Chapter 22 of 45 · 1875 words · ~9 min read

VII.

Um punkt sieben war ich bei Masslobojeff. Er lebte im Flügel eines kleinen Hauses auf der Schestilawotschnaja, in einer etwas unsauberen Wohnung von drei Zimmern, die jedoch gut möbliert waren. Es fehlte freilich überall an häuslicher Ordnung. Die Tür öffnete mir ein reizendes Mädchen von neunzehn Jahren, sehr einfach, aber nett und sauber gekleidet, mit guten fröhlichen Augen. Ich erriet sofort, daß es Alexandra Ssemjonowna, seine Geliebte, sein mußte, die er vorhin erwähnt hatte, und der er mich vorstellen wollte. Sie fragte, wer ich sei, und als ich ihr meinen Namen genannt, sagte sie, daß man mich erwarte und führte mich ins Zimmer, wo Masslobojeff auf seinem schönen, weichen Diwan, bedeckt mit einem Mantel, schlief. Sein Kopf ruhte auf einem alten Lederkissen. Er erwachte sofort, als wir eintraten, und rief mich bei Namen.

„Ah! Da bist du ja! Ich habe dich erwartet. Soeben sah ich im Traum, wie du zu mir kamst und mich aufwecktest. Also ist es Zeit. Fahren wir.“

„Wohin?“

„Zur Dame.“

„Zu welcher Dame? Warum?“

„Zu Madame Bubnowa, um bei ihr einzukassieren. Was die für eine Schönheit ist!“ wandte er sich plötzlich zu Alexandra Ssemjonowna und küßte seine Fingerspitzen bei der Erinnerung an Madame Bubnowa.

„Nun, geh nur, geh. Das denkst du dir nur aus!“ bemerkte Alexandra Ssemjonowna, die es für ihre Pflicht hielt, sich etwas zu ärgern.

„Ihr kennt euch nicht? Ich werde dich vorstellen, Bruder: Alexandra Ssemjonowna, hier stelle ich dir einen Literaturgeneral vor; man kann ihn nur einmal im Jahr umsonst sehen, die übrige Zeit aber nur für Geld.“

„Jetzt hält er mich wieder zum besten. Hören Sie, bitte, nicht auf ihn, er lacht immer über mich. Was sind Sie denn für ein General?“

„Ich sage dir doch, daß er ein besonderer ist. Und Sie, meine Dame, glauben Sie nicht, daß wir dumm sind; wir sind viel klüger als wir auf den ersten Blick erscheinen.“

„Hören Sie nicht auf ihn! Immer verstellt er sich vor anständigen Leuten, Unverschämter! Wenn er mich doch wenigstens nur einmal ins Theater brächte!“

„Bitte, Alexandra Ssemjonowna, lieben Sie Ihre Pe... Haben Sie vergessen, was Sie lieben müssen? Haben Sie das Wort vergessen, das ich Ihnen gelehrt habe!“

„Natürlich habe ich es nicht vergessen. Irgendeinen Unsinn bedeutet es.“

„Nun, wie hieß denn das Wort?“

„Ich soll mich wohl vor dem Gast blamieren. Wer weiß, was dieses Wort bedeutet. Eher trocknet meine Zunge aus, als daß ich es sage.“

„Also haben Sie es vergessen?“

„Vergessen? Lieben Sie Ihre Penaten ... Sehen Sie, was er sich ausgedacht! Es hat vielleicht niemals Penaten gegeben; und warum soll ich sie lieben? Alles Lüge!“

„Dafür gehen wir auch zu Madame Bubnowa ...“

„Pfui, mit Ihrer Madame Bubnowa ...“

Und Alexandra Ssemjonowna lief gekränkt aus dem Zimmer.

„Es ist Zeit! Gehen wir! Leben Sie wohl, Alexandra Ssemjonowna!“

Wir traten ins Freie.

„Siehst du, Wanjä, setzen wir uns jetzt zuerst in die Droschke. So. Und jetzt kann ich dir noch mitteilen, daß ich manches und zwar ganz genau erfahren habe. Ich blieb noch eine ganze Stunde nachher auf Wassilij-Ostroff. Diese dicke Blase ist eine schreckliche Kanaille, ein schmutziger, perverser Kerl. Und diese Bubnowa ist ihrer gewissen Geschäftchen wegen schon ganz bekannt. Vor ein paar Tagen hat sie es mit einem jungen Mädchen aus anständigem Hause zu tun gehabt. Diese Musselinkleidchen, von denen du mir erzähltest, ließen mir keine Ruh, denn ich hatte schon vorher verschiedenes von ihr gehört. Ich habe mich jetzt davon überzeugen können, daß ich mich nicht irre. Wie alt ist die Kleine?“

„Dem Ansehen nach dreizehn Jahr.“

„Von Gestalt ist sie aber noch jünger. Nun ja, so treibt sie es. Wenn es nötig, sagt sie, die Kleine sei elf Jahre alt und wenn es nötig, – fünfzehn. Und da die kleine ohne Schutz und Familie ist, so ...“

