Part 6
Es ist auch ein Schriftstück des Antistes, aber nicht seinetwegen an den Dekan in Höngg gerichtet; als Heinrich Pestalozzi es gelesen hat, legt er seine Verweisung mitten darauf, denn auch das andere ist ein Stück Papier behördlicher Ungnade! In dem selben Dorf Buchs, woher das Babeli ist, hat der Dorfpfarrer einigen Kindern die Konfirmation verweigert, angeblich wegen ungenügender Kenntnisse, anscheinend aber, weil er mit den Eltern Streitigkeiten hatte. Darauf hat der Dekan in Höngg die Zurückgewiesenen ohne Umstände selber konfirmiert, und das Schriftstück da ist der sanfte Tadel für seine Eigenmächtigkeit. Wie Heinrich Pestalozzi nun an das spöttische Lächeln des Großvaters denkt, muß er laut lachen, sodaß er aus diesem verdrießlichen Tag doch noch mit Lustigkeit ins Bett kommt.
Als er in der Frühe erwacht, hört er eine Sense dengeln; er besinnt sich gleich, daß die Kornernte angefangen hatte, als er heraufkam, und mit einem fröhlichen Einfall springt er aus dem Bett. Unten ist noch die Dumpfheit der überstandenen Nacht im Haus, aber als er den Riegel öffnet, strömt ihn die Morgenluft an wie ein Bad; überall krähen die Hähne, und aus einigen Schornsteinen drehen sich schon die blauen Rauchsäulen in den Himmel, der noch ohne Sonne ist, aber Hahnenruf und Rauch als Frühopfer der Erde in seine reine Stille verschwinden läßt.
Dem ersten Bauer, dem er begegnet, heftet er sich an; es ist ein zäher Greis, der seine Enkelin an der Hand führt und den fröhlichen Gruß mit der abwartenden Miene erwidert, darin der Bauer die städtische Zutraulichkeit abweist. Er merkt es nicht, nimmt das Kind, das seine sieben Jahre zählen mag, kurzweg bei der andern Hand, und so gehen sie zu dritt die Straße hinunter, bis der Bauer vom Weg abklettert, die gedengelte Schneide mit den Fingern prüft und seinen harten Sensenschlag in die gelben Halme beginnt, die einen Sprung zur Flucht zu machen scheinen, bevor sie ihren stolzen Wuchs für immer neigen. Heinrich Pestalozzi steht am Grabenrand und denkt, daß sie mit dem Sommerwind ihr geschmeidiges Fangspiel gemacht und im Gewitter sich ängstlich geduckt haben, daß sie den dünnen Regen und das dicke goldige Sonnenlicht tranken und nun über den süßen abgeschnitten werden, immer ein Bündel zugleich, wie sie auch nur miteinander ihr schwankes Leben aufrecht halten konnten. Doch ist er nicht da für solche Gedanken, und er wartet auch nur ab, was das Mädchen beginnen wird, das vorläufig am Rain einer Sternblume die weißen Blättchen auszupft und dazu einen Zählreim sagt. Als er beobachtet hat, wie sie danach aus Halmen dünne Seile dreht und damit die einzelnen Bündel zu Garben bindet, gibt er sich mit daran und bleibt auch hartnäckig dabei, als der Bauer den Wetzstein holt und sein Tun mißtrauisch besieht. Auf die Dauer einigen sie sich doch, und wie gegen sieben Uhr der schmale Ackerstreifen niedergelegt ist und nur noch ein letztes Büschel steht, läßt ihm der Alte sogar die Sense, das abzuschlagen; er fährt freilich fast mit der scharfen Sense gegen sein Bein, aber gerade das macht den andern gesprächig, sodaß sie mit der warmen Morgensonne anders zurückkommen, als sie in der kühlen Frühe auszogen.
