Part 23
Die Aufregungen dieser papierenen Kämpfe machen aus dem Zähringer Schloß in Ifferten mehr eine belagerte Festung als eine Schule. Manchmal genug muß Heinrich Pestalozzi an seine Kattunfabrik und die Zurzacher Messe denken, wenn er zusieht, wie sich bei Niederer die Pläne jagen, wie im Handumdrehen ein Verlagsgeschäft, eine Buchdruckerei und eine Buchhandlung im Schloß eingerichtet werden, um besser für diese Händel gerüstet zu sein; doch liegt er nun fast immer an seinem Rückgrat in Schmerzen auf dem Bett und läßt es geschehen, daß ihm der Zielpunkt seines Lebens täglich mehr auf die Seite geschoben wird, als ob er um solcher Klopffechterkünste willen gelebt hätte.
Darüber kommt er durch einen törichten Unfall auch noch fast ans Sterben: als er eines Tages mit einer Stricknadel im Ohr bohrt, aber nicht recht aus dem Gehänge seiner Gedanken aufwacht, läuft er unversehens damit gegen den Kachelofen, so unglücklich, daß ihm die Nadel durch das innere Ohr in den Kopf hinein sticht. Trotzdem es ihm wehtut, scherzt er selber noch über sein täppisches Ungeschick, bis die Schmerzen nach einigen Tagen heftiger werden, Fieber dazu kommt und ihm wie den andern die Gefährlichkeit ankündigt. Krüsi begleitet ihn nach Lausanne, aber da lassen ihn die Ärzte nicht mehr fort, weil nun schon das Fieber mit den Schmerzen um sein Bewußtsein kämpft und der Tod an seine Bettstelle treten will. Vier Monate seines Lebens kostet ihn die falsche Anwendung dieser Stricknadel, und manche Woche irrt sein Geist in Delirien hin, darin die Kämpfe der letzten Zeit in den Spuk früher Kinderträume tauchen, wo die Feinde mit greulichen Gesichtern und langen Messern heran schleichen. Namentlich ein plumpes Tier peinigt ihn lange, das dicht über seinen Augen schwebt und ihn erdrücken wird, wenn es sich niederläßt. Als seine Sinne heller werden, weil die Sonne durchs Fenster scheint und mütterliche Hände um seine Wiege sind, ist es der bunte Papiervogel, von dem er geschrieben hat, daß ihn die Appenzeller Mütter ihren Kindern übers Bett hängten, damit der suchende Blick daran den ersten Anhalt aus dem Unbewußten in die Menschenwelt fände. Endlich an einem Nachmittag erwacht er wieder in seine Greisenwelt, Anna Schultheß lächelt ihn an mit ihrem Faltengesicht, und der Vogel ist fort: aber die Erinnerung an seine Farben bleibt in ihm, wie wenn er aus dem Paradies gewesen wäre. Und noch einmal wird Heinrich Pestalozzi überwältigt von dem tiefen Sinn dieses Volksgebrauches: Mir löscht das Bewußtsein meiner alten Tage den Traum bald wieder aus, denkt er und liegt noch immer wie ein Kind in der Wiege lächelnd mit gefalteten Händen da; aber das Kind, das sich die Welt mit seinen Sinnen erst aufbauen soll, sieht am Eingang den paradiesischen Vogel, und es wird immer diesen Kern von Wohllaut in dem Weltgebäude seiner Anschauung fühlen.
Mitten in diese Gedanken hinein muß er so herzhaft lachen, daß sich Anna erschrocken -- das Fieber möchte wiederkommen -- zu ihm hinunterbeugt. Es dauert lange, bis er mit den schwerfälligen Worten dem blitzschnellen Lauf seiner Gedanken nachkommen kann: Er hat von dem Papiervogel aus an das Bergwerk gedacht, darin die Seele im Verlauf einer Jugend von den Erfahrungen der Sinne begraben wird, und an die unendliche Geduld seiner Methode, sie mit der Ordnung einer wirklichen Weltanschauung wieder ans Licht zu bringen, auf einmal ist aber noch Niederer dagewesen mit dem Papierberg seiner Wissenschaft: Weißt du noch, kichert er und malt ihr mit dem Finger einen Vogel auf die Hand, wie mich der Henning aus Preußen neulich nach der Stelle in meiner Lenzburger Rede fragte, aus der Niederer ein gedrucktes Buch gemacht hat? Es wäre mir auch zu tiefsinnig, was ich da gedacht hätte, sagte ich: er müsse Niederer fragen!
