Chapter 11 of 45 · 1662 words · ~8 min read

XI.

Doch kaum war ich auf das feuchte, schmutzige Trottoir des Prospekts hinausgetreten, als ich mit einem Vorübergehenden zusammenstieß, der offenbar ganz in Gedanken versunken, den Kopf gesenkt, sich sehr beeilte. Zu meinem größten Erstaunen erkannte ich in ihm den alten Ichmenjeff. Es war für mich ein Abend unerwarteter Begegnungen. Ich wußte, daß der Alte vor drei Tagen stark erkältet war, und nun plötzlich begegne ich ihm bei diesem feuchten Wetter auf der Straße! Zudem war er früher nie zur Abendzeit ausgegangen und seitdem Natascha die Eltern verlassen, das heißt fast seit einem halben Jahr, rührte er sich nicht aus dem Hause. Als er mich erblickte, schien er außerordentlich erfreut zu sein, wie ein Mensch, der endlich einen Freund trifft, mit dem er seine Gedanken teilen kann. Er ergriff meine Hand, drückte sie kräftig, zog mich mit sich fort und fragte, wohin ich ginge. Er schien sehr erregt, seine Bewegungen waren hastig und zerstreut. „Wohin mag der wohl gegangen sein?“ dachte ich bei mir. Ihn danach zu fragen, das ging nicht an: er war in letzter Zeit so mißtrauisch geworden, daß er oft in der allereinfachsten Frage oder Bemerkung eine Anspielung oder Beleidigung witterte.

Ich betrachtete ihn mir von der Seite: sein Gesicht sah krankhaft aus, in der letzten Zeit war es sehr abgemagert, der Bart war ihm seit einer Woche nicht mehr geschnitten worden. Das nun fast ganz ergraute Haar quoll unordentlich unter dem verbeulten Hut hervor und hing in langen Strähnen auf dem Kragen seines alten abgetragenen Überziehers. Ich hatte es schon öfter bemerkt, daß er sich minutenlang ganz vergessen konnte; er vergaß zum Beispiel, daß er allein im Zimmer war, sprach laut mit sich selbst und gestikulierte mit den Armen. Es tat weh, ihn anzuschauen.

„Nun, Wanjä, nun? Wohin gingst du? Siehst du, mein Lieber, ich, ich bin ausgegangen; in Geschäften. Bist du gesund?“

„Und Sie, sind Sie gesund?“ antwortete ich. „Sie waren doch unlängst krank, und jetzt gehen Sie aus?“

Der Alte antwortete mir nicht, es war, als hätte er mich garnicht gehört.

„Wie geht es Anna Andrejewna?“

„Gut, gut ... Übrigens, vielleicht ist sie ein bißchen erkaltet. Sie hat es bei mir ein wenig traurig ... Sie sprach auch von dir ... Warum bist du nicht gekommen? Ja, gehst du jetzt mit zu uns, Wanjä, oder nicht?“ fragte er plötzlich, mich scharf und fragend ansehend.

Der mißtrauische Alte war so empfindlich geworden, daß, wenn ich ihm jetzt geantwortet hätte, es sei nicht meine Absicht gewesen, zu ihnen zu kommen, er sich unfehlbar beleidigt gefühlt und sich kühl von mir verabschiedet hätte. Ich beeilte mich also, ihm zu versichern, daß ich soeben die Absicht gehabt, Anna Andrejewna aufzusuchen, obgleich ich wußte, daß ich mich dadurch verspäten würde und das Wiedersehen mit Natascha überhaupt in Frage gestellt wurde.

„Nun, das ist gut,“ sagte der Alte, vollständig beruhigt durch meine Antwort. „Das ist gut ...“

Und plötzlich verstummte er wieder und wurde nachdenklich.

„Ja, das ist gut!“ wiederholte er nach fünf Minuten wieder mechanisch dasselbe, als erwache er aus einer tiefen Versunkenheit. „Hm! ... Siehst du, Wanjä, du bist uns immer wie unser eigener Sohn gewesen; Gott schenkte uns ... keinen Sohn ... und schickte uns dich; so habe ich immer gedacht. Die Alte ... auch! Ja! Und du hast dich immer ehrerbietig zu uns benommen, zärtlich, wie ein dankbares Kind. Möge dich Gott dafür segnen, Wanjä, wie wir beiden Alten dich segnen und lieben ... Ja!“ Seine Stimme bebte, er hielt einen Augenblick inne.

