnehmen können hinter die Juraberge; nur unter den hohen Bäumen hat der Abend seine Schatten eingesetzt, über dem See und auf den Wiesen an seinem Ufer liegt das vergessene Licht bis hinauf in den unwirklich hellen Himmel: Es ist der Dämmerungsspuk meines übriggebliebenen Daseins, fühlt er, indem er schwer gegen das aufrauschende Wasser vor seinen Füßen angeht, es will nicht Nacht werden und ist doch kein Tag mehr!
Als es Mitternacht schlägt, findet er sich in nassen Kleidern unter den Nußbäumen im Schloßgarten wieder. Sie haben ihr einen gemeißelten Stein aufs Grab gesetzt und auch da schon Raum gelassen für seinen Namen. Ach, daß ich darunter läge, weint seine verzweifelte Seele; gleich aber jagt sein Zorn auf, daß es der Boden seiner Feinde sei, darin er liegen soll. Sie haben mir schon lebendig den Grabstein aufgesetzt, schreit etwas in ihm, und als ob alle Feindschaft dieser Tage gegen ihn stände in diesem Stein, springt er ihn an und rüttelt an seiner Unbeweglichkeit und rast mit Wahnsinnskräften, bis er ihn wanken fühlt. Und obgleich Orgelstimmen in ihm aufquellen, ihn zu warnen: er vermag die Raserei nicht aus den Händen zu bringen, bis der Steinklotz sich hintenüberneigt und dumpf ins Erdreich schlägt. Da erst sieht er, daß seine Füße auf dem Grab und den zerstampften Blumen stehen; der Bann weicht von ihm, und mit einem wehen Aufschrei wirft er sich hin.
97.
Noch lange danach, wenn Heinrich Pestalozzi an diese Nacht denkt, fürchtet er, den Verstand von neuem zu verlieren, so fürchterlich ist seiner Seele der Einbruch sinnloser Wut noch in der Erinnerung. Schmid hat ihn andern Tages nach Bulet auf den Jura gebracht, wo ihn der Bergwind und die Stille in eine starke Kur nehmen. Soviel er kann, kommt Schmid abends die drei Wegstunden noch zu ihm herauf; aber er mag nichts mehr von Ifferten hören, fast abergläubisch ist seine Furcht, noch einmal in die Hölle der Feindschaft hinunter zu müssen. Ich bin wieder auf dem Gurnigelstein, sagt er bitter, diesmal endgültig, weil mich die Welt nicht brauchen kann!
Aber Schmid hat ein Heilmittel bereit, das ihn aus der Wüste wieder zu den fließenden Brunnen seines Lebens bringt. Schon vor dem schlimmen Pfingstfest ist er nach Stuttgart zu dem Verleger Cotta gefahren, um einer Gesamtausgabe der Schriften willen; er hat auch einen Vertrag zustande gebracht, aber wie günstig dessen Bedingungen sind, zeigt sich nun erst, als die Vorausbestellungen anfangen, einzulaufen. Der Kaiser von Rußland steht mit fünftausend Rubel an der Spitze, und gegen den Herbst kann Heinrich Pestalozzi aus seinem Anteil mit einer Einnahme von fünfzigtausend Franken rechnen. Das ist ein Erfolg, den er auch in hoffnungsvollen Stunden nicht erträumte; nun kommt der Segen in die Entmutigung. Also bin ich den Leuten doch nur ein Buchschreiber geblieben, sagt er zuerst noch grollend und will auch nichts mehr von seinen Schriften wissen. Als er sie endlich zur Hand nimmt, in seiner Bergstille zu prüfen, was die bittere Erfahrung dieser Jahre daran geändert habe, packt ihn allmählich doch der Eifer, das Veraltete darin neu zu sagen. Damit wird er, sich selber unbemerkt, auf die Heerstraße seines Lebens zurück geführt; er sieht wieder, in wieviel Abenteuer er für die Befreiung der Menschheit gezogen ist, und wird Blatt für Blatt aufs neue begeistert für den Sinn seiner Sendung: die Treppe der Bildung in das Haus des Unrechts zu bauen.
