I.
Am zweiundzwanzigsten März des vorigen Jahres hatte ich gegen Abend ein äußerst seltsames Erlebnis. Den ganzen Tag war ich auf der Suche nach einer neuen Wohnung in der Stadt herumgelaufen. Der Grund war, daß mir mein Husten, der mir mit der Zeit doch Sorge zu bereiten begann, es nicht länger möglich machte, daß ich in meiner alten feuchten Wohnung blieb. Eigentlich hatte ich ja schon im Herbst umzuziehen beabsichtigt, inzwischen war es darüber doch Frühling geworden. Einen ganzen Tag hatte ich gesucht, trotzdem aber nichts Passendes gefunden. Freilich waren auch meine Ansprüche nicht so leicht zu befriedigen. Erstens wollte ich nicht in einer Familienwohnung ein möbliertes Zimmer mieten, sondern eines für sich mit besonderem Eingang. Zweitens mußte dieses einzelne Zimmer unbedingt groß oder zum mindesten geräumig, und drittens bei all diesen Vorzügen selbstverständlich möglichst billig sein. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß in einem engen Raum auch die Gedanken sich beengt fühlen. Ich aber gehe, wenn ich mir meine noch ungeschriebenen Erzählungen in Gedanken zurechtlege, mit Vorliebe im Zimmer auf und ab, was in einer kleinen Stube natürlich sehr unbequem und wenig tunlich zu sein pflegt. Übrigens hat es mir immer mehr Vergnügen gemacht, in Gedanken meine Werke auszuarbeiten, es mir vorläufig nur auszumalen, wie ich sie schreiben würde, als sie buchstäblich zu schreiben – und das wirklich nicht etwa aus Faulheit ... Woher das nur kommen mag?
Schon am Morgen hatte ich mich nicht ganz wohl gefühlt, gegen Abend aber fühlte ich mich geradezu krank: ich muß mich von neuem erkältet haben. Hinzu kam, daß ich den ganzen Tag auf den Beinen gewesen war; das hatte mich natürlich sehr ermüdet. Als ich auf dem Wosnessenskij-Prospekt anlangte, sah ich gerade noch das letzte Leuchten der Abendsonne. Ich liebe die Märzsonne in Petersburg, namentlich den Sonnenuntergang, natürlich nur dann, wenn der Abend klar und kalt ist. Dann ist die ganze Straße plötzlich wie in Licht getaucht. Alle Häuser scheinen zu glänzen, und ihre grauen, gelben, schmutzig-grünen Fassaden verlieren für einen Augenblick ihre mürrische Stumpfheit. Auch in die Seele flutet das Licht, es ist ordentlich, als zucke sie zusammen. Wie Schuppen fällt es einem von den Augen und neue Gedanken strömen durch den Kopf ... Es ist ganz erstaunlich, was ein einziger Sonnenstrahl in der Seele des Menschen bewirken kann.
Doch das Abendrot erlosch; die Kälte wurde immer empfindlicher; auch die Dämmerung nahm zu ... in den Schaufenstern und Läden flammte das Gas auf. Plötzlich blieb ich, unter dem Eindruck des Vorgefühls, daß ich sogleich etwas Ungewöhnliches erleben würde, wie angewurzelt stehen, spähte suchend zu dem anderen Trottoir hinüber, wo sich eine mir gut bekannte deutsche Konditorei befand, – und erblickte dort den Alten und seinen Hund. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie mein Herz sich unter einer unangenehmen Empfindung gleichsam zusammenzog, und ich vermochte selbst nicht einmal zu entscheiden, welches der Grund dieser Empfindung war.
Ich bin kein Mystiker; an Vorahnungen und Wahrsagungen glaube ich so gut wie überhaupt nicht; indes habe ich in meinem Leben, wie vielleicht jeder Mensch, einige ziemlich unerklärliche Erlebnisse gehabt. Nun, nehmen wir zum Beispiel diesen Zwischenfall mit dem Alten: weshalb hatte ich damals, als ich ihn erblickte, sogleich das Empfinden, daß ich an diesem Abend etwas Außergewöhnliches erleben würde? Übrigens war ich krank, und Empfindungen in einem krankhaften Zustande pflegen fast immer trügerisch zu sein.
