Chapter 4 of 25 · 3844 words · ~19 min read

Part 4

Eines Tages kommt es zu einem Spaziergang, durch Sihlport hinaus gegen den Uto. Er muß sich einen Tadel gefallen lassen, weil er dem Bluntschli zu hastig mit den Armen schlenkernd dahinläuft; als sie dann gegen den Waldrand hinauf wollen, merkt er freilich, daß es nicht nur die Sorge um seine Würde ist, die den andern so gemessen schreiten läßt: der Atem wird ihm bald zu kurz, sodaß sie den steilen Weg verlassen und einem Pfad links unter der Manegg her folgen. Wo die Büsche den Blick frei lassen, geht er über die schattige Rinne des Sihltals und den dunklen Waldrücken bei Wollishofen in das blaue Himmelsbecken des Zürichsees, darin Wolken und Bergfernen ihr schimmerndes Licht mischen: so erstaunt Heinrich Pestalozzi nicht, als sie in einer grünen Wiesenbucht einen Maler emsig dabei finden, die Linien und Farben dieser Ansicht auf ein Papier zu bringen. Ein Genosse von ihm hat sich augenscheinlich als Staffage auf eine Kuppe davor gesetzt, und ein weißer Hund liegt artig ihm zu Füßen, als ob er seine Wichtigkeit im Bild fühle. So emsig der eine mit den Wasserfarben hantiert, so eifrig liest der andere in einem Buch; und erst als der Hund sich erhebt, die beiden Ankömmlinge knurrend zu stellen, schauen beide auf, erst der Maler, und als der gleich einen Juchzer ausstößt, auch der Leser.

Der mit dem Buch ist Lavater, und Heinrich Pestalozzi begreift nicht, daß er ihn nicht beim ersten Blick erkannt hat; von dem andern weiß er, daß er ein Sohn des Malers Füeßli ist, gleichfalls Theologie studierend, aber gern mit dem Handwerkszeug seines Vaters über Land, und den Lehrern mit seiner freimütigen Art vielmals ein Ärgernis. Er hat wie meist sein Waldhorn mit, und ehe sie noch ihren Gruß sagen können, bläst er ihnen schon einen ländlichen Hopser ins Gesicht. Dem Bluntschli scheint die Begrüßung zu mißfallen; er geht an dem übermütigen Bläser vorbei gleich auf Lavater zu, und es sieht aus, als ob er ihn zur Rede stelle. Dabei hat er den Hund des Malers nicht mit berechnet; denn als er mit einer beschwörenden Gebärde auf den Freund losgeht, stellt das große Tier seinen Mann und legt ihm die Pfoten auf die Schultern, sodaß er statt dem Gesicht des Ungetreuen das bleckende Maul vor sich hat. Der Füeßli kann vor Gelächter nicht mehr blasen; er ruft den Hund erst zurück, als er sieht, daß der Bluntschli sich mit seinem blassen Zorn in Gefahr bringt.

Heinrich Pestalozzi hat den Auftritt, weil der Füeßli nicht zu seiner Bekanntschaft gehört, wie ein überflüssiger Zuschauer erlebt; sein Pflichtgefühl ist bereit, sich zu dem Zornigen zu schlagen; als aber der Maler ihm lachend die Hand hinhält, vermag er den lustigen Augen nicht standzuhalten. Die andern scheinen sich unterdessen auch geeinigt zu haben; obwohl verstimmt, kommen sie hinzu, setzen sich auch zögernd, wie der mit dem Waldhorn vorschlägt, miteinander auf den trockenen Grasboden und betrachten sein Bild. Es zeigt erst die porzellanene Bergferne und vorn das waldige Sihltal wie eine dicke grüne Raupe, aber es ist sauber gemalt, und Heinrich Pestalozzi muß den leichtherzigen Menschen bewundern, der gleichwohl solches vermag. Dem Bluntschli scheint das Bild keiner Beachtung wert; er will wissen, was für ein Buch Lavater gelesen hat, und als der ihm den Titel zeigt, weist er es kopfschüttelnd zurück. Als ob er sich vor Pestalozzi rechtfertigen müsse, gibt Lavater ihm das Buch in die Hand: es ist eine Schrift von Winckelmann über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst. Er weiß nicht weshalb, aber er hat im Augenblick, da er es nahm, gehofft, es möchte der Emil von Rousseau sein; so gibt er das Buch enttäuscht aus der Hand.

