Part 12
Mehr als einer in den geläufigen Gassen sieht verwundert nach seinen Füßen, und auch der Ratsschreiber, als er den unvermuteten Gast selber an der Tür abnimmt, vermag seine Blicke nicht zu behüten. Da Heinrich Pestalozzi nicht mit der Unwahrheit vor ihm stehen will, als fehle es ihm schon derart am nötigsten, erzählt er ihm den Vorfall, worauf ihn Iselin, der im Alter sein Vater sein könnte, kopfschüttelnd und nassen Auges über soviel Einfalt in die Arme schließt. Nach diesem Empfang ist es ihm nicht mehr schwer, die letzten Stationen des Leidensweges seinem Patron bekannt zu geben, der sich mehr als ein andrer in den Ephemeriden und sonst für ihn eingesetzt hat. Er ist bis ins einzelne vorbereitet und hat auch schon eine Antwort zurecht, die mehr als ein leerer Trost ist: die Anstalt sei ein Experiment gewesen, und wer in der Wissenschaft gearbeitet habe, wisse wohl, daß es auf die Resultate ankomme. Freilich bliebe es für ihn ein Schicksalsschlag, daß er das Vermögen seiner Frau dabei verloren habe; aber er sei jung und besäße in seinem Neuhof immer noch ein gutes Dach über dem Kopf. Am Ende wäre alles für ihn nur die Grundlage einer anregenden und fruchtbaren Schriftstellerei gewesen. Ob an dem Emil etwas schlechter würde, wenn Rousseau selber etwa mit einem solchen Erziehungsversuch gescheitert wäre? Man könne freilich mit derartigen Dingen keine goldenen Berge erwerben, aber eine bescheidene Ernährung solle sich eine so starke Feder wie die seine schon erzwingen können. Da wäre zum Beispiel das Preisausschreiben der Basler Aufmunterungsgesellschaft: Wieweit es schicklich sei, dem Aufwand der Bürger Schranken zu setzen? Ob er es nicht einmal um die zwanzig Dukaten versuchen wolle?
Iselin spricht das alles noch vor seinem Stuhl stehend, und reicht ihm die Nummer der Ephemeriden hin, als ob es nur noch an ihm läge, die zwanzig Dukaten einzuheimsen; dann geht er hinaus, den Gast zum Essen einzumelden. Der sitzt mit dem Blatt in den Händen und vermag keinen Buchstaben zu lesen; die Stimme des Ratsschreibers ist wie ein Frühlingsregen auf seine verstaubte Stimmung gerieselt; auch hat er die Worte nicht alle verstanden, nur wohlig den herrlichen Ton der Gesinnung und den unbeugsamen Willen gespürt. Warum bin ich nicht mit meinem Werk in der Nähe dieses Mannes gewesen statt in der Daseinsluft des Metzgers Märki? denkt er immerfort, und die Tränen rinnen ihm auf den Rock. Er ißt mit ihm, und als der Ratsschreiber -- der gerade Strohwitwer ist -- mit einem Scherz das Glas gegen das seine hebt, vermag er schon wehmütig wieder zu lächeln. Er läßt sich danach drei Tage lang von ihm betreuen, auch seine Schnallen bekommt er wieder, weil der Ratsschreiber sie heimlich bei dem blinden Stammgast vor St. Alban eingelöst hat, und als er in der vierten Frühe die Rückwanderung antreten will, hat ihm der väterliche Iselin einen Platz bei der Post bezahlt. So kann er dem Ziegenhirt hinter Frick nur von fern zuwinken, nicht einmal sicher, ob der auf ihn rät. Ihm ist er auf dieser traurig begonnenen Wanderfahrt fast so wert gewesen wie der Ratsschreiber, und noch während die Post in den breiten Talkessel von Brugg einrollt, denkt er, daß sein Traum einer menschlichen Gemeinschaft trotz aller Verschiedenheit der Stände, geeinigt durch ein sittliches Bewußtsein, doch nicht von den Sternen wäre.