Der Alte näherte sich der Konditorei nur langsam, setzte langsam einen Fuß vor den anderen, ohne die Gelenke dabei zu biegen, als ginge er nicht auf Beinen, sondern auf Stöcken. Sein Rücken war ganz krumm, gleichwohl stützte er sich, gleichsam tastend, nur leicht auf seinen Stock.
So ging er auf die Konditorei zu. Noch nie war mir ein so seltsamer, ein so – unmöglicher Mensch begegnet. Auch früher schon, wenn ich ihn bei Müller – so hieß der Konditoreibesitzer – angetroffen hatte, war der Eindruck, den er auf mich machte, immer fast ein schmerzhafter gewesen. Seine lange gebeugte Gestalt, das achtzigjährige Leichengesicht, der alte Mantel, dessen Nähte überall aufgeplatzt waren, der verbeulte runde Hut, den er wohl schon etliche zehn Jahre auf seinem kahlen Kopfe tragen mochte, auf diesem seltsamen Schädel, von dessen Haaren sich nur noch im Nacken einige nicht graue, sondern gelblichweiße Strähnen erhalten hatten; alle seine Bewegungen, die etwas so Seltsames an sich hatten, als wären sie Bewegungen einer aufgezogenen Puppe – alles das mußte unwillkürlich einen jeden auf ihn aufmerksam machen. Es berührte in der Tat sehr sonderbar, diesen hilflosen Greis so ganz ohne Aufsicht zu sehen, um so mehr, als er tatsächlich schon eher einem Irrsinnigen glich, der der Obhut seiner Wärter entschlüpft war. Ganz besonders auffallend war auch seine ungewöhnliche Magerkeit: er sah aus, als habe er überhaupt kein Fleisch, als sei über ein Knochengerüst nichts als dünne, alte Haut geklebt. Seine großen trüben Augen, die von dunkelblauen Ringen umgeben waren, blickten stets unverwandt geradeaus – niemals sahen sie zur Seite; sie sahen überhaupt nie etwas, davon bin ich überzeugt. Denn wenn er einen auch ansah, wie man aus der Richtung seines Blickes schließen konnte, so setzte er doch so unbeirrt seinen Weg fort, als wäre vor ihm nichts als freie Luft gewesen. Das habe ich mehr als einmal bemerkt. Übrigens pflegte er erst seit nicht sehr langer Zeit in dieser Konditorei zu erscheinen, und zwar stets in Begleitung seines Hundes. Woher er kam, wußte niemand, denn noch nie hatte sich jemand von den Stammgästen entschlossen, ihn anzureden, er selbst aber sah sie nicht einmal an.
