VIII.
Sie ging schweigend, schnell, den Kopf gesenkt und sah nicht auf mich. Als wir die Straße durchschritten und zum Kai kamen, blieb sie stehen und ergriff meine Hand.
„Es ist so schwül!“ flüsterte sie, „mein Herz ist so beengt ... so schwül ...“
„Kehre um, Natascha!“ rief ich, außer mir.
„Verstehst du denn wirklich nicht, Wanjä, daß ich auf _immer_ von ihnen gegangen bin und nie mehr zu ihnen zurückkehren werde?“ Und mit unaussprechlicher Trauer sah sie mich dabei an.
Mein Herz erbebte. Das hatte ich alles vorausgefühlt, noch bevor ich zu ihnen ging, schon tagelang vorher, wie im Nebel ... und doch – trafen mich ihre Worte jetzt wie Donnerschläge.
Wir gingen schweigend den Kai entlang. Ich konnte nichts sagen, nichts denken, mir schwindelte. Dieser Entschluß schien mir so unmöglich, so unsinnig!
„Du verurteilst mich, Wanjä?“ sagte sie endlich.
„Nein ... aber, ich kann es nicht glauben; das ist so unmöglich! ...“ antwortete ich, mir kaum bewußt, was ich sagte.
„Nein, Wanjä, es ist schon geschehen! Ich habe sie verlassen und ich weiß nicht, was aus ihnen werden wird ... ich weiß auch nicht, was aus mir werden wird!“
„Du gehst zu ihm, Natascha?“
„Ja!“ antwortete sie.
„Das ist doch unmöglich!“ schrie ich außer mir ... „Weißt du denn nicht, daß es unmöglich ist, Natascha, du meine Arme. Das wäre ja Wahnsinn! Du tötest sie und dich zugleich! Weißt du denn das nicht, Natascha?“
„Ich weiß es; doch, was soll ich tun, es ist nicht mein freier Wille,“ und in ihrer Stimme klang eine Verzweiflung, als ginge sie zum Tode.
„Kehre um, kehre um, solange es nicht zu spät ist,“ flehte ich sie an, und um so inständiger bat ich, je hartnäckiger sie schwieg, je mehr ich selbst die Nutzlosigkeit meines Flehens erkannte. „Begreifst du denn, Natascha, was du deinem Vater antust? Hast du es dir auch überlegt? Sein Vater ist doch der Feind deines Vaters. Der Fürst hat doch deinen Vater erniedrigt und beleidigt, ihn des Diebstahls verdächtigt, er hat ihn einen Dieb genannt. Sie liegen beide im Prozeß miteinander ... Nun, das wäre noch nichts! Doch weißt du denn nicht, Natascha ... (o, mein Gott, du weißt doch alles! ...), weißt du denn nicht, daß der Fürst deinen Vater und deine Mutter verdächtigt hat, sie hätten selbst eine Annäherung zwischen dir und Aljoscha aus Berechnung gefördert, als Aljoscha in Wassiljewskoje euer Gast war? Bedenke doch, stelle es dir doch nur vor, wie sehr dein Vater unter diesen Verdächtigungen gelitten hat. Er ist ja in diesen zwei Jahren ergraut – sieh ihn dir doch an! Doch die Hauptsache: du weißt ja das alles, Natascha, gütiger Himmel! Ich will schon gar nicht davon reden, ob sie überwinden werden, dich auf immer zu verlieren! Du bist ja doch ihre einzige Freude, die ihnen für ihr Alter geblieben. Es lohnt sich ja gar nicht davon zu reden: das mußt du selbst wissen; sage dir doch, daß der Vater dich unschuldig verleumdet glaubt von diesen stolzen hochmütigen Menschen! Jetzt, gerade jetzt ist der alte Haß von neuem entbrannt, weil ihr Aljoscha bei euch empfangen habt. Der Fürst hat deinen Vater von neuem beleidigt, die Kränkung brennt noch jetzt im Herzen deiner Eltern, und plötzlich erscheinen jetzt alle Kränkungen gerechtfertigt! Alle, die von der Sache gehört haben, werden jetzt dem Fürsten recht und deinem Vater schuld geben. Was wird jetzt aus ihm werden? Es wird ihn niederschmettern! töten! Schmach und Schande – und durch wen? Durch dich, seine Tochter, sein einziges vergöttertes Kind! Und die Mutter? Die wird den Alten doch nicht überleben ... Natascha, Natascha! Was willst du tun? Kehre zurück! Besinne dich!“
Sie schwieg; schließlich sah sie mich vorwurfsvoll an, mit einem Blick so voll bitteren Leides, daß ich begriff, was in ihrem Herzen vorgehen mußte. Ich begriff, was dieser Entschluß sie gekostet hatte, und daß ich mit meinen nutzlosen, verspäteten Vorwürfen sie nur quälen, ihr das Herz zerreißen konnte; ich begriff das alles sofort und doch konnte ich nicht an mich halten und sprach weiter:
„Du selbst sagtest doch soeben, Anna Andrejewna, du würdest _vielleicht_ heute nicht aus dem Hause gehen ... also wolltest du bleiben, also hattest du dich noch nicht fest entschlossen?“
Sie lächelte nur bitter zur Antwort. Was sollte diese Frage auch? Ich hätte doch verstehen sollen, daß ihr Entschluß nicht mehr zu ändern war. Doch auch ich war meiner selbst nicht mächtig.