Trotzdem wird es ihm schwer, von Brugg aus den Weg in das Trümmerfeld seiner Wirksamkeit zu gehen, wo viele ihm ohne Gruß begegnen und einige Buben ihm höhnisch nachrufen. Aber als er gegen den Neuhof kommt, sieht er einen Knaben emsig am Brunnen spielen, der, als er ihn erkennt, jubelnd in seine Arme läuft. Es ist das Jaköbli, und die Mutter -- der er Nachricht von Basel gegeben hat -- ist auch da; sie sitzt, noch schwach von ihrer Krankheit, auf einem Baumstamm in der Sonne und hält tapfer lächelnd den Regenschirm in der Hand: Wir dachten, es möchte regnen; aber, Lieber, die Sonne scheint! Und erst als sie beide, den Kleinen an den Händen zwischen sich, hinein gegangen sind und die verlassene Stube mit ihrer Gemeinschaft füllen, daß die Leere durchs Fenster entweicht, tritt auch die Frau von Hallwyl zu ihnen, die unterdessen beiseit gegangen war.
54.
So unsicher die Aussicht auf die zwanzig Dukaten der Aufmunterungsgesellschaft und die anderen Schriftstellereinnahmen für Heinrich Pestalozzi vorläufig ist, so bestimmt stehen die Schildwachen der Bedrängnis rund um den Neuhof. Es fehlt am Nötigsten, und für Anna ist die Zeit gekommen, die ihre Mutter prophezeite, ja selbst das Brot ist nicht immer da. So sieht sich Heinrich Pestalozzi als Schriftsteller in der lächerlichen Bedrängnis, nicht einmal das notwendige Papier zu haben. In dieser Not fällt ihm ein alter Erbkoffer ein, der mit anderem Haushalt von der Mutter bei der Einrichtung in Müligen herübergekommen ist und seit Jahren vergessen auf dem Speicher steht. Irgendein Vorfahr hat sein Leben lang in der Lotterie gespielt, und zwar in der Meinung, daß sich das Glück in Tabellen nachrechnen und erlisten ließe. Für diese Tabellen hat er sich dann Bogen mit roten Linien herstellen lassen, die Berechnungszahlen einzutragen. Damit ist der ganze eisenschwere Koffer gefüllt, durch den nun der gewinnsüchtige Vorfahr seinem Erben einen späten Liebesdienst leistet; denn selbst da, wo schon Zahlen eingeschrieben sind, lassen sich die Bogen noch benutzen, und Hunderte sind ganz frei.
In diese rote Linienwelt schreibt Heinrich Pestalozzi das erste Resultat seiner Erfahrungen nieder, und es scheint fast, als ob die Tabellenfächer die äußere Form bestimmten: es werden lauter einzelne Sprüche daraus, deren Weisheit in den roten Linien wie der Honig in Bienenzellen voneinander abgetrennt ist; aber ihr Geschmack ist bitterer Wermut. Er nennt sein Schriftstück die »Abendstunde eines Einsiedlers« und schickt es Iselin nach Basel, der es auch sogleich in die Ephemeriden gibt. Dadurch ermutigt, macht Heinrich Pestalozzi sich auch an die Preisaufgabe der Aufmunterungsgesellschaft.
Es liegt nicht an der roten Liniatur, daß sein Eifer bei der zweiten Schrift erlahmt; so reich die Gedanken drängen, so schwer fließen ihm die Sätze dazu, auch mit den Forderungen der Schriftsprache kommt er nur seufzend zurecht. Er muß Bogen vollschreiben, um einige brauchbare Zeilen zu gewinnen, und die scheinen ihm wie gepreßte Pflanzen. Sich und die Seinigen zu ernähren -- das sieht er bald -- ist es kein Geschäft. Um andere Wege zu versuchen, nimmt er zum zweitenmal den Stecken, diesmal nach Zürich, wo die meisten seiner Freunde wohnen. Wieder geht er zu Fuß; es ist nur ein kleiner Tagesmarsch, und schon am Nachmittag kommt er zur Sihlporte herein. Eben will er über den Rennweg gegen das Fraumünster hin, als ihm einer der Schulgenossen begegnet, mit denen er damals nach Wollishofen hinaus gerudert ist, er hat ihn seither oft gesehen, zuletzt bei der lustigen Gesellschaft, die ihn nach seinem ersten Weihnachtsbesuch im Pflug ans Schiff brachte. Er freut sich, gleich einem Bekannten zu begegnen, aber ehe er noch bei ihm ist, entweicht der andre in eine Nebengasse.