Der Maler will die Stimmung retten und schlägt vor, daß sie zusammen durch das Sihltal hinüber nach Wollishofen wandern und von da am Abend in einem Schiff zurückfahren sollten. Heinrich Pestalozzi würde das trotz seinem Erlebnis an dem Weidling mitgemacht haben; aber Bluntschli steht geärgert auf und geht ohne Gruß den gleichen Pfad zurück, es ihm überlassend, ob er folgen oder sich den andern anschließen will. Er wäre auch bei besserer Stimmung eines solchen Verrats nicht fähig, gibt also beiden mit einem flehenden Blick für seinen zornigen Genossen die Hand und springt ihm nach.

Bis zur Sihlbrücke kommen sie schweigend, Bluntschli immer vorauf und er wie sein Pudel hinterher; dann scheint das rauschende Wildwasser den Groll zu lösen, und obwohl Heinrich Pestalozzi deutlich fühlt, daß nur die Eifersucht um Lavater den Verärgerten so sprechen läßt, horcht er doch seinen Worten. Die ersten hört er kaum im Lärm der Sihl, erst nachher versteht er, daß der Bluntschli streng und erbittert von dem Geist der Aufklärung spricht, von dem Heidentum, das mit der gerühmten modernen Bildung in die Stadt Zwinglis gekommen sei und sich da mit dem Tand seidener Kleider, mit komischen Erzählungen lüsterner Art, mit radierten Idyllen und dem armseligen Götterwerk der heidnischen Welt breitmache. Solange man seine Urteilskraft an wahrhaft nützlichen Gegenständen üben könne, sei es ein Abfall, dürre und unfruchtbare zu wählen: Die nötigen Kenntnisse sind allen Menschen gemein, die nicht allgemeinen sind unnötig!

Es ist zuviel von seiner eigenen Gesinnung darin, als daß Heinrich Pestalozzi ihm nicht zustimmen sollte, und für eine Weile stehen die beiden da oben im Wald vor ihnen wie rechte Taugenichtse da; aber als sie von der Meisezunft her gegen die Wasserkirche über die Brücke gehen, lehnt bei dem Mühlrad ihr Lehrer, der weise Bodmer, und sieht in das glatt strömende Wasser, als ob er etwas in seinem Grund suche. Sie wollen ehrfürchtig grüßend an ihm vorbei; er erkennt sie aber und hält sie an: ob sie schon wüßten? Als sie beide den Kopf schütteln, nimmt er sie mit hinunter in die Gerwe und zeigt ihnen da eine Anklageschrift gegen den Landvogt Grebel, die in der ganzen Stadt verbreitet wäre und, wie er bestimmt vermute, Lavater und Füeßli zu Verfassern hätte: Wenn sie sich dazu bekennen müssen, sagt er und faltet das Papier wieder in seine Brusttasche, ist den beiden der Wellenberg sicher!

20.

Einige Tage später muß Heinrich Pestalozzi hinauf nach Höngg, wo seine Mutter mit dem Bärbel die kränkelnde Großmutter pflegt. Sie ist nun einundsiebzig und längst zu schwach für ihren Garten, doch hat sie es gern, wenn sie bei gutem Wetter hinuntergelassen und auf Stühlen zwischen den Beeten gebettet wird. Da liegt sie auch diesmal, als er um einer Laune willen unten an der Limmat hin und dann den steilen Pfad heraufgekommen ist. Es macht die alte Frau besorgt, daß er von dem raschen Anstieg seine brandigen Hitzflecken im Gesicht hat, und sie ruht nicht, bis er sich mit ihrer Schürze den Schweiß abtrocknen läßt. Nachher muß er sich auf die Steinbank setzen und ihr erzählen; da ihn die Vorfälle um den Vogt Grebel, die geheimnisvolle Anklageschrift und die zornigen Untersuchungen der Gestrengen Herren bis in den heißen Kopf erfüllen, spricht er ihr davon. Dann scheint es ihm freilich, als ob ihr einfältiger Sinn den Dingen nicht zu folgen vermöchte; sie streichelt nur immer eine Lilie, die sich in der linden Luft zu ihr neigt, und lächelt auf eine kindliche Art dazu. Als er aufsteht, die andern aufzusuchen, hält sie ihn fest mit ihrer welken Hand, und für einen Augenblick scheint ihr Greisensinn völlig verwirrt. Du mußt im Traum sein, Heiri, den Landvogt hat der Tell geschossen!