„Ja ... nun ... wie ist es dir ergangen? Warst du nicht erkältet? Warum warst du so lange nicht mehr bei uns?“

Ich erzählte ihm die ganze Geschichte mit Smitt, entschuldigte meine Abwesenheit durch diese Angelegenheit, sagte, daß ich mich außerdem krank gefühlt, und daß der Weg nach Wassilij-Ostroff (wo sie damals wohnten), sehr weit sei. Ich wollte schon hinzufügen, daß ich auch noch nicht Zeit gefunden hatte, Natascha zu besuchen, doch fiel mir das Unangebrachte dieser Bemerkung noch zur rechten Zeit ein und ich verstummte.

Die Geschichte mit Smitt interessierte ihn sehr. Er wurde aufmerksamer. Als er erfuhr, daß meine neue Wohnung feucht war, vielleicht noch feuchter als die alte und sechs Rubel monatlich koste, war er sehr aufgebracht. Überhaupt war er recht heftig und ungeduldig geworden. Nur Anna Andrejewna verstand es, in solchen Augenblicken mit ihm auszukommen, und auch das nicht immer.

„Hm! ... Das kommt von deiner Literatur, Wanjä!“ rief er wütend aus. „Sie hat dich bis unter das Dach gebracht, und wird dich auch noch auf den Kirchhof bringen! Habe ich dir’s damals nicht gesagt? Dich davor gewarnt! ... Und wie steht es mit B.; schreibt er immer noch seine Kritiken?“

„Er ist gestorben, an der Schwindsucht gestorben. Ich habe es Ihnen doch schon mitgeteilt, wenn ich nicht irre.“

„Gestorben, hm! ... Gestorben! Ja, so mußte es kommen. Hat er seiner Frau und seinen Kindern etwas hinterlassen? Du hast mir doch gesagt, daß er Frau und Kinder hatte ... Woraufhin heiraten diese Leute überhaupt?“

„Nein, er hat ihnen nichts hinterlassen,“ antwortete ich.

„Nun, hab’ ich’s nicht gesagt!“ rief er außer sich, als ginge ihn die Sache etwas an und als wäre der verstorbene B. sein eigener Bruder gewesen. „Nichts! Also, so ... so, nichts! Nichts hinterlassen! Siehst du, Wanjä, das hab ich vorausgefühlt, so mußte er enden, und schon damals, weißt du noch, als du ihn immer so lobtest. Sehr einfach zu sagen: hat nichts hinterlassen! Hm! ... hat sich dafür Ruhm erworben. Nehmen wir an, unsterblichen Ruhm, doch von Ruhm lebt man nicht. Ich habe damals, mein Lieber, auch bei dir alles vorausgesehen. Also so, B. ist gestorben? Ja ... und warum soll er auch nicht sterben! Ist denn das ein Leben hier ... in dieser Stadt! Sieh dich doch nur um!“ Und mit einer unwillkürlichen Handbewegung wies er auf die neblige Perspektive der wegen der undurchdringlichen Atmosphäre nur schwach erleuchteten Straßen, auf die schmutzigen Häuser, auf die vor Feuchtigkeit glitzernden Steinfliesen des Trottoirs, auf die finsteren und durchnäßten Gestalten der Vorübereilenden, auf dieses ganze Bild, das von der eintönig tuschfarbenen Kuppel eines Petersburger Himmels umrahmt wurde. Wir traten auf den Platz hinaus; aus dem Dunkel vor uns erhob sich das Denkmal Nikolais, von Gasarmen umgeben und von unten durch Gasarme und Kandelaber beleuchtet, weiterhin die dunkle, kolossale Masse der Isaakskirche, deren Formen bei der Dunkelheit des Himmels nur undeutlich zu erkennen waren.