Das Frühmahl schmeckt ihm danach besser als sonst, und er sitzt schon wieder in der Ungeduld dabei, was ihm der Tag nach diesem Anfang sonst bringen könnte. Um noch beim Melken dabei zu sein, ist es zu spät; doch tut er gleichwohl einen Sprung in den nächsten Stall. Da ist die Frau gerade dabei, die seimige Milch durch das Haarsieb zu gießen; sie braucht keine Hilfe, aber die hölzernen Eimer unter dem Brunnen sauber zu waschen, versucht er doch, bis sie über seine Narrheit lacht und ihn anders belehrt. Aus dem Stall geht es in die Matte, wo ein Bub noch saftiges Futter vor der steigenden Sonne zu bergen hat, und so fort durch das halbe Dorf, wo sich jeder über den närrischen Pfarrstudenten wundert. Als er zum Mittagessen kommt, ist er brandig rot, und am Abend muß ihm das Tantli einen Finger verbinden, der ihm irgendwo in ein Schnitzmesser geraten ist.
Mit dem Großvater spricht er an diesem Tag nur ein paar Worte, da der in einer Dekanpflicht über Land gefahren ist; aber auch in den nächsten Tagen hält ihn seine ländliche Tätigkeit so weit ab von den Kirchenvätern des alten Herrn, daß sie sich nur beim Essen treffen; es scheint ihm, als ob der lächelnde Mund immer sarkastischer würde; als er es aber eine ganze Woche lang so fort getrieben hat und nun schon fast wie ein Bauernknecht aussieht -- nur daß er jetzt schon drei Finger verwickelt hat -- findet er abends ein Buch in seiner Kammer, das er längst kennt, aber bisher kaum beachtet hat: »Die Wirtschaft des philosophischen Bauers« oder, wie es kurzweg heißt, Der Kleinjogg. Es ist von dem Doktor Hirzel in Zürich geschrieben, der zu den neun Argonauten in Schinznach gehört und manchmal auch in die Gerwe kam. Tags hat er immer noch keine Zeit, aber nachts liest er es bei der Kerze, und bald schwört er darauf, daß es für einen echten Jünger Rousseaus keinen andern Beruf geben könne, als Landmann zu werden. Wenn er mitten aus seiner Feldarbeit heraus nach Zürich hinunter sieht und an den Grund denkt, der ihn hergebracht hat, an die greulichen Dinge im Alumnat, an die Schule und die Stadt mit dem Gezänk der Zünfte, dem Gewerk der dunklen Kellerlöcher und dem Geschwätz der guten Stuben: dann kann er mitten in seiner Freude traurig werden wie ein Narr, weil ihn der Gedanke an die Rückkehr schreckt.
Eines Tages schreibt er wirklich dem Bluntschli einen Brief, daß er sein Studium aufgeben möchte, weil er doch nicht zum Pfarrer tauge und es auch sonst in der städtischen Unnatur nicht mehr aushalten könne, nachdem er einmal das wirkliche Leben eines Landmannes geschmeckt habe. Alles andere wäre nur ein Maulwurfsdasein, zum wenigsten könne er von seinem Berg die hochmütige Stadt Zürich nur ansehen wie einen Maulwurfshügel. Wolken und Sonne und Schnee: für den Städter wären sie nichts als veränderte Gelegenheiten zu gutem und schlechtem Wetter -- und seinen Erdboden habe er gar mit Fundamenten und Straßen völlig getötet -- für den Landmann aber bedeuteten sie die Elemente seines natürlichen Daseins, sie brächten seiner Saat Regen und machten das Korn reif; der Wechsel der Jahreszeiten, ja der ganze Kalender wäre für ihn der Kreislauf eines in der Natur gegründeten Lebens. Wenn es ihm nicht zuwider sei, möge er schon seiner Mutter bei Gelegenheit ein Wort der Vorbereitung sagen, daß sie durch seinen Entschluß nicht auch ihren zweiten Sohn verlöre, sondern ihn erst recht gewönne.