„Liebst du ihn wirklich so maßlos?“ fragte ich mit unsäglichem Weh im Herzen und ohne eigentlich selbst zu begreifen, was ich sie fragte.
„Was soll ich dir darauf antworten, Wanjä? Du siehst doch: er hat mir befohlen, zu kommen, und da bin ich und warte hier auf ihn,“ sagte sie, mit demselben bitteren Lächeln.
„Doch höre, höre, was ich dir sagen werde,“ begann ich wieder, sie anzuflehen, das letzte versuchend, „alles das läßt sich doch noch auf eine andere Weise machen. Warum dein Elternhaus verlassen. Ich werde dir sagen, wie du es machen sollst, Natascha. Ich werde euch helfen, euch Zusammenkünfte vermitteln ... Nur aus dem Hause gehe nicht fort! Ich werde euren Briefwechsel besorgen, warum auch nicht? Das wäre leichter zu ertragen, als alles andere. Ich werde euch beiden dienen, helfen, ihr werdet sehen, ich werde euch zufrieden stellen ... Und du, du wirst dein Leben nicht vernichten, Natascha ... Denn du vernichtest dein Leben damit, Natascha, vollständig! Willige doch ein, Natascha, alles wird gut werden, ihr werdet euch lieben und glücklich sein ... Und wenn die Eltern aufhören, zu prozessieren (und sie werden sicher aufhören) dann ...“
„Genug, Wanjä, laß das,“ unterbrach sie mich, drückte mir kräftig die Hand und lächelte unter Tränen. „Guter, guter Wanjä! Guter, anständiger Mensch, du! Und kein Wort mehr von dir. Ich habe dich verlassen, und dennoch verzeihst du mir alles, und denkst nur an mein Glück. Unsere Briefe willst du ...“
Sie fing an zu weinen.
„Ich weiß es, Wanjä, wie lieb du mich hast, die ganze Zeit über hast du mir keinen Vorwurf gemacht, kein bitteres Wort zu mir gesagt! Und ich ... ich ... Wie bin ich vor dir schuldig! Weißt du noch, Wanjä, weißt du noch, damals, in der schönen Zeit? Ach, besser, ich hätte _ihn_ niemals kennen gelernt! ... Wie gut hätte ich es mit mir, mit dir, meinem guten lieben Wanjä! ... Nein, ich bin eben deiner nicht wert! Siehst du, wie ich bin: dich in diesem Augenblick noch an unser früheres Glück zu erinnern! und du leidest schon sowieso zu viel! Drei Wochen bist du nicht zu uns gekommen: ich schwöre dir, Wanjä, mir ist auch nicht einmal der Gedanke durch den Kopf gegangen, daß du mir vielleicht fluchst, mich haßt. Ich wußte, warum du nicht kamst, du wolltest uns nicht stören, kein lebender Vorwurf sein. Und du selbst mußtest leiden, wenn du uns sahst. Und wie habe ich dich erwartet, wie habe ich dich erwartet, Wanjä! Höre mich, Wanjä, ich liebe Aljoscha wie eine Wahnsinnige, eine Unsinnige, dich aber liebe ich noch mehr, dich – als meinen Freund. Ich weiß es, daß ich ohne dich nicht leben kann, daß du mir nötig bist, dein Herz, deine goldene Seele ... Ach, Wanjä! welch eine bittere, schwere Zeit jetzt anbricht!“
Tränen überströmten ihr Gesicht. Sie litt unsäglich!