„Weshalb schleppt er sich wohl täglich zu Müller, und was treibt er dort?“ dachte ich, und beobachtete ihn, unwiderstehlich von ihm angezogen, von der anderen Straßenseite. Ein gewisser Ärger – wahrscheinlich eine Folge meiner Krankheit und Müdigkeit – stieg in mir auf. „Was er wohl bei sich denkt?“ fragte ich mich, ohne mich beruhigen zu können. „Was er im Sinn haben mag? Denkt er überhaupt etwas? Sein Gesicht ist ja schon so tot, daß es entschieden nichts mehr ausdrückt. Und woher er nur diesen scheußlichen Hund hat! Aber das Tier ist wirklich wie verwachsen mit ihm, sieht ihm auch auffallend ähnlich ... Es ist fast, als wären sie beide ein einziges unteilbares Ganzes ...“
Dieser arme Hund war, glaube ich, gleichfalls achtzigjährig; ja, wie hätte er auch wohl jünger sein können! Erstens sah er so alt aus, wie sonst kein einziger Hund aussieht, und zweitens: weshalb war mir sogleich, beim ersten Blick auf diesen Hund, der Gedanke gekommen, daß er kein Hund wie alle anderen Hunde sei, sondern ein ganz besonderer, und daß in diesem Hunde unbedingt etwas Phantastisches, Verwunschenes stecken müsse. Vielleicht war sein Kern ein mephistophelischer? wer weiß! Jedenfalls aber war sein Schicksal durch geheimnisvolle, untrennbare Fäden aufs engste mit dem Schicksal seines Herrn verknüpft. Wer diesen Hund betrachtete, mußte ohne weiteres zugeben, daß er vor mindestens zwanzig Jahren zum letzten Mal, so wie es sich gehört, gefressen hatte! Mager war er wie ein Knochengestell oder – was wäre bezeichnender – wie sein Herr! Behaartes Fell hatte er fast überhaupt nicht mehr, selbst die Rute, die wie ein Stock herabhing, war so gut wie gänzlich unbehaart. Der Kopf und die langen Ohren hingen traurig herab. Nein, in meinem ganzen Leben habe ich keinen so widerlichen Hund gesehen. Wenn sie beide auf der Straße gingen, der Herr voran und der Hund hinterher, dann berührte seine Schnauze unausgesetzt den Mantelzipfel seines Gebieters, als wäre sie an ihn angeklebt. Und der Gang der beiden und ihre Haltung und ganzes Aussehen schienen dann bei jedem Schritt zu sagen:
„Alt sind wir, ja, alt, Herrgott, wie sind wir alt!“
Ich erinnere mich noch, daß mir der Gedanke durch den Kopf ging, der Alte hätte sich mit seinem Hunde aus irgendeiner Hoffmannschen Erzählung, illustriert von Gavarni, herausgestohlen und spaziere jetzt als lebende Reklame des Werkes umher. Ich schritt über die Straße und folgte dem Alten in die Konditorei.
Dort hatte der Alte schon längst unliebsames Aufsehen erregt. Müller, hinter dem Ladentisch, schnitt bei Erscheinen des unerwünschten Gastes jedesmal eine unzufriedene Grimasse. Erstens, bestellte der eigenartige Gast nie etwas. Sowie er eintrat, ging er gleich auf den Ofen in der Ecke zu und ließ sich neben ihm auf einen Stuhl nieder. War dieser Platz besetzt, so blieb er in gedankenlosem Staunen vor der Person, die seinen Platz eingenommen hatte, stehen und schritt dann wie vor den Kopf geschlagen in die andere Ecke am Fenster. Dort nahm er irgendeinen Stuhl, setzte sich langsam auf ihn nieder, nahm den Hut ab, legte ihn auf den Fußboden, stellte den Stock daneben an die Wand, lehnte sich zurück in den Stuhl und verharrte so regungslos drei bis vier Stunden. Niemals nahm er eine Zeitung zur Hand, niemals sprach er ein Wort oder gab einen Laut von sich; er saß nur, starrte mit einem so stumpfen und leblosen Blick vor sich hin, daß man hätte wetten können, er sähe und höre nichts von dem, was um ihn her vor sich ging. Der Hund legte sich dann, nachdem er sich ein paarmal im Kreise herumgedreht hatte, knurrig zu seinen Füßen nieder, drückte seine Schnauze zwischen die Stiefel seines Herrn, seufzte tief auf und lag so, der Länge nach ausgestreckt, den ganzen Abend unbeweglich da, als wäre er wirklich leblos. Es schien überhaupt, als ob diese beiden Wesen den ganzen Tag über irgendwo tot dagelegen und erst bei Sonnenuntergang sich plötzlich belebt hätten, nur um in die Müllersche Konditorei zu gehen und dort eine geheimnisvolle, allen unbekannte Pflicht zu erfüllen. Nachdem der Alte drei bis vier Stunden so dagesessen hatte, erhob er sich plötzlich, um sich nach Hause zu begeben. Auch der Hund richtete sich auf, klemmte seinen Schwanz zwischen die Beine und folgte gesenkten Hauptes, wie mechanisch, seinem Herrn. Die Gäste der Konditorei mieden den Alten, setzten sich nie neben ihn, als flößte er ihnen Widerwillen ein. Er aber merkte von alledem gar nichts.