Als aber Anna schon wieder in Ifferten ist und er noch immer geschwächt von seiner Krankheit daliegt, bleibt der mühsame Weg von dem Appenzeller Vogel bis zur Wortposaune der Lenzburger Rede der Strich, an dem er den Gang seiner Absichten auf der Bettdecke abtasten kann: Es geht schon arg über den Rand damit, sagt er kopfschüttelnd, und macht sich fast ein Spiel daraus, wie alles andre danach, der Professor Haller in den Gelehrten Anzeigen und der Chorherr Bremi mit den drei Dutzend Zeitungsfragen samt den Niedererschen Antwortschriften auf den Boden purzelt, wo sie das Turnier in ihrer eigenen Welt, nicht in der seinen abmachen.
Endlich nach fast vier Monaten kann ihn Anna im Wagen wieder holen; er möchte -- wie er wehmütig scherzt -- den Umweg über Ifferten garnicht mehr machen, da es über Burgdorf näher nach dem Birrfeld wäre. Und bei Cossonay muß ihn der Kutscher ein Stück gegen den Berg hinauf fahren, damit er ihr die Stelle seiner Rettung unter den Pferden zeigen kann. Es ist seit Januar Anfang Mai geworden, und die sonnige Luft hat ihn heiter gemacht; aber wie sie nachher durch das Sumpftal der Orbe hinunter fahren, fängt er bitterlich an zu weinen. Er hat an das Glück der Ruhe damals gedacht, und wie anders dies jetzt ist, in das er hinein fährt: Wo ist mein Jungbrunnen geblieben? klagt er unaufhörlich, sodaß Anna, die nicht an den Boden seiner Trauer gelangen kann, schon bitter zweifelt, ob die Nadel seinem Kopf nicht doch geschadet habe.
94.
In den selben Maitagen, da Heinrich Pestalozzi so weichen Herzens von der überstandenen Krankheit nach Ifferten zurück fährt, reist Bonaparte seinem Heer nach, den Feldzug gegen Rußland zu wagen. Noch einmal versammelt er in Dresden die deutschen Könige und Fürsten als seine Vasallen um sich, bevor er dem Winter in den russischen Steppen entgegen zieht. Das Gepränge seines Ausmarsches, den auch Tausende von Schweizersöhnen mitmarschieren, ist kaum in die Einöde verklungen, und eben legt der erste Winterschnee dem Jurarücken seine Schutzdecke auf, als der Brand von Moskau sein blutiges Nordlicht leuchten läßt. Noch sind es Wenige, die den Schein zu deuten wagen; aber bald fliegen die Gerüchte an den Landstraßen hin, daß der Weltherrscher in einem Schlitten allein durch Deutschland zurück geflohen sei, indessen die Leichensaat der großen Armee in Rußland geblieben wäre. Während sich eine dumpfe Erwartung über die Menschen legt, fängt bei den preußischen Lehrern, die noch in Ifferten sind, die Unruhe an zu brennen; kaum fallen die ersten Eiszapfen von den Dachrändern, als sie dem Befreiungskrieg ihres Vaterlands zufliegen.
Wenn der Krieg auch fürs erste der Schweiz fern bleibt, bekommt ihn die Anstalt doch zu spüren; schon mit den preußischen Lehrern sind Zöglinge heimgereist, und auch sonst holen besorgte Eltern ihre Kinder. Mit dem Frühjahr schmelzen die Einnahmen bedenklich hin, während die Ausgaben, von den Niedererschen Ideen gedüngt, üppig ins Kraut schießen. Es geht schon wieder wie mit der Fabrik im Neuhof, Heinrich Pestalozzi in seiner Bedrängnis stopft die kleinen Löcher aus einem großen Loch, und noch einmal muß Anna Schultheß aus ihrem Ererbten sechstausend Franken hergeben, den Bankrott abzuwehren. Sie ist fünfundsiebzigjährig, als sie den Pakt unterzeichnet, und ihr Enkel steht schon als Jüngling dabei; ihm den Rest des Vermögens zu sichern, wird ein Vertrag gemacht, der sie nun selber auch auf den Altenteil setzt, sodaß sie beide nichts mehr besitzen, als daß sie -- wie die Lehrer auch -- ihre Unterkunft in der Anstalt haben: Jetzt kann ich nicht mehr das Senkblei deiner Stürme sein, sagt sie zu ihm, jetzt bin ich leicht wie du!
