Part 14
Heinrich Pestalozzi spürt die herzliche Absicht in dem Vorschlag; er sieht, wie der Mann glüht, ihm wohlzutun: aber er ist den schmerzlichen Blick noch nicht los, mit dem er seinen Knaben in der Franzosenstadt im Elsaß gelassen hat. Es ist ein blauer Himmel, der sich da nach Gewitter und Nebelschwaden auftut; nur würde er seinem Sohn das Erbe ableben, wenn er den Vorschlag annähme! Auch wäre es für ihn selber ein Verrat an seinen Plänen, die er heimlich viel ernsthafter trägt, als der Basler ahnen kann, der schließlich wie die andern auch nur den Schriftsteller in ihm sieht. Er nimmt die angebotene Frist bis zur Rückkehr aus Zürich an, lässt den Kaufmann mit fröhlichem Peitschenknall gegen Abend nach Baden fahren und steht winkend an der Straße. Aber als Battier nach drei Tagen wiederkommt, ist er mit Anna tapfer entschlossen, nicht die verlockende Fahnenflucht zu machen, sondern nach soviel überstandenen Bedrängnissen auszuharren und, sei es selbst durch bittere Nöte, dem Sohn das Hoferbe zu erhalten.
Battier nimmt die Absage seines edel gesinnten Vorschlags zunächst als Eigensinn, und er sagt das auch in der ersten Verstimmung, sodaß es diesmal einen unbewinkten Abschied gibt. Aber schon nach drei Tagen ist ein fröhlicher Brief von ihm da, als ob nichts anderes im Vorschlag gewesen wäre: er wolle die drängenden Schulden auf sich nehmen ohne Kauf und Verzinsung, nur gegen eine bestimmte Anerkennungsgebühr. Jetzt braucht es also nur, sagt die Lisabeth, der er den Brief zeigt, daß ich fleißig bin und daß der Herr Pestalozzi nicht über jeden Bettler mit einem Gulden herfällt!
60.
Unterdessen geht Heinrich Pestalozzi schon gegen die Vierzig; es kann ihm geschehen, daß er wie ein uralter Rabe dasitzt und über die Trümmerfelder seiner Mannesjahre wehmütig in die ferne Jugend denkt. Die erste Neugier um den Einsiedler auf Neuhof hat sich längst gelegt, und es ist selten, daß ein Wanderer oder gar ein Wagen den Weg zu ihm aufs Birrfeld findet. Solange der Knabe noch dagewesen ist mit seinen Spielen und Gesprächen, hat die Einsamkeit nur zum Besuch kommen dürfen; nun wohnt sie in seiner verlassenen Kammer und macht sich täglich breiter im Haus. Die einzige Verbindung mit den Vorfällen der Welt besorgt die Schaffhauser Zeitung, die Heinrich Pestalozzi Samstags im Gasthof zum Sternen in Brugg liest. Da ihm der Weg dahin allmählich zu mühsam wird, namentlich bei schlechtem Wetter, hat er sich angewöhnt zu reiten. Sein struppiges Pferdchen ist, wie die Bauern sagen, genau solch eine Vogelscheuche wie die Pestilenz selber, und da er immer noch die Gewohnheit seiner Jugend hat, das Tier mit dem Zügel im Trab zu halten, gibt er einen merkwürdigen Reiter ab, dem die vornehmen Kurgäste aus Baden oder Schinznach mit spöttischem Vergnügen begegnen.