Er findet die Mutter und das Bärbel, die er abholen soll, schon reisefertig im Flur. Seitdem der Tochtermann des Pfarrers, der Vikar Wolf, gestorben ist, führt ihm die Witwe den Haushalt; das Tantli, wie sie bei ihnen heißt, ist noch eine junge Person und kann es trotz ihrer beiden Kinder wieder allein machen, seitdem es mit der Großmutter bessert. Er mag aber nicht sobald wieder fort; es drängt ihn, auch mit dem Großvater zu sprechen; so läßt er die beiden allein gehen und bleibt zur Nacht. Der Großvater hat mit der zunehmenden Gebrechlichkeit des Alters eine Vorliebe für gelehrte Studien gefaßt und sitzt über seinem Liebling, dem Kirchenvater Lactantius, den er den christlichen Cicero nennt; er läßt sich aber diesmal gleich stören: Es geht mir bald wie mit meinem Schwiegervater selig, dem Chorherrn Ott und seinem Flavius Josephus, sagt er wehmütig lächelnd, indem er die alten Bände zur Seite legt. Heinrich Pestalozzi weiß, wie merkwürdig die Weisheit dieses Juden aus der Zeit Christi an dem Zürcher Baum der Erkenntnis seines Urgroßvaters gehangen hat, und wie der alte Chorherr daran zum Narren geworden ist; aber angefüllt von den Dingen der Gegenwart vermag er nicht mit dem Großvater zu lächeln und sagt ihm das seltsame Wort aus dem Garten, das einen Dammbruch in seine Gefühle gerissen hat. Der alte Herr wird im Augenblick ernst und nimmt ihn hastig an der Schulter hinaus, als ob dergleichen in seiner Amtsstube nicht gesprochen werden dürfe.

Sie machen danach miteinander einen Gang ins Dorf, wo der Pfarrer dem Schulmeister eine Weisung zu geben hat. Heinrich Pestalozzi sieht von weitem das Haus, darin er den Ernst Luginbühl an den Webstuhl genötigt weiß, und das schmerzhafte Erlebnis mit dem Testament der Mutter, das er seitdem tiefunterst im Schrank verwahrt, gibt seinen strömenden Worten einen bitteren Beiklang. Der Großvater läßt ihn schweigend sein übervolles Herz ausschütten und tadelt ihn nur, als er sich allzu heftig zum Richter aufwirft. In seiner Kammer aber findet er an diesem Abend -- vom Großvater heimlich hingelegt -- die Verordnungen für das gemeine Landvolk, die den Pfarrern von den Gestrengen Herren übergeben sind. Er liest darin, bis sein Kerzenlicht zu Ende ist; nachher vermag er nicht zu schlafen, sitzt in den Kleidern am offenen Fenster bis in den Morgen und sieht in die unruhige Mondnacht hinaus, darin die jagenden Wolken ihre schwarzen Schatten vor die silberne Scheibe drängen; so oft sie auch siegend daraus hervorkommt, unaufhörlich steigen die schwarzen Sturmvögel vom Zürichberg herauf, ihr Licht zu decken; nicht anders, als die Verordnungen der Züricher Stadtherren über den mühsamen Lebensstand des gemeinen Landvolkes kommen:

Alle Ämter in Staat und Kirche, alle ehrsamen Handwerke sind dem Landvolk verschlossen, das mit Zehnten und Grundzinsen, mit dem Erb- und Leibfall, der dem Landvogt bei jedem Todesfall das beste Stück der Hinterlassenschaft sichert, mit Fronden und Kleidervorschriften, mit Handelsverboten und strengen Strafen für jedes Gelüst der Freizügigkeit von den Stadtbürgern wie leibeigen gehalten wird. Heinrich Pestalozzi hat all diese Dinge einzeln auch schon vorher gewußt, wie der Bauer nichts auf dem Dorf verkaufen, sondern alles auf den Zürcher Markt bringen muß, wo die Bürger für jede Ware den Preis festsetzen, wie ihm verboten ist, Geld auszuleihen, damit die Stadtherren den hohen Zins behalten, wie er nicht einmal sein selbstgesponnenes Tuch und Leinen selber färben darf: aber daß diese grausame Willkür mit allen Folgen des Elends ein Verrat an den alten Sagen und Briefen der Eidgenossenschaft ist, das hat er nicht durchgefühlt bis zu dieser Nacht, wo ihn das einfältige Wort der Großmutter vom Landvogt und dem Tell in einen Aufruhr aller Gedanken gebracht hat.

21.

Heinrich Pestalozzi kommt am nächsten Morgen aus Höngg zurück, als ob der Geist Tells in der Stadt Zürich auf ihn warte. Er findet den Kram der Straßen in der gleichmütigsten Geschäftigkeit, und nur am Rathaus drängen sich die Leute vor einem Anschlag der Gestrengen Herren: Man habe mißfällig vernommen, daß gewisse für die Ordnung des Staates zwar wichtige Nachrichten auf eine illegale Weise angezeigt worden wären, und wolle hiermit jedermann erinnert haben zu berichten, was er von der Sache wisse! Der Vorwitz der Stunde treibt ihn, sich eines Wortes von Bodmer zu erinnern, daß es der Charakter der Regierungen sei, sich selber allen Patriotismus zuzuschreiben und bei andern Leuten nichts als Unverstand, unreine Absichten, Wildheit und Aufruhr zu bemerken. Aber einige grämliche Handwerker, die dabei stehen, nehmen ihm den jugendlichen Vorwitz übel und hätten ihm die vorlauten Worte mit Schlägen heimgezahlt, wenn er nicht eilig in die Marktgasse hinauf entwichen wäre. Als er sich da nach den schimpfenden Verfolgern umsieht, aber hastig weiterläuft, hat er das Unglück, in eine offene Kellertreppe hinein zu fallen, wodurch er zwar ihrem Zorn entgeht, sich aber schmerzhaft den Knöchel vertritt. Er ist noch nicht aufgestanden, als schon mit einem Licht aus der Tiefe des Kellers ein Mann im Lederschurz herzuläuft, den er gleich als den braunbärtigen Ankläger aus der Gerwe erkennt. Der hilft ihm mit lustigem Spott auf, leuchtet ihn ab und bringt einen Napf mit Wasser, die Schramme an, der Stirn zu waschen, aus der ihm Blut in die Augen läuft. Es scheint nichts Schlimmes damit, und da er bei seiner hastigen Art Beulen und Schrammen gewöhnt ist, hält ihn das Gespräch mit dem handfesten Mann länger auf als seine Wunde. Er erfährt, daß sich Lavater und Füeßli gleich tapfer zu der Schrift bekannt haben und sofort ins schärfste Verhör genommen sind: weil sie geblasen hätten, was sie nicht brannte.

