IX.
Ich erwachte erst spät, gegen zehn Uhr morgens, und fühlte mich ganz krank. Mir schwindelte und der Kopf tat mir weh. Ich blickte auf Helenens Lager: es war leer. Zu gleicher Zeit hörte ich aber im kleinen Nebenzimmer Geräusch, wie wenn man mit dem Besen die Zimmer kehrt. Ich ging hinein, um nachzusehen. Helene hielt in der einen Hand den Besen, mit der anderen hob sie ihr Kleid auf, das sie seit jenem Abend noch nicht abgelegt, und kehrte die Stube aus. Das Holz vor dem Ofen war in der Ecke aufgestapelt, der Teekessel blankgeputzt. Kurz: Helene wirtschaftete.
„Höre, Helene,“ rief ich, „wer hat dir erlaubt, die Zimmer zu fegen? Du bist krank, ich wünsche das nicht; bist du denn etwa als Magd zu mir gekommen?“
„Wer wird denn hier die Zimmer reinigen?“ Sie richtete sich auf und sah mir gerade in die Augen. „Jetzt bin ich nicht mehr krank.“
„Ich habe dich doch nicht der Arbeit wegen zu mir genommen, Helene. Du scheinst zu fürchten, daß ich wie die Bubnowa dir Vorwürfe machen könnte, daß du umsonst bei mir lebst? Und woher hast du diesen schmutzigen Besen genommen?“ fügte ich ganz verwundert hinzu.
„Das ist mein Besen. Ich habe ihn selbst hierher gebracht. Ich habe doch Großpapa die Zimmer rein gemacht. Der Besen lag seit der Zeit dort, unter dem Ofen.“
Ich kehrte nachdenklich ins Zimmer zurück; mir war es klar, daß ihr meine Gastfreundschaft nicht leicht fiel, und daß sie sich bemühte, sie verdienen zu wollen. „Was für eine Hartnäckigkeit!“ dachte ich bei mir. Nach ein paar Minuten kam auch sie herein, setzte sich neben mich auf den Diwan und sah mich fragend an. Darauf bereitete ich den Tee, goß auch ihr Tee ein und reichte ihr ein Stück Weißbrot. Sie nahm alles schweigend ohne jeden Widerstand entgegen. Sie hatte ganze vierundzwanzig Stunden nichts genossen.
„Siehst du, da hast du dein nettes Kleid mit dem Besen beschmutzt.“ Ich bemerkte einen schmutzigen Streifen an ihrem Rock.
Sie warf einen Blick auf die bezeichnete Stelle und zu meiner Verwunderung stellte sie die Tasse hin, griff ruhig mit beiden Händen den Saum des Kleides und riß kaltblütig den Rock von unten bis oben durch.
Nachdem sie das getan hatte, sah sie mich hartnäckig schweigend an, mit flammenden Augen. Ihr Gesicht war weiß wie Kreide.
„Was hast du getan, Helene?“ rief ich erschrocken aus, denn ich glaubte eine Wahnsinnige vor mir zu sehen.
„Das ist ein elendes Kleid!“ sagte sie mit vor Aufregung ganz erstickter Stimme. „Warum sagten Sie, daß es ein nettes Kleid sei? Ich will es nicht tragen,“ rief sie und sprang auf. „Ich werde es in Stücke zerreißen! Ich habe sie nicht darum gebeten, mich auszuputzen, sie hat es gewaltsam mit mir getan. Ich habe schon ein solches Kleid zerrissen, auch dieses werde ich zerreißen, zerreißen, zerreißen! ...“
In einem Augenblick war das ganze Kleid in Fetzen. Als sie damit zu Ende war, konnte sie sich kaum mehr auf den Füßen halten. Ich sah mit Verwunderung auf diesen Ausbruch sinnloser Leidenschaftlichkeit. Sie sah mich herausfordernd an, als wäre auch ich ihr gegenüber irgendwie schuldig gewesen. Ich wußte bereits, was ich zu tun hatte.