„Ist’s möglich?“

„Was glaubst du denn? Eine Madame Bubnowa wird doch nicht aus Mitleid eine Waise zu sich nehmen. Und wenn der Dicke schon da verkehrt, so stimmt’s. Er ist neulich am Morgen bei ihr gewesen. Dem Dummkopf Ssisobrjuchoff ist eine verheiratete Dame, eine Schönheit versprochen worden, die Frau eines Stabsoffiziers. Wenn Kaufleute durchgehen, verlangen sie immer eine von Rang. Das ist wie in der lateinischen Grammatik; die Bedeutung hängt immer von der Endung ab. Übrigens, ich bin noch, glaube ich, betrunken. Die Bubnowa soll es nur wagen, solche Geschäftchen zu versuchen. Sie kann wohl die Polizei hintergehen, mich aber nicht, da soll sie mal sehen ... Nun, du verstehst mich?“

Ich war furchtbar erschrocken. Diese Nachrichten erregten mich im höchsten Grade. Ich fürchtete jetzt, daß wir uns verspäten könnten und trieb den Kutscher zur Eile an.

„Fürchte nichts; ich habe Maßregeln getroffen,“ sagte Masslobojeff. „Mitroschka ist dort, wir haben uns mit ihm verabredet. Madame Bubnowa kommt auf meine Rechnung ...“

Wir hielten am Restaurant, doch ein Mensch, der Mitroschka hieß, war da nicht zu finden. Wir befahlen dem Kutscher, uns an der Treppe des Restaurants zu erwarten und gingen zum Hause der Bubnowa. Mitroschka erwartete uns am Hoftor. Die Fenster waren hell erleuchtet und man hörte Ssisobrjuchoffs betrunkenes Lachen.

„Seit einer Viertelstunde sind sie alle dort,“ berichtete Mitroschka. „Jetzt ist es Zeit.“

„Wie sollen wir denn hineingehen?“ fragte ich.

„Wie Gäste,“ entgegnete Masslobojeff, „sie kennt mich; auch Mitroschka kennt sie. Wahrhaftig, da scheint ein großes Fest zu sein, nur nicht für uns.“

Er klopfte leise an das Hoftor, der Hausknecht öffnete uns sofort; während er sich mit Mitroschka verständigte, gingen wir beide die Treppe hinauf. Im Hause bemerkte man uns nicht. Der Hausknecht klopfte an. Man fragte, wer da sei. Er antwortete: „Gäste“. Man öffnete uns und wir traten alle auf einmal ein. Der Hausknecht verschwand sofort.

„Ai, wer ist das?“ rief die Bubnowa betrunken und zerzaust, mit einem Licht in der Hand.

„Wer?“ erwiderte Masslobojeff. „Wie so denn? Sie erkennen Ihre Gäste nicht, Anna Trifonowna? Wer denn anders als wir ... Filipp Filippytsch!“

„Ah, Filipp Filippytsch? Das sind Sie ... ein so teurer Gast ... Ja, wie kommen Sie denn her ... ich ... tut nichts ... treten Sie ein ... hierher bitte!“

Sie war ganz verwirrt.

„Hierher? Nein ... Uns nehmen Sie bitte besser auf. Wir wollen bei Ihnen ein Gläschen trinken und ...“

Die Wirtin faßte sofort Mut.

„Ja, für solche Gäste ist alles bereit ...“

„Ein paar Worte, Anna Trifonowna: ist Ssisobrjuchoff hier?“

„Ja.“

„Ich muß ihn sehen. Wie wagt er es, ohne mich durchzugehen?“

„Er hat Sie sicher nicht vergessen. Er erwartete noch jemanden; wahrscheinlich wohl Sie.“

Masslobojeff stieß die Tür auf und wir traten in ein Zimmer mit zwei Fenstern, auf denen einige Geranientöpfe standen, mit einem alten Klavier an der Wand ... und allem was dazu gehörte. Mitroschka blieb im Vorzimmer. Wie ich später erfuhr, sollte er da Wache stehen. Zu ihm gesellte sich das geschminkte Weib vom Vormittag.

Im Zimmer auf einem kleinen Diwan aus rotem Holz vor einem runden Tisch saß Ssisobrjuchoff. Auf dem Tische, der mit einer Decke belegt war, standen vor ihm zwei warme Champagnerflaschen und eine Flasche mit schlechtem Rum; standen Teller mit Konfekt, Nüssen und Kuchen. Ihm gegenüber am Tisch saß eine widerliche Kreatur von vierzig Jahren, in einem schwarzen Taftkleide, behängt mit goldenen Armbändern und Broschen. Das war die Frau des Stabsoffiziers, sicher keine echte. Ssisobrjuchoff war ganz betrunken und schien äußerst zufrieden. Das dicke Scheusal war nicht zu sehen.

„So also macht man’s!“ brüllte aus voller Kehle Masslobojeff, „mich hat er zu Dusso eingeladen!“

„Filipp Filippytsch, Sie beehren uns?“ murmelte Ssisobrjuchoff, uns mit seligem Lächeln begrüßend.