„Du sagtest doch, Wanjä, daß er ein großzügiger, sympathischer Mensch gewesen sei, mit Herz und Verstand. Alle sind sie so, deine sympathischen Leute mit den guten Herzen. Die Zahl der Waisenkinder zu vermehren, das ist alles, was sie verstehen! Hm! ... ja und zu sterben muß für ihn lustig gewesen sein, denke ich! he, he, he! Wäre er von hier fortgefahren, und wär’s nach Sibirien! ... Was willst du, Kleine?“ fragte er plötzlich ein Kind, das ihn um Almosen bat.

Es war ein kleines schwächliches Mädchen, von sieben Jahren etwa, in schmutzige Lumpen, beinah Fetzen gekleidet. Die nackten Füßchen steckten in durchlöcherten Schuhen. Sie strengte sich an, den vor Kälte zitternden Körper in ein altes Mäntelchen zu hüllen, dem sie längst schon entwachsen war. Das abgemagerte, bleiche Gesichtchen war uns zugewandt; sie sah uns stumm, mit flehenden Blicken an und mit ergebener Furcht vor einer Absage streckte sie uns ihr zitterndes Händchen entgegen. Der Alte erbebte, als er es sah und wandte sich so hastig zu ihr hin, daß sie erschrak. Sie zuckte zusammen und fuhr entsetzt zurück.

„Was willst du, Kind?“ schrie er. „Was bittest du? Da, nimm ... nimm, da!“ –

Und er wühlte mit zitternder Hand in seiner Tasche herum und holte zwei oder drei Silberstücke heraus. Es schien ihm aber doch zu wenig, er zog seine Geldtasche hervor und nahm einen Rubelschein heraus – alles was in ihr enthalten war – und legte das Geld in die Hand des Bettelkindes.

„Möge Christus dich behüten, Kleine ... Mögen dich, mein Kind, Gottes Engel begleiten!“

Mit zitternder Hand bekreuzte er mehrmals die Kleine, doch als er sah und ihm einfiel, daß ich dabeistand und ihm zusah, runzelte er die Stirne und setzte mit raschen Schritten seinen Weg fort.

„Siehst du, Wanjä,“ begann er nach langem, fast wütendem Schweigen, „ich kann es nicht ansehen, wie diese kleinen, unschuldigen Geschöpfe, vor Kälte zitternd auf der Straße ... ihrer verfluchten Mütter und Väter wegen ... Übrigens, welche Mutter wird wohl ihr Kind hinaus in dieses Unglück schicken, wenn nicht eine im tiefsten Elend! ... Wahrscheinlich sitzen bei ihr in der Ecke noch andere Waisenkinder, diese war wohl die Älteste; sicher ist sie krank ... die Mutter und ... hm! Nicht alle sind Fürstenkinder ... viele Kinder gibt es in der Welt, Wanjä, ... die ... hm!“

Er verstummte auf einen Augenblick, als wüßte er nicht, wie er fortfahren sollte.

„Ich, siehst du, Wanjä, habe Anna Andrejewna versprochen,“ begann er ein wenig verwirrt und unsicher, „ich habe ihr versprochen ... das heißt, wir sind beide miteinander einig, Anna Andrejewna und ich, ein Waisenkind zur Erziehung anzunehmen, ... so irgend ein armes, kleines, ganz ins Haus zu uns ... Du verstehst doch? Uns Alten ist es einsam, so allein ... hm ... nur, siehst du! Aber Anna Andrejewna scheint sich doch noch dagegen zu sträuben. Sprich du doch mit ihr, weißt du, nicht von mir aus, du weißt schon, sondern von dir aus, berede sie doch ... Du verstehst mich? Schon lange wollte ich dich darum bitten ... sie möge doch einwilligen ... ich kann es so recht nicht tun ... aber was rede ich von diesen Albernheiten! Was geht mich ein Kind an? Ich habe es nicht nötig! Nur so zur Beruhigung ... um ein Kinderstimmchen zu hören ..., und, ich tue es doch nur der Alten wegen; es wird für sie lustiger sein, als immer mit mir Altem allein. Doch, alles das ist dummes Zeug! Und – so kommen wir nicht weiter; nehmen wir eine Droschke, es ist noch weit und Anna Andrejewna erwartet uns schon lange ...“

Es war halb acht, als wir endlich bei Anna Andrejewna ankamen.