Als er so eines Samstags sein Pferd am Sternen angebunden hat und drinnen bei einem Kirschwasser die Schaffhauser Zeitung liest, ist ein Fremder da, der ihn ungeduldig abwartet, ihn dann aber klug in ein Gespräch verwickelt, daß Heinrich Pestalozzi bald merkt, einen Mann von Kenntnissen vor sich zu haben, der auch seine Schriften und Taten genau kennt, obwohl er sonst wie ein Handelsmann aussieht. Ehe er noch eine Absicht des Mannes merkt, hat der ihm beigebracht, daß seine wie alle ähnlichen Mißerfolge nur von der Vereinsamung der einzelnen Menschenfreunde kämen, die wie die Prediger in der Wüste lebten und auf die zufälligen Bekanntschaften angewiesen wären. Wenn die sich etwa an den Jesuiten ein Beispiel nehmen und sich zu einer Gemeinschaft der Heiligen zusammen tun wollten, würde der Einzelne mit einem Schlag eine Macht bedeuten. Nur dürfe es keine öffentliche Gesellschaft mit dem Ehrgeiz der Führer und der Scheu der einzelnen Mitglieder sein: Wie zum Beispiel der Geheimorden der Illuminaten Hunderte von Mitgliedern hätte, deren keins das andere persönlich kenne, weil jedes nur mit einem selbstgewählten Namen geführt würde, aber unter diesem Decknamen mit jedem einzelnen korrespondieren könne, und zwar mit vermögenden und hochstehenden Persönlichkeiten.
Das Gespräch dauert bis in die Dunkelheit, und Heinrich Pestalozzi hätte es gern noch fortgesetzt, so beglückt ihn diese geheimnisvolle Möglichkeit, seine Ideen bei Ministern und Fürsten anbringen zu können. Aber der Fremde, der seinen Stand und Namen nicht einmal andeutet, muß mit der Post nach Baden zurück, von wo er gekommen ist. Er sagt ihm noch, daß eine Nachricht von Augsburg kommen würde, die er an die selbe Stelle beantworten möge, und läßt ihn in einem Schwall von Hoffnungen zurück, mit denen er nachher in einem gespenstischen Galopp durchs nächtliche Birrfeld reitet.
Durch diese Begegnung ist der Docht seiner Pläne wieder ins Glimmen gebracht; tiefer als jeder andere glaubt er die Not des Volkes zu kennen; während die Wohltätigkeit vergeblich an den bösesten Löchern flickt und, wie er sagt, die Gerechtigkeit in der Mistgrube der Gnade verscharrt, hält er die Menschenbildung als Heilmittel in der Hand. Er hat von dem Herzog von Württemberg gehört, der mit den Seinen als einfacher Landmann lebt; nun spürte er in der Rede des seltsamen Fremden einen Hauch dieses Geistes aus Deutschland herüber wehen, und als die angekündigte Schrift aus Augsburg kommt, tritt er mit weitgreifenden Hoffnungen in den Bund der Illuminaten ein, obwohl ihm die Geheimniskrämerei daran von Anfang an mißbehagt.
Er legt sich nach dem sagenhaften König der Angelsachsen den Namen Alfred zu und ist mit fiebrigem Eifer dabei, ein Memorial nach dem andern in den namenlosen Bereich des Ordens hineinzusenden, wie ein geschäftiger Apotheker sein Heilmittel anpreisend. Es gelingt ihm auch bald, über seine Vorschläge zur Menschenbildung mit einflußreichen Persönlichkeiten in einen direkten Briefwechsel zu kommen, unter denen der Herzog von Toskana und Graf Zinzendorf, der Minister Josefs II. in Wien, die wichtigsten sind. Von allen Zeiten seines Lebens ist diese nun die seltsamste, wo er sich in der bäuerlichen Verborgenheit des Neuhofs allmählich seinen Landsleuten aus dem Augenkreis verschwinden und den Ruhm seiner Schriftstellerei nach jedem neuen Buch mehr versiegen sieht, während er mit Ungestüm an das Gewissen von Ministern und Fürsten klopft. Den ersten Teil von Lienhard und Gertrud hat er noch im Angesicht des Birrfeldes geschrieben, und die Abendstunden von Christoph und Else haben als Katechismus in die Strohhütten gesollt: nun wachsen sich die beiden letzten Bände von Lienhard und Gertrud immer mehr in Gesetzesvorschläge hinein; aus dem Ungetüm der Wirtshäuser wird das Ungetüm der Verwahrlosung überhaupt, und an die Regierenden in Europa geht sein Aufruf, es mit dem Heilmittel der allgemeinen Menschenbildung zu bekämpfen.
