Chapter 2 of 25 · 3902 words · ~20 min read

Part 2

Die Mutter will auch da noch die geborene Hotzin bleiben; und wenn in der Folge eine Bekanntschaft aus den besseren Zeiten, da der Wundarzt Pestalozzi noch auf die Jagd oder fischen ging, oder gar einer aus der vornehmen Verwandtschaft vom See den Weg in die kleine Stadt findet, wird die Stube jedesmal mit allem Staat aufgemacht, den sie aus ihrer Mitgift gerettet hat. Auch hält die einsam verhärmte Frau ängstlich darauf, was sie als Stadtbürgerin an Ehrengaben zu leisten ihrem Stande schuldig ist; und ob sie manchmal dem letzten Gulden mit Ehrenfestigkeit zu Leibe geht, und ob das Babeli danach die Kreuzer zusammenkratzen und auf dem Markt das Billigste erfeilschen muß: nach außen soll alles den Anschein eines unabhängigen Bürgerhaushalts behaupten.

8.

Für Heinrich Pestalozzi wird der Abstieg in die Armut dadurch gemildert, daß er gleich am andern Tag nach Höngg hinauskommt. Er ist mit der deutschen Schule zu Ende, und bevor er in die Lateinschule am Fraumünster eintritt, will der Großvater seinen Kenntnissen noch etwas nachhelfen. Er holt ihn diesmal selber ab; die Übersiedelung hat ihn besorgt gemacht, doch findet er alles recht und gegen Abend ist eine Kalesche da, sie miteinander hinauszufahren. Vor der Stadt darf Heinrich Pestalozzi auch einmal kutschieren; er zupft aber unablässig an den Zügeln, als ob es an ihm läge, daß die vier Beine sich bewegten, sodaß der Gaul am Ende wild wird und sie in einem unfreiwilligen Galopp nach Wipkingen bringt. Der Großvater liebt solche Vorfälle nicht; als er ihm kurzerhand die Zügel abgenommen und das Pferd zur Ruhe gebracht hat, sagt er strafend, das würde einem Knaben vom Land nicht begegnen; es wäre ein rechtes Stadtbubenstück. Er bleibt aber nicht unfreund mit ihm, und als er vor der Wegsteile gegen Höngg aussteigt und das Pferd am Zügel führt, nimmt er ihn gütig an der Hand, als ob trotzdem noch etwas Rechtes aus ihm werden könne.

Der Großvater hat den armen Kindern der Gemeinde erlaubt, hinter der Kirche zu spielen, wo neben dem Kirchhof ein sonniger Rasenplatz auf neue Gräber wartet. Obwohl manche von den Kindern nur mit Hudeln bekleidet sind, tadelt er es nicht, wenn seine Enkel an ihren Spielen teilnehmen. So ist Heinrich Pestalozzi eines Tages mit ihnen dabei, das Wasser aus einer Pfütze neben der Kirche in einer Rinne bergab zu leiten, wo es gerade den schönsten Wasserfall macht, als auf einmal einige der Kinder, dann alle auseinander laufen und sich unter der alten Steinbank, hinter Gräbern oder wo sie sonst einen Schlupfwinkel finden, verstecken: ohne ihr sonstiges Geschrei und sichtbar in Angst, nicht anders, als ob Hühner einen Habicht in der Luft gespürt hätten. Er hält alles zunächst für eins von ihren Spielen, aber so still es aus dem Kirchhof ist, so laut wird es auf der Landstraße: die Gestrengen Herren in Zürich haben allmonatlich eine Betteljagd verordnet, und nun kommen die Landreiter von ihrer Pirsch mit einer verlumpten Schar, Alten und Kindern, in einem langen Strick wie eine Schafherde eingehürdet.