Diese Gäste waren hauptsächlich Deutsche, Bewohner des Wosnessenskij-Prospekt und Inhaber verschiedener Werkstätten, Schlosser, Bäcker, Färber, Hutmacher, Sattler – patriarchalische Leute im deutschen Sinne des Wortes. Bei Müller ging es überhaupt sehr patriarchalisch zu. Der Wirt selbst setzte sich des öfteren zu seinen Gästen an den Tisch, wobei eine gewisse Menge Punsch verabfolgt wurde. Auch die Hunde und die kleinen Kinder des Wirtes erschienen bei den Gästen, von denen sie dann geliebkost und gestreichelt wurden, die Kinder wie die Hunde. Alle waren sie miteinander bekannt und alle achteten sie sich gegenseitig. Und wenn die Gäste sich in das Lesen deutscher Zeitungen vertieften, so ertönte aus der Wohnung des Wirtes der liebe Augustin, gespielt auf einem alten Klimperkasten, von der ältesten Tochter, einem frischen, blondlockigen Mädchen, das an eine weiße Maus erinnerte. Besonders gern hatten es alle, wenn sie Walzer spielte. Ich selbst ging immer in den ersten Tagen des Monats zu Müller, um dort russische Monatsschriften zu lesen.
Als ich heute in die Konditorei trat, sah ich den Alten bereits am Fenster sitzen und den Hund wie immer zu seinen Füßen. Schweigend setzte ich mich in eine Ecke und stellte mir selbst die Frage: „Warum bin ich hierhin gekommen, wo ich doch nichts zu suchen habe?“ Krank, wie ich mich fühlte, hätte ich nach Hause gehen, einen heißen Tee trinken und mich schlafen legen sollen. „Bin ich denn wirklich hierher gekommen, um den Alten anzugaffen?“ Ich ärgerte mich. „Was geht er mich an,“ dachte ich und erinnerte mich der krankhaften und sonderbaren Empfindung, die der Alte auf der Straße in mir hervorgerufen hatte. Und was habe ich mit all diesen langweiligen Deutschen zu tun? Wozu diese phantastische Idee? Wozu diese Erregung wegen nichts, die mich in letzter Zeit so beherrscht, ja mich nicht leben läßt und meine klare Anschauung über das Leben verwirrt? Trotz aller dieser Vorstellungen blieb ich doch wie angewurzelt auf der Stelle sitzen, während der Schüttelfrost in mir immermehr zunahm und ich das warme Zimmer jetzt erst recht nicht mehr verlassen mochte. Ich nahm die Frankfurter Zeitung, las ein paar Zeilen und schlief ein. Die Deutschen störten mich nicht dabei. Sie lasen oder rauchten und teilten sich nur hin und wieder mit abgebrochener und halblauter Stimme eine Neuigkeit aus Frankfurt mit, oder irgend einen Witz aus dem berühmten deutschen Witzblatt Satyr, worauf sie sich dann mit verdoppeltem Nationalstolz von neuem ins Lesen vertieften.