Selbst, was die Geißel seines Lebens gewesen ist, die eigene Unbrauchbarkeit, die er -- in seiner Krankheit nichtswürdig vollendet -- aus dem Seeboden herauf brachte in die Juraluft, hört auf, ihn zu lähmen: Ich sollte nicht anders sein, als ich da bin; Gott hat meine Seele gemacht, nicht ich; er wird wissen, warum sie solch ein unreines, undichtes und verbeultes Gefäß sein mußte! Vielleicht, oder gewiß, daß ich anders dem Menschengeist untauglich gewesen wäre, weil es doch soviel saubere und glatte Kannen gibt, darin nur Selbstgefälligkeit ist. Und darf ich wohl klagen, daß es mir übel ging, wo es meine Begnadung war, um der Menschheit willen aus Schuld Und Irrtum zu lernen?
Wenn er in solchen Gedanken von der sonnigen Bergweide hinunter sieht über den See, der von hier oben betrachtet mit seinem Becken tief in die Berge gezwängt ist wie das Tal unterm Gurnigel, kann es ihm geschehen, daß ihn schon wieder ein Lächeln anfliegt, weil er das großmächtige Dach des Zähringer Schlosses klein wie ein Spielzeug sieht: Es waren nicht seine vier dicken Türme, die mich ängstigten -- sie sind garnicht dick, ein Finger vor meinen Augen hält sie alle vier zu -- es war der babylonische Turm meiner Erziehungsanstalten. Was mir nur ein Mittel sein sollte, meine Methode klar zu machen und mir das Geld für mein Armenkinderhaus zu bringen, das ist mir in Wahrheit über den Kopf gewachsen, so hoch, daß ich vom Himmel nur noch das Viereck über meinem Gemäuer sah. Hätte ich Waisenvater in Stans bleiben können, wäre meine Welt klar und einfach und übersichtlich für meinen Verstand geblieben. Ich hätte es schwerer gehabt, gleichviel, ich wäre glücklicher gewesen! Und Heinrich Pestalozzi freut sich wie ein Knabe, als er auf der Kuhweide in Bulet ein Wort findet, das ihm alle Qual der letzten Monate in einen bittersüßen Scherz umkehrt: Weil ich es leicht hatte, weil ich es mir zu leicht machte, nur darum bin ich unglücklich geworden! Und jedesmal -- wie ein Sennbub wettend die Hand hinhält -- steht hinter dem Wort und dem Gedanken sein Mut schon wieder auf beiden Beinen da: Topp, was gilts? Mein Leben hat noch Raum, glücklich zu werden!
Als er im Herbst von seinem Berg herunter kommt, nußbraun von der Sonne, daß seine Augen wie zwei Porzellanschilder darin stehen -- hat ihm Schmid in die Hand versprochen, daß er den Traum seiner Seele, sein Armenkinderhaus, sogleich versuchen darf.
Er findet ein Gebäude dafür in dem benachbarten Clindy; denn nun hat er keine Fluchtgedanken mehr: meine Welt ist überall! sagt er, der sich mit den Einnahmen aus seinen Schriften fürstlich genug vorkommt, die Heimat des Werkes selbst zu wählen. Auch Gottlieb, der Enkel, der von den Frauen einem Gerber in die Lehre gegeben war -- damit er einmal fester als sein Großvater im Leben stände -- und der ihm zu Neujahr fröhlich wiederkommt, will gern hier bleiben, wo seine Mutter und die Großmutter begraben liegen. Ich habe meinen Jungbrunnen wieder! sagt Heinrich Pestalozzi, und als er in sein dreiundsiebzigstes Jahr tritt, liest er den Seinen zum Geburtstag eine Rede vor, die ihnen und der Welt ein Testament seiner befreiten Stimmung sein soll; sie schreitet Schritt für Schritt noch einmal die Absichten seines Lebens ab, um mit dem letzten in Clindy am Ziel zu sein. Gleich für den Neuhof hat er die Betteltrommel rühren müssen, und bis ins Alter sind ihm die Geldsorgen auf den Fersen geblieben: jetzt endlich einmal steht er selber als Stifter da, und keine Stunde in seinem Dasein ist er so stolz im Glück gewesen wie nun, da er die fünfzigtausend Franken als ewiges Kapital für seine Anstalt in Clindy stiftet.