„Wie ich dich sehen wollte!“ fuhr sie fort, ihre Tränen niederkämpfend. „Wie bist du abgemagert, wie bist du krank und bleich; du bist wirklich krank, Wanjä! Und ich habe mich nicht danach erkundigt! Habe immer nur von mir gesprochen; wie steht es mit deinen Arbeiten? Geht es mit deinem neuen Roman gut vorwärts?“
„Was kümmert mich jetzt mein Roman – als ob es sich um mich handelte, Natascha! Ja, und meine Angelegenheiten, Gott mit ihnen! Was ich sagen wollte, Natascha, hat er es selbst verlangt, daß du zu ihm kommst?“
„Nein, nicht er allein, noch mehr ich. Er sprach davon, doch ich selbst ... Siehst du, Lieber, ich werde dir alles erzählen: man will ihn verheiraten mit einer reichen, sehr vornehmen jungen Dame aus altem Geschlecht. Der Vater will durchaus, daß er sie heiratet, der Vater, du weißt doch, ist ein schrecklicher Intrigant; er hat alles in Bewegung gesetzt; und einen solchen Zufall findet er in zehn Jahren nicht wieder. Verbindungen, Geld ... Und sie, sagt man, sei sehr schön, gebildet, – gut – überhaupt; Aljoscha scheint bereits zu ihr hinzuneigen. Außerdem möchte der Vater ihn loswerden, um selbst wieder zu heiraten, und hat deshalb beschlossen, was es auch kosten möge, unsere Verbindung zu lösen. Er fürchtet mich und meinen Einfluß auf Aljoscha ...“
„Weiß denn der Fürst,“ unterbrach ich sie mit Verwunderung, „um eure Liebe? Es war bis jetzt doch nur eine Verdächtigung von ihm.“
„Er weiß, weiß alles.“
„Wer hat es ihm denn gesagt?“
„Aljoscha hat ihm vor kurzem alles erzählt. Er selbst sagte es mir ...“
„Mein Gott! Was bei euch nicht geschieht!! Er selbst hat alles erzählt und in diesem Augenblick ...?“
„Beschuldige ihn nicht, Wanjä,“ unterbrach mich Natascha, „lache nicht über ihn! Man kann ihn nicht wie Menschen sonst beurteilen. Sei doch gerecht. Er ist anders als du und ich. Er ist ein Kind; man hat ihn so erzogen. Weiß er denn, was er tut? Der erste Eindruck, der erste fremde Einfluß, kann ihn von allem losreißen, woran er vor einem Augenblick gehangen, worauf er geschworen. Er hat keinen Charakter. Er kann dir schwören und noch am selben Tage einem andern, und als Erster kommt er, um es dir selbst zu erzählen. Man kann ihm wegen seiner Handlungsweise nicht einmal zürnen, man kann ihn nur bedauern. Er ist sogar einer Selbstaufopferung fähig und noch dazu welcher! Doch nur bis zum nächsten neuen Erlebnis: da vergißt er alles. _So wird er auch mich vergessen, wenn ich nicht immer um ihn bin!_ Siehst du, so ist er!“
„Ach, Natascha, vielleicht ist alles das noch gar nicht wahr. Doch, wie soll er, so ein Kind wie er ist, heiraten!“
„Der Vater verfolgt doch einen besonderen Zweck dabei, sagte ich dir.“
„Woher weißt du es, daß die Braut sehr schön sein soll, und daß sie ihn schon beeinflußt?“
„Er hat es mir doch selbst gesagt.“
„Wie! Er hat es selbst gesagt, daß er eine andere lieben kann, und verlangt von dir jetzt dieses Opfer?“
„Nein, Wanjä, nein! Du verstehst ihn nicht. Du kennst ihn zu wenig; man muß ihn besser kennen, um ihn beurteilen zu können. Es gibt kein aufrichtigeres, kein reineres Herz auf der Welt als seines! Wäre es denn besser, wenn er die Unwahrheit sagte? Und daß er jetzt für sie schwärmt! Wir brauchten uns nur eine Woche nicht zu sehen, und er würde mich vergessen haben, so wie er mich aber wieder sieht – liegt er zu meinen Füßen. Nein! Es ist so besser, ich weiß es, Wanjä! Sonst würde ich sterben vor Argwohn; ja, Wanjä! Ich weiß, was ich tue: _wenn ich nicht immer bei ihm wäre, ununterbrochen, jeden Augenblick, dann würde er aufhören, mich zu lieben, würde mich vergessen und verlassen_. Er ist schon einmal so, daß jede andere ihn beeinflussen kann. Und was wird dann mit mir geschehen? Ich werde sterben ... was sterben! Ich wäre froh, wenn ich sterben könnte. Wie soll ich aber ohne ihn leben? Das wäre schlimmer als der Tod, schlimmer als alle Qualen! O, Wanjä, Wanjä! Habe ich denn umsonst meinen Vater und meine Mutter verlassen! Rede nicht mehr davon; es ist schon geschehen! Er muß bei mir sein, jede Stunde, jeden Augenblick; ich kann nicht mehr zurück. Ich weiß, daß ich verloren bin und noch andere mit mir ... Ach, Wanjä!