Ich mag wohl eine halbe Stunde geschlafen haben, als mich plötzlich ein starker Fieberschauer aufriß. Es war wirklich an der Zeit, nach Haus’ zu gehen! Eine stumme Szene jedoch, die sich gerade in diesem Augenblick im Raume abspielte, hielt mich noch einmal davon zurück. Ich habe bereits gesagt, daß der Alte, nachdem er sich niedergesetzt, immer sofort seinen Blick auf einen Punkt heftete und ihn den ganzen Abend unverwandt auf denselben Gegenstand geheftet hielt. Auch mir passierte es einmal, daß dieser gedankenlose, starre und nichts unterscheidende Blick auf mich fiel: ein unangenehmes, ja unerträgliches Gefühl überkam mich und ich wechselte so schnell als möglich meinen Platz. Dieses Mal war das Opfer des Alten ein kleiner, außerordentlich sorgsam gekleideter Deutscher mit steif gestärktem hohen Kragen, und einem feuerroten Gesicht, ein angereister Kaufmann aus Riga, Adam Iwanowitsch Schulz, wie ich später erfuhr, ein Freund Müllers, dem der Alte und viele von den anderen Gästen unbekannt war. Als dieser mit großem Genuß den „Dorfbarbier“ gelesen und seinen Punsch getrunken, erhob er seinen Kopf und bemerkte plötzlich den unbeweglich auf ihn gerichteten Blick des Alten. Das machte ihn stutzig. Adam Iwanowitsch war ein sehr empfindlicher Mensch, wie überhaupt alle „anständigen“ Deutschen. Er fand es sonderbar und beleidigend, daß man ihn so ungeniert ununterbrochen ansehen konnte. Mit unterdrücktem Unwillen wandte er sich von dem „aufdringlichen“ Alten ab, murmelte etwas in den Bart und verbarg sich hinter die Zeitung. Er hielt es jedoch nicht lange aus, schon nach zwei Minuten schielte er über die Zeitung hinweg: und wieder traf ihn derselbe starre, gedankenlose Blick. Adam Iwanowitsch schwieg auch noch dieses Mal. Als es ihm aber zum dritten Male passierte, da sprang er auf. Er hielt es für seine Pflicht und Schuldigkeit, als Repräsentant der schönen Stadt Riga, als der er sich fühlte, seine angegriffene Ehre zu verteidigen. Mit einer ungeduldigen Bewegung klopfte er mit dem Zeitungsstock energisch auf den Tisch, und noch röter vor Selbstgefühl und Punsch richtete er seine kleinen, flammenden Augen auf den verdrießlichen Alten. Beide, schien es, der Deutsche wie der Alte, wollten es auf die magnetische Kraft ihrer Blicke ankommen lassen und einer den andern zwingen, den Blick zuerst zu senken. Das Klopfen mit dem Zeitungsstock und die exzentrische Haltung Adam Iwanowitschs erregte die Aufmerksamkeit aller Anwesenden. Ein jeder ließ von seiner Beschäftigung und beobachtete mit ehrbarer, schweigsamer Neugier die beiden Gegner. Die Szene begann sehr komisch zu werden. Der Magnetismus der herausfordernden Augen Adam Iwanowitschs war jedoch umsonst verschwendet. Der Alte, den nichts bekümmerte, fuhr fort, auf den außer sich geratenen Herrn Schulz zu starren und bemerkte überhaupt nicht, als wäre er auf dem Monde statt auf der Erde gewesen, daß er der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit wurde. Endlich riß Adam Iwanowitsch die Geduld und er platzte heraus:
„Warum starren Sie mich so an?“ rief er auf deutsch mit scharfer, durchdringender Stimme und drohender Miene.
Doch sein Gegner blieb stumm, als hätte er die Frage überhaupt nicht gehört. Adam Iwanowitsch entschloß sich russisch zu sprechen.
„Ich frage Sie, warum Sie auf mich so sehen?“ rief er mit verdoppelter Heftigkeit. „Ich, bei Hofe bekannt, und Sie nicht bei Hofe bekannt!“ fügte er hinzu und sprang vom Stuhl auf.
Doch der Alte rührte sich nicht einmal. Unter den Deutschen erhob sich ein unwilliges Gemurmel. Der Wirt, durch den Lärm aufmerksam geworden, trat hinzu. Als er erfahren, um was es sich handelte, beugte er sich ans Ohr des Alten, weil er dachte, er wäre taub.
„Herr Schulz bittet Sie höflichst, nicht ihn anzusehen,“ rief er so laut als möglich, den unbegreiflichen Alten scharf beobachtend.