Heinrich Pestalozzi besinnt sich nicht, er läuft nach vorn um die Kirche an den Torweg, und obwohl die Holzflügel schwer mit Eisen beschlagen sind, bringt er sie mit allen Kräften doch in die Riegel. Die Landreiter sind unterdessen schon durch das Dorf geritten, sie hätten sich auch schwerlich durch das Tor abhalten lassen; doch als er eben dabei ist, den Verschüchterten anzusagen, das Tor wäre zu und kein Landreiter könne herein, kommt der Großvater um die Kirche herum neugierig nach. Er hat das eilige Geschäft seines Enkels bemerkt, tut aber nicht weiter dergleichen, nur wie er ihn nachher an der Hand mit ins Pfarrhaus genommen hat und der Knabe in dem dämmrigen Hausflur schon denkt, er werde ihn strafen: hebt er ihn auf den Arm, als ob er ihm sagen wolle, bist ein tapferer Bub! Und als sie miteinander oben in dem Studierzimmer sind, wo er nun lernen soll, wendet er sich zu ihm hin, wie wenn er ein Großer wäre: Ich wüßte den Herren in Zürich andere Mittel als Landreiter und Betteljagden, der Armut auf dem Lande abzuhelfen!

9.

Als Heinrich Pestalozzi diesmal von Höngg zurück kommt, trägt er einen Schatz bei sich, mit dem er sich stolz und vieler Dinge mächtig fühlt. Um ihm den ungewissen Weg in die lateinische Wissenschaft vertrauter zu machen, hat ihn der Großvater das Vaterunser lateinisch gelehrt. Auf dem ganzen Weg nach Zürich hinunter, den er diesmal tapfer allein geht, sagt er die fremden Worte vor sich hin, ängstlich, daß ihm eins davon entfallen könnte. Es ist aber nicht die Schule, der zuliebe er sorgsam mit ihnen ist; dahinter steht das Bild des Großvaters als Lebensziel auf: auch einmal so in einem Dorf Seelsorger zu werden -- womöglich in Höngg selber -- den Armenkindern ein väterlicher Freund; das scheint ihm alle kommenden Mühsale der Schule wert zu sein.

Er wird auch im Fraumünster kein Schüler, wie ihn die Schulmeister brauchen können. Zu sehr gewöhnt in seiner behüteten Stubenwelt, die Dinge von sich aus zu erleben und eigene Wege in das Geheimnis der Augenwelt zu suchen, sieht er sich bei ihnen vor ein unaufhörliches Vielerlei von leeren Worten gestellt. Bloß auswendig Gelerntes herzuplappern, wie es die meisten tun, vermag er nicht; und selbst, wenn er etwas verstanden hat, wird es ihm schwer, Worte daraus zu machen, weil er sich damit leicht wie ein Komödiant vorkommt. Damit er etwas sagen kann, darf es nicht schon ausgedacht sein, es muß ihm aus den Gedanken selber, nicht aus dem Gedächtnis kommen: weil aber die Fragen der Lehrer selten in seine Gedanken treffen, findet er trotz bestem Willen und innerer Lebendigkeit wenig Gelegenheit, sich als guten Schüler zu zeigen; ja, weil er gerade dann, wenn ihn eine Sache des Unterrichts wirklich beschäftigt, leicht für Minuten und länger von dem unwiderstehlichen Fluß seiner Gedanken fortgetragen werden kann, stellt er nur selten den gelehrigen Schüler dar -- der er doch ist --, sondern er wird gerade dann gescholten, wenn er vielleicht mehr als ein anderer bei der Sache ist. Am selben Tag kann er in einem Fach der beste und gleich darauf doch wieder der schlechteste sein; so kommt er bei allem Eifer auch in der Lateinschule bald wieder in ein feindseliges Verhältnis zu den Lehrern, das mit zornigen Strafen über seine Zerstreutheit anfängt und mit der Verspottung seiner absonderlichen Art ausgeht, ihn nach wie vor dem Gelächter der Klasse bloßstellend.

Obwohl das Babeli ihn stets ordentlich herausputzt, steht er doch in der Kleidung gegen die gepflegten Herrenbuben zurück, und was er von der mühsamen Ordnung heimbringt, ist manchmal übel genug. Auch hält das Babeli immer noch strenge Hauszucht, sodaß er auch jetzt nicht zu den Spielen der andern auf die Gasse darf und für die lateinischen Mitschüler der gleiche fremde Vogel bleibt, der er auf der deutschen Schule war. Als der erste Sommer zu Ende geht, hat er bei ihnen schon den Spottnamen, der ihm von da ab durch die ganze Schule bleibt: Heiri Wunderli von Torliken.