“ schrie sie plötzlich auf, am ganzen Körper bebend, „wenn er mich schon jetzt nicht mehr lieben sollte! Wenn du soeben die Wahrheit gesprochen, daß er nur mir allein so rechtschaffen und aufrichtig erscheint, im Grund aber nur ehrgeizig und leichtsinnig ist! Ich verteidige ihn jetzt vor dir, er aber lacht vielleicht in diesem Augenblick mit einer anderen über mich ... und ich, ich habe alles verlassen, laufe auf den Straßen und suche ihn ... Ach, Wanjä!“
Sie stöhnte so qualvoll auf, daß mein Herz vor Wehmut zerspringen wollte. Ich begriff, daß Natascha alle Gewalt über sich verloren hatte. Nur eine unsinnige, blinde Eifersucht hatte sie zu einem solchen Entschlusse treiben können. Doch die Eifersucht entbrannte auch in mir und zerriß mir das Herz. Ich konnte mich nicht mehr beherrschen, ein böses Gefühl kam über mich.
„Natascha,“ sagte ich zu ihr, „ich verstehe nur eines nicht: wie kannst du ihn lieben, nach all dem, was du soeben über ihn gesagt hast? Du achtest ihn nicht, du glaubst nicht an seine Liebe, und doch gehst du zu ihm auf immer und vernichtest alle andern, die dich lieben, um seinetwillen? Was wird daraus werden? Er wird dich dein ganzes Leben lang quälen und du – ihn auch. Du liebst ihn schon zu sehr, Natascha, zu sehr. Eine solche Liebe verstehe ich nicht.“
„Ja, ich liebe ihn grenzenlos,“ antwortete sie, wie vor Schmerz erbleichend. „Ich habe dich niemals so geliebt, Wanjä. Ich weiß es doch selbst, daß ich wahnsinnig bin und ihn nicht so liebe, wie es sein muß. Schlecht ist meine Liebe ... Höre mich an, Wanjä: ich habe es schon früher gewußt, in meinen glücklichsten Augenblicken habe ich es vorausgefühlt, daß er mir nur Qualen bereiten wird. Doch was soll ich tun, wenn selbst diese Qualen durch ihn für mich noch ein – Glück bedeuten? Gehe ich denn zu ihm, um Freude zu erleben? Weiß ich denn nicht im voraus, was mich bei ihm erwartet, und was ich durch ihn erleiden muß? Er hat mir geschworen, mich zu lieben, hat mir sein Versprechen gegeben; ich aber gebe nichts auf seine Versprechungen, wenn ich auch weiß, daß er mich nicht belügt und mich niemals belügen kann. Ich selbst habe ihm gesagt, daß ich ihn nicht an mich binden werde. Für ihn ist es besser so. Niemand liebt Fesseln – ich gewiß nicht. Und doch bin ich glücklich, seine Sklavin zu sein, seine freiwillige Sklavin, und alles von ihm zu ertragen, alles, nur damit er bei mir ist und ich ihn sehen kann! Möge er sogar eine andere lieben, nur in meiner Gegenwart, nur daß auch ich dabei bin ... Wie niedrig das ist, nicht wahr, Wanjä?“ fragte sie mich plötzlich, mit leuchtenden, fieberhaft brennenden Augen mich ansehend. Einen Augenblick schien es mir, als phantasiere sie: „Wie niedrig solche Wünsche sind, nicht? Ich selbst sage es ja doch. Und doch, wenn er mich verläßt, so laufe ich ihm nach bis ans Ende der Welt, wenn er mich auch von sich stößt, mich davonjagt. Und du beredest mich jetzt, zurückzukehren; was würde die Folge davon sein? Daß ich morgen wieder davonginge! Er würde sagen: komm! – und ich würde kommen. Pfeifen wird er, und ich werde ihm folgen – wie ein Hündchen ... Qualen! Ich fürchte keine Qualen! Ich werde wissen, daß ich mich _seinetwegen_ quäle ... Ach, Worte geben das nicht wieder, Wanjä!“
„Und Vater und Mutter?“ dachte ich. Die schien sie ganz vergessen zu haben.