„Du trinkst?“

„Entschuldigen Sie.“

„Entschuldige dich lieber nicht, sondern bewirte deine Gäste. Wir sind gekommen, um uns mit dir zu amüsieren. Ich habe hier noch einen Gast mitgebracht: meinen Freund!“

Masslobojeff wies auf mich.

„Sehr angenehm, es beglückt mich ... Kchi!“

„Das nennt er Champagner! Der schmeckt nach Kohlsuppe.“

„Sie beleidigen mich.“

„Bei Dusso wagst du dich ja gar nicht zu zeigen; aber einladen tust du!“

„Er erzählte mir soeben, daß er in Paris gewesen,“ griff die Stabsoffiziersfrau das Gespräch auf. „Sicher lügt er alles!“

„Fedossja Titischna, entschuldigen Sie, aber ich war in Paris. Wir waren ... wir fuhren ...“

„Was macht denn ein solcher Bauer in Paris?“

„Wir waren wirklich dort. Wir haben uns mit Karp Wassiljewitsch ausgezeichnet amüsiert. Kennen Sie Karp Wassiljewitsch?“

„Wie soll ich denn Ihren Karp Wassiljewitsch kennen?“

„Vielleicht doch ... aus politischen Gründen. Wir waren im Örtchen Paris und haben – bei Madame Joubert einen Trumeau zerschlagen.“

„Was haben Sie zerschlagen?“

„Einen Trumeau. Die ganze Wand war ein Trumeau und Karp Wassiljewitsch war so betrunken, daß er mit Madame Joubert einfach nur russisch sprach. Nun, und er stürzte sich an den Trumeau, die Joubert aber ruft ihm zu, daß der Trumeau sieben hundert Franks kostet, wenn er ihn zerschlägt! Er lächelt bloß und sieht mich an, ich saß ihm gegenüber auf einem Kanapee mit einer Schönen, die nicht einen solchen Rüssel hatte, wie die da. Kurz, er ruft mir zu: ‚Stepan Terentjytsch, die Hälfte fällt auf dich?‘ Ich sage ‚schön!‘ Wie er da ins Glas schlägt – dsin! Madame Joubert schreit auf und rückt ihm auf den Leib: ‚Du Räuber, aus welchem Lande kommst denn du her?‘ Er aber sagt: ‚Du, Madame Joubert, nimm dein Geld und kümmer dich nicht um meine Angewohnheiten.‘ Ihr wurden sechshundertfünfzig Franks ausgezahlt. Ein halbes Hundert haben wir ihr abgezogen.“

In diesem Augenblick ertönte ein durchdringender Schrei durch das ganze Haus. Ich fuhr zusammen und schrie auf. Ich hatte die Stimme sofort erkannt, es war Helene. Auf ihren kläglichen Schrei folgte ein ganzer Tumult, man hörte schimpfen und klatschende Schläge, wie mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen. Das war sicher Mitroschka, der seine Pflicht tat. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und Helene stürzte bleich, mit verstörten Augen im weißen Musselinkleidchen, mit gekämmten, doch im Kampfe aufgewühlten Haaren hinein ins Zimmer. Ich stand der Tür gegenüber und sie stürzte geradewegs auf mich zu und umschlang mich mit beiden Händen. Alle erschraken, alle sprangen auf. Schreie und Ausrufe schwirrten durchs Zimmer. Ihr folgte in der Tür Mitroschka, den Dicken, sein Opfer, an den Haaren im aufgelöstem Zustande herbeischleppend. Er riß ihn zur Türschwelle und stieß ihn dann ins Zimmer.

„Da ist er! Nehmt ihn in Empfang!“ rief er uns mit zufriedener Miene zu.

„Höre,“ sagte Masslobojeff, ruhig auf mich zutretend und mir auf die Schulter klopfend. „Nimm das Kind und bringe es zu dir, hier hast du nichts mehr zu tun. Morgen wollen wir das Weitere besprechen.“

Ich ließ mir das nicht zweimal sagen, nahm Helene bei der Hand und führte sie hinaus aus dieser Hölle. Das alles geschah so unerwartet, daß uns niemand aufhielt. Draußen wartete die Droschke auf uns und in zwanzig Minuten waren wir in meiner Wohnung.

Helene schien halbtot. Ich öffnete ihr das Kleid, bespritzte sie mit Wasser und legte sie auf den Diwan. Sie fieberte und begann zu phantasieren. Ich sah auf ihr bleiches Gesichtchen, auf ihre farblosen Lippen, auf ihr dunkles pomadisiertes und aufgewühltes Haar, auf ihre ganze Toilette mit den rosa Bändern – und begriff alles. Die Arme! Sie fieberte immer mehr und mehr. Ich beschloß, am Abend nicht mehr zu Natascha zu gehen. Hin und wieder hob Helene ihre langen Wimpern und sah mich lange und forschend an, als wollte sie sich vergewissern, daß ich es war. Spät, um ein Uhr nachts, schlief sie ein. Ich schlief neben ihr auf dem Fußboden.