Während er so das Schneckenhaus seiner Gründung mühsam weiterschleppt, ist die Völkerschlacht bei Leipzig geschlagen, und wie Bonaparte früher die Völkerscharen Europas gegen seine Feinde geführt hat, so drängen sie nun gegen ihn. Ehe die Schweiz sich dessen versieht, steht die Hauptarmee der Verbündeten in Basel, bereit, nach Frankreich einzudringen; die Tagsatzung beschließt eine vorsichtige Neutralität, aber nun gibt es zwischen Für und Wider keine Möglichkeit mehr, und hundertdreißigtausend Österreicher rücken ungefragt ins Schweizerland, den Heerweg zwischen Jura und den Alpen nach Genf zu nehmen. Ifferten liegt mitten in der Bahn, und als schon Tausende durchgerückt sind, reitet eines Tages ein Offizier mit dem Befehl in die Stadt, das Schloß für ein Lazarett zu räumen! Kommt mir alles wieder? denkt Heinrich Pestalozzi; aber nun ist er nicht mehr der hilflose Waisenvater in Stans, und als die Stadt zwei Abgeordnete nach Basel ins Hauptquartier schickt, das Übel noch abzuwenden, schließt er sich trotz seiner neunundsechzig Jahre den beiden an.
Die modischen Stadtherren sind nicht erfreut, als ihnen der ungekämmte Sonderling auch noch in den Wagen gepackt wird, und wo sie Rast machen unterwegs, verleugnen sie ihn vorsichtig, um nicht für seinesgleichen zu gelten. Aber als sie nach Basel kommen, wo es von Federbüschen und goldbestickten Uniformen wimmelt und auf den Straßen die Karossen der Fürstlichkeiten drängen, sind die Türen der Heeresämter nicht so offen wie unterwegs die Gasthöfe; der Weltkrieg hat keine Zeit für die Wünsche kleiner Landstädte, und selbst die Abgeordneten der Tagsatzung zucken mit den Achseln; die Stadtherren von Ifferten müßten ungehört abfahren, wenn ihnen nicht der mißachtete Greis die Türen und Ohren aufmachte. Wie sie sich wieder nach ihm umsehen, ist er eine vielbegehrte Berühmtheit, und schon am dritten Tag dürfen sie ihm zur Audienz beim russischen Kaiser folgen.
Der empfängt den runzeligen Alten inmitten seiner Würdenträger wie einen Zauberer, und schon sein erstes Wort entledigt die Stadtherren von Ifferten aller Sorgen. Nur wurmt es sie, daß Heinrich Pestalozzi sich nicht sogleich -- wie es schicklich wäre -- mit ehrfürchtigem Dank zurückzieht, sondern den Herrscher aller Russen wie ihresgleichen ins Gespräch nimmt; obwohl sie nicht hören, was er ihm alles sagt, weil der Kaiser schrittweise vor seiner Lebhaftigkeit zurückweicht, zittern sie um seiner Zudringlichkeit willen, und als er ihn nach einer Viertelstunde bis an die gegenseitige Tür gedrängt hat und immer noch nicht nachgibt, sogar die Hand hebt, um den Kaiser nach seiner Gewohnheit am Knopf zu fassen, möchten sie ihn an den Beinen hinausziehen. Doch scheint der Kaiser anderer Ansicht zu sein; sie wollen es nicht glauben, aber sie sehen es mit ihren Augen, wie er den alten Mann, dem im Eifer sein Strumpf gerutscht ist, gerührt in die Arme schließt, bevor er sich wieder zu den Staatsgeschäften seines Gefolges wendet.