Um seine Mutter nicht unnötig zu erschrecken, humpelt er zunächst ins Carolinum, wo ihm die allgemeine Aufregung die Mitteilung des Mannes bestätigt. Er kommt in der kampflustigsten Stimmung, aber mit schmerzendem Fuß zu Hause an, und über Nacht schwillt dieser so auf, daß der Doktor kommen muß. Es ist nur eine Zerrung der Sehnen, aber der Fuß wird eingepackt, und er liegt nun als das erste Opfer der Begebenheit zu Hause. Das Babeli läßt ihn ihren Grimm über den unnützen Fall spüren, und wenn ihm das Bärbel nicht mit schwesterlichem Eifer zu Diensten wäre, hätte er es hart. Sie bringt ihm ans Lager, was er braucht, und holt Erkundigungen über den Stand der Dinge ein: Es gibt zwar eine zornige Partei, die den beiden Angebern nach altem Brauch kurzerhand den Wellenberg verordnen möchte, aber der Kreis der Patrioten aus der Gerwe sammelt Unterschriften aus der ganzen Stadt, daß die beiden nur nach ihrem Bürgereid gehandelt hätten. Da der Bürgermeister Leu sich in der Sache neutral verhält, obwohl der beschuldigte Landvogt Grebel sein Eidam ist, auch Lavater wie Füeßli aus angesehener Familie sind, gelingt es Bodmer, sie vorläufig freizuhalten, indessen die Untersuchung nach anderen Aufrührern ihre verbissenen Gänge weiter wühlt.

Heinrich Pestalozzi kann schon wieder vom Fenster an die Ofenbank humpeln, als es eines Abends gegen die Dämmerung zaghaft an die Stubentür klopft. Das Babeli hebt noch schnell ein Stuhlkissen auf, das er dem Bärbel im Scherz nachgeworfen hat, bevor es den Riegel aufklinkt. Herein kommt aber nur die unsichere Gestalt Lavaters, der den Hut schon draußen abgenommen hat und damit ein Päckchen in seiner Hand bedeckt. Heinrich Pestalozzi kennt ihn bisher eigentlich nur aus der Gerwe, wo er freilich einmal lange mit ihm gesprochen hat, und ist ebenso überrascht von dem Besuch, wie der andere verlegen scheint. Er habe erst jetzt von seinem Mißgeschick gehört, sagt er schließlich, als ihm Hut und Päckchen abgenötigt sind, und fängt an, vor Heinrich Pestalozzi auf und ab zu schreiten: seine eigene Sache stände nicht günstig, er wolle zwar nicht vorher fliehen, aber nach dem Urteil außer Landes gehen; zu Hause und vor der übrigen Verwandtschaft als einer dazustehen, der aus Leichtsinn seine Zukunft verspielt habe -- hier läuft das Babeli weinend aus der Stube -- wäre ihm unerträglich; er wolle sehen, ob die Welt keinen andern Platz für ihn habe! Er spricht noch manches, bis es völlig dunkel wird, und verhehlt auch nicht, daß Füeßli der treibende Wille und er nur die Feder dieser Anklageschrift gewesen sei, die ihn nun selber zum Angeklagten gemacht habe. Als das Bärbel ein Licht bringt, nimmt er seinen Hut, bevor Heinrich Pestalozzi weiß, was er eigentlich gewollt bat, das Päckchen läßt er liegen; die Schwester will es ihm nachbringen, aber er wehrt mit einer komischen Verdrießlichkeit ab und geht auf seine lautlose Art rasch die Treppe hinunter, von dem Bärbel beleuchtet.

Als sie wieder zurückkommt mit dem Licht und Heinrich Pestalozzi das sauber verschnürte Päckchen ansieht, trägt es seinen Namen. Ungeduldig, nun endlich zu wissen, was der seltsame Besuch des Kandidaten für ihn bedeutet, reißt er den Umschlag ab, und dann steht für einen Augenblick sein Leben still wie eine Kerzenflamme: was er in den Händen halt, ist Rousseaus »Emil«.

Was hast du? fragt die Schwester, als sie ihn mit dem Buch in den Händen so dasitzen sieht; er hält ihr den Titel hin und weiß kaum selber, was sein Mund spricht: Ich habe den Propheten!

22.