Als er nachher das Erlebnis dem Buchhändler Füeßli erzählt, der von allen Zürchern am treuesten zu ihm steht, obwohl er nicht zart mit Worten ist, läuft der nach seiner Gewohnheit einigemal in der Schreibstube hin und her, wirft zornig ein Bündel Papier aufs andre, bis die Schriften in einem rechten Durcheinander sein müssen, und sagt ihm dann mitten ins flehende Gesicht: soviel sollte er doch die Zürcher kennen, daß sie ihn nur noch fürs Armenhaus oder das Spital kalkulierten; in einem Jahrdutzend eine vermögende Frau arm zu machen und wer weiß wen geschäftlich zu schädigen, das ginge ihnen über das bürgerliche Maß. Wenn er ehrlich sein wolle, müsse er ihm schon sagen, daß ihn seine Mitbürger für einen bösartigen Narren hielten! Dabei wirft er sein Kontobuch, das er gerade ergriffen hat, mit einem solchen Zorn in die Papiere, daß sein Tintenfaß erschrocken aufspringt und die Umgebung mit mehreren Klexen bespritzt. Er schüttelt ihm dann zwar freundlich die Hand, aber immer noch hat sein Zorn einen Hinterhalt: Was er denn meine, daß ihm Lavater gesagt habe? Er solle ihm einen einzigen Satz von Heinrich Pestalozzi beibringen, der sauber und ohne Fehler geschrieben wäre, dann wolle er ihn auch sonst noch für eine Sache im Leben brauchbar halten! Aber das unterschreibe er, der Hans Heinrich Füeßli, nicht; wenn er nur erst von seiner Narrheit abkäme, andern helfen zu wollen, bevor er sich selber geholfen habe, so würde sich schon etwas für ihn finden!
Das hat der Gekreuzigte auch hören müssen, sagt Heinrich Pestalozzi, den der Zorn des andern angesteckt hat, und fegt nun auch hin und her, sodaß es für einen Dritten, der in die Stube gekommen wäre, ausgesehen hätte, als machten die beiden ihre schlimmsten Händel aus. Dann überkommt ihn die Verzweiflung: Und wenn ich Perücken strählen müßte, ich würde es um der Meinigen willen tun! sagt er schmerzlich und läuft aus der Stube, weil ihm die Tränen fließen.
Im Roten Gatter findet er auch keinen Trost; die Mutter, nun schon sechzigjährig, sieht ihn augenscheinlich in den Fußspuren seines Bruders, und das Babeli, eisgrau und wunderlich geworden in der Einsamkeit mit der verhärmten Frau, redet mit ihm, als ob sie ihn am liebsten noch einmal verwalke. Er muß von seinen Dingen günstiger sprechen, als sie sind, und vermag nicht über Nacht zu bleiben. Noch vor dem Abend geht er unter dem Vorwand dringender Geschäfte fort und auf Umwegen aus der Stadt; er ist in den letzten Monaten in eine wahre Gier gekommen, nachts zu wandern. An der Sihlporte fallen ihn die Wächter mit scharfen Fragen an; wo ehemals ausgediente Stadtknechte ihr Altersbrot hatten, stehen jetzt in aufgeputzten Uniformen stattliche Burschen, als ob sie für die Fremden zur Zier dahingestellt wären. In seiner Stimmung ärgert ihn die Neuerung, und während er in die sinkende Dunkelheit hinein läuft, verbeißt er sich in einen Zorn, daß solcherweise die Fortschritte wären, für die das Geld blindlings geopfert würde. Er fühlt wohl, daß der Anlaß seinem Zorn nicht entspricht, und um sich selber zu begegnen, übertreibt er den Vorfall, bis eine Schnurre daraus geworden ist, über die er selber mitten in die Nacht hinein lachen muß.