10.

Trotzdem hört Heinrich Pestalozzi allmählich auf, der unfreiwillige Spaßvogel seiner Mitschüler zu sein; er lernt sich zu wehren, und kommt durch einen Vorfall sogar in den Ruf einer besonderen Tollkühnheit:

Er ist ein Jahr lang Lateinschüler gewesen, als sein zeitweiliger Spielfreund Ernst Luginbühl aus Höngg in die untere Klasse eintritt. Dessen Vater ist herkömmlich ein verarmter Stadtbürger, der sich in sein dörfliches Anwesen hinein geheiratet hat, aber bis in seine Baumwollenweberei ein unruhiger Kopf bleibt, weshalb ihn auch der Großvater nicht gern in seiner Dorfgemeinde sieht. Ihm selber ist es mit allen möglichen Anschlägen fehl gegangen, darum will er seinem Buben eine bessere Bildung mitgeben und bringt ihn -- der einen klaren Kopf hat und gern lernt -- in die Lateinschule, wo er, älter als die andern, in die untere Klasse aufgenommen wird. Er hat noch immer seine roten Backen und die wasserhellen Augen, aber er trägt Schuhe an den Füßen und ist auch sonst für die städtische Schule zurecht gemacht, in einer ländlichen Art, die den Stadtkindern von selber zum Gespött wird. Heinrich Pestalozzi weiß längst, wie die Bürgersöhne den Knaben vom Land die Schule verleiden, als ob sie Eindringlinge in ihre Vorrechte wären; ihn selber lassen sie deutlich genug merken, daß seine Mutter nur eine Landbürgerin ist; nun aber trifft es seinen Freund, der in dieser fremden, feindseligen Welt mit den Bauernaugen um Mitleid zu flehen scheint. Jeden Morgen kommt er den mühsamen Weg von Höngg herunter, manchmal, wenn es geregnet hat, naß bis auf die Haut; und mittags, wenn die andern heimgehen, fertigt er seinen Hunger im Klassenraum mit einem Stück Brot ab. Er gerät in ein hartes und verstocktes Dasein, und wenn ihn Heinrich Pestalozzi anspricht, ist es fast, als ob er etwas von seinem Haß gegen die hochmütigen und grausamen Bürgersöhne auf ihn übertrüge, sodaß es hier in der Stadt keine rechte Fortsetzung der ländlichen Freundschaft geben will.

Eines Mittags kommt Heinrich Pestalozzi zufällig als der Letzte aus der Klasse und hört unter dem Gang im Hof ein Hetzgeschrei. Einige größere Knaben haben den mißliebigen Weberssohn in eine Ecke gedrängt und hauen auf ihm, der sich kratzend und beißend wehrt, mit Linealen herum; einer muß ihn am Kopf getroffen haben, denn aus dem weißblonden Haar laufen ein paar Zickzacklinien von Blut herunter. Heinrich Pestalozzi weiß nichts von dem Anlaß des Streites, er sieht nur das Blut, und wie sie ihren Übermut und Hohn an dem Knaben auslassen; darüber faßt ihn augenblicklich der zornige Eifer so, daß er blindlings aus der offenen Halle über die Steinbrüstung hinunter klettert. Es ist eine kleine Stockwerkshöhe, und er könnte sich leicht zu Tode stürzen, als er für einen Augenblick selber erschrocken an der Steinbrüstung hängt. Er purzelt aber einem, der sich gerade bückt, auf die Schultern, daß der bäuchlings hinfällt und ihn wie einen Igel abkugeln läßt, ist gleich von Zorn besessen wieder auf und springt auf die andern ein, die im ersten Schrecken auseinander rennen. Auch der von seinem Sprung Betroffene will fort, kann aber nicht auf und kriecht auf Händen und Füßen eilig davon. Darüber erheben die andern, die schadenfroh der Prügelei zugesehen haben, ein solches Hohngeschrei, daß ein Lehrer dazukommt, ehe die Überfallenen ihrem kuriosen Angreifer heimzahlen können. Es gibt nun zwar ein strenges Verhör, bei dem Heinrich Pestalozzi, weil er trotzig schweigt, als der allein Schuldige übrigbleibt und auch in Strafe genommen wird: aber mit seinem tollkühnen Sprung ist er doch Sieger geblieben, und die Schande einer feigen Flucht vor dem schmächtigen Heiri Wunderli von Torliken bleibt auf den andern sitzen. Das Babeli, als es durch den Johann Baptista davon hört, will ihn strafen, weil die Hosen zerrissen sind; aber die Mutter wehrt ihr und streichelt ihn.