Er hat den Brief schreiben müssen, um endlich einem Menschen etwas von der Befriedigung seines ländlichen Daseins sagen zu können; der Großvater weicht allen Gesprächen darüber aus, und das Tantli, das aus einer ländlichen Pfarrerstochter eine Vikarsfrau geworden war und nun wieder einem Landpfarrer den Haushalt führt, vermag nur hellauf zu lachen, wenn er mit seiner Schwärmerei anfängt; aber als er am dritten Tag danach gerade auf einem Wagen voll Korn glücklich obenauf sitzt und ins Dorf gefahren kommt, steht vor dem Pfarrtor ein Wagen, und Bluntschli sieht kopfschüttelnd seine Einfuhr an. Nachdem er dem Dekan seine Aufwartung gemacht hat, die nur kurz ausfällt, gehen sie miteinander durch seinen ländlichen Bereich, bis Bluntschli müde wird und sich an einen Rain hinsetzen muß. Der hat den begeisterten Freund bisher reden lassen; nun weist er auf seine Hände, an denen fast alle Finger angeschnitten oder verwickelt sind: ob das seine besondere Begabung für die ländliche Arbeit sei? Und ob er nicht wisse, daß zum Bauerntum zuvörderst ein richtiger Bauernsitz gehöre? Wenn der Junker Meis im Winkel aus der gleichen Begeisterung Bauer würde, wisse er, wovon! Aber das alles seien Fragen, die ihn als seinen Freund nichts angingen; denn Freundschaft hieße nicht, daß einer dem andern praktisch beistände, Freundschaft sei eine Sache der Seele: Dies aber drehe sich alles doch nur darum, daß er ein Dasein haben möchte, wie es für seine Art möglichst bequem und vergnüglich wäre. Was er zu seinem Agis sagen würde, wenn der die Not Spartas verließe, um sich einen Meierhof zu suchen? Er möge doch nicht vor seinen eigenen Ideen verächtlich werden, was sicherlich der eigentliche Verrat der Freundschaft sei!
Heinrich Pestalozzi wird ihm auf keine dieser Fragen eine Antwort schuldig, aber als der Freund, der es eilig hat, wieder abfährt, bleibt er mit einem zerbrochenen Mühlrad zurück; obwohl er noch trotzig darein blickt, merkt er gleich, er bringt es nicht mehr zum klappern. Und als ihm nach drei Tagen der Großvater einen Brief der Mutter in die Kammer legt, den sie an ihren Schwiegervater geschrieben hat: was es für Torheiten habe mit ihrem Sohn? er möge ihm die Flausen aus seinem Wirrkopf blasen! da fällt auch der Trotz rasch ineinander.
Nachdem seine vier Wochen herum sind, läßt er sich vom Großvater die Weisung des Antistes als erfüllt bescheinigen und marschiert nach der Stadt zurück, die mit ihren Türmen und Dächern gleichmütig am See geblieben ist und seine Schritte wie sonst in der Niederdorfporte hallen läßt. Gerade, als er hindurchgeht, kommt ihm die Anna Schultheß entgegen, die er als Freundin seines Freundes verehrungsvoll grüßt. Daß sie das erste ist, was ihm in Zürich begegnet, gibt der Gedrücktheit seiner Gedanken einen ziemlichen Stoß, sodaß er heller bei den Seinen im Roten Gatter eintrifft, als er in Höngg fortgegangen ist; wobei freilich die Liebe seiner Mutter auch das ihre tut, als sie ihn herzlich weinend umfängt.
29.
So muß Heinrich Pestalozzi doch noch einmal ins Collegium, und es ist nicht leichter für ihn geworden in dieser Zwischenzeit: im Alumnat hat es eine böse Reinigung gegeben, und die davon betroffen sind, stehen nun in tückischer Feindschaft gegen ihn; auch die Lehrer übertragen zum Teil die Stimmung der peinlichen Enthüllung gegen ihn, und da seine Erscheinung durch die ländlichen Sommerwochen nicht gewonnen hat, finden sich Anlässe genug ihn zu verhöhnen. Das Schlimmste bleibt trotzdem, daß er sich in den witzigen, aufklärerischen Geist der Theologenschule nun gar nicht mehr zu finden weiß. Er kann es nicht begreifen, daß sich im Zeitalter Rousseaus der humanistische Bildungsdünkel noch so breitmachen kann wie in diesem Unterricht. Selbst die alten Schriftsteller scheinen ihm aufs gröblichste mißverstanden, indem das Leben aus ihren Schriften weggelassen und nur das Wort gelehrt und gedreht wird. Als Steinbrüchel, der schon mit Übersetzungen der griechischen Tragiker aufgetreten ist, im Lindauer Journal die erste olynthische Rede des Demosthenes abdrucken läßt als Stichprobe seiner Übersetzung der sämtlichen Werke des athenischen Redners, kann Heinrich Pestalozzi der Lust nicht widerstehen, dem hochmütigen Mann an einem Gegenbeispiel zu zeigen, was in diesen Reden mehr als humanistisch sei. Obwohl er im Griechischen ein mangelhafter Schüler ist, legt er im Examen ein Bruchstück der dritten olynthischen Rede vor, das er danach auch, gleichsam als Vorrede zu seinem Agis, mit diesem im Lindauer Journal abdrucken läßt. Der Beifall, den seine Übersetzung durch das Feuer und rednerische Talent der Sprache findet, ist so allgemein, daß der gelehrte Professor Steinbrüchel seine geplante Demosthenes-Ausgabe im Pult behält und als Übersetzer von nun ab peinliche Enthaltung übt.
