Chapter 19 of 45 · 1892 words · ~9 min read

IV.

So waren wir bis zum kleinen Prospekt gekommen, sie fast laufend, bis sie endlich in einen Laden trat. Ich blieb stehen und wartete auf sie. „Sie wird doch in keinem Laden leben,“ dachte ich.

Und so war es auch. Schon nach einer Minute kam sie wieder heraus und statt der Bücher hielt sie jetzt eine irdene Schale in der Hand. Nach ein paar Schritten trat sie in das Hoftor eines unansehnlichen, alten zweistöckigen schmutziggelben Hauses. Aus einem der drei Fenster des Hauses am unteren Stockwerk hing ein kleiner rotangestrichener Sarg – das Zeichen eines Sargmachers. Die Fenster des oberen Stockwerkes waren außergewöhnlich klein und viereckig mit grünen, geplatzten Scheiben, durch die rosabaumwollene Vorhänge schienen. Ich ging über die Straße auf das Haus zu und las über dem Hoftor auf dem Blechschild die Inschrift „Haus der Kleinbürgerin Bubnowa.“

Doch kaum hatte ich die Inschrift gelesen, als man plötzlich auf dem Hofe der Bubnowa eine hohe weibliche Stimme schreien und schimpfen hörte. Ich blickte durchs Tor. Auf den Stufen einer Holztreppe stand ein dickes Weib, wie eine Kleinbürgersfrau gekleidet, die um den Kopf einen grünen Schal trug. Ihr Gesicht war von widerwärtiger rotblauer Farbe, ihre kleinen, blutunterlaufenen Augen blitzten vor Wut. Man sah es ihr an, daß sie, trotz der frühen Stunde, nicht mehr ganz nüchtern war. Sie fuhr auf die arme Helene los, die mit der Schale in den Händen bewegungslos vor ihr stand. Oben auf der Treppe hinter dem Rücken der Alten, stand eine zerzauste, weißgepuderte und rotgeschminkte Frauensperson. Kurz darauf öffnete sich die Tür zum unteren Stockwerk, und es erschien, wahrscheinlich durch das Geschrei herbeigerufen, eine ärmlich gekleidete Frau in mittleren Jahren von bescheidenem und angenehmem Äußern. Durch die halbgeöffnete Tür des unteren Stockwerkes lugten noch Köpfe anderer Einwohner hervor, ein alter Mann und ein kleines Mädchen. Mitten auf dem Hofe stand mit dem Besen in der Hand ein kräftiger Bursche, wahrscheinlich der Hausknecht, der sich faul die Szene ansah.

„Ach, du verfluchtes Ding, du Blutsaugerin, du ...“ schrie die Alte einen ganzen Schwall von Schimpfwörtern auf einmal heraus, ohne Unterbrechung und Überlegung, so daß ihr der Atem ausging. „So lohnst du mir, du Kröte! Nach Gurken habe ich sie geschickt, sie aber treibt sich herum! Mein Herz fühlte es, als ich sie ausschickte. Es nagte und nagte in mir! Gestern abend habe ich sie noch durchgeprügelt, heute läuft sie wieder davon! Wo bist du gewesen, du Herumtreiberin, wo?! ... Zu wem gehst du, verfluchte Hexe, du schiefäugiges Scheusal, du Giftkröte, zu wem? Sprich, du Lausmamsell, oder ich erwürge dich!“

Und das wutschnaubende Weib stürzte sich auf die arme Kleine, als sie aber die andere Frau an der Treppe erblickte, hielt sie plötzlich inne, schrie jedoch jetzt noch mehr als vorher und fuchtelte mit den Händen, als wollte sie die Frau zur Zeugin des furchtbaren Verbrechens machen, das ihr armes Opfer begangen.

„Die Mutter hat sie verloren! Ihr wißt alle, daß sie ganz allein auf der Welt geblieben ist. Haben selbst nichts zu essen, dachte aber bei mir, du bringst dem heiligen Nikolai ein Opfer und nimmst die Waise auf. Was aber glaubt ihr wohl? Zwei Monate lang unterhalte ich sie schon, doch in diesen zwei Monaten hat sie mir wahrhaftig das Blut ausgesogen, mir das Fleisch abgenagt, Blutegel! Verstockter Satan, du! Sie schweigt, ich schlage sie, stoße sie, sie schweigt immer; als hätte sie Wasser im Munde – so schweigt sie. Das Herz zerreißt sie mir – aber sie schweigt! Sag’, wofür hältst du dich denn eigentlich, du Grasaffe? Ohne mich würdest du auf der Straße vor Hunger gestorben sein. Meine Füße müßtest du mir waschen, du Wurm. Steif und kalt wärest du jetzt ohne mich!“

„Was tun Sie, Anna Trifonowna, warum ärgern Sie sich so sehr? Was hat sie denn verbrochen?“ fragte ehrfurchtsvoll die Frau, an die sich die wütende Megäre richtete.