11.

Im Dezember des gleichen Jahres sind die Schüler in der Klasse von Heinrich Pestalozzi gerade aufgestanden, ein Weihnachtslied zu üben, als es einen Erdstoß gibt, wie wenn Pferde einen Wagen anzögen, auf dem sie ständen. Sie hören in derselben Sekunde auf zu singen und halten sich an den Bänken fest; dann ist der Lehrer der erste, bei dem sich die Erstarrung auf die Gefahr besinnt. Mit langen Beinen springt er zur Tür, die Geige und den Bogen noch in den Händen; aber ehe er dort ist, drängen sich ihm schon die nächsten Knaben vor. Draußen quillt die Schreckensflucht aus den andern Räumen ebenso zur Treppe; und ist es zuerst totenstill gewesen, so erhebt sich nun das Geschrei; erst derer, die hinfallen und getreten werden, dann der andern, die davon angesteckt die letzte Besinnung verlieren. Es gibt keinen Einzelnen mehr, nur noch eine Herde, dahinein die Todesfurcht gefahren ist; und die am ehesten Kaltblütigkeit bewahren sollten, die schulmeisterlichen Hirten gehen mit langen Beinen über die Köpfe und abwehrenden Hände der Knaben hinweg.

Auch Heinrich Pestalozzi ist wie die andern von der Besessenheit gepackt worden und hat Arme und Beine gebraucht, sich in dem Strudel oben zu halten; aber darum haben seine Augen doch das unwürdige Beispiel der Lehrer aufgefaßt; und als er unten auf dem Hofe steht, wo rundherum die Stücke von Dachziegeln in dem schwärzlichen Schnee liegen und die Nachzügler kommen, die von den andern überrannt wurden und teilweise bluten -- einer liegt leichenblaß seitwärts allein, weil er aus dem Fenster gesprungen ist und den Fuß gebrochen hat -- muß er weinen vor Zorn. Die meisten drängen auf die Gasse hinaus, wo die Bürger unterdessen aus den Werkstätten gelaufen sind und in den Himmel starren, der unbewegt über dem Erdbeben steht. Die zurück bleiben, möchten zum Teil gern ihre Bücher und Hüte herunterholen, aber keiner wagt sich hinein; obwohl nach der ersten Erschütterung, die gleich einem langen Gerolle von unterirdischen Wagen gewesen ist, nichts mehr geschieht und die leeren Gebäude gleichsam verwundert auf die ängstliche Menschheit herunter sehen. Der Widerspruch zwischen dieser lächerlichen Flucht und dem alten Heldentum, davon sie täglich durch die selben Lehrer hörten, macht, daß ihm sein Knabenherz trotzig aufspringt, sich selber und den andern ein Beispiel von Tapferkeit zu geben. Während einige Bürger in den Schulhof gekommen sind und den Jungen mit dem zerbrochenen Fuß aufheben, geht er in das verlassene Schulhaus zurück: obwohl es unheimlich ist auf der leeren Treppe und oben im Gang, wo alle Türen offen stehen, kommt er bis an die Klasse und holt seine Sachen heraus; auch einigen andern bringt er mit, was er rasch greifen kann; und nachher zwingt er seine Furcht, daß er die Treppe nicht hinunter springt, Schritt für Schritt die Stufen nimmt und triumphierend zu den Wenigen hinaus tritt, die da noch warten.