Er ist acht Jahre älter geworden seit dem ersten Band, als er den vierten hinaussendet, und er stapft schon mit einem Fuß auf die Fünfziger zu; die Straßen nach Basel und Zürich geht er nun gleich wenig, wohl aber studiert er auf der Karte die Reise nach Wien, wo Zinzendorf sich immer mehr für seine Dinge erwärmt und wo der Glanz des Kaisers seine Hoffnungen anlockt. Für die Bauern im Birrfeld bleibt er die Pestilenz, die sie nun schon wie etwas Zugehöriges über die Straßen reiten oder Sonntags in der Kirche nach seiner Gewohnheit am Halstuchzipfel lutschen sehen; für die weitere Heimat ist er die Vogelscheuche seines Ruhms geworden, die immer noch den unnützen Phantastereien seiner Jugend nachhängt und sich den letzten Ausweg zum Wohlstand als Schriftsteller mit dem angeborenen Ungeschick verbastelt hat.
61.
Lisabeth, die Magd, ist in den Jahren fleißig und sparsam gewesen, wie sie Heinrich Pestalozzi versprochen hat; sie hält die verkleinerte Wirtschaft über Wasser, bis der Jakob sie übernehmen kann. Der ist aus Mülhausen durch den tapfer sorgenden Battier in seine Handlung in Basel übernommen worden, um einmal besser als sein Vater für die geschäftliche Führung gerüstet zu sein. Doch läßt ihn seine Krankheit nicht mehr los; als er wieder auf den Neuhof kommt, ist es auf den ersten Blick ein großer und starker Jüngling, aber für Heinrich Pestalozzi stehen ihm die Spuren seines Zustandes zu grausam im Gesicht, als daß er seiner froh werden könnte.
Er ist ein Vierteljahr da, als der Vater Annas in seinem fröhlichen Greisentum kränkelt; der Tod nimmt ihn weg, bevor ein längeres Siechtum ihn mißmutig machen könnte. Sie begraben ihn an einem harten Wintertag hinter dem kleinen Schulhaus in Birr; auch die Brüder Annas sind da, und einer entäußert sich des gemeinsamen Verdrusses, daß sie nun ihren Vater, der doch ein Zürcher Bürger und Zunftpfleger gewesen sei, auf dem bäuerlichen Kirchhof im fremden Aargau begraben müßten, alles um der Projekte seines Schwiegersohnes willen! Heinrich Pestalozzi weiß, daß ihn viel mehr die Unstimmigkeiten mit den Söhnen auf den landfremden Altenteil getrieben haben -- wodurch ihm die eigene Mutter scheu in der Einsamkeit des Roten Gatters geblieben ist -- er hört aus den Worten des Schwagers schon die Entscheidungen heraus, die nachher kommen sollen, als es gilt, den Rest der Erbschaft aus dem Pflug zu teilen; denn so fern die Geschwister Schultheß allem stehen, was nach einem Erbstreit aussehen könnte, so wenig verhehlen sie ihre Besorgnis, daß auch der letzte Teil Annas in neuen Plänen verschwinden möge. Es findet sich auch eine Klausel im Testament, und ehe sich Heinrich Pestalozzi dessen versieht, ist er in endlose und manchmal hitzige Verhandlungen verwickelt, in denen sein eigener Sohn den Prozeßgegner vorstellt. Es wird schließlich ein Pakt gemacht, laut welchem er seinem minderjährigen Sohn Jakob den Neuhof für sechszehntausend Bernergulden verkauft; doch erhält er dieses Geld nicht, sondern es werden damit die Brüder Annas und andere Gläubiger abgelöst.
Es ist eine klare Regelung, und Heinrich Pestalozzi kann mit dem Ergebnis zufrieden sein, da es den Neuhof für seinen Sohn sichert, wie er es selber gewollt hat; auch werden die Beratungen mit dem Respekt geführt, den man dem berühmten Verfasser von Lienhard und Gertrud schuldig zu sein glaubt: aber das mildert nur wenig an der Grausamkeit, mit fünfundvierzig Jahren schon ausgezogen und auf die freiwillige Unterhaltung durch seinen Sohn gesetzt zu sein! Und bitterer noch als dieses Ergebnis sind die Bedenken, die dahin führten und die ihn -- so sehr es auch verklausuliert wird -- gleich einem Verschwender entmündigten.