„Er wird dich also heiraten, Natascha?“
„Er hat es versprochen, hat alles versprochen. Er hat mich ja heute darum zu sich gerufen, um sich morgen außerhalb der Stadt mit mir trauen zu lassen; er weiß doch nicht, was er tut. Er weiß vielleicht auch nicht, wie man sich trauen läßt. Und was ist er denn für ein Mann! Einfach lächerlich, nicht wahr. Ist er aber verheiratet, so wird er unglücklich sein, Vorwürfe machen ... Ich will nicht, daß er mir irgendwie einmal Vorwürfe machen könnte ... Alles will ich ihm geben, er aber, er braucht mir nichts zu geben. Wenn er nun durch die Heirat unglücklich wird, warum soll ich ihn – unglücklich machen?“
„Das ist doch einfach Wahnwitz, Natascha! Und du willst jetzt zu ihm gehen?“
„Nein, er versprach mir, hierher zu kommen, mich abzuholen; wir verabredeten uns ...“
Und sie blickte gespannt in die Ferne, aber es war noch niemand zu sehen.
„Und er ist noch nicht einmal da. Du bist zuerst gekommen!“ rief ich unwillig aus.
Natascha zuckte wie unter einem Schlage zusammen. Ihr Gesicht war krampfhaft verzerrt.
„Er kommt vielleicht überhaupt nicht,“ sagte sie mit bitterem Lächeln. „Vor drei Tagen hat er mir geschrieben, daß er, wenn ich ihm nicht mein Wort geben könne, zu kommen, gezwungen sei, seinen Entschluß aufzugeben, sich mit mir trauen zu lassen ... und sein Vater ihn zu einer anderen führen würde. Und so natürlich, so einfach hatte er das geschrieben, als läge darin wirklich gar nichts ... Wenn er nun wirklich zu ihr gefahren ist, Wanjä?“
Ich antwortete nicht. Sie preßte heftig meine Hand und ihre Augen blitzten.
„Er ist zu ihr gegangen,“ flüsterte sie kaum hörbar. „Er hoffte, daß ich nicht kommen würde, um dann zu ihr zu fahren mit der Behauptung, er hätte mich vorher davon benachrichtigt, ich aber wäre nicht gekommen. Ich bin ihm langweilig geworden, er wird mich verlassen ... Oh, Gott! Ich Wahnsinnige! Ich glaube, er hat mir neulich selbst gesagt, daß ich ihn langweile ... Worauf warte ich noch?“
„Da ist er!“ rief ich, ihn plötzlich in der Ferne am Kai erblickend.
Natascha fuhr zusammen, schrie auf, blickte dem sich nähernden Aljoscha erwartungsvoll entgegen, und plötzlich stürzte sie, meine Hand loslassend, auf ihn zu. Auch er beschleunigte seine Schritte und in einer Minute lagen sie sich in den Armen. Außer uns war niemand auf der Straße zu sehen. Sie küßten sich und lachten; Natascha lachte und weinte zugleich, als hätten sie sich nach langer Trennung wiedergesehen. Ihre bleichen Wangen röteten sich. Sie war außer sich vor Freude ... Aljoscha bemerkte mich jetzt erst und ging sofort auf mich zu.