Es ist die Höhe seines Lebens, die er nun in der dünnen Luft seines Alters doch noch erreicht. Als ich auszog, war ich Einer; jetzt sind es Tausende in der Welt, die meinem Gedanken diese Hülfe bringen! Aus dem Einsiedler im Neuhof ist eine Gemeinde in Europa geworden; mein letztes Werk in Clindy soll dem Menschengeist in Europa eine andere Stunde der Befreiung einläuten als das Jakobinertum der Revolution! In Stans, wo ich meine Schulmeisterschaft begann, ist auch die Heimat von Winkelried, der in der Schlacht bei Sempach dem Vaterland mit seiner Brust eine Gasse durch die Lanzen machte: mir hat es die Brust zerstochen gleich ihm, aber nun ich sterben gehe, schallt Sieg um mich, weil ich die Gasse der Menschenbildung gebrochen habe!
98.
Es sind die Sturmtage mit jagenden Regen- und Hagelschauern, die das schönste Abendrot auftun und die Berge mit den Wolken in eine Herrlichkeit verklären. Aber leicht ist dann noch hinter den Bergen ein Hinterhalt der kalten Winde, die den Nachthimmel doch wieder mit schwarzem Sturmgewölk bedecken, als ob der Aufruhr nun in die hohen Lüfte gekommen wäre, indessen die Nacht sich ruhig in die Täler der Erde legt. So brennt die Abendröte Heinrich Pestalozzis in die letzte Täuschung hinein: er hat die fünfzigtausend Franken aus den Händen gegeben, ehe sie darin waren; erst nach drei Jahren kommt eine Rate von zehntausend Franken an; so kann er die Anstalt auftun, aber nicht halten. Niederer hat den Streit um Mein und Dein zu einem Prozeß gemacht. Demütigung und Trotz, Zorn und Verzweiflung, Liebe und Verrat: alles jagen die kalten Winde aus dem Hinterhalt der Berge in den Sturmhimmel der sinkenden Nacht.
Noch sechs lange Jahre bleibt Heinrich Pestalozzi in Ifferten, und immer mehr entsinken die Zügel seiner zitternden Hand; wohl hält Schmid die Peitsche, die Pferde doch noch in den Stall zu bringen, aber längst schon ist es kein fröhlicher Trab mehr, den sie laufen; sie sind vom Weg gekommen, und ihre Beine stapfen im Moor, das die Räder versinken läßt, bis keine Hoffnung bleibt, den Wagen zu retten: sie müssen abspannen vor der Nacht und mit den Pferden den Heimweg nach dem einsamen Licht suchen, das aus der Ferne leuchtet. Es kommt vom Birrfeld, wohin sein Enkel Gottlieb mit der Schwester Schmids, als seiner jungen Frau, ihnen voraus gegangen ist, den dritten Hausstand im Neuhof zu versuchen. Am letzten Februar seines achtzigsten Jahres nimmt Heinrich Pestalozzi Abschied von dem Grabstein unter den Nußbäumen; seine Hände sind nicht mehr stark genug, daran zu rütteln, und in seiner Seele rast kein Zorn mehr: Ich muß heim, Anna, klagt er, du bleibst unter deinem gemeißelten Stein; ich armer Müdling gehe bei den Enkelkindern im Birrfeld eine Zuflucht suchen. Aus Reichtum und Armut kamen unsere Wege zusammen, nun scheidet sich der meine in die Armut zurück; dich lasse ich im Schloß, als dessen Herrin sie dich begruben!
99.