So bin ich denn lebendig begraben! spottet Heinrich Pestalozzi grausam, als er seinen Namen unter den Vertrag gesetzt hat und unter dem Vorwand, in Bern mit dem Herrn von Fellenberg unterhandeln zu müssen, nicht mit Anna auf den Neuhof zurückgeht. Er kommt an dem Tag nur bis Kirchberg; denn als er da gegen Abend mit der Post durchfahren will, erschüttert ihn der Anblick der bekannten Fluren so, daß er aussteigt und sich in wehmütige Erinnerungen verliert. Es sind mehr als zwei Jahrzehnte vergangen, seitdem er hier gelernt hat, und da der Vater Tschiffeli seit zehn Jahren in der Erde liegt, stehen die Felder längst nicht mehr von ihm bereitet da. Die Krappkultur ist auch hier bis auf spärliche Reste eingegangen, und wo damals junge Alleen führten, hängen jetzt vereinzelte Bäume verwildert im roten Laub: Ich bin Landwirt geworden, sagte er, wie ein Brot in den Backofen sollte; da haben sie mich vergessen, und ich bin in den Krusten vertrocknet!
Es fällt ihm ein, wie er hier mit Anna umher gegangen ist, mehr sie den Leuten, als ihr die Dinge zeigend; und weil sie damals einen Ausflug nach Burgdorf und seinem ragenden Schloß gemacht haben, läuft er noch am selben Abend durch den Mondschein dahin. Er kommt erst in der Nacht an und sieht nur noch im Unterdorf Licht in einer kleinen Wirtschaft, weil eine Kuh kalbt. Da findet er zwar ein Lager, aber er schläft nicht bis in die Frühe, und als dann endlich die bleierne Ermüdung auf seine rastlosen Gedanken gefallen ist, wird er bald wieder aus dem Morgenschlaf geweckt. Er träumt, daß er noch eine Armenanstalt habe und sich eifrig mit den Kindern plage; aber wie er wach wird, ist es die Hintersassenschule nebenan mit ihrem Lärm. Es lockt ihn nachher, als er mit der Morgensuppe fortgeht, die Schultür zu öffnen und in den Raum hinein zu sehen, wo immer noch wie damals in der Hausschule zu Zürich der Lehrer mit einem Stock schreiend in der Klasse herum wandert. Der Mann bemerkt ihn gleich und läuft unwirsch auf ihn zu: was er wünsche? Heinrich Pestalozzi sieht an seiner Schürze, daß es ein Schuhmacher ist, und die Bitterkeit schießt ihm auf, daß in der Schule das gleiche Elend geblieben ist durch vier Jahrzehnte: Ich wünsche, daß dies anders werden möchte! sagt er und geht fort, während der verdutzte Schulmeister in der Tür steht und dem Landstreicher nachsieht.
Von Burgdorf nach Bern sind es fünf Stunden; er braucht den ganzen Tag dazu. Ich komme doch überall Zu früh, sagt er doppelsinnig zu sich selber, indem er bald hier, bald dort seinen Einfällen nachgeht und so schließlich erst gegen Abend vor dem Stadttor steht, bestaubt von der Straße und auch sonst unansehnlich genug. Zufällig sieht ihn da der Offizier der Wache, dem er verdächtig scheint; er fragt ihn nach seinem Namen, den er nicht weiter kennt, und da der Wanderer an seinem Halstuch lutschend ihm blöd vorkommt, läßt er ihn ohne weiteres als einen Landstreicher abführen. So kommt Heinrich Pestalozzi statt zu dem Ratsherrn von Fellenberg ins Fremdenarmenhaus, und seine Stimmung ist so, daß er sich nicht einmal ungern dahin abführen läßt; es ist ihm oft genug von den Züricher Freunden als sein sicheres Ziel prophezeit worden. Meines Besitzes ledig, ohne Amt oder Beruf, auf nichts als auf die Einfälle meiner Feder gestellt und auch damit längst nicht mehr willkommen: was bin ich vor ihrer bürgerlichen Ordnung anders als ein Bettler!