Ich beschloß, ihr heute sofort ein neues Kleid zu kaufen. Dieses wilde, erbitterte Geschöpf mußte man mit Liebe behandeln. Es sah so aus, als wäre sie nie einem Menschen begegnet. Wenn sie schon einmal, ungeachtet der schrecklichen Strafen, ihr erstes Kleid in Stücke zerrissen, um wieviel mehr mußte sie dieses Kleid und dieser Augenblick an alles Schreckliche erinnern!
Auf dem Trödelmarkt konnte man billig ein gutes einfaches Kleidchen kaufen. Das Unglück wollte es nur, daß ich in diesem Augenblick kein Geld bei mir hatte. Doch hatte ich noch gestern vor dem Schlafengehen beschlossen, mir heute welches zu verschaffen. Ich nahm meinen Hut. Helene folgte mir mit den Augen, als erwarte sie etwas von mir.
„Sie werden mich wohl wieder einschließen?“ fragte sie, als ich nach dem Schlüssel griff, um die Wohnung von außen zuzuschließen, wie ich es gestern und vorgestern getan.
„Liebes Kind,“ antwortete ich ihr, „sei mir nicht böse. Ich schließe die Wohnung nur darum zu, weil ich fürchte, daß jemand kommen könnte. Du bist krank und könntest dich erschrecken. Ja, und Gott weiß, wer nicht alles kommen kann, die Bubnowa am Ende ...“
Mit Absicht sagte ich ihr das. Ich schloß sie jedoch nur ein, weil ich fürchtete, daß sie von mir fortgehen könnte. Wenigstens für die erste Zeit hatte ich beschlossen, vorsichtig zu sein. Helene antwortete mir nichts und ich schloß die Tür hinter mir ab. Ich kannte einen Verleger, der schon ein großes Sammelwerk herausgab. Von ihm holte ich mir immer Arbeit, wenn ich Geld sehr nötig hatte. Ich begab mich auch heute zu ihm und erhielt von ihm fünfundzwanzig Rubel ausgezahlt, dafür verpflichtete ich mich in einer Woche einen bestimmten Artikel abzuliefern. Ich aber hoffte auf diese Weise Zeit für meinen Roman zu gewinnen. Das tat ich oft, wenn die Not am höchsten war.
Von ihm begab ich mich auf den Trödelmarkt. Dort suchte ich eine mir bekannte Händlerin auf, die allerhand Kleider verkaufte. Ich gab ihr ungefähr den Wuchs Helenes an, und sie suchte mir sofort ein festes, starkes, nur einmal in der Wäsche gewesenes Kattunkleid aus, das sie mir zu geringem Preis verkaufte. Zufällig fand ich auch noch ein nettes Halstuch. Als ich das bezahlt hatte, fiel es mir ein, daß Helene auch sicher irgendeinen Mantel brauchte. Das Wetter fing an, kalt zu werden und sie besaß absolut nichts. Doch ich ließ es bis auf ein nächstes Mal. Helene war so empfindlich und stolz, Gott weiß, ob sie überhaupt dieses Kleid von mir annehmen würde, das ich mit Absicht so billig und so einfach als nur möglich gekauft hatte. Übrigens kaufte ich ihr auch noch zwei Paar baumwollene und ein Paar wollene Strümpfe. Die konnte ich ihr unter dem Vorwand geben, daß sie krank und daß es im Zimmer kalt sei. Sie hatte auch wohl Wäsche nötig, doch ließ ich davon ab, bis wir uns näher kennen gelernt haben würden. Dafür kaufte ich aber ein Paar alte Vorhänge vor das Bett, eine unumgängliche Sache, die Helene nur angenehm sein konnte.
Beladen mit diesen Sachen kam ich erst am Nachmittag zu Hause an. Das Schloß öffnete sich fast geräuschlos, so daß Helene gar nicht bemerkte, daß ich eintrat. Ich sah sie am Tische stehen und in meinen Büchern lesen. Als sie mich erblickte, schlug sie schnell das Buch zu, in dem sie gelesen, und wandte sich errötend vom Tische ab. Es war mein erster Roman, auf dessen Titelblatt mein voller Name stand.
„Es war jemand in Ihrer Abwesenheit hier!“ sagte sie in einem Tone zu mir, in dem man deutlich den Vorwurf hörte: „Warum haben Sie mich eingeschlossen?“
„Vielleicht war es der Doktor?“ sagte ich. „Du hast nichts geantwortet?“
„Nein.“
Ich schwieg, öffnete meinen Packen und überreichte ihr das Kleid.