Der Schnee vergeht im Tauwind, und die Wasserrinnen ziehen schwarze Striche hindurch, als Heinrich Pestalozzi nach siebenundfünfzig Jahren zum zweitenmal auf das Birrfeld kommt: Es gibt keinen Punkt auf diesem meilengroßen Kirchhof, sagt er zu Schmid, darauf ich nicht eine Erinnerung als Grabstein stellen könnte! Aber wie sie gegen den Neuhof fahren, steht Lisabeth da, die fast ein halbes Jahrhundert lang seine Schaffnerin gewesen ist, und hängt Kinderwäsche in den Wind. So bin ich auch noch Urgroßvater geworden! will er sagen, aber der Boden seines Lebens bricht durch, daß Anna und Jakob, sein Enkel Gottlieb mit seiner Frau nichts mehr als die Erinnerung eines fremden Romans in seiner Seele sind. Ich habe mich verspätet, Babeli, ruft er und will aus dem Wagen zu ihr hinspringen; doch sind ihm die Beine steif von der langen Fahrt, und ehe er an die Gartentür kommt, steht Lisabeth statt ihrer vor ihm und nimmt ihn an der Hand: Wir haben erst für morgen auf Euch gerechnet, Herr Pestalozzi, aber die Suppe wird bald gerichtet sein! Er sieht ihr hartes, treues Gesicht und findet das Babeli nicht; als ob er sich verirrt hätte, tritt er in das Haus. Auch als sie ihm den Urenkel darbringen, betrachtet er das eigene Geschlecht kopfschüttelnd wie ein fremdes und beugt sein braunes Runzelgesicht über das Kissen, als ob er sich vor ihm entschuldigen müsse: Ich will hier nur den andern Wagen abwarten, sagt er und merkt nicht, daß seine Tränen dem Säugling ins Gesicht tropfen, bis der ein Geschrei anhebt und in die Kammer zurückgebracht wird.
Als danach die letzten Leintücher des Winters aus dem Birrfeld verschwinden und die Quellen wieder klar fließen, geht er viel um den Neuhof herum, die Obstbäume zu suchen, die noch aus seiner Zeit stehen geblieben sind -- es ist mancher ein Krüppel geworden, den er noch als schwankes Stämmchen kannte -- da drängen sich die Grabsteine seiner Erinnerung am dichtesten, und je nachdem sie lustig oder ärgerlich sind, kann er zornig brummen oder lachen. Wenn ihn die Birrer so sehen, wie er mit dem Halstuchzipfel im Mund seine ewige Unterhaltung hat, sagen sie, er sei kindisch geworden; aber die Alten, die ihn noch kennen, wehren ab: so sei er immer gewesen, im Streit mit den eigenen Gedanken. Daß sie ihn die schwarze Pestilenz nannten, will keiner so recht mehr wissen; alle aber wundern sich, wie er mit seinen achtzig Jahren noch rüstig zu Fuß ist und weder einen Gang nach Brugg oder hinauf nach Brunegg anschlägt, wo die Frau Hünerwadl -- ehemals seine Schülerin zu Ifferten -- ihm noch immer wie eine Tochter anhängt. Wenn ihm der Berg zuviel geworden ist in der Maisonne, fordert er sich von ihr ein Ruhebett, ein Stündchen friedlich zu schlafen. So lebt er den ersten Frühling, als ob er nur auf den Tod warte und von der Rastlosigkeit seines langen Lebens allein noch seine schrulligen Gewohnheiten hätte.
Wie dann aber die Maienblust auch im Birrfeld ihre weißen Fahnen weht mit Wolken und Blühebäumen und in Schinznach wieder die Helvetische Gesellschaft tagt, in der er vor einundfünfzig Jahren den Vortrag des Landvogts Tscharrner hörte, läßt er sich hinüber fahren und erscheint unter den Jungleuten, die da im Geist ihrer Väter und Großväter raten. Es lebt keiner mehr aus jenen Tagen, und so steht er erschüttert am selben Ort und in der selben Stube unter den fremden Gesichtern einer neuen Zeit; aber es sind wenige da, die ihn nicht kennen, und auch diese Wenigen schätzen es als ein Glück, den Greis zu sehen, der wie eine ehrwürdige Gestalt der Vorzeit in ihre Gegenwart eintritt. Und so erlebt Heinrich Pestalozzi noch einmal, daß es außer den Zürcher Humanisten und den Berner Aristokraten doch andere Schweizer gibt, die ihm innig anhängen; und daß es die besten seines Volkes sind, die sich hier treffen, weiß er aus seinen Tagen. Es wird ein Jubel ohne gleichen, als sie ihn zu ihrem Präsidenten wählen; und wenn er sich wie ein dürres Eichblatt vorkam, als er eintrat, vom Wind in ihr junges Grün geweht: so geht er andern Tags fort in dem Gewühl eines Baumes, der seine Blätter rauschen hört.