„Warum, gute Frau, warum? Ich will es nicht, daß man gegen meinen Willen handelt! Sie hätte mich heute fast ins Grab gebracht! Habe sie nach Gurken in den Laden geschickt und sie ist erst nach drei Stunden zurückgekehrt! Mein Herz fühlte es, als ich sie schickte, es nagte in mir, es nagte! Wo war sie? Zu wem geht sie? Wen hat sie um Schutz gebeten? Bin ich nicht ihre Wohltäterin? Vierzehn Silberrubel schuldete mir ihre Mutter, habe sie auf meine Rechnung beerdigt, und ihren Grasteufel zur Erziehung angenommen, meine Liebe, das weißt du doch selbst alles! Habe ich nun nicht ein Recht auf sie? Wenn sie das anerkennen würde, so aber handelt sie gegen mich! Ich habe ihr Glück gewollt. Habe ihr ein weißes Musselinkleidchen und Schuhe gekauft und sie wie Feiertags angezogen! Und was glaubt ihr wohl, meine guten Leute! In zwei Tagen hat sie das ganze Kleid zerrissen, in Stücke zerrissen, und geht lieber in Lumpen! Und was glaubt ihr wohl, mit Absicht hat sie es zerrissen – ich will nicht lügen, habe es selbst gesehen. Da ging mir die Seele über, da habe ich sie blaugeschlagen, mußte aber dafür später den Arzt herbeiholen und ihn bezahlen. Dich plattdrücken müßte man, dich, du Ungeziefer, – dir eine Woche lang nichts zu essen geben. Die Fußböden hat sie zur Strafe waschen müssen! Und was glaubt ihr wohl: sie wäscht sie, wäscht und wäscht! Mir will das Herz platzen – sie wäscht! Nun denke ich: Die wird mir fortlaufen! Kaum hatte ich es gedacht, da war sie mir auch schon fortgelaufen! Ihr habt es selbst gehört, wie ich sie gestern dafür geschlagen habe, meine Hände schmerzten mir davon, nahm ihr die Strümpfe fort, die Stiefel – sie wird doch nicht barfuß gehen, denke ich, sie aber ist auch heute dorthin gelaufen! Wo warst du? Sprich? Bei wem hast du dich über mich beklagt? Sprich? Bummlerin, du Larvenfratz, sprich?“

Sinnlos vor Wut stürzte sie sich auf das vor Angst ganz erstarrte Kind, packte es an den Haaren und warf es zu Boden. Die Schale mit den Gurken flog zur Seite und zerschlug; das vergrößerte natürlich noch die Wut der betrunkenen Megäre. Sie schlug ihr Opfer ins Gesicht, auf den Kopf; Helene aber schwieg hartnäckig und gab keinen Laut von sich, keine Klage wurde laut. Ich stürzte auf den Hof und auf das betrunkene Weib zu.

„Was tun Sie? Wie wagen Sie eine arme Waise so zu behandeln!“ rief ich, die Furie am Arm packend.

„Was soll denn das bedeuten! Wer bist du denn eigentlich?“ keifte sie mich an, sie ließ von Helene ab und stützte ihre Arme in die Hüften. „Was haben Sie in meinem Hause zu suchen?“

„Sie Unbarmherzige!“ schrie ich sie an. „Wie wagen Sie es, ein armes Kind so zu peinigen? Sie gehört Ihnen nicht; ich habe es selbst gehört, daß sie eine Angenommene, eine arme Waise ist ...“

„Jesus Christus!“ brüllte die Furie. „Was hast du dich da herein zu mischen! Bist du etwa mit ihr gekommen, wie? Ich werde gleich die Polizei benachrichtigen! Andrej Timofejewitsch selbst ist mein bester Freund! Was, ist sie bei dir gewesen? Wer bist du eigentlich? Wie wagst du in ein fremdes Haus zu kommen?!“

Und sie stürzte sich mit ihren Fäusten auf mich. Doch in dem Augenblick ertönte ein scharfer, unmenschlicher Schrei. Ich sah mich um und erblickte Helene besinnungslos und in konvulsivischen Krämpfen auf der Erde. Ihr ganzes Gesicht hatte sich verzerrt, schreckliche Schreie stieß sie aus. Es war ein Anfall von Fallsucht. Die geschminkte Dirne und die einfache Frau hoben sie auf und trugen sie hinauf.

„Krepieren sollst du, Verfluchte!“ schrie ihr keifend die Alte nach. „Schon den dritten Anfall im Monat ... Fort mit dir!“ Sie stürzte sich wieder auf mich.