„Sieh, Helene,“ sagte ich zu ihr, „in den Fetzen, die du anhast, kannst du nicht bleiben. Ich habe dir ein billiges, einfaches Alltagskleid gekauft, es kostet im ganzen nur ein Rubel zwanzig Kopeken. Trag es!“
Ich legte das Kleid neben sie hin, sie errötete über und über und sah mich ganz verwundert starr an.
Sie war über die Maßen erstaunt und schien mir sehr verlegen. Doch etwas Weiches, Zärtliches leuchtete in ihren Augen auf. Als ich bemerkte, daß sie schwieg, wandte ich mich ab und machte mir am Tische zu schaffen. Meine Handlungsweise schien sie ganz zu verwirren. Sie saß da, mit Mühe sich beherrschend, die Augen zu Boden geschlagen.
Mein Kopf schmerzte mir immer mehr. Die frische Luft hatte mir nicht gut getan. Dabei mußte ich auf jeden Fall zu Natascha. Meine Unruhe um sie nahm zu. Plötzlich schien es mir, als hätte Helene mich gerufen. Ich wandte mich um.
„Wenn Sie jetzt fortgehen, schließen Sie mich bitte nicht mehr ein,“ sagte sie beiseite blickend und mit den Fingern an der Diwanschnur zupfend, als nehme diese Beschäftigung sie ganz in Anspruch. „Ich werde nicht von Ihnen fortgehen.“
„Gut, Helene, ich bin damit einverstanden. Doch wenn nun jemand kommt, Gott weiß, wer?“
„So geben Sie mir den Schlüssel, ich werde die Tür von innen zuschließen und wenn jemand klopft, werde ich sagen: es ist niemand zu Haus.“
Und sie sah mich schlau an, als wollte sie sagen: „Sieh, wie man das machen muß!“
„Wer wäscht Ihnen die Wäsche?“ fragte sie plötzlich, bevor ich noch etwas erwidern konnte.
„Hier im Hause ist eine Frau ...“
„Ich kann Wäsche waschen. Und wo speisen Sie?“
„Im Restaurant.“
„Ich verstehe auch zu kochen.“
„Laß doch nur, Helene; was verstehst du denn davon?“
Helene schwieg und ihr Ausdruck verdüsterte sich. Meine Bemerkung beleidigte sie offenbar. Es vergingen ungefähr zehn Minuten; wir schwiegen beide.
„Suppe verstehe ich,“ sagte sie plötzlich, ohne den Kopf zu erheben.
„Wie, Suppe? Was für eine Suppe?“ fragte ich verwundert.
„Suppe verstehe ich zu kochen. Ich habe Mamachen immer Suppe gekocht, wenn sie krank war. Ich bin auch auf den Markt gegangen.“
„Siehst du nun, Helene, siehst du nun, wie stolz du bist,“ sagte ich und setzte mich zu ihr auf den Diwan. „Ich bin zu dir, wie mein Herz mir befiehlt. Du bist jetzt allein und unglücklich, hast niemanden und ich möchte dir helfen. Wenn es mir so schlecht erginge, würdest auch du mir helfen wollen. Doch du denkst nicht so wie ich und dir fällt es schwer, von mir etwas anzunehmen. Du willst mir sofort alles bezahlen, alles abarbeiten, als wärst du bei der Bubnowa! Du solltest dich doch schämen, Helene!“
Sie sagte nichts, ihre Lippen zitterten; sie schien mir etwas entgegnen zu wollen, doch nahm sie sich zusammen und schwieg. Ich erhob mich, um zu Natascha zu gehen. Dieses Mal überließ ich Helene den Schlüssel und bat sie, wenn jemand kommen und anklopfen sollte, zu fragen, wer da sei? – Ich war innerlich davon überzeugt, daß es um Natascha schlecht stand. Ich wollte jedenfalls auf einen Augenblick bei ihr vorgehen, sie sonst aber weiter nicht mit meiner Gegenwart belästigen.