Seit diesem Maitag drängen die Säfte noch einmal hoch, die ihm selber in der Vereinsamung und Enttäuschung der letzten Jahre eingetrocknet schienen. Seine Wurzeln haben die Heimat wiedergefunden; aber es ist nicht das Birrfeld, es ist das ganze Schweizerland, darin er sich gewachsen fühlt, indessen zu Ifferten nur das Gezänk von Lehrern und Zöglingen war. Nun braucht ihn niemand mehr an die noch ausstehenden Bände seiner Gesammelten Werke zu mahnen; eher müssen die Seinen aufpassen, daß er sich nicht zuviel zumute. Sie haben ihm einen Mann gefunden, der sein Diener und Schreiber in einem ist, einen ordentlichen Glarner, namens Steinmann; der hat nun manchmal bis tief in die Nacht zu schreiben, während Heinrich Pestalozzi nach der Gewohnheit seines müden Rückens in den Kleidern auf dem Bett liegt und unermüdlich das Band seiner Gedanken abwickelt. Ehe er es selber gedacht hat, ist er mitten darin, noch einmal die Lehre seiner Menschenbildung darzustellen. Er nennt es seinen Schwanengesang, und der treue Steinmann muß oft genug anhören, wieviel Wehmut und Schelmerei sich in dem Titel mischen; denn als er noch einmal mit dem Eifer seines Alters das Ziel und die Mittel seiner Lehre durchgegangen ist, als ob er behend eine Leiter hinauf liefe, die er sich Sprosse für Sprosse selber mit dem Schnitzmesser machen mußte: kommt er wieder an das Fragezeichen, das ihm seine Lebenserfahrung als Fähnchen oben hingesteckt hat: Warum, wenn dies alles so klar und notwendig ist, warum bin ich selber mit meinen Versuchen immer wieder gescheitert und als ein Unbrauchbarer auf den Neuhof zurückgekehrt?
Noch einmal zieht er die Lehre aus seinem Leben, die ihm die harte Juraluft in Bulet gab, daß er ein unreines und verbeultes Gefäß für seine Lehre gewesen sei; und der selbe Bekennerdrang, der ihm den Sarg in die Kapelle stellte, läßt ihn nun nach den Mängeln seiner Natur und ihrer Erziehung suchen. Sich selber unerwartet schreibt er mit achtzig Jahren seine Lebensgeschichte; aber es ist weder Altersgeschwätzigkeit noch Eitelkeit oder Jugendwehmut darin, es wird die Schicksalsgeschichte seiner Fehler und Schwächen. Und er ist tapfer genug, vor Ifferten nicht Halt zu machen; obwohl ihm doch wieder Bitterkeit und Zorn einfließen, daß er oft genug an den Bodensatz seiner Verzweiflung kommt, läßt er nicht nach, bis er auch da seine Lehre und ihre Gültigkeit von seiner eigenen Unbrauchbarkeit gereinigt hat.
Der Sommer weht ihm darüber hin wie kaum einer in seinem Leben; es wird Herbst und Winter, ehe er es weiß, und erst, als wieder Frühjahr um ihn ist -- es sind nur einundachtzig Lenze, denkt er, man könnte sie in einer Minute zählen, wenn sie neben- statt hintereinander ständen; und nur, weil man immer eins durchs andere sieht, scheint es wie eine Unendlichkeit -- kann er die Druckbogen absenden. Es ist unterdessen noch einmal bunt um ihn geworden; seitdem er sich so unvermutet in Schinznach zeigte, wissen viele, daß er wieder im Land ist; und mancher erinnert sich seiner als eines Ideals der eigenen Jugend, das er über den toten Jahren zu Ifferten fast vergessen hat, als ob Heinrich Pestalozzi längst gestorben wäre: nun ist er für den Aargau von den Toten auferstanden, und es vergeht selten ein Tag, der ihm nicht einen Dank zubrächte, ein Stück seines Menschengeistes, das irgendwo zum eigenen Leben kam und sich seines Schöpfers erinnert. Er hat sich noch einmal durch den Groll schreiben müssen: es waren die Reste des alten Mannes in mir, denkt er nun oft mit den Worten Annas; seitdem ich den los bin, ist mir frei und leicht.