Heinrich Pestalozzi vermag nicht so fließend französisch zu lesen, daß er das Buch verschlingen könnte; er muß es wie einen alten Schriftsteller studieren, und oft genug stockt er bei einem Wort, dessen Sinn ihm vieldeutig oder unklar ist. Aber darum ist es doch für ihn, als ob er eine Feuersbrunst erlebte, wie erst nur die Flämmchen nach dem First hinlaufen, auf einmal Pfannen niederprasseln und endlich das feurige Gerippe brennender Balken in der Lohe steht, wo vorher ein Dach jahrhundertelang die Menschlichkeit vor den Elementen beschützt hat. Zeit und Raum verliert er vor dem Buch; und wenn er aus den Seiten aufblickt in die Stube, kann er staunend seine Mutter oder das Bärbel dasitzen sehen, als ob sie im Augenblick aus himmlischen Weiten hergeweht wären. Vieles kennt er schon, aber gerade darum ist es ihm, als ob in den Gesprächen Bluntschlis, in den Reden Bodmers und allen Verhandlungen der Gerwe nur Irrlichter gewesen wären von dem Feuer, das hier durch Tag und Nacht seinen Brand brennt. Mehr als dies alles aber ist die heimlich wachsende Erstaunung, daß die Seele seiner Jugend in dem Buch ihre Heimat findet; immer bis zu diesem Tag ist es gewesen, daß es von ihr zur Welt keinen Zugang gab: So irrend er gesucht hat, so lieb ihm die Mutter und das Bärbel, das Babeli und der Baptist, die Großeltern in Höngg und das heimelige Pfarrhaus gewesen sind, er ist doch in der Einsamkeit geblieben, als ob nicht schon seine Ahne vor mehr als zweihundert Jahren, sondern er selber erst fremd über die Alpen nach Zürich gekommen wäre. Auch alle Schriften, die er bis dahin gelesen hat, sind für ihn von dieser fremden Welt gewesen; nun aber ist es, als ob in diesem Buch seine Seele selber aufgebrochen wäre, sodaß es in der Welt ringsum nichts mehr gäbe als sie. Alles bis zu diesen Tagen, was er gefühlt, gewollt und getan hat, ist mit dem schmerzlichen Gefühl des Unrechts geschehen; zum erstenmal steht seine Natur auf und sieht, daß sie recht hat.

Die Tage füllen sich zu Wochen, und die Wochen laufen schon in den zweiten Monat, daß Heinrich Pestalozzi noch immer mit dem Buch dasitzt und sich mit achtzehn Jahren erst eigentlich zur Welt bringen läßt. Unterdessen läuft draußen alles seinen Gang ab: der Landvogt Grebel wird schuldig gesprochen, aber Lavater und Füeßli müssen öffentlich Abbitte tun; sie verlassen bald miteinander Zürich, wo die Patrioten in der Gerwe vom Argwohn und Haß der Gestrengen Herren beaufsichtigt bleiben und von den Kanzeln gegen den aufrührerischen Geist der Jugend gepredigt wird. Im Carolinum werden die alten Schriften und die Kirchenväter gelesen, und in den Zünften wird mißtrauisch über die städtischen Rechte der Gewerke Buch geführt, das Bauernvolk bringt zu Wagen und zu Schiff die Erträgnisse seiner Arbeit auf den Zürcher Markt, und Sonntags strömen die geputzten Bürgersöhne und Mamsells hinaus in seine ländliche Welt, in den Gasthöfen steigen Kaufleute und empfindsame Reisende aus allen Ländern Europas ab, und die Baumwollenweberei stellt zum Nutzen Zürcher Fabrikherren einen Stuhl nach dem andern in den Dörfern auf, angeblichen Wohlstand verbreitend, die Landreiter gehen auf die Betteljagd, und an zierlichen Tischen werden die Idyllen Geßners gelesen: alles um ihn läuft seinen Gang wie zuvor, nur steht das sehnsüchtige Gefühl seiner Jugend nicht mehr als ein unbrauchbarer Fremdling darin. Es hat die Natur als Boden der Menschlichkeit gefunden, wo alles Verirrung und Falschheit ist, was dem inneren Gefühl um äußerlicher Vorteile willen widerstrebt, und er ist sicher: dies ist der einzige Schlüssel für den Menschen in die Welt.

23.