So geschah es denn auch. Sie empfing mich mit unzufriedener, strenger Miene. Ich hätte sofort wieder weggehen sollen, doch meine Füße trugen mich nicht mehr.
„Ich komme zu dir auf einen Augenblick, Natascha,“ begann ich, „um dich meines Gastes wegen um Rat zu fragen?“
Und ich beeilte mich, ihr so schnell als möglich meine letzten Erlebnisse mit Helene zu erzählen. Natascha hörte mich schweigend an.
„Ich weiß wirklich nicht, was ich dir raten soll, Wanjä,“ antwortete sie mir. „Es scheint ein eigenartiges Wesen zu sein, sicher sehr gequält und verschüchtert. Warte wenigstens ab, bis sie gesund ist. Willst du sie zu den Unsrigen bringen?“
„Sie sagt, sie wolle durchaus bei mir bleiben. Weiß Gott, wie man sie dort auch aufnehmen würde. Und du, wie geht es dir? Du schienst gestern krank zu sein?“ fragte ich sie schüchtern.
„Ja ... auch heute tut mir der Kopf weh,“ antwortete sie zerstreut. „Hast du jemanden von den Unsrigen gesehen?“
„Nein. Morgen werde ich hingehen. Morgen ist ja Sonnabend ...“
„Nun, und dann?“
„Am Abend kommt der Fürst ...“
„Nun, und dann? Ich habe es nicht vergessen.“
„Ich meinte ja nur so ...“
Sie blieb vor mir stehen und sah mir scharf in die Augen. In ihrem Blick lag eine hartnäckige, fieberhafte, leidenschaftliche Entschlossenheit.
„Weißt du, Wanjä, sei so gut, gehe wieder fort, du störst mich.“
Ich erhob mich vom Sessel und maß sie mit staunender Verwunderung.
„Natascha! Was ist mit dir? Was ist geschehen?“ rief ich erschrocken aus.
„Nichts ist geschehen! Alles, alles wirst du morgen erfahren, jetzt aber laß mich allein. Hörst du, Wanjä, gehe sofort. Ich kann dich nicht ansehen, es zerreißt mir das Herz!“
„Sage mir doch wenigstens ...“
„Alles, alles wirst du morgen erfahren! Mein Gott, wirst du denn nicht gehen?“
Ich ging hinaus. Ich war wie betäubt und wußte kaum mehr, wo ich mich befand. Mawra stürzte mir auf die Treppe nach.
„Ist sie böse zu Ihnen gewesen?“ fragte sie mich. „Ich fürchte mich schon längst überhaupt nur zu ihr hineinzugehen.“
„Ja, was hat sie nur?“
„Ach, wir haben schon den dritten Tag nicht einmal seine Nasenspitze gesehen!“
„Wie, den dritten Tag?“ fragte ich voll Verwunderung. „Sie hat mir doch gestern selbst gesagt, daß er am Morgen dagewesen und am Abend wiederkommen wollte ...“
„Was am Abend! Er war nicht einmal am Morgen da. Ich sage Ihnen, den dritten Tag hat er sich schon nicht mehr gezeigt. Hat sie Ihnen wirklich selbst gesagt, daß er am Morgen dagewesen sei?“
„Sie hat es selbst gesagt.“
„Nun,“ sagte Mawra nachdenklich, „dann muß es ihr so weh tun, daß sie es sogar vor Ihnen verheimlichen will. Nun, das ist ’mal! ...“
„Ja, was soll denn sein!“ schrie ich sie an.
„Ja, was soll denn sein, weiß ich es denn?“ Mawra schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Zweimal hat sie mich gestern zu ihm geschickt und jedesmal hat sie mich wieder zurückgerufen. Heute aber spricht sie schon kein Wort mehr mit mir. Wenn sie ihn doch nur sehen würde! Ich wage es schon gar nicht mehr, sie allein zu lassen.“
Ich stürzte die Treppe hinunter.
„Zum Abend kommen Sie doch zu uns?“ rief mir Mawra nach.
„Wir werden sehen. Ich werde vielleicht kommen, nur um mich nach ihr zu erkundigen. Wenn ich mich nur selbst auf den Beinen halten kann!“
Ich fühlte in der Tat, wie etwas an meinem Herzen riß.