Damit ist das Studentenschicksal Heinrich Pestalozzis entschieden; aber ihm hat die Übersetzung unvermutet ein Tor aufgemacht, durch das er doch noch mitten ins Leben zu kommen hofft: Landwirt kann und Pfarrer mag er nicht mehr werden; aber gleich dem Demosthenes ein Fürsprech der Bedrängten und Volksredner der öffentlichen Dinge zu sein, das scheint ihm ein Beruf, den er nun sich und andern mit glühender Liebe ausmalt. Alles, was er von dem Leben des großen Griechen liest, wie der gleich ihm den Vater früh verliert und erst durch mühevolle Gewöhnung seine körperlichen Mängel überwindet, wie er die großen Dinge seines Volkes in seine Reden einbegreift und aus einem Rechtsanwalt das Sprachrohr der vaterländischen Gesinnung in Athen wird: in allem findet er Hinweise für seine durch die Ähnlichkeit des Temperaments und der Zeitumstände vorbestimmte Laufbahn. Auch Bluntschli billigt sie, und die Mutter willigt schweigend ein. Da es im Collegium Carolinum keine Klasse für die Rechtswissenschaft gibt, geht er nun endgültig von der Anstalt ab, die ihm verhaßt geworden ist. Wie er zum letztenmal die Steintreppe hinuntersteigt, drängt sich ein Trupp seiner Mitschüler hinter ihm her, ihm einen höhnischen Abschiedsgruß zu pfeifen. Er weiß, daß einige Lehrer gern mit dabei wären; obwohl noch nicht zwanzigjährig, hat er nun schon erfahren, daß diese Erlebnisse zu einem tätigen und ehrlichen Leben gehören; er schwenkt seinen Hut zu den hochmütigen Zürchersöhnen zurück, als ob sie ihm den Wert und die Rechtlichkeit seiner Entschließungen bestätigt hätten.
Nach Hause geht er aber nicht, sondern er läuft, wie er da ist, nach Höngg hinauf. Bei dem Spott der Jünglinge ist ihm der Ernst Luginbühl eingefallen, und wie es die selben sind, die dem Weberknaben die Schule verleidet haben. Sogleich hat ihn aber auch die Scham gepackt, daß er sich selber nicht mehr um ihn kümmerte. Wohl hat er sich oft nach ihm erkundigt, aber zu ihm gegangen ist er nicht mehr, und nur einigemal Sonntags hat er ihn gesehen, wenn er, langaufgeschossen und längst mit blassen statt roten Backen von seiner Stubenarbeit, in die Kirche kam. Er kann nicht anders, er muß es gleich gut machen; aber wie er nach Höngg hinaufkommt, läuft er dem Großvater in den Weg, der sich noch etwas in der Herbstsonne ergehen will. Von dem erfährt er, daß der Ernst Luginbühl vor einigen Wochen nachts seinem Vater davongegangen sei, niemand wisse wohin: aber er würde schon überall in der Welt einen besseren Platz finden als an seinem Webstuhl! Glaubst du das wirklich? sagt Heinrich Pestalozzi und sieht mit einem seltsamen Blick in die wellige Hügelferne, als ob er zum erstenmal fühle, daß hinter diesen Bergen auch noch eine Welt ist.
30.