Als er seine Suppe und nachher ein Bett erhält, die eine wohlschmeckend und das andere sauber, vergeht sogar seine düstere Stimmung: er findet sich besser aufgehoben als zur vergangenen Nacht in Burgdorf, und die Freude, daß für die anwandernden Armen in Bern so gut gesorgt ist, macht ihn fast fröhlich. Er schläft gut, ißt andern Morgens in der Frühe wieder seine Suppe und macht sich Freund mit seinen Leidensgenossen. Ich habe eine Frau, ein Gut und einen Sohn gehabt, es ist ein Strudel von Sorgen und Aufregungen um mich gewesen, ich bin berühmt geworden mit einem Buch und wieder vergessen mit einem andern: aber alles das war mein Leben nicht! Ich hätte arm sein und bleiben sollen wie einer von diesen; das andere hat mich vom Notwendigen abgebracht und in tausend Alltäglichkeiten verstrickt, die nicht die Atemzüge wert waren, die ich dran wandte!
Er bleibt noch bis gegen Mittag da; erst, als er nachher eine Weile spazieren will, merkt er, daß sie ihn gefangen halten, und schickt dem Herrn von Fellenberg einen Zettel. Es dauert nicht eine halbe Stunde, so kommt der Ratsherr selber angeritten, und der Aufseher kann sich nicht genug verwundern, wie er vom Pferd springt und dem angeblichen Landstreicher um den Hals fällt. Hernach scheint er gereizt genug, sie alle um das Versehen anzufahren; aber Heinrich Pestalozzi legt ihm sogleich die Hand auf den Arm und lächelt ihn listig an mit allen Runzeln seines Gesichtes: Ich wollte doch nur sehen, wie ihr mit Betten und Suppen für die Landarmen sorgt!
62.
Erst als er mit dem Ratsherrn, der sein Pferd am Zügel führt, durch die Straßen von Bern geht, gesteht sich Heinrich Pestalozzi den Zweck seiner Reise ein: Fellenberg hat ihn dem Grafen Zinzendorf empfohlen; nun will er seinen Rat und andere Weisungen für Wien holen, denn nichts anderes als eine Wanderung dahin hat er im Sinn. In den Neuhof zurückzukehren, scheint seinem Trotz unmöglich, und sonst gibt es in der Schweiz nichts mehr für ihn zu tun; in Zürich, Basel und Bern, überall ist er der lästige Projektemacher. Zinzendorf war ziemlich der einzige, der ihm über den vierten Teil von Lienhard und Gertrud begeistert geschrieben hat; wenn er ihm unter die Augen träte -- er hat sich den Augenblick hundertmal ausgemalt -- könnte es garnicht fehlen, daß der Minister auch eine Stelle fände, sein Heilmittel der allgemeinen Menschenbildung zu versuchen!