Bei der Rückfahrt möchten die beiden seinem Alter diensteifrig zu Hilfe sein; aber nun scheint dem Greis die letzte Vernunft zu entfahren: er fragt sie selber aus seinem Traum, ob alles in Ordnung sei? Heinrich Pestalozzi sind in diesen Basler Tagen andere Dinge wichtig geworden als Ifferten und seine Anstalt. Wohl hat er dem Kaiser der Russen vieles gesagt, wie der Mensch durch einen naturgemäßen Bildungsgang in die Menschheit eingeführt werden müsse; aber er fühlt, es müßten Monate, nicht Stunden der Predigt sein, um seiner Botschaft wirklich solch ein Herz zu wecken: Es sind nicht die Menschendinge, die den Mächtigen ans Herz gehen, sagt er zu den Stadtherren, die garnicht merken, daß er mit sich selber spricht, es gilt nicht die Menschheit und nicht einmal ihr Volk, es ist nur ihre Macht. Aber diese Macht allein kann nichts als Heere unterhalten und Länder mit Krieg überziehen; wenn danach der Friede kommt, ist sie wie eine Schelle ohne Klöppel. Ich wüßte Einem, der mir folgte, eine Macht in Europa zu gründen, die mächtiger als Bonaparte wäre; und ich sage euch, wer es am ersten mit mir hält, dem wird die Herrschaft in Europa zufallen!
Er hat die beiden Stadtherren aus Ifferten nun wirklich an den Rockknöpfen gepackt, und obwohl sein Menschengeist kühner als jemals auf Abenteuer in die Zukunft reitet, murmelt er nur Worte, die sie nicht verstehen. Darum sind sie froh, als er endlich schweigt und sie losläßt; denn ob sie noch immer über die Geltung dieses unscheinbaren Greises betroffen sind, ihn in die Arme zu schließen vermöchten sie nicht, trotzdem es ihnen ein Kaiser vormachte.
95.
So zufällig der Anlaß dieser Reise nach Basel für Heinrich Pestalozzi gewesen ist, so bedeutend wird ihre Folge. Er fährt den Stadtherren zuliebe über Bern zurück, wo sie einen Tag lang bleiben wollen, noch ohne Ahnung, daß dies gefährlich sein könnte. Schon zwei Tage vor Weihnachten haben die Berner die napoleonische Verfassung abgeschafft und sich wieder nach der ehrwürdigen Ordnung der Väter eingerichtet, die ihnen von neuem die Zwingherrschaft über den Aargau und das Waadtland geben soll. Sie wissen, daß sie beim Fürsten Metternich für solche Gelüste Rückhalt finden und haben schon den österreichischen Oberst Bubna beauftragt, im Durchrücken die verhaßte liberale Regierung in Lausanne einzustecken. So ist jeder Waadtländer in Bern wieder ein Empörer wie zu Davels Zeiten, und als Heinrich Pestalozzi sich in der Frühe nach seinen Ratsherren umsieht, sind sie noch am Abend eilig wieder abgefahren.
Es wird zwar noch nicht mit Musketen geschossen, und er kommt ungefährdet aus den finsteren Trutzgassen der alten Bärenstadt wieder hinaus; aber seine Schweizer Gedanken haben eine böse Erschütterung erfahren. Nun erst sieht er, was dieser Siegesmarsch der Verbündeten bedeutet: er soll der europäischen Welt die letzten zwanzig Jahre wie ein Geschwür ausschneiden, und dies begreift er sofort, daß seine Menschenbildung mit zu dem Geschwür gehört. Zwar wird er auf den Schutz des russischen Kaisers und der preußischen Regierung rechnen können, aber sein Werk wird in einer so kurierten Welt keine Lebensluft mehr haben. Er ist nun selber die Schelle ohne Klöppel, und so lustig er über die vorsichtigen Ratsherren gespottet hat: nun kommt er wie sie mit einem Gefühl der Gefahr in Ifferten an. Die ersten Zöglinge, denen er vor dem Ort begegnet -- es sind die goldäugigen Zwillinge eines Pfarrers aus dem Traverser Tal -- holt er zu sich in den Wagen und hält sie fest, als ob schon die Landreiter kämen.
