Chapter 37 of 45 · 910 words · ~5 min read

I.

Ich will meine Wut nicht weiter beschreiben. Obschon ich mich so ziemlich auf alles gefaßt gemacht hatte, fühlte ich mich doch so überrumpelt, als hätte ich das nicht von ihm erwartet und als wäre er so überraschend wie ein Blitz aus heiterem Himmel in seiner ganzen schamlosen Gemeinheit vor mich hingetreten. Übrigens entsinne ich mich, daß ich mir meiner Empfindungen im Augenblick nicht ganz bewußt war: es war mir, als sei ich zu Boden gedrückt, verletzt, geschlagen, und schwerer, undefinierbarer Kummer bedrückte mein Herz. Ich fürchtete für Natascha. Konnte ich mir doch denken, wieviel Qualen ihr bevorstanden, und ich suchte halb unbewußt nach Wegen, auf denen man sie umgehen, vermeiden könnte, und sann auf Mittel, um ihr diese letzte Zeit vor der endgültigen Entscheidung zu erleichtern. Denn wie diese Entscheidung ausfallen würde, war doch schon vorauszusehen. Und sie näherte sich erschreckend schnell.

Ich gewahrte nicht einmal, wie ich den Weg nach Haus zurücklegte, obschon der Regen mich gründlich durchnäßte. Es schlug drei, als ich ins Haus trat. Kaum hatte ich an meine Tür geklopft, da hörte ich ein Stöhnen und wie jemand eilig den Riegel zurückzog. Wie es schien, hatte Nelly sich nicht zu Bett gelegt, sondern die ganze Zeit an der Tür gewartet. Das Licht brannte auf dem Tisch. Ich blickte ihr ins Gesicht und erschrak: es war geradezu entstellt. Ihre Augen glänzten wie im Fieber, auf den Wangen brannten rote Flecke, und dabei sah sie mich so wild und scheu an, als erkenne sie mich nicht. Ihre glühend heißen Hände zitterten.

„Nelly, was fehlt dir, bist du krank?“ fragte ich, mich zu ihr niederbeugend, und ich umfaßte sie mit meinen Armen.

Sie schmiegte sich zitternd an mich, als fürchte sie sich, und stoßweise, dabei atemlos schnell, begann sie mir etwas zu erzählen, als habe sie mich nur deshalb erwartet, um mir alles das zu sagen. Doch ihre Worte waren seltsam und ganz zusammenhanglos: ich begriff nichts. Sie aber sprach immer weiter wie im Fieber.

Ich führte sie vorsichtig zum Bett, doch war es mir unmöglich, sie zu bewegen, sich hinzulegen und einzuschlafen: sie klammerte sich krampfhaft an mich, immer als fürchte sie sich maßlos und bitte mich, sie zu beschützen; und als sie dann endlich im Bett lag, griff sie wieder nach meiner Hand und hielt sie krampfhaft fest, damit ich nur nicht fortginge. Ich war aber von all dem Erlebten so nervös geworden, und diese letzte Überraschung hatte mich so erschüttert, daß ich, als ich so an ihrem Bett saß und ihr fieberglühendes Gesichtchen sah, plötzlich zu schluchzen begann. Ich war gleichfalls krank. Als sie meine Tränen bemerkte, sah sie mich lange Zeit unbeweglich mit krampfhaft angespannter Aufmerksamkeit an: sie schien sich die größte Mühe zu geben, mich zu verstehen, doch fiel es ihr augenscheinlich sehr schwer. Endlich löste sich die Spannung in ihren Zügen, und ein Gedanke erhellte ihr Gesicht. Ich wußte, daß sie nach einem schweren epileptischen Anfall gewöhnlich eine Zeitlang nicht ganz zu sich kommen konnte und daher vermochte sie auch nicht zu sprechen. Diesmal war es ebenso: sie strengte sich vergeblich an, etwas zu sagen, doch als sie erriet, daß ich sie nicht verstehen konnte, streckte sie nur ihre kleine Hand aus und wischte mir die Tränen von den Wangen, dann schlang sie ihren Arm um meinen Hals und küßte mich.

Offenbar hatte sie in meiner Abwesenheit einen epileptischen Anfall gehabt, und zwar in einem Augenblick, als sie bei der Tür gestanden. Nachher wird sie dann lange bewußtlos dort gelegen haben und vielleicht war ihr dann in den Delirien irgend etwas Furchtbares erschienen, was sie so mit Angst erfüllt hatte. Vielleicht hat sie dann auch unklar daran gedacht, daß ich bald zurückkehren und an die Tür pochen würde, und so blieb sie wartend dort liegen, um sich bei meinem ersten Klopfen zu erheben.

„Aber wie kam sie denn gerade in dem Augenblick zur Tür?“ fragte ich mich, und plötzlich bemerkte ich zu meiner Verwunderung, daß sie ihren kleinen Pelz angezogen hatte. Ich hatte nämlich kurz vorher von einer alten Händlerin, die mich bisweilen aufsuchte und mir Kredit gewährte, dieses Mäntelchen für sie erstanden. Folglich mußte sie doch im Begriff gewesen sein, das Zimmer zu verlassen, als der Anfall sie vor der Tür zu Boden warf. Wohin aber hatte sie denn gehen wollen? Oder sollte sie auch da schon im Fieber halb bewußtlos gewesen sein?

Ihre Händchen waren heiß, das Fieber mußte gestiegen sein: sie lag bewußtlos auf dem Bett und phantasierte hin und wieder. Zweimal bereits hatte sie in meiner Wohnung einen Anfall bekommen, doch diesmal schien sie ernstlich erkrankt zu sein. Ich saß wohl über eine halbe Stunde bei ihr am Bett, dann machte ich mir auf dem Diwan ein Lager zurecht und legte mich, so wie ich war, in den Kleidern hin, um sogleich aufstehen zu können, falls sie mich rief. Das Licht ließ ich brennen. Bevor ich einschlief, blickte ich noch mehrere Male zu ihr hinüber: sie war beängstigend bleich; auf ihren fieberheißen trockenen Lippen bemerkte ich Blutspuren; aus ihrem Gesicht schwand aber selbst im Schlaf nicht der Ausdruck von Angst und einer gewissen qualvollen Sorge. Ich beschloß, am nächsten Morgen so früh als möglich zum Arzt zu gehn, wenn sich ihr Zustand nicht vorher noch verschlimmerte. Ich befürchtete, sie könnte Nervenfieber bekommen.

„Das muß der Fürst gewesen sein, der sie so erschreckt hat!“ sagte ich mir und mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Ich dachte daran, wie er von jenem Mädchen gesprochen, das ihm ihr Geld ins Gesicht geworfen.