Die Nachricht von der Flucht Ernst Luginbühls hat Heinrich Pestalozzi auf den Gedanken einer heimlichen Pilgerfahrt gebracht: Er weiß, daß Rousseau seit dem Frühjahr auf der Petersinsel im Bielersee wohnt, und er malt sich das Abenteuer aus, dort einmal mit dem großen Mann zu sprechen; wenn er bis Baden eine Schiffgelegenheit nimmt, kann er den Weg in zwei Tagen hinter sich bringen. Die Mutter wehrt mit der Hand seine Worte ab, und er sieht, daß sie bis ins Herz erschrocken ist, als er nur im Scherz davon spricht; den Bluntschli aber fragt er einmal in der Gerwe auf den Kopf, was er davon hielte?
Da müßtest du weit reisen, sagt der; denn Rousseau ist auf der Flucht nach England! Und so erfährt Heinrich Pestalozzi, was der andere freilich auch erst seit zwei Tagen weiß, daß die bernische Regierung dem Flüchtling sein Asyl auf der Petersinsel gekündigt habe. Warum ist er nicht nach Zürich gekommen? fragt er in der ersten Enttäuschung; aber nun wird Bluntschli, der eben noch gescherzt hat, bitter: Weil die Zeiten Zwinglis vorüber sind und wir keinen Ulrich von Hutten mehr brauchen können; besonders, wenn es nur ein Genfer Uhrmachersohn ist! Wollte der große Voltaire kommen, sie möchten den Regenten der Aufklärung mit vierundzwanzig Pferden einholen und er könnte bei dem Antistes wohnen, aber den Rousseau mit seinen Menschenrechten würden die Gestrengen Herren in den Wellenberg stecken!
Sie haben im Eifer nicht gemerkt, daß unterdessen der mit dem braunen Bart -- wie Heinrich Pestalozzi nun längst weiß, der Pfleger Schultheß zum Pflug, der Vater Annas und ihres gemeinsamen Freundes Kaspar -- hinter sie getreten ist: Der Wellenberg wäre das Mindeste für einen Mann, sagt er ernst, der seine Kinder ins Findelhaus schickt und ungetraut mit einem Weibsbild lebt!
Der Bluntschli steht artig auf, und Heinrich Pestalozzi sieht, wie er todblaß geworden ist; auch ihn selber hat es ins Herz getroffen, das Vorbild so von ihrer strengen Tugend entblößt zu sehen. Darüber treten andere hinzu, die auch schon die Nachricht von Bern haben, und weil durch ein Mißgeschick der angesagte Vortrag ausfällt, wird Rousseau das erregte Abendgespräch an allen Plätzen.
Heinrich Pestalozzi hat über den Sommer zuviel in den Wolken gesegelt; nun merkt er erstaunt, wie sehr das sogenannte Genfer Geschäft auch schon die Züricher erhitzt. Es heißt, daß der Rat von Genf gegen seine eigene Bürgerschaft -- die das Verdammungsurteil über Rousseau und seine Schriften nicht anerkennt und darum schon im vierten Jahr mit ihm streitet -- die Gesandtschaften von Zürich, Bern und Frankreich als Friedensrichter in dieser Sache anrufen wolle. Damit würde, wie Bodmer freimütig über die Tische weg sagt, sich auch Zürich zu entscheiden haben, wieviel Macht der Wahrheit noch über Interesse, Herrschaft und falsche Politik geblieben sei! Heinrich Pestalozzi vermag aber nicht, diese Gespräche noch weiter anzuhören; das Wort des Pflegers Schultheß hat ihn zu sehr getroffen. Als er den Bluntschli bald aufstehen sieht, folgt er ihm rasch, um mit ihm in den gleichen Gedanken eingespannt früher als sonst heimzugehen: Auch der Hutten soll an einer häßlichen Krankheit gelitten haben, sagt der andere mit leiser Stimme, als sie oben auf der Niederdorfgasse sind; dann sprechen sie nichts mehr, bis sie sich ohne Gruß und Handdruck trennen.
31.