Er findet Anna und die geborene Fröhlich in einer Aufregung, die der seinen gewachsen ist: Niederer, den jedermann noch im Verhältnis mit der Segesser glaubte, hat sich mit Rosette Kasthofer verlobt, der Heinrich Pestalozzi im vergangenen November das Töchterhaus als Eigentum abgetreten hat, was den Frauen schon damals nicht recht gewesen ist. Auch ihm kommt die Nachricht unerwartet, aber länger als eine Minute vermag er nichts Ärgerliches daran zu finden: Wir müssen nun alle zusammen halten, sagt er aus seiner andern Welt, und erst als Anna, die schon Wunderdinge aus Basel gehört hat, ihn verdutzt fragt, ob es vielleicht doch anders gewesen sei, als das Freudengespräch durch Ifferten gehe: berichtet er von seiner Audienz, darüber sie für diesen Abend doch noch fröhlich miteinander sind.
Am andern Morgen aber ist der Spuk wieder da und böser, als er ihn von Bern mitbrachte. So muß Noah zumute gewesen sein, denkt er, als er die Arche baute: und meine vier dicken Türme können nicht schwimmen, auch ist es gar die Zwingburg des Zähringers selber, darin ich sitze! Ich muß mein Testament schreiben, sagt er zu Anna, aber sie merkt bald, daß es nicht ihrem Enkel Gottlieb gilt: »An die Unschuld, den Ernst und den Edelmut meines Zeitalters und meines Vaterlandes« steht oben darüber, und wenn er jemals Worte für seine innere Beredtsamkeit fand, so gelingt es ihm diesmal. Er hat in Bern und schon in Basel sagen hören, daß es die alte Kultur herzustellen gelte: aber nun leuchtet er die gerühmte Zeit der Väter mit dem Lichtschein der Menschlichkeit ab und zeigt, daß ihre hitzigen Preiser nur den äußeren Glanz des gesellschaftlichen Lebens meinen. Kultur aber ist nur da -- dies setzt er scharf ins Licht -- wo das Gewissen des einzelnen sich zur sittlichen Persönlichkeit durchfindet und wo die Gesellschaft zur Gemeinschaft solcher Persönlichkeiten wird. Darum kann Kultur nicht durch eine Veränderung der äußeren Zustände herbeigeführt werden, ihr Boden ist allein der Mensch: Laßt uns Menschen werden, damit wir Bürger, damit wir Staaten werden können!
Es schwinden ihm Wochen und Monate über dieser Schrift, und die Täglichkeit, so peinlich und verworren sie ihn bedrängt, wird eine ferne Unwirklichkeit. Mancherlei Freunde wollen der bankrotten Anstalt mit Neuerungen in der Verwaltung aufhelfen, und Anna kommt von einer Reise nach Zürich nicht zurück, weil sie der Besserung nicht im Wege stehen will; Niederer heiratet die Kasthofer und geht für Monate mit ihr auf die Hochzeitsreise: es wird abgerüstet, das ist das einzige, was er davon wahrnimmt, und das treibt ihn wieder in die Gedanken seiner Schrift zurück. Es geht an den Grund seiner ganzen Lebensarbeit, es geht an die Wurzeln der europäischen Menschheit, da ist das zufällige Schicksal seiner Anstalt nichts mehr als die verspritzte Welle eines rauschenden Stromes. Als die siegreichen Mächte auf dem Wiener Kongreß das Schicksal Europas bestimmen wollen, ist der Freiherr von Stein der erste, dem er die Schrift übersendet; ganz ahnungslos, daß der als Triebfeder der deutschen Befreiung schon wieder ausgeschaltet ist, weil es nur noch die gierige Verteilung der Länderbeute gilt.