Der Alte blickte mechanisch zu ihm auf und plötzlich gewahrte man auf seinem unbeweglichen Gesicht den Ausdruck eines Gedankens und eine gewisse ängstliche Erregung. Er schien verwirrt, beugte sich ächzend nach seinem Hut, griff eilig nach seinem Stock, erhob sich vom Stuhl mit einem gewissen wehleidigen Lächeln, dem verschämten Lächeln eines Armen, der von einem Platze gewiesen wird, der ihm nicht zukommt und bereitete sich vor, das Zimmer zu verlassen. In dieser stillen ergebenen Eile des armen, zerbrechlichen Greises lag so vieles, was Mitleid erregte, so vieles, was einem das Herz in der Brust erbeben ließ, daß alle Gäste, selbst Adam Schulz nicht ausgenommen, sofort ihre Haltung änderten. Es wurde allen klar, daß der Alte nicht nur nicht jemanden habe beleidigen wollen, sondern selbst fühlte, daß man ihn jeden Augenblick wie einen Bettler hätte davonjagen können.
Müller war ein guter und mitfühlender Mensch.
„Nein, nein,“ rief er aus, dem Alten beschwichtigend auf die Schulter klopfend. „Herr Schulz bat Sie nur höflichst, nicht ihn anzusehen. Er ist bei Hofe ...“
Doch der Arme verstand ihn auch jetzt nicht; er beeilte sich noch mehr als vorhin, fortzukommen, bückte sich nach seinem alten, blauen, durchlöcherten Taschentuch, das ihm aus dem Hut gefallen war, und rief seinen Hund; dieser war unbeweglich auf dem Fußboden liegen geblieben, scheinbar fest eingeschlafen, die Schnauze zwischen beiden Pfoten.
„Asorka, Asorka!“ rief er ihm mit bebender, greisenhafter Stimme zu, „Asorka!“
Doch Asorka bewegte sich nicht.
„Asorka, Asorka!“ wiederholte kläglich der Alte und berührte den Hund mit seinem Stock, um ihn zu wecken, doch dieser blieb unbeweglich.
Der Stock entfiel seinen Händen. Er kniete nieder und ergriff mit beiden Händen den Kopf seines Hundes. Armer Asorka! Er war tot. Er war lautlos zu den Füßen seines Herrn verendet, vielleicht vor Alter, oder wer weiß, vielleicht verhungert. Der Alte sah einen Augenblick wie erstarrt auf ihn, als könne er nicht begreifen, daß Asorka tot war; langsam beugte er sich zu seinem alten Freunde und Diener nieder und preßte sein leichenblasses Gesicht an den leblosen Kopf des Hundes. Eine Minute dauerte das Schweigen ... alle waren tief davon ergriffen ... endlich richtete sich der Arme auf, er war kreideweiß und bebte am ganzen Körper.
„Man kann ihn ausstopfen,“ bemerkte der gutmütige Herr Müller, um den Alten in irgend einer Weise zu trösten. „Man kann gut ausstopfen; Fedor Karlowitsch Krüger versteht gut auszustopfen. Fedor Karlowitsch Krüger ist großer Meister auszustopfen,“ bekräftige Müller noch seine Aussage, und überreichte dem Alten den Stock, den er aufgehoben hatte.
„Ja, ich kann gut machen ausstopfen,“ lobte sich selbst, bescheiden vortretend, Herr Krüger.
Das war ein langer, hagerer, gutmütiger Deutscher, mit roten, zerwühlten Haaren und einer Brille auf der stark gebogenen Nase.
„Fedor Karlowitsch Krüger hat große Talent, um wundervoll auszustopfen,“ fügte wieder Müller hinzu, der sich für seine Idee zu begeistern anfing.
„Ja, ich habe große Talent, um auszustopfen,“ bekräftigte seinerseits von neuem Herr Krüger, „und ich werde Ihnen umsonst ausstopfen Ihren Hund,“ fügte er in einem Anfall von Selbstaufopferung hinzu.
„Nein, ich Ihnen bezahlen dafür, daß Sie machen ausstopfen!“ schrie Adam Iwanowitsch Schulz, flammend vor Begeisterung, da er sich für die unschuldige Ursache des Unglücks hielt.