Heinrich Pestalozzi hat den Emil zum drittenmal gelesen und ist noch immer im Traum dieser Dinge, als Ende November in Höngg die Großmutter sanft hinwegstirbt. Sie haben sie am Mittag bei milder Sonne noch einmal in den Garten hinuntertragen müssen; da sind ihr mit den letzten verirrten Blüten die Augen zugefallen, als ob sie schliefe. Er muß mit dem Bärbel allein zum Begräbnis gehen, weil die Mutter selber zu Bett liegt. Der matte Glast der Novembersonne steht in der unbewegten Luft, als sie den Sarg um die Kirche auf den Acker tragen, wo die alten Holzkreuze auf ein neues zu warten scheinen. Das ganze Dorf ist da, auch die, denen es zu keinem sonntäglichen Kleid mehr reicht in ihrer Armut; bis an die untere Mauer stehen sie als der letzte Kriegshaufe lebendiger Liebe gegen den Tod. Bevor sie ihm seine Beute in das enge Erdloch hinunterlassen, tritt der Schulmeister vor, mit den Kindern das Abschiedslied ihres Lebens zu singen: Heinrich Pestalozzi ist oft mit dem Großvater in der Dorfschule gewesen und hat ihnen zugehört, nun will ihm der Gesang der Mädchen- und Knabenstimmen einstimmig vereint herrlicher klingen, als er jemals Menschen singen gehört hat, und die Erschütterung davon ist tiefer als die Trauer.

Weinend kommt er in die Kirche; da vermag die kleine Halle nicht alle zu fassen, daß ihrer viele noch draußen horchen, wie der alte Pfarrer und Dekan seiner eigenen Frau die Leichenrede hält. Auch er ist welk, und der Kopf kämpft mit dem gebeugten Nacken, das Angesicht von der Erde zu heben, aber die Stimme trägt noch klar durch den Raum, als er der Gemeinde den Lebenslauf der Dorothea Ott vorträgt, die seit achtundvierzig Jahren seine Frau und seit sechsunddreißig Jahren ihre Pfarrerin gewesen ist. Heinrich Pestalozzi weiß nun, es ist nicht der liebe Gott seiner Knabenjahre, der da spricht, es ist ein Greis, den sie selber bald um die Kirchecke tragen; umsomehr fühlt er, wie ergreifend dies ist, daß ein Mensch mit seinem Leid dasteht und aus der Ewigkeit den Lebenslauf seiner Gefährtin ablöst, deren irdisches Dasein vor dem seinen vollendet ist. Aber was ihn tief erschüttert, ist die Erfahrung, wie alles, was er hier sieht und hört, nur ein Stück aus dem Buch des Genfers scheint. Wenn er von hier aus an die Stadt denkt, an ihre Gassen, ihren Aufwand, ihr Gezänk: glaubt er niemals wieder hineingehen zu können. Auf dem Dorf allein ist das menschliche Wesen noch auf die Einfalt der Natur gestellt; von hier aus allein kann deshalb der Geist natürlicher Sittlichkeit wieder gesellschaftliche Rechte in der Menschheit erhalten. Es ist ihm nicht anders, als ob sie drei: die ländliche Gemeinschaft, seine Seele und der Traum des Buches in dieser Stunde einen Bund schlössen gegen den verkünstelten Aufwand der städtischen Welt.

24.

Seitdem denkt Heinrich Pestalozzi wieder ernstlich daran, Pfarrer zu werden; das Bild des Großvaters ist von neuem sein Lebensziel geworden, aber nicht um den Armen ein väterlicher Freund, sondern dem menschlichen Wesen ein Fürsprech und Märtyrer gegen Unnatur und elende Versunkenheit zu sein. Er tritt mit seinen Studien, die ihn immer leidenschaftlicher abgesondert haben, bis das Erlebnis Rousseaus ihm alles andere überflüssig machte, wieder in den Kreis des vorgeschriebenen Unterrichts ein. Selbst das Patriotentum in der Gerwe scheint ihm für eine Zeit nicht mehr so wichtig, und als es im Januar wieder zu einer Anklage diesmal gegen den Zunftmeister Brunner kommt, der sich schwerer Veruntreuungen schuldig gemacht hat, bleibt er der Sache fremd.