Es ist zum letzten Mal, daß der Menschengeist in Heinrich Pestalozzi auf ein europäisches Abenteuer reitet; seine Seele sitzt unterdessen in den Nöten seiner Anstalt zu Ifferten und wartet, wer ihr daraus zum Frieden helfe. Die Reise nach Basel hat nicht das benachbarte Grandson von den Lazaretten freihalten können; von dort aus verbreitet sich das Nervenfieber der österreichischen Soldaten doch nach Ifferten, und als der Herbstwind die gelben Blätter auf den Weg zu treiben beginnt, trifft es die geborene Fröhlich. Im siebenundvierzigsten Jahr ihres schaffnerischen Lebens legt ihr der Tod die Hände ineinander, die seit dreizehn Jahren das Hauswesen der Anstalt gehalten haben. Als sie den Sarg hinaus bringen, trägt Heinrich Pestalozzi keine Hoffnung mehr hinterher: Anna ist von Zürich auf den Neuhof gegangen; er möchte vom Kirchhof zu ihr laufen, statt in das verwahrloste Schloß zurück zu gehen, wo fremde Hände sein Geld und seine Worte ausgeben.
In dieser Zeit nimmt Niederer sein Herz in die Hand; er hat schon auf der Hochzeitsreise seinen Gegner Schmid in Bregenz besucht, den alten Groll auszulöschen; nun setzt er viele Briefe daran, dem Trotzigen die Rückkehr abzubitten, weil er allein mit dem Ruf seiner Lehr- und Regierfähigkeit die Anstalt retten könne. Und während die eifersüchtig streitenden Mächte auf dem Wiener Kongreß wie eine gestörte Spatzenschar auffliegen, weil Bonaparte noch einmal das Glück der Weltgeschichte versucht, kommen kurz nacheinander zwei Wagen nach Ifferten gefahren, die Heinrich Pestalozzi seine siebenundsiebzigjährige Frau Anna mit der hart und grau gewordenen Lisabeth und den Tiroler Schmid wiederbringen. Beide werden auch von den andern jubelnd begrüßt, und Pfingsten ist noch nicht im Land, da zeigen Stundenzeiger und Uhrwerk wieder den festen Gang des Uhrwerks an. Das Geld regnet nicht noch einmal zum Dach herein, aber es fliegt auch nicht mehr hinaus, weil eiserne Sorgfalt es behütet.
Heinrich Pestalozzi hat schon nicht mehr gedacht, noch einmal sorgenlos unter den hoben Seebäumen spazieren zu können; aber so sehr er die Erlösung aus den täglichen Nöten fühlt, die Landschaft ist taub für ihn geworden, und es kann ihm begegnen, wenn er Anna zuliebe vor dem Gelärm der Zöglinge beiseite geht, daß er sich selber erleichtert fühlt, das Gewühl ihrer Stimmen nicht mehr zu hören: er hat Sehnsucht nach der harten Stille des Birrfeldes, die Anstalt ist ihm verleidet, und er möchte sein Waisenhaus haben. Mit all seinem Ruhm -- sogar den Wladimirorden hat ihm der russische Kaiser gesandt -- mit dem fremden Zulauf in seine Anstalt kommt er sich vor wie ein Wagen, der mit den Achsen nach oben auf der Wiese steht und seine schnurrenden Räder nur noch als Spielzeug der Kinder hat: Solange ich nicht mit einem Armenkinderhaus gezeigt habe, wie der Armut aus sich selber geholfen werden kann, hat die Methode nur der Schule, nicht dem Leben gedient, und mein Werk ist nur halb getan! sagt er zu Schmid. Aber der schüttelt eisern den Kopf: Ehe er nicht ohne Verschuldung auf den Neuhof zurück könne, ließe er ihn nicht fort! Er brauche vielleicht nicht länger als ein Jahr, aber das müsse er aushalten!
Wenn Heinrich Pestalozzi über solche Worte bei Anna klagt, obwohl er sich der Liebe darin freut, legt sie wohl seufzend ihr Buch aus der Hand und sieht ihn über die Brille wie ein Meerwunder an, daß er noch mit grauen Haaren solch ein Kind seiner Unrast sei. Sie liest nun ziemlich den ganzen Tag und spricht von den Dingen und Gestalten ihrer Bücher, als ob sie die Wirklichkeit wären. Von ihrer letzten Anwesenheit im Neuhof hat sie das Nibelungenlied mitgebracht, wie es der Stadttrompeterssohn und Patriot Müller aus der Gerwe zum ersten Mal in Druck gab; daraus ist es gekommen, daß sie Schmid den ingrimmigen aber treuen Hagen von Tronje nennt.