Als er danach heim kommt in die Stube, ist der Johann Baptista schon längst dabei, dem Bärbel das Abenteuer zu erzählen, indessen das Babeli verzweifelt durchs Fenster sieht und ihn scheltend empfängt, daß er so spät käme; nun wäre die Mutter aus Angst um ihn schon auf die Gasse gelaufen! Er könnte ihr anders antworten; doch wirft er nur die Sachen verächtlich auf einen Stuhl und springt hinunter, den Schrecken der Mutter abzukürzen. Er findet sie auch gleich, wie sie mit blassem Gesicht zurück kommt und ihn erblickend nichts anderes vermag, als ihn hastig am Arm zu nehmen, wie wenn sie ihn jetzt noch retten müßte.

Bei den Genossen aber gilt der Heiri Wunderli seit diesem Erdbebentag als einer, der sich aus Großmannssucht für etwas Besseres hält, und ihrem Spott ist fortab deutlich der Haß beigemischt, der für das Ungewöhnliche das sicherste Erbteil unter den Menschen ist.

12.

Mit zwölf Jahren kommt Heinrich Pestalozzi wieder hinüber in die große Stadt, wo seine Mutter im Haus zum Roten Gatter an der Münstergasse eine billige Wohnung gefunden hat. Er tritt nun in die Lateinschule am Großmünster über und verliert dadurch seinen ländlichen Freund aus Höngg ganz aus den Augen. Um so betroffener wird er, als er beim Großvater in die Ferien einrückt und dort erfährt, dem Baumwollenweber sei es zu teuer geworden mit der Schule, auch habe der Ernst Luginbühl selber die Plage mit den Stadtsöhnen nicht mehr gemocht. Er benutzt den ersten Ausgang, ihn zu besuchen; schon draußen vor dem kleinen, windschiefen Haus hört er den Webstuhl klappern, aber als er zögernd hinein kommt, sitzt statt des bärtigen Baumwollenwebers der Sohn im Gestänge. Es ist so laut in der Stube, daß der ihn nicht gleich bemerkt; als er sich nachher umsieht, dauert der Streifblick nicht länger als eine Sekunde, dann starrt er wieder in seinen Webstuhl.

Heinrich Pestalozzi denkt, daß es die Arbeit so erfordere, und wartet geduldig eine Pause ab; als sich nach einer Viertelstunde immer noch nichts ändert an dem gleichförmigen Takt, ruft er ihn an, erst leise, dann mehrmals lauter: der andere aber zieht nur trotzig die Schultern ein. Da merkt er, daß ihn der Ernst Luginbühl nicht mehr ansehen will, und in einer tief rinnenden Traurigkeit verläßt er die Stube. Draußen sieht er gerade noch, wie die mattrote Sonnenscheibe in dem Wolkengerinnsel am Horizont versinkt; was ein warmer Glanz mit lustig langen Schatten war, als er herauf kam, ist nun eine rote Glut, die sich brandig in den Himmel einfrißt. Nur am Ütliberg läuft noch eine feurige Kante hinauf, und unten starrt das Kriegslager von Zürich vor dem See, als ob es dunkel auf eine bläßliche Glasscheibe gemalt wäre. Er fühlt mit seinen zwölf Jahren, daß alles, was bisher in seinem Herzen gewesen ist, Zorn und Empörung, Mitleid und Freude: mit den Stunden kam und verrann, wie dort das Sonnenlicht verrinnt und morgen wiederkommt; aber, was da am Webstuhl angeschlossen ist, kam nicht mehr los aus seiner Unabwendbarkeit.