Er kommt damit bis Baden; und wenn ihn dann seine Müdigkeit und die Nähe des Neuhofs wieder in seine Melancholie bringen, sodaß er sich die letzten Stunden nur noch in einer tonlosen Traurigkeit hinschleppt: am andern Morgen ist doch noch so viel von der höhnischen Lustigkeit dieser Nacht in seinem Bett, daß er bis in den Mittag darin liegen bleibt und von neuem an der Schnurre formt. Nachher nimmt er sich einige von den stockfleckigen Lotteriebogen vor und hängt seine Einfälle in die roten Linien hinein; ohne Sorgen, wie die Sätze werden, nur daß er seinen Zorn noch einmal so närrisch losbekäme. Um dem treuen Füeßli den Beweis seiner vollkommenen Narretei zu geben, wie er in einem Begleitbrief schreibt, schickt er ihm die Bogen zu; dann begibt er sich ingrimmig wieder an seine Preisaufgabe.
Er ist noch dabei, aus dem Wust mit Ändern und Streichen die endgültige Fassung zu gewinnen, als er eines Nachmittags eine saubere Weibsperson mit einem Bündel kommen sieht, die bestimmten Schrittes auf den Neuhof zugeht und die er danach im Hausflur mit seiner Frau sprechen hört. Es scheint ihm, daß er sie kennt, und als er, von dem Jaköbli gerufen, hinzukommt, ist es die Lisabeth Näf aus Kappel, die vordem bei seinem verstorbenen Onkel, dem Doktor Hotze, als Dienstmagd gewesen und, soviel er weiß, von dessen Sohn -- seinem Vetter -- übernommen worden ist. Sie wolle bei ihnen in Dienst treten, erklärt ihm Anna, die augenscheinlich mit der resoluten Jungfer nicht fertig wird. Das würde schwer gehen, sagt er, sie seien arm und könnten keine Dienste bezahlen! -- Eben deshalb käme sie; sie wolle keinen Lohn; solange Frau Pestalozzi noch nicht gesund sei, müsse ihr jemand an die Hand gehen. Auch habe sie von dem Undank seiner Zöglinge gehört, daß sie ihm alle davon gelaufen wären, und da sie sich in Richterswyl nach dem Tod des alten Herrn entbehrlich oder gar überflüssig fühle, wolle sie versuchen, ihre Nahrung, mehr nicht, bei ihnen zu verdienen.
Während Heinrich Pestalozzi noch zweifelnd erst seine Frau, dann wieder das Wunder ansieht, das aufrecht gewachsen und geraden Blickes da vor ihm steht, bittet sie schon wieder die Hausfrau, ihr ein Lager zu weisen, da sie heute jedenfalls nicht mehr zurück könne. In kaum einer Viertelstunde ist sie schon emsig im Hause, und andern Morgens denkt keiner daran, sie wieder fortzuschicken; nach einer Woche ist es so, als ob sie immer dagewesen wäre, so unbemerkt weiß sie sich in den gedrückten Haushalt zu schicken. Es sei fast zu spät, den Garten zu bestellen, sagte sie, ist aber schon dabei, ihn umzugraben; und bald merkt Heinrich Pestalozzi, daß in seinem verworrenen Hauswesen wieder der sichere Tageslauf der Sonne ist: Schritt für Schritt wird die Unordnung des Untergangs beseitigt und aus dem weiten Bereich des verwüsteten Gutes der saubere Umkreis des Hauses abgetrennt. Und als ob die eine tätige Hand ihren Takt auch in die andern brächte, fängt das gestörte Uhrwerk des Hauslebens wieder an, zu gehen. Selbst bis in seine roten Tabellen dringt ihre Sicherheit, sodaß er seine Preisarbeit bald zu Ende bringen und die Reinschrift der Aufmunterungsgesellschaft in Basel nicht ohne Vertrauen auf ihren Wert zusenden kann. Daß man dem Aufwand der Bürger äußere Schranken setzen müsse, ist freilich nicht seine Meinung: Hier wie überall käme es nicht auf die Landreiter, sondern auf die Menschenbildung an.