Er mag das grausam heidnische Buch nicht, wie er es nennt, und er schmollt oft in einen Greisenzank, wenn sie schon wieder über Kriemhildens Klage weint; aber es tut ihm wohl wie alter Wein, daß sie so geruhsam am Fenster sitzt und zum wenigsten sein Werk in Ifferten nun als gesichert ansieht. Wenn ihn selber die Unruhe quält, schlüpft er gern für einige Minuten in das Behagen ihres beruhigten Alters ein; er weiß, daß sie einen gepreßten Klatschmohn im Buch liegen hat, den sie im Sommer aus dem Schloßgarten anbrachte, und das verblaßte Rot davon braucht nur aus den Blättern zu leuchten, so möchte er schnurren wie ein Kater in der Ofenwärme.
So glüht ihnen das Jahr still zu Ende, das unerwartet das letzte ihres Lebens ist. Anfangs Dezember wird sie von heftigen Brustschmerzen überfallen, die sich nach einer fiebrigen Nacht in Schlafsucht lösen. Am dritten Nachmittag wacht sie auf und streicht ihr dünnes Haar zurecht wie ein Mädchen, das sich verschlafen hat: Siegfried hat wie Christus keinen Sohn gehabt, sagt sie aus ihrem Traum und muß noch lächelnd weinen, weil sie an ihren Jakob denkt. Als sie dann kopfschüttelnd über ihre Verwirrung aufgestanden ist und auf dem Sofa sitzt, hebt sie die beiden Hände vor die Brust und sieht ihn aus einer tiefen Verwunderung an: Wie seltsam ist dies, Pestalozzi, in Schlaf zu fallen und wieder zu erwachen! Er hört nicht recht darauf, weil er ihr die Schuhe holen will; auch fällt ihm ein, daß nun bald wieder Weihnachten und Neujahr ist, wo er in der Kapelle sein Haus ansprechen muß, und wie er diesmal eher ein Brot, aus Gottes Korn gebacken, mitbringen könne als einen Sarg! Weil solche Einfälle in ihm ihr eigenwilliges Leben haben, ist er gleich eifrig dabei, Gedanken daran zu schnüren, indessen sie -- nicht anders glaubt er -- die Hände sinken läßt, noch einmal in ihren Schlaf zu fallen. Aber wie es darüber dunkel in der Stube wird und er die Messinglampe holt, die auch den Weg vom Neuhof hierher gefunden hat, sieht er, daß sie zu dreien im Zimmer gewesen sind, von denen zwei ihm unbemerkt weggingen.
96.
Als Anna Schultheß begraben wird, die für Heinrich Pestalozzi durch achtundvierzig Jahre das Senkblei seiner Stürme gewesen ist, gibt es eine Trauerfeier für Ifferten, als ob wirklich die Schloßherrin gestorben wäre. Eilfertige Liebe hat bei der Regierung in Lausanne bewirkt, daß ihr Sarg im Schloßgarten beigesetzt werden darf, unter zwei alten Nußbäumen, die sie gern hatte; und für Heinrich Pestalozzi ist schon der Platz daneben bereit. Irgendwer heftet ihm den Wladimirorden an den Rock, und auch sonst ist soviel Sorgfalt um die feierliche Stimmung des Tages bemüht, daß er sich als die willenlose Hauptfigur dieser Handlung umher geschoben fühlt und erlöst ist, endlich aus dem Schwall von Glockengeläut und feierlichen Mienen in seine Stube zu können. Er hat noch immer für das Frühjahr heimliche Pläne mit dem Neuhof gehabt, und es sollte eine gemeinsame Heimkehr aus der welschen Fremde sein. Nun hat er keine Heimat mehr; denn Anna liegt hier in der fremden Erde und wartet auf ihn. Ob seine ruhelosen Gedanken auf den Wegen der Vergangenheit mit Vorwürfen und Klagen seiner Unbeständigkeit nach ihr suchen, diese Qual steht unbeweglich in ihm: Nun bin ich schiffbrüchig, klagt er, und niemand kann mir wieder ans Land zurück helfen!