Im Frühjahr sieht Heinrich Pestalozzi die Züricher Gesandtschaft mit ihren kostbaren Staatsperücken in einem großen Aufwand von Reisewagen die Fahrt nach Genf antreten: es ist gekommen, wie an dem Abend gesprochen wurde, die Mächte sind angerufen, den Handel um Rousseau zu schlichten. Er ist immer noch nicht im reinen, wie einer sittenlos leben und Tugend lehren könne, und dieser Zwiespalt verbittert ihm die Politik. Unterdessen sind nach dem Agis im Lindauer Journal auch im Erinnerer eine Reihe von Wünschen gedruckt, die er im vergangenen Jahr geschrieben hat, aber selbst seine eigene Feder ist ihm verdächtig geworden. Als Bluntschli seine Hauslehrerschaft aufgibt und nach Hütten reist, um da eine Kur gegen seine kranke Brust zu machen, bleibt er vereinsamt in Zürich zurück. Einmal begegnet er dem Alumnaten, zu dem er damals am Zürichhorn ins Schiff gestiegen ist; er will ihn ansprechen, aber der weicht ihm scheu aus, als ob er eine Schuld von ihm einzufordern hätte. Wenn Heinrich Pestalozzi nun an seine Anzeige denkt, fällt eine brennende Unruhe über ihn; es ist das einundzwanzigste Jahr seines Lebens, als er gewahr wird, daß in der menschlichen Natur schlimmere Feinde der guten Sitten und der einfältigen Menschlichkeit liegen als in allen Gewalthabern.
Die Berichte der Gesandtschaft laufen ein, und jeder macht einen Sturm im Großen Rat, wo Bodmer unerschrocken gegen die Mehrheit der Gestrengen Herren auftritt. Es kommt, wie er prophezeit hat: die Entscheidung der Genfer zwischen Wahrheit und Interessen wird auch den Zürichern auferlegt; aber immer deutlicher sieht Heinrich Pestalozzi, daß die Bürgerschaft durchaus nicht so auf der Seite der Patrioten steht, wie seine spartanische Begeisterung gedacht hat. Wo ihrer einige zu vorwitzig auf der Gasse sind, kann es ihnen geschehen wie ihm damals, als er in den Keller fiel. Er ist verzagt genug, seinen Traum nun selber zu belächeln, diese Bürger als ein neuer Demosthenes zu reinen und hohen Dingen anzufeuern; es steht nicht einmal so, daß er wie sein Agis das Leben wagen könnte, die Zünftler würden sich mit einer Tracht Prügel genug tun.
Unerquicklich geht ihm der Sommer und der Herbst hin, indessen er noch immer hartnäckig an seiner Rechtswissenschaft mit dem Studium alter und neuer Gesetzschriften festhält. Er sieht den Bluntschli aus seiner Kur in Hütten mit einer Schwärmerei für die Schönheit der Natur und die Einfalt des ländlichen Lebens heimgekehrt, die er nun wehmütig belächeln muß. An seiner Gesundheit hat der Freund nichts mehr zu klagen, und wenn Heinrich Pestalozzi nicht durch die Mienen und Gespräche besorgt gemacht würde, er könnte glauben, daß ihm die Kur völlige Heilung gebracht hätte, so heiter sieht er ihn. Als er noch einmal über Rousseau mit ihm sprechen will, schüttelt Bluntschli den Kopf; auch sonst scheint er den Eifer eines Patrioten verloren zu haben, wo sich die andern erhitzen, lächelt er, und als aus Genf die Nachricht kommt, daß die mit dem Rat vereinigten Gesandten den Bürgern eine neue Verfassung auferlegt hätten, sagt er: da könnte das Sechseläuten angehen! Auch in seinen Büchern liest er nicht mehr, das Wissenswerte stände nicht darin, pflegt er zu scherzen; obwohl Heinrich Pestalozzi die Unheimlichkeit hinter dem veränderten Wesen fühlt, vermag er sich der Heiterkeit nicht zu entziehen, darin der Freund Jüngling und Greis in einem geworden scheint, und so erlebt er den Zürcher Ausklang des Genfer Geschäftes viel weniger aufgeregt, als es sonst gewesen wäre.