55.
Unterdessen hat seine Schnurre über die Umwandlung der ungekämmten und krummen Stadtwächter in gerade und gekämmte in Zürich eine Art Glück gemacht. Auf der Durchreise von Italien nach London ist der ehemalige Freund Lavaters, der Maler Füeßli einen Tag lang bei seinem Vetter gewesen; er hat die Schnurre zufällig gelesen, und zwar mit so viel Spaß, daß er nicht begreifen will, wie es einem Mann mit einer solchen Begabung schlecht gehen könne: sein Talent als Schriftsteller sei derart, daß ihm der Erfolg nachlaufen müsse!
So kann ich meine Perücke wieder mitnehmen, scherzt Füeßli, als sie in Baden eine rasche Zusammenkunft haben, das Ereignis zu besprechen: ich hatte sie schon zum Strählen mitgebracht! Aber Heinrich Pestalozzi ist es nicht zum Lachen, umsoweniger, als der andre augenscheinlich kaum etwas andres als einen Sack voll solcher Schnurren im Sinn hat. Er dämpft die Begeisterung des Buchhändlers sauersüß, ist noch ein paar Stunden gern in der Luft einer Freundschaft, denkt aber nicht daran, ihm zu folgen; bis er heimkommt und die moralischen Erzählungen des Franzosen Marmontel noch aufgeschlagen auf dem Tisch seiner Frau findet. Er liest darin, und unversehens überlegt er doch schon, dergleichen besser zu machen; um statt weichlicher Rührung gute Gedanken ins Volk zu bringen.
Gleich andern Tags versucht er nun das Dichterhandwerk, angebliche Menschen als Gestalten seiner Absichten in eine Handlung zu stellen. Es gelingt ihm leichter, als er erwartete, und am Abend ist das erste Ding schon rund gebracht; aber als er es dann überliest und mit dem Vorbild vergleicht, findet er wohl, daß seine Gestalten sich ernsthafter unterhalten als bei Marmontel, doch ist die Unterhaltung so sehr die Hauptsache, daß es wenig Zweck hat, sie mit den Armen und Beinen der Personen zu umgeben; auch haben sie für gemeine Bürgersleute eine Art zu predigen, die ihnen nicht ansteht. Aber nun ist einmal sein Eifer geweckt, und schon am nächsten Tage läßt er ein neues Paar anmarschieren. Diesmal sind es zwei Bauern, ein alter und ein junger, die sich über die neumodische Landwirtschaft erhitzen; haben die Bürger gepredigt, so verkniffeln sich die Bauern wie zwei Advokaten, und da auch hier wieder die Reden des Verfassers die Hauptsache sind, hätten die Personen ebensowohl daheim bleiben können. Noch drei- oder viermal versucht er es, um immer bedenklicher einzusehen, daß er kein richtiges Bauernmundwerk aufs Papier bringt. Soviel er auch an den Tannern im Birrfeld erlebt hat, nun merkt er, daß er sie garnicht kennt; und wie er das Abc erst an seinem Knaben studiert hat, beginnt er nun, mit ihnen seine heimlichen Experimente anzustellen.
Die Leute von Lupfig und Birr machen sich verdächtige Zeichen, als der Herrenbauer vom Neuhof anfängt, in ihren Wirtschaften herumzusitzen; sie wissen aus Erfahrung, wie dies das Ende solcher Existenzen ist, und weil er kaum etwas trinkt, deuten sie hämisch auf seine leere Tasche. Er dagegen merkt bald, daß sie mit ihm anders als unter sich sprechen, so hält er sich abseits, in einem Wettergespräch oder sonst mit dem Wirt, während sie bei ihren Karten oder um irgend einen Handel untereinander sind. Wenn ihm dabei eins seiner eigenen Bauerngespräche beifällt, kommt ihm alles darin so papieren vor, daß er manchmal im Eifer mitanfängt zu fuchteln, als ob er damit die richtigen Worte festhalten könnte.