Fellenberg scheint diesen Reiseeinfall zunächst für einen Witz zu halten; er fitzt ein paarmal mit der Reitgerte durch die Luft und lacht dazu, als sie nachher miteinander auf einer Fensterbank sitzen: Das wäre allerdings keine üble Szene, wenn er in Wien als Wunderdoktor aufträte! Aber als Heinrich Pestalozzi mit einem Freudenruf aufspringt und redend ins Zimmer läuft, wie wenn er schon vor dem Grafen stände, wobei er sich freilich in einen Teppich verfängt und stolpert, fällt der Ratsherr ihm in den Arm, setzt sich aber gleich hin, ingrimmig lachend und den Kopf abermals schüttelnd wie einer, der mit seinem Verstande zu Ende ist. Je mehr sich Heinrich Pestalozzi in die Einzelheiten seines phantastischen Plans hinein redet -- wie er als dramatischer Dichter versuchen will, dem ganzen Hof ins Gewissen zu reden -- je schweigsamer wird der andere; bis beide schweigen und Fellenberg sich mit aller Gewandtheit seiner Diplomatie daran gibt, das Schaukelbrett wegzuziehen, darauf die Pläne seines Gastes gebaut sind: Der Wiener Hof und der Graf Zinzendorf hätten zur Zeit andere Dinge zu bedenken; der Kaiser Josef, durch dessen Eifer alle Mühlen in Österreich so eifrig am Mahlen gewesen wären, läge sterbenskrank darnieder, verbittert am Widerstand seiner Zeit. Er würde ihn wohl kaum noch lebend finden, wenn er in Wien ankäme; und so große Hoffnungen auch auf seinen Bruder Leopold, den Herzog von Toskana, als seinen Nachfolger zu setzen wären -- Heinrich Pestalozzi habe ihm ja immediat schreiben dürfen und besitze sicher einen Gönner in ihm -- er würde den Staat in einer Verfassung finden, die fürs erste auf andere Dinge als noch mehr Reformen ginge! Und was er sich sonst unter Wien und seinem Hof vorstelle? Es könne ihm passieren, daß er, einmal versehentlich ins Armenhaus gebracht, nicht so leicht wieder herauskäme wie hier. Jedenfalls würde ihn der Graf Zinzendorf kaum selber herausholen!
Es hilft nichts, daß Heinrich Pestalozzi seine Gegengründe mit den Armen heran bringt, diese Dinge kennt der Ratsherr besser als er; und da der ihm weder in Bern noch sonst in der Schweiz einen Platz für seine Experimente weiß, tritt er nach drei Tagen, gedemütigter als er gekommen ist -- trotz aller ehrenden Sorge des Ratsherrn -- seine Rückreise nach dem Neuhof an. Da es sein muß, vermag er den Weg nicht durch eine neuerliche Wanderung in die Länge zu ziehen; er fährt mit der Post und langt nach einer durchrumpelten Tagesfahrt nachmittags in Lenzburg an, von da über den Berg zu laufen. Er will sich im »Löwen« noch stärken für den Marsch, als ihm sein Sohn aus der Tür mit einem Mädchen entgegentritt, das er nach der ersten Überraschung als eine Brugger Tochter namens Fröhlich erkennt, die auch schon einigemal im Neuhof gewesen ist. Die beiden haben sich, wie sie abwechselnd errötend sagen, zufällig hier in Lenzburg auf dem Markt getroffen und wollen mit ihren Eltern im Wagen nach Brugg heimkehren. Da er ablehnt, mitzufahren, und der Wagen schon wartet, treten sie garnicht mehr mit ihm ein; so kommt er trotz der Begegnung allein mit dem Abend ins Birrfeld hinunter, nun völlig sicher, daß kein Platz mehr für ihn und seine Pläne auf dem Neuhof ist.
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Es geschieht so, wie Fellenberg prophezeit hat; nach einigen Monaten liest Heinrich Pestalozzi in der Schaffhauser Zeitung, daß der edle Kaiser Josef im neunundfünfzigsten Jahr seines Lebens und im fünfundzwanzigsten Jahr seiner Regierung gebrochenen Herzens gestorben sei. Damit ist der Rest seiner heimlichen Hoffnungen allein auf seinen Nachfolger Leopold gestellt, und im Herbst wagt er es, ihm mit einer Schrift durch den Grafen Zinzendorf seine Dienste anzubieten. Aber auch damit hat Fellenberg recht gehabt, der Brief bringt ihm nie eine Antwort ein, und während er nach Trostgründen sucht, stirbt der neue Kaiser seinem Bruder rasch hinterher.