Mitte Dezember kommt die Nachricht aus Genf, daß die Bürgerschaft mit großer Mehrheit das Machwerk der Gesandten verworfen habe; gleichzeitig geht das Gerücht, nun würden Frankreich, Zürich und Bern Gewalt anwenden und die aufsässige Bürgerschaft mit Krieg überziehen: Alles um eines gedruckten Buches willen, scherzt Bluntschli, als ob es keine vernünftigen Anlässe mehr gäbe in der politischen Welt! Aber die andern Patrioten sind eifriger, und der Privatlehrer Müller, des Stadttrompeters Sohn, schreibt das angebliche Gespräch eines Bauern mit einem Stadtherrn und einem Untervogt über den Genfer Handel, liest es auf seiner Stube auch einigen Freunden vor und verschließt es dann in sein Pult. Es ist mehr witzig als aufrührerisch, und Heinrich Pestalozzi, der es mit angehört hat, hätte nie gedacht, daß sich der Zorn der Obrigkeit daran entzünden könnte. Der Müller aber ist unvorsichtig genug, einem seiner Schüler die Handschrift zu überlassen. Der macht eine Abschrift davon und gibt sie weiter, immer mehr Abschriften werden gemacht, und Mitte Januar flattert das Bauerngespräch, wie man es heißt, heimlich durch die ganze Stadt, überall die Erregung des Genfer Geschäfts in lustigen Spott über die Perücken auslösend, bis eine Abschrift den Gestrengen Herren selber vor Augen kommt, die sofort mit heftigen Verhören den unbekannten Verfasser suchen.
Heinrich Pestalozzi, der sich mit Lavater besprochen hat, sucht noch spät abends den Müller auf, und rät ihm, sich selber zu dem Scherz zu bekennen, womit der Sache die Spitze abgebrochen sei; aber als er am nächsten Morgen nachfragt, hat der Sohn des Stadttrompeters eine richtigere Einsicht in seine Lage gehabt und ist über Nacht geflohen. Aus seinem Scherzgespräch ist eine Schandschrift und aus der Lustigkeit darüber ein Aufruhr geworden; ehe Heinrich Pestalozzi sich irgend einer Gefahr versieht, sitzt er selber auf dem Rathaus in Arrest, weil er dem Aufwiegler zur Flucht verholfen habe. Er wird auch drei Tage lang wie ein Verschwörer in strenger Haft gehalten, bis von dem Flüchtigen ein Brief eingelaufen ist, daß er das Bauerngespräch ohne böse Absicht geschrieben hätte und an der Verbreitung unschuldig wäre. Darauf lassen sie ihn zwar frei, aber die Untersuchung gegen den Aufruhr verliert nicht an Hitzigkeit: in ganzen Kompanien ziehen die getreuen Untertanen auf den Stadtplätzen auf, und bald wird von den Kanzeln des Kantons ein Urteil verlesen: daß der Verfasser der aufwieglerischen und höchst schandbaren Schrift aus dem geistlichen Stand removiert, aus der gesamten Eidgenossenschaft verbannt sei und in den Wellenberg geworfen werden solle, falls er betroffen würde. Die Schandschrift solle zugleich mit dem Lästerbrief aus dem Hottinger Handel durch den Henker öffentlich verbrannt werden, die Kosten für die drei Klafter Brennholz seien durch die Patrioten zu bezahlen, ihre Wochenschrift »Der Erinnerer« dürfe nicht mehr unter die Presse kommen, und sofern die gefährliche Gesellschaft noch etwas gegen die Obrigkeit unternähme, würden die schärfsten Strafen angewandt.
Bluntschli hat recht gehabt: das Sechseläuten fängt an; und ob es Heinrich Pestalozzi selber angeht, soviel obrigkeitliche Torheit vermag auch er nicht mehr ernst zu nehmen; als die Schandschriften durch den Henker verbrannt werden, spaziert er mit einem Freund auf dem Balkon der Meise und macht auf einer Pfeife die Musik dazu.
32.
Heinrich Pestalozzi hat es gleich gefühlt, daß sein Gespött auch die eigenen Träume trifft. Wie in der Heiterkeit des Bluntschli, den er nun auch gleich den andern Freunden Menalk nennt, der bittere Ernst immer deutlicher wird, so ist es auch mit ihm: er trägt im Übermut dieser Tage das Gefühl unabweisbarer Entscheidungen in sich, die mit all diesen flatternden Sehnsuchten und Lebensspielereien seiner verzettelten Jugend aufräumen werden; daß der Demosthenes dabei sein wird, ist ihm sicher.