Darüber fangen sie an, ihn vollends für übergeschnappt zu halten, und legen sich aufs Hänseln; aber nun reitet ihn schon der Teufel seiner Leidenschaft, auch um andrer Dinge als seiner Schriftstellerei willen tiefer in ihre Wirtshauswelt hinein zu kommen. Er sieht, wieviele Dinge hier ihren Anlaß und ihre Stärkung haben, wieviel aus der Bahn geworfene Existenzen am Wirtshaustisch ihr Schicksal absitzen, und wie nicht der Schnaps und der Wein allein sie dahin ziehen, sondern der Trieb unnützer Buben, mit Hänseleien und großmäuligen Prahlereien beieinander zu hocken. Hier müßte zu Hause sein, sagt er sich oft, wer eine Armenanstalt aufmachen will; hier ist der Lebensboden aller Laster, die in einem Menschen allein garnicht wachsen können, weil immer nur mehrere zusammen das Ungetüm ausmachen, das den einzelnen mit Haut und Haaren frißt; was nachher dann aus dem Wirtshaus nach Hause geht, ist nur noch ein Stück von diesem Ungetüm, dem es natürlich nirgend mehr wohl sein kann als bei sich zu Hause, nämlich auf der Wirtshausbank, wo es zu fressen und zu saufen bekommt.
Heinrich Pestalozzi hat schließlich ein System von Listen, das Ungetüm lebendig zu sehen, indem er sich selber anscheinend mit auffressen läßt oder unter einem Vorwand nebenan in der Küche lauscht. Als er eines Nachmittags in Mellingen eintritt, weil er schätzt, daß ihrer da mehrere vom Viehmarkt sitzen würden, findet er das Zimmer noch leer, und da der Wirt augenscheinlich auch noch unterwegs ist, juckt ihn der Vorwitz so, daß er in eine große Futterkiste klettert, die in der dunklen Ecke neben dem Ofen als Truhe dient und deren offener Deckel ihn wie eine Wand verbirgt. Er hört auch bald ihrer zwei hereinkommen und über den Metzger Märki in Birr schimpfen, der ihnen beim Handel die Flöhe abgesucht hat, wie sie sagen. Weil das Gespräch einmal den Lauf genommen hat, bleibt es auch dabei, als andere eintreten, und so bekommt Heinrich Pestalozzi unvermutet eine Predigt über seinen ehemaligen Ratgeber zu hören, wie sie nicht in seine Tabellen gegangen wäre. Aber als sich das Ungetüm so recht wieder aneinander gewachsen hat und groß tut mit Fäusten und Flüchen, wird es still von einem Schritt, der durch die Tür hereinkommt und nach einem brummigen Gruß mitten im Zimmer stehen bleibt. Heinrich Pestalozzi hinter seiner Wand hört das Ungetüm schnaufen, bis einer den Märki -- denn niemand anders ist es -- nach den Hummeläckern fragt und gleich das Gelächter über die Anspielung losbrüllt. Aber so ist der Metzger nicht, daß er sich abtrumpfen läßt: im Nu ist er mit ihnen aneinander in einem Maulgefecht; und wollten sie ihn um den ausgezogenen Herrenbauer im Neuhof hänseln, so gibt er ihnen sein Kunststück mit frecher Prahlerei preis: warum sie es nicht selber gemacht hätten, wenn es so leicht gewesen wäre? Jedenfalls habe er das Kalb abgestochen; sie könntens ja mit ihm auch einmal versuchen: er würde ihnen schon dartun, wer der Meister wäre, wie er es diesem Herrn Pestalozzi auch dargetan habe!
Die Abfertigung scheint dem Ungetüm plausibel, denn es schweigt; aber als der Märki sich abseits von ihnen auf seinen Trumpf setzen will, findet er keinen besseren Platz als die Futterkiste; er klappt den Deckel zu, merkt garnicht, daß ein Widerstand da ist, und will sich gerade noch einmal auslachen, als es unter ihm mit Faustschlägen rumort. Wenn der Teufel selber aus dem Kasten gestiegen wäre, hätte die Wirkung nicht anders sein können als nun, da das abgestochene Kalb seiner Prahlerei heraus springt. Auch das verdutzte Ungetüm muß sich einen Augenblick am Wirtstisch festhalten, und es ist noch nicht zu sich gekommen, als Heinrich Pestalozzi durch die Tür dem gemeinsamen Gelächter entgeht.