Der Alte hörte allen zu, augenscheinlich ohne etwas zu begreifen und zitterte noch immer am ganzen Körper.
„Warten! Trinken Sie ein Gläschen kuten Kognak!“ rief Müller, als er sah, daß der rätselhafte Gast sich anschickte, fort zu gehen.
Man brachte den Kognak. Mechanisch nahm der Alte das Gläschen, doch zitterten seine Hände, und bevor er es an die Lippen geführt, hatte er die Hälfte verschüttet. Ohne einen Tropfen zu trinken, legte er das Glas zurück auf den Teller. Darauf lächelte er so sonderbar, so ganz verloren und verließ eilig, ohne Asorka, die Konditorei. Alle waren ganz verwundert.
„Was für eine Geschichte!“ hörte man sie ausrufen.
Ich aber stürzte dem Alten nach. Einige Schritte rechts von der Konditorei lag eine kleine Gasse, finster und eng, zwischen hohen Häuserfassaden. Etwas sagte mir, der Alte müsse sich durchaus dahin begeben haben. Das zweite Haus rechts in der Gasse war im Bau begriffen und mit hohen Holzgerüsten umstellt. Der Bretterzaun, der das Haus umgab, nahm die Hälfte der Gasse ein. Längs dem Zaun war ein Holzsteg für Fußgänger: Hier, in der dunklen Ecke, die vom Bretterzaun ums Haus gebildet wurde, traf ich den Alten. Er saß auf dem Holzsteg für Fußgänger, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, den Kopf in die Hände gedrückt. Ich setzte mich neben ihn.
„Hören Sie mich an,“ begann ich, ohne recht zu wissen, was ich sagen sollte. „Trauern Sie nicht um Asorka. Kommen Sie, ich führe Sie nach Haus. Ich werde gleich eine Droschke nehmen. Wo wohnen Sie?“
Der Alte antwortete nichts. Ich wußte nicht, was ich tun sollte. In der Gasse war niemand zu sehen. Plötzlich packte er mich an dem Arm.
„Ich ersticke!“ rief er mit heiserer, kaum hörbarer Stimme. „Luft!“
„Kommen Sie, gehen wir nach Haus!“ rief ich, erhob mich und versuchte ihn aufzuheben, „Sie werden Tee trinken und sich zu Bett legen ... Ich werde sofort eine Droschke nehmen ... einen Arzt rufen ... ich kenne einen Arzt ...“
Ich weiß nicht mehr, was ich noch alles auf ihn einsprach. Er wollte sich erheben, und richtete sich ein wenig auf, doch fiel er gleich wieder zurück und murmelte etwas vor sich hin, mit erstickter Stimme. Ich beugte mich zu ihm nieder, um ihn hören zu können.
„Auf Wassilij-Ostroff ... sechste Linie ... sechste Linie,“ röchelte der Alte.
Er verstummte.
„Sie leben auf Wassilij-Ostroff? Weshalb gingen Sie denn nach rechts, statt nach links? Ich werde Sie gleich hinführen ...“
Der Alte bewegte sich nicht mehr. Ich ergriff seine Hand; die Hand fiel leblos nieder. Ich blickte ihm forschend ins Gesicht, ich betastete ihn, – auch er war tot. Mir schien alles wie ein Traum.