„Was stehst du da, Mensch? Wofür kriegst du deinen Lohn?“

„Mach, daß du fortkommst! Willst wohl, daß ich dich am Kragen nehme,“ brummte faul der Hausknecht, nur der Form wegen. „Ein Dritter soll sich nie einmischen. Mach, daß du fortkommst und hinaus mit dir!“

Es blieb mir nichts anderes übrig, ich verließ den Hof mit der vollen Überzeugung, daß ich hier nichts ausgerichtet hatte. Doch kochte die Wut in mir. Ich blieb am Hoftor stehen und blickte zurück. Die Alte war ins Haus gegangen, auch der Hausknecht war nicht mehr zu sehen. Gleich darauf erschien die Frau, die Helene hinaufgetragen, und eilte die Treppe hinunter. Als sie mich erblickte, blieb sie stehen und betrachtete mich mit Neugierde. Ihr gutes, stilles Gesicht flößte mir Mut ein. Ich ging zurück in den Hof, gerade auf sie zu.

„Erlauben Sie eine Frage,“ begann ich, „wer ist dieses Kind, und wer diese scheußliche Alte? Glauben Sie nicht, daß ich nur aus Neugierde frage. Diesem Kinde bin ich begegnet und es interessiert mich.“

„Wenn Sie sich für das Kind interessieren, so wäre es besser, Sie nähmen es zu sich oder suchten ihm einen Platz, als daß es hier umkäme,“ sagte die Frau etwas gezwungen und schickte sich an, fortzugehen.

„Wenn Sie mir aber nichts Näheres sagen wollen, was soll ich denn tun? Ich kenne die Verhältnisse hier nicht. Das war wohl die Bubnowa selbst, die Wirtin des Hauses?“

„Ja, das war sie selbst.“

„Wie ist sie denn zu dem Kinde gekommen? Ist die Mutter des Kindes hier gestorben?“

„Wie sie dazu gekommen ... Das ist nicht unsere Sache.“

Und sie wollte wieder fort.

„So tun Sie mir doch den Gefallen; ich sage Ihnen doch, daß es mich sehr interessiert. Ich bin vielleicht imstande, hier etwas zu tun. Wer ist dieses Kind? Wer war ihre Mutter, – wissen Sie es?“

„Ausländer waren es, Angereiste; lebten bei uns unten; sie war so krank und starb an der Schwindsucht.“

„Sie muß wohl sehr arm gewesen sein, wenn sie unten in einem Winkel lebte?“

„Ach, so arm! Das Herz schnürte sich zusammen. Wir haben selbst kaum zu essen, doch blieb sie auch uns die sechs Rubel schuldig in den fünf Monaten, die sie bei uns lebte. Wir haben sie beerdigt, mein Mann hat ihr den Sarg gemacht.“

„Die Bubnowa sagte doch, sie hätte sie beerdigt?“

„Keineswegs!“

„Wie hieß sie denn?“

„Ich kann das nicht aussprechen. So ein fremder deutscher Name.“

„Smitt?“

„Nein, nicht ganz so. Anna Trifonowna hat die Waise zu sich genommen zur Erziehung, wie sie sagt. Doch ist dabei nichts Gutes zu erwarten ...“

„Wahrscheinlich zu einem gewissen Zweck?“

„Zu nichts Gutem,“ antwortete die Frau, nachdenklich und zögernd. „Doch was geht es uns an ...“

„Du solltest besser deinen Mund halten!“ ertönte hinter uns eine Männerstimme.

Es war ihr Mann, ein Mensch in mittleren Jahren, in einem langen Kaftan gekleidet, ein Kleinbürger und Tischlermeister.

„He, Väterchen, wir haben Ihnen nichts zu sagen: das ist nicht unsere Sache ...“ brummte er, mich mißtrauisch von der Seite ansehend. „Und du, mach daß du fortkommst! Leben Sie wohl, mein Herr, ich bin Sargmacher. Wenn Sie einen Sarg brauchen, stehe ich zu Diensten ... sonst aber haben wir nichts mit Ihnen zu tun ...“

Nachdenklich und in tiefer Erregung verließ ich das Haus. Tun konnte ich hier jetzt nichts, doch fiel es mir schwer, zu gehen. Die wenigen Worte der stillen Frau hatten mich tief erschüttert. Daß hier etwas Schlechtes vor sich ging, das fühlte ich deutlich.

Mit gesenktem Kopf ging ich nachdenklich die Straße entlang, als plötzlich eine laute Stimme meinen Namen rief. Als ich aufblickte, steht vor mir ein berauschter, fast schwankender Mensch, ganz sauber angezogen, aber in schlechtem Mantel und schäbiger Mütze. Mir schien sein Gesicht bekannt. Ich sah ihn schärfer an. Er blinzelte mir zu und lächelte.

„Er kennt mich nicht?“