56.
Die Bauern auf dem Birrfeld sagen, daß dem Märki die schwarze Pestilenz als Teufel aus der Futterkiste erschienen wäre; aber so sehr sie dem Metzger den Schrecken gönnen, die Narrheit bleibt doch an Heinrich Pestalozzi hängen; und wie sie ihn danach bei Sonnenschein und Regen draußen herumlaufen sehen, bestätigt ihnen nur, daß ihm sein Unglück mit dem Neuhof und der Armenanstalt auf den Verstand geschlagen sei.
Er ist aber nur in eine Auseinandersetzung mit dem Ungetüm geraten, das nicht -- wie es scheint -- vom Überfluß, sondern von Mühsal und Armut lebt; denn die ihm zu fressen geben, sind die Schwachen, Leichtfertigen und Verzweifelten, die, irgendwie von der Bank unverdrossener Arbeit abgerutscht, ihr Letztes in Trunk und Geschwätz vertun, während der Wirt die ärmlichen Groschen einsammelt und also von dem Ungetüm lebt wie ein Savoyardenknabe von seinem Murmeltier. Er will es zum Helden einer Geschichte machen; und ob er somit den Kampf mit dem Ungetüm nur auf dem Tabellenpapier seines Erbahnen aufnehmen kann: mit einer Handlung, einfach und drastisch genug in alle Köpfe einzugehen, wird seine Feder, so hofft er, ihm doch eine gefährliche Waffe werden.
Diese Handlung aber vermag er lange nicht zu finden, weil er immer noch nicht von sich selber loskommt und sich stets wieder als vorwitziger Advokat allein auf der Bühne redend findet. Da hilft ihm unvermutet die tapfere Lisabeth aus der Not; als er sie eines Tages wieder bei ihrer Unverdrossenheit beobachtet hat, wie sie den Kreis der Ordnung Tag für Tag um ihren Mittelpunkt vergrößert, als er sich ausmalt, wie sie einem Mann anders als die meisten Bauernweiber an die Hand zu gehen vermöchte, von dem Ungetüm los zu kommen: da hat er endlich den Gegenspieler seiner Handlung gefunden, um dem hundertköpfigen Tier nicht mit den Mitteln fremder Hilfe, sondern mit den Waffen der Armut selber beizukommen. Er braucht der tapferen Person nur einen leichtfertigen Mann und Kinder anzudichten, wofür sie kämpft, und schon ist der Aufbau einer Handlung gegeben, die sich anders als die moralischen Erzählungen Marmontels in die Wirklichkeit einstellen soll.
Als ihm dann noch der Märki als Vogt und Wirt in seine Handlung kommt und er ihm um der Hummeläcker willen den Namen Hummel gibt, macht er eine Gertrud aus ihr, die als die Frau eines Maurers namens Lienhard den Kampf mit dem Vogt beginnt und schließlich das ganze Dorf von ihm und dem Ungetüm befreit. Er hat sich dessen nie für fähig gehalten: wie die Gestalten seiner Handlung von allen Seiten zulaufen, wie sich Gespräch und Tat verflechten, und wie aus der geplanten Belehrung eine Darstellung des Schicksals wird, die ihn selber oft genug zum Weinen erschüttert. In wenigen Wochen stehen die hundert Kapitel seines Buches da, als wären sie nicht erfunden, sondern ein Bericht aus dem Leben, wie es sich wirklich abgespielt hätte. Da weiß er, daß die Schriftstellerei mehr vermöge, als müßigen Leuten die Langeweile zu vertreiben, daß sie eine geheimnisvolle Gabe sein könne, die Erfahrungen des Lebens zu verdichten und Hunderten von Lesern die Wege des Schicksals aufzuzeigen, wo sie selber nur heitere oder traurige Vorfälle sehen.