Heinrich Pestalozzi vermag nicht ins Pfarrhaus zurückzugehen; bis zur Dunkelheit sitzt er am Rain und versucht, aus dem Knäuel dieser Gedanken heraus zu kommen. Das einzige, was er gewinnt, ist ein Gefühl, dass bis zur Stunde alles eitel und selbstsüchtig in ihm war: nur, weil er die reichen Verwandten am See und hier den Großvater im wohlbestallten Pfarrhaus hat, durch kein anderes Vorrecht, ist er vor dem gleichen Schicksal behütet. Je tiefer er sich da hinein denkt, um so mehr schämt er sich vor dem Knaben und um so glühender wird sein Wunsch, ihm wenigstens ein Pfand der Liebe aus seinem Herzen hinzulegen, da er ihm sonst nicht helfen kann. Und als er das Pfand gefunden hat -- es darf nur das Liebste sein, was er besitzt -- hindert Heinrich Pestalozzi nichts mehr, sein Herz zu erfüllen:

Vor der Tür des Pfarrhauses, aus dem ein Licht der Wohlhabenheit in den Abend leuchtet, zieht er die Schuhe aus und schleicht auf Strümpfen in die Kammer. Der Ranzen ist noch nicht ausgepackt, und seine Hände wühlen im Dunkeln nach dem silberbeschlagenen Testament, das seine Mutter von ihrem Vater zur Konfirmation erhalten und ihm kürzlich am Grab des eigenen Vaters in die Hand gegeben hat. Er fühlt das Unrecht, das er damit tut: es gehört ihm selber garnicht, es ist ein Vorrecht vor den Geschwistern, es zu haben. Aber gerade das bestimmt ihn, es herzugeben; denn nur darum ist er wie alle übermütigen Stadtbürgersöhne in Zürich gegen den Weberknaben im Vorteil, weil sie in den Reichtum solcher Familienstücke hineingewachsen sind! Und daß es ein Liebespfand von seiner Mutter ist, darauf hat Christus selber zu Maria gesagt: Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?

Als er zitternd und mit einem schmerzenden Knie, weil er im Eifer gefallen ist -- auch die Schuhe wieder anzuziehen, hat er vergessen -- zu dem Knaben in die Stube kommt, ist von dem Lichtspan an der Wand ein trübes Licht darin, das die Schatten des Webstuhls wie Ratten in dem halbhellen Raum hin und her laufen läßt. Diesmal hört der Ernst Luginbühl gleich auf zu weben, so sehr scheint er erschrocken, wie einer aus der Dunkelheit mit bittend hingestreckten Armen in sein Licht kommt. Vor den heißen Augen weiß Heinrich Pestalozzi keins von den Worten zu sagen, mit denen er her gelaufen ist; weil die Hände des Knaben am Webstuhl hängen bleiben, legt er ihm das Testament mit dem blinkenden Silber darauf. Wohl eine Minute lang ist es still um die Atemzüge der beiden Knaben, wie wenn dieses Liebespfand sie wirklich vereinen könnte; dann reißt der Webersohn die Hände fort, als ob ihn mit dem kalten Metall des Buches ein widerliches Tier berührt hätte. Klappernd fliegt es gegen das Holz und fällt seitwärts auf den Lehmboden; doch darf es auch da nicht liegen, der Dämon in dem Knaben fährt auf und spuckt danach; und als Heinrich Pestalozzi schützend seine Hände über sein Heiligtum breiten will, tritt er mit beiden Füßen darauf, bis es in den Lehm eingestampft ist. Erst dann bricht er schluchzend aus und läuft durch die offene Tür in die Nacht.

Heinrich Pestalozzi meint, die Mutter laut mit sich weinen zu hören, als seine zitternden Finger das Buch aus dem Boden graben; mit einem Grauen, darin das Großmünster aus seiner ersten Jugend über ihm einstürzt, geht er aus der Stube. Am Zürichberg wird unheimlich das Signal der Mondscheibe aufgezogen; so rot ist sie, als hätte sie dem Abendrot das Blut ausgetrunken. Und wenn Heinrich Pestalozzi auch erst nach Jahren die Verzweiflung verstehen soll, die ihm sein Liebespfand bespien und zertreten hat, eine Ahnung trägt er schon an diesem Abend ins Pfarrhaus hinunter: alles andere, nur nicht das gedruckte Evangelium hätte er dem Knaben auf die Hände legen dürfen, der sich von einer auf dieses Evangelium gegründeten Welteinrichtung verraten fühlt.

13.