Dieses Erlebnis machte mir viel zu schaffen, und in der Erregung schwand mein Fieber. Die Wohnung des Alten wurde bald gefunden. Er lebte indessen nicht auf Wassilij-Ostroff, sondern zwei Schritt davon entfernt, wo er gestorben war, im Hause Kluge, unter dem Dach, in der fünften Etage, in einer Wohnung, die aus einem kleinen Vorraum und einem großen aber sehr niedrigen Zimmer mit drei fensterartigen Spalten bestand. Er schien in der größten Armut gelebt zu haben. Seine Möbel waren ein Tisch, zwei Stühle und ein alter, alter Diwan, hart wie Stein, aus dem überall der Bast herauskam; ja, selbst diese Möbel schienen noch dem Hauswirt zu gehören. Der Ofen war ersichtlich lange nicht mehr geheizt worden; ein Licht war auch nicht zu finden. Ich bin jetzt fest davon überzeugt, daß der Alte jeden Abend zu Müller ging, um sich zu wärmen und bei Licht zu sitzen. Auf dem Tisch stand ein leerer, irdener Krug und lag ein Stück alte Brotkruste. Geld fand man nicht. Auch Wäsche besaß er nicht. Einer der Anwesenden wollte zu seiner Beerdigung ein reines Hemd geben. Es war klar, daß er unmöglich allein so hätte leben können, und daß irgend jemand von Zeit zu Zeit für ihn gesorgt haben mußte. In der Schublade des Tisches fand man seinen Paß. Der Verstorbene war Ausländer von Geburt, aber russischer Untertan und hieß Jeremias Smitt, Maschinist, achtundsiebzig Jahre alt. Auf dem Tisch lagen zwei Bücher; ein kleines Handbuch der Geographie und das neue Testament in russischer Übersetzung. Die weißen Ränder der Blätter waren mit Strichzeichen und Nägelspuren versehen. Diese Bücher erwarb ich mir später. Man befragte die Bewohner, den Wirt des Hauses, – keiner wußte etwas über ihn zu berichten. Das Haus hatte sehr viele Einwohner, meistenteils Handwerker und Deutsche, die Zimmer mit Beköstigung und Bedienung vermieteten. Der Verwalter des Hauses wußte wenig mehr von dem Verstorbenen, als daß er für seine Wohnung sechs Rubel monatlich Miete zahlte, im ganzen vier Monate in der Wohnung lebte und für die letzten zwei Monate schuldig geblieben war, – so daß man ihn hätte hinausweisen müssen. Man fragte, ob ihn jemand besucht habe? Doch niemand konnte auch darüber eine befriedigende Auskunft geben.
„Das Haus sei groß, wie die Arche Noah, ... als ob denn wenig Leute in ihm wohnten, ... alle seien doch nicht bekannt ...“ Der Hausknecht, der über fünf Jahre in diesem Hause gedient und sicher etwas über den seltsamen Mieter hätte aussagen können, war gerade vor zwei Wochen in sein Heimatsdorf gefahren. Sein Neffe, ein ganz junger Bursche, kannte noch kaum die Hälfte der Mieter. Ich weiß nicht mehr genau, welches Endresultat sich aus all diesen Nachforschungen ergab. Der Alte wurde wenigstens bald darauf beerdigt. Als ich in diesen Tagen wie zufällig nach Wassilij-Ostroff und in die sechste Linie kam, mußte ich laut auflachen: was anders konnte ich wohl in ihr vorfinden, als eine Fassadenreihe allergewöhnlichster Häuser? „Doch warum hatte der Alte sterbend von Wassilij-Ostroff, sechste Linie gesprochen,“ dachte ich bei mir. „War es etwa nur Fieberphantasie gewesen?“
Ich sah mir die freigewordene Wohnung Smitts an und sie gefiel mir. Ich mietete sie. Hauptsächlich des großen Zimmers wegen, wenn es auch so niedrig war, daß ich mich in der ersten Zeit ständig fürchtete, mit dem Kopf an die Decke zu stoßen. Übrigens gewöhnte ich mich bald daran. Für sechs Rubel monatlich hätte ich auch kein besseres Zimmer finden können. Eine eigene separate Wohnung zu haben, entzückte mich, ich mußte mich jetzt nur noch nach einer Bedienung umsehen, denn ohne jegliche Bedienung kann man doch nicht leben. Der Hausknecht wollte in der ersten Zeit einmal am Tage heraufkommen, um das Notwendigste zu besorgen. „Wer weiß,“ dachte ich, „vielleicht kommt auch jemand, um nach dem Alten zu fragen!“ Übrigens waren schon fünf Tage nach seinem Tode vergangen, und noch hatte sich niemand sehen lassen.