Unterdessen ihm die Weltgeschichte diese Striche durch seine phantastische Rechnung macht, beeilt sich sein Sohn Jakob mit der Anna Magdalena Fröhlich von Brugg; im einundzwanzigsten Jahr macht er Hochzeit, und seitdem sitzt Heinrich Pestalozzi wirklich auf dem Altenteil im Neuhof. Seine Frau ist nun fast immer bei ihrer Freundin auf Schloß Hallwyl, und ihn treibt seine einsame Ruhelosigkeit nach Zürich, wo er den Rest seiner Freunde gelegentlich um neue vermehrt. Noch immer ist es die gelobte Stadt schwärmerischer Jünglinge, denen die Lage am See, der Ausblick ins Gebirge, dazu die gastliche Geselligkeit ihrer reichgewordenen Bürger und nicht zuletzt das durch Bodmer -- den auch nun längst gestorbenen -- begründete literarische Leben einen Zauber von freier Schönheit vortäuschen. Obwohl seine Schriften weder im Einklang mit dem Wesen der Stadt noch mit ihrem Ruf stehen, ist der Verfasser von Lienhard und Gertrud doch für manchen der fremden Jünglinge eine Bekanntschaft, die ihnen zugehörig scheint; und das Angenehmste, was Heinrich Pestalozzi von seinem Ruhm erlebt, wird ihm von ihnen gelegentlich in Zürich zuteil.
So trifft er einmal einen jungen Holsteiner namens Nicolovius, der mit dem Grafen Stolberg nach Zürich gekommen ist und sich -- wie er Heinrich Pestalozzi sagt -- seit Beginn der Reise darauf gefreut hat, ihn zu sehen. Die norddeutsche Kühle des jungen Mannes entspricht wenig dieser warmen Versicherung, und er erwartet eigentlich nicht viel, als er ihn einlädt, ihn einmal auf dem Neuhof zu besuchen. Wie er dann aber kommt, ist er ohne seinen Grafen viel weniger steif, und als sie erst einen Spaziergang miteinander machen übers Birrfeld und Müligen nach der Reuß hinunter, erschließt er ihm bald sein Herz. Der Jüngling hat all seine Schriften mit glühendem Eifer gelesen und den Plan seines eigenen Lebens darauf gebaut. So erlebt Heinrich Pestalozzi ganz unvermutet an ihm das Glück einer wirklichen Jüngerschaft; in der Gedrücktheit seiner Lage wird das ein berauschendes Erlebnis für ihn, und wie er trotz Iselin und Battier niemals zu einem der Schweizer Freunde hat sprechen dürfen, so öffnet er diesem Jüngling sein Herz. Er kommt fröhlicher als seit langem heim, und darum fällt ihm die Traurigkeit so schneidend ins Herz, als um einer Besorgung willen sein Sohn ins Zimmer tritt und die beiden nebeneinander stehen, ziemlich gleich groß im Bau, aber der eine stumpf und von der Verbitterung seiner Krankheit mißmutig, trotzdem er das fröhlichste Frauenzimmer der Welt sein eigen nennt, der andere hell, klug und voll Schwung, ein junger Bach, in den er alle Trübheit seines Alters gießen könnte, ohne die gläserne Helligkeit zu trüben. Ach wäre es mein Sohn! schreit eine Stimme in ihm auf, wieviel leichter stände ich in der Welt, einen solchen Erben meiner Wünsche für die Menschheit zu haben! Und um nicht weinend über diesen Zwiespalt dazustehen, läuft er hinaus gegen den Wald, mit stürzenden Tränen wie in seiner Jugend.
64.
Nicht lange danach macht Heinrich Pestalozzi die erste größere Reise seines Lebens; die Tante Weber in Leipzig ist gestorben, und weil er am ehesten abkömmlich ist -- wie ihm der Vetter Hotze in Richterswyl nicht ohne Spott beibringt -- reist er als Erbbevollmächtigter seiner mütterlichen Familie hin. Er reist gern, weil er sich freut, das Bärbel wiederzusehen, das ihm in den fünfzehn Jahren als Frau Groß nicht untreu geworden ist und aus seinen Briefen von allem Schicksal weiß. Dahinter aber lockt die Hoffnung, daß er nun selber in dieses große Deutschland fährt, aus dem ihm immer noch das stärkste Echo gekommen ist. Vielleicht, daß er doch einen Reichsfürsten für seine Pläne findet!