Seitdem geschieht es Heinrich Pestalozzi häufig, daß er unversehens an den Webstuhl in Höngg denken muß; er meint dann, das unaufhörliche Geklapper zu hören, und kann, wenn er sich auf die Schulgegenwart besinnt, staunend in eine neue Anschauung der Wirklichkeit versinken: die sonst nur als der Kreis seiner Sinne um ihn gewesen ist oder in seiner Erinnerung ein Bilderbuchdasein geführt hat, je nachdem er zufällig an etwas dachte, wächst sich zur Weite ihrer unabhängigen und ungeheuren Existenz aus. Es wird ein leidenschaftliches Spiel seiner Einbildung, sich vorzustellen, was alles in der gleichen Stunde geschieht, da er mit seinen Büchern dasitzt: wie der Großvater in Höngg den Pfarrhut in seiner Studierstube aufsetzt und hüstelnd -- er geht nun schon an die siebzig -- die Treppe hinuntersteigt, die Kranken der Gemeinde zu besuchen; wie die Großmutter unterdessen mit ihren runzeligen Händen im Garten schafft, manchmal ein Viertelstündchen mit einer Nachbarin plaudernd; wie rund herum in den Weinbergen und Feldern die Bauern sich nach ihrer Arbeit bücken; wie auf der Straße die Kaufmannswagen, mit runden Tüchern überspannt, ihren Trott dahingehen, oft überholt von den Staubwolken eiliger Reisenden; wie bald ein Sonnenstrahl, bald ein Wolkenschatten hinläuft über das breite Limmattal, über die reisige Stadt Zürich und die Großmünstertürme -- daneben er selber im Schulhaus sitzt und dies alles denkt -- über den langen See hin bis Richterswil und weiter hinauf gegen den blaudunklen Wall der Berge, die sich nicht so leicht überrennen lassen, über ungezählte fleißige Menschen hin, welche, die fröhlich singen, und andere, die um einer Not willen verzweifelt sind. In der Weite und unausdenkbaren Vielgestaltigkeit dieses Lebens fühlt er sich und seine Pfarrpläne kaum anders als den Vetter am See, der mit seinem Federhut den Soldaten spielt. Die Welt ist nicht mehr so, daß einer mit seiner Knabeneinfalt hineingehen und ihre Dinge umgestalten kann, die Dinge selber sind es, die mit ihrem unübersehbaren Zustand den Einzelnen festhalten und nötigen. Wie die Unheimlichkeit des Großmünsters drohend gegen die Stubenwelt seiner frühen Knabenjahre aufgestanden ist, so kommt jetzt der Lebenskreis der Dinge; nur, daß er diesmal die wirklichen Zusammenhänge fühlt und demütig die Überhebung seiner Knabenpläne einsieht.

Dazu kommt etwas Zufälliges, das freilich mit dieser Art, die Dinge zu empfinden, zusammenhängt, ihn völlig verzagt zu machen: Weil er im Examen der Erste gewesen ist, trifft es ihn, daß er das Gebet vor der Klasse sprechen muß. So feierlich für ihn die Worte des Vaterunsers sind, da er sie selber zum erstenmal öffentlich sagen soll, überfällt der komische Zwiespalt zwischen seiner in tausend Täglichkeiten verbrauchten Knabenstimme und dem feierlichen Aufwand, den er damit treiben soll, sein verscheuchtes Selbstgefühl derartig, daß er einem unwillkürlichen Zwang zu lachen nicht widerstehen kann und dadurch zu einer ernstlichen Vermahnung kommt. Auch in der Folge verliert sich dieses Hindernis nicht; so oft er in der Schule oder gar in der Kirche etwas öffentlich aufzusagen hat, ist das stete Gefühl dabei, vor den anderen Knaben lächerlich dazustehen, und er braucht dann nur seinen Blick mit einem andern zu kreuzen, um auch schon auszuplatzen. Es ist ihm sicher, daß er niemals als Pfarrer seine Stimme in der Kirche wird erheben können, ohne diesen Zwang zum Lachen. Die erste Erkenntnis der Weltzusammenhänge hat ihm die Unschuld seines Knabendaseins unsicher gemacht, und ängstlich fragt er, ob sie ihm jemals wiederkommt?

14.